München, Bayerische Staatsoper, Il trittico von Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 03.01.2018

Januar 3, 2018 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Il trittico – Giacomo Puccini

– Gianni Schicchi – Il tabarro – Suor Angelica –

Von Hans-Günter Melchior

Ach ja, es tut mir Leid, stimmt aber doch, oder? wie oft schon empfand man beim Anhören von Puccinis Musik dieses leichte Unbehagen, ganz ähnlich den Gewissensbissen eines Fettleibigen, der an Weihnachten zuviel Süßigkeiten in sich hineinstopft. Die langen Melodienbögen, das Belcanto, ganz nahe am Süßlichen und Gefälligen, die bruchlos aufgehenden Harmonien.

Großes Opernvergnügen

Dieses Mal ist es anders. Man erlebt den Musikdramatiker Puccini, den szenischen Gestalter, der das Geschehen mit rauen, zuweilen rohen Klängen ausstattet, musikalisch – an Wagner erinnernd – ausmalt und die Dissonanzen nicht scheut, wenn sich Tragisches, Zwiespältiges ereignet. Und der mit impressionistischen Valeurs imponiert, wenn sich Hintergründiges zuträgt, mit einem Satz: man staunt über die Modernität dieses Komponisten.

Bayerische Staatsoper / Il trittico - hier in Gianni Schicci das Ensemble © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Il trittico – hier in Gianni Schicci das Ensemble © Wilfried Hoesl

Nicht lange braucht man zu suchen, woran dies liegt: am Dirigenten Kirill Petrenko. Er hat das brillante Bayerische Staatsorchester fest im Griff, erlaubt keine Ausrutscher ins Melodramatische oder gar Kitschige, führt straff und in die Komposition hineinhörend. Eine glänzende Leistung, zweifelsfrei, aber so weit sollte man dann doch nicht gehen wie die SZ, nicht gerade einen naiven Wunderglauben strapazieren und gleich von Petrenkos „Wunderhänden“ träumen, denen die Musik gleichsam im Akt des Dirigierens entströmt (da wäre Theodor W. Adornos Aufsatz „Dirigent und Orchester“ in der „Einleitung in die Musiksoziologie“ korrigierend hilfreich gewesen). Die Musik hat immer noch Puccini geschrieben und das Orchester hat sie gespielt und der Dirigent hat sie – großartig – interpretiert. So verhält es sich nunmal in der hierarchischen Ordnung der Kunst. Verbeugung vor Puccini.

Es handelt sich bei Il trittico, wenn man durchaus so will, um ein Triptychon. Freilich fällt es einigermaßen schwer, eine verbindende Idee zu finden, zu unterschiedlich sind die Handlungen, zu disparat die zugrundeliegenden Ereingisse. Der intellektuelle Aufwand, aus den drei Stücken eine Grundidee herauszudestillieren, wirkt verkrampft und führt zu keinem überzeugenden Ergebnis.

Aber ist dies denn überhaupt notwendig? Wo doch jede der drei Opern durchaus einleuchtend und in sich geschlossen für sich spricht. Die Stücke werden von der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer beeindruckend und mit sparsamen Mitteln in Szene gesetzt: eben als selbständige Werke:

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Il tabarro mit Eva-Maria Westbroek als Giorgetta, Wolfgang Koch als Michele und Yonghoon Lee als Michele © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Il tabarro mit Eva-Maria Westbroek als Giorgetta, Wolfgang Koch als Michele und Yonghoon Lee als Michele © Wilfried Hoesl

Il tabarro spielt im Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts. Michele ist der Eigentümer eines Lastenkahns, der die Existenzgrundlage für ihn und seine Frau Giorgetta darstellt. Als das gemeinsame Kind stirbt, entfremden sich die Eheleute. Giorgetta verliebt sich in den auf dem Kahn arbeitenden Löscher Luigi. Als ihr Ehemann Michele hinter die ehewidrige Beziehung kommt, erwürgt er Luigi und bedeckt die Leiche mit einem Mantel.

Suor Angelica handelt vom Leben der Schwester Angelica in einem Kloster zum Ende des 17. Jahrhunderts. Angelica ist fürstlicher Herkunft. Als sie ein uneheliches Kind, einen Sohn, bekommt, wird sie von ihrer Tante (ihre Eltern sind bereits gestorben) zur Strafe in ein Kloster gesteckt. Nachdem sie dort bereits sieben Jahre, für die Heilkräuter zuständig, arbeitet, bekommt sie endlich von der Tante den sehnlich erwarteten Besuch. Sie will wissen, wie es ihrem Kind geht. Die Tante teilt ihr kalt und ohne Anteilnahme mit, dass das Kind vor zwei Jahren gestorben sei. In ihrer Verzweiflung vergiftet sich Angelica. Im Todeskampf hat sie die Vision der Muttergottes, die Angelicas Kind in den Armen haltend Mutter und Sohn zusammenführt.

Gianni Schicchi schließlich spielt im Florenz des Jahres 1299. Der reiche Buoso Donati ist gestorben. Die mittellose Verwandtschaft versammelt sich am Totenbett in der Hoffnung, vom Erblasser testamentarisch reich bedacht worden zu sein. Aus dem endlich gefundenen Testament ergibt sich jedoch, dass Donati seinen gesamten Nachlass einem Kloster übereignet. Die leer ausgehende Verwandtschaft ist ratlos und verzweifelt. Der herbeigerufene Erzgauner und gelernte Betrüger Gianni Schicchi, dessen Tochter Lauretta den einst präsumptiven Erben Rinuccio liebt und im Erbfalle heiraten will, kommt auf die Idee, den Leichnam Donatis wegzuschaffen. Er will sich in das Totenbett legen und einem herbeigerufenen Notar vorspiegeln, es handele sich bei ihm, Schicchi, um den – natürlich noch lebenden – Donati, der sein Testament diktieren und notariell beurkunden lassen will. So geschieht es. Schicchi, alias Donati, diktiert dem gutgläubigen (oder bestochenen, die Höhe der Entlohnung spricht für eine Bestechungssumme) Notar seine letztwillige Verfügung, mit der er vor allem und zum übergroßen Anteil sich selbst bedenkt. Er verweist die empört protestierende Verwandtschaft aus dem nun ihm gehörenden Haus.

Besonders Gianni Schicchi überzeugt musikalisch und von der burlesken, temporeichen Handlung her, der geradezu überbordenden Komik, die sich von der Musik auf das Geschehen überträgt.

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Suor Angelica Ermonela Jaho als Angelica sowie Ensemble und Chor © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Suor Angelica Ermonela Jaho als Angelica sowie Ensemble und Chor © Wilfried Hoesl

Lotte de Beer hat alle drei Opern in einem Trichter inszeniert, der sich zum Zuschauerraum hin öffnet und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisieren soll. Eine Art Zeitbehälter. Diese Bühnengestaltung ist aus sich heraus zwar nicht verständlich, man käme als Zuschauer nicht ohne weiteres darauf und ist gut beraten, sich zuvor die Ausführungen der Regisseurin im Podcast des Nationaltheaters anzuhören.

Der insgesamt durchaus gelungenen Inszenierung tut dies freilich keinen Abbruch. Die Regisseurin verzichtet darauf, mit allerlei Performance-Tricks und dem Schnickschnack des Regietheaters Eindruck zu schinden und Tiefgründiges vorzutäuschen, sondern belässt es bei einigen Requisiten, wie etwa einer Luke im Kahn von Il tabarro, den weißen Gewändern der Nonnen in Suor Angelica, oder den clownesken Kostümen in Gianni Schicchi, um Orte und Stimmung des Geschehens zu charakterisieren. Die geschickte Lichtregie tut ein Übriges. Warum allerdings die Szene sich in Il Tabarro und Suor Angelica (wo die wundergläubige und visionäre Handlung besonders am Ende – freilich ohne Verschulden der Regisseurin –  doch arg den Kitsch streift) zum Schluss im Trichter dreht, erschloss sich dem Rezensenten nicht.

Außer dem großartigen Dirigat und der brillanten Orchesterleistung sind Ermonela Jahos wunderschön warmer Sopran und der kernige Bass von Ambrogio Maestri besonders hervorzuheben. Eine Einzelkritik aller Protagonisten würde den Rahmen einer Rezension sprengen.

Insgesamt ein vom Publikum zu Recht begeistert gefeiertes Opernerlebnis. Eine Empfehlung für München-Besucher: sollten Sie im Januar oder Juli hierher kommen, versäumen Sie nicht Il trittico, erkämpfen Sie sich ein Ticket.

Il trittico an der Baerischen Statsoper: Die weiteren Termine 14.7.2018, 16.7.2018

 

München, Bayerische Staatsoper, Il Turco in Italia, IOCO Kritik, 30.11.2017

Dezember 1, 2017 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

 Il turco in Italia von Gioacchino Rossini

Eine politisch herrlich inkorrekte Inszenierung aus 2007

Von Daniela Zimmermann

Gioacchino Rossini, 1792-1868, einer der bedeutendsten Opernkomponist seiner Zeit, war bekannt für charmante und witzige Ironie. Genau diese leichte Süffisanz zieht sich elegant durch die 1814 in Mailand uraufgeführte Oper Il turco in Italia wie durch dssen orginelle Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper. Regisseur Christof Loys Inszenierung ist gestanden, nämlich aus 2007. Doch in 2017 wahrlich noch nicht abgestanden. Mutig ist Loy, wenn er Rossinis bekannt provozierenden Humor mit politisch unkorrekten Klischees noch schräger bedient: Beginnend mit dem Vorspiel (Trailer) quellen aus einem mickrigen Wohnwagen unzählige Zigeuner, der Chor, Campingstühle und Picknick folgend, die zunächst ein erstes plattes Vorurteil in eigener Sache bedienen, „Von der Leichtgläubigkeit der Menschen leben wir…..gut….“, um dann Türken wie Italiener mit vorurteilreichen Doppeldeutigkeiten ähnlich schräg zu bedienen. Doch die Provinz siegt gelegentlich auch in Italien: Nach zahlreichen wie farbigen Episoden vereinen sich die  Hauptakteure der Oper, Fiorilla und Don Geronio, spießig brav vor einem Röhrenfernseher. Bühnenbild und Kostüme Herbert Murauer. Sowohl die Kleidung als auch die Requisiten spiegeln das bella Italia der 50er Jahre

Der türkische Fürst Selim landet auf einem fliegenden Teppich in Neapel, wo er sofort die erst beste Frau, die ihm begegnet, anmacht. Fiorilla ist zwar mit Ehemann und Geliebtem schon  gut ausgelastet, aber neuen Abenteuern trotzdem nicht  abgeneigt: „Es ist keine größere Torheit als nur einen Mann zu lieben. Langeweile, nicht Vergnügen füllt dann die Tage“, singt sie voller Selbstbewusstsein. Dass Fiorillas Hingabe vor allem Männern mit gut gefüllten Brieftaschen gilt, ist eine weitere nette Bosheit des Librettos von Felice Romani. Als Fiorillas Gatte Don Geronio genug von ihr hat und sie aus dem Haus wirft, schluchzt sie voller Verzweiflung die Schrankwand mit den Schuhen an. Nicht  nur der böse Witz, sondern auch  die Figur des Theaterdichters Prosdocimo, der die Personen der Oper als Vorlage für ein Theaterstück benutzt und teilweise sogar arrangiert, lassen Romanis Libretto  unkonventionell wie modern erscheinen.

Bayerische Staatsoper / Il Turco in Italia - hier Olga Peretyatko als Fiorilla natürlich kokettierend © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Il Turco in Italia – hier Olga Peretyatko als Fiorilla natürlich kokettierend © Wilfried Hösl

Prosdocimo, ein Schriftsteller, mit kräftig reinem Bariton von Sean Michael Plumb stark dargestellt, muss ein Theaterstück schreiben, aber die zündende Idee fehlt ihm. Die Lösung: Das vor seiner Nase befindliches Musiktheater und die dort gespielte Oper, deren Akteure wie Handlung, werden für sein Stück verwendet. So arrangiert er die Fortgänge und greift aktiv steuernd in die Handlung ein. Nicht immer zur Freude der Akteure, weshalb er auch erhebliche Blessuren davon trägt. Aber er kommt zum Ziel ein Stück über seinen Freund Don Geronio zu schreiben, dessen junge Frau Fiorilla eine Affäre mit Don Narciso hat. Doch eine Gruppe von Zigeunern inspiriert ihn stattdessen zu einer Zigeuneroper (Introduktion: „Nostra patria è il mondo intero“).

Verwirrungen sind das Salz dieser Oper, wie das biedere aber moralisch korrekte Ende. Doch sind die  Verwirrungen überraschend wie unterhaltsam. Fiorilla, hübsch, jung und verheiratet mit dem viel zu alten Witwer Don Geronio, liebt amouröse Abenteuer. Der türkische Fürst Selim landet, ganz orientalisch, mit Diener auf einem fliegenden Teppich  an der Küste Neapels und verliebt sich flugs in Fiorilla; deren bisherigen Liebhaber, Don  Narciso, ebenso flugs abgemeldet ist. Alle Aufmerksamkeit Fiorillas gehört nur noch dem Fürsten. Doch da existiert auch noch Zaide, Selims große Liebe, verstoßen wegen der falschen Nachrede der Untreue. Sie musste fliehen und landete auch da, wo just Fürst Selim  gelandet ist, in Neapel.

Olga Peretyatko mit lyrischen Sopran und strahlend Koloraturstimme verkörpert die schöne Italienerin auch darstellerisch höchst ansprechend. Ihre große Arie im 2. Akt Squallida veste, e  bruna in der sie sich verlassen wähnt, berührt mit ans Herz gehender Zerbrechlichkeit und Dramatik.

Ildebrando D’Arangelo singt Fürst Selim mit wohlfühlend markanter Bassstimme erobert als erotische Abenteuer suchender Papagallo natürlich auch Fiorilla, Olga Peretyatko. Beide zeigen hingebungsvoll ihre Zuneigung. Mit der in der Türkei vermeintlich üblichen Tradition, Frauen abzukaufen, findet Selim allerdings bei Ehemann Don Geronio wenig Gegenliebe. Don Geronio von Alessandro Corbelli mit Gefühl für die Komik der Opera Buffa  und warmen Bass humorig wie darstellerisch sehr präsent .

Bayerische Staatsoper / Il Turco in Italia - hier Paula Iancic als Zaide und Ildebrando D’Arangelo als Fürst Selim © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Il Turco in Italia – hier Paula Iancic als Zaide und Ildebrando D’Arangelo als Fürst Selim © Wilfried Hösl

Paula Iancic kämpft als unglückliche Zaide mit schönem, warmen Mezzosopran und  verführerischem Bauchtanz (Foto oben) um ihren geliebten Selim, der ihr natürlich erst einmal erliegt um dann zwischen den beiden attraktiven Frauen nicht entscheiden zu können / wollen. Verlierer im Kampf um Fiorella ist ihr bisheriger Liebhaber, Don Narziso, von Michele Angelini mit schmelzigem hoher Tenor, viel Applaus in der Arie  “Intensi, ah tutti intensi“, perfekt dargestellt. Das Durcheinander von Wünschen und Vorstellungen der Handlung löst ein Maskenball auf. So bleibt am Ende Zaide bei Selim, Fiorilla bleibt bei Ehemann Geronio; alle scheinbar zufrieden und glücklich: Eine Parabel?

Rossinis Musik verlangt fröhliche Leichtigkeit und Tempo. Antonello Allemandi und dem Staatsorchester erzeugen diesen italienisch lebendigen Klang voller Lebensfreude. Der  Chor der Bayerischen Staatsoper überzeugte mit gewohnter Klangfülle wie mit originellen Darstellungen, mal als  Ballgäste, dann als Bühnenarbeiter in T-Shirts mit auffälligem Bayerische Staatsoper – Logo.

Türke in Italien an der Bayerischen Staatsoper: Eine mutige Produktion, eine Freude bringende Aufführung, ein unterhaltsamer Abend, großer Beifall.

München, Bayerische Staatsoper, Figaros Hochzeit von W. A. Mozart, IOCO Kritik, 07.11.2017

November 7, 2017 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart

 „Schwierige Türen“

Von Hans-Günter Melchior

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Alle kennen Figaros Hochzeit. Alle Männer. Sei es als Traum, sei es als Realität. Ein junge Frau, die man auch gerne mal in den Armen hielte, heiratet ihren Geliebten/Verlobten. Und man hält an seinem Traum fest. Bei manchen erfüllt er sich sogar: als außereheliche Beziehung.  Und alle Frauen kennen Figaros Hochzeit. Sie heiraten zwar, könnten sich aber ganz gut vorstellen, in den Armen dessen, der sie so heiß begehrt, ein wenig zu ruhen – und so weiter.

Das ist es, was Mozart wusste!

Und deshalb kennen – fast – alle die Geschichte, die Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte daraus gemacht haben. Vor allem Mozarts wunderbare, erotisierende Musik, die zwischen die Zeilen des Librettos schlüpft und ins Seelenleben der Protagonisten und der Zuhörer eindringt. Dass man am Ende sagt: So ist es, genau so. Als wäre es ich.

Ganz kurz und zur Erinnerung:

Susanna (Olga Kulchynska), Kammermädchen der Gräfin Almaviva (Federica Lombardi) heiratet Figaro (Alex Esposito), den Kammerdiener des Grafen Almaviva (Christian Gerhaher). Letzterer stellt aber der schönen Susanna nach, pocht zwar nicht ausdrücklich, aber doch faktisch auf dem ius prima noctis (Recht der ersten Nacht), einem „Gesetz“, das er gerade, offenbar in einer aufklärerischen Anwandlung, abgeschafft hat. Er verletzt dabei die Gefühle seiner Gattin auf das Nachhaltigste. Diese schmiedet mit ihrem Kammermädchen Susanna einen Plan: Susanna lockt den Grafen am Hochzeitsabend in den Park. Dort trifft er aber auf die als Kammermädchen Susanna verkleidete eigene Frau, während Susanna als Gräfin verkleidet ihren eifersüchtigen Ehemann Figaro narrt und erotisch reizt. Als der Schwindel auffliegt, zerfließen die männlichen Hauptpersonen, insbesondere der Graf, vor Reue und richten sich in der „gottgewollten“ Ordnung ein.

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro – hier Olga Kulchynska als Susanna und Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl

Dazwischen ereignet sich allerlei komödiantischer Schnickschnack, ein wenig überdrehte Komik. Marcellina (Anne Sofie von Otter, die sehr schön Mozarts  in den musikalischen Fluss eingebautes Lied „Abendempfindung an Laura“ in deutscher Sprache vorträgt), eine gräfliche Angestellte, erhebt Rechte auf Figaro, beruft sich auf einen Vertrag, der ihr eine von Figaro zu zahlende Mitgift oder die Heirat mit diesem zuspricht. Sie wird von Bartolo (Manuel Günther), einem Arzt aus Sevilla, bei dem sie früher angestellt war, unterstützt. Als sie ihren vertraglichen Anspruch einklagen will, stellt sich heraus, dass sie Figaros Mutter und Bartolo dessen Vater ist. Na ja.

Durch die gesamte Oper irrlichtert – dies allerdings eine überaus wichtige Figur (eine Frauenrolle) –: Cherubino (Solenn´Lavanant-Linke) als lebendes Beispiel unerfüllter Sexualität. Die Gräfin und Susanna ordnen ihm zunächst die Aufgabe zu, als Mädchen verkleidet, den Grafen zu verführen. Als der argwöhnische Graf die Verkleidungszeremonie stört und zum Scheitern bringt, flüchtet Cherubino mit einen Sprung durchs Fenster in Garten. Er wird von dem Gärtner Antonio (Milan Siljanov) dabei beobachtet, was zu komischen Verwicklungen führt, weil Figaro behauptet, er sei es gewesen, der aus Angst vor dem wütenden Grafen aus dem Fenster gesprungen sei.

Don Curzio (Dean Power), ein stotternder Richter (gibt es sowas wirklich?!), soll das Urteil vollziehen, durch das Figaro zur Heirat mit Marcellina oder zur Zahlung einer Mitgift verpflichtet werden soll. Eine kleine Partie. Babarina (Anna El-Khashem), Tochter des Gärtners Antonio, war dem Grafen bereits zu Liebesdiensten, sie stellt ihn vor der Gräfin bloß, indem sie ihre Gelegenheitsbeziehungen offenbart.

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro – hier Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl

In der Aufführung der Bayerischen Staatsoper sind alle Personen nicht das, was sie sind. Der Graf ist kein richtiger, autoritärer und über den Dingen stehender Herrscher, sondern ein eher Getriebener, ziemlich triebgesteuerter Wicht. Und Figaro und Susanna sind nicht so richtig geduckte Untergebene, sondern selbstbewusste Angestellte, die mit dem Grafen umspringen als befänden sie sich mit ihm auf Augenhöhe. Auch die Gräfin hat so ihre Mucken, sie macht sich mit ihrem Kammermädchen gemein und man hat den Eindruck, dass sie Figaro ganz gern sieht. Und Marcellina und ihre Helfer sind echte und moderne Bürger, die in Auftreten und Reden durchaus in der Lage sind, ihre Rechte zu verteidigen.

Alle eint so etwas wie unerfüllte Liebe. Vor allem aber ein sexuelles Bedürfnis, das quer durch die Standesränge – und durch die tradierten Ordnungscodices geht. Nicht nur der Graf verzehrt sich in einem Begehren, das ihn im Grunde erniedrigt. Selbst von Susanna hat man, folgt man dem Regisseur Christof Loy, durchaus den Eindruck, dass sie sich einer Liaison mit dem Grafen nicht besonders nachhaltig widersetzen würde. Die beiden turteln miteinander und kommen sich gefährlich näher. Das ist durchaus kein Fall von #Me Too, von missachteter sexueller Selbstbestimmung der Frau, nein, das alles geschieht durchaus gesetzeskonform, weil freiwillig, in beiderseitiger Übereinstimmung. Und wie Figaro seiner Susanna, die er ja für die Gräfin hält (!), an die Wäsche geht, offenbart mehr als geheime Wünsche –, Wünsche, die aus der gerade verbindlich gemachten Beziehung zur Angetrauten streben.

Das wird auch musikalisch deutlich. Schon im ersten Akt kommt es nur schwer zum Duett zwischen Susanna und Figaro. Während er das Zimmer vermisst und die Maße vor sich hinbrummelt, schwärmt sie von ihrem neuen Hut. Erst nach und nach kommen die beiden musikalisch zusammen. Und so geht es durch die ganze Oper weiter, es überwiegt zwischen den beiden das Streitbar-Dialogische. Ganz offen bekennt sich freilich nur die exemplarische Figur Cherubino zur bindungsfreien sexuellen Lust –, ein allgegenwärtiger Kobold, dem Mozart die herrlichsten Arien zuordnete (Non so più cosa son, cosa faccio…, ich weiß nicht, was ich bin, was ich tue…; und Voi che sapete… Sagt holde Frauen…).

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Anne Sofie von Otter als Marcelline © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro – hier Olga Kulchynska als Susanna und Anne Sofie von Otter als Marcelline © Wilfried Hösl

Mit der erotischen Färbung des Werks haben Mozart und Da Ponte die politisch-kämpferische Vorlage Beaumarchais entschärft und ins Psychologische transponiert. Einzig in Figaros Arie: „Se vuol ballare, signor Contino…Will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen…“, flammt der sozial- und gesellschaftskritische Kern des ursprünglichen Stoffes auf, eine Schlüsselszene. Die einzig wirklich Kampfansage von unten nach oben.

Stilgebendes Element der Inszenierung sind die Türen. Im ersten Akt sind sie so niedrig, dass man nur in gebückter Haltung eintreten kann. Dann werden sie immer größer. Im dritten Akt ist die Türklinke so hoch angebracht, dass man sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um sie zu erreichen. Und im vierten Akt füllt eine riesige Tür bis unter die Decke den Bühnenraum aus, wo zuvor der Ausschnitt eines Gemäldes von Fragonard dominierte. Ganz klein sind die Personen vor diesem wie aus einem Vergrößerungsglas herausgefallenen Monstrum, das nur einen kleinen Spalt offen lässt, hinter dem die Schwärze der Nacht obskure Handlungen verschlingt.

Assoziationen an Kafka drängen sich auf. In der „Verwandlung“ ist ständig von Türen die Rede, die schwer zu öffnen und grundsätzlich immer verschlossen zu halten sind. Und in der Erzählung „Vor dem Gesetz“ bewacht ein Türsteher lauter offene Türen zum Gesetz hin, durch die zu gehen der einzige Besucher sich nicht traut und schließlich gleichsam unerlöst wartend stirbt. Vielleicht weil er weiß, dass er dem Gesetz nicht gewachsen wäre. Es sind bewusst schwierige Türen in dieser Aufführung. Hindernisse. Barrieren vor der Überwindung der Ordnung, vor dem, was sich hinter ihr an sie sprengenden Sehnsüchten verbirgt. Und doch lassen sie Schlupfwinkel offen. Ein philosophisch kluger Einfall der Regie, der die Ambivalenz des Geschehens verdeutlicht.

Constantinos Carydis leitet das hervorragend disponierte Staatsorchester (die Bläser!)  mit anfeuernder Gestik. Die straffen Tempi schaffen es, dass die Musik ins Blut geht. Und sie treiben die Darsteller zu Höchstleistungen an. Großer und anhaltender Jubel.

Le nozze di Figaro an der Bayerischen Staatsoper, weitere Vorstellungen: 10.11.2017; 15.7.2018, 17.7.2018

 

 

 

München, Bayerische Staatsoper, Cosi fan tutte – Pures Mozart-Glück, IOCO Kritik, 06.10.2017

Oktober 6, 2017 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Pures Mozart-Glück

Così fan tutte  an der Bayerischen Staatsoper

Von Hans Günter Melchior

 Mozart Überall - Sein Denkmal in einem kleinen bayerischen Städtchen © IOCO / Gallée

Mozart Überall – Sein Denkmal in einem kleinen bayerischen Städtchen © IOCO / Gallée

Mozart: Er ist von allen Komponisten der Schwierigste und Leichteste zugleich. Seine Musik ist ein anwehender musikalischer Gedanke, der sofort zu Herzen geht. Man bekommt diese Musik so wenig aus dem Kopf wie man seine Psychologie aus der Seele verbannen kann. Eine intellektuelle, immaterielle Droge, der man sich nicht entziehen kann.

Man fährt zum Beispiel in diesen Tagen in der U-Bahn durchs wies´n-geschüttelte München, inmitten der braven Dirndlträgerinnen und Lederbehosten, die nach ein paar Stunden Gesichter wie von innen nach außen gekehrte Masken tragen. Und man dirigiert in Erwartung einer Mozart-Oper, etwa Così fan tutte,  ein Orchester, das im eigenen Kopf spielt, während einen die Wies´n-Besucher, die sich sehr bald selbst nicht mehr kennen werden, für verrückt halten. Und dann hört man die Oper im Nationaltheater und dirigiert heimlich, sozusagen im Schutze der Dunkelheit, wieder mit, und wenn man nach Hause fährt, dirigieren in der U-Bahn andere, grölend den bayerischen bayrischen Defiliermarsch oder was Moderneres, man selbst aber ist immer noch in der Oper und bei Mozart, der sich immer noch in einem aussingt. In der Nacht findet man kaum Ruhe. Morgens weiß man nicht, ob man in der Oper geschlafen hat oder immer noch dort ist, musikgesättigt und voller Glücksgefühle.

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte © Wilfried Hösl

Dabei hat die Oper Così fan tutte durchaus ihre Tücken. Gedacht ist es vom Librettisten Lorenzo Da Ponte ja wohl so: da können sich zwei junge Männer Guglielmo und Ferrando gar nicht genug tun im Lob auf die Treue und Liebe ihrer Verlobten Fiordiligi und Dorabella. Bis es dem Philosophen Don Alfonso (ein Misanthrop oder ein Menschenkenner?) zu bunt wird. Nur mal langsam, Jungs, sagt er etwa, das mit der Treue der Frauen ist nichts als eine Illusion. Macht doch die Probe aufs Exempel, meldet euch zum Schein in den Krieg ab, weil der König zu den Fahnen ruft. Und dann kommt ihr, gleichsam durch die Hintertür, als verkleidete Albaner, also als Fremde, wieder und verführt mit allerlei Tricks euere angeblich so treuen Verlobten. Ich wette, sie erliegen bald euren Verführungskünsten.

Die beiden jungen Männer gehen siegesgewiss auf die Wette ein, verabschieden sich in den Krieg, die beiden Frauen sind untröstlich. Die angeblichen Soldaten kommen als Albaner verkleidet zurück und machen sich an die beiden jungen Damen heran. Don Alfonso zieht unter der Assistenz der lebens- und männererfahrenen Kammerzofe Despina im Hintergrund die Fäden. Die beiden unverbrüchlich treuen jungen Frauen werden ziemlich bald weich, als sich die Albaner zum Schein vergiften, weil sie – zunächst – abgewiesen werden. Die Damen signalisieren Entgegenkommen, die Albaner werden gerettet, zuerst erliegt Dorabella, die Verlobte Ferrandos, ausgerechnet dem Werben von dessen Freund Guglielmo, wenig später und nach inneren Kämpfen gibt auch Fiordiligi nach und lässt sich ungeachtet ihrer Verlobung mit Guglielmo mit Ferrando ein. Don Alfonso hat die Wette gewonnen. Die sich – gleichsam über Kreuz – verständigenden Paare heiraten.

Und jetzt kommen die ursprünglich Verlobten zurück. Die Bestürzung ist groß, aber man beruhigt sich schnell. Die Ehekontrakte werden zerrissen und die alten Zustände wiederhergestellt. Die konventionelle Ordnung siegt, die Opernbesucher und die Gesellschaft findet ihre Ruhe wieder. Die Oberfläche des Sees der Emotionen hat sich nur vorübergehend gekräuselt.

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte - Hier Fiordiligi und Dorabella © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte – Hier Fiordiligi und Dorabella © Wilfried Hösl

So ist es eben wohl gedacht. Die Frauen sind die Schwachen und Untreuen (s. den noch 1900 erschienenen Essay des Neurologen und Psychiaters Paul Julius Möbius über den „Physiologischen Schwachsinn des Weibes“, dessen Kehrseite die emotionale Unbeständigkeit der Frau sein soll), die Männer haben recht…

In der inzwischen entschlackten und sehr vorteilhaft entrümpelten Inszenierung von Dieter Dorn aus dem Jahr 1993 ist auf geradezu tiefschürfende Weise alles anders. Schon beim ersten Erscheinen der sogenannten Albaner sieht man bei Dorabella ein Augenzwinkern hin zu Fiordiligi: merkst du nichts?

Mit anderen Worten: die Frauen durchschauen das fiese Spiel der Männer von Anfang an. Da braucht es nicht einmal der Belehrungen über die die Beliebigkeit der Liebe, die Nichtsnutzigkeit der Männer und die Freiheit der Frauen durch Despina, die von den beiden herrschaftlichen Damen übrigens sehr allürenhaft (meisterhaft wie Dorn das mit schnippisch-herrischen Gesten zeichnet), wie eben ein Dienstbote, der ihnen nichts zu sagen hat, behandelt wird.

Und so nimmt das köstliche Spiel seinen Lauf. Ergötzlich zu sehen, wie die beiden Typen als betrogene Betrüger vorgeführt werden. Sich furchtbar schlau vorkommen, in Wirklichkeit aber längst durchschaut sind. Und im Grunde genommen sich ziemlich mies benehmen. Vernascht doch einer die Verlobte des anderen, danach bedauern sie sich dabei noch selbst. Während die Verlobten am Ende der Werbebemühungen der Männer sich recht gern mit dem jeweiligen Verlobten der Schwester vergnügen (variatio delectat). Ganz unverhohlen, schwelgerisch. Und wie gesagt nach wie vor im Wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ferrando reißt sich sogar noch den künstlichen Schnurrbart ab, bevor er endlich die noch etwas zögerliche, dann aber von ihm begeisterte Fiordiligi herumkriegt.

Bayerische Staatsoper / Cosi fan tutte - Hier Fritsch, Brower, Chest, Fanale, Park © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Cosi fan tutte – Hier Fritsch, Brower, Chest, Fanale, Park © Wilfried Hösl

Das alles wird auf hohem künstlerischen Niveau und unter der hochpsychologischen und klugen Regie Dieter Dorns in Szene gesetzt. Dorn kann sich dabei durchaus auf Mozart berufen, der musikalisch leugnet, was der Text behauptet. Als die beiden Damen ihre Verlobten tränenreich verabschieden, wird genial-musikalisch bereits der Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Damen gesät: die Arie „Soave sia il vento…“, (Weht sanfter ihr Winde, seid ruhig ihr Wellen…) endet in der Wiederholung auf einem Halbton; die chromatische Wende verweigert sich demgemäß der Harmonie, der Zuhörer merkt: irgendwas stimmt da nicht. Und so geht es eigentlich immer weiter. Mozarts vielgerühmte heitere Melancholie überdeckt die Komödie mit einem Schleier des inneren Vorbehalts, wer genau hinhört, merkt, dass nicht alles gemeint ist, wie es gesagt wird. Selbst in der grandiosen Arie der Fiordiligi, in der sie den Verlobten um Mitleid und Verzeihung wegen ihrer seelischen Verwirrung bittet… „Per pietà, ben mio, perdona…“ , schwingt im Pathos die Heuchelei mit.

Alles wird nicht zuletzt in dieser wohldurchdachten Inszenierung auf das menschliche Maß heruntergebracht und entlastet den Zuhörer angenehm (bei der Arie Ferrandos „un´aura amorosa…, erinnert man sich freilich ein wenig wehmütig an die denkwürdige Ponnelle-Inszenierung, in der Ferrando auf einer Wiese im Garten liegend das Haus der Geliebten ansingt; hier sitzt er – zeitgemäßer –  am Tisch der Damen).

Die Besetzung in München ist höchst bemerkenswert. Ganz hervorragend die Fiordiligi von Anett Fritsch. Ein allen Schwierigkeiten gewachsener, berückend schöner Sopran. Sie ist auf dem Sprung zur Weltberühmtheit. Nicht minder brillant die dunkler gefärbte, zuweilen an einen Mezzosopran heranreichende Stimme von Angela Browser. Faszinierend die Darbietung der Despina durch die quirlige und kapriziöse Hyesang Park, die es dem Publikum offenbar angetan hat. Pietro Spagnoli hat einen biegsamen Bariton, man muss sich, an einen Bass gewöhnt, ein erst wenig damit vertraut machen.

Wunderbar auch die schauspielerische Leistung der Akteure. Da ist ein Blickewerfen und Austauschen von Gesten, das mitreißt und reinen Genuss beschert. Man ist jederzeit mittendrin im Geschehen, lebt mit – und vergisst die Zeit.

Das Staatsorchester spielt unter der Leitung von Constantin Trinks mit gewohnter Virtuosität. Trinks ist offenbar kein Liebhaber eines „knackigen“ Mozart a la Colin Davis. Die Tempi sind eher ruhig und gelassen. Dafür hat dieser Dirigent sehr viel Sinn für die lyrisch-psychologischen Passagen des Werks, die er mit viel Innigkeit ausstattet, eine berührende Interpretation.

Insgesamt ein wunderbarer Abend. Die Wies´n-Heimkehrer bevölkern die U-Bahn. Kein Problem. Man muss sich nur vorstellen, dass sie von Mozarts Musik betrunken sind. Vorschlag an künftige Besucher: gehen Sie statt ins Parkett in die Galerie, wo die Musik klingt wie ein guter Wein, der an die Luft gekommen ist.

Cosi fan tutte an der Bayerischen Staatsoper, im Nationaltheater: 6.10.,  24.10., 26.10 ,29.10.2017

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