Pforzheim, Theater Pforzheim, Premiere Die verkaufte Braut, 16.11.2019

November 7, 2019 by  
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Theater Pforzheim

Theater Pforzheim © Sabine Haymann

Theater Pforzheim © Sabine Haymann

Dorfidyll voller Tücken und Überraschungen – mit folkloristischem Flair und lyrischen Arien!

Premiere der Oper „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana

Pforzheim. Wenzel, der Sohn des reichen Bauern Micha, ist ein Außenseiter im Dorf, denn er stottert. Marie, deren Eltern Schulden bei Micha haben, soll mit Wenzel verheiratet werden. Doch sie liebt den armen Hans und tut alles dafür, dass Wenzel der Hochzeit nicht zustimmt. Der Ehevermittler Kezal bringt jedoch Hans dazu, auf Marie gegen Bezahlung zu verzichten – und so verkauft Hans seine Geliebte zu aller Entsetzen. Hans besteht aber auf einer Klausel im Ehevertrag, die besagt, dass Marie nur mit einem Sohn des Bauern Micha verheiratet werden darf. Was passiert nun mit Wenzel, und wird Marie doch noch mit ihrem Hans glücklich werden? Am Samstag, 16. November um 19.30 Uhr feiert die Oper „Die verkaufte Braut“ von Bed?ich Smetana ihre Premiere im Großen Haus des Theaters Pforzheim.

Regisseur Gregor Horres sagt über seine Inszenierung: „Im Zentrum dieser Geschichte steht die junge Marie, die vor vielen Jahren von ihrem Vater an einen reichen Bauern für Geld verkauft wurde. Inzwischen ist Zeit vergangen. Marie hat sich in Hans verliebt. Um die Heirat zwischen Marie und dem Sohn des reichen Bauern zu realisieren, bedient man sich nun eines Heiratsvermittlers, der alle Hebel in Bewegung setzt, Hans auszuschalten. Was keiner weiß, Hans ist der erste Sohn des reichen Bauern. Er wurde aus dem Haus geworfen und will sich nun an seinen Eltern rächen. Die Eltern planen, ihren zweiten Sohn mit Marie zu verheiraten. Hans‘ Ziel ist es, diesen Plan der Eltern zu verhindern.

Das Schicksal dieser drei jungen Menschen steht im Zentrum meiner Arbeit. In der dörflichen Gemeinschaft finden diese drei jungen Menschen keinen Halt. Obwohl sie dort leben, sind sie Außenseiter. Die Gemeinschaft trifft sich auf einem Fest, geht dann wieder auseinander. Viel wissen die Menschen nicht voneinander. Sie erkennen noch nicht einmal in dem zugereisten Hans den ‚ehemaligen‘ Sohn des reichen Bauern. Man könnte dies fast als Zeichen einer Erosion des dörflichen Lebens deuten – fast im Sinne des Romans von Juli Zeh „Unterleuten“. Träume, Wünsche, Sehnsüchte besitzen diese jungen Menschen selbstverständlich. Sie wissen, was sie nicht wollen, befinden sich auf der Suche nach ihrem eigenen Weg. Eine Möglichkeit, einen ganz anderen Weg zu gehen, zeigt der Zirkus auf. Innerhalb des Zirkus verbinden sich die Gegensätze. Der Bär tanzt mit der Esmeralda, bekannt für ihre Seitensprünge, unter den Augen des Indianers. Die Welt in dem Dorf glaubt, jedes Problem mit Geld und einem dazugehörigen Vertrag lösen zu können.“

Mit der Oper „Die verkaufte Braut“ wurde Bed?ich Smetana zum Nationalkomponisten Tschechiens. Die Ouvertüre und der „Furiant“, ein schneller Volkstanz, werden häufig in Konzertprogrammen gespielt. Die Musik der Oper begeistert durch folkloristisches Flair und lyrische Arien, die sich mit lebendigen Chören abwechseln. Voller Lebensfreude werden typische Charaktere einer Dorfgemeinschaft vor Augen geführt, samt ihren Abgründen und liebenswerten Eigenheiten.

„Die verkaufte Braut“

Komische Oper von Bed?ich Smetana
Libretto von Karel Sabina
Deutsche Übersetzung von Kurt Honolka
In deutscher Sprache

Mit Tomas Möwes, Dorothee Böhnisch, Stamatia Gerothanasi/Anna Gütter, Aleksandar Stefanoski, Jina Choi, Philipp Werner/Benjamin Werth, Dirk Konnerth, Lukas Schmid-Wedekind, Steffen Fichtner/Karel Pajer, Elisandra Melián/Helena Steiner und Spencer Mason

Chor des Theaters Pforzheim
Extrachor des Theaters Pforzheim
Badische Philharmonie Pforzheim
Musikalische Leitung Florian Erdl
Inszenierung Gregor Horres
Bühnenbild und Kostüme Jan Bammes
(R)Einblicke – die öffentliche Probe am Samstag, 9. November um 11.30 Uhr im Großen Haus
Opernfrühstück am Sonntag, 10. November um 11 Uhr im Foyer

Premiere am Samstag, 16. November um 19.30 Uhr im Großen Haus mit Einführung um 19.10 Uhr im Foyer

Weitere Vorstellungen am So, 24. und Di, 26. November sowie an weiteren Terminen im Laufe der Spielzeit, jeweils mit Einführung 20 Min. vor Beginn im Foyer

—| Pressemeldung Theater Pforzheim |—

Leipzig, Oper Leipzig, Die verkaufte Braut, Juni – November 2019

Juni 17, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

liebe hat ihren preis
Premiere von Bedrich Smetanas »Die verkaufte Braut«

Es ist ein tschechischer Sommernachtstraum, der in böhmische Dörfer führt, hinter deren Fassaden alte Traditionen und Bräuche Alltag und Leben der Menschen bestimmen. Nachdem Bedrich Smetana bei seinen Landsleuten als »Wagnerianer« verschrien war, wurde seine komische Oper „Die verkaufte Braut“ nach ihrer Uraufführung als tschechische Nationaloper gefeiert, die mit ihrer Musik der »böhmischen Volksseele« Ausdruck verschaffe. Sie wirkt als nostalgische Zeitreise, die viel mehr den menschlichen Mikrokosmos der dörflichen Welt als die große Nation in den Fokus nimmt. Gleichzeitig schuf der Komponist der »Moldau« mit diesem Werk eine klassische Spieloper, in der die Protagonisten nach vielen Verwicklungen und Intrigen schließlich zu einem glücklichen Ende finden.  Diese dramaturgisch entscheidenden Wendungen sind auch ein Grund, warum die Oper seit der deutschsprachigen Erstaufführung in Wien im Jahre 1893 im deutschsprachigen Raum traditionell in der deutschen Übersetzung auf die Bühne gebracht wird.

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Marie (Magdalena Hinterdobler) soll mit Hilfe des Heiratsvermittlers Kezal (Sebastian Pilgrim) mit Wenzel (Sven Hjörleifsson), dem Sohn des Großgrundbesitzers Micha (Jean-Baptiste Mouret), verheiratet werden. Sie liebt jedoch Hans (Patrick Vogel), der sich vor Jahren aus der dörflichen Enge zurückgezogen hat, nun aber inkognito wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist. Um Maries Verheiratung mit Wenzel zu verhindern, schlägt Hans dem Heiratsvermittler einen Deal vor. Er verzichtet für Geld auf seine Marie, unter der Bedingung, dass dieses nur einen Sohn Michas ehelichen dürfe. Denn auch Hans entpuppt sich als ein Sohn des Großgrundbesitzers.

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Mit Magdalena Hinterdobler (Marie), die vor Kurzem am Haus ihr umjubeltes Debüt als Rusalka gab, Patrik Vogel (Hans), Sven Hjörleifsson (Wenzel) und Sebastian Pilgrim (Kezal) geben gleich vier junge Ensemblemitglieder der Oper Leipzig ihr Rollendebüt in der Neuproduktion von »Die verkaufte Braut«. Christian von Götz, der an der Oper Leipzig bereits in Carl Maria von Webers »Der Freischütz« Regie führte, inszeniert die Geschichte der verkauften Braut als eine Zeitreise an den Anfang des 20. Jahrhunderts und verortet sie in der Enge dörflicher Beschaulichkeit, die streng nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, in der aber immer auch das Menschliche siegt. Für die die detailgetreuen, folkloristischen Kostüme, die Trachten modern interpretieren zeichnet Sarah Mittenbühler verantwortlich. Das Bühnenbild auf der Drehbühne stammt von Dieter Richter, der dem Leipziger Publikum durch seine Arbeiten für Dietrich W. Hilsdorf, u.a. »Die Entführung aus dem Serail« und «Nabucco«. Am Pult des Gewandhausorchesters steht der erste Kapellmeister Christoph Gedschold.

»Die verkaufte Braut« ist die letzte Opernpremiere der Spielzeit 2018/19 an der Oper Leipzig.

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof


Premiere: Samstag, 15. Juni 2019, 19 Uhr
Weitere Aufführungen: 23. & 30. Juni / 25. August / 01. & 28. September / 06. Oktober / 16. November 2019 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)
Bedrich Smetana
Die verkaufte Braut
Komisches Singspiel in drei Akten | Text von Karel Sabina | Deutsch von Max Kalbeck (1893) | In deutscher Sprache mit Übertiteln
Leitung:
Musikalische Leitung Christoph Gedschold
Inszenierung Christian von Götz
Bühne Dieter Richter
Kostüme Sarah Mittenbühler
Licht Raoul Brosch
Choreinstudierung Alexander Stessin
Dramaturgie Christian Geltinger

Besetzung:

Marie Magdalena Hinterdobler | Hans Patrick Vogel | Wenzel Sven Hjörleifsson | Kezal Sebastian Pilgrim | Micha Jean-Baptiste Mouret | Kathinka Sandra Maxheimer | Agnes Sandra Janke | Esmeralda Bianca Tognocchi | Kruschina Franz Xaver Schlecht | Zirkusdirektor Springer Martin Petzold | Muff Jakob Kunath

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Dresden, Semperoper, Die verkaufte Braut – Bedrich Smetana, IOCO Kritik, 14.03.2019

März 14, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Die verkaufte Braut  –  Bedrich Smetana

 Mariame Clément inszeniert – Die Emanzipation der Marie ging unter

von Thomas Thielemann

Der  Librettist der Oper Die verkaufte Braut, Karel Sabina (1813-1877), war ein glühender Patriot und radikaldemokratischer Journalist. Wegen seiner exponierten Teilnahme an den 1848er Aufständen war er nach deren Scheitern zum Tode verurteilt und später zu lebenslangem Kerker begnadigt worden. Nach vorzeitiger Entlassung, ständig unter Polizeiaufsicht, hatte er in seiner bittersten finanziellen Not den Erpressungen der k.u.k.-Polizei nachgegeben und sich als Informant anwerben lassen.

Ein fröhliches Bühnenwerk mit einem tragischen Hintergrund

Der Schriftsteller Max Brod (1884-1968) hat durch Aktenstudium nachgewiesen, dass Sabinakein einziges wirklich belangreiches Faktum aus dem Schatze seines unbegrenzten Wissens um Personen und Handlungen der tschechischen Unabhängigkeitsbewegung preisgegeben hat“. Von Max Brod stammt auch die zunächst verblüffende, letztlich aber naheliegende Hypothese, Sabinas Selbstverteidigung seines Verrat sei im Libretto, das er 1864 für den Musikkritiker und Dirigenten Bedrich Smetana (1824-1884) geschrieben hat, bereits vorgezeichnet und gerechtfertigt gewesen: „Jenik verkauft seine Braut, aber liefert sie nicht“

Making-of Die verkaufte Braut
Youtube Trailer Semperoper Dresden
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„Denk nur nach, o Marenka, denk genau“ wendet sich „Jenik-Sabina“ in Brods Version durch das Libretto an die Nation, „wie kann man glauben, dass ich dich verkauft hab, o Geliebte“ an das Publikum. Damit gibt er einen deutlichen Hinweis, wie seine nutzlosen Berichte an den Prager Polizeirat  Javurek-Kezal zu verstehen seien. Selbst Hinweise auf Sabrinas ständige Geldnot finden sich im Libretto, denn Jenik trachtet mit seiner Finte, den Brauteltern aus den Schulden zu helfen. Letztlich zahlte ihm Smetana ganze 20 Gulden für das Opernlibretto. Für eine Arbeit, die ein Welterfolg werden sollte.

Als 1872 Sabina enttarnt worden war, verhinderte die verschlüsselte Selbstverteidigung seine allgemeine Ächtung nicht, schadete aber keineswegs dem Erfolg der Oper, dass ihr Libretto von einem „Verräter“ stammte.

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut - hier : Hrachuhí Bassenz als Marie, Pavol Breslik als Hans © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut – hier : Hrachuhí Bassenz als Marie, Pavol Breslik als Hans © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Folge ich den Gedanken  des Max Brod, so erhält auch die Aversion der Mariame Clément gegen eine Fokussierung der Inszenierung der Oper auf das Folkloristische ihre Berechtigung. Den breiten Erfolg und seine Benennung als die „tschechische Nationaloper“ verdankt das Werk aber zweifelsfrei dem farbigen Chorgesang, den rasanten Volkstänzen und den einprägsamen Charakterisierungen des Bedrich Smetana. Als er die Oper komponierte, konnte er kaum von den Gewissensqualen seines Librettisten wissen. Selbst in der Gegenwart muss man noch graben, um auf den vermutlichen Ursprung des Sujets zu stoßen: dass sich hinter der Fröhlichkeit des Bühnengeschehens eine individuelle Tragödie verbirgt.

Die erste Fassung des Werkes von 1866, ein zweiaktiges Singspiel mit gesprochenen Dialogen hatte zunächst wenig Erfolg. 1871 auf drei Akte und mit Rezitativen erweitert, erlangte die Oper 1893 mit der Übersetzung von Max Kalbeck ihren internationalen Durchbruch in Berlin und Wien.

Dass die Vorstellungen in den deutschen Häusern abweichend von den sonstigen Üblichkeiten nicht in der Originalsprache gesungen werden, ist dem Sprachrhythmus des Tschechischen mit seiner starken Betonung der ersten Silben geschuldet. Erst Leos Janacek hat seinen Opern mit, von der griechischen Tragödie abgeleiteten Versformen, den natürlichen Sprachrhythmus der tschechischen Sprache verschafft.

Die Dresdner Inszenierung wird mit einer bühnenwirksamen Übersetzung  des 1913 in Böhmen geborenen Musikwissenschaftlers Kurt Honolka dargeboten. Offensichtlich sind in diese Fassung auch Eingriffe des Felsenstein-Assistenten Carl Riha (1923-2012) und Winfried Höntsch eingeflossen, denn beide haben von den 1950er bis zu den 1980er Jahren den sächsischen Opernbetrieb wesentlich beeinflusst, wenn nicht sogar bestimmt.

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut - hier : Tänzerinnen und Tänzer © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut – hier : Tänzerinnen und Tänzer © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Die Regisseurin Mariame Clément hatte die Handlung aus der Zeit um 1865 in die 1980er Jahre verschoben, eigentlich, um der starken Frauenfigur der Marie mehr Möglichkeiten ihrer Entfaltung zu bieten. Spürbar wurde das aber kaum. Die  Personenführung der Protagonisten bewies das handwerkliche Können der Regie, selbst wenn einige für die Handlung wesentliche Szenen etwas zu beiläufig über die Rampe kamen. Vor allem die Sprachverständlichkeit der Sänger war richtig in Ordnung. Die vielleicht bedeutsamen Hintergrundaktivitäten und die Lichteffekte erreichten ihre Wirkung kaum. Trotzdem war die Inszenierung kein großer Wurf, eine vertane Chance das Anliegen der Frau Clément bühnenwirksam umzusetzen.

War man durch das Bühnengeschehen doch etwas irritiert, so bestand mit der  musikalischen Umsetzung die Gefahr, dass für einen großen Teil der Premierengäste das Gebotene zu einer Folge von Darbietungen eines Wunschkonzertes wurde. Reihte sich doch Ohrwurm und Bekanntes, nur von den Rezitativen unterbrochen, aneinander. Folglich wurde auch mehrfach der Handlungsfaden durch allerdings müden Szenenbeifall unterbrochen.

Für die  musikalische Leitung der Premiere war Tomáš Netopil gewonnen worden. Der in Mähren geborene, damit mit der böhmischen Musik bestens vertraute, ist auch mit  den Musikern der Staatskapelle seit langem verbunden. Noch mit der Ouvertüre begann den Abend mit einem ordentlichen Tempo ohne dabei  die wunderbaren Details der Komposition zu unterschlagen. Die musikalische Gestaltung des szenischen gelang ihm ebenso „böhmisch“ im besten Sinne, ohne das folkloristische übertreiben. Schließlich befanden wir uns im Opernhaus und nicht auf einem Volksfest. Den Melodien verschafft er ausreichend Raum, nahm sich ausreichend Zeit und führte das Orchester Sänger-freundlich. Damit gingen aber im Verlaufe der Vorstellung die Frische, das Flotte der Melodien verloren. Irgendwie erkannten wir unsere Staatskapellen-Musiker nicht wieder.

Making-of Die verkaufte Braut
Youtube Trailer Semperoper Dresden
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Für die musikalische Umsetzung standen  Tomáš Netopil für nahezu alle Rollen recht gute Sänger zur Verfügung: Mit Spannung war das Rollendebüt der armenischen Ensemble-Sopranistin Hrachuhi Bassénz erwartet, die mit ihrem jugendlich-farbenreichen Gesang bezauberte. Das  der Marie von der Regie verordnete Selbstbewusstsein konnte ihre Darstellung nicht vermitteln. Letzlich begrenzte sie ihre Emanzipation, indem sie den Blaumann mehrfach mit einer Kellnernerinnentracht wechselte und einen kaum wahrnehmbaren Schwangerschaftstest vornahm. Dabei gestaltete sie Maries große Arie, in der sie sich von ihrem Liebestraum verabschiedet, zu einem der emotionalen Höhepunkte des Abends.

Ihr zur Seite,  der  aufschneiderische Heiratsvermittler Kezal Tijl Faveyts, ein Hausdebütant. Mit seiner hervorragenden Bühnenpräsenz, dem markanten, gut fokussiertem Bass und seiner vorgetäuschten Freundlichkeit wurde er zum  Schwergewicht der Aufführung. Pavol Breslik als  Hans, Tenor, gut aussehend und schlau bot eigentlich vom Beginn an den Traum-Schwiegersohn. Aber es dauerte bis zum dritten Akt, bevor das auch die etwas dümmlichen Brauteltern  begreifen konnten. Breslik singt unangestrengt, leicht und verführerisch, aber nicht überragend.

Der stotternde  Wenzel, berührend, mit schönem Tenor und engagiertem Spiel von Benjamin Bruns verkörpert, gehört zweifelsfrei zu den Pluspunkten der Aufführung. Stimmlich und darstellerisch überzeugend gut  besetzt waren die Brauteltern  Sabine Brohm als Ludmila und Matthias Henneberg als Kruschina. Dazu das finanziell besser ausgestattete etwas arrogante „Elternpaar“ des künftigen Gatten, der körperlich und gesanglich auftrumpfende Tilmann Rönnebeck als Micha und seine gesanglich zurückhaltende Ehefrau Michal Doron als Hata.

Zu einem musikalischen Glanzpunkt hatte sich das konsequent verdichtete Sextett im dritten Akt gestaltet. Etwas herausragend die Tänzerin Esmeralda der Tahnee Niboro und der komödiantische Chao Deng als Indianer. Ordentlich auch Barry Coleman vom „Jungen Ensemble“, der mit leichtem kultiviertem Tenor den Zirkusdirektor verkörperte.

Nicht zu vergessen, die in bester Volkstümlichkeit vom exzellenten Chor und dem hinreißenden Ballett abgerundeten Szenen. Hier hatten Mathieu Guilhaumon als Choreograf und Cornelius Volke mit dem Chor eine hervorragende Arbeit geleistet. Das Bühnenbild und die Kostüme  von Julia Hansen passten ordentlich zum Regiekonzept.

Es wurde freundlich Beifall gespendet und auch von mehreren Stellen kräftig, nicht unberechtigt, „Buh“ gerufen.

Die verkaufte Braut an der Semperoper Dresden; die weiteren Termine 16.3.; 22.3.; 25.3.; 25.4.; 28.4.; 2.5.2019 und mehr

—| IOCO Kritik Sächsische Semperoper Dresden |—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Dvorák, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 31.01.2019

Januar 31, 2019 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester- Zürich

Antonin Dvorák, Dmitri Schostakowitsch

von Julian Führer

Innerhalb von zwei Wochen präsentierten sich in Zürich drei Dirigenten mit dem Tonhalle Orchester. Juanjo Mena mit Britten und Bruckner, der künftige Chefdirigent Paavo Järvi mit Messiaen, Mozart und Beethoven (IOCO berichtete jeweils), am 23. Januar 2019  Manfred Honeck mit einem Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert.

Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert

Antonin Dvoráks bekanntestes und meistgespieltes Werk ist heute sicherlich die Symphonie Nr. 9 e-Moll mit dem im Laufe der Zeit geläufig gewordenen Titel Aus der Neuen Welt. Der Abend präsentierte jedoch zunächst Ausschnitte aus der Oper Rusalka, die vom Dirigenten Manfred Honeck zu einer Suite zusammengestellt wurden. In Honecks Version übernehmen teilweise Soloinstrumente die Singstimmen (speziell Oboe und Violine). Die ins Phantastische zielende Geschichte von dem verliebten Wasserwesen, der Hexe Ježibaba und der Unmöglichkeit der Liebe zwischen Menschenwelt und Märchenwelt ist von Dvorák zu einer Oper vertont worden, die durchaus gespielt wird, aber die man gern noch häufiger hören würde.

Der Ansatz, sie durch eine solche Suite im Konzertsaal zu etablieren, hat natürlich vieles für sich. Gleichzeitig sitzt das Orchester nun auf dem Podium und nicht in einem Graben, manchmal vermisst man etwas die Bühne. Wie bei jeder Zusammenfassung dieser Art sind die Übergänge heikel – abrupte Wechsel von Stimmungen, Tempi und Tonarten haben oft etwas Gewaltsames. Am problematischsten war an diesem Abend aber einmal mehr der Saal. Das breit aufgestellte Orchester mit einem Respekt einflößenden Bläserapparat spielte präzise (man sah es an den Gesten des Dirigenten und an den Bewegungen der Musiker genau), nur dass das direkt vor einer Holzblende sitzende Blech wie durch eine Klangmuschel verstärkt wirkte. Bei den in der Rusalka-Suite vorkommenden schnellen Läufen auch bei diesen Instrumenten führen dieser verstärkende Effekt und der lange Nachhall dazu, dass das Klangbild ins Diffuse wechselt. Von diesen Problemen bei Fortissimostellen einmal abgesehen, überzeugte das Orchester in diesem ersten Teil mit engagiertem Spiel.

Das erste Cellokonzert Es-Dur op. 107 von Dmitri Schostakowitsch hat sich einen Stammplatz im Konzertrepertoire sichern können. Ursprünglich für Mstislaw Rostropowitsch komponiert und von diesem 1959 zur Uraufführung gebracht, ist es einerseits technisch anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch kompositorisch und klanglich reizvoll. Als Solist wählte der erst 1992 geborene Kian Soltani einen sehr zurückhaltenden Einstieg, fast zu leise schien die Einleitung, doch wurde rasch deutlich, dass Dirigent und Solist hier planvoll vorgingen. Manfred Honeck begleitete mit dem Tonhalle Orchester gerade im Kopfsatz erstaunlich leise und stets präzise (etwa bei den Einsätzen der Holzbläser in den ersten Takten).

Dieser Schostakowitsch kam nicht so gepanzert daher wie andere Stücke aus dieser Schaffensperiode, jedenfalls bei manchen Interpretationen. Im ersten Satz ließen auch die Bratschen aufhorchen. Der zweite Satz wurde langsam und besonders elegisch gespielt. Der dritte Satz (die Kadenz) war ein Höhepunkt: die rätselhaften und in manchen Interpretationen etwas eklektisch daherkommenden Pizzicati nahm Kian Soltani als strukturierendes Element mit einem betonten Decrescendo innerhalb ihrer Abfolge. Wie bereits zu Beginn, hörte man im Finalsatz die charakteristische Galligkeit, die Schostakowitsch immer wieder einflicht, wenn seine Musik ins vermeintlich Affirmative übergeht. Der im ersten und letzten Satz intensiv geführte Dialog mit dem Horn wurde, durch die akustischen Verhältnisse nochmals verstärkt, am Schluss dynamisch ins Groteske überhöht. Das Publikum reagierte mit spontanem Jubel insbesondere für den jungen Solisten.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Als Zugabe präsentierte Kian Soltani eine weitere Facette Schostakowitschs, nämlich den Komponisten von Filmmusik, hier für The Gadfly von 1955. Dieser Aspekt in dem Werk des sowjetischen Komponisten harrt zum Teil noch seiner Wiederentdeckung, denn anders als die Symphonien 1, 5, 7, 8, 9 und 10, die Oper Lady Macbeth von Mzensk oder die Jazzsuiten werden die Filmmusiken selten aufgeführt (eine CD unter Riccardo Chailly präsentiert glücklicherweise einige Ausschnitte, nicht aber die Musik zu The Gadfly). Soltani hat aus Schostakowitschs Filmmusik ein Arrangement hergestellt, das von der Cellogruppe des Tonhalle Orchesters an diesem Abend uraufgeführt wurde. Es wurde deutlich, dass Schostakowitsch quasi auf Bestellung Musikstücke abliefern konnte, sehr gekonnt und sehr effektvoll. Von Soltani selbst wurde in seiner kurzen Präsentation die Frage aufgeworfen, in welchem Teil seines Werkes wir nun den eigentlichen Dmitri Schostakowitsch erkennen können – eine Frage, die offenbleiben muss.

Die 8. Symphonie in G-Dur von Antonin Dvorák wurde nach der Pause präsentiert. Dieses etwa 40 Minuten dauernde Werk ist ganz klassisch in vier Sätze gegliedert. Breit, teils üppig instrumentiert, enthält es gerade im Finalsatz viele tanzartige Partien, so dass man hier auch den Komponisten der Slawischen Tänze erkennt. Streicherfiguren gemahnen an Tschaikowsky, volksliedhafte Passagen an Bedrich Smetana, und die Behandlung der Hörner ist insbesondere im Schlusssatz (mit nach oben gerichteter Mündung und fast vulgären Trillern) gar nicht weit entfernt von Gustav Mahler in seiner ersten Symphonie. Manfred Honeck, der diese Symphonie auswendig dirigierte, und das Orchester schienen hier im Einklang. Eine der Qualitäten des Tonhalle Orchesters, das beeindruckende technische Niveau, kam bei dieser Symphonie zur Geltung. Das Adagio strahlte große Ruhe aus, und das bekannte Allegretto grazioso des dritten Satzes wurde entsprechend der Anlage der Partitur breit ausmusiziert.

Die in sich geschlossene Interpretation traf beim Publikum auf breite Zustimmung. Das Tonhalle Orchester hat im Monat Januar seine große technische Flexibilität unter Beweis gestellt – der Start ins neue Jahr ist gelungen

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

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