München, Münchner Kammerspiele, Passing – It´s so easy, was schwer zu machen ist, IOCO Kritik, 05.03.2020

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Passing  –  It´s so easy, was schwer zu machen ist  – –  René Pollesch

Passing – nicht Pasing  – Furioses Gedankenkarussell

von Hans-Günter Melchior

Hui, das geht aber ab, gleich zu Beginn nimmt eine Riesenspinne, zusammengeschraubt wie im Kinderbaukasten und dennoch bedrohlich Besitz von der gesamten Bühne, achtarmig und glotzend und einer mit Hut (Thomas Schmauser) tritt auf und erklärt, das alles „mit mir nichts zu tun hat, sondern mit euch“.

Und ein anderer der siebenköpfigen Mannschaft, die sich die „Glorreichen Sieben“ nennt, verheddert sich zuweilen, spricht das Passing wie Pasing, muss sich erklären lassen: also, mein Junge, es geht um Passing und nicht Pasing. Damit das mal klar ist im grundsätzlich Unklaren, denn Pasing ist ein Stadtteil (nicht ein Vorort) von München und Passing, ja, was ist Passing?, ein Vorübergehen, eine Vorläufigkeit, ein Synonym für Veränderung –, weil eben nichts Bestand hat und alles sich ständig verändert, verändern muss, um die Verhältnisse menschlich zu gestalten. Die Personen zuvörderst, aber vor allem die Gesellschaft, die aufgebrochen werden muss, weil sie im Zustand sozialer Ungerechtigkeit zementiert ist.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy  -  was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Warum, wird gefragt (Kathrin Angerer), ist Theater also nicht ein Flugblatt, eine Art Mitteilung im Vorübergehen, zu einem Flugblatt am Boden muss man sich tief herabbeugen, womöglich noch in den Dreck hinein, wo die Armen kriechen und ihr Leben fristen –, und so, eben in gebückter Haltung, kann man lesen, was zu sagen ist: zu der Zeit und den Zuständen und den schreienden sozialen Ungerechtigkeiten.

René Pollesch ist bekennender Linker, ob das parteipolitisch zu verstehen ist, sei dahingestellt, jedenfalls einer in der Tradition von Bert Brecht – und insbesondere Erwin Piscator, der im Berlin der 20-er Jahre mit den Begriffen episches und proletarisches Theater Furore machte. Das Theater als quasi-politische Institution, die auf die Zustände aufmerksam macht, das Bewusstsein der Unterdrückten schärft und eben das Passing einleitet.

Auf Polleschs Bühne wuseln unter der Spinne die Ideen nur so hin und her, eine Handlung gibt es nicht (es fehlt bewusst die Benennung eines Autors, alles ist Inszenierung, erschöpft sich darin), nur eben – warum auch nicht?! –  Gedankenanstöße und kritische Anmerkungen, dass den chronischen Lachern eigentlich der Humor vergehen müsste. Figuren und Handlungen „sind nicht zu greifen. Wohl aber die Schauspieler“, heißt es an einer Stelle. Eben allein das Konkrete, Fassbare, „die Normalität ist das Geilste. Aber sie muss natürlich jedem zustehen.“

Quod erat demonstrandum. Die Leute wollen sehen, wie es mit ihnen abwärts geht. Oder wie es ihnen gut geht. Und was sich verändern muss. Das Passing als Zustand.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy - was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Da braucht es keine Vorne und Hinten, keine Geschichte, die sich entwickelt und zu einem Ende kommt wie im traditionellen Theater. Das Denken und Mitdenken ist die Geschichte selbst. Avantgarde pur.

Vor allem also: keine Fantasien, die eine Realität nur vorspiegeln und Lüge sind. Ein Video wird eingeblendet, verdrängt für kurze Zeit die Spinne. Einige der Schauspieler in einer himmelstrebenden Gebirgslandschaft. Einer tritt an den Rand eines Felsens, unten gähnt der filmische Abgrund. Noch einen Schritt, denken die Zuschauer, und er stürzt in die Tiefe. Und er tut den Schritt –, stürzt aber keineswegs in die Tiefe, sondern tritt auf die Leinwand, die sich eindellt. Man merkt: allein die Realität zu zeigen, ist die Absicht, es gilt, die Illusion des Theaters zu desillusionieren, das Gemachte als gemacht zu entlarven. Weil die gesellschaftliche Lüge allgegenwärtig ist und die Masken heruntergerissen werden müssen. Danke René Pollesch. Wir haben es freilich schon immer gewusst. Aber es wird so selten gesagt – und fast nie gezeigt. Bewusst verschwiegen.

Oder noch so ein Gedanke im Bewegungspiel, hingeworfen und aufgegriffen und durch die Mangel gedreht an diesem im Grunde recht schwierigen Abend, der einem als Zuschauer ganz schön was auflädt an Nachdenklichem: „Wir brauchen keine Abgründe. Stattdessen in die Abgründe der Begriffe blicken!“ Da drängt sich doch dem Rezensenten der Gedanke an Adornos Negative Dialektik auf: „Kein Sein ohne Seiendes“.  Die das sogenannte Nicht-Identische (gemeint ist das konkrete Leben, das sich nur schwer zusammenfassen lässt) schluckenden, unterjochenden Begriffe sind das Erzübel unter der Herrschaft des Diktators Vernunft, in Sonderheit der „ökonomischen Vernunft“, die schlechthin alles verdinglicht und zur Ware macht. „Theorien bringen gar nichts, außer im Angesicht des Bodenlosen“, heißt es an einer Stelle. Die wahren Abgründe –, das sind die Begriffe.

Und dann wieder die Spinne mit ihren kalten blinkenden Augen. Wie wäre folgender Gedanke, lieber René Pollesch?: die Spinne webt und webt und wirft ihr Gedankennetz über das ganze Land. Und dann zerreißt ein einziger Windstoß das gesamte Konstrukt.  Weg ist es. Wie unter Umständen das ganze Leben. Man geht vom Theater zum Marienplatz in die überfüllte  U-3. Und einer, den das Corona-Virus im Griff hat, hustet einen an. In vier Wochen bist du weg. Passing.           Nachdenklicher Beifall

„Die Glorreichen Sieben“  – Darsteller:  Kathrin Angerer,  Max Bretschneider, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz, Thomas Schmauser

Passing in den Münchner Kammerspielen; die nächsten Vorstellungen 7.3.; 24.3.; 30.3.; 12.4.; 19.4.; 30.4.2020

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

München, Münchner Kammerspiele, Die Attentäterin – Yasmina Khadra, IOCO Kritik, 1.12.2018

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

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Münchner Kammerspiele

Die Attentäterin  –  Yasmina Khadra

– Wahrheiten statt Wahrheit –

Von Hans-Günter Melchior

Der im Iran geborene Regisseur Amir Reza Koohestani hat sich eines bemerkenswerten Buches angenommen und daraus ein Theaterstück gemacht: Die Attentäterin von Yasmina Khadra (Pseudonym des in Frankreich lebenden, in Algerien im Jahre 1955 geborenen Autors Mohammed Moulessehoul).

Man tut gut daran, vor dem Besuch des Stücks den Roman zu lesen. Man hat mehr von dem streckenweise leider allzu hastig und im akustisch schwer verständlichen Umgangstonfall heruntergesprochenen hochbrisanten Text, der letztlich deutlich hinter dem Roman zurückbleibt. Dabei geht es gleichsam um alles: um den Frieden – und man greift nicht zu hoch, wenn man sich für das Wort Weltfrieden entscheidet

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Amin Jaafari (Thomas Wodianka) ist Araber. Er besitzt die israelische Staatsangehörigkeit und arbeitet als erfolgreicher Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Er ist mit Sihem (Mahin Sadri), einer Palästinenserin, verheiratet. Die Ehe ist – jedenfalls aus der Sicht Amins – sehr glücklich, Amin liebt Sihem und diese, folgt man seiner Darstellung des Ehelebens, kann sich nicht genug tun, ihn auch ihrer Liebe zu versichern. Das Ehepaar lebt im Wohlstand, Amin erhielt Auszeichnungen für seine ärztlichen Leistungen, genießt stadtweit Anerkennung. Die Eheleute bewohnen ein eigenes Haus, sie bewegen sich in einem stadtbekannten Freundeskreis der oberen Schicht.

Zu dem Zeitpunkt, in dem das Stück spielt, ist Amin allein. Sihem ist vor drei Tagen verreist, angeblich will sie ihre Großmutter besuchen. Amin erwartet stündlich ihre Rückkehr, ruft zu Hause an. Sihem meldet sich nicht. Amin wird von seiner Freundin und Kollegin Kim (Maja Beckmann) beruhigt: die Verkehrsverhältnisse, Ferienbeginn und so weiter (In Wahrheit war Sihem, wie sich freilich erst später herausstellt, nicht bei der Großmutter).

In der Klinik trifft eine Alarmmeldung ein: in einem nahegelegenen Restaurant wurde ein Selbstmordattentat verübt: mindestens 11 Tote (später erhöht sich die Zahl auf 17), zahlreiche Verletzte, zum Teil schwer. Unter den Opfern sind mehrere Kinder, die sich zu einer Geburtstagsfeier im Restaurant befanden. Die noch lebenden Opfer werden in der Klinik eingeliefert. Amin operiert bis zur Erschöpfung, fährt in der Nacht, mit den Kräften am Ende, nach Hause. Sihem ist immer noch nicht zurück. Kaum hat er sich zum Schlafen niedergelegt, als ein Anruf aus der Klinik kommt: er müsse unbedingt sofort erscheinen, es sei sehr wichtig. In der Klinik wird ihm kaum mehr als ein fast unversehrter Kopf einer toten Frau zur Identifizierung vorgelegt. Es ist der Kopf seiner Ehefrau Sihem, der Körper ist völlig zerfetzt.

Die ersten Untersuchungen führen zu einem Ergebnis, das Amins Leben fundamental verändern wird, ihn gleichsam aus der Bahn wirft: dem Zustandsbild des Körpers nach muss es sich bei Sihem um die Attentäterin handeln, die einen Sprengstoffsatz gezündet hat. Amin steht am Anfang einer langen Reise, die dem Ziel dienen soll, die wahre Identität seiner Ehefrau zu erforschen…

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Das Stück beginnt in den Minuten, die der Attentatsmeldung vorausgehen. Amin führt an einem langen Tisch eine eher etwas läppische Diskussion mit seiner Kollegin Kim über die Länge der Penisse in verschiedenen Ethnien, wobei die Araber im Vorteil sein sollen. Über dem Tisch flimmer in Videoaufnahmen die übergroßen Köpfe der Protagonisten. Dann trifft die Attentatsmeldung ein. Amin zählt Sihem zunächst zu den unschuldigen Opfern des Attentats. Erst als ihm ein Brief Sehims, in dem diese sich zu dem Attentat bekennt, übergeben wird, fällt er aus seiner bisherigen Ordnung. Es beginnt die Odyssee, die zu der Sihem führen soll, die sie wirklich war.

Es ist zugleich die Konfrontation mit verschiedenen Wahrheiten und Lebenseinstellungen. Palästinensische Wahrheit gegen israelisch-westliche Wahrheit. Opfertod und pathetische Verklärung des Freiheitskampfes auf der einen Seite, Lebensglück, Lebensfeier, westliche Hedonie auf der anderen.

Zunächst aber wird Amin vom Kommissar Moshe (Samouil Stoyanow) inhaftiert, weil er dem palästinensischen Terrorismus zugerechnet wird. Sein jüdischer Freund und Polizeichef Naveed (Benjamin Radjaipur) erreicht seine Freilassung. Amin zieht vorübergehend zu Kim, weil seine Nachbarn die Fensterscheiben seines Hauses einwerfen und die Hauswände mit Zeitungsartikeln und Fotos der Attentäterin drapieren.

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Eindrucksvoll der lange Monolog von Kims jüdischem Großvater Yehuda (Walter Hess), dessen Vater ein reicher Arzt in Berlin war als Opfer der nazistischen Judenverfolgung ermordet wurde.

Amin sucht Verwandte in Bethlehem auf, reist nach Jerusalem, immer mit dem Ziel: Sihems wahre Identität zu erforschen, zu jenen arabischen Kreisen vorzudringen, die ihm Aufschluss über die Hintergründe von Sihems Tat verschaffen können. Schließlich fährt er auch nach Palästina, trifft seinen Neffen Adel (in einer Doppelrolle Benjamin Radjaipour; wie überhaupt außer Amin und Sihem jede Rolle doppelt besetzt ist, was offenbar der großen Verwandtenzahl geschuldet ist), der ihm die ganze Wahrheit offenbart: sein Haus in Tel Aviv war ein konspirativer Treffpunkt des palästinensischen Widerstands. Als Handwerker verkleidet kamen Palästinenser dorthin und trafen dort ohne Wissen Amins mit Sihem zusammen, von der sie heimlich finanziell unterstützt wurden.

Der lange Tisch. Er wird in jedem neuen Schauplatz geschwenkt, mal am Strand, mal dient er als Esstisch in der Familienrunde, mal steht er längs, mal quer. Mehr Requisiten gibt es nicht, braucht es auch nicht. Und immer wieder taucht Sihem (Mahin Sadri) in Videos über dem Geschehen oder als durch die Szene wandelndes Phantom auf. Über die Videos erklärt sie auf Farsi (Übersetzung in Übertiteln) ihren Standpunkt: sie hat sich entschlossen, ihr Leben in den Dienst einer höheren Sache zu stellen – der Gerechtigkeit und Freiheit, die jedes Opfer wert sind.

Während der Roman die verschiedenen Lebenshaltungen als unvereinbare Wahrheiten gegenüberstellt und sich konsequenterweise unentschieden verhält (weil eben Wahrheiten nicht austauschbar sind und es die eine Wahrheit nicht gibt), tendiert das Stück am Ende deutlich zum arabisch-palästinensischen Standpunkt. Amin, der Arzt, der sich als Lebenserhalter, ja Lebensretter versteht, wird er von den Verwandten geradezu niedergeredet. Die Israelis stehen als Landräuber da, die ein unterlegenes Volk mit Panzern und unschlagbaren Waffen (Steinschleuder gegen hochmoderne waffentechnische Ausrüstung) niederwalzen. Das verstimmt dann doch in seiner Einseitigkeit. Die politische Wirklichkeit ist viel komplexer.

Und die allzu hastig vorgetragenen Diskussionen ermüden. Als wolle man keine Gelegenheit zur Erwiderung zulassen. Es wird zum Schluss zuviel geredet und zu wenig Ambivalenz zugelassen. Der Regie fällt außer dem Austausch von Meinungen leider nicht mehr viel ein. So rettet sich der Abend zum Schluss doch etwas mühsam über die Runden. Ganz im Gegensatz zum Roman.

Aber es ist ein Abend, der danach unter den Besuchern zu heißen Diskussionen führt. Immerhin.

Die Attentäterin an den Münchner Kammerspielen; weitere Vorstellungen 22.12.2018

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