Paris, Theatre des Champs-Élysées, Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini, IOCO Aktuell, 05.04.2020

Théatre des Champs Élysées, Paris / der Besucherraum im Stil des Art-Déco © Hartl Meyer

Théatre des Champs Élysées, Paris / der Besucherraum im Stil des Art-Déco © Hartl Meyer

Théâtre des Champs-Élysées

Le Barbier de Séville  –  Gioacchino Rossini

Theatre des Champs-Élysées –  Dezember 2017

Auch in Paris sind zur Zeit alle Theater geschlossen. Die Ausgehbeschränkungen in Paris sind eher noch strenger als in Deutschland. Der in Paris lebende IOCO Korrespondet Peter M. Peters erlebt immer wieder, daß  das öffentliche Leben in Paris zur Zeit still steht.

Theatre des Champs-Èlysèes, Paris – Alle Informationen zur kommenden Spielzeit und Videos zu vergangenen Produktionen- HIER!

Das Theatre des Champs-Élysées, Paris zeigt in diesen Tagen auf der hauseigenen Webseite regelmäßig online Produktionen der vergangenen Jahre. Bis zum 10. April 2020  wird dort die wunderbare Produktion des Barbier von Sevilla von Gioacchino Rossini gezeigt. IOCO, www.ioco.de, stellt diese Produktion in dem folgenden YouTube link vor.

Le Barbier de Séville – Rossini
youtube Trailer Théatre des Champs-Élysées, Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

MIT:  Michele Angelini  – Il Comte Almaviva  • Florian Sempey – Figaro • Catherine Trottmann – Rosina • Peter Kálmán – Bartolo • Robert Gleadow – Basilio • Annunziata Vestri – Berta • Guillaume Andrieux – Fiorello • & Unikanti  Chor

Dirigent  – Jérémie Rhorer, Orchester – Le Cercle de l’Harmonie

Bühne, Kostüme –  Laurent Pelly, Jean-Jacques Delmotte; Dramaturgie – Cléo Laigret • Beleuchtung – Joël Adam

—| IOCO Aktuell Théatre des Champs Élysées |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, PREMIERE Le nozze di Figaro, 01.12.2019

November 6, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

 Le nozze di Figaro –  Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere 1.12.2010; Weitere Vorstellungen 01. / 03. / 08. / 10. November 2019,  15. / 21. / 26. März 2020,  18. April 2020

Von der Normierung des Glücks
Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 Premiere im Stuttgarter Opernhaus
Roland Kluttig dirigiert; Christiane Pohle inszeniert in einem Bühnenbild von Natascha von Steiger

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 um 18 Uhr Premiere an der Staatsoper Stuttgart. Christiane Pohle führt Regie und gibt damit nach mehreren Arbeiten am Schauspiel Stuttgart ihr Hausdebüt an der Staatsoper Stuttgart. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Roland Kluttig, dem künftigen Chefdirigenten der Oper Graz.

Le nozze di Figaro ist die immer gültige Erzählung vom Versuch, die Liebe und das Begehren handhabbar zu machen. Die Vermessung des ehelichen Bettes, die Hochzeitsvorbereitungen von Figaro und Susanna und ihr Wunsch, sich ein eigenes Heim für die Rahmung des partnerschaftlichen Glücks zu schaffen, stehen am Anfang von Mozarts Opera buffa und sind zugleich Ausgangspunkt des Regiekonzepts von Christiane Pohle und ihrem künstlerischen Team: „Wir gehen dem Phänomen der seriell produzierten, stereotypen Lebensentwürfe auf den Grund. Es nimmt oft schon bei der Einrichtung normierter Wohneinheiten mit austauschbarer Massenware seinen Anfang“, so Christiane Pohle. „Die Menschen stellen sich eine möglichst individuelle Einrichtung zusammen, eine mit dem ,persönlichen Zuschnitt‘, in der das Glück jetzt stattfinden soll. Dabei wird man den Verdacht nicht los, dass genau dieses Bett, dieses Zimmer, schon millionenfach bewohnt wurde. Das persönliche Glück ist vorproduziert und im Interesse des Kapitalismus zu haben.“

Nahezu alle Partien sind mit Solistinnen und Solisten aus dem Stuttgarter Sängerensemble besetzt. Viele von ihnen werden in dieser Neuproduktion ihre Rollendebüts geben: Michael Nagl in der Titelparte, Esther Dierkes als Susanna und Johannes Kammler als Graf Almaviva. Erstmals zu Gast an der Staatsoper Stuttgart ist Sarah-Jane Brandon als Gräfin. Diana Haller singt Cherubino. In weiteren Rollen sind u. a. Ks. Helene Schneiderman (Marcellina) und Ks. Heinz Göhrig (Basilio) zu erleben. „Diese Produktion ist ein Bekenntnis zum Solistenensemble unseres Hauses“, so Intendant Viktor Schoner. „Wir wollen unser Stuttgarter Mozart-Ensemble kontinuierlich pflegen. Für viele unserer jungen Sängerinnen und Sänger bietet Mozarts Le nozze di Figaro ideale Voraussetzungen, sich stimmlich und szenisch weiterzuentwickeln.“

Musikalische Leitung Roland Kluttig / Markus Poschner **, Regie Christiane Pohle
Bühne Natascha von Steiger, Kostüme Sara Kittelmann, Video Anna-Sophie Lugmeier
Licht Reinhard Traub
Chor Bernhard Moncado
Dramaturgie Ingo Gerlach
Graf Almaviva Johannes Kammler / Jarrett Ott**
Gräfin Almaviva Sarah-Jane Brandon / Olga Busuioc**
Susanna Esther Dierkes / Josefin Feiler**
Figaro Michael Nagl / Andrew Bogard**
Cherubino Diana Haller / Ida Ränzlöv**
Marcellina Helene Schneiderman / Maria Theresa Ullrich**
Basilio Heinz Göhrig
Don Curzio Christopher Sokolowski*
Bartolo Friedemann Röhlig
Antonio Matthew Anchel
Barbarina Claudia Muschio*
* Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
** Vorstellungen März/April 2020

Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

Begleitveranstaltungen

Einführungsmatinee
Sonntag, 24. November 2019, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Öffentliche Probe
Samstag, 16. November 2019, 9.45 Uhr bis 11.30 Uhr. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort im Theatershop erhältlich.

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Giessen, Stadttheater Giessen, Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 01.10.2019

Oktober 1, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Giessen

Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini

– ein szenisch und musikalisch funkelndes Feuerwerk –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Gioacchino Rossini Paris © IOCO

Gioacchino Rossini Paris © IOCO

Noch bevor der Vorhang aufgeht, stellt ein leerer Friseurstuhl auf der linken Seite vor dem Vorhang alles klar: Hier herrscht Figaro, der Barbier von Sevilla! An ihm kommt keiner vorbei, denn er ist – wie er später dem Grafen Almaviva erklären wird – für alles zuständig als Friseur, Barbier, Peruquier, Gärtner oder Tierarzt. Jedenfalls wird das der Graf glauben müssen, denn ohne dessen Hilfe wird er seiner angebeteten Rosina kaum nahe kommen – geschweige denn sich mehr erhoffen können. Und nachdem der Vorhang die Bühne den Blicken freigibt, bestätigt sich der erste Eindruck. Figaros überdimensioniertes Werkzeug liegt überall herum – die Bühne ist sein Reich. Oder vielmehr Rossinis! Die dezent deutlichen Hinweise auf den Urheber der ganzen Szenerie – das Rasiermesser trägt ganz „zufällig“ den Vornamen, die Pomade bzw. den Deckel ziert ganz selbstverständlich ein Portrait und der Nachname des Komponisten – zeugen von der Reverenz an diesem Meister der Opera buffa. Und so gibt die Musik alles vor, die Regie folgt ihr gekonnt konsequent und überträgt das Verwirrspiel um (Gier nach) Geld und Liebe oder anders herum wunderbar auf die Bühne.

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier vl Daniele Macciantelli, Naroa Intxausti, Grga Peros, Enrico Iviglia, Heidrun Kordes © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier vl Daniele Macciantelli, Naroa Intxausti, Grga Peros, Enrico Iviglia, Heidrun Kordes © Rolf K Wegst

Figaro, als alter Ego Rossinis, ist mittendrin und zugleich der grandiose Strippenzieher des Geschehens. Grga Peroš gibt ihm die herausragenden stimmlichen wie darstellerischen Konturen. Seine Einstiegsarie „Largo al factotum della città“ erntet Szenenapplaus. Zwar ist dieser Figaro von Haus aus – die Commedia dell’ Arte als Hintergrundfolie scheint immer wieder durch – ein komödiantischer Geselle, das geschmackvoll bunte Kostüm sowie die blonde Perücke verweisen darauf, aber ein Clown ist er nicht. Dazu steht dieser Barbier zu selbstgewiss und selbstsicher in der Welt, die bald eine andere sein wird. Die gesellschaftlichen Verschiebungen, die sich anbahnen und nicht aufzuhalten sein werden – noch hat die französische Revolution nicht stattgefunden, wir schreiben die vorrevolutionäre Zeit vor 1789 –, kündigen sich dennoch unausweichlich an. Der Graf, wie es sich eben für einen Rokoko-Menschen gehört, zwar edel in Brokat und Seide gekleidet, kann aber nur noch Dekor präsentieren, nicht wirkliche Macht.

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla © Rolf K Wegst

Diese ist längst beim Volk und Figaro die leibhaftige Verkörperung dessen – nicht zuletzt auch durch seine Arie„Tutti mi chiedono, tutti mi vogliono“ beglaubigt. (Noch augenfälliger, weil in der Zeit komponiert, bei Mozarts Le nozze di Figaro, was natürlich vor Rossinis Werk entstand, aber eigentlich das Nachfolgestück ist. Und Rossini kannte seinen Mozart.) Auch der Graf, als armer Student Lindoro, erhält für seine Ständchen, wie auch Rosina für ihre Cavatine „Una voce poco fa“, spontanen Applaus vom Publikum. Soweit die „Guten“ in dieser turbulenten Oper. Der Bösewicht geht natürlich nicht leer aus: Seine berühmte Verleumdungsnummer „La Calunnia“ bzw. „Die Verleumdung ist ein Lüftchen“ zeigt die ganze Meisterschaft Rossinis, aber auch des Philharmonischen Orchesters Gießen unter der exzellenten Leitung Michael Hofstetters. Das sogenannte „Rossini-Crescendo“ entfaltet in seiner Interpretation eine überwältigende Wirkung. Es beginnt langsam und vermeintlich harmlos, wie immer bei Rossini nach einem Rezitativ, und führt weiter zur schnellen Cabaletta; durch die Wiederholung des musikalischen Themas wird die Dynamik und Instrumentation zunehmend gesteigert, so dass alles einem fulminanten und energischen Höhepunkt zustrebt und das zunächst nur geflüsterte Gerücht einem wahren Empörungsfuror gleicht.

Was war passiert: Don Basilio, natürlich als Missetäter ein Bass, hat Rosinas Vormund, dem bürgerlichen Bartolo, empfohlen, den jungen verliebten Lindoro zu diskreditieren, so dass Rosina schließlich ihn, den gesellschaftlich etablierten Arzt, heiraten würde. Bartolo ist tatsächlich mehr am Geld seines Mündels als an ihrer Person interessiert. Doch kein Crescendo wird die Macht der Liebe übertönen können: Lindoro gibt sich als Graf Almaviva zu erkennen, bekommt nach einigem Hürdenlauf seine geliebte Rosina, sie wiederum kann sich endgültig aus den Fängen Bartolos befreien, der dafür noch mit Geld ent- oder vielmehr belohnt wird. All das macht aus Il barbiere di Siviglia ein Meisterwerk, das bis heute Bestand hat und vielleicht die beste komische Oper überhaupt ist – wohlweislich, weil die menschlichen Verhaltensweisen nicht fundamental anders geworden sind. Die genaue Charakterzeichnung und ihre Darstellung entfalten auch Dank des herausragenden, von Cesare Sterbini verfassten, Libretto eine Wirkungsmacht und sorgen für den dauerhaften Erfolg dieser Oper.

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier Naroa Intxausti, Tomi Wendt © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier Naroa Intxausti, Tomi Wendt © Rolf K Wegst

Das Stadttheater Gießen hat sich in dieser Spielzeit der bekanntesten Oper Rossinis angenommen. Ein fulminantes Stück für das man nicht nur ein brillantes Sängerensemble benötigt, sondern mit einer nicht minder fulminanten Regie aufwarten muss. Tempo, Witz, Arien, Rezitative und Ensembles sorgen für ein wahres Funkeln der Musik, dass in der theatralischen Umsetzung Widerhall finden muss. Und das hat es tatsächlich – und wie. Regisseur Dominik Wilgenbus nimmt die Musik Rossinis ernst, so ernst, dass sich daraus drei Stunden funkelndes Feuerwerk entluden. Bühne und Kostüme von Lukas Noll, das Licht von Kati Moritz sowie die Videoeinspielungen von Martin Przybilla taten ihr übriges, denn alles stimmt und ist stimmig.

Das Einheitsbühnenbild von Noll erweist sich als sehr abwechslungsreich, denn immer geht irgendwo etwas auf, zeigt eine neue Perspektive und neue Spielmöglichkeiten. Die Requisiten Figaros sind nicht bloß hübsche und belustigende Dekoration – im Gegenteil, sie haben eine Funktion: So soll z.B. das Rasiermesser an Bartolos Wange den nötigen Druck auf seine ungebührlichen Pläne entfalten, aus der Pomadendose kommt Basilio heraus und der überdimensionierte Spiegel oder Rahmen ist zugleich Durchgang und Projektionsfläche für Gefühle, Wünsche und seelische Zustände. Der überdimensionierte Rasierpinsel – natürlich für Lacher sorgend – kommt dabei ebenso zum Einsatz, wie die zu groß geratenen Schere und Kamm. Allerdings werden ihm später mehrere Zacken fehlen – welch köstliche Ironie! Senkrecht stehend entpuppt er sich als eine unsichere Leiter für die geplante Flucht der Liebenden, verschwindet aber, bevor die beiden das ramponierte Werkzeug auf seine Einsatzfähigkeit überprüfen können.

Nolls Kostüme tragen dem historischen wie gesellschaftlichen Kontext Rechnung: Der Graf als Edelmann, Figaro als Komödiant, Bartolo als Bürger mit langen Hosenbeinen – im Gegensatz zum Grafen –, Basilio wird als zwielichtige Figur mit Halbglatze in einen langen schwarz-weißen Mantel als Kontrast zu Figaros buntem Outfit gesteckt, und die beiden Damen repräsentieren ebenso verschiedene sich jedoch ablösende Epochen. Rosina zuckersüß in kurzem, schwarz-pinken Korsagen-Kleid, keineswegs naiv, zeugt von der neuen Zeit und Freizügigkeit, Marcelline ist dagegen mit ihrem grünen, langen samtähnlichen Kostüm eher die Verkörperung des überholten Ancien Régimes. Übrigens, auch der Männerchor steckt kostümmäßig noch in der alten Zeit, ist gesanglich und spielerisch aber ganz auf der Höhe und dabei wie alle Mitwirkenden von ausgesprochener Spielfreude angesteckt.

Aus all dem zaubert Dominik Wilgenbus eine turbulente Inszenierung, die dem Atem der Musik folgt, ohne hektisch zu werden. Jede Figur ist bei ihm genau gezeichnet, erhält eine eigene und sorgfältig gewählte Ausdrucksweise und Körpersprache: So ist Rosina nicht nur lebhaft und pfiffig, sie darf sich anders bewegen als Marcelline, die zunächst verhalten und zurückhaltend agiert, um am Ende als erfahrene Frau Besitz von der Bühne zu ergreifen. Allein dieser Kontrast zeigt wie durchdacht und exakt Wilgenbus seine Interpretation umsetzt. Es sind diese scheinbar kleinen Dinge, Gesten, Schritte oder auch das Innehalten, nur um dann die Handlung rasanter fortzuschreiben, die den Reiz und den Erfolg dieser Inszenierung ausmachen.

Hinzu kommt ein wunderbares Ensemble: Der allwissende und wunderbare Figaro von Grga Peroš wurde schon genannt; dieser Figaro könnte seine Paraderolle werden. Enrico Iviglia ist ein herrlicher Graf, gesellschaftlich bald obsolet, dafür aber als Verehrer und zukünftiger Ehemann umso mehr geliebt. Iviglia fühlt sich sichtlich wohl in dieser Rolle, sein Tenor strotzt am Ende vor Kraft und Freude, ob des errungen Erfolges. Rosina, Naroa Intxausti, ehemaliges Ensemblemitglied in Gießen, besitzt eine ausdrucksstarke und wandlungsfähige Stimme, gepaart mit viel Spielwitz. Bei Tomi Wendt – ein hervorragender Sängerdarsteller –  ist die Figur des Bartolo gut aufgehoben, lässt gesanglich wie darstellerisch nichts zu wünschen übrig. Wie ihm zum Haare raufen langsam dämmert, ihm könnten die Felle davonschwimmen und die gemeinsamen Zukunft mit Rosina wie eine Seifenblase aus dem Salon des Figaro zerplatzen, ist herrlich anzusehen.

Kontrastierend dazu der beeindruckende Bass von Daniele Macciantelli als Basilio – stoisch, durch nichts zu erschüttern, bereit in aller Ruhe zum eigenen Vorteil die Seiten zu wechseln, gelingen in seiner Verkörperung dieses wenig standfesten Helden mühelos und entwickeln eine eigene Präsenz. Heidrun Kordes als Marcelline ist unbeeindruckt von den ganzen Vorkommnissen, ihr schöner Sopran strahlt eine Wärme und Erdung aus; sie ahnt oder weiß vielmehr, dass das Liebesglück nicht ewig währen wird. Bei Mozart wird diese Rosina, als Gräfin, in der berührenden Arie „Dove sono i bei momenti“ tatsächlich die Frage nach den verlorenen gegangenen schönen Augenblicken stellen. Abschließend sei noch Alexander Hajek erwähnt, denn die Verkörperung von nicht weniger als vier Personen – Fiorello, Sergente, Notario und Pantomime – trugen nicht minder zur großartigen Leistung des Sängerensembles und den urkomischen Verwicklungen bei.

Und nicht zuletzt das Dirigat von Michael Hofstetter, dem scheidenden GMD, sorgten für einen rundum gelungenen Opernabend, der einhellig und mit begeisterten Applaus vom Publikum gefeiert wurde. Hofstetter gelingt eine präzise Verzahnung der gesprochenen Rezitative mit der Musik, ebenso dient die Steigerung der Dynamik in seinem Dirigat immer dem Vorantreiben der Handlung und der dramaturgischen Wirkung, nie jedoch einer beliebigen Effekthascherei. Hofstetter weiß genau, was die Musik im Graben auf der Bühne erzeugen soll. Den kulturellen Rahmen und Kontext eines musikalischen Werkes immer mitdenkend, zeichnete seine Arbeit am Stadttheater Gießen aus – unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Operettenausgrabung wie Das Herbstmanöver von Emmerich Kálmán oder eben Rossinis Il barbiere di Siviglia handelt. Seine Auseinandersetzung mit der Partitur, aber auch ihrem Entstehungszeitraum, den historischen und musikalischen Bedingungen und Gegebenheiten, reflektieren seine musikalischen Interpretationen und setzen Maßstäbe. Für GMD Michael Hofstetter ist es die letzte Neuproduktion in Gießen, Ende des Jahres hört er auf. Dass nicht wenige im Publikum ihr Bedauern darüber mit einem langanhaltenden Applaus zum Ausdruck brachten, dürfte ihn gefreut haben.

—| IOCO Kritik Stadttheater Giessen |—

Dortmund, Theater Dortmund, Premiere IL BARBIERE DI SIVIGLIA, 07.10.2018

September 20, 2018 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Dortmund

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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Zwischen Commedia dell’arte und Screwball Comedy
IL BARBIERE DI SIVIGLIA  –  Gioacchino Rossini

Premiere am Sonntag, 7. Oktober 2018, um 18 Uhr

Gioacchino Rossinis Meisterkomödie IL BARBIERE DI SIVIGLIA hat am Sonntag, 7. Oktober 2018, um 18 Uhr im Dortmunder Opernhaus Premiere. Unter der musikalischen Leitung des stv. Generalmusikdirektors Motonori Kobayashi und der Regie von Martin G. Berger werden Sunnyboy Dladla als Graf Almaviva, Petr Sokolov als Figaro, Aytaj Shikhalizada als Rosina und Denis Velev als Don Basilio erstmals in Dortmund zu sehen sein. Ein Wiedersehen gibt es mit Ks. Hannes Brock als Erzähler und Puppenspieler sowie Morgan Moody als Dr. Bartolo.

Oper Dortmund / BARBIERE - D. Velev M. Moody H. Brock P. Sokolov S. Dladla A. Shikhalizada V. Fischer © B. Hickmann

Oper Dortmund / BARBIERE – D. Velev M. Moody H. Brock P. Sokolov S. Dladla A. Shikhalizada V. Fischer © B. Hickmann

Alles könnte ganz einfach sein, denn Graf Almaviva ist es gewohnt zu bekommen was er will. Nun liebt er Rosina, die Pflegetochter von Dr. Bartolo, die selbst ein Auge auf sein Mündel und dessen Mitgift geworfen hat. Doch Almaviva will Rosina nicht mit seinem Status, sondern mit seiner Leidenschaft für sich gewinnen, weshalb er sich als mittelloser Student ausgibt. Mit Hilfe Figaros gelingt es ihm, in das Haus des Doktors zu gelangen: Erst als betrunkener Soldat, dann als Musikmeister Alonso verkleidet, kann er mit seiner Geliebten Briefchen und Zärtlichkeiten austauschen. Als Dr. Bartolo die Maskerade durchschaut, wirft er den dreisten Nebenbuhler aus dem Haus. Figaros Plan scheint zu scheitern, doch Almaviva kann zu nächtlicher Stunde Rosina von seiner Treue überzeugen und – nach Auflösung des Inkognitos – auf der Stelle heiraten.

Gioacchino Rossini © IOCO

Gioacchino Rossini © IOCO

IL BARBIERE DI SIVIGLIA ist die bekannteste Komposition von Gioachino Rossini und eine der meistgespielten Opern überhaupt. Die Musik Rossinis hat einen unglaublichen Drive, hier jagt ein Ohrwurm den anderen! Als einer der produktivsten Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts versteht er es, mit seinen schnellen Tempi und mitreißenden Melodien einen geradezu schwindelerregenden Frohsinn zu erzeugen.

Für seine Dortmunder Inszenierung hat sich Martin G. Berger für eine uralte Theaterform entschieden: dem Puppentheater. Alle Sängerinnen und Sänger hängen als lebende Marionetten gemeinsam mit echten Puppen an Schnüren und zeigen nicht nur sinnbildlich wie fremdgesteuert und mechanisch sie ihr Leben führen. Gerade der privilegierte Graf Almaviva ist es, der die starren Regeln auflösen und durchbrechen will. Er zerschneidet die Puppenschnüre und gibt den Personen ihre Freiheit. Doch diese Freiheit überfordert und strengt an. Sie bedeutet, für die Konsequenzen des eigenen Handelns einzustehen und es schleicht sich die Frage ein, ob der Zustand als Marionette, die frei von allen Entscheidungszwängen graziös schwebt und sich ihrer fehlenden Selbstbestimmung nicht bewusst ist, vielleicht sogar der eigentlich erstrebenswertere ist? Jedenfalls gerät die Welt aus den Fugen und keine der handelnden Charaktere weiß buchstäblich mehr, wo oben, noch unten ist. Bergers BARBIERE ist angesiedelt zwischen klassischer Commedia dell ‘arte und cooler screwball comedy. Wie in einem Charly Chaplin-Film stellen sich Graf Almaviva, Figaro und Rosina mit Tempo, Witz und Hintersinn den Absurditäten des Lebens und man fühlt sofort, dass Rossinis Humor und Musikalität jede noch so dramatische Lebenslage erträglich und hoffnungsfroh erscheinen lässt.

—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

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