Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Peter Grimes – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 08.11.2019

November 7, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

PETER GRIMES  – Benjamin Britten

–  Scheitert aus Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen –

 
von Uschi Reifenberg

Gedenkmuschel an Benjamin Britten in Aldebrough © IOCO

Riesige Gedenkmuschel an Benjamin Britten am Strand von  Aldebrough © IOCO

Das Meer ist allgegenwärtig in dem kleinen Fischerdorf an der Ostküste Englands, es beherrscht in seiner Vielgestaltigkeit die Existenz der Dorfbewohner und durchdringt sämtliche Lebensbereiche. Es ist die zentrale Elementargewalt, der sich die Menschen in dem rauen Küstengebiet nicht entziehen können. Es schafft Begrenzung, ist Tor zur Freiheit oder  letzter Zufluchtsort.
In Benjamin Brittens Oper Peter Grimes fungiert das Meer als eigentlicher Hauptträger der Handlung und wird zur Projektionsfläche der Protagonisten, zum Symbol für die Abgründe und Stürme der menschlichen Seele. In seiner Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit spiegelt es aber vor allem das aufbrausende Naturell des unglücklichen Titelhelden Peter Grimes.

„Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer. (…) Als ich Peter Grimes schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben, ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen.“   (B. Britten 1945).

Peter Grimes – Benjamin Britten
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Britten wurde 1913 am Meer, in Lowestoft, Suffolk, geboren, und verbrachte bis zu seinem Tod 1976 fast sein ganzes Leben an der Ostküste Englands. Mit acht Jahren begann er bereits zu komponieren, 1933 beendete er sein Studium und mit 24 Jahren konnte er eine beachtliche Zahl an Kompositionen, vor allem im Bereich der Sinfonik, aufweisen. Auch als Dirigent Pianist und vor allem als Liedbegleiter erlangte er Weltruhm. 1937 begegnete Britten dem Tenor Peter Pears, mit dem ihn eine lebenslange Partnerschaft und eine ebenso lange fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit verband. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges verließ der erklärte Pazifist zusammen mit Pears die Insel und übersiedelte in die USA, wo er auch die Versdichtung The Borough (Die Gemeinde, 1810) von George Crabbe kennenlernte.

Dessen Erzählungen über ein kleines Fischerdorf in Suffolk weckten Brittens Sehnsucht nach der Heimat und so kehrte er 1942, mitten im Krieg, zurück nach England, wo er 1944 mit der Komposition seiner Oper begann. 1945 in London uraufgeführt, wurde Peter Grimes zu einem Welterfolg und hob Britten quasi über Nacht in den Rang eines englischen Nationalkomponisten, fast 300 Jahre nach Henry Purcell.

In Crabbes Erzählung Peter Grimes, ist dieser ein gewalttätiger Sonderling, der sich nicht in die Gesellschaft integrieren kann und will. Er ist für den Tod von drei Lehrjungen verantwortlich und wird deshalb von der Dorfgemeinschaft verfolgt und ausgegrenzt.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Britten und sein Librettist, Montagu Slater, erklärten 130 Jahre später den Konflikt der Titelfigur allerdings nicht aus dessen zweifelhaftem Charakter, sondern aus der Konfrontation des Einzelnen mit dem Kollektiv, ein Thema, das in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg eine besondere Aktualität erhielt. Slater und Britten machten aus Peter Grimes eine ambivalente Figur, dessen tragisches Scheitern aus dem Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen und unterdrückter Triebhaftigkeit resultiert. Der Titelheld weist damit in einem Aspekt Parallelen zu Benjamin Brittens eigener Biografie auf, der als homosexueller Künstler in England Mitte des letzten Jahrhunderts selbst auch ein Außenseiter blieb. Eindeutig thematisiert wird diese Problematik in Brittens Werk allerdings nicht.

Als Erneuerer der englischen Oper im 20. Jahrhundert wurde Britten zwar hochgeschätzt,
spürte aber, da seine Lebensführung nicht dem gängigen Gesellschaftsbild entsprach, die latenten Ressentiments und reagierte mit Schuldgefühlen und Rechtfertigungsdruck. Diese Problematik verarbeitete er in seinen späteren Opern Billy Budd oder Tod in Venedig.

Bei Britten ist der Fischer Peter Grimes ein Einsamer, ein Zerrissener, der nach seinen eigenen Maßstäben lebt und sich durch sein cholerisches und unangepasstes Wesen immer mehr ins soziale Abseits manövriert. Er ist von fanatischem Arbeitseifer besessen und hofft auf Wohlstand und Ansehen. Er beschäftigt einen Lehrjungen aus dem Waisenhaus, der beim gemeinsamen Fischen auf hoher See stirbt. In einem Gerichtsverfahren muss sich Peter Grimes für dessen Tod verantworten, aber da ihm keine Schuld nachgewiesen werden kann, wird er freigesprochen. Die Dorfbewohner halten ihn jedoch für schuldig und verfolgen ihn mit Argwohn. Der alte Kapitän Balstrode und die Lehrerin Ellen Orford, die ihn für unschuldig hält und von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm träumt, stehen ihm bei. Als Ellen aber bei einem zweiten Lehrjungen Verletzungen findet, stößt Peter Grimes sie von sich. Der aufgestaute Hass der Gemeinde richtet sich immer offensiver gegen ihn und Grimes verfällt in einen psychischen Ausnahmezustand mit Wahnvorstellungen. Als er vor der aufgebrachten Meute flieht, kommt auch sein zweiter Lehrjunge zu Tode. In seiner Ausweglosigkeit nimmt er den Rat von Balstrode an und versenkt sich selbst mit seinem Boot im Meer. Die Dorfgemeinschaft geht ungerührt ihren eintönigen Alltagsgeschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.

Bei Peter Grimes handelt es sich um eine zeitlose Parabel im Spannungsfeld von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Britten stellt das Schicksal des Außenseiters zur Diskussion, ist Peter Grimes ein schlechter Mensch oder wird er durch die Gesellschaft dazu gemacht. Eindeutige Aussagen werden nicht getroffen, Vieles bleibt im Dunkeln.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Brittens Musikstil ist geprägt von Komponisten wie Henry Purcell, Gustav Mahler, Igor Strawinsky und Dimitri Schostakowitsch. Der Verismo findet seinen Niederschlag in Brittens großem Erstlingswerk genauso wie traditionelle Elemente aus der englischen Volksmusik. Er hielt an einer erweiterten tonalen Tonsprache fest, auch wenn er von Avantgardisten seiner Zeit dafür kritisiert wurde. Peter Grimes ist zwar „durchkomponiert“, hat aber formal geschlossene Abschnitte wie Ensembles, ariose Teile und dramaturgisch bedeutende Orchesterzwischenspiele,die „Interludes“. Die zweite große Hauptrolle übernimmt der Chor.

Regisseur Markus Dietz und Bühnenbildnerin Ines Nadler haben ein beklemmendes abstraktes Einheitsbühnenbild geschaffen, das in seiner Reduktion die Trostlosigkeit und Düsternis der Handlung und der Naturgewalten widerspiegelt. Grautöne in verschiedenen Abstufungen bis hin zur totalen Finsternis sind vorherrschend. Eine bewegliche Zwischendecke mit variablen weißen Neonlichtern, die scharfe Kontraste setzen (Lichtregie: Florian Arnholdt), beherrscht den Bühnenraum, weitet oder verengt die Szene und passt sich den Seelenzuständen der Personen an. Karge, vereinzelte Requisiten wie Fangkörbe, Tische und Stühle oder ein hell strahlendes Kreuz, verdeutlichen Küste, Kneipe oder sakralen Raum. Wenn die Gemeinde sich zum Trinken trifft, sorgt eine einsame bunte Lichterkette vor dunklem Hintergrund für Feierstimmung.

Ab dem 2. Akt bedeckt Wasser den Bühnenboden knöcheltief, so dass sich alle Personen mit Gummistiefeln fortbewegen. Eine perfekte Metapher für die immer weiter zunehmende klaustrophobische Ausweglosigkeit der Situation. Die Dorfbewohner tragen unscheinbare Alltagskleidung (Kostüme: Henrike Bromber), lediglich die Kneipenwirtin Auntie und ihre beiden Nichten stechen aus der Masse hervor mit modischen bunten und aufreizenden Outfits.

Markus Dietz‘ differenzierte Personenführung zeigt das Kollektiv der Gemeinde in seiner bigotten, moralinsauren Kleinbürgerlichkeit als homogene Masse, aus der einzelne scharf gezeichnete Individualisten hervorstechen, die Funktionsträger der Gemeinschaft. Überwältigend, wenn der Chor eine geschlossene Phalanx an der Rampe bildet und seine Wut in den Zuschauerraum schleudert. Mit großer Sensibilität gelingt dem Regisseur die psychologische Feinzeichnung der Beziehung zwischen Balstrode, Ellen und Peter Grimes, die eine Insel der Mitmenschlichkeit in einer feindseligen Welt darstellt.

Die Gerichtsverhandlung zu Beginn wird vor dem „eisernen Vorhang“ abgehalten auf einem schmalen Raum vor dem Orchestergraben unter Einbeziehung der Seitenlogen. Die Gemeinde, das sind die Fischer und ihre Frauen, unterhalten sich laut. Plötzlich sieht man eine Videoeinspielung, die ein Kind zeigt, das mit dem Kopf nach unten im Wasser treibt. Das Bild kommt näher, das Kind wird gedreht, es ist tot. Die Verhandlung beginnt, Peter Grimes steht auf einem Stuhl und verteidigt sich, die Menge urteilt gegen ihn, der Richter plädiert aber auf Freispruch. Ellen Orford, die verwitwete Lehrerin des Dorfes, einzige Lichtgestalt im strahlend weißen Kleid, erscheint selbst wie die personifizierte Unschuld. Für einen kurzen Moment, in einem ergreifenden a capella Duett zwischen Ellen und Peter Grimes, scheint das Glück für beide greifbar, aber wieder schiebt sich das Bild des toten Kindes dazwischen. Es entfernt sich, und im Wasser treiben nun mehrere tote Kinder. Die Traumatisierung des psychischen Borderliners Peter Grimes wird evident, man ahnt, dass die schrecklichen Bilder ihn nicht mehr Ioslassen werden. Das harte Leben der Fischer, die ihre Fangkörben stapeln um sich vor der Sturmflut zu schützen, wird durch das Agieren auf schmalem Raum beklemmend dargestellt, ebenso die drückende Enge im Dorfpub, in dem die Bewohner dicht an dicht gedrängt sind und Tanz, Gesang und Alkohol die traurige Realität verdrängen sollen. Auch hier kann sich Peter Grimes nicht integrieren, und wird verspottet. Ein weiterer Junge aus dem Waisenhaus wird für ihn gebracht, aber Ellen kann ihn nicht mehr beschützen.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Zu Beginn des 2. Akt sieht man wieder eine riesige Videoeinspielung, diesmal mit fröhlich lachenden Jungen und Mädchen. Im Hintergrund betet die Gemeinde in der Kirche, von der Decke hängt ein großes Kreuz in leuchtendem weiß. Als die Gemeinde auseinandergeht, fallen Vorhänge herab und geben den Blick frei auf ein mit roter Farbe geschriebenes Wort: Murderer! Eine suggestive Szene mit thrillerartiger Schockwirkung. Nun beginnt die Hetzjagd auf den Ausgegrenzten, Fackeln werden an die Meute verteilt, die in der Nacht eine gespenstische Wirkung entfalten.

Nach dem unglücklichen Tod des zweiten Jungen verfällt Peter Grimes dem Wahnsinn, auf einem harten Tisch liegend, fährt er auf der Zwischenebene nach oben, nicht mehr erreichbar für Ellen, die zusammenbricht. Man wird Zeuge einer fast unerträglichen Steigerung menschlichen Elends. Eine Tragödie von antikem Ausmaß. Balstrodes Rat, sich auf dem Meer zu versenken, ist für Peter Grimes die logische Konsequenz. Das Dorf nimmt den Selbstmord ungerührt zur Kenntnis.

Roy Cornelius Smith ist die Inkarnation des Fischers Peter Grimes. Stimme, Darstellung und Gestaltung verschmelzen bei ihm zu einer perfekten Einheit. Mit seiner bis an die Grenzen gehenden Expressivität gelingt ihm ein faszinierendes Psychogramm der gequälten Seele, die er aufs Sensibelste auslotet. Heldentenorale Durchschlagskraft, lyrische Innigkeit und und eine variable dynamische Bandbreite stehen ihm ebenso zur Verfügung wie eine feinsinnig aus dem Wort entwickelte Tongebung.

Astrid Kessler gestaltet die empathische und aufrichtige Ellen Orford mit luzider Ausstrahlung und seelenvoller Hingabe. Mit großer Leuchtkraft und perfekt austarierter Piano Kultur erzeugt sie Spannungen von besonderer Qualität und findet Schattierungen von anrührender Zartheit und sehnsüchtiger Melancholie.

Das moralische Gewissen der Gemeinde, Captain Balstrode, der klug zwischen den Fronten vermittelt, wird von Thomas Berau mit großer Intensität und Charisma verkörpert. Seinen kraftvollen, tragfähigen Bariton setzt er mit Wärme in allen Lagen ein und beeindruckt auch mit vorbildlicher Diktion.

Sung Ha singt den Swallow souverän mit balsamischen Basstiefen, Raphael Wittmer als Bob Boles setzt mit kräftigem Tenor komödiantische Akzente. Ilya Lapich gestaltet den Ned Keene mit baritonalem Wohllaut und Rita Kapfhammer als Auntie strahlt mit leuchtenden Sopranhöhen. Reverend Adams singt Uwe Eikötter mit charaktertenoralem Glanz, Marie-Belle Sandis verleiht der umtriebigen Mrs Sedley schöne Mezzofarben und Lebendigkeit. Hervorzuheben ist Lavinia Dames von der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, die als „first Niece“ äußerst kurzfristig eingesprungen war und sich mit Ji Yoon, second Niece, blendend ins Ensemble einfügte. In weiteren stummen Rollen überzeugten Philipp Riehle als Boy John und Intendant Albrecht Puhlmann als Dr. Crabbe.

Der phänomenale Chor des NTM unter der Leitung von Danis Juris bewältigte die immensen Herausforderungen als wuchtigem Gegenspieler von Peter Grimes mühelos. Mit unter die Haut gehender Klanggewalt, rhythmischer Präzision und Textverständlichkeit beeindruckte der Chor auch darstellerisch als heterogenes Kollektiv, das seine Macht genussvoll ausspielt. Eine fantastische Leistung !

Der Engländer Alexander Soddy hat wohl eine besondere Affinität zu Brittens Musik, was an diesem Abend unschwer zu überhören war. Er steuert das Nationaltheater Orchester sicher durch die Klangfluten, mächtig brechen die Tutti-Wogen über den Solisten zusammen, grimmig brausen die Bläser-Stürme. Glitzernde Arpeggien von Harfe, Bratschen und Klarinetten und sehnsüchtige Violinen- Kantilenen lassen die „Dämmerung“, das 1. der „Interludes“, bei Soddy plastisch aufscheinen. Impressionistisch inspirierte Klangflächen, aus dem sich hohe und tiefe Glocken herauslösen, verdichten sich atmosphärisch zur Sonntagstimmung des 2. Interlude. Auch die melodisch und rhythmische Unbewegtheit des Nachtstücks gestaltet Soddy mit feinem Gespür für die kontrastierenden Spannungsabläufe von Brittens Musik.

Viel Beifall und Jubel im ausverkauften Opernhaus nach dieser herausragenden Produktion, die man auf keinen Fall verpassen sollte!

Besuchte Vorstellung: Premiere am 3. November 2019

Peter Grimes am Nationaltheater Mannheim, die weiteren Vorstellungen:  7.11.; 22.11.; 29.11.; 18.12.2019; 5.01.2020 …

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere Peter Grimes, 03.11.2019

Oktober 23, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Premiere »Peter Grimes« in der Inszenierung von Markus Dietz
Am Sonntag, 3. November um 19 Uhr im Opernhaus

Der Einzelgänger, der keine Chance in der Gemeinschaft und gegen deren Meinungsbildung hat und darum nur der Böse und Schuldige sein kann, ist der Konfliktstoff in Benjamin Brittens Oper »Peter Gries« aus dem Jahr 1945. Markus Dietz inszeniert an der Oper des Nationaltheaters den rauen Fischeralltag des englischen Dorfes und die ständige Bedrohung durch das Meer im so kalten wie imposanten Bühnenbild von Ines Nadler. Die Kostüme gestaltet Henrike Bomber. Premiere ist am Sonntag, 3. November um 19 Uhr im Opernhaus.

Für die Rolle des unglücklichen Fischers Peter Grimes ist der Tenor Roy Cornelius Smith, regelmäßiger Gast an den großen Opernhäusern und bei den internationalen Festivals, ans Nationaltheater zurückgekehrt. Astrid Kessler singt die Lehrerin Ellen Orford, Thomas Berau ist der Kapitän Balstrode. In weiteren Partien singen Rita Kapfhammer (Gast), Natalija Cantrak (Opernstudio), Ji Yoon, Raphael Wittmer, Sung Ha, Marie-Belle Sandis, Uwe Eikötter, Ilya Lapich und Marcel Brunner (Opernstudio).

Generalmusikdirektor Alexander Soddy dirigiert Chor und Orchester des Nationaltheaters.

Eine Einführungssoirée findet am Montag, 28. Oktober 2019 um 18.30 Uhr im Oberen Foyer statt – mit Hintergrundinformationen zu Stück und Inszenierung, einem Einblick in die Probe unter der Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy sowie mit Gelegenheit zum Nachgespräch.

Weitere Aufführungstermine sind der 7., 22. und 29. November sowie der 18. Dezember.

Karten sind ab 12 Euro (ermäßigt 9 Euro) erhältlich.

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Ballettpremiere b.41, 23.11.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballettpremiere b.41 am Samstag, 23. November 2019, um 19.30 Uhr

Jirí Kylián Forgotten Land / Martha Graham Lamentation / Martha Graham Steps in the Street / Martin Schläpfer Cellokonzert (Uraufführung)

die Ballett-Saison steht im Zeichen des Abschieds von Martin Schläpfer, der die Compagnie vor zehn Jahren als Ballett am Rhein neu formierte und an die Spitze der international anerkannten Tanzensembles führte. Im Programm b.41 stellt er seine letzte Uraufführung für sie vor: „Cellokonzert“ zur Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll.

Den Auftakt macht Ji?í Kyliáns „Forgotten Land“, das er 1981 für das Stuttgarter Ballett zu Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ kreierte. Inspiriert von der Einsamkeit der rauen Ostküste Englands erzählt Kyliáns Ballett in starken Bildern von Verlusten und Vergessen.

Mit „Lamentation“ und „Steps in the Street“ zeigt das Ballett am Rhein erstmals Werke von Martha Graham. Die US-amerikanische Tänzerin und Choreographin revolutionierte mit ihrer eigenen, vom Körperzentrum und den Prinzipien „contraction“ und „release“ ausgehenden Tanztechnik seit den späten 1920er Jahren die Ästhetik des Bühnentanzes. Ihr Solo „Lamentation“ ist ein eindringliches Stück über die Einsamkeit des Menschen. „Steps in the Street“, von den weltgeschichtlichen Ereignissen der 1930er Jahre geprägt, gilt als eine bis heute zeitlose Warnung vor Faschismus, Verfolgung und Krieg.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Linz, Landestheater Linz, The rape of Lucretia – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 12.10.2019

Oktober 11, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 The rape of Lucretia – Benjamin Britten

– Too late, Lucretia, too late! – or –  I refuse! –

von  Elisabeth König

 Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Benjamin Brittens dritte Oper, die Kammeroper rund um Ehre und Vernichtung einer treuen Frau wurde 1946 in Glyndebourne mit Kathleen Ferrier in der Titelrolle uraufgeführt. Das Libretto der Oper in zwei Akten schrieb Ronald Duncan nach dem Schauspiel Le Viol de Lucrèce von André Obey. Die Kammeroper arbeitet mit minimalen Mitteln zu großem Effekt; der griechische Chor ist auf zwei Erzähler reduziert und auch das nur 14 Instrumente umfassende Kammerorchester erzielt überraschend volle große Klangmomente.

Dennoch sollte der Oper historisch nur geringer Erfolg beschieden sein. Die Abstraktion der Handlung, die hochkomplexe Tonwelt, in die nur selten melodische Stimmführung einbricht, und die Bezugnahme auf christliche Mythologie und Erlösungsmetaphern (in einer Handlung ca 500 Jahre vor Christi Geburt), schaffen ein höchst vielschichtiges Werk, in welchem Britten nicht nur die Geschichte einer Vergewaltigung erzählt, sondern auch anschließt an den Gründungsmythos der römischen Republik und des christlichen Abendlandes.

In der in der Black Box des Landestheater Linz zur Aufführung gebrachten Produktion der Oberösterreichischen Opernstudios gelingt es der Inszenierung von Opernstudiochef Gregor Horres, mit simplen Mitteln szenenweise ungeheuer starke Momente auf die Bühne zu bringen.

The rape of Lucretia – Benjamin Britten
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Auf der als Laufsteg zwischen zwei Publikumstribünen konzipierten Bühne mit dem Orchester an der einen Längsseite und einem simplen Bühnenbild bestehend aus drei Zugtüren auf der anderen, spielten die SängerInnen mehr oder minder von allen Seiten umzingelt. Dies ermöglichte gewisse szenische Freiheiten und band das Publikum gelungen in das Stück mit ein, ließ es sozusagen zu Mitleidenden und Mittätern werden. Es erschwerte jedoch auch in manchen Momenten die emotionale und dramatische Steigerung. Die schauspielerische Stringenz war stellenweise unterbrochen durch Momente nicht inszenierten Stillstands bzw. Spannungsabfalls. In den Momenten der inszenierten Paralyse jedoch beginnt das Stück zu atmen und die SängerInnen schaffen große emotionale Momente, die sich auf das Publikum übertragen.

Die jungen SängerInnen waren durchweg von hohem Niveau, und meisterten akustische Herausforderungen des nicht unkomplizierten und trockenen Raumes ebenso mit Bravour wie mit musikalischer Präzision.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Rafael Helbig-Kostka in der Rolle des Erzähler /Männerchores beeindruckte mit perfekter nahezu britisch-klarer Diktion, eleganter Phrasierung und einem schönen, weichen Tenor, den man sich sowohl als Rodolfo in La Bohème als auch auf einer Lied-Bühne überzeugend vorstellen kann. Obgleich nur Beobachter und Berichterstatter, vermochte er es doch, mit emotionaler Tiefe und berührender Empathie mit den handelnden Personen auch dem Publikum als emotionaler Haltepunkt im Stück zu dienen.

Svenja Isabella Kallweit als sein weiblicher Gegenpart in der Rolle der Erzählerin /Frauenchores, zeigte nach einer kurzen Einsingphase einen klaren Sopran mit runder dramatischer Mittellage. Ihre perfekte Umsetzung der anfänglich unemotional beobachtenden und kommentierenden „Nachrichtenlady“ wich mit den Gräueln gegen die weiblichen Charaktere immer mehr einem Mitleiden und empathischer Identifikation.

Generell war die Verbindung von Erzähler und Erzählerin mit den handelnden Charakteren ihres jeweiligen Geschlechtes, die ja auch von Britten so komponiert ist, szenisch gelungen umgesetzt; besonders, wenn der Erzähler zum Sprachrohr der inneren Vorgänge des Tarquinius wird, und auch im Außen als sein szenischer Spiegel dient.

Als Prinz Tarquinius wusste Timothy Connor mit einer reifen und erwachsen-profunden Stimme zu überzeugen. Er vermochte es, von Anfang an eine gewaltbereite Virilität zu präsentieren, die in ihrer Aggression jeden Augenblick hervorzubrechen droht. Hieraus seine geifernd-lechzende Anziehung zu Lucrezia zu entspinnen, setzte das Publikum von Anfang an gekonnt unter psychologischen Druck und warf die Schatten der Tat voraus.

Philipp Kranjc in der Rolle des Collatinus, des mit Lucretia verheirateten römischen Generals, besticht mit schöner, weicher Stimme, und überzeugender und eleganter schauspielerischer Leistung. Der koreanische Bariton Seunggyeong Lee überzeugte in der Rolle des moralisch unambizionierten und maliziös stichelnden römischen Generals Junius.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble © Petra Moser

Florence Losseau in der Titelpartie der keuschen Lucretia begeistert mit schönem, warmen Alt, der sich stückbedingt nur selten zu dramatischen Ausbrüchen aufschwingen darf, jedoch mit klar verständlicher Diktion und Emotionalität punktet. Ihre großartige schauspielerische Leistung geht Hand in Hand mit Verständnis für die Menschlichkeit Lucretias und berührt in ihrer würdevollen Verzweiflung umso mehr. In der Rolle ihrer Amme Bianca weiß Sinja Maschke zu überzeugen und Etelka Sellei als Dienerin Lucia zeigt flötende Höhen und zierliche Piani.

Die feinfühlige und dynamische musikalische Leitung des Abends oblag Leslie Suganandarajah, dem neuen musikalischen Leiter des Salzburger Landestheaters, der mit seinem klaren, verständlichen Dirigat und hoher Energie Orchester wie Sänger sicher durch die trügerischen Klippen von Brittens Musik führte und dabei auch sichtbar gute Laune hatte und verbreitete. Das Linzer Bruckner Orchester spielte an diesem Abend souverän, wenn auch leider mit ein, zwei kleinen „Verstimmungen“. Sehr gelungen war auch das Wechselspiel von Orchestern und Sängern, das durch die räumliche Aufteilung entstand und das Publikum in das Bühnengeschehen miteinzubinden vermochte.

Die Bühnengestaltung von Jan Bammes, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, war schlicht, aber effektvoll: drei Türen, die Einblicke in das Leben der Charaktere ermöglichen, wie auch Brittens Oper in ihrer periodenhaften Behandlung des Stoffes Einblicke in deren Seelen bietet. Das Bühnenbild dient zusätzlich als Projektionsfläche für zwei Schlüsselszenen der Oper und wird von Regisseur Gregor Horres multifunktionell eingesetzt.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Hervorzuheben sind zwei Momente dieser Oper, die notorisch schwierig darzustellen sind  und vom Regisseur meisterhaft gelöst wurden. Tarquinius‘ lustgeifernder nächtlicher Ritt nach Rom ist als projizierte Autofahrt durch die reizüberflutenden Straßen Roms dargestellt, deren stilisierte Bilder mehr und mehr den Fokus verlieren, bis er schließlich bei Lucretia ankommt.

Die Vergewaltigungsszene fand – entgegen befürchteter Gewaltexzesse im Stil des deutschen Regietheaters – hinter verschlossenen Türen statt. Lucretia wird an den Haaren von der Bühne geschleift, und die Türe schließt sich, um einer Projektion eines eine Gazelle jagenden Geparden Platz zu machen. Die Gleichsetzung der Vergewaltigung mit einem Tötungsakt im Tierreich ist ein eindrucksvolles Bild und kann als Metapher für den ganzen Abend dienen.

Männer werden hier mit Raubtieren gleichgesetzt, die in ihrem Egoismus über Leben und Ehre, Frauenschicksale und Tod verfügen. Die Tyrannei der etruskischen Regierung Tarquinius über das wehrlose römische Volk ist widergespiegelt in der Tyrannei seines Sohnes über die wehrlose und schuldlose Frau.

Vergewaltigung ist nicht nur körperlicher Besitz, es ist Besitzergreifung der Identität und Seele des Opfers und absolute Macht über dieses. Lucretias Integrität und Charakter muss nicht nur in Frage gestellt werden, sie muss vernichtet und ausgelöscht werden durch private Schmach und öffentlich-politische Demütigung. Auch die Liebe ihres Gatten vermag den traumatischen Übergriff nicht auszulöschen. Die Vergewaltigung bedeutet für sie nicht nur Schande, sie bedeutet die komplette Eradikation alles Guten in ihrer Welt, und angesichts dieser Auslöschung ist ihr einziger Weg der Tod.

Generell hervorzuheben ist die szenische Eleganz, mit der das schwierige Thema behandelt war. In einer Zeit, in der #metoo aus dem Theatergeschehen auf vielfältige Weise nicht wegzudenken ist, versetzte der Regisseur den Gewaltakt in die Vorstellung und Fantasie des Publikums, anstatt ihn tatsächlich auf der Bühne stattfinden zu lassen.

So dankbar das Publikums schien, nicht mit der rohen Brutalität einer aktiv sichtbaren Vergewaltigung umgehen zu müssen, und so gelungen die Bilder Ersatz und Erklärung boten, so erstaunlich wenig Schockwirkung schien die Szene tatsächlich auszulösen. Erst das Erwachen Lucretias am Morgen danach und ihre Reaktion lösten diese aus. Ob dies genug Appell gegen die Schändung und Auslöschung einer Frau war, möge sich jeder in den kommenden Vorstellungen selbst beantworten.

Das Nachspiel, in welchem die menschliche und drückende Hoffnungslosigkeit der Figuren durch die Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz gelindert und überhöht wird, scheint angesichts der weltweiten Realität nahezu zynisch zu klingen. Und doch kann der Mensch angesichts der erschütternden Tragödie nur mit dem Glauben und der Hoffnung auf ein besseres Morgen weiterleben.

Mit diesem Hoffnungsschimmer endete ein aufwühlender und doch toller Opern-Abend

The rape of Lucretia am Landestheater Linz; die weiteren Vorstellungen 12.10.; 17.10.2019

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

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