Hannover, Staatsoper Hannover, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 04.11.2020

November 3, 2020 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

 Carmen  –  George Bizet 1838-1875

– Sevilla bei Nacht und keiner kann schlafen… –

von Karin Hasenstein

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Pere Lachaise, Paris © IOCO

Ob man möchte oder nicht, man kommt momentan nicht umhin, im Rahmen einer Opernrezension auch über Corona bedingte Einschränkungen zu schreiben. Zu präsent, zu einschneidend sind diese Einschränkungen aktuell und beherrschen somit leider die künstlerische Arbeit der Kulturschaffenden genauso wie die Rezeption des Publikums.
Man ist ja schon froh und dankbar, wenn überhaupt große Oper gespielt werden kann. Große Oper? Auch das müssen wir relativieren. Zur Aufführung gelangt Carmen von George Bizet an der Staatsoper Hannover am 24.10.2020 in einer Bearbeitung als Kammerfassung ohne Chor von Marius Felix Lange.

Angepasst an die Corona bedingten Beschränkungen für Orchester hat Lange eine Kammerfassung komponiert, die mit 21 Musikern auskommen muss. So hören wir am Premierenabend eine kleine Streicherbesetzung (3/1/2/2/1), Harfe solo, einfach besetztes Holz, einfach besetztes Blech, doppelte Percussion und Pauke. Neu sind Vibraphon, Marimbaphon, Kontrafagott und Tuba. Gleich zu Beginn erklingt statt der Ouvertüre eine neue Einleitung und es erklingen neu komponierte Übergangsmusiken, die über Kürzungen und gesprochenen Text hinweg die Originalklänge verbinden. So werden gesungener und gesprochener Text organisch in ein Wechselspiel von Bühne und Orchestergraben eingebunden. Lange gelingt es, keine Brüche entstehen zu lassen, sondern ein Stück eindringliches Musiktheater.

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Die zugrundeliegende Kernerzählung erscheint in einer Fassung der Regisseurin Barbora Horáková und des Dramaturgen Martin Mutschler. Es ist eine Fantasie zweier Figuren, Carmen und Don José, die beide von Liebe sprechen, damit aber etwas sehr Unterschiedliches meinen. Carmen hat einen Pakt mit der Freiheit geschlossen, aber welche Freiheit meint sie damit? Welche Ängste und Sehnsüchte treiben sie an? Und welche Sichtweise hat Don José auf Carmen und ihr Freiheitsbestreben? Von Liebe und Begehren

Schon bevor überhaupt Musik erklingt blicken wir auf die offene Bühne. Die Aufbauten formen eine Art Arena, nach hinten im Halbrund begrenzt durch Autobahn-Leitplanken. Die Leitplanken werden rechts und links gesäumt von großen Metallkonstruktionen, die an Hochspannungsmasten erinnern oder Beleuchtungstürme in Stadien. Beide tragen großen Monitore bzw. Leuchtreklamen. Die Neonschrift auf der linken Seite lautet „Toro Power“ und zeigt ein blutendes Herz, das von einem Schwert durchbohrt wird, die wesentlich größere auf der rechten Seite besagt „Feu Vert services“ – eine französische Reifen- und Autoservicefirma.

Neben diesem „Billboard“ erblicken wir etwas nach hinten versetzt aber noch deutlich erkennbar das Modell der amerikanischen Freiheitsstatue, der Lady Liberty, die mit einer spanischen Flagge umhüllt ist und statt einer brennenden Fackel eine Baustellenleuchte in ihrer rechten Hand trägt. Die Metalltonne auf der linken Bühnenseite verstärkt den Ghetto- oder Gang-Charakter der Szenerie. Ein bisschen mutet das Ganze an wie eine Szene aus „Denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Die ganze Zeit über ist ein junger Mann mit nacktem Oberkörper auf dem Gerüst am Joggen. Einer der Tänzer, wie sich später herausstellt. Don José erscheint auf der Bühne und joggt. Wir hören einen gesprochenen Text „Sevilla bei Nacht und keiner kann schlafen, weil noch der Sommer in uns steckt und nicht herauswill aus uns. Nur unten am Wasser des Guadalquivir ein Hauch von Erlösung, eine Ahnung von Wind. ...“

Der Text ist poetisch und spricht von Sehnsucht und Verlangen. Zu Don Josés Tagträumen betreten sechs Tänzer die Bühne, drei Männer und drei Frauen. Sie ersetzen in dieser Inszenierung den Chor und bringen zusätzlich Bewegung und Aktion auf die Bühne. Eigentlich hat Bizet an dieser Stelle den Rauchchor der Zigarettenarbeiterinnen vorgesehen. Die Musik erklingt auch, allerdings sehr reduziert auf die Stimmen von Frasquita und Mercedes. Das befremdet schon ein wenig, denn das sind natürlich bekannte Melodien, die eine gewisse Erwartungshaltung wecken, die naturgemäß so nicht erfüllt werden kann.

Die Tänzer vollführen zum Rauchchor einen angedeuteten Stierkampf. Zu den Klängen des Rauchchores waschen sich Mercedes und Frasquita. Eine Filmcrew betritt die Arena. Kameras werden aufgebaut und Carmen singt ihre Habanera, natürlich auch ohne den sonst üblichen Chor. An dieser Stelle greift Marius Felix Lange erneut in die Partitur ein und verändert die Melodie der Habanera. Auf dem Billboard läuft ein Musikvideo von Carmen. Diese erscheint sexy und verführerisch in einem kurzen roten Röckchen und bauchfreien roten Oberteil.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Micaela kommt hinzu. Sie stellt schon optisch einen großen Kontrast dar zu Carmen und ihren Freundinnen, die alle sexy, modern und ausgefallen gekleidet sind. Eher bescheiden und unscheinbar berichtet sie Don José von dem Brief seiner Mutter. Diese hat sie aus ihrem baskischen Dorf hergeschickt. Micaela hofft, dass Don José sie heiraten wird, dieser hat jedoch nur Augen für Carmen. Sowohl Micaelas Arie als auch das folgende Duett mit Don José geraten zu einem der vielen großen musikalischen Momente dieses Premierenabends. Barno Ismatullaeva verfügt über eine sehr obertonreiche warme Stimme mit etwas Metall. Sie singt die wunderschöne Melodie, die Bizet für Micaela geschrieben hat, einfühlsam und hingebungsvoll. Rodrigo Porras Garulo nimmt diese Wärme auf in seinem „“Un baiser de ma mère! Ma mère, je la vois!“ Der junge mexikanische Tenor begeisterte das Publikum bereits als Cavaradossi in Tosca in der letzten Spielzeit.

Lange hat auch hier wieder einen eleganten und gelungenen Übergang komponiert zur nächsten Szene. Es kommt zu einem Gerangel zwischen Carmen und Micaela, wobei Micaela sich mit dem Messer verletzt. Carmen singt ihr „Tra la la la – coupe moi“ und der hinzugekommene Escamillo macht seine Ansprüche deutlich mit den Worten „Ich will kein Lied sondern eine Antwort!“ Ein Stier als Projektionsfläche für ein weiteres Video wird auf die Szene geschoben.

Die Séguedille „Près des remparts des Séville“ erklingt. Hier kann die russische Mezzosopranistin Evgenia Asanova ihre enorm wandlungsfähige Stimme perfekt präsentieren. Insbesondere ihre gute tiefe Lage fällt hier angenehm auf. Zu erotischen Szenen auf der Anzeigentafel singt Carmen für sich, „Je chante pour moi-même“. Die Farbe Rot ihrer Kleidung unterstreicht dabei ihre Erotik.

Die Orchestrierung ist an dieser intimen Stelle sehr schön durchsichtig. Die Bühne ist fast völlig dunkel, nur von hinten in fahles Licht getaucht, das den Bühnennebel durchschneidet (Licht: Sascha Zauner). Von hinten treten die Tänzer auf und rollen Autoreifen auf die schräg gestellte Drehbühne. Bierkästen werden zu Sitzmöbeln umfunktioniert, die Toro Power Leuchtreklame erstrahlt hell und lenkt den Blick auf das durchbohrte blutende Herz.
Carmens Sippe, die „Gitanas“ werden als Gang dargestellt, die Arena innerhalb der Leitplanken ist ihr Revier. Alkohol und Kokain werden herumgereicht und konsumiert, man hat offenbar Spaß.

An dieser Stelle hat Bizet nun wieder eine große Chorszene vorgesehen, stattdessen sehen wir eine Choreographie der Tänzer. Der Chorpart wird erneut von den Solisten gesungen. Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass die Tänzer den Chor natürlich nicht musikalisch, wohl aber szenisch sehr gut ersetzen können, irgendwie muss ja „Masse“ auf die Bühne kommen. Das moderne Tanztheater drückt die offensichtliche Erotik der nächtlichen Szene sehr gut aus.

Es folgt wieder gesprochener Text: „Wenn das Tier im Dunklen die Augen öffnet…“, parallel dazu sehen wir im Video ein riesiges Raubtierauge, am ehesten ein Wolf oder Werwolf. Carmen tritt auf in einem phantastischen Kostüm (Kostüme: Eva-Maria Van Acker). Sie trägt ein bodenlanges, schwarz-weißes Kleid und einen Stierkopf mit langen spitzen Hörnern. Unter lautem Geknatter fahren zwei Motorräder auf die Bühne und Escamillo erscheint in schwarzer Motorrad-Lederkluft zu den Klängen von „Toréador, en garde...“ nimmt er die Huldigungen seiner Fans entgegen. An dem Gerüst, das die Arena säumt, erstrahlen Leuchtstoffröhren. Durch die gleiche Farbgebung von Carmens und Escamillos Kostümen (beide in schwarz-weiß gehalten) wird nun auch optisch ihre Zusammengehörigkeit unterstrichen. Carmen und ihre Freundinnen betreiben eine Art Kampftrinken.

Zur zweiten Strophe der „Toréador“ Musik vollzieht die Drehbühne eine halbe Drehung und Don José erscheint mit den Worten „Halte là!“. Es folgt wieder gesprochener Text, nämlich die Worte „Kein Morgen, kein Abend ohne Carmen!“. Damit wird unmissverständlich Josés Haltung Carmen gegenüber deutlich. Sie sagt „Nur für dich werde ich tanzen“ und zu einer Bierkisten-Percussion und Kastagnettenklängen tanzt sie, bis José zurück in die Kaserne muss. Carmen ist beleidigt. Die nun folgende berühmte Arie des Don José, „La fleur que tu m’avais jetée“ singt Rodrigo Porras Garulo mit größter Hingabe und großer tenoraler Strahlkraft, den Inhalt absolut glaubwürdig vermittelnd. Parallel läuft wieder ein Video. Carmen hockt währenddessen zusammengekauert am Boden, schluchzend, klagend, ergriffen. Auf Don Josés Beteuerung, dass er sie liebe, erwidert Carmen „Nein, du liebst mich nicht.“ Wenn er sie lieben würde, würde er seine Befehle missachten und ihr in die Berge folgen, wo sie ein Leben in Freiheit leben könnten. Mit „Là-bas, là-bas, dans la montagne“ erklingt ein weiterer „Hit“, den Evgenia Asanova eindringlich und überzeugend präsentiert. Wer dieser Carmen nicht sofort folgen will, hat kein Herz.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Hier fallen besonders die Soloflöte sowie die Harfe auf. Das ist vielleicht ein Vorteil der reduzierten Kammerfassung, sie ist in weiten Teilen sehr transparent und gut durchhörbar.
Als José begreift, dass Carmen Fahnenflucht von ihm verlangt, reagiert er mit einem Ausbruch „Adieu pour jamais!“ Zuniga kommt hinzu und provoziert mit der Aussage „Warum den Soldaten nehmen, wenn man den Offizier haben kann?“ (Mit angenehmem Timbre und überzeugendem Spiel, leider in einer Nebenrolle, Yannick Spanier)

In dem nun folgenden Gerangel erschießt Don José Zuniga, es erklingt Carmens „bel officier“ und wir hören den gesprochenen Text „Und so wurde ich durch Carmen zum Mörder.“Frasquita und Mercedes entsorgen die Leiche in einer großen Plastikplane, die Drehbühne dreht wieder in die Ausgangsposition und das Ensemble entschwindet zu den Klängen von „Là-bas, là-bas…“ und endet mit dem Wort „La liberté“ – Freiheit! Auf der nun leeren sparsam ausgeleuchteten Drehbühne erscheint eine nackte (bis auf einen hautfarbenen Slip) Tänzerin und interpretiert das (stark veränderte) Zwischenspiel mit einem erotischen Tanz, der für Carmens Begehren und Don Josés Liebe stehen könnte. Am Ende steht auch hier wieder die Freiheit.

Im nächsten Akt erscheinen Frasquita und Mercedes auf einem Motorrad und legen sich die Karten. Das Duett gestalten Mercedes Arcuri (Frasquita) und Nina van Essen (Mercedes) überzeugend, wobei ihre Stimmen perfekt harmonieren. Carmen kommt hinzu, sieht die Karten und erkennt darin den Tod. Micaela singt eine Art Gebet „Protège-moi, Seigneur“.

Wie auch in anderen Schlüsselszenen die handelnden Personen, so erscheint auch hier Micaela auf der Videoleinwand. Das begleitende Horn erfreut durch weichen Ton und präzisen Ansatz. Es ergänzt perfekt Micaelas verzweifelte Bitte nach göttlichem Schutz. Don José und Escamillo treten auf. Escamillo trägt einen weißen Anzug und ein schwarzes Hemd, es hat was von einem Zuhälter-Outfit, bis hin zur dicken Uhr. Die beiden Männer erkennen sich, sie wissen: sie beide lieben Carmen, oder hegen zumindest Gefühle, die sie für Liebe halten. Bei Escamillo ist es vielleicht eher Begehren und Besitzenwollen, Don José können wir am ehesten echte Gefühle unterstellen. Micaela hegt diese ganz sicher für ihn, was er jedoch nicht erwidert, da er nur Augen für Carmen hat. Diese wiederum ist eigentlich nur auf ihre Freiheit bedacht und hatte nie die Absicht, José in ihre Welt mitzunehmen, in die er gar nicht passen und in der er sich nicht wohlfühlen würde.

Die Männer kämpfen also um Carmen. Micaela hat sich versteckt und bittet José nun „Hab Mitleid mit mir, José!“ Sie berichtet ihm, dass seine Mutter im Sterben liegt. Ein „Schicksalsmotiv“ erklingt im Blech und zeigt eine Wendung an. Escamillos Toréador-Thema erklingt im Hintergrund. Die Bühne dreht erneut, die Szene liegt im Dunkeln, Carmen ist allein. Tänzer kommen hinzu, die drei Männer in schwarzen Hosen, die Frauen in schwarzen langen Röcken. Die Oberkörper sind nackt, sie haben rote Blumen im Haar und bewegen große Fächer.

Im Video sind Flammen zu sehen, Carmen singt ein baskisches Lied a capella, ebenfalls eine Ergänzung durch Marius Felix Lange. In der angedeuteten Arena erscheint ein Stier mit an den Hörnern befestigten Fackeln. Langsam kommt zu dem a capella-Lied das Orchester hinzu. Die besonderen und etwas exotischen Töne von Vibraphon und Marimbaphon erklingen. Erneut erklingt das Toréador-Thema, die sechs Tänzer kommen mit Stühlen hinzu, wieder ein zumindest optischer Ersatz für den fehlenden Chor. Escamillo und Carmenbeschwören ihre Liebe „Si tu m’aimes“ und wieder sind ihre Kostüme in schwarz-weiß aufeinander abgestimmt.

Leider vollziehen die Tänzer mit ihren Stühlen scheinbar unnötige Wege, wodurch gewissen Irritation und überflüssige Störung entstehen. Don José erscheint in Carmens Kleidern und fleht sie an, mit ihm zu kommen. Carmen jedoch liebt ihn nicht mehr, wenn sie das überhaupt je getan hat. José fragt nach „Tu ne m’aimes plus?“, Carmen bestätigt ihm das „Je ne t’aime plus“. An dieser Stelle vermisst die Rezensentin doch das volle Orchester, das dem Drama hier den richtigen Ausdruck verleihen könnte.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

José fleht Carmenan, sie möge ihn nicht verlassen („Ne me quitte pas!“). Es folgt noch einmal gesprochener Text von José: „Carmen, was wird aus uns?“ Sie antwortet „Ich liebe ihn!“ (gemeint ist Escamillo), was José mit den Worten „Dann sei verdammt!“ quittiert. Er erstickt Carmen mit dem weißen Hemd und verkündet „Ihr könnt mich verhaften.“ Er fängt an zu laufen, Richtung Licht, das von hinten kommt, bis abgeblendet wird. Ende.

Die Kammerfassung dieser Carmen in der Bearbeitung von Marius Felix Lange, die an diesem Premierenabend zur Uraufführung kam, reduziert Bizets Carmen auf kompakte zwei Stunden Aufführungsdauer ohne Pause. Fünfzehn Minuten davon sind komplett neu komponiert, 20 Minuten sind stark bearbeitet, zum Teil neu kombiniert, Melodien wurden verändert oder reharmonisiert. Statt des großen Orchesters hat Lange 21 Instrumente zur Verfügung. Der Komponist musste die Orchesterstimmen neu herstellen und einrichten.
Die Regisseurin Barbora Horáková und der GMD Stephan Zilias haben aus der Not eine Tugend gemacht und eine ganz neue Carmen (in Richtung „La Tragédie de Carmen“ von Peter Brook, 1983) geschaffen.

Es geht um die Umsetzung der Erzählung von Prosper Mérimée in der Oper. Flamenco, die Figuren werden dem Klischee Oper gemäß gezeigt, nicht wie in Mérimées Erzählung. Das Zigeunerleben, die Gitana, wie sie genannt werden, ist hier nicht wichtig. Bedeutsam ist hier, dass Don Josés Mandolinen-Lied auf Baskisch erklingt. Auch Texte in Caló erklingen. Caló ist die Sprache der Gitanas auf der Iberischen Halbinsel. Sie wird vor allem von den Gitanas im Süden Spaniens gesprochen, die sich selbst als Calé bezeichnen.
Ein weiteres Lied wird originär gesungen, ein Duett von Don José und Micaela, das gewissermaßen die Funktion eines Schutzschildes gegen Carmen bekommt.
Lange hat ein weiteres Gedicht auf Baskisch gefunden, das so klingt, als sei es von Don José. Es steht im 5/8-Takt und verwendet eine bekannte Melodie.
Das von Carmen a capella vorgetragene Lied ist ein „cante jondo“, eine der grundlegenden Gesangsformen des Flamenco. Es bedeutet „tiefer Gesang“. Die Themen des Cante jondo sind von feierlicher Melancholie und Tragik geprägt. Die Tonalität deutet auf orientalische und maurische Wurzeln hin. Es ist ein unbegleiteter, klangvoller Gesang, mit Stimmen voller Ausdruck.
Marius Felix Lange hat eine völlig neue Einleitung komponiert, die an Stelle der bekannten Ouvertüre tritt. Diese erklingt erst weiter hinten in der Oper. Die Texte aus dem Lautsprecher, gesprochen von zwei Mitgliedern des Schauspiel-Ensembles des Staatstheater Hannover (Stella Hilb, Carmen und Torben Kessler, Don José) stellen die inneren Vorgänge der beiden Protagonisten dar.

Leider ist der Opernchor der Coronaschutzverordnung bzw. den Hygienevorschriften zum Opfer gefallen, was nicht laut genug beklagt werden kann. Andere Häuser haben hier andere, sicher finanziell sehr aufwändige Wege beschritten, wie etwa die Deutsche Oper Berlin, die jeden Morgen das gesamte Ensemble hat durchtesten lassen, oder andere Ensembles, die geschlossen in Quarantäne gegangen sind. Die Staatsoper Hannover hat den Chor hier komplett herausgenommen. Als „Ersatz“ fungiert hier ein sechsköpfiges Tanzensemble, das immer an den Stellen auftritt, die normalerweise große Chorszenen sind.

Der Rauchchor (Damenchor) zu Beginn des ersten Aktes wird wie erwähnt von den Solistinnen gesungen. So erklingt wenigstens die vertraute Melodie gesungen, nur eben nicht vom Chor. Die Habanera erklingt ebenfalls nur von Carmen und den Solistinnen ebenso wie die große Chorszene „Toréador, en garde“. Die Rezensentin war sicher nicht die Einzige, die diese große Szene schmerzlich vermisst hat. Bestimmte Hörerwartungen sind einfach da und wenn diese enttäuscht werden, ist das bei allem Verständnis für die Umstände einfach sehr schade.

Die Instrumentierung des Orchesters besteht aus einem Doppel-Streichquartett plus Kontrabass, also neun Streichern, einfachem Holzbläsersatz, einfachem Blech plus Tuba, doppeltem Schlagzeug plus Pauke, Harfe, Marimbaphon und Vibraphon. Der bei Bizet vierstimmige Hornsatz wird hier zum Solohorn. Durch die Reduzierung entsteht ein etwas ruppiger, brutaler Klang, aber auch weiche Farben treten hervor. Vieles klingt direkter als im großen Orchesterapparat. Die Kunst liegt im Erhalt der kompositorischen Substanz, in der Bewahrung der Noten. Die Verwendung der Chorharmonien erfolgt rein orchestral, auf eine andere Weise als im Original. Unter anderem wird das Cajón eingesetzt und gestrichenes Vibraphon. Dieses steht für Carmen und das Freiheitsmotiv. Röhrenglocken wecken die Assoziation an Kirchenglocken, sie stehen für die Heimat.
In der Habanera wurden zum Teil Melodie und Harmonien verändert, was angesichts der Tatsache, dass schon Bizet sich anderweitig bedient hat, vernachlässigt werden kann. Bizet hat seinerzeit ein baskisches Lied verändert, „El Arelito“, was jedoch in Vergessenheit geraten ist.

Bei allem Neuen stand über allem der Respekt vor dem Meisterwerk Bizets. Dieser Respekt ist der Neufassung Langes an jeder Stelle anzumerken. Die baskischen Lieder fügen sich perfekt ein, die Übergänge sind immer organisch und harmonisch. Lange hat sich bestimmter Mittel bedient, die Bizet nicht kannte oder nicht verwendet hat. Wenn Carmen José verspottet, verwendet Lange das Orchester als Echo, versieht die Melodie mit Glissandi und fügt eine Posaune hinzu, wodurch das Ganze noch bösartiger erscheint.
Durch die Neukomposition sind der Staatsoper Hannover Mehrkosten entstanden, die leider nicht durch Eintrittsgelder aufgefangen werden können, da Corona bedingt natürlich deutlich weniger Plätze verkauft werden können.

Die Solisten überzeugen am Premierenabend allesamt mit guten bis sehr guten Leistungen, wobei insbesondere Evgenia Asanova (Carmen), Rodrigo Porras Garulo (Don José) und Barno Ismatullaeva (Micaela) überragend in der Interpretation sind und durch starke Bühnenpräsenz auffallen. Der Kavalierbariton German Olvera gibt einen überzeugend-schillernden Escamillo mit angenehmen Timbre und großer Spielfreude. Mercedes Arcuri und Nina van Essen ist es zu verdanken, dass es so etwas wie das Zitat eines Chores gab, unterstützt durch die drei Damen und drei Herren des Tanztheaters.

GMD Stephan Zilias führt das kleine Orchester sicher durch den Abend und die neugeschmiedete Partitur. Durch die kleine Besetzung sind die Stimmen stets gut durchhörbar und quasi solistisch bzw. tatsächlich solistisch. Besonderer Dank gilt dem Horn und der Percussionsgruppe für große Präzision und neue Klangerlebnisse. Zu überzeugen vermag auch die Umsetzung der Gitanos in eine Art „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ James Dean Ambiente der USA. Das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Anderssein vermittelt sich durchaus.

Das Premierenpublikum dankt allen Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus und großem Jubel. Es bleibt der Staatsoper Hannover und dem ganzen Ensemble zu wünschen, dass das Haus bald wieder öffnen und diese besondere Carmen noch viele Mal vor dankbarem Publikum spielen kann.

 

Carmen an der Staatsoper Hannover; die weiteren Vorstellugnen am 5.12.; 17.12.; 27.12.; 29.12.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Gartentheater Herrenhausen – Le Vin herbé, IOCO Aktuell, 18.06.2020

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover / Sommer Festival im Gartentheater Herrenhausen @ Robert Robinson

Staatsoper Hannover / Sommer Festival im Gartentheater Herrenhausen @ Robert Robinson

Staatsoper Hannover : 19. Juni – 12. Juli 2020
Summer Session – Gartentheater Hannover Herrenhausen

Ab 19. Juni 2020 zeigt die Staatsoper Hannover eine inszenierte Musiktheater-Aufführung live  und ist damit eines der ersten Opernhäuser in Deutschland, das nach der Hochphase der Corona-Pandemie wieder eine komplette Operninszenierung für Publikum spielt: Regisseur Wolfgang Nägele und Hannovers neuer Generalmusikdirektor Stephan Zilias erarbeiten für die Summer Session 2020 im Gartentheater Herrenhausen das Musiktheater Le Vin herbé. Darüber hinaus stellt Ballettdirektor Marco Goecke einen Ballettabend mit eigenen Choreografien zusammen, Nachwuchs-Choreograf*innen wagen erste Schritte und zwei Konzertprogramme runden das Programm ab.

Staatsoper Hannover – Summer Session 2020 im Gartentheater Herrenhausen
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Oper, Ballett und Konzerte in Herrenhausen – Das Programm

Le Vin herbé / Der Zaubertrank
Musiktheater von Frank Martin

Weltliches Oratorium in einem Prolog, 3 Teilen (18 Bildern) und Epilog. Libretto nach 3 Kapiteln aus „Le Roman de Tristan et Iseut“  („Der Roman von Tristan und Isolde“) in der Übersetzung und Wiederherstellung (1900) von Charles Marie Joseph Bédier

Die Staatsoper Hannover eröffnet das Sommerfestival in Herrenhausen mit dem Musiktheater Le Vin herbé / Der Zaubertrank von Frank Martin, einem Werk über Liebe, Schuld und Tod in schicksalhaften Zeiten, einer der tiefsten, berührendsten und traurigsten Beziehungs-geschichten: Isoldes Mutter hat ihrer Tochter für die Hochzeitsnacht mit König Marke einen Kräuterwein, Le Vin herbé, mitgegeben. Dieses magische Gebräu ist es, das Tristan, König Markes Brautwerber, und Isolde, die irische Prinzessin, in unwägbaren Zeiten zusammenführt. Irrtümlich wird beiden der Zaubertrank gereicht, und aus der Begegnung wird untrennbares Schicksal: Sie geben sich einander hin.

IOCO,  Christian Biskup, wird Le Vin herbé sehen und berichten

Le Vin herbé ist ein Stück, das aus der Zeit gefallen scheint. Schicksalhaft schwer schon die Entstehungsgeschichte: 1938 beschäftigt sich der Schweizer Komponist Frank Martin erstmals mit dem Stoff, 1939 stirbt seine Frau. Mitten im Krieg, der alle bürgerlichen Kulturtraditionen in Frage stellte, Opernhäuser und Konzertsäle zerstörte, entstand die Musik, 1948 fand bei den Salzburger Festspielen die szenische Uraufführung des Gesamtwerks statt. 12 Sänger*innen, sieben Streichinstrumente und Klavier kreieren einen Klang von atmosphärischer Zeitlosigkeit, voll zerbrechlicher Zartheit und ausdrucksstarkem Wohllaut, mit bittersüßem, glasklarem Schimmer. Ein Kunstwerk, nicht zugehörig einer Zeit und dennoch hochmodern komponiert, unwirklich, anachronistisch.

Stephan Zilias, ab nächster Spielzeit Hannovers neuer Generalmusikdirektor, startet unverhofft und mit Kammerorchester noch vor dem Sommer in sein neues Amt:   Le Vin herbé  ist musizierte Verzauberung, intim, verletzlich, berührend. Obwohl es scheinbar undramatisch, fast etwas ritualhaft wirkt, entfaltet es eine immense Sogwirkung. Die Sängerinnen und Sänger übernehmen eine Doppelrolle, sie sind Chor und Soli zugleich. Unsere Herausforderung wird vor allem darin bestehen, unter den gegebenen Umständen in den Gärten eine klangliche Homogenität herzustellen und einen innigen Musizierton zu finden.“

Regisseur Wolfgang Nägele inszeniert im Sonnenuntergang der Herrenhäuser Gärten. Zu seinen Regiearbeiten zählen Musiktheater- und Schauspielinszenierungen, Stückentwicklungen und Uraufführungen u. a. an der Bayerischen Staatsoper, der Hamburgischen Staatsoper, der Musikbiennale Venedig und der Philharmonie Luxemburg. „Frank Martins Le Vin herbé ist episches Theater und gleichzeitig eine tief berührende, sinnliche Nahaufnahme zweier Liebender, die einander auf Grund moralischer Restriktionen entsagen und dennoch nicht aufhören können sich nacheinander zu sehnen. Dieser Spannung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Sehnsucht und Isolation lässt sich gerade besonders gut nachspüren.“

Termine Fr 19.06.2020 21 Uhr Premiere, weiter Termine So 21.06.2020, 21 Uhr, Mi, 24.06.2020, 21 Uhr, Fr 26.06.2020, 21 Uhr, So 28.06.2020, 21 Uhr, Sa 04.07.2020, 21 Uhr, Mi 08.07.2020, 21 Uhr, Fr 10.07.2020, 21 Uhr So 12.07.2020, 21 Uhr  Weitere Informationen und Karten HIER!

Das weitere Programm im Gartentheater Herrenhausen

All you can dance —  Junge Choreograf*innen in Herrenhausen

Acht Tänzer*innen des Staatsballetts Hannover werden im Rahmen von All you can dance erste Erfahrungen als Choreograf*in haben: Alessandra La Bella, Francisco Baños Diaz, Giovanni Visone, Javier Ubell, Lilit Hakobyan, Michèle Seydoux, Veronica Segovia Torres und Rosario Guerra. Choreograf*in zu sein bedeutet mehr, als sich „nur“ Schrittfolgen auszudenken. Neben der Entscheidung, mit welchen Tänzer*innen man zusammenarbeiten möchte, geht es auch um die Wahl der Musik, die Planung der Proben sowie um Kostüm, Licht und die Nutzung des Raums   in diesem Fall des Gartentheaters Herrenhausen.

Termine Mi 01.07.2020, 21 Uhr, Do 02.07.2020, 21 Uhr, Weitere Informationen und Karten

We’ll meet again  –  Ballettabend mit Choreografien von Marco Goecke

Das Staatsballett zeigt im Gartentheater sechs Choreografien von Marco Goecke. Darunter sind mit Cry Boy und Tué zwei Solo-Kreationen, die erstmals in Hannover aufgeführt werden.

Termin  Fr 03.07.2020, 21 Uhr  Weitere Informationen und Karten

Staatstheater Hannover / hier : Marco Goecke, Ballett, Laura Bermann - Intendantin Staatsoper, Sonja Anders - Intendantin Schauspiel @ Staatstheater Hannover

Staatstheater Hannover / hier : Marco Goecke, Ballett, Laura Bermann – Intendantin Staatsoper, Sonja Anders – Intendantin Schauspiel @ Staatstheater Hannover

Sh*t happens  – Konzertabend mit Musik von Verdi und Tschaikowski u.a.

Mit Sh*t happens gibt es ein Opernarien-Programm, das den Bässen der Staatsoper Hannover gewidmet ist. Arien von Vaterfiguren aus Opern von Giuseppe Verdi und Peter Tschaikowski werden von den Ensemblemitgliedern Shavleg Armasi, Pavel Chervinsky und Daniel Miroslaw gesungen. Und wo russische und italienische Väter klagen, sind deren unglückliche Kinder nicht weit: Die Sopranistin Barno Ismatullaeva und der Tenor Long Long brillieren mit Arien aus dem Repertoire des 19. Jahrhunderts – aus der Position der Töchter und Söhne.

Termine  –  Sa 20.06.2020, 21 Uhr, Sa 27.06.2020, 21 Uhr, Do 09.07.2020, 21 Uhr
Weitere Informationen und Karten

Tanzen! Singen! Küssen!  –  Operettenabend mit Musik und Liebe auf Abstand

Wenn viele liebenswerte Vergnügungen während einer Pandemie nicht mehr möglich sind, bedeutet das nicht, dass der Wunsch danach verschwindet: Der Konzertabend Tanzen! Singen! Küssen! ist ganz der Sehnsucht gewidmet, sich endlich wieder berühren, über Zimmerlautstärke hinaus singen … und nicht nur den*die Ehepartner*in küssen zu dürfen.

Termine  –  Do 25.06.2020, 21 Uhr, So 05.07.2020, 21 Uhr, Sa 11.07.2020, 21 Uhr
Weitere Informationen und Karten

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Rund 200 Plätze können unter Einhaltung aller Hygiene- und Sicherheitsvorschriften im Gartentheater angeboten werden.  Die Staatsoper Hannover hält sich für die Vorstellungen konsequent an die geltenden Verordnungen für die weitere Eindämmung der Corona-Pandemie. Alle Vorstellungen finden darum unter strengen Schutz-und Hygienemaßnahmen statt.

Bitte halten Sie sich während Ihres Theaterbesuchs an die allgemeinen Empfehlungen zur Prävention des Robert Koch-Instituts. Wahren Sie bitte auch aus Rücksicht auf die anderen Besucher*innen und Mitarbeiter*innen die Nies- und Hustenetikette, und halten Sie bitte den Mindestabstand von 1,5 m zu anderen Menschen, die nicht zu Ihrem eigenen oder einem weiteren Hausstand gehören, ein. Vor Ort erinnern Hinweisschilder und unser Abendpersonal an unsere Hygieneregeln. Hier können Sie unser Hygiene-Knigge herunterladen.

—| Pressemeldung Staatsoper Hannover |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Die griechische Passion – Bohuslav Martinu, 21.03.2020

März 6, 2020 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

The Greek Passion / Die griechische Passion –  Bohuslav Martinu

Premiere Samstag, 21.03.2020, 19:30 Uhr

Gibt es eine Identität ohne die Abgrenzung gegen Andere? Bohuslav Martinus The Greek Passion legt den Finger in die Wunde der gesellschaftlichen Verantwortung jeder*s Einzelnen. Sie stellt die Frage, ob eine Gemeinschaft durch Zugezogene in ihrer Sicherheit bedroht wird.

Staatsoper Hannover / Greek Passion Plakat - Barno Ismatullaeva © Clemens Heidrich

Staatsoper Hannover / Greek Passion Plakat – Barno Ismatullaeva © Clemens Heidrich

Ein Dorf zur Zeit des Griechisch-Türkischen Kriegs 1919 – 1922. Die Bewohner*innen bereiten sich auf die jährlichen Passionsspiele vor, als eine zweite, ebenfalls griechische Dorfgesellschaft auf der Flucht vor türkischen Truppen um Aufnahme bittet. Sofort folgt die Probe aufs Exempel: Was bedeutet die christliche Heilslehre im Ernstfall? Die spontane Solidarität, wie sie der Hirte Manolios vertritt, der Jesus spielen soll, ist der konservativen Kirchenmacht ein Dorn im Auge. Sie hält nichts von einer Gemeinschaftlichkeit, die ihre Herrschaft in Frage stellt. Das Gedankengut der biblischen Bergpredigt erweist sich als revolutionär.

Bohuslav Martinus in den 1950er Jahren für London entstandene Vertonung als Griechische Passion ist zugleich ein Spiel mit Identitäten: Wer bin ich, und wer kann ich werden? Und was braucht es, um ein guter Mensch zu sein? Der tschechische Komponist mischt wie selbstverständlich die kristallklare Symphonik seiner französischen wie seiner US-amerikanischen Wahlheimat mit Weisen seiner böhmischen Herkunft, um ein universell gültiges Drama zu erzählen. Die Eingängigkeit und Direktheit der Musik – leidenschaftlich und intensiv – lässt die dramatische Handlung in versöhnlichem Licht erscheinen.

Ebenso arbeitet die Regisseurin Barbora Horáková, Hausregisseurin der Staatsoper Hannover, an diesem Helldunkel: Die Inszenierungen der „Newcomerin des Jahres“ (International Opera Awards 2018) kennzeichnet ein psychologisch genauer Blick auf den Menschen, der allerdings nie ohne Empathie für das Handeln der Figuren ist. Horáková wird in den kommenden Spielzeiten als Hausregisseurin an der Staatsoper Hannover tätig sein.

Musikalische Leitung Valtteri Rauhalammi Inszenierung Barbora Horáková Choreografie James Rosental Bühne Susanne Gschwender Kostüme Eva-Maria van Acker Licht Susanne Reinhardt Video Sarah Derendinger Chor Lorenzo Da Rio, Matthias Wegele Kinderchor Tatiana Bergh Dramaturgie Martin Mutschler

Priester Grigoris Tassos Apostolou, Archon – Daniel Eggert, HauptmannFrank Schneiders,  Lehrer – Latchezar Pravtchev, Ladas / Kommentator August Zirner, Kostandis James Newby, Dimitri Darwin Prakash, Manolios Magnus Vigilius, Yannakos Rupert Charlesworth, Michelis Pawel Brozek Panait Uwe Gottswinter Andonis Aljoscha Lennert Nikolio Philipp Kapeller Lenio Nikki Treurniet Die Witwe Katerina Barno Ismatullaeva Priester Fotis Michael Kupfer-Radecky Despinio Clara Nadeshdin Eine alte Frau Monika Walerowicz Ein alter Mann Stephen Owen Stimme im Orchester Gagik Vardanyan

Bewegungschor Chor der Staatsoper Hannover Extrachor der Staatsoper Hannover Kinderchor der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover Projektchor

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Hannover, Staatsoper Hannover, La Juive – Fromental Halévy, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 9, 2019 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

La Juive – Fromental Halévy – Die Jüdin

– Liebe unter dem Schatten der Intoleranz –

von Hanns Butterhof

Die neue Spielzeit an der Staatsoper Hannover beginnt unter der neuen Intendantin Laura Berman mit einem szenisch-musikalischen Großereignis. Fromental Halévys tragische Oper La Juive (Die Jüdin) von 1835 erzählt eine Liebesgeschichte, auf die tödlich der Schatten konfessioneller Intoleranz und barbarischer Gewalt fällt. Lydia Steyer inszeniert in opulenten Bildern, ein tolles Ensemble und die von Valtteri Rauhalammi souverän geleitete musikalische Handlung stimmen zu einem eindringlichen, aufwühlenden Opernabend zusammen.

La Juive – Fromental Halévy
youtube Trailer der Staatsoper Hannover
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Fromental Halévys La Juive mit dem Libretto von Eugène Scribe spielt eigentlich in Konstanz des Jahres 1414 zur Zeit eines Konzils, das um die Einheit der Katholischen Kirche und gegen Reformer wie Jan Hus kämpft. Die aufgeregte Zeit voller Intoleranz dehnt Lydia Steyer bis in die Gegenwart. Sie lässt jeden Akt einen Zeitsprung rückwärts machen, von den 50er Jahren in den USA zum Ende der 20er-Jahre nach Deutschland und dort in das barocke Stuttgart, bevor die Oper über die spanische Inquisitionszeit schließlich in Konstanz ankommt. Dass dieser Verweis auf die Aktualität des Stoffs erstaunlich glatt gelingt, hat nicht zuletzt darin seinen Grund, dass sich das Geschehen so erschreckend unverändert durch die Historie zieht.

So beginnt das Unheil nicht erst, als die junge Jüdin Rachel (Barno Ismatullaeva) eine Liebesbeziehung zu dem katholischen Prinzen Léopold (Matthew Newlin) eingeht. Es wird immer schon dort ausgebrütet, wo niemand derjenige sein kann, der er ist, sondern von starren Konventionen überformt und gefesselt wird.

Als Bühne für die eindringliche Handlung hat Momme Hinrichs eine große Video-Wand wie eine Mauer gebaut, auf die mittelalterliche Kreuzigungsszenen mit Juden als Tätern projiziert werden. Video-Technik lässt die Mauer wie durch die Posaunen von Jericho zerstieben und malt einen künstlichen Heiligenschein um den Versöhnung predigenden, aber Unterwerfung fordernden Kardinal Brogni (Shavleg Armasi). Aus der Wand lassen sich auch Tribünen für die üppigen Volksszenen und das symbolisch stimmig in Flammen aufgehende Häuschen Éléazars herausschieben.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Poppig bunt beginnt die Oper im Amerika der 50er Jahre. Hier fährt Léopold in Elvis-Pose und verkleidet als der Jude Samuel im Straßenkreuzer vor, bei seiner Serenade „Loin de mon amie“ werden die Mädchen in Petticoats (Kostüme: Alfred Mayerhofer) schwach. Sein werbendes Lied aber gilt der Jüdin Rachel. Sie ist das Kind christlicher Eltern, das der jüdische Goldschmied Éléazar (Zoran Todorovich) aus einem brennenden Haus gerettet und in seinem Glauben aufgezogen hat. Eine fromme Menge, die sich für eine Prozession mit Panzern, Wagen mit Gehenkten und Geräderten versammelt hat, ist umstandslos bereit, Éléazar wegen Störung der Festtagsruhe zu lynchen, und stimmt dazu ein mächtiges Tedeum (Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio) an. Dass Léopold als Samuel ihn schützen kann, kommt einem Wunder gleich.

Die gedrückte Stimmung einer Kirche im Untergrund breitet der düstere zweite Akt aus, der Ende der 20er Jahre in Deutschland spielt. Im Hause Éléazars wird mit Samuel das Pessach-Fest zur Befreiung von der Herrschaft der Ägypter gefeiert, als es beängstigend kräftig an der Türe klopft. Hastig werden alle rituellen Gegenstände abgeräumt, die Gäste versteckt und der Raum wieder in Éléazars Goldschmiede-Geschäft zurückverwandelt. Doch harmlos erscheint mit Hündchen die aufgedonnerte Prinzessin Eudoxie (Mercedes Arcuri), die Gattin Léopolds, um für ihn eine Goldkette zu kaufen. Sie verlässt, ohne in Samuel ihren Mann erkannt zu haben, das Haus, das mit bedrohlichem Vorschein in Video-Flammen aufgeht. Léopold gesteht Rachel seine Täuschung und erwägt, mit ihr vor der drohenden Todesstrafe für die „Rassenschande“ irgendwohin zu fliehen. Als Éléazar in Unkenntnis der Täuschung zustimmt, dass die beiden heiraten, bekommt der Prinz kalte Füße und flüchtet sich in die Residenz zu seiner Gattin.

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Hier ist alles voller barocker Leichtigkeit und Glanz, die Kostümabteilung prunkt mit rauschenden Röcken, glänzenden Uniformen und phantasievollen Frisuren. Vor einem Wandschirm mit dem pornographischen Boucher-Gemälde „Leda und der Schwan“ macht sich Eudoxie für ihren Gatten schön, der sich von ihr recht widerstandslos flachlegen lässt. Rachel, die ihm nachgegangen ist, macht den Skandal öffentlich, dass sich der christliche Prinz mit einer Jüdin eingelassen hat. Sofort fällt die ganze Gesellschaft, die sich zur Feier Léopolds um die üppigst beladene Speisetafel versammelt hatte, demütigend über die beiden her. Das Geständnis bringt alle vor Gericht, Rachel, Léopold und Éléazar – ein Anklang an das Schicksal von „Jud Süß“ Oppenheimer, der im Stuttgart von 1738 unter obskuren Anklagen zum Tode verurteilt wurde. Kurz scheint zwar ein Happy-End möglich, als Éléazar mit sich ringt, ob er nicht offenbaren sollte, dass Rachel ein Christenkind ist. Das würde der Anklage den Boden entziehen. Aber Éléazars Fesseln aus bitterem Hass und religiösem Fanatismus lassen das nicht zu.

Deren Quellen liegen tiefer in der Vergangenheit. In Rom war einst unter dem damaligen Magistrat Brogni die Familie Éléazars getötet, er selber verbannt worden. Jetzt ist Brogni als Kardinal und Präsident des Konzils Chefankläger gegen Éléazar & Co. Doch Brogni weiß nicht, dass Rachel seine Tochter ist, die er mit seiner ganzen Familie verbrannt glaubt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin -  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin –  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Rachel wartet 1492 in dem Gefängnis der spanischen Inquisition am Fuße einer hohen Treppe auf den Ausgang des Prozesses. Dem Flehen Eudoxies, ihre Anschuldigung zu widerrufen und so wenigstens Léopolds Leben zu retten, kommt sie aus Liebe nach; Léopold ist ein Großer, das Gericht lässt ihn laufen. Doch auch für Rachel scheint noch Hoffnung auf. Brogni hat von Éléazar erfahren, dass seine Tochter noch lebt, aber nicht, wer sie ist, und bietet ihm als Rettung den Übertritt zum Katholizismus an. Doch ist dieser Weg durch Éléazars Hass auf die Katholiken und seinen fanatischen Glaubenseifer versperrt. Nur für Rachel erwägt er in tragischer Zerrissenheit diese Möglichkeit. Als er ihr die Alternative eröffnet, für eine kurze Spanne Lebens das Seelenheil auf ewig zu verlieren, wählt sie mit ihm den Tod.

Die Hinrichtung findet schließlich im Rahmen eines Volksfestes beim Konstanzer Kirchenkonzil 1414 statt. Die Menge in den Kostümen jetzt aller vorherigen Akte, mit Go-go-Tänzerinnen in Stars-and-Stripes-Bikinis, erfreut sich wieder an dem Schauspiel einer Prozession. Ein riesiger Globus als Zeichen der katholischen Weltherrschaft, Menschenfresser und Henker in Micky-Maus-Kostümen ziehen vorbei. Und in dem Moment, in dem Rachel zur Belustigung des Volks in kochendes Wasser geworfen wird und nicht mehr zu retten ist, verrät Éléazar dem Kirchenfürst in Befriedigung seines alten Rachegelüstes, dass sie seine Tochter war. Mit dem zusammenbrechenden Brogli fällt der Vorhang.

Lydia Steyer schafft mit klaren, teilweise witzigen und bunten, auch erschreckenden ganz der Grande Opéra gemäßen Bildern trotz der schwierigen Zeitsprünge eine schlüssige Erzählung, der man gebannt bis zum tragischen Ende folgt. Für ihre große Neigung, Kinder einzusetzen, finden sich nicht unbedingt zwingende Anlässe. Im Großen gelingen ihr jedoch ergreifend menschliche Figuren und die Entwicklung von Rollenträgern zu Menschen in all ihrem Zwiespalt, wie sie eine Zeit fortlebender Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und gewaltbereitem Fanatismus hervorbringt. Die Regie ergreift keine Partei und erlaubt so dem Publikum nicht, sich beruhigt auf der richtigen Seite zu fühlen. Das reißt aktuell die in jedem vorhandenen Vorurteile, Ressentiments und Zerrissenheiten auf, so dass man La Juive aufgewühlt betroffen verlässt.

Die Gesangspartien sind durchwegs hervorragend besetzt. Die junge usbekische Sopranistin Barno Ismatullaeva begeistert mit einem überaus gelungenen Rollendebüt. Mit ihrem warmen jugendlichen Sopran, sicheren Höhen und eindrucksvoll stimmlicher Gestaltung ihrer Rolle ist sie eine nahezu ideale, bis in den Tod liebende Rachel. Auch die Argentinierin Mercedes Armasi überzeugt als Eudoxie. Anfangs mit ihrem sehr beweglichen Koloratursopran noch etwas veralbert, gewinnt sie an Format und rührt als flehende Gattin. Der Amerikaner Matthew Newlin passt als Léopold mit seinem leichten, hellen Tenor perfekt als Bruder Leichtfuß, und der Georgier Shavleg Armasi entwickelt sich mit profundem Bass von einem empathielosen Kirchenfunktionär zum gebrochenen Vater. Der serbische Tenor Zoran Todorovich ist ein gesanglich ungeheuer eindringlicher Éléazar von starker Bühnenpräsenz. Beeindruckend sein großes Gebet im zweiten Akt, erschütternd sein inneres Ringen um den rechten Weg für Rachel, der er allerdings ihre Herkunft verschweigt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Wuchtig und klangschön hat der von Lorenzo Da Rio einstudierte Chor prächtige Szenen, und im Orchestergraben leitet Valtteri Rauhalammi das Niedersächsische Staatsorchester bei einigen kleinen Unstimmigkeiten mit der Bühne umsichtig. Die großen musikalischen Ausbrüche wie beim schrillen Entsetzen der Festgäste macht er so hörbar wie das feine Schlagen von Rachels Herz, und horcht musikalisch tief in die Seele des Volks und der Protagonisten hinein.

Die unbedingt sehens- und hörenswerte Oper La Juive endet nach dreieinhalb fesselnden Stunden und einer langen Pause betroffenen Schweigens mit großem Jubel, teils stehend dargebrachtem Beifall für Valtteri Rauhalammi und das Niedersächsische Staatsorchester, großem Beifall für Chor und das Sängerensemble,Trampelbeifall für Barno Ismatullaeva und Zoran Todorovich.

La Juive an der Staatsoper Hannover; die nächsten Termine:12.10 um 19.30 Uhr, 31.10.2019  16.00 Uhr

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