Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Musikalische Akademie – 2020/21, IOCO Aktuell, 16.05.2020

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

MUSIKALISCHE AKADEMIE  –  Nationaltheater Orchester Mannheim

 Spielzeit  2020/21  –  Flexibilität – in diesen Zeiten besonders gefordert

von Uschi Reifenberg

Das wissen auch Fritjof von Gagern, Präsident der Musikalischen Akademie und 1.Solocellist des Mannheimer Nationaltheater Orchesters in Personalunion und Generalmusikdirektor Alexander Soddy, die nun das aktuelle Programm der  242. Saison der  Musikalischen Akademie, welche 1778 gegründet wurde, vorgestellt haben.

Die Unsicherheit in der derzeitigen Krise zwingt die Künstler in eine besondere Situation und nötigt ihnen aus ihrer Planungswerkstatt verschiedene Lösungsmöglichkeiten ab. Der fehlende Austausch mit dem Publikum und der derzeitige Verlust des gemeinschaftlichen Erlebens von Musik verstärkt die Sehnsucht nach künstlerischer Normalität und beflügelt die Hoffnung auf eine bessere Zeit nach dem Ausnahmezustand.

„Wir arbeiten mit verschiedenen Szenarien – einem Plan A, so wie die Saison eigentlich gedacht ist, und einem Plan B, C und D, in welchen wir alternative Veranstaltungsformate durchspielen“, so von Gagern. „Die letzten abgesagten Konzerte (…) sind ein unfassbarer künstlerischer Verlust.  Gerade deshalb benötigen wir aus der Stille der Krise die Perspektive (…). Wir sehen es als unsere Aufgabe, Konzerte zu ermöglichen und durch die Musik Halt und Zuversicht gerade in diesen Zeiten zu geben“.

Der thematische Schwerpunkt der kommenden Programmgestaltung 2020/21 liegt in der Entwicklung romantischer und spätromantischer Kompositionen des 19. Jahrhunderts hin zur Auflösung konventioneller musikalischer Strukturen im 20. Jahrhundert, der atonalen Musik der  Moderne, sowie deren Repräsentanten der 2. Wiener Schule.

Geplant sind acht Doppelkonzerte, die einen weiten Bogen von Joseph Haydn bis Enrico Chapelá  spannen und wie immer im Mozartsaal des Rosengarten stattfinden werden. Ergänzt werden die Konzerte  durch das Konzertformat der Kammerakademie im Opernhaus des Nationaltheaters, das alljährlich besondere Akzente setzt und diesmal ein spannendes Bläserprogramm verspricht.

Wie in jedem Jahr sind auch in der Saison 20/21 wieder hochkarätige Solisten bei der Musikalischen Akademie zu Gast.

NTM Nationaltheater Mannheim / Bühne und Besucherraum für kommende Konzerte der Musikalischen Akademie © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim / Bühne und Besucherraum für kommende Konzerte der Musikalischen Akademie © Christian Kleiner

GMD Alexander Soddy wird allein vier der acht Doppelkonzerte dirigieren.   Den Auftakt macht GMD Alexander Soddy im ersten Akademiekonzert am 19./20. Oktober 2020, mit einem breit gefächerten und kontrastreichen amerikanisch- russisch- englischen Programm. John Adams Orchesterstück „Short Ride in a fast machine“ von 1986, das in atemberaubendem Tempo dahin jagt, wird dem populären 2. Klavierkonzert des russischen Komponisten Sergej Rachmaninow vorangestellt, interpretiert vom russisch-amerikanischen Pianisten Kirill Gerstein. Edward Elgars Sinfonie Nr.1, ein Meilenstein der englischen Sinfonik, dürfte beim Briten Alexander Soddy in den besten Händen liegen.

Im 2. Akademiekonzert am 16. und 17. November, das sich deutschen Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts widmet, steht nach längerer Zeit als Instrument wieder das Horn im Mittelpunkt. Das 2. Hornkonzert von Richard Strauss, das zu den schwierigsten Hornkonzerten überhaupt zählt, wird gespielt von Radek Baborák, dem ehemaligen Solohornisten der Berliner Philharmoniker. Mit Carl Maria von Webers Ouvertüre „Die Beherrscher der Geister“ und der 2. Sinfonie von Robert Schumann taucht das Programm tief in die Epoche der Früh- und Hochromantik ein.

Das 3. Akademiekonzert am 14./15. Dezember unter der Leitung von Ingo Metzmacher, trägt durchweg märchenhafte Züge. Dem besonders zur Weihnachtszeit beliebten Vorspiel aus Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel folgt das Konzert für Viola und Orchester von Paul Hindemith Der Schwanendreher, das auf alten Volksliedern basiert. Als Solist konnte der Solo-Bratschist der Berliner Philharmoniker Amihai Grosz gewonnen werden.

In Alexander Zemlinskys Orchesterstück Die Seejungfrau wird die Geschichte der sich nach der Menschenwelt sehnenden Meerjungfau von Hans Christian Andersen lebendig, Ein reines russisches Programm verspricht das 4. Akademiekonzert am 8./9. Februar 2021, das von der französischen Dirigentin Ariane Matiakh geleitet wird.

Dmitri Schostakowitschs 1. Cellokonzert, das für Mstislaw Rostropowitsch geschrieben wurde, wird hier von der Cellistin Tatjana Tetzlaff gestaltet, flankiert von Michail Glinkas Kamarinskaya, einem bahnbrechenden russischen Orchesterwerk und Sergej Rachmaninows faszinierender   „Toteninsel“, inspiriert von Arnold Böcklins berühmten Gemälde.

Als letzter Programmpunkt setzt Modest Mussorgski mit seinem Meisterwerk Eine Nacht auf dem kahlen Berge einen phänomenalen Schlusspunkt unter die Reihe der russischen  Schauerromantik.

Das 5. Akademiekonzert am 8./9. März 21 bewegt sich im Spannungsfeld des Franzosen Claude Debussy, dem deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven und dem Dänen Carl Nielsen.

Geleitet wird das Konzert vom dänischen Dirigenten Michael Schønwandt, der Komponist Hans Abrahamsen, ebenfalls Däne, orchestrierte 2011 Debussys bekannte Klavierminiaturen Childrens Corner, die Debussy seiner geliebten Tochter widmete.

Mit Beethovens 1.Klavierkonzert wird Kit Armstrong zu erleben sein, ein ersehnter Beethoven   Programmpunkt nach dem stark reduzierten Beethoven Jubiläumsjahr 2020.  Michael Schønwandt, dessen besondere Verbundenheit der Musik Carl Nielsen gilt, stellt die Sinfonia espansiva seines Landsmanns nun erstmalig dem Mannheimer Publikum vor.

Nationaltheater Mannheim / Generalmusikdirektor Alexander Soddy © Gerard Collett

Nationaltheater Mannheim / Generalmusikdirektor Alexander Soddy © Gerard Collett

Das 6. Akademiekonzert am 12./13. April 21 steht ganz im Zeichen Anton Bruckners. Mit seiner 5. Sinfonie, der sogenannten „katholischen“ setzt der italienische Dirigent Antonello Manacorda den Mannheimer Bruckner Zyklus fort. Bruckner schuf mit dieser Sinfonie wohl sein persönlichstes Werk, eine Art Glaubensbekenntnis nach einer für ihn schweren Zeit. Vom großen Vorbild Richard Wagner hatte er sich in dieser Sinfonie endlich emanzipiert.

Das 7. Akademiekonzert am 10./11. Mai 21, unter der Leitung von Alexander Soddy, spannt den Bogen von der Frühklassik Joseph Haydns über Gustav Mahler bis zur 2.Wiener Schule  Alban Bergs im 20. Jahrhundert, dessen „3 Stücke aus der Lyrischen Suite“, bearbeitet für Streichorchester, zu hören sein werden. Alle drei Komponisten verbindet der Bezug zur Stadt Wien. Der 1.Solo-Trompeter des Nationaltheater Orchesters Lukas Zeilinger, der ebenfalls aus der Nähe von Wien stammt, wird mit Haydns Trompetenkonzert eines der bedeutendsten Kompositionen für dieses Instrument interpretieren. Eine schöne Tradition der Musikalischen Akademie, Solisten aus „den eigenen Reihen“ in ihren Konzerten vorzustellen.

Gustav Mahlers 1.Sinfonie, reich an Gegensätzen und Bezügen, setzt den spannenden Schlusspunkt in diesem vielfältigen Programm.

Das 8. Akademiekonzert am 22./22. Juni 21, wiederum dirigiert von Alexander Soddy, mit einem kontrastreichem französisch- lateinamerikanischen Programm, bringt ein Wiedersehen mit dem Violinisten August Hadelich, der teilweise in Mannheim aufwuchs und auf allen großen Konzertpodien der Welt zu Hause ist. Er wird mit Édouard Lalos Sinfonie espagnole zu hören sein. Mit Spannung erwartet wird die Uraufführung von Enrico Chapellas genreübergreifender Komposition, einem Auftragswerk für die Musikalische Akademie. Zwei exemplarische Werke des Impressionismus bilden den Rahmen für diesen Abend, Maurice Ravels Alborada del grazioso, aus dem Klavierzyklus Miroirs, der hier als Orchesterwerk erklingt und La mer von Claude Debussy.

Am 6./7. Juni setzen dann die Bläser in der Kammerakademie mit Richard Strauss, Antonin Dvorák und Friedrich Gulda ganz besondere Akzente.  Joseph Bastian dirigiert, Benedict Kloeckner ist der Solist in Guldas Konzert für Violoncello und Blasorchester, einem energiegeladenem Crossover-Stilmix, der unter die Haut geht. Die Bläserserenaden von Strauss und Dvorák sind absolute Meisterwerke ihres Genres und lassen einen Hauch von Mozart‘schem Geist durchs Programm wehen.

Die Musikalische Akademie Mannheim  –  Akademiekonzerte

Mit nunmehr 242 Jahren sind die Akademiekonzerte in Mannheim weltweit eine der traditionsreichsten Konzertreihen weltweit. Gegründet wurde sie 1778 im Geiste der Mannheimer Schule – und damit an der Speerspitze der damaligen Avantgarde – von den Musikern der Kurfürstlichen Hofkapelle, des heutigen Nationaltheater – Orchesters. Es ist bemerkenswert, dass diese Institution auf ihrem Weg zum Traditionsorchester durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte immer vom außergewöhnlichen Zuspruch der Mannheimer Bürgerinnen und Bürger getragen wurde und heute wird.

Brahms, Furtwängler, Strauss, Kleiber, Hindemith, Rostropowitsch, Stein, Argerich, Zimmermann – die Liste der ganz großen Namen, die als Dirigenten und Solisten bei den Akademiekonzerten zu Gast waren, ließe sich lang fortsetzen. Den in der Musikalischen Akademie organisierten Musikern des Nationaltheater- Orchesters ist es immer gelungen, einige der interessantesten Musiker* innen ihrer Zeit nach Mannheim zu holen.

Heute ist die künstlerische und finanzielle Eigenständigkeit der Musikalischen Akademie einzigartig in Deutschland. Nach wie vor prägen Authentizität, Vielfalt und Ideenreichtum die Auswahl von Programmen und Gastkünstlern. Jährlich wird ein Kompositionsauftrag vergeben.   (Zitiert aus dem Jahresprogramm).

—| IOCO Aktuell Nationaltheater Mannheim |—

Kultur: Die Systemrelevanz der Kulturkritik – ein Essay, IOCO Aktuell, 13.05.2020

Mai 13, 2020 by  
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 Ludwig van Beethoven - so ganz anders © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven –  Gefürchteter Provokateur und Systemkritiker – hier   eine Hauswand in Paris © Peter M. Peters

 Die Nöte der Künstler in dieser Zeit

– Die Systemrelevanz der Systemkritik –

von Hans-Günter Melchior

Kunst ist ihrer Natur nach subversiv. Ihre Sehnsucht will hinaus in die grenzenlose Freiheit. Und ihr Misstrauen gilt der Form. Und gleichzeitig droht sie im Formlosen unterzugehen. Im Chaos. Denn die Form ist Begrenzung und Halt. So ist die Form oder, um einen anderen Begriff zu gebrauchen, das System der Form, Rettung und Untergang zugleich.

Und dieser Widerspruch ist unauflösbar, geradezu die Bedingung der Kunst. Ludwig van Beethovens formsprengende Musik, die die Zeitgenossen zuweilen in „Angst und Schrecken“ versetzte (s. der Schlusssatz der 8. Sinfonie) . Von der Modernen mit ihrer Verachtung der Tonarten als Einengung und Reglementierung, gar nicht zu sprechen.

Und Mozarts, ach, der liebe, glühend verehrte Mozart, war und ist angeblich ein Liebling des Bürgertums.  Das freilich selten seine „heitere Melancholie“ zu begreifen scheint, diese über den Dingen schwebende Musik, der man den Schmerz über den Verlust der absoluten Freiheit anhört –; und dann an manchen Stellen sich zugleich geradezu zufrieden und nur scheinbar harmlos räkelt in der ironisch gebrochenen Gewissheit, in einer Form aufgehoben zu sein.

Die Oper macht da keine Ausnahme

Von der bildenden Kunst gar nicht  zu reden. Ihre Geschichte ist die eines einzigen Abenteuers, einer Systeme, Anschauungen und Formen geradezu umstürzenden Dauerrevolution.

Kaum anders verhält es sich, wenn auch nicht so drastisch wie in der bildenden Kunst, in der Literatur, von Schillers Räuber über die sogenannte Entliterarisierung der Theaterkunst im 20. Jahrhundert bis zum postdramatischen Theater und der Perfomance der Neuzeit.

Dabei ist es nicht nur der Widerspruch zwischen Form und Freiheit, es sind auch die inhaltlichen Widersprüche. Am deutlichsten ausgesprochen noch in der Literatur, die nicht gerade selten gegen die gesellschaftlichen Zustände anrennt wie gegen Gefängnismauern.

Die Kritik an den Verhältnissen und die Forderung nach Erneuerung, zur Veränderung der Gesellschaft gehören geradezu zum Credo der modernen Literatur.

Liegt es – vielleicht unbewusst – gerade daran, am immanenten revolutionären Impetus, dass die Sachwalter und  (ebenfalls ihrer Natur nach) die Bewahrer der Macht- und Herrschaftsverhältnisse von Hilfsprogrammen für die Wirtschaft in der Corona-Krise geradezu schwärmen und dabei, wenn überhaupt, die Kultur eher kleinlaut und pflichtschuldig nur am Ende erwähnen? Es ist mehr eine Selbstermahnung der Politik. Aber es fehlt ihr die Empathie, das Mitgefühl, das im Gegensatz dazu den vom Scheitern bedrohten Teilnehmern am Handels– und Wirtschaftsverkehr entgegengebracht wird, diese stirnrunzelnde Sorge um die Arbeitsplätze,  die Wachstumsraten und die Dividenden. Kunst ist kein originärer Wirtschaftszweig, über die Kunst lässt sich Krisenbewältigung wirtschaftlich nicht mobilisieren.

Kurz: Dem Staat und seinen Organen ist die Kunst nicht geheuer. So sehr sie auch das Gegenteil behaupten. Sie scheuen sich oder nehmen es nicht einmal wahr, verdrängen es: dieses Hemmungslose und Ausufernde und schwer zu Bändigende, das der Kunst elementar eigen ist, es macht die Handelnden unsicher, ist ihnen, den auf Sicherheit und Stabilität Bedachten wesensfremd –, und wenn sie es sich doch einmal bewusst machen, ist ihr Bekenntnis von dieser schwankenden Unsicherheit, ein Bekenntnis zur Kultur ganz allgemein, als gebe es dies: eine von den Künsten abgespaltene Sonderdisziplin, die sich Kultur nennt.

Wenn man befreundete Künstler fragt, wie ihnen konkret geholfen wird, kommt ein Schulterzucken.

Früher, vor der Krise, so die Klage, hieß es, sollte nur eine neue Kita aufgemacht werden: wir haben kein Geld.  Und jetzt auf einmal ist von hunderten von Milliarden die Rede, vor allem für die lautesten wie VW und Lufthansa (die sich außerdem vom Steuerzahler, der ihnen hilft, nicht hineinreden lassen wollen und auf den Dividenden und Boni bestehen), aber bei den Künstlern weiß man nicht so genau, wie man ihnen helfen könnte oder schiebt Entscheidungen vor sich her.

Das Schlagwort der Krise ist „Systemrelevanz“. Banken sind systemrelevant, die wirtschaftsbeherrschenden Industrien.

Nur von der Kunst oder den Künsten hört man nichts dergleichen

Dabei ist gerade das seiner Natur nach Systemkritische systemrelevant. Nur am Widerstand wächst das Neue. Alle Entwicklung im Sinne von Fortentwicklung und Verbesserung ist dialektisch, das Neue muss sich am Alten abarbeiten, bevor es sich etablieren kann. Um das zu begreifen, muss man nicht unbedingt Hegelianer sein. Nur unter der kritischen Reflexion des Alten und zwangsläufig mit der Zeit Veralteten wächst der Wille zur Korrektur und Erneuerung. Zur zeitgemäßen Ausrichtung.

Nirgends also mehr als gerade in und durch die Kunst, die die Methode der kritisch-dialektischen Erneuerung geradezu zu ihrem Prinzip erhebt, ist letztlich die Zukunftssicherung zu erwarten. Und zwar im Sinne einer kontinuierlichen Entwicklung und Fortentwicklung. So ist gerade die Kunst das Paradigma des Fortschritts.

Dass die Erkenntnisse der Künste erst in einem vergleichsweise langen Prozess Eingang in das öffentliche Bewusstsein finden und zum Allgemeingut werden, begründet zwar keinen Einwand, ist aber ein weitere Grund für das zögerliche Verhalten der Politik, wenn es um die Unterstützung der Künste geht.

Generell sind die Künste und die Kunstschaffenden ihrer Zeit voraus. Meist auch die Philosophen. An einer Diskussion über Kants kategorischem Imperativ kommt heutzutage eine Ethiktagung ebenso wenig vorbei wie ein Historikerkongress an Hegels dialektischem Geschichtsverständnis. Und dass die vernunftkritischen Ansätze der modernen Philosophie sich insbesondere mit den Auswüchsen und Widersprüchen der ökonomischen Vernunft auseinandersetzen müssen, ist unbestritten.

Dies alles und natürlich noch weit mehr an Innovativem greift die moderne Kunst in allen ihren Sparten auf, verdeutlicht, erweitert es und weist auf die Anwendbarkeit im täglichen Leben hin (füllt es geradezu mit konkretem Leben), setzt es in kritischen Kunstprodukten um, die zwar langsam, jedoch mit der Zeit Eingang ins öffentliche/gesellschaftliche Bewusstsein finden. Kunst ist nicht nur schön, sie ist notwendig.

Und die Kunst ist nicht nur hilfsbedürftig, es ist auch staatliche Pflicht, ihr zu helfen. Die verfassungsrechtlichen Postulate dürfen keine leeren Formeln bleiben.

Die Bayerische Verfassung fordert in ihrem Artikel 140 ausdrücklich:

„(1) Kunst und Wissenschaft sind von Staat und Gemeinde zu fördern.

(2) Sie haben insbesondere Mittel zur Unterstützung schöpferischer Künstler, Gelehrter und Schriftsteller bereitzustellen, die den Nachweis ernster künstlerischer oder kultureller Tätigkeit erbringen.

(3) Das kulturelle Leben und der Sport sind von Staat und Gemeinden zu fördern.“

Kriterium ist freilich die Selbständigkeit. „Selbständig“, so die Auskunft der KSK auf Google, „ist die künstlerische oder publizistische Tätigkeit nur, wenn sie keine abhängige Beschäftigung im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses darstellt.“ Gemeint sind also die besonders unsicheren Einkommensverhältnisse von Künstlern, die keine Ensemblemitglieder in einem Haus mit festen Gehältern sind, sondern von Auftrag zu Auftrag honoriert werden. Und gemeint sind damit vor allem nicht die Stars, die Rücklagen haben, sondern gemeint ist die Masse derer, die gleichsam von der Hand in den Mund leben.

Machen wir uns nichts vor. Die Lage der Künstler ist rechtlich wie tatsächlich fatal. Es gibt zwar eine KünstlerSozialkasse (KSK) und sogar ein Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG), das für Verdienstausfälle eintritt.

Die KSK tritt aber für Verdienstausfälle nur ein, wenn der Verdienstausfall – so die Auskunft einer Künstlerin –, monatlich den Betrag von 3000 Euro erreicht oder übersteigt. Für die Mehrzahl der Künstler ist ein solcher Grenzbetrag eine reine Wunschvorstellung. Was sie brauchen sind Zuschüsse für die monatliche Miete (etwa eines Ateliers) oder die Lebenshaltungskosten. Die Kosten dafür unterschreiten den Betrag von 3000 Euro regelmäßig, so dass diese Künstler leer ausgehen.

Die Bundesregierung, vertreten durch die Staatsministerin Monika Grütters, Beauftragte für Kultur und Medien, kündigt zwar baldige Hilfsmaßnahmen an, Zahlungen sind indessen noch nicht eingegangen.

Baldige Entscheidungen sind dringend erforderlich. In der Zwischenzeit verarmt die Kunst. Viele Künstler wandern in Nebenbeschäftigungen ab, wo ihr Talent verkümmert. Ob sie je zurückfinden, ist fraglich.

Schlechte Aussichten. Die Krise zwingt ohnehin schon jetzt zu Notbehelfen. Die fest angestellten Künstler suchen Alternativen. Kirill Petrenko lässt mit wenigen Orchestermitgliedern der Berliner Philharmoniker Mahlers 4. Symphonie spielen, Daniel Barenboim führt mit einem Teil seines Orchesters die Kleine Nachtmusik auf. Es ergeben sich zwar überraschende Effekte. Skelettartig werden die Strukturen der Werke verdeutlicht, wenn auf einen opulenten Orchesterklang verzichtet wird. Andererseits fehlt es an den Valeurs, der Farbigkeit und der Dynamik des großen Orchesters.

Schlimme Zeiten. Votieren wir für die Künstler, machen wir politischen Druck.

—| IOCO Aktuell |—

Baden Baden, Festspielhaus, 2021-2024: Osterfestspiele mit Berliner Philharmonikern, 20.04.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Berliner Philharmoniker  –  Festspielhaus Baden-Baden

  Fortsetzung der gemeinsamen Osterfestspiele

Die Baden-Badener Osterfestspiele mit den Berliner Philharmonikern sollen über das Jahr 2022 hinaus stattfinden. Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa und Andrea Zietzschmann, Intendantin der Stiftung Berliner Philharmoniker, unterzeichneten einen entsprechenden „Letter of Intent“, der die weitere Zusammenarbeit ermöglicht.

„Ich freue mich sehr über dieses starke Signal in der Zeit, in der wir die Osterfestspiele mit den Berliner Philharmonikern so vermissen“, sagt Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa. „Es ist sehr motivierend, dass das Orchester und sein Chefdirigent gerade jetzt mit uns weiter in die Zukunft denken, was uns noch mehr hoffen lässt, die aktuelle Situation zu meistern“.

„Wir planen derzeit gemeinsam mit dem Festspielhaus zwei größere programmatische Schwerpunkte für die Osterfestspiele – zunächst für die Jahre 2021 und 2022 eine Auseinandersetzung mit dem russischen Repertoire.

Darauf folgend wird Richard Strauss im Fokus der Festspiele stehen. Es ist uns sehr wichtig, gerade jetzt gemeinsam nach vorne zu schauen und in die konkrete Planung der Zukunft einzusteigen“, so Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Stiftung Berliner Philharmoniker.

2021 steht als Opern-Neuproduktion Mazeppa von Peter I. Tschaikowsky in der Regie von Dmitri Tcherniakov auf dem Programm. 2022 wird Pique Dame geplant. Für 2023 haben die Berliner Philharmoniker und das Festspielhaus Baden-Baden für die Osterfestspiele die Strauss-Oper Die Frau ohne Schatten projektiert. Auch 2024 soll nach der Planung eine Oper von Richard Strauss auf dem Programm stehen.

Der Vorverkauf für die Osterfestspiele 2021 mit den Berliner Philharmonikern hat bereits begonnen. Kirill Petrenko wird Mazeppa, Mozarts Requiem sowie die konzertante Aufführung der Rachmaninow-Oper Francesca da Rimini dirigieren. Als Gäste der Baden-Badener Osterfestspiele 2021 konnten u.a. die Dirigenten Paavo Järvi und Semyon Bychkov sowie die Solisten Lisa Batiashvili und Lars Vogt gewonnen werden.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Berlin, Berliner Philharmoniker, Hellmut Stern, Konzertmeister : 1928 – 2020, 21.03.2020

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

 Hellmut Stern, Konzertmeister  : 1928 – 2020

Die Berliner Philharmoniker trauern um ihren ehemaligen Konzertmeister Hellmut Stern, (* 21. Mai 1928 in Berlin; † 21. März 2020 Berlin) der   im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Hellmut Stern wurde in Berlin als Sohn einer jüdischen  Familie geboren, die nach den Novemberpogromen des Jahres 1938 nach Harbin (heutiges China)  flüchtete. 1949 gelang der Familie die Ausreise nach Israel.

Erste Anstellungen führten Hellmut Stern zum Israel Philharmonic Orchestra und in die USA, ehe er  1961 nach Berlin zurückkehrte und Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde. Von 1969 bis 1972  sowie 1990-1992 gehörte Hellmut Stern dem Orchestervorstand an, von 1984 bis 1987 dem Fünferrat.  1994 ging er in den Ruhestand.

Alexander Bader, Klarinettist und Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker: »Hellmut Stern war  ein prägender Musiker der Karajan-Ära und eine in jeder Hinsicht eindrucksvolle Persönlichkeit. Indem  er nach Judenverfolgung und Holocaust nach Deutschland zurückkehrte und Mitglied unseres  Orchesters wurde, setzte er ein einzigartiges Zeichen für Aussöhnung und Vergebung. Mit diesem Anliegen initiierte er auch 1990 als Orchestervorstand die erste Israel-Tournee der Berliner  Philharmoniker. So hat sich Hellmut Stern auch jenseits des Konzertpodiums über viele Jahre für das  Orchester engagiert und sich besonders für seine demokratische Selbstbestimmung eingesetzt. Nach  seiner Pensionierung blieb er uns eng verbunden. Wir trauern um einen Freund, einen großartigen  Kollegen und wichtigen Zeitzeugen.«

—| Pressemeldung Berliner Philharmoniker |—

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