Malmö, Malmö Opera, Falstaff – tappt in die Digitale Welt, IOCO Kritik, 10.11.2020

November 9, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Malmö Opera, Oper

Malmö Opera © Werner Nystrand

Malmö Opera © Werner Nystrand

Malmö Opera

Malmö Opera – die kommenden streaming Termine zu Falstaff : HIER

Falstaff –  tappt in die Digitale Welt

Lotte de Beer – inszeniert Giuseppe Verdis Oper in der Malmö Opera
IOCO erlebte die Produktion per Livestream

von Thomas Thielemann

Während im Rest Europas die Opernhäuser regelrecht erstarrt sind, konnten im Opernhaus des schwedischen Malmö fünfzig Besucher die Premiere einer Lotte-de-Beer-Inszenierung von Guiseppe Verdis Falstaff erleben. Uns blieb vergönnt, diese Premiere als Livestream des Hauses zu erleben.

Dem Vernehmen nach, war auch bei der Erarbeitung der Inszenierung nicht alles glatt gegangen: der Versuch, dass „Shakespeares Falstaff in George Orwells Farm der Tiere gelangt“  ließ sich trotz intensiver Bemühung nicht schlüssig umsetzen. So musste die niederländische Regisseurin Lotte de Beer mit dem Österreicher Bühnen- und Kostümbildner Christof Hetzer  innerhalb zweier Monate ein völlig neues Konzept auf die Bühne bringen.     Wo aber liegt das Problem?

Falstaff – tappt in die digitale Welt
youtube Trailer Malmö Opera
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Der schlitzohrige, plumpe, grobe und dicke Säufer und Weiberheld in Shakespeares Drama Heinrich der IV. Teil 1 nannte sich ursprünglich Sir Oldcastle, was dem Dramatiker eine Auseinandersetzung mit einem späteren Verwandten der historischen Persönlichkeit (1378-1417) brachte. Der nun Sir John Falstaff benannte, taucht in vier Stücken Shakespeares auf: den beiden Heinrich IV.-Historien (1596/97), den Lustigen Weibern von Windsor sowie in Heinrich V. (1599), da allerdings nur sterbend und in der Erinnerung seiner einstigen Kumpanen.

Um seine Aufgaben als Ritter scherte er sich kaum. Vor allem trinkend und den Frauen nachstellend, ist er weder ein Held, noch ein Antiheld und keine tragische Figur in seiner derben Komik. Mit seiner scheinbaren Funktionslosigkeit ist Falstaff nach Hamlet die meistkommentierte Figur der Shakespeare-Stücke. Fast ebenbürtig steht der übergewichtige, trunksüchtige, Rauf- und Weiberheld neben Hamlet, einer Figur, die wie kaum eine andere in der Literaturgeschichte den zweifelnden, verzweifelnden modernen Menschen repräsentiert.

Malmö Opera / Falstaff - hier : Misha Kiria als Falstaff © Jonas Persson

Malmö Opera / Falstaff – hier : Misha Kiria als Falstaff © Jonas Persson

Nachdem sich bereits Carl Ditters von Dittersdorf 1796, Antonio Saleri 1799, Michael William Balfe 1838, Otto Nikolai 1849 und Adolphe Adam 1856 am Falstaff-Stoff mit unterschiedlichem Erfolg versucht hatten, wollte Guiseppe Verdi sich mit einem heiteren Alterswerk an Shakespeares Vorlagen versuchen. Sein Librettist Arrigo Boito orientierte sich ebenfalls an The Merry Wives of Windsor, schnitt Teile der Handlung ab und schränkte die Anzahl der Charaktere des Spiels. Vor allem gab er mit der Einfügung von Passagen aus Heinrich IV. dem Charakter Falstaffs mehr Tiefe und Substanz. Aber auch Anklänge an Boccaccios Dekameron (auch Il Decamerone) und Fiorentinos l Pecerone sind im Libretto zu finden. Wichtig blieb für die Erarbeitung des Librettos, dass im Verlauf der Oper dem Charakter Falstaffs, seiner Selbstzufriedenheit und erhabenen Selbstgefälligkeit, kein Schaden zugefügt werden dürfe. Das gilt natürlich auch für die Inszenierungen des Alterswerkes Verdis:

Lotte de Beer stößt den Ritter trotzdem erbarmungslos in ein Fernsehstudio unserer Welt der zu-nehmenden Digitalisierung und entwickelt aus diesem Ansatz feinstes Regietheater.

Zunächst gelang es Falstaff, den modernen Rechtsstaat für seine Zwecke zu nutzen, muss aber, ob der gefallenen Börsenkurse akzeptieren, dass er pleite ist. Seine gleichlautenden Nachrichten an die Damen Alice Ford und Meg Page wurden natürlich per Mail expediert. Die Verabredung zu den Racheakten erfolgte (fast) zeitgemäß per Telefon, denn das Smartphone spielte bei den Anspielungen auf die moderne Kommunikation keine Rolle. Mag das an der Handy-Affinität der Protagonisten liegen? Für mich wäre das eine wunderbare Gelegenheit gewesen, auf die zerstörende Wirkung der mobilen Möglichkeiten unserer Tage auf den persönlichen Umgang anzuspielen.

Malmö Opera / Falstaff - hier : Jaquelin Wagner als Alice Ford © Jonas Persson

Malmö Opera / Falstaff – hier : Jaquelin Wagner als Alice Ford © Jonas Persson

Fenton surft am Laptop und es entwickelte sich, nach dem Intermezzo im Büro des Falstaff, ein Feuerwerk von Regieeinfällen der Lotte de Beer und des Bühnen- und Kostümbildners Christof Hetzer. Da wurden die Möglichkeiten moderner Videotechnik auf das Verschwenderischste genutzt. Da wurde mit Grünwand-Einsatz, Überblendungen, der Einbeziehung der Kameratechnik in die Szene, sowie grüngekleidete Requisiten reichende Helfer und vieles mehr, bei einer hervorragenden Personalführung von Gail Skrela Hetzer, geboten. Fast muss man sich entscheiden, ob man der Musik oder den Bühnenaktionen folgen mochte. Man konnte durchaus lachen, aber wenn man in der Pause über das erlebte nicht nachdachte, wäre etwas falsch gewesen.

Dagegen kommt der lyrisch-bezaubernd angelegte dritte Akt konventioneller, geordneter daher und könnte den konservativen Opernbesucher fast versöhnen, wobei die Handlung allerdings hart an der Diskriminierung der Minderheit Falstaff schrammt.

Die Musikalische Leitung des deutsch-amerikanischen Dirigenten Steven Sloane  musste sich zwangsläufig auf das Bühnengeschehen, die Sängerbegleitung konzentrieren, stellte dabei eine perfekte Verbindung zum recht beeindruckenden Orchester her. Dabei scheute er nicht gelegentliches Krachen und Scharwenzeln des Orchesterklangs zuzulassen, aber ohne dass gelegentlich Musiker hervorblitzten.

Der Falstaff des georgischen Bariton Misha Kiria war für mich eine Entdeckung. Mit seiner schwerelos strömenden wundervollen Stimme und seiner Körperfülle vermochte er die Bühnenfigur als komplexen rücksichtslosen, glücklosen prolligen Zeitgenossen darzustellen. Ein Komödiant, der die Szene zu beherrschen wusste.

Malmö Opera / Falstaff - hier : Sehoon Moon als Fenton © Jonas Persson

Malmö Opera / Falstaff – hier : Sehoon Moon als Fenton © Jonas Persson

Bei derartiger massiver Bühnenpräsenz half nur ein Damen-Trio, das durchaus die Hosen anhat, aber auch weibliche Schwäche zeigen kann. Die in Berlin lebende Amerikanerin Jaquelyn Wagner sang mit in der Höhe klarem und elegantem Sopran die Alice Ford. Dabei zeigte sie auch ihre Freude an komödiantischer Darstellung. Sanft und flink kam die vom Libretto etwas benachteiligte Meg Page der Schwedin Mathilda Paulsson mit ihrem schönen etwas hohen Mezzosopran daher. Die Altistin Maria Streijffert komplettierte die intrigante Damenriege mit einer beeindruckend virtuos gesungenen und präsent gespielten Frau Quickly.

Sein Debüt am Hause gab der türkische Bariton Orhan Yildiz als Ford. Besonders mit seinem fast rasend vorgetragenem Monolog im zweiten Akt wusste er zu beeindrucken. Das Dienerpaar Bardolfo und Pistola, verkörpert von dem heimischen Tenor Jonas Duran und dem Bass Nils Gustén, komplettierte erfrischend Szene und Klangbild. Das grandiose Ensemble ergänzte wundervoll aufgeregt der Schwede Niklas Björling Rygert mit seinem eleganten Tenor.

Einen darstellerisch-virtuosen Volltreffer landete das junge Liebespaar. Die aus Australien nach Malmö gekommene Alexandra Floot vermittelte mit jugendlich leichter zart ausschwingender Stimme und engagiertem Spiel ihre schwer umkämpfte Liebe, aber auch ihre Freude an den Intrigen. Ihr zur Seite konnte der Koreaner Sehoon Moon als Fenton mit anmutsvoll- kraftvollem Tenor das Paar ergänzen.  Ein nur kleiner Chor rundete das Klangbild aus dem Hintergrund ab.

Der naturgemäß magere Beifall der fünfzig Besucher konnte der schlüssigen Inszenierung und prachtvollen Aufführung nicht gerecht werden. Bleibt zu hoffen, dass in der „Nach-Corona-Zeit“ sich eine Gelegenheit zum Malmö-Besuch ergibt.

Falstaff an der Malmö Opera, die weiteren livestream Termine: 11.11.; 14.11.; 20.11.; 22.11.; 25.11.2020 und mehr  link HIER!

—| IOCO Kritik Malmö Opera |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Falstaff – Giuseppe Verdi, 19.01.2020

Januar 10, 2020 by  
Filed under IOCO Aktuell, Pressemeldung, Staatsoper Hamburg

staatsoper_logo_rgbneu
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Falstaff – Giuseppe Verdi

Calixto Bieito Inszeniert – Axel Kober dirigiert

Premiere am 19.01.2020

Die Neuproduktion der Staatsoper Hamburg hat am 19. Januar 2020. Premiere. Mit Falstaff zeigt die Staatsoper die dritte Neuproduktion der Spielzeit 2019/20. Verdis letzte Oper inszeniert Calixto Bieito unter der musikalischen Leitung von Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein. Die Titelpartie gestaltet Ambrogio Maestri, international der Falstaff par excellence. Premiere ist am 19. Januar 2020. Zur Neuproduktion gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm.

Was für eine Komödie ist Falstaff? Falstaff ist Verdis Testament. Seine Oper ist vielleicht eine schwarze Komödie, auf jeden Fall aber eine menschliche Komödie.“, so Calixto Bieito über den Stoff seiner neusten Arbeit an der Staatsoper Hamburg, an der er bereits die Verdi-Werke Otello (2017) und Messa da Requiem (2018) inszenierte. Über die Titelfigur spricht er weiter: „Falstaff demonstriert der scheinheiligen, verlogenen Gesellschaft alle seine Laster und versucht, sie damit zu verspotten und hinters Licht zu führen. Ich habe viel Sympathie für diesen melancholischen Dicken!“ Als Falstaff steht auf der Großen Bühne der Staatsoper Hamburg ab dem 19. Januar „der Falstaff“: Ambrogio Maestri ist einer der international gefragtesten Baritone und gilt als der Verdi-Interpret par excellence. Bereits sein Falstaff-Debüt 2001 an der Mailänder Scala begeisterte Kritiker und Publikum. Anlässlich der Italienischen Opernwochen wird er wieder an der Staatsoper Hamburg zu erleben sein:  Am 18. und 21. März 2020 als Baron Scarpia in Tosca und am 25. und 28. März nochmals in der Titelpartie in Falstaff.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : aus den Proben Ambrogio Maestri als Falstaff © Philip Göbel

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : aus den Proben Ambrogio Maestri als Falstaff © Philip Göbel

Die Musikalische Leitung dieser Neuproduktion hat Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein. Für ihn sei Verdis letztes Werk Falstaff eine der perfektesten Opern: „Man spürt die ganze kompositorische und musikalische Erfahrung, die Verdi in seinem Leben gemacht hat – aber auch die menschliche Erfahrung.“

Inhalt: Sir John Falstaff ist ein Anarchist, der sich nur der Herrschaft des eigenen Genusses beugt, ein Egoist, der nur seiner absolutistischen Macht- und Körperfülle frönt und die spießigen Moralvorstellungen seiner Mitmenschen wie die Stadtmauern einer Festung schleifen möchte, indem er gleich zwei Frauen parallel zu verführen gedenkt. Natürlich geht das schief, aber diejenigen, die ihn entlarven möchten, lassen bei dem Verwirrspiel, das sie um ihn herum inszenieren – und das gerade noch der Zuschauer durchschaut –, auch gehörig Federn. „Tutto nel mondo è burla“, doch diese Possen sind nur lustig, weil der Sturz in den Abgrund ein durchaus ernstes Risiko darstellt.

Der Otello-Librettist Arrigo Boito hat mit Raffinement aus der Shakespeare’schen Vorlage ein sprachlich ingeniöses Libretto herausdestilliert, das Verdi in hochkomplexe kompositorische Höhen treibt. Rahmenprogramm Begleitet wird die Neuproduktion Falstaff von einem vielfältigen Rahmenprogramm, das das Publikum auf das Thema einstimmt: ·

13. Januar 2020 – vor der Premiere – werden die Gäste werden von Dramaturgin Bettina Auer in den Stoff eingeführt und besuchen den ersten Teil einer sogenannten Bühnenorchesterprobe, woraufhin im gemeinsamen Anschlussgespräch Fragen gestellt und Eindrücke diskutiert werden können. ·

Beim OpernReport am 14. Januar stellt Musiktheaterdramaturg, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Dr. Alexander Meier-Dörzenbach die Neuproduktion anhand von aktuellen und historischen Bild- und Tonaufnahmen vor. Beim Kompaktseminar Opern-Werkstatt von Volker Wacker erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 17. und 18. Januar 2020 alle wichtigen Aspekte der Oper. ·

Am 25. Januar findet nach der Vorstellung das OpernForum statt. In Partnerschaft mit der Universität Hamburg treten hier Oper und Wissenschaft in den Dialog. Und: Zu allen Vorstellungen gibt es 40 Minuten vorher eine thematische Einführung.

 Giuseppe Verdi –  Falstaff

Musikalische Leitung: Axel Kober Inszenierung: Calixto Bieito, Bühnenbild: Susanne Gschwender, Kostüme: Anja Rabes, Dramaturgie: Bettina Auer, Licht: Michael Bauer

Mit: Falstaff Ambrogio Maestri, Ford Markus Brück, Fenton Oleksiy Palchykov (Rollendebüt), Dr. Cajus Ks. Jürgen Sacher, Bardolfo Daniel Kluge (Rollendebüt), Pistola Tigran Martirossian (Rollendebüt), Alice Ford Maija Kovalevska, Nannetta Elbenita Kajtazi (Rollendebüt), Mrs. Quickly Nadezhda Karyazina (Rollendebüt), Meg Page Ida Aldrian (Rollendebüt), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Premiere 19. Januar 2020 18.00 Uhr (Einführung um 17.20 Uhr); weitere Vorstellungen  22., 25., 28. Januar, 4. und 8. Februar sowie 25. und 28. März 2020, jeweils 19.30 Uhr (Einführungen jeweils 18.50 Uhr),

Rahmenprogramm: Vor der Premiere 13. Januar – 18.00 bis 21.00 Uhr | Großes Haus OpernReport 14. Januar 19.30 Uhr | opera stabile Opern-Werkstatt 17. Januar 18.00 bis 21 Uhr; Fortsetzung 18. Januar 11.00 bis 17.00 Uhr | Probebühne 3 OpernForum  25. Januar 22.00 Uhr | Parkett-

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung