Lüttich, Royal Opera de Wallonie, I Puritani – Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 21.06.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

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Opéra Royal de Wallonie-Liège

I Puritani  –  Vincenzo Bellini

– Morgen graut noch über dem Grab von Vincenzo Bellini, als ……. –

von Ingo Hamacher

– Brava, bravo, bravissimo! – Das Lütticher Publikum ließ seiner Begeisterung nach jeder Musiknummer von Vincenzo Bellinis Belcanto – Oper I Puritani freien Lauf. Ovationen, Jubel und leidenschaftlicher Applaus waren kaum noch zu bremsen.  So schön war alles, was Auge und Ohr geboten wurde, dass sich niemand daran gestört hat, dass der Kopf im Grunde nicht verstand, was da gezeigt wurde.  Egal! Es war wunderbar.

I Puritani –  Vincenzo Bellini
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Vincenzo Bellini Grabmal in Paris © IOCO

Vincenzo Bellini Grabmal in Paris © IOCO

Während Vincenzo Bellinis Musik den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens bildet, weist das Libretto des an Theatererfahrung mangelnden Carlo Pepoli einige Ungereimtheiten und dramatische Schwächen auf.  Regisseur Vincent Boussard versucht daher eine biographischen Neudeutung, mit der er aber auch nicht für Klarheit sorgt: Er lässt Bellini zweimal leibhaftig auftreten. Noch vor der Ouvertüre wird er von einem Todesengel (die Tänzerin Sofia Pintzou) zu Klängen von Klaviermusik Franz Liszts erwürgt und begraben. Am Ende, wenn Bellini noch einmal auf der Bühne erscheint, wird er erschossen. Zwei verschiedene Todesarten?

Bellinis früher Tod im Alter von 33 Jahren hat zu zahlreichen Spekulationen und Gerüchten geführt. Paris 1835: In einem bis auf die Grundmauern ausgebrannten Theater wird eine Trauerfeier für den kürzlich verstorbenen Komponisten abgehalten.  Das bombastische Bühnenbild von Johannes Leiacker zeigt in bühnenfüllenden Ausmaßen die Ruinen eines Theaters mit zahlreichen Logen. Das Wüten des Feuers ist noch in verbrannten Überresten zu erkennen. Totes, schwarzes Laub weht über den Bühnenboden; ein schwarzer Flügel als Zeugnis der vergangenen Pracht steht in der Bühnenmitte.  Die Oper wird als Theater im Theater gespielt, zwei Akte lang hinter einem durchsichtigen Schleiervorhang.  Er deutet ein riesiges Guckloch an, dient als Fläche für Projektionen.

Bellinis Liebesleben war mit drei Frauen verbunden: die Tre Giuditte: der vornehmen Mailänderin Giuditta Cantù, die mit dem Seidenfabrikanten und Komponisten Fernando Turina verheiratet war; der Sängerin Giuditta Pasta, der ersten Amina, Norma, Beatrice; und Giuditta Grisi, für die er die Partien des Romeo und der Adalgisa schrieb. Da das Stück nur zwei Frauenrollen vorsieht, fügt Boussard eine zusätzliche, stumme Rolle ein, ein schwarzer Schatten Elviras, der als einer Art Engel des Todes die Handlung begleitet. Nach beeindruckenden Videoprojektionen von Isabel Robson treten zur Ouvertüre nach und nach der Chor und weitere Protagonisten des Stücks in die Theaterruine.  Die Kostüme von Christian Lacroix sind dabei vor allem bei den Frauen sehr aufwendig und opulent gestaltet.

Der Morgen graut über dem noch offenen Grab von Vincenzo Bellini.  Eine kleine Menschenmenge hat sich versammelt.  Die Trauer weicht einer Ballszene.  Es laufen die Vorbereitungen für die Hochzeit von Elvira,der Tochter des Puritanerführers Walton. Der Bariton liebt den Sopran, der aber lieber den Tenor hätte. Dieser jedoch entscheidet sich im Konflikt zwischen persönlichem Glück und Königstreue für die Ehre, was er am Ende mit dem Leben bezahlt.

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani - hier :  Alexise YERNA als Enrichetta © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : Alexise YERNA als Enrichetta © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Verliebte aus verfeindeten Lagern – das sind Elvira und Arturo, mitten im englischen Bürgerkrieg zwischen protestantischen Puritanern und königstreuen Katholiken um 1650.England zur Zeit der Machtkämpfe zwischen den Puritanern und den Anhängern des Königs Karls I., die die Puritaner für sich entscheiden konnten. König Karl I. wurde bereits hingerichtet.  Das Stück erzählt das Schicksal des königstreuen Lord Arturo, der am Tage seiner Liebesheirat mit Elvira – keine Selbstverständlichkeit, sie war bereits einem anderen versprochen – von einer geheimnisvollen Gefangenen in der Festung erfährt, in der er die Königswitwe erkennt, die zur Hinrichtung geführt werden soll.  Es gelingt Lord Arturo mit der durch den Hochzeitsschleier seiner Braut getarnten ehemaligen Königin zu fliehen.  Elvira fällt in der Annahme, ihr geliebter Arturo sei mit einer anderen Frau durchgebrannt, in den Wahnsinn.

Der flüchtige Lord Arturo kehrt zurück, um Elvira um Verzeihung zu bitten und ihr die wahren Gründe zu erklären.  Elvira scheint wieder zu Verstand zu kommen, jedoch als sich Arturos Verfolger nähern, verwirren sich ihre Sinne erneut. Durch den Schock der Todesgefahr, in die Arturo gerät, wird Elvira geistig wieder klar.  Sie wird sich des Verrats an ihr bewusst und handelt: Lieber tötet sie Arturo, als ihn nochmals zu verlieren.

Die Inszenierung findet zu einem interessanten Ende: Zum Schluss stehen wieder alle Darsteller auf der Bühne, gehen zum Bühnenrand und verbeugen sich. Während der Applaus verhallt erfahren sie vom Ende des Kriegs und Boussard gewährt den Darstellern – wenn auch verspätet – das von Bellini und Pepoli vorgesehene glückliche Ende. Schließlich fällt ein Schuss, und die Frau, die anfangs den Komponisten zu Fall gebracht hat, bricht tot hinter einem Vorhang zusammen. Bellini sagte einmal, dass ein gutes Libretto eines sei, das keinen rechten Sinn habe. Das enthusiasmierte Publikum flieht am Ende aus einem überhitzen Opernhaus.

Musikalisch lässt die Aufführung keine Wünsche offen.  Die hervorragende Sängerriege beschert mit wunderbaren Melodien den Zuschauern einen Glücksmoment nach dem nächsten und belegt, dass die Oper musikalisch wirklich ein Meisterwerk ist.  Zwei großartige Solisten geben in den Hauptrollen ihr Hausdebut:

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani  - hier :  das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Lawrence Brownlee überragend als Lord Arturo Talbot; * 1972, Ohio, ist ein US-amerikanischer Tenor. Sein Debüt an der MET hatte er 2007. Dort wurde er auch in Rossinis Arminda und in der berühmten und herausfordernden Rolle des Tonio in La fille du régiment und als Arturo in Bellinis I Puritani gefeiert. Brownlee ist insbesondere für sein Belcanto-Repertoire bekannt.

ELVIRA: Zuzana Markova (* 1988), eine tschechische Koloratursopranistin, die international in Hauptrollen mit Schwerpunkt auf italienischen Belcanto-Rollen wie Donizettis Lucia di Lammermoor und Bellinis Elvira auftritt.  2014 sprang sie im letzten Moment in der Inszenierung von Frédéric Bélier-Garcia an der Opéra de Marseille als Lucia ein, als Eglise Guttierez krank wurde. Markovás Auftritt wurde als buchstäblich blendend beschrieben und auch in Lüttich bot sie Weltklasse.

Mario Cassi punktet als Riccardo mit markantem Bariton, der auch in den Höhen enorme Durchschlagskraft besitzt. Resolut sind die beiden Bässe (Lord Walton: Alexei Gorbatchev; Sir Giorgio: Luca Dall’Amico), alte Herren, die glauben, die Fäden in der Hand zu halten.

ENRICHETTA: Alexise Yerna, belgische Mezzosopranistin.

SIR BRUNO ROBERTON: Zeno Popescu, rumänischer Tenor. Großes leistet der von Pierre Iodice einstudierte Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège, der einiges auf und hinter der Bühne zu singen hat.

Diese letzte Oper der Saison 2018/19 wurde von der Lütticher Chefdirigentin Speranza Scappucci erstmalig dirigiert. Sie lieferte mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liègeein versiertes und emotionales Dirigat ab, das tief berührte.

REGIE: Vincent Boussard (erstmalig an der Royal Opera), * 1969, ist französischer Opern- und Theaterregisseur. Als Spezialist für frühe Opern wurde er bekannt für seine Versionen romantischer Opern, teilweise in internationaler Zusammenarbeit. Seine Produktionen sind weltweit verbreitet. Er hat mit einer großen Zahl namhafter Dirigenten gearbeitet, wie er auch regelmäßig zu Festivals wie den Salzburger Osterfestspielen, den Festspielen von Aix-en-Provence, den Innsbrucker Festspielen für Alte Musik, dem Festival dei due mondi in Spoleto und dem Festival Amazonas de Ópera eingeladen wird.

 Opera Royal de Wallonie / I Purtitani - hier :  das Zuzana MARKOVÁ - Lawrence BROWNLEE als Lord Arturo Talbot © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : das Zuzana MARKOVÁ – Lawrence BROWNLEE als Lord Arturo Talbot © Opéra Royal de Wallonie-Liège

BÜHNE: Johannes Leiacker, * 1950 in Landshut,  ist deutscher Bühnen- und Kostümbildner. Er ist weltweit als Ausstatter im Opern- und Schauspielbereich tätig. Bis 2010 hatte Leiacker eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste Dresden inne.

KOSTÜME: Christian Lacroix, 1951, Frankreich, ist französischer Modeschöpfer. Zwischen 1987 und 2009 war Lacroix Chef-Designer seiner eigenen Modemarke. Seit den späten 1980er Jahren ist er auch immer wieder als Kostümdesigner für Theater, Oper oder Ballet tätig. Eine langjährige Zusammenarbeit im Bereich der Oper verbindet den Designer mit dem Regisseur Vincent Boussard.

LICHT: Joachim Klein (Hausdebut), * 1963 in Frankfurt am Main, ist Lichtdesigner, der überwiegend für Opernproduktionen arbeitet. Seit 1994 ist er als Beleuchtungsmeister und Lichtdesigner an der Oper Frankfurt engagiert, gastiert aber auch regelmäßig an bedeutenden Opernhäusern in Europa und Nordamerika.

VIDEO: Isabel Robson (zum ersten mal in Lüttich); sie  studierte Bühnenbild in London und Video Postproduktion in Paris. Seit 2001 ist sie als Szenografin tätig; Videogestaltung für die Bühne ist seit über zehn Jahren ein Schwerpunkt ihrer Arbeit.

I puritani / Die Puritaner,  Musik: Vincenzo Bellini, Libretto: Carlo Pepoli, Literarische Vorlage: Têtes rondes et cavaliers von Jacques-François Ancelot und Xavier-Boniface Saintine, Uraufführung: 24. Januar 1835, Ort der Uraufführung: Théâtre-Italien, Paris;  I Puritani  spielt zur Zeit Oliver Cromwells in der Nähe von Plymouth, England.

I Puritani – Vincenzo Bellini; die weiteren Vorstellungen dieser Spielzeit am Royal Opera de Wallonie:  16.6.; 20.6.; 22.6.; 25.6.; 28.6.2019

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Graz, Musikverein für Steiermark, Belcanto-Gala mit PIOTR BECZALA , 25.06.2019

Juni 13, 2019 by  
Filed under Konzert, Musikverein Graz, Oper, Pressemeldung

Musikverein Graz

Musikverein Graz / Stephaniensaal © Robert Illemann

Musikverein Graz / Stephaniensaal © Robert Illemann

Belcanto-Gala mit  Maria Mudryak und Piotr Beczala

Am 25.06.2019 findet das große Saisonfinale statt, das im Rahmen einer Belcanto-Gala mit Starbesetzung gefeiert wird. Mit diesem Anlass wird auch unser Generalsekretär Dr. Michael Nemeth für sein 10-jähriges Jubiläum als künstlerischer Leiter des Musikvereins gewürdigt.

Musikverein Graz – Imagefilm
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Musikverein Graz / Grazer Philharmoniker © Robert Illemann

Musikverein Graz / Grazer Philharmoniker © Robert Illemann

10. FESTKONZERT
Di 25.06.2019 
Sempre libera! | Belcanto-Gala
Uhrzeit: 20:00 Uhr
Ort: Stefaniensaal

FRANCESCO CIAMPA
GRAZER PHILHARMONIKER
MARIA MUDRYAK Sopran
PIOTR BECZALA Tenor
Arien und Duette von Verdi, Gounod, Puccini u.a.

Musikverein Graz / Maria Mudryak © Victor Santiago

Musikverein Graz / Maria Mudryak © Victor Santiago

Musikverein Graz / Piotr Beczala © Jean-Baptiste Millot

Musikverein Graz / Piotr Beczala © Jean-Baptiste Millot

Belcantofest zum Saisonfinale

Der Musikverein bietet zum Saisonschluss ein Glanzlicht auf. Die große Welt der Oper findet Einzug in den Stefaniensaal, wenn Arien und Duette von Giuseppe Verdi, Charles Gounod, Giacomo Puccini u.a. erklingen werden. Gestaltet wird der Gala-Abend von der jungen, kasachisch-italienischen Sopranistin Maria Mudryak sowie Kammersänger Piotr Beczala, welcher Anfang des Jahres für sein Tosca-Debüt an der Wiener Staatsoper als„großer Gestalter im italienischen Repertoire“ (Kurier) bezeichnet wurde. Begleitet werden die Künstler von denGrazer Philharmonikern unter der Leitung des italienischen Dirigenten Francesco Ciampa.


VORSCHAU LIEDERABEND
mit Piotr Beczala am 13. Oktober 2019.
„Bei diesem Liederabend geht es um die Liebe, die auf mannigfaltige Art und Weise ausgedrückt werden kann. Helmut Deutsch und ich bringen Ihnen diese Emotionen durch die Musik aus unterschiedlichen Kulturkreisen und in verschiedenen Sprachen näher. Ich freue mich auf Sie!“ (Piotr Beczala)


TRADITION UND INNOVATION  
10 Jahre Generalsekretariat Dr. Michael Nemeth

„Seit 10 Jahren leitet Dr. Michael Nemeth als Generalsekretär den Musikverein und somit im Besonderen die Programmgestaltung und Gesamtorganisation dieser für unser Land so wichtigen Kulturinstitution. Es ist ihm und seinem kompetenten Team gelungen, wichtige Weichen für die Zukunft zu stellen und neue Bereiche entsprechend des Gründungszwecks von 1815 zu eröffnen.“

Dr. Franz Harnoncourt-Unverzagt
Präsident des Musikvereins

Musikverein Graz / Michael Nemeth © Oskar Schmidt

Musikverein Graz / Michael Nemeth © Oskar Schmidt


—| Pressemeldung Musikverein Graz |—

 

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Anna Bolena – Gaetano Donizetti, IOCO kritik, 12.04.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Anna Bolena – Gaetano Donizetti

Belcanto in hoch-ästhetischer Optik

von Ingo Hamacher

Die Oper Anna Bolena von Gaetano Donizetti war seit 1982 nicht mehr auf der Lütticher Bühne zu sehen. Die jetzige Produktion ist eine Co-Produktion des königlichen Opernhaus von Muscat (Oman) mit der Opéra de Lausanne und der ABAO-OLBE Associación Bilbaina Amigos de la Óera (Bilbao). Nur durch diese Bündelung der Kräfte konnte die Belcanto-Oper in einer derart hochästhetischen Optik auf die Bühne der Opera Royal de Wallonie-Liège gebracht werden.

Nicht nur die Ausstattung,  auch die dargebotene Originalfassung, von allen nachträglichen Transpositionen nach unten bereinigt, was besonders dem Tenor Töne weit über dem hohen C abverlangt, geht über üblicherweise erlebbares hinaus.

Anna Bolena  –  Gaetano Donizetti
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Olga Peretyatko  meistert in ihrem Rollendebut als Anna Bolena  an der Opéra Royal de Wallonie-Lüttich die Herausforderungen mit Bravour. Mit ihrem silbern-leichten Sopran, einer herausragenden Spielfreude, der notwendigen Italianità, einem schönen Legato und einer runden Stimme, die in den Registern keinerlei Brüche aufweist, singt sie die Partie mit perlenden Kolloraturen, unterstützt von Giampaolo Bisanti am Pult und der Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège die ein gutes Gespür für die besonderen Anforderungen des Belcanto beweisen.

Entsprechend groß war denn – nach zahllosem Szenenapplaus – zum Premierenende der Jubel,  mit der die Leistung der Solistin und des gesamten Ensembles gefeiert wurde. Eine großartige Leistung alles Beteiligten, die noch lange im Gedächtnis haften wird.

Für Gaetano Donizetti (1797 – 1848) sind 71 Opern nachweisbar. Dies hohe Zahl belegt nicht zwangsläufig unerschöpfliche Kreativität des Komponisten, sondern verweist eher auf die Schaffensnotwendigkeit der verheerend schlecht bezahlten Komponisten des Belcanto. Ursprünglich hatte Donizetti versucht, seinen übermächtigen und jüngeren Konkurrenten Vincenzo Bellini (1801 – 1835) mit einem, diesem entgegengesetzten Stil zu begegnen: Donizetti entwickelte hochdramatische, beton erotische und männliche “Schlager-Opern der neuen Kürze”, mit denen er in Neapel großen Erfolg hatte.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier :  Marco Mimica als Heinrich VIII und Sofia Soloviy als Jane Seymour © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Marco Mimica als Heinrich VIII und Sofia Soloviy als Jane Seymour © Opéra Royal de Wallonie-Liège

In Mailand gelang ihm jedoch nicht, mit dieser Art von Opern das Publikum zu gewinnen. Warum Donizetti  mit der 29sten, seiner großen „Durchbruchsoper“ Anna Bolena, eine Serie großer Erfolge begann, ist umstritten. Nach Ansicht einiger Musikwissenschaftlicher begann er, sich dem Stil von Vincenzo Bellini in größerem Maße musikalisch anzupassen. Donizetti entwickelte halbkreisförmige Begleitfiguren, die sich zu Wellenbändern aneinander reihen, lustvoll-langgezogenen Lyrismen, schwelgerische, feminine Terzenchöre, schwerfällig gleitende Ensemblewerke von komplexer Harmonik und Polyphonie.

Diese Hinwendung zum Bellinianismus ist nicht unbestritten geblieben, sondern wird alternativ durch eine zunehmende kompositorische Reife und einer Vervielfältigung seiner Mittel erklärt. Zudem stellt Donizetti in jeder Szene die höfische Gesellschaft dar, sodass mehr Duette und Ensembles als Solostücke zu hören sind.  Insgesamt hat er seine Musikdramatik ganz auf das Tableau ausgerichtet. So ist es auch von Stefano Mazzonis di Pralafera in seiner Inszenierung aufgegriffen worden.

Die Zeitgenossen der Uraufführung bestach das Libretto der Oper durch einen weiteren Aspekt: Mehr als 30 Jahre nach der französischen Revolution erweckte der “untergegangene Adel” inzwischen auch das Mitleid der Öffentlichkeit.  Die Menschen der Romantik liebten den morbiden Charme des verfallenen Glanzes der Aristokratie; damals wie heute erfreuen sich Schicksalsschilderungen aus dem Hochadel größtem Interesse.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier :  Olga Peretyatko als Anna Bolena © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Olga Peretyatko als Anna Bolena © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Der Plot von der Oper Anna Bolena ist wahrlich interessant: Heinrich VIII. hat sich von seiner zweiten Gattin, Anna Boleyn, abgewandt und Jane Seymour zu seiner Mätresse gemacht. – Nach dem Öffnen des Vorhangs sehen wir denn auch Jane Seymour splitterfasernackt mit dem König durch die Bettlaken springen.  Im Grunde jedoch startet alles mit einem Missverständnis: Jane Seymour, Hofdame und Vertraute der Königin, bittet Heinrich, das unwürdige heimliche Verhältnis zu beenden, da sie unter ihren Schuldgefühlen gegenüber ihrer Königin emotional zerbricht.

Der König missversteht ihr Anliegen jedoch dahingehend, dass sie den Stand einer Mätresse verlassen und selber Königin werden will. Seiner zweiten Frau bereits überdrüssig, ist er zu nichts lieber bereit und entwickelt folgenden Plan: Indem er Anna beschuldigt, mit ihrem Jugendfreund Lord Percy ein Verhältnis zu haben, sucht er sich seiner 2. Gattin auf legaler Weise zu entledigen und Jane Seymour zu seiner dritten Gattin zu machen.  Die Intrige des Königs gelingt: Anna Boleyn wird hingerichtet.

Die Geschichte  wurde dabei so stark romantisch überformt, das das Libretto streng historisch gesehen nicht haltbar ist. Anna ist eine schuldbeladene, charakterschwache, ehrsüchtige Frau, die ihrem Tod mit Schrecken entgegen sieht. Sie verließ aus freien Stücken ihrer ersten Mann Percy, um an der Seite Henrys den Thron zu besteigen. Percy, seine Liebe nicht aufgebend, erscheint am Hof.  Obwohl Anna ihn weiterhin liebt, versucht sie ihn abzuwimmeln, um Henry keinen Grund zu geben, sie zu verstoßen.  Trotzdem wird sie von Heinrich des Ehebruchs angeklagt und zum Tode verurteilt. Um die Hölle der letzten Augenblicke nicht erleiden zu müssen, flüchtet sie sich in einen Wahn, der aber kurz vor ihrem Tod wieder verfliegt. Dies ist der wirkungsvollste und dramatischste Augenblick in Donizettis bisherigem Schaffen.

Da zur Zeit der Uraufführung der Oper, am 26. Dezember 1830, Revolutionskriege wie die Enthauptung Marie-Antoniettes noch nervenerregend präsent in den Köpfen der Bevölkerung war, wundert nicht, dass das Publikum wie von einem Rausch ergriffen Donizettis und die Oper Anna Bolena  triumphal feierte.

„Erfolg, Triumph, Delirium: es war, als ob das Publikum verrückt geworden wäre. Alle sagten, sie könnten sich nicht erinnern, je bei einem solchen Triumph zugegen gewesen zu sein”, schrieb Donizetti unmittelbar nach der Uraufführung seiner Frau Anna Virginia.

Der Schatten des Untergangs hängt schon in der ersten Szene über Anna Bolena: Düstere, mäandernde Streicherfiguren, durchzogen von eine elegischen Oboenmelodie, beschwören die Atmosphäre von Bedrohung und Täuschung am Hof. “Ihr Herz quält sich”, heißt es in der chorische Intrada über die Königin, die eine Art von Dacapo zu Beginn der Wahnsinnsszene findet.

Fortan entwickelt sich, insbesondere durch Verschmelzung von dramatischem Dialog und ariosen Formen, ein komplexes, seelisch verschlungenes Geschehen: ein Labyrinth von Lügen und Täuschungen, der in den Wahnsinn getriebenen Königin, ihrer ehrgeizigen und von Schuldgefühlen geplagten Gegenspielerin Giovanna, dem ruchlosen und von Selbstzweifeln geplagten König und den beiden enttäuschten Liebhabern: dem zur Schachfigur der Intrige gemachten Lord Percy und dem Hoffnungslos in die Königin verliebten Smeton.

Nicht enden wollender Jubel feierte Sänger/innen, Orchester und das Produktionsteam. Langer Applaus. Das Auditorium war hingerissen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier : Celseo Albelo als Lord Riccardo Percy © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Celseo Albelo als Lord Riccardo Percy © Opéra Royal de Wallonie-Liège


 Die Protagonisten – Auf und hinter der Bühne

Dirigent: Der international tätige Giampaolo Bisanti wurde Januar 2018 zum Generalmusikdirektor des Teatro Petruzzelli in Bari ernannt.

Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, in Italien geboren, ist künstlerischer Direktor der Opera Royal de Wallonie-Liège

Bühne: Gary Ma Cann zaubert eine in tausend Arten wandlungsfähige Szenerie, die immer die Schwere der Tudor-Architektur darstellt, jedoch gleichzeitig auf unnachahmliche Weise Blickwinkel, Perspektiven und Handlungsräume eröffnet und damit der Statik der Tableaus das notwendige flexible Leben vermittelt, die uns bei der ansonsten etwas bewegungsarmen Regie fehlen würde. Der Nordirische Bühnenbildner arbeitet erstmalig in Lüttich.

Kostüme: Fernand Ruiz, der früher fest an der Opera Liege gearbetet hat, ist inzwischen hauptsächlich an der Israeli Opera tätig. Seine Kostüme sind ganz im Tudor-Stil gehalten, farblich optimal aufeinander abgestimmt und passen damit perfekt in das historische Bühnenbild.

Lichtdesigner Franco Marri, in Italien geboren, arbeitet für zahlreich intenationale Bühnen und Festivals. Ihm gelingt es, mit seinen stimmungsvollen Lichteffeckten die verschiedenen Stimmungen und Handlungsabläufe mit einer emotionalen Qualität aufzuladen, die den Handlungsverlauf für den Zuschauer noch intensiver macht.

Chorleiter  Pierre Iodice  liefert mit präzisen Einsätzen und stimmschönem Gesang die Leistung, die wir inzwischen nach all den postiven Vorerfahrungen als selbstverständlich anzusehen gewohnt sind.

Sein Liège-Debüt gibt Marco Mimica als Enrico VIII. Der junge kroatische Bass-Bariton hat viele Jahre an der Deutschen Oper Berlin gesungen und ist der Partie vollumfänglich gewachsen.

In der Rolle der Giovanna Seymour ist Sofia Soloviy zu erleben. Die Ukrainische Mezzosopranistin verkörperte die Partie bereits in Bergamo und  auf einer Japan-Tournee, so dass sie voll vertraut mit den Herausforderungen der Rolle allen Erwartungen gerecht wird.

Als Lord Riccardo Percy, dem in dieser ursprünglich für Battista Rubini geschriebenen Partie der Originalfassung singt der spanische Tenor Celso Albelo. Albelo, der mit seinem Donizetti-Schwerpunkt auf allen großen internationalen Bühen auftritt, meistert diese Aufgabe makellos.

In weitern Rollen: Luciano Montanaro, ein italienischer Bass, als Lord Rochford, war in 2018/19  in Lüttich schon als König in AIDA zu erleben . Maxime Melnik, junger Tenor aus Charleroi, besetzt die Partie des Sir Nervey.

Die Partie des Smeton singt die junge italienische Sopranistin Francesca Ascioti, ebenfalls mit ihrem Lüttich-Debut.


Anna Bolena an der Opéra Royal de Wallonie-Liège; die weiteren Termine 14.04. (15:00); 17.04.;  20.04.2019

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, La Sonnambula – Ein Alpentraum, IOCO Kritik, 15.02.2019

Februar 15, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

La Sonnambula  im  Zauberberg

– Ein Alb/p-Traum nach Vincenzo Bellini  –

von Kerstin Schweiger

„Ich steh mitten auf ‚ner Alm, Heugabel in der Hand,
mir ist das neu, weil ich mich gerade noch im Bett befand.
Ich träume offenbar im Tiefschlaf vor mich hin,
guck mich erstmal verschlafen um, wo ich wohl bin.
Dunkle Tannen, grüne Wiesen und Sonnenschein.
Ach, nee, bloß nicht, ich muss in den Alpen sein.
Oh, Gott, ich hab ‘nen Alpentraum, es ist alles so furchtbar, ich hab ‘nen Alpentraum.
Weck mich auf, weck mich auf, Weck mich auf!“

Songtext von Weber-Beckmann „Alpentraum“

Die majestätische Weite der Bergwelt ist als hermetischer literarischer Ort bekannt. Thomas Manns Zauberberg versammelt in den Schweizer Alpen 1924 eine geschlossene Gesellschaft als Zwangsgemeinschaft in erhobener Lage, in einem Sanatorium. Johanna Spyris Welterfolg Heidi von 1883 setzt Stadtleben in Frankfurt und das entlegene Landleben in den Schweizer Alpen gegeneinander und thematisiert dabei sogar Heidis Schlafwandelsymptome aus Heimweh nach den Bergen.

Vincenzo Bellini - Père Lachaise - Paris © IOCO

Vincenzo Bellini – Père Lachaise – Paris © IOCO

Knapp 50 Jahre zuvor siedelte Bellini zusammen mit seinem Librettisten Felice Romani LA SONNAMBULA in einer entlegenen Bergwelt an, in deren verschlossenen Grenzen seltsame Dinge vor sich gehen.

Worum geht es? Amina, mittellose Waise, ist verlobt, hat gar schon den Ehevertrag unterschrieben, ist aber noch nicht mit ihrem Elvino vor den Altar getreten. Aus einfachen Verhältnissen kommend, wird sie den reichsten Bauern im Dorf heiraten. Als sie nachts im Schlafzimmer des inkognito heimgekehrten Grafen Rodolfo aufwacht, zerbricht die trügerische Idylle: Amina ist sich keiner Schuld bewusst, doch Elvino löst die Verlobung auf und kehrt zu seiner verflossenen Geliebten Lisa zurück. Erst als Amina der versammelten Dorfgemeinschaft wie ein Geist erscheint, wird ihre Unschuld offenbar: die Dorfgemeinschaft realisiert, was passiert ist: Schlafwandelnd war sie nicht Herrin ihrer Sinne. Aus der Trance erwacht, findet sich Amina als Braut Elvinos wieder.

Als Bellini eine ganze Handlung um eine Schlafwandlerin herum entwarf, war der Sonnambulismus – das Schlafwandeln als pathologischer Befund jedoch noch nicht erforscht. Erst 1843 wurde eine erste medizinische Aufzeichnung zu diesem Thema veröffentlicht: „Mittheilungen über die Sonnambüle Auguste K.“ von Johann Karl Bähr in Dresden veröffentlicht. Zuvor wurde das Schlafwandeln als Geistererscheinung oder Wahnsinn gesehen. Eine psychologisch gestützte Betrachtungsweise entwickelte sich erst Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts.

La Sonnambula – Vincenzo Bellini
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Die Geschichte wirft jedoch weitere Fragen auf: das Verhältnis zwischen Adel und Volk, eventuell sogar die überkommene Tradition eines ius primae noctis, ist der Figaro-Graf ein Verwandter im Geiste des Grafen Rodolfo, sind die die pragmatischen Frauenfiguren in LA SONNAMBULA Schwestern von Gräfin und Susanna? 1831 lag die Französische Revolution noch nicht lange zurück. In dieser Zeitenwende zogen sich die Bürger ins Private zurück. Der Eskapismus machte auch bei den erdachten Figuren und Schauplätzen in Theater und Oper nicht halt. Angesichts privater und politischer Widrigkeiten flüchteten sich auch Opernfiguren in andere Geisteszustände: Es wimmelte von Geistern, Untoten, Wahnsinnigen und Somnambulen. In Bellinis LA SONNAMBULA verunsichert ein Gespenst die Einwohner im Schweizer Bergdorf. Erst im Laufe der Handlung wird sich herausstellen, dass es die junge Amina ist, die nachts durch das Bergdorf irrt.

Vincenzo Bellini schrieb die Oper 1831, im gleichen Jahr wie auch seine berühmteste Oper NORMA. In der Aufführungstradition dieser Werke aus der Belcanto-Epoche legten Publikum und Produzenten lange einen starken Fokus auf die musikalische Seite dieser Werke, mit einer Konzentration auf die Stimme und das Können der Sängerinnen und Sänger im Interesse eine sogenannten Belcanto-Tradition, die als Schöngesangoper zu wörtlich genommen wird. Denn die Schönheit der Melodien verstellt den Blick auf Konflikte und tieferliegende Schichten der Handlung. Das Drama findet im Mikrokosmos der Vorstellungswelt der handelnden Figuren statt. Diese persönlichen Dramen in der und mit der Musik sichtbar zu machen, ist das Anliegen des Regie-Duos Jossi Wieler und Sergio Morabito.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula - hier : Verena Gimadieva als Amina, Helene Schneidermann als Teresa, Alexandra Hutton als Lisa © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula – hier : Verena Gimadieva als Amina, Helene Schneidermann als Teresa, Alexandra Hutton als Lisa © Bernd Uhlig

Die dünne (Berg-)Luft, wenn es um vermeintliche Untreue, Überschreiten von Standesgrenzen und weitere Grenzgänge in einem abgelegenen streng gestrickten dörflichen Mikrokosmos und die Enge einer solchen traditierten Gemeinschaft geht, bekommen die Protagonisten in deutlich zu spüren. Wieler und Co-Regisseur Morabito legen das Unausgesprochene, das hinter dem Stück schlummernde frei, befördern das akzeptiert Unausgesprochene hinter der verschlafenen Bergdorffassade ans Tageslicht.

Sie erzählen die Geschichte mit einer fundierten dramaturgischen Begleitung durch Lars Gebhardt handfest und heutig so: Mit schlafwandlerischer Sicherheit landet die allseits geschätzte junge Frau Amina, ein Waisenkind, durch eine pathologische Besonderheit im bisher größten Fettnäpfchen ihres Lebens. Kurz vor der Hochzeit mit ihrem Traummann Elvino, dem reichsten und attraktivsten Junggesellen weit und breit, vermasselt Amina sich und ihrer ehrgeizigen Ziehmutter Teresa in einem nächtlichen Alleingang wider Willen erstmal die gute Partie. Sie schlafwandelt zielsicher in das Gästebett des regionalen Grafen, der nach langer Abwesenheit zurückkehrt und in Lisas Gasthaus Quartier genommen hat. Obwohl dort nichts passiert ist, was ihre Hochzeit mit Elvino in Frage stellen könnte, interpretiert die Dorfgemeinschaft einen Fehltritt mit dem Grafen, ein gefundenes Fressen und interessante Abwechslung für alle. Dorfbewohner.

Aminas größte Neiderin, die proletenhafte Wirtshausbesitzerin Lisa, mit Pullover und Hirn aus Mohair-Wolle, herauswachsendem Haaransatz, prekären Manieren und einem sonnigen Herzen mit Schnauze, nutzt die Gunst der Stunde und macht sich prompt mit Elvino auf den Weg zum Altar. Nicht ohne ihrem Dauer-Verehrer, dem smarten Alessio, mit einem kräftigen Tritt vor das Macho-Schienbein endgültig den Laufpass zu geben.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula - hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula – hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Alles vor den Augen der plump-schlauen Dorfgemeinschaft, die sich im Dorfgasthaus das Leben der anderen auf der Lästerzunge zergehen lässt. Grenzen verschieben sich, Strukturen, die Halt geben, brechen auf. Alles vollzieht sich vor der Augen und Ohren der größten Instanz vor Ort: der Dorfgemeinschaft, die in dumpfer Eintönigkeit stehengeblieben ist. Amina steht an der Schwelle zum Erwachsensein, ihr bisheriges Leben als Ziehtochter einer umtriebigen Mutter würde sich mit der Heirat in eine andere soziale Ebene komplett ändern. Die Gastwirtin Lisa versinkt im tristen Alltag, sie verzweifelt an der Eintönigkeit des Seins. Teresa, Aminas Ziehmutter, wittert den Karrieresprung zur reichen Schwiegermutter. Der Graf kehrt aus der Stadt zurück in die Berge, um alte Geschichten oder Beziehungen aufzuarbeiten.

Graf Rodolfo, der Amina gern wach in seinem Bett gesehen hätte, jedoch die pathologische Seite ihres Ausflugs erkennt, bleibt fair und klärt die Gemeinde über Aminas Sonnambulismus auf. Elvino springt über seinen Schatten und bekennt sich zu Amira als sie erneut schlafwandelnd im Gastraum erscheint. Amina erwacht und findet sich dort wieder, wo die Geschichte anfing. Doch an die Unbeschwertheit des Anfangs kann keiner der Protagonisten anknüpfen, das Happy End schmeckt schal, ein Alpentraum – für alle Beteiligten.

Kongenial wirkt der von Anna Viebrock entworfene Bühnenraum. Ein herunter gekommener Landgasthof. Der riesige hallenartige gewölbte Gastraum lässt an Trostlosigkeit kaum zu wünschen übrig. Schwere Holzschränke, Stromzähler, kahle Glühbirnen und vollgestopfte und nicht geleerte Briefkästen lassen ahnen, dass sich das Dorfleben komplett an diesem Ort abspielt, Fenster oder Alpenpanorama gibt es nicht. Hier wird das Äußere nach innen gekehrt.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula - hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula – hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Bellini gibt dieser Sichtweise recht. Der Komponist setzte Koloraturen und Verzierungen sparsamer ein als in seinen anderen Opern. Selbst in den Nachtwandelszenen Aminas – die durchaus als „kleine Schwestern“ der großen Wahnsinnsszenen wie z.B. in Donizettis LUCIA DI LAMMERMOOR zu verstehen sind – wird die Koloratur nie zum Selbstzweck eingesetzt: Der Komponist konzentriert sich hier ganz darauf, den Gefühlen der Protagonistin nachzuspüren.

Die Mezzosopranistin Helene Schneiderman gibt ein furioses Hausdebüt an der Deutschen Oper Berlin. Sie zeichnet eine scharfe Charakterstudie von Aminas Ziehmutter Teresa, hält die Fäden in Richtung Heirat mit Elvino gegen alle Widrigkeiten zielgerichtet in der Hand. Ihre Ziele liegen symbolisch in der Handtasche, an der sie sich fast das ganze Stück hindurch festhält. Jede Geste sitzt, sie beherrscht in präsenter Unauffälligkeit die Szene. Was Teresa und den Grafen möglicherweise früher verbunden hat, bleibt in Blicken und szenischen Andeutungen unklar.

Venera Gimadieva in der Titelpartie der Amina vereint innigen Schmelz, zartes Piano und großzügige Geläufigkeit in der an Koloraturen reichen Titelpartie. Fragil in der Darstellung, ist sie von klarer Präsenz in sich ruhend, aber nicht fatalistisch dem Geschehen ergeben.

Der mexikanische Tenor Jesús León als Elvino beherrscht alle Belcanto-Techniken. Mit elegantem hellem Tenor präsentiert er ein differenziertes Rollenverständnis des in tiefe Verwirrung fallenden Elvino, der mit einem Herz aus Gold aber wenig Standhaftigkeit gegenüber der fordernden Gemeinschaft und vor allem gegenüber Amina zeigt.

Alexandra Hutton als Gastwirtin Lisa ist der große Gegenentwurf zur fragilen zögerlichen Gestalt Aminas. Sie signalisiert einen kommenden selbstbewussten Frauentypus. Ihr heller Sopran lässt die vielen Verzierungen in den Gesangslinien der Rolle mühelos leuchten. Sie ist eine durch und durch heutige Figur, Prekariat pur, Herz mit Schnauze. Andrew Harris als ihr Liebhaber Alessio gestaltet einen Hipster mit geschmeidigem und durchsetzungsstarkem Bass.

Als Graf Rodolfo glänzt der kroatische Bass Ante Jerkunica. Er zeichnet mit Eleganz einen belesenen und differenzierenden Adligen an der Schwelle zur Bürgerlichkeit, mit Handkoffern ohne Dienerschaft reisend, Bücher im Gepäck, ein Kämpfer zwischen Verlangen und Anstand. Mit profundem, schönem Bass und müheloser Höhe, ergänzt er eine Ensembleleistung die nicht in Schöngesang zum Selbstzweck verfällt, sondern diesem ein spannendes Psychodrama selbstverständlich an die Seite stellt.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin zeigt die Dorfgemeinschaft musikalisch wie szenisch als vielseitiges Charakterbild, Individuen, die in der Gruppe stark sind, inklusive Polizist und Person mit Handicap. In der Zeit eingefrorene Sonderlinge, die Druck auf Außenseiter wie Lisa und Amina ausüben, eine Instanz, an der kein Individuum vorbei kommt.

In Stephan Zilias, der in der Endprobenphase als Musikalischer Leiter einsprang, haben Chor und Ensemble einen einfühlsamen Begleiter, der mit moderaten Tempi Raum für ausführliche Gesangslinien bietet. Fein abgestimmt mit der Regie, gewährt er sogar Generalpausen für Schockmomente oder Umbauten.

Ein Alpentraum aus einem Guss. Wer daraus aufwacht fragt sich, wie es wohl nach dieser Nacht weitergehen wird

Besucherstimmen  –  Zur Premiere von La Sonnambula 
youtube Video der Deutschen Oper Berlin
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Die Deutsche Oper Berlin hat das Thema Belcanto begleitend in einem öffentlichen dreitägigen Symposium im Februar 2019 zu einem aktuellen Thema gemacht und in Vorträgen und Diskussionen unterschiedlicher Referenten die Gültigkeit des Belcanto—Begriffs ausgelotet.

Als Ideal einer Verschmelzung von Klangschönheit, Ausdruck und Virtuosität steht der Begriff „Belcanto“ seit Claudio Monteverdis L’ORFEO, also seit über 400 Jahren, für die Faszinationskraft, die vom Einsatz der menschlichen Stimme auf der Opernbühne ausgehen kann. Was „schön“ ist, entscheidet jede Generation aufs Neue. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Oper mit einem realistischeren Musikstil einen anderen Weg einschlug, änderte sich auch der Begriff des Belcanto zuletzt erneut gravierend.

LA SONNAMBULA von Vincenzo Bellini, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 26.1.2019,  weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit am 19. und 25. Mai 2019

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

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