Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Albert Herring – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 25.07.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

  ALBERT HERRING   –  Benjamin Britten

– Eine herrlich leichtfüßige Gesellschaftsparodie –

von Uschi Reifenberg

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Nach der überaus schwierigen und herausfordernden Spielzeit 20/21 setzte das Nationaltheater Mannheim nun mit einer humorvollen und farbenfrohen Neuinszenierung von Benjamin Brittens komischer Oper Albert Herring in der Regie von Cordula Däuper und der musikalischen Leitung von GMD Alexander Soddy einen gelungenen und vergnüglichen Schlusspunkt.

Benjamin Brittens vierte Oper kommt als herrlich leichtfüßige Gesellschaftsparodie daher, eine Kammeroper, in der dreizehn Musiker, (den Dirigenten eingeschlossen), einem dreizehnköpfigen Sängerensemble auf der Bühne gegenüberstehen. Hier wimmelt es von skurrilen Typen und schrägen Charakteren, eine veritable Satire auf die spießige Verklemmtheit in einer englischen Kleinstadt am Anfang des vorigen Jahrhunderts.

Albert Herring – Nationaltheater Mannheim
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
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Noch hatte das britische Empire zu dieser Zeit die Fesseln des Viktorianischen Zeitalters nicht vollständig abgestreift, es herrschen Prüderie, Doppelmoral und Standesdünkel, Außenseiter werden gemobbt und gesellschaftlich geächtet.

Brittens zentrales Thema kreist immer wieder um das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft wie in den tragischen Stoffen Peter Grimes, den er zwei Jahre zuvor komponiert hatte, in Billy Budd oder auch Death in Venice. Da Britten mit dem Tenor Peter Pears seine Homosexualität offen lebte, diese aber in England erst 1967 legalisiert wurde, befand er sich selbst als populärer Außenseiter in einer gesellschaftlichen Grauzone.

Britten schrieb 1946/47 die komische Oper Albert Herring in drei Akten und fünf Bildern für seine „English Opera Group“, die er eigens zur Verbreitung englischer Opern und seiner eigenen Werke gegründet hatte. Das Libretto verfasste Eric Croizier nach der Novelle von Guy de Maupassant   Der Rosenjüngling der Madame Husson.

1947 in Glyndebourne uraufgeführt, sprudelt dieses Kammermusikalische Kleinod nur so von parodistischen Einfällen, Witz, Ironie, und überraschenden Pointen. Der stilistische Zitatenreichtum und die vielfältigen musikalischen Verweise reichen quer durch die Musikgeschichte, von Purcell über Wagner, traditioneller italienischer Oper, englischer Volksmusik bis hin zu Kurt Weill und Musicals. Jeder Figur ist ein musikalischer Stil zugeordnet, der die jeweiligen Charaktere unterstreicht oder parodiert.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring - hier : Christopher Diffey und Ensemble @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring – hier : Christopher Diffey und Ensemble @ Hans Joerg Michel

Der Handlungsablauf ist überschaubar: Im fiktiven Küstenstädtchen Loxford soll dem moralischen Verfall Einhalt geboten werden. Die selbst ernannte Tugendwächterin Lady Billows will -zusammen mit einem Sittenkomitee – bestehend aus  Bürgermeister, Pfarrer, Polizist, Lehrerin und ihrer Haushälterin, die Maikönigin ausrufen, die für Alle ein Vorbild an Tugend und Sittsamkeit sein soll. Da es im Dorf aber kein Mädchen gibt, das diesen Ansprüchen genügt, wird ein junger Mann vorgeschlagen, Albert Herring. Etwas einfältig und verklemmt wie er ist, schuftet er brav im Gemüseladen seiner Mutter, die ihn gehörig unter der Fuchtel hat.  Bei der Krönung zum „Maikönig“ auf dem Festplatz, schütten ihm das befreundete jugendliche Pärchen Sid und Nancy Rum in die Limonade. Dadurch dermaßen enthemmt, macht Albert sich nachts heimlich aus dem Staub, stürzt sich ins Nachtleben, und erlebt- erlöst von seinen inneren Zwängen, endlich geistige und sexuelle  Befreiung. Da er noch am nächsten Tag verschwunden bleibt, wird er von der gesamten Sippschaft für tot erklärt, bis er plötzlich total ramponiert erscheint. Er weist seine nun erboste Mutter in die Schranken und macht sich auf, ein neues, selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

Benjamin Britten Wort - in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Wort – in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Das Inszenierungsteam um Cordula Däuper hat eine fantastisch bunte Welt geschaffen, in der uns ein schrilles und surreales Arsenal an Figuren und Bildern überwältigt.

Der Bühnenraum wird ausgefüllt von einem riesigen, leicht schräg ansteigenden Tisch, der weit in den Hintergrund verlängert ist und als Spielfläche für das gesamte Stück dient. (Bühnenbild: Friedrich Eggert).  Darauf ist gewissenhaft ein Großmutter-Spitzendeckchen drapiert, auf welchem die Haushälterin Mrs Pike im Zimmermädchen-Look staubsaugt. (Kostüme: Sophie du Vinage). Es herrscht Ordnung und Sauberkeit.

Cordula Däuper tischt humorvoll und detailverliebt ein Kaleidoskop an Stilen und historischen Bezügen vom Barock bis zur Gegenwart auf, das bestens mit Brittens origineller und einfallsreicher Partitur korrespondiert. Die Figuren sind treffend karikiert, teils bis ins Groteske überzeichnet, werden aber in ihrer psychologischen Struktur und Scheinheiligkeit entlarvt.  Denn hinter der Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit brodelt es gewaltig, tun sich ungeahnte Abgründe auf.

Moralische  Erstarrung, die Angst vor Erneuerung und Erweiterung der fest gefügten Gesellschaftsordnung zwingt die eingeschworene Gemeinde zu sinnentleerten Ritualen, die Opfer fordern. Erst im Bewusstsein von Alberts Tod im 3. Akt blickt man hinter die Fassaden, zeigen die Dorfbewohner Reue und echte Betroffenheit.  Die bunte Zuckerwatten-Welt weicht einer grau -trüben Realität.  (Licht: Damian Chmielarz). Gezeigt wird nun die Tristesse hinter der Idylle. Farblose Häuser senken sich von oben herab, ähneln Brittens Haus in Lowestoft. Ergreifend vereinen sich die neun Stimmen der Akteure zu einem Klagegesang von großer Intensität und echter Trauer.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring hier Ensemble @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring hier Ensemble @ Hans Joerg Michel

Cordula Däuper verkleinert nach Herzenslust ins Miniaturformat  oder vergrößert ins Überdimensionale wie beim Festessen, wenn knallbunte riesige Kuchen, Gläser oder Pommes Teller hereingefahren werden, in denen sich die Honoratioren der Stadt genüsslich suhlen.

Witzige „Verzwergungen“ erfahren der Obstladen von Alberts Mutter, aus welchem sich wie aus dem Kasperle-Theater Albert herauszwängt. Anrührend ist die Szene, wenn sich Alberts Mutter beim vermeintlichen Tod ihres Sohnes  verzweifelt in sein winziges  Kinderbettchen hineinlegt. Wir treffen außerdem  den virtuosen Puppenspieler (Christian Pfütze) wieder, der mit Albert-Marionette die verdoppelten Identitäten respektive dessen alter ego treffend konterkariert und seine geheimen Wünsche und Sehnsüchte sichtbar macht. Am Ende ist es Albert selbst, der die Fäden der Marionette durchschneidet, eine symbolstarke und bewegende Geste.

Fast gruselig taucht immer wieder der monströse Puppenkopf der Mutter auf, eine Art Über-Ich Alberts, das ihm jegliche Sinnenfreuden oder Lebenslust verbietet. Einschüchternd  droht eine riesige Pranke, die den wehrlosen Jungen fest im Griff hat. Unsicher und zweifelnd sieht sich das  Muttersöhnchen im Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Pflichterfüllung, noch unfähig, sich seine Träume und Hoffnungen einzugestehen.

Christopher Diffey als Albert Herring mit biederer, mädchenhafter Frisur, Latzhose und Gummistiefeln, zeigt überzeugend die Entwicklung des bis zur Selbstverleugnung angepassten  Jungen zum selbstständig handelnden Individuum, zunächst mit fein gezeichneten lyrischen Tenorfarben. Später, wenn er sein bis dahin ungelebtes Leben im Monolog reflektiert, gibt er der Stimme zunehmend Glanz und Format. Mit kraftvollen und eindringlichen Aufschwüngen lehnt er sich gegen sein vermeintliches Schicksal  auf.

Benjamin Britten Grab in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Grab in Aldeburgh © IOCO

Das Sängerensemble besticht weiterhin durchweg mit vokalen und darstellerischen Glanzleistungen:  Caroline Wenborne gibt der Moralapostelin Lady Billows mit barockem Pomp und royaler Attitüde zweifelhafte Autorität und beherrscht ihre kleinstädtischen Untergebenen mit ihrem voluminösem dramatischem Sopran und exzellenter Bühnenpräsenz.

Das junge Liebespaar Sid und Nancy, quietschbunt und rockig ausstaffiert, verkörpert die Selbstbestimmtheit  einer neuen Generation, die ihre Gefühle auslebt und Einschränkungen nicht akzeptiert. Ilya Lapich mit klar fokussiertem Bariton, der als kluger Schnapsmischer den Stein ins Rollen bringt und Shachar Lavi mit schönem und leicht ansprechenden Sopran, agierten bestens aufeinander abgestimmt.

Florence Pike ist in ihrer moralischen Eilfertigkeit fast noch kompromissloser als Lady Billows, sie wird von Almuth Herbst mit herrlicher Ironie und viel stimmlicher Leuchtkraft ausgestattet.

Estelle Kruger besticht als hibbelige Lehrerin Miss Wordsworth mit funkelnden Koloraturen und herrlich spiessigem Habitus. Den selbstgefälligen, kleinbürgerlichen Bürgermeister Mr. Upfold gestaltet Jonathan Stoughton mit heldentenoraler Durchschlagskraft und klischeehaftem Politiker-Gebaren.

Einmal mehr bestätigt Thomas Jesatko seine Vielseitigkeit. Mit flexiblen und ausladendem Bariton verwandelt er die wolkigen Phrasen des Pfarrers und seine Predigt über die Tugend in puren Wohllaut.

Julia Faylenbogen stattet Alberts Mutter mit satten klangschönen Mezzofarben aus, akzentuiert mit ihrer Resolutheit und wirkt anrührend im Schmerz um den vermeintlichen Verlust ihres Sohnes.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring - hier : Christopher Diffey, Caroline Wenborne, KS. Thomas Jesatko, Almuth Her @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring – hier : Christopher Diffey, Caroline Wenborne, KS. Thomas Jesatko, Almuth Her @ Hans Joerg Michel

Das Dorfestablishment wird komplettiert vom Polizisten Budd, der als erster Albert als Maikönig vorschlägt. Bartosz Urbanovicz rundet die Sängerriege mit schönem und vollem Bass ab. Quirlig und stimmlich tadellos wirbeln Nayun Lea Kim, Alma Ruoqui Sun und Constantin Jacob als Kinder aus dem Dorf über die Bühne.

GMD Alexander Soddy, schließlich,  und die solistisch besetzten Orchestermusiker:  Sie alle musizieren und agieren, dass es eine Freude ist, perfekt gelingt die Harmonie zwischen Bühne und Instrumentalisten, jede Regung der Sänger wird im Orchestergraben  nuanciert beantwortet. Mit schlankem, kammermusikalischen Klang lässt Alexander Soddy Brittens Melodik schillern und versteht sich bestens auf das stilistische Kunterbunt. Die pointenreiche, satirische Tonsprache ist bei ihm in den besten Händen. Humorvoll werden die musikalischen Anspielungen präsentiert, transparent ausgestaltet sind die Rezitative mit der exzellenten Klavierbegleitung, die als geordnetes Chaos eine koordinatorische Meisterleistung darstellen. Die Musiker schwelgen im üppigen Melos, ohne ins Kitschige abzudriften.

Soddy lässt ideale  Klangbilder entstehen. Da hört man pompöse Händel-Anklänge, wenn Lady Billows angekündigt wird, schmettert Marschmusik bei der Wahl zum Maikönig, oder es erklingt ein Fugato, das Ordnung ins Durcheinander bringen will. Mal leuchten üppige Puccini-Kantilenen, dann wieder man freut sich, Wagners Tristan-Motiv erkannt zu haben, wenn Sid den Rum ins Glas mixt. Auch Siegfrieds Hornruf lässt grüssen, der den Anti-Helden Albert strahlend karikiert.

Benjamin Britten Wort - in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Wort – in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Hervorragend alle 12 Musiker des kleinen Orchesters:  Sorin Strimbeanu (Violine 1), Dennis Posin (Violine 2), Clémence Apffel-Gomez (Viola), Fritjof von Gagern (Violoncello), Johannes Dölger (Kontrabass), Robert Lovasich (Flöte), Jean-Jaques Goumaz (Oboe), Martin Jacobs (Klarinette), Antonia Zimmermann (Fagott), Andreas Becker (Horn), Lorenz Behringer (Schlagwerk), Eva Wombacher (Harfe), Elias Corrinth (Klavier).

Ein spaßiger und unterhaltsamer Theaterabend, der dennoch viel Nachdenkliches zu bieten hat. Das begeisterte Publikum spendete viel Applaus

Albert Herring; am Nationaltheater Mannheim; die nächste, letzte Vorstellung der Spielzeit am 28.7.2021;  ausverkauft

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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Hannover, Staatsoper Hannover, APRIL 2021 – The Turn of the screw, Liebestrank …, IOCO Aktuell, 18.3.2021

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

DIE STAATSOPER HANNOVER IM APRIL 2021

Die Premiere von Brittens The Turn of the screw, das Visual Concert Mythos mit visuellen Welten von Tal Rosner und vieles mehr werden online gezeigt

Da es weiterhin sehr unsicher ist, ob die Staatstheater Hannover nach Ostern vor Publikum werden spielen können, spiegelt die Staatsoper ihre April-Vorstellungen ins Internet: Der ursprünglich für das Opernhaus disponierte Spielplan für April wird dabei mit nur wenigen Abweichungen in einen Online-Spielplan auf staatsoper-hannover.de übernommen.

Benjamin Britten Denkmal in Aldebro © IOCO

Benjamin Britten Denkmal in Aldebro © IOCO

So wird Benjamin Brittens Oper The Turn of the screw, in einer Inszenierung von Immo Karaman und unter der musikalischen Leitung von Hannovers Generalmusikdirektor Stephan Zilias, online Premiere feiern – ein Psychokrimi zwischen Menschen- und Geisterwelt auf der Opernbühne, eindrucksvoll und rätselhaft.

Auch ein sehr besonderes Konzert findet seinen Weg ins Internet: Mythos, ein visuelles Konzert mit Musik von Jean Sibelius. Selten gespielte Tondichtungen des finnischen Komponisten treffen dabei auf die abstrakten visuellen Welten des israelisch-britischen Videokünstlers Tal Rosner. Rosner – mit Konzert-, Theater- und Tanzprojekten oder Modenschauen international gefragt – arbeitet für Mythos zum ersten Mal in Deutschland.

Die Reihe Stimmen wird mit Stimmen der Nacht: Liebeslieder fortgesetzt, einer genreübergreifenden Musiktheater-Performance zum größten aller Themen. Kleine Geschichten von großen Verletzungen und die nicht aufzuhaltende Energie der Liebe – hier treffen sie aufeinander.

Ein Liebestrank – hier die lebensnahe Arie des Dulcamara 
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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Der April bringt die Wiederaufnahme einer Produktion aus der Intendanzzeit von Dr. Michael Klügl. In Donizettis Liebestrank, der mit Abstand romantischsten aller italienischen Opern des 19. Jahrhunderts, bezaubern die Ensemblemitglieder der Staatsoper, unter ihnen Neue-Stimmen-Gewinner Long Long, mit Kabinettstückchen von hoher Virtuosität.

Die online bereits gezeigte Ballett-Produktion Der Liebhaber und die Oper Trionfo. Vier letzte Nächte werden wegen anhaltend hohen Abrufzahlen erneut gestreamt.

Aufgrund des langen Lockdowns kann die Staatsoper ihre Produktionen nicht mehr kostenlos anbieten. Zuschauer*innen haben jedoch die Wahl, welches Ticket sie erstehen möchten: Ein ermäßigtes Ticket kostet 5 €, der Standard-Preis beträgt 10 €. Fans können ihre Verbundenheit mit Oper, Ballett und Konzert durch den Erwerb eines Förder-Tickets zu 35 € ausdrücken. Zu sehen bekommen die User*innen stets dasselbe Angebot. Der Vorverkauf startet am Mittwoch, 24. März, auf staatsoper-hannover.de.

Darüber hinaus bietet die Staatsoper im Rahmen ihrer Online-Reihe „On Air“ weiterhin kostenlos Podcasts und eine Vielzahl an unterschiedlichsten Workshops an. Zu allen Stream-Produktionen wird eine kostenlose Audio-Einführung zur Verfügung stehen.

Tickets wahlweise 5 €, 10 €, 35 €    –  HIER !  unter www.staatsoper-hannover.de

STAATSOPER HANNOVER – STREAMS IM APRIL 2021

Di 13.04., 19:30 Uhr
Der Liebhaber
Ballett von Marco Goecke nach Marguerite Duras

Fr 16.04., 19:30 Uhr
Mythos
Visual Concert
Video und Raum: Tal Rosner. Musik: Jean Sibelius

Sa 17.04., 19:30 Uhr
L’elisir d’amore    Der Liebestrank
Oper von Gaetano Donizetti

Der Lieberhabe – und das Staatsballett Hannover
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So 18.04., 18:30 Uhr
Der Liebhaber
Ballett von Marco Goecke nach Marguerite Duras

Mi 21.04., 19:30 Uhr
Stimmen: Liebeslieder
Stream-Premiere

Fr 23.04.,19:30 Uhr
The Turn of the screw
Oper von Benjamin Britten
Stream-Premiere

Sa 24.04., 19:30 Uhr
L’elisir d’amore Der Liebestrank
Oper von Gaetano Donizetti

So 25.04., 19:30 Uhr
Stimmen: Liebeslieder

Mi 28.04., 19:30 Uhr
The Turn of the screw
Oper von Benjamin Britten

Trionfo. – Vier letzte Nächte – Vier Leben am Scheidepunkt
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Fr 30.04. 19:30 Uhr
Trionfo. Vier letzte Nächte – IOCO Rezension dazu hier!
Oper von Georg Friedrich Händel

—| IOCO Aktuell Staatsoper Hannover |—


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Wien, Wiener Staatsoper, ONLINE-SPIELPLAN IM NOVEMBER 2020

November 3, 2020 by  
Filed under Livestream, Oper, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 ONLINE-SPIELPLAN IM NOVEMBER 2020

Die Wiener Staatsoper öffnet im Lockdown ihr digitales Archiv

Für den Zeitraum der vorübergehenden Schließung (3. bis inkl. 30. November 2020) wird die Wiener Staatsoper Video-Mitschnitte aus dem digitalen Archiv kostenlos als Stream anbieten.

Das Online-Programm orientiert sich dabei zum großen Teil am regulären Spielplan. Somit sind gleich zwei ganz aktuelle Produktionen schon in dieser Woche zu sehen: Dmitri Tcherniakovs Eugen Onegin, aufgenommen am vergangenen Samstag, sowie Cavalleria rusticana / Pagliacci, eine Aufzeichnung der heutigen Vorstellung mit Roberto Alagna in der Rolle des Canio.

Die Streams sind in Österreich wie auch international kostenlos auf der Webseite play.wiener-staatsoper.at verfügbar. Beginn ist jeweils um 19.00 Uhr, die Übertragungen sind 24 Stunden lang abzurufen.


Das Programm für die erste Woche:


Dienstag, 3. November 2020, 19.00 Uhr

Piotr I. Tschaikowski 
EUGEN ONEGIN, (Vorstellung vom 31. Oktober 2020)
Musikalische Leitung: Tomáš Hanus
Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov

Tatjana: Nicole Car
Eugen Onegin: Andrè Schuen
Olga: Anna Goryachova
Lenski: Bogdan Volkov
Fürst Gremin: Dimitry Ivashchenko


Mittwoch, 4. November 2020, 19.00 Uhr

Benjamin Britten
A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM, (Vorstellung vom 2. Oktober 2019)
Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung: Irina Brook

Oberon: Lawrence Zazzo
Titania: Erin Morley
Puck: Théo Touvet
Lysander: Josh Lovell
Demetrius: Rafael Fingerlos
Hermia: Rachel Frenkel
Helena: Valentina Nafornita
Bottom: Peter Rose
Quince: Wolfgang Bankl
Flute: Benjamin Hulett
Snout: Thomas Ebenstein
Snug: William Thomas
Starveling: Clemens Unterreiner


Donnerstag, 5. November 2020, 19.00 Uhr

Pietro Mascagni, Ruggero Leoncavallo
CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI (Vorstellung vom 2. November 2020)
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung, Bühne & Kostüme: Jean-Pierre Ponnelle

Santuzza: Eva-Maria Westbroek
Turiddu: Brian Jagde
Alfio: Ambrogio Maestri
Lucia: Zoryana Kushpler
Lola: Isabel Signoret

Canio (Pagliaccio): Roberto Alagna
Nedda (Colombina): Aleksandra Kurzak
Tonio (Taddeo): Ambrogio Maestri
Beppo (Arlecchino): Andrea Giovannini
Silvio: Sergey Kaydalov


Freitag, 6. November 2020, 19.00 Uhr 

Piotr I. Tschaikowski 
EUGEN ONEGIN (Vorstellung vom 31. Oktober 2020)
Musikalische Leitung: Tomáš Hanus
Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov

Tatjana: Nicole Car
Eugen Onegin: Andrè Schuen
Olga: Anna Goryachova
Lenski: Bogdan Volkov
Fürst Gremin: Dimitry Ivashchenko


Samstag, 7. November 2020, 19.00 Uhr

Olga Neuwirth
ORLANDO (Vorstellung vom 18. Dezember 2019)
Musikalische Leitung: Matthias Pintscher
Regie: Polly Graham

Orlando: Kate Lindsey
Narrator: Anna Clementi
Guardian Angel: Eric Jurenas
Queen/Purity/Friend of Orlando’s Child: Constance Hauman
Sasha/Chastity: Agneta Eichenholz
Shelmerdine/Greene: Leigh Melrose
Orlando’s Child: Justian Vivian Bond


Sonntag, 8. November 2020, 19.00 Uhr

Charles Gounod
ROMÉO ET JULIETTE (Vorstellung vom 1. Februar 2017)
Musikalische Leitung: Plácido Domingo
Inszenierung: Jürgen Flimm
Lichtarchitektur: Patrick Woodroffe

Roméo: Juan Diego Flórez
Juliette: Aida Garifullina
Stéphano: Rachel Frenkel
Tybalt: Carlos Osuna
Mercutio: Gabriel Bermúdez
Frère Laurent: Dan Paul Dumitrescu


Montag, 9. November 2020, 19.00 Uhr (Vorstellung vom 17. Februar 2019)

Giacomo Puccini
TOSCA
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung: Margarethe Wallmann

Floria Tosca: Sondra Radvanovsky
Mario Cavaradossi: Piotr Beczala
Baron Scarpia: Thomas Hampson
Cesare Angelotti: Ryan Speedo Green
Mesner: Alexandru Moisiuc

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—


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Rostock, Volkstheater Rostock, Die Schändung der Lukrezia – Benjamin Britten, Kritik, 28.10.2020

Oktober 28, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Volkstheater Rostock

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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

DIE SCHÄNDUNG DER LUKREZIA –  Benjamin Britten

Britten, der Pazifist zeigt – Moral ist das erste Opfer im Krieg –

von Thomas Kunzmann

Rostock macht von sich Reden. Unter der Ägide von Marcus Bosch, seit der Spielzeit 20/21 Chefdirigent der Norddeutschen Philharmonie, war der Rostocker Klangkörper der erste in Deutschland, der in Abstimmung mit allen notwendigen Gesundheitsbehörden und in Zusammenarbeit mit Centogene in voller Besetzung reguläre philharmonische Konzerte aufführen konnte. Was auf der Bühne möglich war – im Publikum ist es noch nicht. Wie überall in Deutschland müssen Plätze frei bleiben. Nur jede zweite Reihe wird besetzt, zwischen den Haushalten jeweils drei Plätze Abstand: bei 500 Sitzen im Haus und drei Konzerten pro Turnus gibt es nur Karten für insgesamt ca. 400 Gäste … und das Haus hat etwa 800 Konzert-Abonnenten. Rostock hat eine salomonische Entscheidung getroffen: alle Abonnements werden für die aktuelle Saison ausgesetzt, aber es gibt für diese Gäste ein Vorkaufsrecht. Zudem werden Haupt- und Generalproben ebenfalls zum Kauf angeboten. Ein Konzept, das aufgeht. Gäste, denen trotz der ausgeklügelten Hygienekonzepte der Besuch erst einmal zu riskant erscheint und aktuell doch abwarten wollen, verlieren weder den Anspruch auf ihr Abonnement noch auf den daraus resultierenden Vorteilspreis. Zudem werden alle Besucher nach einer Vorstellung befragt, ob sie lieber mit reduzierter Zuschauerzahl ohne Maske oder mit Maske während der Vorstellung und mehr Publikum einverstanden sind – die Begeisterung für die bereits stattgefundenen Vorstellungen scheint so groß, dass ein Großteil des Publikums sich für die Maske und damit für die Chance, dass mehr Gäste die exzellenten Vorstellungen erleben können, zu entscheiden scheint.

 Gedenkmuschel an Benjamin Britten im Meer von Aldeburgh, England © IOCO

Gedenkmuschel an Benjamin Britten im Meer von Aldeburgh, England © IOCO

Saisonauftakt 2020. Geplant war ein fulminanter Einstieg mit Tosca, doch wie an vielen Theatern entschied man sich auch in Rostock, auf Opern mit kleinem oder gar keinen Chor zu setzen, Werke, die ohne Pause gespielt werden und eventuell sogar mit den eigenen Solisten besetzt werden können. Ohne großes Orchester. Das Sänger-Ensemble war bereits in der vergangenen Saison wieder aufgestockt worden, sodass nun zumindest 8 feste Solisten zur Verfügung stehen. Nicht viel, aber gegen die vergangenen Jahre ein großer Fortschritt. Womöglich wurde die Haben-Seite als Blaupause genutzt, um zu schauen, was man unter Einsatz aller Kräfte tatsächlich aufführen kann. Vor sehr vielen Jahren lief mal ein erfolgreicher Peter Grimes in Rostock, in größeren Abständen war Britten zumindest in den Philharmonischen Konzerten zu hören. Nun also Lukrezia. Die Kammeroper mit nur 13 Musikern entstand 1946 im Folgejahr von Brittens Durchbruch als Opernkomponist mit Peter Grimes (1945) und ist maßgeblich unter dem Eindruck des Krieges entstanden. Der bekennende Pazifist Britten, der sich sogar sein Kriegsdienstverweigerungsrecht gerichtlich erstritt, zeichnet in der anfänglich äußerst spröde wirkenden Musik dennoch fein ziselierte Figuren im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Position und Machtanspruch; und wie die Moral zum ersten Opfer des Krieges wird.

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia - hier :  Katarzyna Wlodarcyks als Lucrezia © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia – hier : Katarzyna Wlodarcyks als Lucrezia © Dorit Gaetjen

Im römischen Nachtlager, auf dem Feldzug gegen die Griechen, haben sich Tarquinius, der Sohn des etruskischen Regenten und seine römischen Generäle Collatinus und Junius versammelt. Junius’ Gattin nutzt dessen Abwesenheit für hedonistische Ausschweifungen, was ihn zum Gespött der Römer macht und Tarquinius ist bekannt für seine Eskapaden in den einschlägigen römischen Etablissements. Lediglich Collatinus’ Frau Lukrezia gilt als Maßstab für Treue. Ihre Unerreichbarkeit reizt Tarquinius. Von Junius angestachelt begibt sich der Thronfolger zu ihr. Da seine Verführungskünste scheitern, nimmt er sie mit Gewalt. Als Collatinus zurückkehrt und von den Geschehnissen erfährt, will er, um sich seine Liebe zu erhalten, ihr ihre Unschuld an den Geschehnissen beweisen. Doch Lukrezia kann und will mit dieser Schande nicht leben und begeht Selbstmord. Die Römer sind entrüstet, die Herrschaft der Etrusker wankt und Junius erhebt sich zum Kaiser einer neuen römischen Republik.

Gesungen wird auf Deutsch mit einer neuen Übersetzung. Die Konstellation mit dem Orchester im Bühnenhintergrund sorgt für ausgezeichnete Textverständlichkeit, die die Übertitel fast obsolet macht.

 Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Gerahmt wird die Geschichte durch zwei Erzähler inhaltlich als auch optisch, oftmals von den Seiten gesungen. Nornenartig dokumentieren sie das Geschehen und projizieren sie auf die erst etwa 500 Jahre später stattfindende Christus-Geschichte: das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Anderen. Sie ziehen Parallelen und lassen im Zuschauer den Zeitstrahl weiterfolgen bis in die Gegenwart.

Das Bühnenbild von Wiebke Horn, bestehend aus monolithischen Quadern, diagonal gespalten, versetzt, gekippt – ein Sinnbild der darauf agierenden Figuren. Jeder der drei Männer eine Institution mit festem Platz in der Gesellschaft, durch den Krieg, die Frauen, den Eigenanspruch und die Beurteilung der Gesellschaft ins Wanken gebracht. Dazwischen ein toter Schwan – die verlorene Reinheit, ein ewig flackernder Monitor – die permanente „öffentliche Meinung“, ein Einkaufswagen – die Käuflichkeit. Ein Sandkasten für die Kriegsspiele, ein quadratisches Bretterpaneel als Bühne auf der Bühne für die Selbstdarstellung. Und in der Summe ein unvollständiges Schachbrett. Auf jedem Feld nur eine Person, wie Spielfiguren, die einer einmal angestoßenen Logik folgen.

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia - hier : Grzegorz Sobszak als Prinz Tarquinius © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia – hier : Grzegorz Sobszak als Prinz Tarquinius © Dorit Gaetjen

Wie zeitgemäß ist die 2500 Jahre alte Geschichte auch heute noch? Nun, auch ohne blonde Fönfrisur und rote Krawatte drängt sich das me-too-Thema mit Politikern oder Künstlern auf, das Öffentlichmachen von Fehlleistungen und dass, ganz neben der verabscheuungswürdigen Tat, noch immer jemand daraus Kapital zu schlagen vermag – da scheint sich die Menschheit bis heute kaum weiterentwickelt zu haben. Lediglich die Konsequenzen sind nun andere, aber in der Kunst macht die Übertreibung eben anschaulich.

Václav Vallon, seit drei Jahren als lyrischer Tenor am Haus, und Alyona Rostovskaya, eigentlich als Tatjana für Eugen Onegin verpflichtet (eine der ersten Opern, die dem Corona-Lockdown zum Opfer fiel), bilden das kongeniale Erzähler-Duo. Sie, das moralische Regulativ, er, der durchaus von Macht und Möglichkeit Verführbare mit voyeuristisch-männlichem Blick auf die Geschichte. Wie er selbst mit dem Dolch im Sand sitzend über die Macht einer Waffe sinniert und von ihr zurück in die Realität geholt wird – nur ein Beispiel der vielen puzzleartigen Sinnfragen, die die Oper nicht nur an ihre Charaktere, sondern unterschwellig auch an das Publikum stellt. Stimmlich sind beide ein Genuss: ebenbürtig in Klangschönheit und Kraft führen sie traumwandlerisch sicher durch die Geschichte.

Jussi Joula als Collatinus ist gänzlich neu in Rostock und bisher ein weitgehend Unbekannter, NOCH! muss man sagen. Der sympathische Finne, dessen ausgleichendes Wesen zwischen den Streithähnen Tarquinius und Junius zu vermitteln sucht, könnte mit seinem balsamischen Bassbariton die geborstenen Monolithen wieder schweißen. Seine vornehmliche Stärke liegt eher im lyrischen Liedgesang, was er hier noch nicht ganz ausspielen konnte – dennoch fügt er dieser hochangespannten Situation eine so konterkarierend beruhigende Note bei, als wolle er mit einem einzigen, sonoren Einsatz die Gemüter herunterfahren.

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia - hier :  Alyona Rostovskays © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia – hier : Alyona Rostovskays © Dorit Gaetjen

James J. Kee ist Junius, der mit intrigantem Spott Tarquinius in seine Tat und damit ins Verderben führt. In seiner Schlussproklamation kann er seinen heldenhaften Tenor voll ausspielen.
Geschmeidig und kraftvoll wie eine Wildkatze bewegt, schleicht, springt Grzegorz Sobczak als Prinz Tarquinius über die Bühne und strahlt mit der vielschichtigen Nutzung seiner baritonalen Kraft eine hypnotische Wirkung aus, die ihn niemals als rein böse, sondern immer auch als wild-verführerisch erscheinen lässt. Der universale Bariton, der sich seit seines 2014er Gianni Schicchi an der Hochschule für Musik und Theater in die Herzen der Rostocker sang, als Zar Peter in Lortzings Zar und Zimmermann ebenso überzeugte wie als Dandini in La Cenerentola oder als Belcore im Liebestrank, vermag es, der Rolle des Tarquinius nicht nur das verabscheuenswürdige Täterprofil zu verleihen. Ja, Lukrezia ist eine Herausforderung in seinem Beuteschema. Seine durch nichts zu entschuldigende Tat, ist sie nicht dennoch eine Folge seines ihm durch die Gesellschaft ermöglichten Lebensstils, seiner zur Herrschaft über alles und jeden, der gesellschaftlich verliehenen und für ihn selbstverständlichen Macht?

Katarzyna Wlodarczyks keusche Lukrezia lässt sowohl darstellerisch als auch stimmlich keine Wünsche offen. Von der warmherzigen Halbschlaf-Arie, das Betttuch, das auf der einen Seite sie, auf der anderen einen Marmor-Torso ihres Gatten umhüllt, bis zu den spitzen Tönen im Duett mit ihrem Bedränger kann sie binnen kürzester Zeit ihr umfangreiches Klangrepertoir präsentieren und bleibt in jeder Stimm(ungs)lage glaubhaft und im Spiel ausdrucksstark. Ihr zur Seite als biedere Amme Bianca, Takako Onodera.

Als Dauergast der letzten Jahre ist sie nun festes Ensemblemitglied. Den sonst nur so vor Spielwitz sprühenden Mezzo in der gebremst-altjüngferlichen Rolle zu erleben ist schon eine ungewöhnliche Erfahrung. Ihr gegenüber Lucia, Katharina Kühn: warum um alles in der Welt musste sie ausgerechnet in dem scheinbar einzigen römischen Haushalt eine Anstellung finden, in dem Sitte und Ordnung oberstes Gebot scheinen?

Martin Hannus erzeugt aus der Hinterbühne mit den lediglich 13 Musikern einen effektvollen Raumklang, der schnell vergessen lässt, dass das Werk lediglich als Kammeroper deklariert ist und bietet den Sängern im Vordergrund den nötigen Platz, sich zu entfalten. Britten als Komponist des 20. Jahrhunderts mag nicht das Harmoniebedürfnis des üblichen Klassik-Konsumenten befriedigen, aber wer sich darauf einlässt, wird seinen künstlerischen Horizont deutlich erweitern können. Und mit den Bildern dieser Inszenierung im Kopf kann man selbst die Musik mit völlig anderen Augen … hören.

Vermisst man die körperlichen Interaktionen auf der Bühne? Nein! Die Erbarmungslosigkeit steckt bereits tief im Libretto, in der lautmalerischen Musik, im intensiven Vortrag und entwickelt gerade durch das Fehlen von Berührungen eine so unglaubliche Wirkung, dass es keiner greifbaren Gewaltdarstellung bedarf, den Zuschauer in die Abgründe der (un)menschlichen Natur zu ziehen. Psychische Verletzungen überdauern die physischen.

Diese „kleine“ Oper scheint groß für Rostock und es bleibt zu hoffen, dass sie die Anerkennung erfährt, die ihr gebührt. Gemessen am Applaus des Premierenpublikums, der die geringe Verkaufsmöglichkeit unter Corona-Bedingungen mehr als ausglich, sollte sie sich allerdings wirklich zu einer Erfolgsproduktion entwickeln.


Besprochene Vorstellung:   Premiere: vom 26.09.2020

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Musikalische Leitung – Martin Hannus, Inszenierung – Christian Poewe,  Bühne & Kostüme – Wiebke Horn

Erzähler (Male Chorus) – Václav Vallon, Erzählerin (Female Chorus) – Alyona Rostovskaya
Collatinus – Jussi Juola, Junius – James J. Kee, Prinz Tarquinius – Grzegorz Sobczak, Lukrezia – Katarzyna Wlodarczyk, Bianca – Takako Onodera, Lucia – Katharina Kühn

Die Schändung der Lucrezia am Volkstheater Rostock; die weiteren Vorstellungen am 1.11.; 13.11.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—


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