Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Mittsommer-Operngala live im Autokino, 19.06.2020

Juni 5, 2020 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Mittsommer-Operngala –  live im Autokino

 Rheinoper feiert erstes große Opern-Event nach Corona-Lockdown

Premiere im Autokino Düsseldorf: Nach drei Monaten coronabedingter Spielpause feiert die Deutsche Oper am Rhein am Freitag, 19. Juni, um 22.00 Uhr das erste große Opern-Event auf dem Messeparkplatz P1 im Autokino Düsseldorf. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober präsentieren sieben Stars aus dem Opernensemble, die Düsseldorfer Symphoniker und Mitglieder des Chors der Deutschen Oper am Rhein eine stim­mungs­volle Mittsommernacht mit Arien und Ausschnitten aus beliebten Opern wie Carmen, Il barbiere di Siviglia, La traviata und Nabucco. Das Live-Erlebnis wird von der Bühne auf die große Kino-Leinwand, der Klassik-Sound ins Autoradio übertragen. Die Deutsche Oper am Rhein realisiert diesen Opernabend dank der Unterstützung ihres Freundeskreises und in Zusammenarbeit mit D.LIVE als städtischem Betreiber des Autokinos. Mehr als 70 Mitwirkende sind auf der Bühne und im Orchester dabei – 500 Autos mit maximal fünf Personen finden Platz. Tickets für 50 € pro Auto sind ausschließ­lich online über www.autokino-duesseldorf.de und www.operamrhein.de erhältlich. Sollte es regnen, findet das Konzert trotzdem statt – mit einer Schlechtwetter-Variante ist vorgesorgt.

Deutsche Oper am Rhein / Autokino Düsseldorf @ DLIVE

Deutsche Oper am Rhein / Autokino Düsseldorf @ DLIVE

Sieben Stars aus dem Ensemble der Deutschen Oper am Rhein präsentieren ein „Best of“ der Opernliteratur, darunter die große Arie der Violetta aus Verdis La traviata, gesungen von Adela Zaharia, Szenen aus Bizets leidenschaftlicher Carmen mit Ramona Zaharia, Eduardo Aladrén und Bogdan Baciu und virtuose Höhepunkte aus Rossinis Il barbiere di Siviglia und Donizettis Linda di Chamounix mit Maria Kataeva, Elena Sancho Pereg und Bogdan Talo. Schließlich stimmt der Chor der Deutschen Oper am Rhein VerdisVa, pensiero“ und gemeinsam mit Eduardo Aladrén das berühmte „Nessun dorma“ von Puccini an.

„Die Idee zur ‚Operngala im Autokino‘ kam mir spontan, als ich vor kurzem als Besucher im Autokino war“, sagt Generalinten­dant Christoph Meyer, „eine außergewöhnliche Location mit toller Atmosphäre! Für uns alle sicher eine völlig neue, spannende Erfahrung und Herausforderung, aber in diesen besonderen Zeiten gilt es auch Neues zu wagen, und wir freuen uns sehr darauf, auf diese Weise gemeinsam mit den Zuschauern unsere Solisten, unseren Chor und die Düsseldorfer Symphoniker wieder live mit großer Oper erleben zu können.“

Solange eine Rückkehr auf die Bühne des Opernhauses noch nicht möglich ist, wird die Zeit dort unter anderem für die Erneuerung der Bühnentechnik und der Inspi­zienten­anlage genutzt. Das der aktuellen Situation ange­pass­te Programm zum Saisonstart im September stellt die Deutsche Oper am Rhein in der letzten Juni-Woche vor.


Mittsommer-Operngala live im Autokino Düsseldorf am 19. Juni 2020


Musikalische Leitung: Axel Kober
Maria Kataeva, Elena Sancho Pereg, Adela Zaharia, Ramona Zaharia, Eduardo Aladrén, Bogdan Baciu, Bogdan Talo  //  Chor der Deutschen Oper am Rhein  //  Düsseldorfer Symphoniker

Georges Bizet (1838-1875)
CARMEN  –  Vorspiel 1. Akt  –  Düsseldorfer Symphoniker

Habanera der Carmen  –  „L’amour est un oiseau rebelle“
Ramona Zaharia, Chor der Deutschen Oper am Rhein

Arie des Escamillo  –  „Votre toast, je peux vous le rendre”
Bogdan Baciu, Ramona Zaharia (Carmen), Elena Sancho Pereg (Frasquita), Maria Kataeva (Mercedes), Chor

Finale 2. Akt  –  „Non, tu ne m’aimes pas!…Que dis-tu?”  –  Ramona Zaharia (Carmen), Eduardo Aladrén (Don José), Elena Sancho Pereg (Frasquita), Maria Kataeva (Mercedes), Chor

Gioachino Rossini (1792-1868)
Il barbiere di Siviglia  –  Cavatina des Figaro  –  „Largo al factotum”
Bogdan Baciu

Duett Rosina – Figaro  –  „Dunque io son… Tu non m’inganni”
Maria Kataeva, Bogdan Baciu

Arie des Don Basilio  –  „La calunnia“  –  Bogdan Talo


Gaetano Donizetti (1797-1848)
LINDA DE CHAMOUNIX

Arie der Linda
„O luce di quest’anima“
Elena Sancho Pereg

Giuseppe Verdi
LA TRAVIATA  –   Arie der Violetta  –  „È strano… Sempre libera“
Adela Zaharia (Violetta), Eduaro Aladrén (Alfredo)

Giuseppe Verdi (1813-1901)
NABUCCO  –  Ouvertüre

Szene des Zaccaria
„Sperate, o figli“  –  Bogdan Talo (Zaccaria), Eduardo Aladrén (Ismaele), Chor der Deutschen Oper am Rhein

Gefangenenchor  –  „Va, pensiero, sull‘ ali dorate“
Chor der Deutschen Oper am Rhein

Léo Delibes (1836-1891)
Lied „Les Filles de Cadiz“  –  Adela Zaharia

Ruperto Chapí y Lorente (1851-1909)
Las hijas del Zebedeo  –  Romanze „Las Carceleras“  –  Maria Kataeva

Giacomo Puccini (1858-1924)
TURANDOT  –  Arie des Calaf  –  „Nessun dorma”
Eduardo Aladrén, Damenchor der Deutschen Oper am Rhein

Giuseppe Verdi
LA TRAVIATA  –  Brindisi „Libiamo ne’ lieti calici”  –  alle

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Johannes Martin Kränzle – ein bedeutender Sänger im Gespräch, IOCO Interview, 05.05.2020

Mai 5, 2020 by  
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Johannes Martin Kränzle © Christian Palm

Johannes Martin Kränzle © Christian Palm

JOHANNES MARTIN KRÄNZLE – im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann

– ALLE ZIEHEN AM SELBEN MUSIKALISCHEN STRANG –

Johannes Martin Kränzle, 1962 in Augsburg geboren, ist ein international gefragter Opern- und Konzertsänger. Seine Ausbildung erhielt Kränzle  bei Martin  Gründler an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Von 1998 bis 2016 war er Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt, zuvor schon in Dortmund und Hannover im Festengagement. 2015 wurde bei ihm die lebensbedrohliche Knochenmarkkrankheit MDS diagnostiziert, weshalb er sich einer Stammzellentransplantation unterziehen musste. Für  herausragende sängerische Leistungen erhielt Kränzle 2011 und 2018 die Auszeichnung „Sänger des Jahres“ (Kritikerumfrage der Opernwelt). 2019 folgte der Deutsche Theaterpreis FAUST für seine darstellerische Leistung als Šiškov in Aus einem Totenhaus an der Oper Frankfurt. Das umfangreiche Opernrepertoire von J. M. Kränzle reicht von Händel bis Rihm und umfasst 120 Partien, die er an den großen Opernhäuser und Festspielen der Welt immer wieder unter Beweis stellt.

Romeo und Julia auf dem Dorfe _ an der Oper Frankfurt / hier: J. M. Kränzle - selbst Geige spielend, als Der schwarze Geiger © Barbara Aumüller

Romeo und Julia auf dem Dorfe _ an der Oper Frankfurt / hier: J. M. Kränzle – selbst Geige spielend, als Der schwarze Geiger © Barbara Aumüller

Ljerka Oreskovic Herrmann, LH:  Herr Kränzle, in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung sagten Sie, „durch die Festivalkultur verkommt die ganze klassische Musik immer mehr zu einem Zirkus“, dass es einen Bildungsverlust gibt. Das vorherrschende Merkmal seien „äußerliche Reize wie langer, hoher, lauter Ton oder die Häppchenkultur“.

Johannes Martin Kränzle, JMK:  Die Überschrift ist etwas reißerischer, als ich das  im Interview  formuliert hatte, weil ich nicht grundsätzlich finde, dass Festivals ein Zirkus sind. Was mich sehr stört, sind Konzerte, bei denen nur die „Leckerbissen“ – aus einem Kontext herausgerissen – präsentiert werden. Diese Effekthascherei mag ich persönlich gar nicht. Eine Berechtigung hat es vielleicht, dass sich der ein oder andere von einem „Hit“ neu zur Klassik führen lässt. Aber inhaltlich finde ich diese Veranstaltungen hohl. Das hat sogar Frau Merkel so schön bei der Eröffnung der Elbphilharmonie bemerkt, als auch nur Häppchen (aus jedem Opus nur ein Satz) zur Aufführung kamen: ‚Ach, ich hätte gerne einfach nur ein Werk vollständig gehört.’

LH: Ist nicht jetzt eine Gelegenheit darüber nachzudenken, was Kultur im Allgemeinen und Oper/Theater im Besonderen bedeuten, sie (neu) zu definieren und mit Inhalten füllen?

JMK: Die Situation ist tatsächlich risikobehaftet. Ob sich durch die Krise das Zuhören und Zusehen verändert, wäre – glaube ich – zu idealistisch gedacht. Vor allem durch die mediale Überfrachtung und allgemeine Schnelllebigkeit, die Konzentrationsmangel zur Folge haben, ist uns bereits Vieles abhanden gekommen. Ich war einmal bei einem DaschSalon (A.d.R.:eine von Annette Dasch moderierte Fernsehsendung) zu einer Übertragung im Fernsehen engagiert, und da hieß es: ‚Ihr Lied darf nicht länger als vier Minuten sein, weil sonst die Leute abschalten`. Feige Zwänge, wenn man nur auf Quoten schielen muss! Oder ein anderes Beispiel: ganz aktuell (jetzt diesen Samstag, 2.Mai 2020) lief im Fernsehen ein Hamlet aus dem Bochumer Schauspielhaus, der eigentlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Eine hochkonzentrierte Aufführung mit einer phänomenalen Sandra Hüller in der Titelrolle. Direkt im Anschluss wird eine Banalisierung des Hamlet-Stoffes als anbiedernde Unterhaltungssendung mit etlichen Clips von zig anderen Inszenierungen im Fünf-Sekundentakt gezeigt – anstatt die große Kunst einer Sandra Hüller an diesem Abend wirken zu lassen.

Auch in der Gesangskunst ist Bildung schon über Jahrzehnte hinweg verloren gegangen . Ein Beispiel: das Wissen darum, dass es nicht auf die hohen oder lauten Töne ankommt. Die Phrasierung und Gestaltung einer Rolle wurde mal weit wichtiger genommen. Ich bin eher pessimistisch, was die Wieder-Sensibilisierung der Kultur und mancher Kulturverantwortlicher und -schaffender angeht.

LH: I Welche Rolle spielt für Sie der Dirigent? Welche Dirigenten waren für Sie wichtig? Und daran anschließend, was macht einen guten Dirigenten für Sie als Sänger aus?

JMK:  Eine entscheidende Rolle. In den vielen Jahren in denen ich singe, habe ich gemerkt, was Dirigenten bewirken können. Wenn sie an der gesamten Produktion mitwirken, bei jeder Probe da sind, wenn es z.B. um Rezitative geht, auch ihre Meinung und Erfahrung einbringen. Das war bei Così fan tutte in Frankfurt mit Julia Jones so. Auch das Zusammentreffen mit Kirill Petrenko bei Palestrina und das gemeinsame Ergründen des Werkes war für mich maßgebend. Unvergesslich war die Arbeit mit Daniel Barenboim an meinem ersten Alberich im Ring in Mailand und Berlin. Wir haben die Partie Takt für Takt am Klavier akribisch bis zur kleinsten Phrasierung und Nuancierung durchgesprochen. Eine außergewöhnliche Begegnung hatte ich erst vergangenes Jahr mit dem Dirigenten Enrique Mazzola bei Don Pasquale in Zürich. Was er aus dieser Musik herauszaubern konnte, in einer wunderbaren Atmosphäre und dabei mit imponierendem Arbeitswillen. Er hat Don Pasquale (siehe youTube Video unten)schon vorher über hundert Mal dirigiert, trotzdem hatten wir Sänger das Gefühl, er findet mit uns eine individuelle neue Lesart und alle ziehen am selben musikalischen Strang. Es gab aber auch viele erfüllende Begegnungen mit weniger prominenten Dirigenten.

Don Pasquale hier mit J.M. Martin Kränzle als Don Paquale
youtube Trailer Opernaus Zürich
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LH: Wie erarbeiten Sie sich eine Partie?

JMK:  Zuerst mental. Ich lerne den Text separat vor der Musik, weil ich so Inhalte, Betonungen und Nuancen im Wort entdecke, dem sonst von der Musik bereits eine Richtung vorgegeben wird. Manchmal kann es sogar reizvoll sein, die textliche Bedeutung gegen die musikalische Atmosphäre zu stellen. Im Anschluss beginnt die Erarbeitung mit einem Korrepetitor. Das Lernen mit einem musikalischen Partner, dessen Echo und Korrektiv ist mir persönlich sehr wichtig.

LH: IWelche Rolle würden Sie gerne singen und als Figur darstellen?

JMK:  Ich habe Glück gehabt, dass ich schon über 120 Rollen singen durfte. Aber es gibt noch einen Wunsch: Wozzeck. In Paris konnte ich ihn in einer Wiederaufnahme – einer bestehenden spannenden Inszenierung – von Christoph Marthaler singen. Trotzdem würde ich mich gerne selber auf die Suche nach der Rolle in einer Neuinszenierung machen. Da ist der spannende Umbruch zwischen Romantik und Moderne, ebenso diese formale Strenge der Komposition Alban Bergs, die man vielleicht beim ersten Hören nicht erfassen kann, so natürlich und musikantisch erklingt sie. Büchners Vorlage ist schon exzellent. Da ist kein Wort zu viel, da stimmt jeder Punkt und jedes Komma. Und dann ist Wozzeck als Rolle auch eine, die sich über unzählige Arten erzählen lässt – schüchtern, still, aber auch aufmüpfig, rebellisch, grob. Es gibt so viele Interpretationsmöglichkeiten und es wäre mir eine Freude zu experimentieren, zu welchen Schattierungen ich gelange.

Künstler-Nöte in der jetzigen Corona-Pandemie

LH: I Sie unterrichten jetzt Online. Was möchten Sie angehenden Sängern und Sängerin vermitteln? Was ist das Wichtigste, um in diesem Beruf, der eine Berufung sein kann, zu bestehen? Sie haben in Köln, aber auch in Brasilien als Gastprofessor gearbeitet. Wie kam es dazu?

JMK:  Ach, das war ein Zufall. Ich habe zwischen Studium und den ersten Berufsjahren – quasi als Tourist – bei einigen internationalen Wettbewerben teilgenommen, so auch in Rio de Janeiro. Dort gewann ich mit meiner damaligen Glücksarie, der Cavatine des Barbiere di Siviglia, den „Ersten Großen Preis“. Daraufhin wurde ich eingeladen, in vielen brasilianischen Städten zu konzertieren, u.a. in Joao Pessoa, wo der dringende Wunsch geäußert wurde, dass ich unterrichten solle. Ich war damals 28, konnte kein Portugiesisch: Mir wurde ein Simultanübersetzer an die Seite gestellt und schon ging es los. Daraufhin ergaben sich mehrere Unterrichtsverpflichtungen in Nordostbrasilien. Letztlich hat sich dann Natal zum Mittelpunkt entwickelt, da dort für klassische Musik die nachhaltigste Infrastruktur vorhanden ist. Dort habe ich inzwischen über Jahrzehnte unterrichtet. Es ist schön zu sehen, dass die Studenten der ersten Stunde mittlerweile selbst Professoren sind. Vor einem Jahr habe ich dort ein soziales Projekt gegründet. Ich finanziere Kindern aus sehr armen Familien den Instrumentalunterricht sowie die Anschaffung der Musikinstrumente. Der größte finanzielle Aufwand geht allerdings an die Eltern, damit sie ihre Kinder nicht zum Arbeiten, sondern zum Musikunterricht schicken.

Die Zarenbraut  hier mit J.M. Martin Kränzle
youtube Trailer Teatro alla Scala
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LH:  Dürfen sich die Kinder das Instrument aussuchen?

JMK:  Da ich selbst mit Geige angefangen habe, habe ich mich für Streichinstrumente entschieden. Keine einfach zu beherrschenden Instrumente. Im Gegensatz zu Klavier, das andere Vorzüge hat, lernt man Intonation und Melodieführung, man „singt“ beinahe auf einer Geige, Bratsche oder einem Cello. Und mit dieser Instrumentenkombination können die Jugendlichen später auch zusammen musizieren.

LH:  Wann haben Sie vom Musiker zum Sänger gewechselt?

JMK:  Nach dem Abitur habe ich ein Jahr in Hamburg Musiktheaterregie studiert, was mir allerdings dort viel zu theoriebeladen war. Deshalb habe ich Aufnahmeprüfungen in ganz Deutschland in den verschiedensten Disziplinen gemacht – als Schauspieler, Geiger, Schulmusiker, sogar einmal als Dirigent. Nirgendwo war das so richtig erfolgreich, aber in Frankfurt gab es einen erfahrenen Gesangsprofessor, Martin Gründler, der mich in der Schulmusik- Aufnahmeprüfung gehört hat: „Du wirst Sänger. Bei Dir bin ich mir sicher.“ Es war ein Riesenglück, diesem wunderbaren Menschen damals begegnet zu sein.

LH: Zurück zur Ausgangsfrage nach dem Unterrichten. Sie unterrichten momentan Online? Was sind Ihre Erfahrungen? Was ist in diesem Beruf wichtig?

JMK:  In dieser Corona-Phase habe ich den ehemaligen Studenten aus meiner Zeit als Gastprofessor an der Musikhochschule in Köln angeboten, kostenlos Online-Unterricht bei mir zu nehmen. Auch sie haben momentan keine Einkünfte als Sänger. Die meisten stehen am Anfang ihrer beruflichen Karriere, sind in ersten Engagements, teilweise fest an Opernhäusern, teilweise freischaffend. Besonders für sie ist es gerade äußerst schwierig, weil die Produktionen, die schon vereinbart waren, abgesagt werden mussten und so der Berufseinstieg unterbrochen ist. Ich kann ihnen auf diese Weise wenigstens gesangstechnisches Feedback geben, da sie anderweitig kaum Rückmeldungen bekommen. Eine mentale und wirtschaftliche Durststrecke. Der Online-Unterricht ist dabei eingeschränkt befriedigend, weil die Schönheit der Stimme, der Obertonreichtum und das Timbre oft verzerrt wahrnehmbar sind. Also eine Notlösung und kein Ersatz für den realen Unterricht.

Grundsätzlich ist in diesem Beruf unabdingbar, Niederlagen wegstecken zu können und sich immer wieder neuen Aufgaben zu stellen. Notwendig ist ebenfalls, eine Sensibilität für sich und seine Möglichkeiten zu entwickeln. Wie schätze ich mich ein, was traue ich mir wann zu? Für den Sängerberuf sind diese Fragen überlebensnotwendig und bestimmen – neben gesundheitlichen Aspekten – wie lange eine Laufbahn dauert.

LH:  Es drängt sich einem der Eindruck auf, dass die heutigen jungen Sänger und Sängerinnen sehr schnell durchgeschleust werden und dann schnell verschwinden. Täuscht der Eindruck?

JMK:  Es gibt Studien die besagen, dass die heutigen Karrieren im Durchschnitt fünf Jahre dauern. Also erschreckend kurz. Die ZAV Künstlervermittlung gibt zu bedenken, dass der Sängerberuf mittlerweile ein „Teilberuf“ ist, d.h. dass man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bis ins Rentenalter auf der Bühne stehen wird. Die Schnelllebigkeit, die ich vorher bereits angesprochen hatte, zeigt sich auch hier. Die Sänger sind aber auch für sich selbst verantwortlich. Ein festes Engagement ist sicher immer noch der beste Einstieg in den Beruf: Man hat mal eine Rolle, die einem liegt, dann eine, die einem nicht liegt, und trotzdem wird man nicht gleich rausgeschmissen. Wenn ein junger Sänger nur mit seinen drei „Schokoladenrollen“ gastiert, kann er keine Vielseitigkeit entwickeln. Er hat auch nicht die Atem-Pausen kleiner oder mittlerer Rollen. Es ist anfangs heilsam, nicht dauernd die Hauptrollen zu singen, um nicht zu schnell müde und dann durch den Opernbetrieb durchgeschleust zu werden.
Bedauerlicherweise gibt es immer seltener gestandene, erfahrene Kollegen höheren Alters, die seit Jahrzehnten in ein und demselben Ensemble sind. Teilweise gab und gibt es auch Vorgaben an die Intendanten, keine Unkündbarkeiten auszusprechen. An einigen Theatern sind so die Sänger für manche Rollen viel zu jung. Immer häufiger gibt es nur noch ein sporadisches Ensemble der jeweiligen Intendanz.

Cosi fan tutte mit Johannes Martin Kränzle
youtube Trailer Royal Opera House, London
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LH: Ein Publikum identifiziert sich mit den Sängersolisten.

JMK:    Absolut, es will die gleichen Sänger in verschiedenen Rollen erleben. Große Stars und neuesten Namen ersetzen keine gewachsenen Identifikationsfiguren! Die glanzvollste Zeit hatte die Wiener Staatsoper in den fünfziger und sechziger Jahren mit ihrem berühmten Mozart-Ensemble. Diese Sänger übernahmen darüber hinaus sämtliche Repertoire-Partien mit größtem Erfolg. D.h. selbst in dieser Kulturmetropole ging die Idee eines gewachsenen Ensembles blühend auf.

LH: Sie haben eine Liste erstellt, die die beispielgebenden, die freien Mitarbeiter und Gäste unterstützenden Theater in der Corona-Krise aufzählt. Wie lange ist diese Liste inzwischen geworden?

JMK:  Die Liste war mit etwa acht Theatern anfänglich kurz. Inzwischen ist sie auf mindestens sechzig Häuser europaweit angewachsen. Obendrein hat sich ein Link zu amerikanischen Veranstaltern ergeben. Ich bin auf Meldungen einzelner Betroffener angewiesen und versuche die Liste ständig zu aktualisieren. Die Liste erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Rechtsgültigkeit. Viele zahlen ein 50%-Ausfallhonorar, wie die Staatstheater Wiesbaden und Darmstadt, dann gibt es auch 100%-Gagenauszahlung wie beispielsweise in Bremen oder Passau. Es ist erfreulich, was sich zusammengefunden hat, aber es gibt auch so inakzeptabel geringe „Hilfs“-Angebote, die nicht zu den positiven Beispielen zählen können. Ich wollte mit dieser Liste die Helfenden transparent machen und nicht die Unterlasser anprangern. So manches große – bis zur Krise wohlsituierte – Opernhaus zahlt seinen Gastsängern bisher keine Gagen-Ausfälle. Das betrifft leider auch meine sämtlichen entfallenden Engagements.

Natürlich mussten sich die Rechtsträger und Theaterleitungen nach dem ersten Schock dieser Pandemie neu orientieren. Aber jetzt, bald sechs Wochen nach Beginn der ersten Maßnahmen, müsste finanziell schon geholfen worden sein. Sechs, vielleicht noch mehr Monate ohne jede Einnahme sind für alle Freischaffenden nicht zu verkraften. Dass es für die Freiberufler noch keine Leitlinie gibt, hat auch mit dem Föderalismus zu tun. Jedes Land, ja, jede Kommune stellt eigene Regeln auf. Es darf dadurch nicht – wie vor 1848 – nach Gutsherrenart abhängig vom „Fürstenhaus“ entschieden werden, wer entlohnt wird und wer nicht. Das „Wunder“ Oper, bei dem so viele auf engem Raum zusammenkommen, wird auf nicht absehbare Zeit pausieren müssen. Da helfen keine Rollenangebote für kommende Spielzeiten, sondern ist pekuniäre solidarische Unterstützung im jetzigen Moment gefragt.

Ganz aktuell haben sich alle Stadttheater der Kurzarbeit angeschlossen und ausdrücklich werden dort die sozialversicherungspflichtigen Gäste mit einbezogen: das ist ein äußerst wichtiger Schritt mit hoffentlich bundesweiter Vorbildwirkung, auch für die Staatstheater. Kulturstaatsministerin Grütters hat ebenfalls für die Institutionen, die der Bund mitfinanziert, eine tragfähige Lösung gefunden. So hoffe ich noch immer, dass sich die letzten öffentlich subventionierten Zauderer einreihen werden.

LH: IWelche Produktionen sind für Sie weggefallen, welche davon lagen Ihnen besonders am Herzen?

JMK:  Im Mai hätte ich mehrfach den Saint François d´Assise von Olivier Messiaen in der Elbphilharmonie gesungen. Über ein halbes Jahr habe ich mich auf diese riesige und monumentale Partie vorbereitet, eine der längsten der Operngeschichte überhaupt. Es ist ein enormer Aufwand, diese Rolle überhaupt zu erfassen, bevor man sie im Detail studieren kann. Dass dieses Engagement wegfällt, ist für mich schmerzlich. Leider gibt es bislang keinen Alternativtermin. Auch andere Engagements, eine CD-Aufnahme zum Beethovenjahr mit Fidelio unter Marek Janowski in Dresden, mein erster szenischer Klingsor im Münchner Parsifal, dann auch Bayreuth – alles abgesagt.

 LH: IWas bedeutet die Situation für Ihre Frau, sie ist auch freiberuflich?

JMK:  Zwar ist sie auch freiberufliche Sängerin, hat aber eine halbe Professur für Gesang an der Hochschule Osnabrück. Insofern hat sie im Moment wesentlich Konkreteres zu tun als ich. Sie gibt regelmäßig Online-Unterricht und hält Vorlesungen zu Fachdidaktik und verschiedenen anderen Themen. Momentan alles von Zuhause aus, dadurch sind wir viel zusammen. Normalerweise sind wir meist an unterschiedlichen Orten beschäftigt, schaffen es aber auch dann, viel Zeit für uns zu organisieren – nun ist alles ohne Reisen anders, aber auch sehr schön.

LH:  Johannes Martin Kränzle, wir danken Ihnen für das anregende Gespräch. Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen gute Gesundheit und viele sängerische Erfolge

—| IOCO Interview |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Stephan Zilias – Neuer Generalmusikdirektor, IOCO Personalie, 16.04.2020

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Stephan Zilias – Generalmusikdirektor ab Spielzeit 2020/21

Staatsoper Hannover / Intendantin Laura Bermann © Franz Bischof

Staatsoper Hannover / Intendantin Laura Bermann © Franz Bischof

Laura Berman, Intendantin der Staatsoper Hannover,  hat nach Abschluss eines breit angelegten Auswahlverfahrens, Stephan Zilias als neuen Generalmusikdirektor der Staatsoper Hannover vorgeschlagen. Es bestand Einigkeit im Aufsichtsrat darüber, die Verhandlungen mit Stephan Zilias zum Abschluss zu bringen. Damit wird zum Beginn der Spielzeit 2020/21 die Stelle nach einjähriger Vakanz wieder besetzt: Vorgänger  Ivan Repušic hatte 2017, als Nachfolger von Ulf Schirmer (IOCO berichtete,  link HIER)  die Leitung des Münchner Rundfunkorchesters übernommen.

„Ich bin glücklich, dass unser ausführlicher Auswahlprozess, in den viele Mitarbeiter*innen der Staatsoper eingebunden waren, zu einem neuen Generalmusikdirektor geführt hat, der bei allen im Haus auf positive Resonanz trifft. Die Zeit, die wir uns genommen haben, war extrem hilfreich, hat der Staatsoper gut getan und gezeigt, dass das Haus sich einig ist“, äußert sich Intendantin Laura Berman.Ich freue mich auf einen Partner, den ich als Dirigenten und Musiker mit großer Sorgfalt, Mitgefühl für seine Mitmenschen und ganz großem Herzen kennengelernt habe.“

Energiegeladen, leidenschaftlich, überzeugend und risikofreudig: Stephan Zilias, zur Zeit Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin, hat im Herbst 2019 an der Staatsoper Hannover die Wiederaufnahme von Salome geleitet sowie das 4. Sinfoniekonzert Verwandlungen mit Werken von Henri Dutilleux, Béla Bartók und Robert Schumann dirigiert.

„Ich fühle mich tief geehrt, zum Generalmusikdirektor der Staatsoper Hannover ernannt worden zu sein. Es ist eine wunderbare Aufgabe mit großer Verantwortung, auf die ich mich aus vollem Herzen freue. Ich hatte das Vergnügen, in den letzten Monaten mit dem fantastischen Orchester und den Sänger*innen des Ensembles schon intensiv arbeiten zu können. Ich freue mich auf die Arbeit mit Laura Berman, dem Ensemble, mit Orchester, Chor und den Teams von Staatsoper und Staatsballett. Gemeinsam werden wir uns neuen Herausforderungen stellen und alles daransetzen, die lange und exzellente Musiktradition in Hannover fortzuführen und neue Impulse zu setzen – einer Stadt, die meiner Familie und mir bald zur neuen Heimat werden wird,“ so der designierte Generalmusikdirektor Stephan Zilias.

Staatsoper Hannover / Stephan Zilias - kommender Generalmusikdirektor © Simon Pauly

Staatsoper Hannover / Stephan Zilias – kommender Generalmusikdirektor © Simon Pauly

Stephan Zilias studierte Klavier und Dirigieren in Köln, Düsseldorf und London. Zu seinen Lehrern zählten Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich (Klavier), sowie Volker Wangenheim, Rüdiger Bohn und Colin Metters (Dirigieren). Wichtige musikalische Impulse erhielt er durch Meisterkurse bei Bernard Haitink, Gianluigi Gelmetti und Ilan Volkov.

Bereits während seiner Studienzeit wirkte er als Dirigent und musikalischer Assistent von Markus Stenz an der Oper Köln, wo er 2011 mit drei Vorstellungen von Wozzek debütierte. Prägende Erfahrungen sammelte er auch als Assistent von Edward Gardner und Thomas Hengelbrock an der English National Opera bzw. bei den Pfingstfestspielen Baden-Baden und bei Stefano Montanari an der Opéra de Lyon.

Im Sommer 2013 debütierte er mit Die Zauberflöte auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele. Nach zwei Spielzeiten als Repetitor und Kapellmeister am Staatstheater Mainz, folgte er 2014 dem Ruf ans Theater Lüneburg als 1. Kapellmeister, bevor er 2015 in der gleichen Rolle an die Oper Bonn berufen wurde. Dort dirigierte er die gefeierten Inszenierungen von Madama Butterfly, La bohème, Turandot, Le nozze di Figaro, Don Giovanni, Cosi fan tutte, Die Zauberflöte, Il barbiere di Siviglia, Lucia di Lammermoor, La Traviata, Rusalka, Carmen und Philip Glass‘ Akhnaten. Während seiner Amtszeit in Bonn war er aktiv an den Bildungs- und Vermittlungsprogrammen des Beethoven Orchesters beteiligt. Zu seinen weiteren symphonischen Erfahrungen gehörten Konzerte mit den Hofer Symphonikern und dem Orchestre Symphonique de Mulhouse.

In der Saison 2018/19 wurde Stephan Zilias Kapellmeister und Assistent von Donald Runnicles an der Deutschen Oper Berlin. In der vergangenen Saison dirigierte er Wiederaufnahmen von La Traviata, Die Zauberflöte, Die Fledermaus, Carmen und Neuproduktionen von Wozzeck, La Sonnambula und Detlev Glanerts neuer Oper Oceane.

Zu Beginn der Spielzeit 2019/20 gab er sein Hausdebüt an der Staatsoper Hannover mit Salome und kehrte später für symphonische Konzerte zurück. Außerdem dirigierte er Aufführungen mit dem Beethoven Orchester Bonn und an der Deutschen Oper Berlin (Don Giovanni, La Traviata, Die Zauberflöte, Die Fledermaus, Nabucco und Langgaards Antikrist). Weitere Hausdebüts in dieser Saison sind Auftritte an der Oper Leipzig (Il barbiere di Siviglia) und bei den Opernfestspielen von Savonlinna (Carmen).

Für die Zukunft sind Debüts im Herkulessaal der Residenz München, im Wiener Konzerthaus und an der Royal Swedish Opera geplant. Außerdem kehrt er an die Deutsche Oper Berlin zurück, um in den nächsten zwei Spielzeiten vier Produktionen als Gastdirigent zu dirigieren.

Im Mai 2018 wurde Stephan Zilias vom Honours Committeein London zum Associate of the Royal Academy of Music ernannt.

—| Pressemeldung Staatsoper Hannover |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 18.02.2020

Februar 18, 2020 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini

– (K)eine haarige Angelegenheit – 

von Christian Biskup

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Mit nur 23 Jahren schrieb Gioacchino Rossini sein wohl bekanntestes Werk Il Barbiere di Siviglia – und wenn nicht in der legendären Dauer von 13 Tagen, so doch wohl in wenigen Wochen. Die Premiere 20. Februar 1816 in Rom war ein Fiasko – von dem sich Rossini und das Werk nach der Komödie Le Barbier de Séville ou La précaution inutile von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, aber glücklicherweise schnell erholten. Bis heute feiert das Werk einen Siegeszug über die Bühnen – so auch in der Produktion des Staatstheaters Hannover. Es ist schon erstaunlich, wie gut der gut 200 Jahre alte Humor auch noch heute funktioniert und das Publikum mitreißt. Das Libretto von Cesaren Sterbini ist temporeich, gut nachverfolgbar und vor allem im seinem Aufbau und Gestaltung auch für heutige Inszenierungen ungemein dankbar:

 

Pierre Augustin Caron de Beaumarchais Paris © IOCO _ Felix

Pierre Augustin Caron de Beaumarchais Paris © IOCO _ Felix

Graf Almaviva hat sich in die ihm unbekannte Rosina verliebt, die unter der Fuchtel des Doktor Bartolo gehalten wird, der sie selber gerne ehelichen möchte. Da passt es gut, dass der stattbekannte Barbier Figaro Zugang zum Hause Bartolos hat und verspricht – gegen ein schönes Sümmchen selbstverständlich – den Grafen in das Haus des Doktors einzuschleusen. Dort im Haus rechnet man schon mit dem Nebenbuhler und es wird kräftig überlegt, wie man diesen loswerden könnte, wobei sich auch der Musiklehrer Basilio eifrig engagiert. Rosina hat derweil schon einen Liebesbrief an den sich als mittelloser Student Lindoro ausgebenden Grafen geschrieben. Dieser – nun in der Rolle eines betrunkenen Soldaten – bittet um Einquartierung im Hause des Doktors. Ein Bescheid, dass Bartolo von der Pflicht der Einquartierung befreit sei bringt das Fass zum Überlaufen.

Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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Lärm und Zank bringt die Wache auf den Plan. Der Graf gibt sich jedoch dieser zu erkennen und wird – zur Überraschung der Anwesenden – freigelassen. Im zweiten Akt wagt sich der Graf als Vertretungsmusiklehrer Don Alonso erneut in Bartolos Haus. Als Vertrauensbeweis übergibt er dem Hausherrn den Liebesbrief den Rosina geschrieben hat. Nun kann die Gesangsstunde beginnen. Als Bartolo ein romantisches Lied an sein Mündel anstimmen möchte, unterbricht Figaro die Szene – die Rasur ist an der Reihe. Doch da taucht der gar nicht kranke Basilio auf. Die Stimmung droht zu kippen, doch mit Geld und Genesungswünschen wird er wieder nach Hause geschickt. Doch Bartolo hat die derweil stattgefundene Verabredung Don Alonsos mit Rosina mitbekommen und wirft sie hinaus. Er zeigt Rosina den Liebesbrief, die sich als Opfer eine Täuschung sieht. Sie willigt in die Heirat mit ihm ein. In der Nacht klärt der Graf noch schnell alles auf – der Heirat steht nichts mehr im Weg!

Staatsoper Hannover / Der Barbier von Sevilla © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Der Barbier von Sevilla © Sandra Then

Die Handlung wird von Regiesseurin Nicola Hümpel zeitlos in recht abstrakten Räumen angesiedelt. Ein Hof mit Balkon ist angedeutet, ein Raum in Doktor Bartolos Haus, in der Mitte stets eine große Projektionsfläche. Was auf der Bühne von Oliver Proske erstmal trist anmutet, weiß die Regiesseurin, die mit Perfomances und Installationen mehrfach preisgekrönt wurde, mit sehr viel Leben zu füllen. Und doch ist man im Publikum auf die Leinwand fixiert. Mit Kameras wird das bis ins kleinste Detail enstudierte mimische Spiel wie im Kinosaal angeworfen, was besonders zu köstlichen Momenten beim vor Wut zerissen Bartolo führt. Jeder kleine Augenblick des Gefühlslebens wird unmittelbar erfahrbar. Und trotz dieser Fixierung ist die Figurenführung exquisit.

Die Regisseurin nimmt das Tempo des Librettos auf, nutzt die köstliche Situationskomik aus und sorgt doch für große Bilder, so wenn sich Rosina furienhaft gegen die Projektion des übergroßen Bartolos wirft und auch mal der Mittelfinger mehr oder weniger dezent in seine Richtung weist. Die komischen Momente überwiegen doch. Das Publikum lacht lauthals wenn der Barbier die Canzone des Grafen mit seinem Rasier-Lederriemen statt mit der Gitarre begleitet, wenn Figaro zur Rasur einen großen Schaumberg in Bartolos Gesicht klatscht, wenn der Graf als peppiges Prince-Double als Vertretungsmusiklehrer auftaucht und die Gesangsstunde vom zum Klavier umfunktionierten Sofa aus leitet. Alle Figuren werden mit Charakter gefüllt und die Inszenierung zeichnet sich durch eine komische Frische aus, die nichts mit altbackenem Humor zu tun hat. Der einzige wirkliche Minuspunkt sind die Übertitel, die zum Teil verspätet aber vor allem so stark verkürzt sind, dass große Textstellen fehlen, was besonders in den konversationsreichen Rezitativen zu bemängeln ist.

Staatsoper Hannover / Der Barbier von Sevilla © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Der Barbier von Sevilla © Sandra Then

Auch in musikalichen Dingen bewegt sich die Staatsoper auf erstklassigem Niveau. Anna-Doris Capitelli kann als Idealbesetzung für die Rolle der Rosina gelten. Ihr angenehm angedunkelter Mezzo nimmt die Koloraturen fließend mit Leichtigkeit. Ihr Stimme ist in allen Lagen klar und direkt, niemals schrill. Spielfreudig wirft sie sich aus den Armen Bartolos in die Arme des Grafen. Dieser wird von dem südafrikanischen Tenor Sunnyboy Dladla gesungen. Wie sein Name schon zu ahnen gibt, ist sein Spiel euphorisch und mitreißend. Sein sehr vibratoreicher Tenor hat Schmelz und Wärme, wobei seine Stärke in den leisen hohen Tönen liegt. Seine Canzonen und Cavantinen gelingen hervorragend mit ihren klar gesungenen Melismen.

Als etwas schrägen Charakter, mit hoch aufgestylten Haaren und rosasamtenen Umhang (Kostüme von Esther Bialas) gibt Hubert Zapiór den leicht exzentrischen Barbier. Stimmlich kann er durch geradezu teils akrobatische Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme punkten. Obgleich sein kraftvoller Bariton in seiner berühmten Arie etwas dem Tempo hinterherhingt, gelingt ihm ein musikalisch überzeugend überschwängliches Rollenportrait, in das er sich vom Spiel her geradezu hineinstürzt. Welch Gegensatz ist da Daniel Miroslaws Basilio, den er elitär und etwas spießig anlegt. Mit einem voluminösen Bass ausgestattet, konnte er besonders mit der La calunnia-Arie überzeugen und sorgt zudem für so manchen Lacher durch sein lebhaftes Spiel im Quintett des zweiten Aktes.

Als spielerischen Höhepunkt ist Frank Schneiders Darstellung des Doktor Bartolo zu bezeichnen. Was der Mensch an verschiedenen mimischen Ausdrucksmöglichkeiten für seine Wut ob des Nebenbuhlers hat, ist schon den Besuch wert. Musikalisch ist besonders die lebhafte Gestaltung seiner Rezitative hervorzuheben. Auch die weiteren Rollen waren rollendeckend besetzt. James Newby gab den Fiorillo, Carmen Fuggis eine ebenfalls wunderbar schräge Berta, Darwin Prakash den Offizier. Eduardo Strausser leitete das klein besetzte Niedersächsische Staatsorchester Hannover sicher, transparent und meistens äußerst sängerfreundlich. Mit Eleganz und Leichtigkeit, aber auch mit italienisches Feuer führte er klanglich angenehm trocken durch die Partitur. Musikalisch und szenisch ein absolut runder Abend.

Das mit 1200 Plätzen ausverkaufte Haus liebte die Vorstellung und brachte tobend und jubelnd Sängern und Orchester lautstakt ihre Begeisterung zum Ausdruck

Der Barbier von Sevilla an der Staatsoper Hannover; die nächsten Termine 21.2.; 7.3.; 15.3.; 30.4.; 7.5.; 9.5. 2020

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