Essen, Philharmonie Essen, TUP-Festtage – 7. Sinfoniekonzert, 27.& 28.02.2020

Februar 20, 2020 by  
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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Ivor Bolton © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / Ivor Bolton © Sven Lorenz

TUP-Festtage – 7. Sinfoniekonzert  –  Essener Philharmoniker –

Ivor Bolton dirigiert Mozart und Bruckner

 27./28. Februar 2020, 19:30 Uhr

Pianist Alexander Krichel interpretiert Mozarts Klavierkonzert A-Dur, KV 488

Der britische Dirigent Ivor Bolton, in dieser Saison Artist in Residence der Philharmonie Essen, leitet das 7. Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker am Donnerstag/Freitag, 27./28. Februar 2020, um 19:30 Uhr im Alfried Krupp Saal (19:30 Uhr „Die Kunst des Hörens“, 20 Uhr Konzertbeginn).

Das Konzert am Donnerstag ist gleichzeitig der Auftakt zu den TUP-Festtagen Kunst, bei denen die fünf künstlerischen Sparten der Theater und Philharmonie Essen bis zum 8. März Höhepunkte ihres Programms präsentieren. Oberbürgermeister Thomas Kufen sowie die Intendanten Hein Mulders, Ben Van Cauwenbergh und Christian Tombeil werden die Festtage vor Beginn des Konzertes eröffnen.

Auf dem Programm steht dann zunächst das Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur, KV 488 von Wolfgang Amadeus Mozart, interpretiert vom Pianisten Alexander Krichel. Anschließend kommt die vierte Sinfonie Es-Dur von Anton Bruckner, die so genannte Romantische, zur Aufführung.

Philharmonie Essen / Alexander Krichel, Pianist © Ross Henning

Philharmonie Essen / Alexander Krichel, Pianist © Ross Henning

Ivor Bolton ist Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel, Künstlerischer Leiter des Teatro Real in Madrid, Chefdirigent des Dresdner Festspielorchesters und Ehrendirigent des Mozarteumorchesters Salzburg, mit dem er jährlich bei den Salzburger Festspielen sowie auf Tourneen auftritt und mit dem er bereits eine umfangreiche Diskografie inkl. einer Serie von Aufnahmen von Bruckners Sinfonien aufgebaut hat. Er erfreut sich einer engen Beziehung mit der Bayerischen Staatsoper München, wo er seit 1994 eine Reihe an Neuproduktionen geleitet hat, besonders Werke von Monteverdi, Händel und Mozart.

Für seine herausragende Arbeit in München wurde Ivor Bolton der renommierte Bayerische Theaterpreis verliehen. Im Rahmen seiner Residency an der Philharmonie Essen wird er noch mit einer Rossini-Operngala am 5. März sowie mit Beethovens Egmont-Musik, unter anderem mit Ulrich Tukur als Sprecher, am 29. Mai zu Gast sein.

Karten (€ 17,00 – 41,00) und Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.theater-essen.de.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Verfehlungen – Roman von Hans-Günter Melchior, IOCO Buch-Rezension, 16.01.2020

Januar 17, 2020 by  
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Verfehlungen / Buch von Hans-Günter Melchior © Dorothee Melchior

Verfehlungen / Buch von Hans-Günter Melchior © Dorothee Melchior

Verfehlungen –  Roman von Hans-Günter Melchior

 ISBN 9781713259169 – erschienen am 1.12.2019 – Amazon  € 9.50

Bemerkungen zum AutorHans-Günter Melchior ist in Mainz geboren, studierte Jura in Würzburg, München, Berlin und – ohne Abschluss – Philosophie. In Berlin zum Dr. jur. promoviert war Vorsitzender Richter am Landgericht München und leitete eine große Strafkammer.Zudem ist Melchior Korrespondent bei IOCO und berichtet regelmäßig von Produktionen der Bayerischen Staatsoper, den Münchner Kammerspielen und anderen Kulturinstituten.

Seit 40 Jahren schreibt Melchior Erzählungen und Romane. Im Vordergrund seiner Arbeiten steht die Kritik an einer profitorientierten (ökonomischen) Vernunft und ihren Widersprüchen. Dieser Vernunft opfert der heutige Mensch oft moralische und ethische Prinzipien und, so Hans-Günter Melchior, gefährdet damit natürliche Lebensgrundlagen.

Verfehlungen  – Rezension von  Albrecht Schneider

Wenn dieser Tage einer der reichsten Männer unserer Republik per Zeitung verkündet, er werde sofort das Land verlassen, sofern hier die Vermögenssteuer Gesetz würde, dann vermag man sich nur an den Kopf zu fassen und zu fragen: was hat es denn mit den vielen schönen öffentlichen Reden von Politik, Großkapital und sonstigen Großsprechern auf sich, die überlaufen von Begriffen wie Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Empathie und so fort und so fort?

Die Antwort ist schlicht: sie sind zum Fenster hinaus gehalten, sie bedeuten nichts. Die Sozialverpflichtung des Eigentums ist ein trefflicher Grundgesetzartikel, aber offenbar möchte der Eigentümer keinesfalls auch nur ein Prozent seines Eigentums missen. “Kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsre“, ist man geneigt zu singen, und das voll Hohn, und Bitterkeit, voller Gift und Galle, und letztlich voller Trauer und Resignation ob einer kalten Wirklichkeit mit ihrer Verwahrlosung des Denkens, des Handelns und des Sprechens allgemein.

Denjenigen, die zuvor obiges Buch gelesen haben, und denen diese Äußerung bekannt wurde, müsste es vorkommen, als wäre eine der Figuren des Hans-Günter Melchior aus ihrer literarischen Existenz heraus hinein ins wirkliche Leben gesprungen. Denn dieser Autor ist keiner, der in seiner Stube am Schreibtisch sitzend zum Fenster hinaus über eine Buschwindröschenhecke hinweg auf das Treiben der Welt schaut und gedämpft ihrem Lust- oder Wehgeschrei lauscht, um dann nach langem Sinnen das Geschaute und Gehörte auf die poetischste Weise in raunende und rätselhafte, sogar Realismus simulierende Romane und Geschichten zu verwandeln.

Nein, es tummeln sich bei ihm Gestalten, wie sie auf der Vorderbühne und im Hintergrund unserer Gesellschaft in Tat und Wort zum allgemeinen Nutzen, und nicht zuletzt zum eigenen, unterwegs sind. Es sind ja beileibe nicht lauter schwarze Charaktere, die des Autors finsteres Weltbild bevölkern, sondern er bringt uns unerbittlich und exakt mit Menschen aus ungleichen Milieus zusammen, mit vermögenden, ärmeren und solchen dazwischen. Denen, sagen wir es einmal auf fast lyrische Weise, geht das einstmals reine Herz verloren, sie widerstehen dem Reiz der Macht, des Geldes, des Sex und selbst der Liebe irgendwann nicht länger. Und sie sind es, die letztlich die Gesellschaft formen, in der zum Beispiel ein Milliardär dem Staat nichts abzugeben willens ist.

Es braucht nicht eine Menge Verstand zum Erkenntnisgewinn, wie die Abstände zwischen den Erdenbewohnern mit unterschiedlicher materieller Ausstattung, sei es Platz, Nahrung, Wasser, Geld, Medizin und persönlicher Zuwendung, täglich weiter werden. Und man muss kein reinblütiger marxistischer Revolutionär sein, um darin metaphorisch einen noch schlafenden Vulkan zu sehen. Der geweissagte Untergang der konkreten Welt mag für das skeptische Bürgertum seinen Grund in der Umweltzerstörung haben, ihm voraus geht jedenfalls die Negation der Haftung für destruktive praktische und verbale Akte. Das globale Fatum ist kein vom Himmel verordnetes, es ist ein von der Menschen Seite durch Tat und Wort heraufbeschworenes.

Melchiors Kampfzone ist ein mittelalterliches Provinzstädtchen, in der die individuellen Fata sich begeben, um sich, mit sieben Milliarden weiterer zusammengefügt, am Gedeihen oder Ruinieren der Erdkugel zu beteiligen. Ein Gelehrter will den historischen Teil dieses Ortes N. sanieren und bewahren, ahnend, dass neuerlich das Alte dem Neuen, den sozialen und ökonomischen Forderungen von Politik und Industrie, im Wege steht. Beide Institutionen werden von Personen repräsentiert, die das Allgemeinwohl betreiben, wobei sie die Kommerzialisierung der Natur und das Schleifen ihnen hinderlicher Quartiere nicht kümmert.

Der Schauplatz N. wandelt sich zu einem Standort der Rüstungsindustrie, dessen unabwendbar martialische Aura zugleich der Aufstieg zur Festspielstadt parieren soll. Daran wirkt zuvorderst ein Mann, der aufgrund einer feudalen Herkunft, einer blendenden Erscheinung, des intellektuellen Potentials und einer Härte zum Minister aufsteigt, und alle und alles, was seinem politischen Ruf, seiner Macht und seinem Triebleben dient, zu manipulieren versteht: eine Figur, die den Bau von Fabrik, Konzertsaal, Hotels und Häuser befördert, doch zu dem Zwecke zugleich die alten, geerbten Zeichen löschen lässt. Mit ihnen verderben Freunde und Willige wie Unwillige langsam im Sog eines bedenkenlosen Machers.

Dergleichen allenthalben zu beobachtende Veränderungen werden in der Regel unter dem Begriff des Fortschritts, oder klangvoller: Aufbruch in die Moderne, subsumiert. An ihnen haftet der Ruf, allein die Daseinsbedingungen rundum zum Angenehmeren hin korrigieren zu können. Im Streit mit den Zweiflern an derlei Gewissheiten hat der Fortschritt die besseren Argumente für sich. Wer schon will etwas hören vom Fortschritt in der Entwicklung der Menschenfolter, seit ihrer Erfindung bald nach Adam und Eva?

Die Organisation des altertümlichen Städtchens N. zu einer Stadt von wirtschaftlicher Potenz wie kulturellem Glanz, und eine daraus herrührende mal rasende, mal schleichende Depravation des das Ganze steuernden und ihm unterworfenen Personals, das ist die Thematik des Romans. Keinem unabwendbaren Schicksal sind Männer wie Frauen ausgeliefert, sondern sie sind Teilnehmer an einem ständig profitabler werdenden Spiel, ohne dass ihnen a priori eine besondere Schamlosigkeit eignete. In ihr bislang harmloses Dasein drängen sich die Offerten einer unerbittlich betriebenen Ökonomisierung, deren Verheißungen sie locken, deren Versuchungen sie unterschätzen. Und woran sie zerspringen können. Dem gesellschaftlichen System, das sie beherbergt, sind sie nicht hilflos ausgeliefert, denn dessen moralische Standards hat jedes Individuum zu setzen, und dann ebenso zu garantieren wie deren Verfall zu verantworten.

Die Romanhandlung, auf welchem Wege der bürgerliche Anstand in N. zerbröselt und mit welchem Ende, ist nicht ein Akt auktorialen Erzählens; die Menschen erzählen sich selbst wie sie sich gegenseitig erzählen. Insofern verliert der Roman das Romanhafte, eher sind es Seiten mit einem Befund aus der Krankengeschichte unserer Republik. Inwieweit er zutrifft, das Urteil erlaubt ein rascher Griff zu diesem Buch.

—| IOCO Buchbesprechung |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Trauer um Harry Kupfer _ 1935-2019, 30.12.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 Staatsoper Unter den Linden –  Trauer um Harry Kupfer

Harry Kupfer, 12. August 1935 – 30. Dezember 2019, einer der zentralen Musiktheaterregisseure der vergangenen Jahrzehnte, ist im Alter von 84 Jahren verstorben. Mit seinen mehr als 200 Inszenierungen hat er die Kunst der Opernregie auf eine neue Höhe geführt und ihr nachhaltige Impulse für die Gegenwart und Zukunft gegeben. Die Staatsoper Unter den Linden, der Harry Kupfer ab den frühen 1970er Jahren bis zum Ende seines Lebens eng verbunden war, ist ihm für sein herausragendes künstlerisches Wirken zu größter Dankbarkeit verpflichtet. Harry Kupfer hat die Werke, die er gemeinsam mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf die Bühne gebracht hat, bis in ihre Tiefenschichten hinein befragt und gedeutet – seine Regiearbeiten zeugen von höchster handwerklicher Souveränität wie von außergewöhnlicher Gedanken- und Einfallsfülle.

Der Rosenkavalier mit Einführung von Harry Kupfer
youtube Trailer Salzburger Festspiele
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Oper war für Harry Kupfer etwas zutiefst Lebendiges, mit beständigen Verweisen auf das Hier und Jetzt. Seine Inszenierungen haben stets das Denken aller künstlerisch Beteiligten wie des Publikumsherausgefordert, mit unbedingter Energie und Überzeugungskraft ist es ihm gelungen, immer wieder Funken aus den Werken zu schlagen, auf dass sie aktuell und aussagekräftig bleiben. Bereits mit Mitte Zwanzig hatte Harry Kupfer mit dem Inszenieren von Opern begonnen. Nach seinem Debüt in Halle mit Dvoráks Rusalka übernahm der studierte Theaterwissenschaftler die Leitung des Opernensembles am Theater Stralsund und wurde 1962 Oberspielleiter im damaligen Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Vier Jahre darauf wurde Harry Kupfer Operndirektor am Deutschen Nationaltheater und an der Staatskapelle Weimar, bevor er 1972 als Operndirektor und Chefregisseur an die Staatsoper Dresden wechselte. 1981 wurde er als Chefregisseur an die Komische Oper Berlin berufen, die bis in die späten 1990er Jahre das Zentrum seines Wirkens war. Dort inszenierte er u. a. Wagners »Meistersinger von Nürnberg«, die Erstaufführungen (in der damaligen DDR) von Aribert Reimanns »Lear« und Händels »Giustino«, die Uraufführung von Siegfried Matthus’ Judith, Mussorgskys »Boris Godunow«, Glucks »Orfeo ed Euridice«, »Carmen – Eine Version« nach Bizet, Offenbachs »Hoffmanns Erzählungen« und »Orpheus in der Unterwelt«,Händels »Julius Cäsar in Ägypten«, Donizettis »Lucia di Lammermoor«, Strauß’ »Fledermaus«, Beethovens »Fidelio«, Henzes »König Hirsch« sowie einen von »Idomeneo« bis zur »Zauberflöte« reichenden und unter einem übergreifenden Konzept stehenden Mozart-Zyklus.

Macbeth 2016 Inszenierung Harry Kupfer
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
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Noch 2019 führte er im Haus an der Behrenstraße bei Händels Poro Regie. Parallel zu seiner Arbeit an der Komischen Oper inszenierte Harry Kupfer auch an der benachbarten Deutschen Staatsoper Berlin, beginnend 1971 mit Strauss’ »Die Frau ohne Schatten«, gefolgt von Verdis Othello 1972, der Uraufführung von Rainer Kunads »Sabellicus« 1974, Wagners »Parsifal« 1977 und Strauss’ »Salome« 1979, eine Produktion, die über eine Zeitraum von fast vier Jahrzehnten im Repertoire blieb. Ab 1992 inszenierte Harry Kupfer dann die zehn großen Wagner-Opern und -Musikdramen an der Staatsoper Unter den Linden, jeweils gemeinsam mit Daniel Barenboim als Dirigent sowie dem Bühnenbildner Hans Schavernoch. Von 1988 bis 1992 hatten Harry Kupfer und Daniel Barenboim bereits eine Neuproduktion von Wagners Ring des Nibelungen bei den Bayreuther Festspielen realisiert. Ihre erste Zusammenarbeit an der Staatsoper galt »Parsifal«,im Anschluss folgte der komplette »Ring« bis 1996, bis 2001 dann alle weiteren Hauptwerke. Zu den FESTTAGEN 2002 wurde dann der zehnteilige Wagner-Zyklus zweimal hintereinander geboten, eine besondere Leistung in der Geschichte des Hauses. 2015 lebte die Kooperation von Harry Kupfer und Daniel Barenboim mit Beethovens »Fidelio« wieder auf. Zuletzt erarbeiteten sie 2018 Verdis Macbeth (youtube Trailer oben)  gemeinsam. Darüber hinaus schuf Harry Kupfer Inszenierungen in Graz, Kopenhagen, Amsterdam, Cardiff, Helsinki, London, Moskau, Zürich, Frankfurt, Köln, Mannheim, Stuttgart, München, Hamburg, Tel Aviv, San Francisco, Tokio und Sydney. In Wien inszenierte er insgesamt sieben Mal an der Staatsoper und der Volksoper, u. a. Krzysztof Pendereckis »Die schwarze Maske« und Strauss’ »Elektra« (beides Koproduktionen mit den Salzburger Festspielen), Bernd Alois Zimmermanns »Die Soldaten«, Tschaikowskys »Eugen Onegin« und Mussorgskys »Boris Godunow«. Am Theater an der Wien entstanden Inszenierungen von Strauss’ »Ariadne auf Naxos« sowie die Uraufführungen der Musicals »Elisabeth« und »Mozart!«.

Lady Macbeth von Mzensk mit Einführung von Harry Kupfer
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Zu Harry Kupfers Arbeiten der letzten Jahre zählten neben dem Berliner Macbeth Inszenierungen von Strauss’ Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen (Trailer oben) und von Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk an der Bayerischen Staatsoper München. Harry Kupfer war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Freien Akademie der Künste in Hamburg und der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden sowie Professor ander Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber« in Dresden.Mit Harry Kupfer verliert die Musik- und Opernwelt einen maßgeblichen Vertreter seines Fachs, einen der stilbildenden Regisseure des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsoper Unter den Linden, die seine intensive Arbeit und seine Begeisterung für die Sache, aber auch seine Zugewandtheit und Menschlichkeit hoch zu schätzen wussten, trauern um einen großen Künstler. Daniel Barenboim und alle Beteiligten gedachten Harry Kupfer bei dem heutigen Konzert zum Jahreswechsel mit einer Schweigeminute.

Im Namen der Staatsoper Unter den Linden,  Matthias Schulz, Daniel Barenboim, Ronny Unganz

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

München, Bayerische Staatsoper, THE SNOW QUEEN – Hans Abrahamsen, IOCO Kritik, 02.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

THE SNOW QUEEN  –   Hans Abrahamsen

– Blühende Eisblumen –

von Hans-Günter Melchior

Wie war es?  fragte sie, und ich sagte: na ja, und sie: was heißt das: na ja?

Es hat mir gefallen, sagte ich, sehr sogar, eine Faszination ging von der Aufführung, vor allem der Musik, aus und nahm mich gefangen. Und sie wiederum: aber? Aber, sagte ich, ich habe, ohne jetzt überheblich sein zu wollen, gewissermaßen unter dem Niveau, das ich mir selbst abverlange, Gefallen an der Oper gefunden.

Wie das?     Ich habe die Musik nicht durchschaut. Sie ist nur scheinbar einfach, tarnt sich mit Einfachheit, hinter der ein hochdifferenziertes, für den Hörer schwer durchschaubares System steckt.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Es ging mir durchaus anders als einst Fritz Kortner, der in den Münchner Kammerspielen ein Shakespeare-Stück inszenierte und an dem Spiel des Narren etwas auszusetzen hatte. Sie haben aber gelacht, wandte der Schauspieler ein, und  Kortner:   Ja, gewiss, aber unter meinem Niveau.

Snow Queen – Hans Abrahamsen
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Hier aber war ich es, der dem Niveau des Komponisten nicht gewachsen war. Im Programmheft wird er wie folgt zitiert: „Ich brauche so viel Flexibilität wie nur möglich. Deshalb baue ich Systeme in Systeme und weitere Systeme und versuche diese dann zu verbinden und zu synchronisieren.“

Aber lieber Herr Abrahamsen, komplexer geht es kaum –, da soll einer als Hörer dahinterkommen. Das geht ja tief hinein ins Problem der „freien (bzw. unfreien) Note“, wie Anselm Cybinski in seinem Aufsatz vermerkt. Womit wir mitten im Doktor Faustus von Thomas Mann und dem berühmten XXII. Kapitel wären, in dem Adrian Leverkühn seine Unabhängigkeit vom Strukturelement der Tonarten verteidigt.

Vielleicht lag es an diesem hohen intellektuellen Anspruch, dass einige Buhs zu hören waren und nach der Pause die Reihen sich ein wenig gelichtet hatten.

Wie auch immer: ich habe nicht die Partitur studiert (was mir, das nur nebenbei, kaum geholfen hätte), sondern  mich zurückgelehnt und die höchst differenzierte, sich wie Schnee und Eis zersplitternde, fast ausschließlich diatonische Musik genossen. Ja –, genossen, denn diese Musik hat vor allem sinnliches Potential, es wird einem kalt und mitten im Winter sogar warm ums Herz, wenn man sich nur darauf einlässt.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Peter Rose als Snow Queen, Rachael Wilson als Kay © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Peter Rose als Snow Queen, Rachael Wilson als Kay © Wilfried Hoesl

Das lag nicht zuletzt am Dirigat Cornelius Meister und seinem hochkonzentrierten Orchester, das die schwierige Partitur souverän beherrschte (passagenweise bedurfte es im 1. Akt  sogar eines zweiten Dirigenten für eine bestimmte Instrumentengruppe). Nicht zu vergessen der herrliche Chor, für den Stellario Fagone verantwortlich war.

Und natürlich lag es auch an der grandiosen Gerda Barbara Hannigans und dem stimmgewaltigen Kay von Rachael Wilson (die von Thomas Gräßle gedoubelt wurde; Kay als Kind einerseits, als Erwachsener andererseits). Die Schneekönigin ist seltsamerweise ein Bass, er wurde von Peter Rose gesungen.

Doch von vorne: dem Libretto liegt das in sieben Geschichten gegliederte Märchen Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen zugrunde. Ein böser Troll (der „Deibel“) hatte einen Spiegel hergestellt, in dem alles hässlich und böse und verzerrt erschien. Die Schüler seiner „Trollschule“ stiegen begeistert mit diesem Spiegel immer höher im Himmel, bis in die Nähe Gottes. Dort entglitt ihnen der Spiegel und fiel zur Erde, wo er in Millionen größerer und kleinster Teile zersplitterte.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Thomas Graessle als Kay Double © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Thomas Graessle als Kay Double © Wilfried Hoesl

In der Stadt wohnen die Kinder Gerda und Kay nebeneinander. Sie sind eng befreundet. Kay sticht plötzlich etwas ins Auge und ins Herz: Teile des Spiegels. Er erstarrt gleichsam psychisch, sieht in allem nur etwas Hässliches und erkaltet seelisch bis zur Unansprechbarkeit. Die Schneekönigin nimmt ihn auf ihrem prächtigen Schlitten mit, entführt ihn also, verschwindet mit dem Jungen, verbringt ihn in ihren Eispalast in Lappland; Kay ist zunächst unauffindbar.

Gerda sucht den Freund. Es beginnt eine wahre Odyssee. Das Mädchen kommt zunächst zu einer alten Frau, dann, von einer Schlosskrähe geführt, in den Palast der Prinzessin und des Prinzen. Von dort begibt sie sich auf die weitere Suche, da Kay nicht, wie sie vermutete, der Prinz ist. Sie wird von Räubern überfallen, überlebt aber und wird von einem treuen Rentier bis nach Lappland gebracht. Über die Zwischenstation bei einer Finnenfrau gelangt sie schließlich in den Eispalast der Schneekönigin (makellos der Bass von Peter Rose).

Dort endlich findet sie Kay, der die Außenwelt nicht wahrnimmt und tief in sein Inneres vergraben ist. Gerda kommt nicht an ihn heran. Die Eiskönigin stellt Kay die Freiheit in Aussicht, wenn er „das vollkommene Wort“ findet. Die Kinder fangen in ihrer Verzweiflung zu weinen an. Die Tränen schmelzen das Eis im Auge und im Herzen Kays. Dieser findet das vollkommene Wort: Ewigkeit. Er ist frei.

Kay und Gerda kehren, inzwischen erwachsen geworden, in die Heimat zurück. Die Großmutter sitzt immer noch da und liest im Bilderbuch. Im Sommer blühen die Rosen. Alles ist wieder gut.

The Snow Queen – Hans Abrahamsen
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Andreas Kriegenburg und der die Bühne gestaltende Harald B. Thor finden Bilder von geradezu berückender Kraft. Hell, überhell leuchtet die Bühne, über die Ballettfrauen wie elfengleiche Vögel mit flügelähnlichen Kopfbedeckungen und Schleiern schweben. In verzerrtem und vielgefiedertem Schwarz die Raben (Forest Crow: Kevin Conners; Castle Crow: Owen Willets); bizarr Princess (Caroline Wettergreen) und Prince (Dean Power).

Freilich begegnet Kriegenburgs Konzept bei aller Bildergewalt Einwänden. Er transponiert Kays Erstarrung ins Psychopathologische. Ihm kommt eine posttraumatische Belastungsstörung mit der Symptomatik eines Rückzugs in sich selbst und interpersoneller Absperrung in den Sinn. Vielleicht auch eine katatone Schizophrenie (im Unterschied zur paranoiden und zur hebephrenen) mit ähnlichen Symptomen. Ärzte in weißen Kitteln umkreisen ein Bett, auf dem sich Kay krümmt.

Das leuchtet nicht ein, gräbt nicht tief genug (so wenig es freilich auch dem Gesamteindruck der Aufführung letztlich schadet).  Andere Deutungen sind schlüssiger: der Einzug der Vernunft zum Beispiel in die Kinderpsychologie, das Erwachsenwerden, das vom Misstrauen und Rückzug in sich selbst begleitet wird.

Andersen bietet selbst eine Erklärung an. Das Schloss der Eiskönigin ist eine einzige Architektur eiskalten Verstandes. Die Eiskönigin sagt von sich selbst, „sie sitze im Spiegel des Verstandes und dies sei das einzige und beste auf der ganzen Welt.“ Und der im Palast gefangen gehaltene Kay legt Figuren zu einem „Verstandes-Eisspiel“ zusammen.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Peter Rose als Snow Queen und Kinderstatisterie © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Peter Rose als Snow Queen und Kinderstatisterie © Wilfried Hoesl

So deutet sich in Andersens Werk, einem Erwachsenenmärchen, eine erstaunlich frühe Vernunftkritik an, die die heutige Philosophie in der Nachfolge von Adorno, Heidegger u.v.A. beherrscht (s. insbesondere auch Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns). Die Vernunft als das den Menschen verdinglichende und seiner Personalität beraubende Gewalt. Der Mensch als gleichsam tote Ware.

Hier wäre der richtige Ansatz zu einer Interpretation gewesen. Der Verweis auf einen psychopathologischen Krankheitszustand greift zu kurz, er ist allzu vordergründig banal. Krankheiten gibt es schon immer. Die Krankheit der vernunftdominierten Zeit, die wohl Andersen meinte, ist nicht mit medizinisch-psychiatrischen Therapien und Medikamenten zu bekämpfen. Freilich auch nicht wie im Märchen mit Substanzen, die das Eis der Vernunft zum Schmelzen bringen. Sondern mit tiefgreifenden Einsichten.

Gleichwohl: die bis zum Schluss bleibenden Zuschauer, die sich in der überwältigenden Mehrheit befanden, nahmen die Aufführung mit langanhaltendem Beifall auf. Eine Sitznachbarin zu ihrem Partner: „Die Buhs sind eine Unverschämtheit.“

The Snow Queen an der Bayerischen Staatsoper; die weiteren Termine 4.1.; 6.1.; 31.7.2020

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

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