München, Staatstheater am Gärtnerplatz, DIE ZAUBERFLÖTE – Saisoneröffnung, 11.09.2020


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

 DIE ZAUBERFLÖTE – Wolfgang Amadeus Mozart

Saisoneröffnung 11. September 2020

Seit ihrer Uraufführung in 1791, seit über 200 Jahren ist Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart der „große Aufmacher“ für viele Theater. Die Bayerische Staatsoper eröffnete gerade im Nationaltheater die Spielzeit 2020/21 mit einer inzwischen sehr ehrwürdigen Inszenierung von August Everding der Zauberflöte; IOCO war dabei; link HIER!  Am 13.9. wird die Oper Wuppertal die Saison mit einer Premiere der Zauberflöte eröffnen, link HIER!: Über die Premiere aus Wuppertal wird IOCO ebenso berichten. Aber auch das Staatstheater am Gärtnerplatz München eröffnet seine Spielzeit 2020/21 mit der Zauberflöte.  Wenn Mozart das wüßte ….

Wolfgang Amadeus Mozarts märchenhafte Oper Die Zauberflöte ist ab dem 11. September 2020 für acht Vorstellungen in der Inszenierung nach Rosamund Gilmore auch wieder im Staatstheater am Gärtnerplatz zu erleben.

Pandemiebedingt wird eine adaptierte Fassung mit einer Pause nach ca. 70 Minuten zu sehen sein. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz spielt ein kammermusikalisches Arrangement von Andreas N. Tarkmann.

Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Der junge Prinz Tamino verliebt sich auf den ersten Blick in das Bildnis Paminas. Die Königin der Nacht, Paminas Mutter, beauftragt den Prinzen daraufhin, Pamina aus den Fängen ihres Gegenspielers Sarastro zu befreien. Mit dem Vogelfänger Papageno macht sich Tamino nun auf die Suche nach seiner Geliebten und besteht mithilfe eines magischen Glockenspiels und einer Zauberflöte gefährliche Abenteuer.

Die Zauberflöte ist nicht nur Mozarts populärstes Musiktheaterwerk, sondern wohl auch sein rätselhaftestes. Seit ihrer Uraufführung im Jahr 1791 zählt diese Oper zu den beliebtesten Stücken auf den Bühnen dieser Welt und begeistert in ihrer einzigartigen Mischung aus Märchenhandlung und philosophischem Ideendrama Zuschauer jeden Alters.

Musikalische Leitung: Michael Brandstätter / Oleg Ptaschnikov I Regie nach Rosamund Gilmore I  Bühne: Friedrich Oberle I Kostüme: Nicola Reichert I Licht: Wieland Müller-Haslinger I Choreinstudierung: Felix Meybier

Besetzung
Sarastro: Sava Vemic / István Kovács
Tamino: Gyula Rab / Maximilian Mayer
Erster Priester / Sprecher: Holger Ohlmann / Alexander Grassauer
Zweiter Priester / Erster Geharnischter: Alexandros Tsilogiannis
Zweiter Geharnischter: Martin Hausberg / Alexander Grassauer
Königin der Nacht: Aleksandra Jovanovic / Andreja Zidaric / Ilia Staple
Pamina: Judith Spießer / Mária Celeng
Erste Dame: Mária Celeng / Camille Schnoor
Zweite Dame: Anna-Katharina Tonauer
Dritte Dame: Anna Agathonos
Papageno: Daniel Gutmann / Ludwig Mittelhammer
Papagena: Julia Sturzlbaum
Monostatos: Juan Carlos Falcón

Ballett, Chor und Solisten des Kinderchors des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Spielzeitpremiere: 11. September 2020

Weitere Vorstellungen:
13. September 2020
27./29. Dezember 2020
20./23./26./28. Juli 2021

Altersempfehlung ab 8 Jahren
Preise: 8 bis 67 Euro in adaptierter Fassung
Tickets unter Tel 089 2185 1960 oder www.gaertnerplatztheater.de

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Die Zauberflöte – Oper wieder ganz live, IOCO Aktuell, 02.09.2020

September 1, 2020 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Die Zauberflöte  – Oper wieder live erleben

13. September 2020:  Oper Wuppertal eröffnet die Spielzeit 2020/21 mit einer Neuinszenierung von Die Zauberflöte   —   mit Solist_innen, Chor und Orchester: Trotz Corona als vollwertige Aufführung.

Als eines der ersten Theater eröffnet die Oper Wuppertal die Spielzeit 2020/21 mit einer groß besetzten Oper. Solist_innen des Ensembles, Gäste, der Opernchor und ein in der Größe der Mozart-Zeit nicht unähnlich besetztes Orchester versprechen ein Opernerlebnis, auf das Fans und Liebhaber lange haben verzichten müssen. Die Musikalische Leitung übernimmt der international gefeierte Barock-Spezialist George Petrou. Die Inszenierung des an vielen großen Häusern präsenten Regisseurs Bernd Mottl bleibt dem Werk an Lebendigkeit und Tiefe nichts schuldig.

IOCO wird dabei sein – Über diese Zauberflöte ausführlich berichten

Eine Wuppertaler Zauberflöte sollte es werden, dieser Entschluss stand für den Opernintendanten Berthold Schneider bereits zu Beginn der Programmplanung fest. Einen Partner hierfür hat er in Regisseur Bernd Mottl gefunden, der mit dieser Produktion sein Debüt am Haus gibt. Mottl deutet das Wuppertaler Opernhaus als jenen Tempel um, der Gegenstand von Streit und Machtintrigen zwischen der Königin der Nacht und Sarastro ist. Momente opulenten Ausstattungstheaters stehen neben modernem Spiel, das auch den Einsatz neuer Medien einschließt. Die von Jörn Hartmann erstellten Videos werden dabei fast ein Drittel der Aufführung ausmachen – und dies nicht als Beiwerk, sondern als zentrales ästhetisches Mittel und als Brücke für Handlungsstränge, die in der Lebensrealität der Wuppertaler stattfinden, beispielsweise am Döppersberg oder auf der Nordbahntrasse. Es ergeben sich faszinierende Übergänge zwischen realem Spiel und digitaler Fiktion.

 Oper Wuppertal / Die Zauberflöte © Herakut

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte © Herakut

Für Bernd Mottl ist Die Zauberflöte Volkstheater, sodass sowohl Fans moderner Inszenierungen als auch Opernliebhaber_innen auf der Suche nach klassischen Lesarten auf ihre Kosten kommen. Die Symbiose zwischen Märchen und Realität wird nicht zuletzt durch die Bühne und Kostüme von Friedrich Eggert geschaffen, den eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur verbindet. Sein stellenweise bewusst kulissenhaftes Bühnenbild greift die Ästhetik der weltbekannten Entwürfe Karl Friedrich Schinkels zu Mozarts Singspiel in großer Bewunderung – aber auch in ironischer Brechung – auf.

George Petrou ist in der Rolle der Musikalische Leitung zwar erstmalig an der Oper Wuppertal zu erleben, war aber bereits für einen Meisterkurs des Opernstudio NRW am Haus tätig. Für seine u.a. bei Decca erschienenen Aufnahmen erhielt George Petrou bedeutende Auszeichnungen wie den Gramophone-Editor’s Choice, Diapason d’Or und den Echo Klassik.

Prinzessin Pamina, die Tochter der sternflammenden Königin, ist von Sarastro entführt worden. Prinz Tamino soll sie in Begleitung des Vogelfängers Papageno befreien. Mit Hilfe des magischen Glockenspiels und der Zauberflöte überwinden die beiden sämtliche Gefahren. Doch was ist gut, was ist böse? Plötzlich ist das nicht mehr klar.

Die Inszenierung kommt später in der Spielzeit auch in einer verkürzten Fassung für Schulklassen in der Reihe »Große Oper Klein« zur Aufführung. Unter dem Titel »Seitenwechsel« übernimmt dann am Ende der Saison statt unseres Sinfonieorchesters mit dem Instrumental-Verein Wuppertal erstmals ein Laienorchester bei einer Opernaufführung den Orchesterpart (Termine s.u.).

Wir sind stolz und froh, unserem Publikum auch in Zeiten einer Pandemie eine vollumfängliche Aufführung von Die Zauberflöte präsentieren zu können. Die Gesundheit unserer Gäste und die unserer Mitarbeiter_innen hat oberste Priorität. Jede_r soll sich bei uns sicher und gut aufgehoben fühlen. Um den Spielbetrieb trotz der Pandemie wieder aufzunehmen und gleichzeitig die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten, haben sich einige organisatorische Änderungen beim Besuch des Opernhauses ergeben. Informationen zu unseren Corona-Schutzmaßnahmen finden Sie unter wuppertaler-buehnen.de/corona

Die Zauberflöte   Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart. Libretto von Emanuel Schikaneder. In deutscher Sprache.

Premiere: So. 13. September 2020, 18 Uhr, weitere Termine: So. 20. September 2020, 18 Uhr, Sa. 26. September 2020, 19:30 Uhr, Fr. 16. Oktober 2020, 19:30 Uhr,  Sa. 24. Oktober 2020, 19:30 Uhr,  So. 25. Oktober 2020, 16:00 Uhr,  So. 6. Dezember 2020, 18 Uhr, Sa. 12. Dezember 2020, 19:30 Uhr,  Sa. 30. Januar 2021, 19:30 Uhr,  Mo. 5. April 2021, 16 Uhr, Sa. 17. April 2021, 19:30 Uhr,  Mi. 30. Juni 2021, 11 Uhr, als verkürzte Fassung in der Reihe »Große Oper Klein«, Do. 1. Juli 2021, 11 Uhr,   als verkürzte Fassung in der Reihe »Große Oper Klein«, So. 4. Juli 2021, 16 Uhr, mit Laienorchester in der Reihe »Seitenwechsel«

Künstlerisches Team:  Musikalische Leitung: George Petrou, Inszenierung: Bernd Mottl, Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert, Video: Jörn Hartmann, Chor: Markus Baisch, Dramaturgie: Sina Dotzert

Besetzung: Sarastro: Sebastian Campione, Tamino: Sangmin Jeon, Sprecher, 2. Priester, 2. Geharnischter: Timothy Edlin, Philipp Kranjc, 1. Priester, 1. Geharnischter: Adam Temple-Smith, Königin der Nacht: Nina Koufochristou, Pamina: Ralitsa Ralinova

  1. Dame: Palesa Malieloa, Elena Puszta
  2. Dame: Iris Marie Sojer
  3. Dame: Joslyn Rechter

Papageno: Simon Stricker, Ein altes Weib (Papagena): Anne Martha Schuitemaker, Monostatos: Mark Bowman-Hester, 3 Knaben: Knabensolisten der Wuppertaler Kurrende

—| IOCO Aktuell Wuppertaler Bühnen |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage, IOCO Kritik, 19.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Anna Nicole –  von Mark-Antony Turnage

 Turnage: „Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“

von Ingrid Freiberg

Ein Opernbesuch in Wiesbaden ist aufregend: Architektonisch ist es ein sehr attraktives Haus und die Programmgestaltung ist ausgezeichnet. Herzhaftes unbekümmertes Lachen vom Komponisten Mark-Anthony Turnage und dem Librettisten Richard Thomas und deren Entourage erhöhen die knisternde Spannung am Premierenabend von Anna Nicole. Das Publikum fühlt sich ermutigt, sie im wunderschönen Foyer um ein Autogramm zu bitten.

Turnage ist einer der erfolgreichsten Vertreter der Neuen Musik. Seine Werke sind vom Jazz und der Musik von Miles Davis geprägt. Mit dieser Mischung aus Jazz und klassischen Stilen bahnt er sich einen eigenen Weg zwischen Moderne und Tradition und stellt die Kluft zwischen zeitgenössischen und historischen Spielpraktiken infrage. Seine eigenwillige Tonsprache bereichert die zeitgenössische Musik. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre schrieb Turnage die Oper The Silver Tassie, die 2000 mit großem Erfolg an der English National Opera uraufgeführt wurde. Die Oper Anna Nicole wurde 2011 im Royal Opera House in Covent Garden uraufgeführt. Der Librettist Richard Thomas arbeitete viele Jahre als Musikalischer Leiter und Komponist für das britische Fernsehen mit vielen Top-Comedians zusammen. Bekannt wurde er durch das Schreiben und Komponieren der Jerry Springer Show, die u.a. bei den Olivier Awards 2004 mit dem Best Score Award ausgezeichnet wurde. Fluchen, Provokationen und obszöne Beleidigungen durchdringen seine Arbeit und die Fähigkeit, eine moderne Geschichte mit zeitgenössischem Humor und relevantem Pathos zu präsentieren. Seine Sprache ist klug und auch krass.

Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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„Wir waren bereits ziemlich betrunken“

Turnage: „Bei unserem ersten Aufeinandertreffen waren Richard Thomas und ich uns auf Anhieb derart sympathisch, dass wir bei ein paar Drinks über die Möglichkeit sprachen, ein gemeinsames Projekt zu realisieren… am Ende hatten wir eine zufällige Übereinstimmung: Anna Nicole. Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“ Es geht um Variationen „Vorsicht, was Sie sich wünschen“ und „mehr Tränen vergießen über beantwortete Gebete als über unbeantwortete Gebete“ mit deutlicher, teils drastisch-frivoler Sprache. Sicherlich erfordert die nach Berühmtheit verzehrende Persönlichkeit von Anna Nicole einen großen Auftritt auf der Opernbühne, auch das Nebenpersonal ist bizarr besetzt mit dem lächerlichen Lustgreis Howard und einem an der Liebe der Mutter erstickenden Kind, der ewig sensationsgeilen Medienmeute und Annas skrupellosem Anwalt Stern.

The American Dream

Vickie Lynn Marshall, Künstlername Anna Nicole Smith, wird 1967 in einer Provinz in Texas in armselige Familienverhältnisse (White Trash) hinein geboren. Ihr Vater, ein brutaler Säufer, der sie wahrscheinlich missbrauchte, terrorisiert seine Familie. Mit 17 Jahren wird sie das erste Mal Mutter,1993 Playmate des Jahres, 1994 Heirat mit dem Ölmilliardär J. Howard Marshall. Das amerikanische Schmuddel-TV offeriert 2002 der extrem aufgeschwemmten Hundeliebhaberin (Stoffhunde beobachten in Wiesbaden von der Proszeniumsloge aus das Geschehen) die Anna Nicole Show, die den US TV-Pöbel durch peinliches Benehmen mit durchaus bemerkenswerten Quoten zuschalten lässt. 2004 kommt ihre Tochter zur Welt, um deren Vaterschaft sich gleich drei Männer streiten. 2007 starb sie an einer Überdosis Drogen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl – Monika Forster

Die „Anna Nicole Show“  –  nun als Oper

In einer im besten Sinne leidenschaftlichen Inszenierung erzählt Bernd Mottl ohne Skandalisierungsversuche, ohne Spektakel auf Kosten der Heldin, die Oper in Form einer Anna Nicole Show. Etwa vierzig Personen als Abbild der amerikanischen Gesellschaft bilden einen repräsentativen Querschnitt (Mormone, Moslem, orthodoxer Jude, Lederfetischist, Straßenarbeiter, Geschäftsmann, Hausfrau, Kriegsveteran, Miss America, Inder, Hippi, Sportler, Wrastler, verschiedene Ethnien, High School-Absolventin, Stripperin, Polizist…). In einem glitzernden drittklassigen 80er Jahre TV-Studio mit einer Tribüne mit fünf Sitzreihen verfolgen sie ihre Lebensgeschichte, reagieren mit Hochhalten verschiedener Schilder auf die jeweilige Situation. Sie sind zusammengekommen, ein Requiem anzustimmen. Auf einer Totenbahre liegt ein glitzernder Leichensack, der sich bewegt. Mitten im Requiem wird die Tote wieder lebendig und wird zur Hauptdarstellerin ihres Lebens; ihre Karriere mediengemacht, von gnadenlosen Profiteuren vorangetrieben, von der voyeuristischen Gier der Öffentlichkeit gepuscht und niedergemacht. Erzählt wird der rasante Aufstieg von Anna Nicole von der Angestellten in einer Hühnerbraterei zur Supermarktverkäuferin in Houston, der „Stadt der Freude“, bis hin zur zunächst erfolglosen Stripperin, die „größere Talente“ braucht. Nach einer OP bei Dr. Feelgood wird das Busenwunder durch seine Ehe mit einem greisen Öl-Tycoon ein gefundenes Fressen der Boulevardpresse. Der Milliardär gibt Anna alles, außer der Ranch, auf der sie gerne mit ihrem Jungen Daniel leben möchte. Bei ergreifender Musik und nach einem verrichteten blow job ruft Anna gutgläubig „Wir haben die Ranch!“

Menschenverachtende Vermarktung

Anwalt und späterer Geliebter Howard Stern verkauft die Rechte für die Live-Übertragung der Geburt ihrer Tochter an einen Pay-TV-Sender. Selbst ein Auftritt in der berühmten Larry King Show wird möglich. Anna ist randvoll mit Drogen… Sie bekennt sich zu ihren Träumen, telefoniert mit ihren Hunden. Als ihr Sohn Daniel drei Tage nach der Geburt seiner kleinen Schwester im Krankenbett seiner Mutter an einem Drogencocktail stirbt, verliert sie ihren letzten Lebensmut. Von nun an macht sie nur noch durch ihre Party- und Drogenexzesse auf sich aufmerksam, wobei Stern ihren Verfall für die Medien immer gnadenloser vermarktet. Als sie erneut schwanger wird, will sie nur noch fressen. Sie stirbt ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes ebenfalls an einer Überdosis verschiedener Medikamente. Die Oper rollt die Geschichte von hinten auf und beginnt mit dem Tod der Titelfigur. Die New York Times titelte nach ihrem Tod: Sie war berühmt dafür, berühmt zu sein…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl – Monika Forster

Garanten eines erfolgreichen Abends

Friedrich Eggert (Bühne, Kostüme) gelingt es hervorragend das Trash-Format einer amerikanischen TV-Show einzufangen, ohne die Mitwirkenden der Lächerlichkeit preiszugeben. Geradezu liebevoll identisch sind die Kostüme der „Jury-Mitglieder“. Fantasievoll, wie die Farben ineinander spielen, das ist sehr hohe Qualität. Dagegen das Strahlen und Funkeln von ganz billigem Tand. Die Jury setzt sich den Strahlenkranz der Freiheitsstatue auf, den amerikanischen Traum demonstrierend. Ein goldener Volant-Bühnenvorhang, eine Sitzecke, die an die Couch von „Wetten das?“ erinnert, eine Bar mit zwei Barhockern und die Möglichkeit rascher Auf- und Abgänge sind Garant des erfolgreichen Abends. Chapeau!

Elissa Huber ist !!! Anna Nicole. Sie singt und spielt grandios die anspruchsvolle Partie mit dauerhaften Spitzentönen und Koleraturen und wird vom Publikum frenetisch gefeiert. Eine außergewöhnliche Leistung, die viele Jahre in Erinnerung bleiben wird. Es ist ein Höhepunkt, wenn sie meisterhaft die Koloraturarie „Zeit zu träumen und zu fliegen, ich werde siegen“ singt. Als Schutzpatronin der heutigen Trash-Generation lässt sie mit „I want to blow you all… a kiss“ ihr Leben Revue passieren. Stimmlich mit großem Sopran, darstellerisch mit bewegendem Spiel und auch optisch hervorragend ausgefüllt, zeigt sie anfangs eine Koketterie à la Marilyn Monroe, entwickelt sich zu einem wahren Busenwunder, das Männerherzen höher schlagen lässt. Ihr bewegendes Spiel macht glaubhaft, welchen Preis Anna für ihren Ruhm zahlt. Es bleiben Momente, in denen sie im weißen Hochzeitskleid in einem Konfetti-Regen steht oder mit hochhackigen Schuhen selbstverliebt den roten Teppich küsst. Zum Schluss singt sie einen Blues „Amerika, du dreckige Hure, ich gab dir alles, du wolltest mehr.“ Erheblich zum Scheitern von Anna trägt der Anwalt Howard Stern bei. Christopher Bolduc verkörpert glaubhaft und aalglatt diese schmierige Rolle. Es geht ihm ausschließlich um kommerziellen Erfolg. Aus Annas Entgleisungen schlägt er größtmöglichen Profit. Sogar die Geburt ihrer Tochter vermarktet er als Pay-per-view-Ereignis. Mit sicherem hochkultiviertem Bariton ist er ein Parvenü, skrupellos und egoistisch.

Margarete Joswig ist als Virgie eine richtende Instanz. Sichtbar aus der Gosse kommend, sie bedroht ihren Ehemann mit der Waffe „Fuck you, fuck you back“, ist sie eine strenge Mutter, resolut und kämpferisch, die sich auch um ihren Enkel Daniel kümmert „Hatte ein Stück vom Kuchen und will auch den Rest versuchen...“: Es ist Virgie, die ein großes Anti-Männer-Lied singt, eine wütende und triumphale Ballade, kraftvoll glühend. Mit ihrem warmen Mezzo gewinnt sie auch mittels glitzernder Bosheit. Ein Mann, der sich seine Träume erfüllen kann, weil er unermesslich reich ist, ist J. Howard Marshall (Uwe Eikötter). Der greise Öl-Milliardär verliebt sich in Anna Nicole. Mit abstoßender Lüsternheit verlangt er Oralverkehr – zweimal lautes Stöhnen in der Musik! – eine Mischung aus Bosheit und Altmännergeilheit. Er erleidet einen Zusammenbruch, kommt noch einmal zu sich und sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens. Ohne ein Testament zu hinterlassen, stirbt er kurz darauf.

Solistenrollen durchweg glänzend besetzt

Die drogensüchtige Cousine Shelley, „fünf Kinder und keine Zähne“, singt die Mezzosopranistin Lena Haselmann, die durch ihre besondere Spielfreude imponiert. Gelungen in Maske und Gesang ist der sensationslüsterneTalkmaster Larry King des Tenors Christopher Diffey. Kaum zu glauben, dass ein so junger Interpret eine solche Rolle meistern kann. Der Tenor Ralf Rachbauer profiliert sich auf hohem Niveau in drei Rollen: als verliebter Trucker in der Dancing-Bar, als Mitglied der Marshall Family und als Doctor Feelgood, der die menschliche Selbstoptimierung, wenn nötig mit chirurgischer Unterstützung vornimmt. „Wer arm, hässlich und dumm bleibt, der trägt selbst die Verantwortung für das ausbleibende Lebensglück: Why be average, when you could be a sensation?“ Letztendlich ist er der Schuldige an Annas Drogensucht… Bariton Daniel Carison ist der gewalttätige Daddy Hogan, vor dem alle Angst haben. Die in Wiesbaden vielfach gefeierte Annette Luig ist Kay, die fürsorgliche Tante, bei der Anna aufwächst und etwas Liebe erhält. Schon nach kurzer Zeit erfolgreich im Ensemble verankert ist die Mezzosopranistin Fleuranne Brockway (Melissa, News Reporter). Nathaniel Webster ist Annas erster Ehemann Billy, der sie schon nach einem Jahr verlässt und sich ihrer verlotterten Familie zuwendet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl – Monika Forster

Die abwechslungsreiche Oper wird durch tänzerische Einlagen von „Annas Notorius Showcrew“ (Sofia Romano, Anna Heldmaier, Sarah Steinemer, Jasper H. Hanebuth, Soeren Niewelt, Max Menendez-Vazquez, Nathalie Gehrmann (Swing), Choreografie: Myriam Lifka) revuehaft aufgelockert. Vier heiße Lap Dancer (Radoslava Vorgic, Karolina Lici, Maike Menningen, Jessica Poppe) sorgen für scharfe Einlagen an Pole Stangen, weisen Anna in den Stangentanz ein und verweisen darauf, um bei Männern Erfolg zu haben, braucht es „schöne Ansichten“. Als Meat Rack Quartet agieren gekonnt Petra Heike, Lena Naumann, Ines Behrendt, Ayako Daniel. Bei Annas Sohn Daniel denkt man zunächst, es sei eine stumme Rolle, doch hat auch er etwas zu sagen. Bariton David Krahl zählt in einer Art Registerarie in schwer fassbarer, dunstiger Musik alle nur denkbaren Schmerz- und Betäubungsmittel auf.

Unter der Leitung von Albert Horne steht sowohl der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden als auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Ihm gebührt großes Lob… Durch die prägnanten Chorszenen, in denen die Masse Anna Nicoles Geschichte mit ihren Kommentaren immer weiter treibt, hat Turnage dem Chor eine zentrale Rolle zugedacht. Er souffliert, wenn Anna nicht mehr weiß: „Wo war ich noch stehen geblieben?“ „F.U.C.K.“ Auch um Kotze, Titten und Schwänze geht es… In den unterschiedlichen Lebensstationen dieser Story fasziniert der Chor als heimlicher Star mit rasantem Spiel und stimmlicher Brillanz.

„Ich denke, die Leute werden überrascht sein, wenn sie die Oper hören“, so Turnage. „Der letzte Teil ist sehr ernst und sehr traurig… Es wird fast wie eine traditionelle Oper.“ Der 1. und der 2. Akt sind zwei Seiten einer Medaille. Albert Horne lässt die vielseitigen Klangwelten prägnant erklingen. Es gelingt ihm, eine derbe Abrechnung mit dem American Way of Life erklingen zu lassen. Turnage verbindet seine kompositorische Arbeit mit der Klangwelt von Jazz und Popmusik. Seiner dritten Oper Anna Nicole hat er eine Form gegeben, die mit ihren Songs und Tanzeinlagen ans Musical erinnert, an Vorbilder wie Kurt Weill und Leonard Bernstein. Neben dem klassischen Orchester sind eine E-Gitarre, E-Bass, Banjo, Saxophon, Jazz-Drummer und Trompeten im Big-Band-Sound zu hören.

Das Opernmagazin, Detlef Obens, schrieb 2013 zur Aufführung von Anna Nicole  in Dortmund: „Die anspruchsvolle Partitur der Turnage-Oper, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, war von Angebinn ein Erlebnis der besonderen Art. Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten der Oper –  all das war hohe Musikkunst.

Die anspruchsvolle Partitur, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, ist von besonderer Art: Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten sind hohe Kunst. Wiederholt kommt es zu schroffen Wechseln zwischen Musicalsound und Realityshow einerseits und klassisch-jazzigen wie opernhaften Elementen, eine dauernd fetzige Flut von grell bebilderten Szenen und mitreißenden Songs und Ensembles, die an Emotionalität nichts vermissen lassen.

Ein außergewöhnlicher Opernabend: frenetischer Jubel, Standing Ovations für alle Beteiligten

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Anna Nicole – Oper von Mark-Anthony Turnage, 15.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Anna Nicole – Oper von Mark-Anthony Turnage
Libretto von Richard Thomas

Premiere Samstag, 15. Februar 2020, 19.30,  die nächsten Vorstellungstermine: 21. & 28. Februar, jeweils um 19.30 Uhr

Anna Nicole – Sexsymbol, Partyluder und Männerfantasie, Busenwunder, Milliardärsgattin und Tabletten-Junkie. Sie war eine Person voller Widersprüche, mit einer Biografie, die den Stoff zu einer Seifenoper hätte liefern können. Komponist Mark-Anthony Turnage und Librettist Richard Thomas haben eine richtige Oper daraus gemacht: Eine rasante Revue voller Sprachwitz und musikalischem Humor, gewürzt mit ein paar messerscharfen Dissonanzen, abwechslungsreich gestalteter Instrumentierung und rockigen Schlagzeugrhythmen.

In Wiesbaden wird das Stück unter der Musikalischen Leitung von Albert Horne und in einer Neuinszenierung von Bernd Mottl, der in Wiesbaden zuletzt die Oper von Arno Schreier, Schade, dass sie eine Hure war,  inszenierte, zu erleben sein.

In dem temporeichen Stück, das mühelos den Spagat zwischen Musical-Song, Opernkoloratur und neuer Musik schlägt, wird die Titelpartie von Elissa Huber verkörpert, die derzeit in der Rolle der Lilli Vanessi in Kiss Me, Kate an der Wiener Volksoper zu sehen ist.

Die Produktion wird theaterpädagogisch begleitet

Musikalische Leitung Albert Horne Inszenierung Bernd Mottl Bühne, Kostüme Friedrich Eggert Chor Albert Horne Choreografie Myriam Lifka Licht Klaus Krauspenhaar Dramaturgie Daniel C. Schindler Theaterpädagogik Luisa Schumacher

MIT:  Anna Nicole Elissa Huber,  Stern Christopher Bolduc, Virgie Margarete Joswig, J. Howard Marshall Uwe Eikötter, Shelley / Marshall Family Lena Haselmann, Mayor of Mexia / Larry King Christopher Diffey Trucker / Doctor / Marshall Family Ralf Rachbauer Deputy Mayor / Patron / Runner Frederic Mörth Daddy Hogan / Marshall Family Daniel Carison Kay / Marshall Family Annette Luig Melissa / News Reporter Fleuranne Brockway Billy / News Reporter Nathaniel Webster Lap Dancer 1 Radoslava Vorgic Lap Dancer 2 Karolina Liçi Lap Dancer 3 Maike Menningen Lap Dancer 4 Jessica Poppe Teenage Daniel David Krahl

TänzerInnen:  Sofia Romano, Anna Heldmaier, Sarah Steinemer, Jasper Hanebuth, Soeren Niewelt, Max Menendez-Vazquez, Nathalie Gehrmann (Swing)

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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