Hamburg, Staatsoper Hamburg, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 19.04.2019

April 20, 2019 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

CARMEN – Georges Bizet

Nach den Italienischen Wochen  – Nun Carmen mit Starbesetzung

von Patrik Klein

2019 wartete die Staatsoper Hamburg mit auslastungsstarkem Frühlingsprogramm auf. In den zweiten Italienische Opernwochen seit der Saison 2017/18 wurden Opern wie Verdis Nabucco in der Neuinszenierung von Kirill Serebrennikow, Verdis Rigoletto, La Traviata und Maskenball aus dem Repertoire sowie Puccinis Manon Lescaut und Rossinis Barbier von Sevilla gespielt. Alle Opern, mit guten bis sehr guten Besetzungen, bescherten der in den letzten Jahren mit Auslastungen von nur wenig über 70% überregional ins Hintertreffen geratenen Staatsoper am Dammtor beständig volles Haus und ein begeistertes Publikum.

Will man mehr?  Wenn doch, dann den Leckerbissen Carmen von Georges Bizet mit Stargast Jonas Kaufmann:  AUSVERKAUFT – seit dem ersten Tag des Vorverkaufs! In der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog aus 2014, Video Trailer siehe unten, sind weitere bekannte Sänger zu Gast, wie Clémentine Margeine als Carmen, Alexander Vinogradov – gerade brillierte er als Zaccaria in Verdis Nabucco auf der Bühne – gibt hier den wilden Torero Escamillo. Am Pult stand der italienische Dirigent Pier Giorgio Morandi.

Carmen  – Georges Bizet
youtube Trailer der Staatsoper Hamburg zur Premiere 2014
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Jens-Daniel Herzog hatte im Premierenjahr 2014 die Handlung relativ stringent und mit handwerklicher Genauigkeit von 1820 in ein Andalusien in die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt. Dies war eine Zeit, als Zigarettenschmuggel die Not lindern half und sich das Volk Stierkämpfe wenigstens live im Röhrenfernseher ansehen konnte. Vor dem Zigarettenfabrik-Bunker, auf dessen gusseisernem Tor in großen Kreidelettern „En Garde“ stand , dessen Rahmen gut als Einheitsbühnenbild funktionierte, lungerten des Diktators Franco lüstern korrupte Wachsoldaten, tummelten sich das einfache Volk und die verlorene Generation ihrer bereits ebenfalls verdorbenen Kinder, die statt mit Gewehrattrappen mit Glasflaschen bewaffnet waren.

Sergeant Don José wurde als ehemaliger Priester-Anwärter gezeichnet, der mit den Händen an der Hosennaht, vorbildlich Dienst tun wollte. Die Soldaten schleppten ihre Gewehre von einer Seite der Bühne zur anderen, der Kinderchor wuselte mit großer Hingabe, die beiden Schmuggler sahen in ihren Trash-Verkleidungen aus wie bei einer Abitur-Abschluss-Vorstellung in der geschmückten Schulaula und Escamillos Torero-Outfit, an Elvis Presley erinnernd mit goldenem Trainingsanzug, hätte selbst beim Schlagerwettbewerb einen Platzverweis kassiert.

An dem Abend kümmerte das die wenigsten, denn man war ja wegen ihm gekommen, der letztes Jahr als Cavaradossi bereits seinen seltenen Einsatz in Hamburg begann. Jonas Kaufmann war da, zuletzt gefeiert in Londons Produktion von Die Macht des Schicksals, in Hamburg an diesem Abend in bester Laune den Don José gebend.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Also stand die Musik an diesem Abend im Zentrum der Aufmerksamkeit. Pier Giorgio Morandi gilt als Spezialist im Italienischen Fach, war u.a. stellvertretender Chefdirigent am Teatro dell’Opera di Roma (1989), erster Gastdirigent an der Budapester Nationaloper (1991-1996) und erster Gastdirigent an der Königlichen Oper Stockholm. In letzter Zeit war er in Hamburg im Repertoirebereich u.a. mit Puccinis Tosca häufiger anzutreffen mit soliden, auf Sicherheit bedachten Dirigaten. Carmen, die im Oktober 1875 in Wien uraufgeführte Oper von Georges Bizet, bekam für Wien und die internationalen Bühnen eine neue Fassung mit Ballett und Rezitativen von Ernest Guiraud, die bald allen Aufführungen zugrundegelegt wurde. Librettist Ludovic Halévy hatte jedoch eine geplante Aufführung dieser Fassung an der Pariser Oper untersagt und in die Gesamtausgabe seines mit Henri Meilhac verfassten Werkes ausdrücklich die Version als „Opéra-comique“ aufgenommen. Diese Version mit gesprochenen Dialogen wurde als mithin die einzig authentische auch am Abend gespielt. Pier Gorgio Morandi dirigierte sängerfreundlich mit nahezu vorsichtigen, aber klaren Tempi, gelegentlich den Farbenreichtum und sprühende Leidenschaft, Dynamik in Bizets  Musik  vermissen lassend. Dies ließ des Betrachters Ohren noch mehr auf den Gesang der Solisten und des Chores fokussieren.

Jonas Kaufmann enttäuschte an diesem Abend in Hamburg nicht. Der Münchner, der Meisterklassen bei Hans Hotter, James King und Josef Metternich besuchte und mit seinen wichtigsten Partien wie Faust / Gounod, Don Alvaro (La forza del destino), Don Carlos, Otello, Andrea Chénier und mehr an den großen Bühnen der Welt Triumphe feiert, gab den eifersüchtigen Soldaten mit allen Facetten seiner ihn charakterisierenden Tenorstimme. Er ist noch baritonaler in seinem Klang geworden und erinnert zunehmend an den chilenischen Tenor Ramon Vinay, der in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zu den prägnantesten Stimmen seines Faches gehörte. Jonas Kaufmann beherrscht immer noch besonders die leisen Töne wie kaum ein anderer in seinem Metier. Bei den ersten Auftritten, sei es im Duett mit Micaela, wo seine perfekt geführte Stimme auf die Klänge der reinsten Liebe trifft (großartig an diesem Abend Ruzan Mantashyan als Micaela), als auch bei der Blumenarie wird es deutlich, wie er mit allen Möglichkeiten seiner Stimmkunst mühelos spielt und variiert. Zum Finale entfaltete Kaufmann seine ganze Kunst des Pianosingens. Dieser Don José wirkt wie ein flüsterndes Ungeheuer. Es berührte tief, als er Clémentine Margaines Körper umfasste: ein vor  Eifersucht wahnsinnig gewordener rasender Mörder zeigte Zartheit.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus mit Jonas Kaufmann und Clémentine Margaine © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus mit Jonas Kaufmann und Clémentine Margaine © Patrik Klein

Mit Clémentine Margaine steht Jonas Kaufmann eine ebenbürtige Partnerin auf der Bühne. Die französische Mezzosopranistin, die am Pariser Konservatorium studierte, in Partien wie u.a. Léonor (La Favorite), Amneris (Aida), Marguerite (La Damnation de Faust), Dulcinee (Don Quichotte), Dalila (Samson et Dalila) und Charlotte (Werther) ihre Schwerpunkte hat und die an den großen internationalen Bühnen zu Hause ist, gab eine Carmen, die mehr als stolze, kluge Frau zu sehen war, denn als erotische Männerfantasie. Ihre sowohl in Brust- als auch Kopflage voluminös dunkel gefärbte und feinst geführte Mezzosopranstimme unterstrich ihren Drang nach Ungebundenheit, Selbstbestimmung und Freiheit. „L’amour est un oiseau rebelle“ – „Die Liebe ist ein wilder Vogel“: In ihrer berühmten Habanera besingt sie die Unbeständigkeit des stärksten aller Gefühle mit Leidenschaft und ohne Zweifel, gewinnt so das Herz des Sergeanten Don José und bringt das Schicksal ihrer Selbst in Gange.

Als Escamillo glänzte der russische Bass Alexander Vinogradov, der am Moskauer Konservatorium studierte und mit Rollen wie u.a. Filippo II (Don Carlo), Conte di Walter (Luisa Miller), Fiesco (Simon Boccanegra), Zaccaria (Nabucco) und Méphistophélès (Faust) internationale Erfolge feierte. Den testosterongefüllten Macho gab er mit dunklem, etwas schmalem aber gut geführten Bass, bei seinem ersten Bühnenauftritt zunächst eine Pulle Schnaps austrinkend. So in Form geraten, sang er mit ebenso sicherer „Bariton-Höhe“ die berühmte und heikel schwierige Arie des Escamillo mit stark gebundener Textgebung und großer Durchdringtiefe.

Ruzan Mantashyans Micaella war ein absoluter Genuss. Die armenische Sopranistin, die in ihrem Heimatland, in Frankfurt und Paris studierte, viele internationale Auszeichnungen erhielt und ihre wichtigsten Partien u.a. als Susanna (Le Nozze di Figaro), Fiordiligi (Così fan tutte), Marguerite (Faust) und Mimì (La Bohème) an bedeutenden Häusern in Europa gab, sang mit fein geführter federleichter an Glanz und Ausdruck reicher Stimme die treue Gefährtin und Gegenspielerin Carmens, die die reine Liebe zu Don José überzeugend und zu Herzen gehend darstellte.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus mit Ruzan Mantashyan, Alexander Vinogradov, Marta Swiderska und Ziad Nehme © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus mit Ruzan Mantashyan, Alexander Vinogradov, Marta Swiderska und Ziad Nehme © Patrik Klein

Mit dem stark auftrumpfenden Tenor Ziad Nehme als Remendado, dem fein fokussierten Bariton des Viktor Rud als Dancairo, Florian Spiess als Zuniga, dem überaus prägnanten Bariton Zak Kariithi als Moralès, der wunderbaren Katharina Konradi als Frasquita, die ein wahrer Glücksgriff für das neue Ensemble der Staatsoper Hamburg geworden ist und der jungen polnischen Mezzosopranistin Marta Swiderska als Mercédès stand ein geschlossen engagiertes, hoch motiviertes und erstklassiges Ensemble auf der Bühne unterstützt von weiteren Solisten und dem präzisen, besonders im letzten Bild mit geschmuggelten Zigarettenstange winkenden und „alles billig“ deklamierenden Chor der Staatsoper Hamburg.

Entsprechend aus dem „Häuschen“ war dann nach gut drei Stunden auch das Publikum. Schön, dass es in der nächsten Saison erneut Wochen mit großen Besetzungen geben wird. Jonas Kaufmann hingegen wird man im nächsten Jahr nur noch in der Laeiszhalle Hamburg zu hören und zu sehen bekommen.

—| PIOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Lyon, Opéra de Lyon, Dido und Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 21.03.2019

März 21, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Dido und Aeneas – Henry Purcell

– Barock trifft Jazz – Jazz trifft Barock –

von Patrik Klein

IOCO besuchte im Rahmen des Festivals Leben und Schicksale die Opéra de Lyon mit der Produktion Dido und Aeneas von Henry Purcell (1659 -1695), einer Oper in einem Prolog und drei Akten, fortgeschrieben durch moderne Elemente, die vom finnischen Gitarristen Kalle Kalima, der zu den spannendsten Vertretern der europäischen Jazz-Szene gehört und mit einer gehörigen Portion Verrücktheit und „finnischer Kreativität“ ausgestattet ist, zusammengestellt wurden. Die Premiere in Lyon ist der Auftakt zur Koproduktion mit der Vlaamse Opera und der Stuttgarter Oper in Partnerschaft mit der Ruhrtriennale.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Das Libretto wurde von Nahum Tate nach dem Epos Aeneis von Vergil verfasst. Die Uraufführung fand 1688 oder 1689 in London statt.

Die Handlung – Erster Akt: Der trojanische Held Aeneas (Guillaume Andrieux, Bariton) hat Trojas Zerstörung überlebt und von Zeus den Auftrag erhalten, nach Italien zu segeln und dort mit seinen Leuten ein neues Reich zu gründen. Auf der Fahrt durch das Mittelmeer kommen die Trojaner nach Karthago, wo sie sich längere Zeit aufhalten. Die Stadt wird von Königin Dido (Alix Le Saux, Mezzosopran) regiert, die nach dem Tod ihres Mannes geschworen hat, nie mehr zu heiraten und sich nur noch um das Wohl ihres Staates zu kümmern. Die Königin kann den Schwur nicht halten, als sie Aeneas kennenlernt und sich in ihn verliebt. Belinda (Claron McFaddon, Sopran) zerstreut die Bedenken ihrer Herrin, denn sie weiß, dass auch der Trojaner Dido zugeneigt ist.

Dido und Aeneas  –  Henry Purcell
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Henry Purcells „Dido und Aeneas“ fortgeschrieben durch Kalle Kallimas Version von „Remember Me“

Zweiter Akt: Furien haben sich in einer Felsschlucht versammelt. Ihre Anführerin befiehlt, Karthagos Macht zu vernichten, um dadurch Dido und Aeneas wegen ihrer Pflichtvergessenheit zu strafen. Eine Furie meldet, dass Aeneas und Dido auf der Jagd sind. Ihr wird aufgetragen, als Hermes verkleidet Aeneas den Willen des Zeus, sofort nach Italien zu segeln, kundzutun. Andere Furien treiben die Jagdgesellschaft durch einen Sturm in die Stadt zurück. Belinda und der Hofstaat erfreuen sich unterdessen an der Schönheit des Heiligen Hains, wo sie rasten. Die Seherin unterbricht ihre Freude und verkündet, dieser Ort bringe Unheil. Schon naht Dido und kurz darauf Aeneas, der einen gewaltigen Eber erlegt hat. Kaum hat sich das Liebespaar in das vorbereitete Zelt zurückgezogen, bricht ein Gewitter los; alle flüchten in die Stadt. Aeneas ist plötzlich allein. Er erhält von Hermes den Befehl, sofort nach Italien aufzubrechen. Der Held ist erschüttert, doch die Pflicht siegt über seine Liebe.

Dritter Akt: Die Trojaner rüsten zur Abfahrt und nehmen von ihren Frauen Abschied. Die Furien triumphieren, als sie die unglückliche Königin sehen, und entfachen einen Sturm, der die Schiffe auf das Meer hinausjagen soll. Dido und Belinda eilen herbei, erregt über das Verhalten der Trojaner, die auf Zeus‘ Befehl verweisen, aber schon zögern, abzusegeln. Der Königin erscheint die Treulosigkeit des Helden als Strafe des Himmels, weil sie ihren Schwur nicht gehalten hat. Belindas Tröstungen sind vergeblich. Dido stirbt an gebrochenem Herzen, da sie ohne Aeneas nicht leben kann.

Kunst fordert immer wieder zu neuen Interpretationen heraus. Die Auffassung, wie Musik des 17. Jahrhunderts aufgeführt werden sollte, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte grundlegend gewandelt. Mindestens ein Dutzend verschiedener Ausgaben von „Dido und Aeneas“ sind im Druck erschienen. Musikwissenschaftler diskutieren immer noch das Entstehungsdatum der Oper und sind sich immer noch nicht einig, für welche Gelegenheit das Werk geschrieben sein könnte. Folglich geht damit auch einher, dass sich der Bereich legitimer Auswahl- und Interpretationsmöglichkeiten vergrößert hat. Die „richtige“ Art, Dido aufzuführen, gibt es nicht mehr. Das mindert jedoch den Wert des Werkes in keiner Weise.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

So hatte zum Beispiel der französische Regisseur und ehemaliger Assistent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, bei den 70. Opernfestspielen in Aix en Provence 2018 den als verschollen geltenden Prolog mit einer rund 20 minütigen Einführung versehen, in der die schwarze Schauspielerin, Chansonière und Komponistin Rokia Traoré aus Mali die Vorgeschichte erzählte. Ohne Fingerzeig skizzierte sie in einer Art Sprechgesang die Entstehung Karthagos, erzählte vom Verloren sein auf der Flucht und von fliehenden Menschen auf Booten. Auch der Dirigent Václav Luks ließ zum Finale des berühmten Klagegesangs Didos den Chor „a cappella“ singen und gab somit dem gesamten Werk eine neue Intensität, Natürlichkeit und Magie.

Die politische Metapher „Dido und Aeneas“ ist mehr als eine tragische Liebesgeschichte. Sie ist auch eine Metapher für die Konfrontation zwischen Karthago und Rom, der zentralen Episode in den Punischen Kriegen. Die Zerstörung Karthagos in 146 v. Chr. liegt knapp ein Jahrhundert vor der Fertigstellung Vergils berühmten Gedicht Aeneis. Die Stärke der Kurz-Oper, die Purcell aus dieser Geschichte mitnahm, liegt ebenso in den zeitgenössischen geopolitischen Resonanzen seiner Handlung – zwei europäischen Migranten, die sich dem Krieg stellen – wie in der evokativen Kraft ihres außergewöhnlichen Finales.

In Lyon hat Didos Klage am Ende der Oper Remember me, den finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima inspiriert, Purcells barocke englische Klänge mit Elementen des modernen Jazz zu verbinden. Anders als in Aix en Provence wird hier „alles in einen Topf“ geworfen und die barocken Klänge Purcells mit Kalimas Jazzstücken im Wechselspiel vermischt. In diesen „Intermezzi“ werden u.a. Zitate aus dem Originalstück von Vergils Aeneis von der US-amerikanisch-schweizerischen Jazzsängerin Erika Stucky dargeboten.

 Dido und Aeneas  –  Didon et Enée – Auszüge der Inszenierung
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Der in Ungarn geborene Regisseur David Marton, der auch als Pianist und Dirigent ausgebildet ist und nach musikalischen Anfängen bei Regisseuren wie Christoph Marthaler und Frank Castorf begann, schließlich selbst zu inszenieren, hat die extrem verdichtete Oper Purcells, die wie ein Trailer über eine mehrstündige romantische Oper wirkt, mit der Musik Kalle Kalimas aufgelockert und teilweise neu zusammengesetzt, um in experimenteller Art den Wirkungen der Charaktere mehr Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Dabei wurden zwischen den originalen barocken Elementen der Oper zum Teil frei improvisierte als auch speziell komponierte musikalische Elemente Kalle Kalimas eingefügt. Kalle Kalima mit seiner E-Gitarre war auf der rechten Seite des Orchestergrabens erhoben sichtbar positioniert. Während der langen Probenphase wurden zwar die Eckpunkte, wie Licht und Technik in ein festes Muster gegeben, innerhalb dessen jedoch freie Improvisationen möglich blieben. Auch deshalb wurde die knapp einstündige Barockoper zu einem abendfüllenden Programm ausgeweitet.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Wie in Tschaikowskis Oper Die Zauberin am Vortag stellte sich auch in Purcells Oper die Frage: „Was bleibt?“ An was wird man sich erinnern, wenn man an unsere Zeit zurückdenkt?

Das Regieteam um David Marton hatte die riesige Bühne in Lyon zu einem archäologischen Ausgrabungsort gemacht. Die Fundstelle war mit einem Überbau aus Holz und Glas vor den Umwelteinflüssen geschützt (Christian Friedländer (Bühne); Tabea Braun (Kostüme); Henning Streck (Licht)). Seitlich davon befanden sich mehr oder weniger gut sichtbare Studios, in denen man die ausgegrabenen Relikte konservierte. Wie auch bei Tschaikowski war ein Kameramann ständig dabei, die Kernszenen zu filmen und die Bilder auf Flächen im Hintergrund der Bühne zu projizieren. Die Oper begann mit der Ausgrabung von Erinnerungen durch Juno (Marie Goyette) und Jupiter (Thorbjörn Björnsson). Man grub u.a. eine PC Maus, Kabelsalat und viele andere Dinge unserer heutigen Zeit akribisch aus und konservierte sie in den seitlichen Asservatenkammern. Durch die Fundstücke, wie Titelbilder des Time-Magazins von Ungarns Präsidenten Orbán oder dem amerikanischen Präsidenten Trump wurde ein Bild von machtbesessenen Herrschern gezeichnet. Disharmonische Jazzklänge und „Klagelaute“ der Jazzsängerin (Erika Stucky) unterstrichen dieses düster gezeichnete Bild unserer Zeitgeschichte.

Barock trifft Jazz, Jazz trifft Barock.

Der Bezug wurde hier über die methodisch-künstlerische Idee der Improvisation und der Kombination der Darstellungsgenres Theater, Musik und Film hergestellt. Dabei übernahm die Kamera das Auge des Zeugen. Sie war überall dabei. Sie zeigte dem Zuschauer auch Handlungen, die auf Nebenschauplätzen, den seitlichen Studios, nicht auf der Bühne stattfanden. Der Zuschauer erhielt dadurch auch Einblick in das „Seelenleben“ der Protagonisten. Vieles passierte gleichzeitig, so dass der Zuschauer beim ersten Schauen nur einen von seinen Sehgewohnheiten gelenkten Ausschnitt erfasste bzw. erfassen konnte.

Man erblickte die Teuflischkeiten unser Welt mit Bombenabwürfen im Krieg, Brutalität und Elend. Auf den Titelseiten der Time-Magazine wurden unsere aktuellen Themen Realität. Das Auge schweifte aber auch auf die Wogen des Meeres, die Idylle und die Sehnsucht.

Was blieb an diesem zweiten Festivalabend in Lyon? Die Kamera, der Zeuge, wurde ausgeschaltet, die Ausgrabungsstücke wieder verscharrt. Waren sie es nicht Wert, erhalten zu bleiben? Die Videoleinwand wurde weiß, wie bei einem Filmriss im analogen Kino. Rauschen und gelegentliche Streifen bestimmten das mittlerweile schwarz-weiße Bild, das nur noch das Schema der Ausgrabungsstätte erkennen ließ.

Wo war die Liebe, wo waren die positiven menschlichen Beziehungen geblieben? Zerbrochen durch äußere Kräfte? Nichts Blieb!  Zu improvisierten Klagelauten ging die Jazzsängerin von der Bühne.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Musikalisch konnte das Spektrum kaum größer sein an diesem Abend in Lyon. Eine der ältesten musikalischen Formen der Menschheit erweiterte sich um Klänge aus unserer aktuellen Zeit. Das wirkte extrem, konträr, manchmal verstörend aber auch Emotionen weckend. Die gesanglichen Ergebnisse des Abends waren erneut von höchster Qualität. Alix Le Saux, die bereits im Alter von 10 Jahren im Kinderchor der Opéra National de Paris zu singen begann und in Rollen wie Armelinde in Cinderella von Pauline Viardot, Emilia in Otello von Rossini und Hélène in Offenbachs La Belle Hélène an diversen französischen Opernhäusern zu hören war, zuletzt erfolgreich debütierte als Titelheldin in Massenets Cendrillon bei den Festspiele in Glyndebourne, sang die Partie des Dido mit großer Leichtigkeit, feinem abgedunkelten Mezzoklang sicher und voller Leidenschaft. Der junge, aus Lyon stammende Bariton Guillaume Andrieux, der an verschiedenen französischen Opernhäusern reüssierte und beim Musikfest Bremen als Figaro im Barbier von Sevilla auftrat, sang mit hell fokussiertem lyrischen Bariton einen leidenschaftlichen und kommunikativen Aeneas. Die in den Niederlanden lebende amerikanische Sopranistin Claron McFaddon, die an Opernhäusern wie der De Nederlandse Opera Amsterdam, bei den Salzburger und den Bregenzer Festspielen sowie am Badischen Staatstheater Karlsruhe und bei den Händelfestspielen in Halle (Saale) engagiert war, gab die Rolle der Belinda eindrucksstark mit warmem und fein dosiertem Sopran.

Nicht nur bei Tschaikowskis Die Zauberin, sondern auch bei Purcell geriet eine andere Figur in den Fokus, als es die originäre Barockoper eigentlich vorsah. Die US-amerikanisch-schweizerische Jazzsängerin Erika Stucky wurde zum musikalischen Höhepunkt. Sie gestaltete ihre Rollen als Hexe, Geist, und Sängerin mit umwerfender Bühnenpräsenz und gewaltiger Stimme, deren Bandbreite von Soul über Rock bis zu Jazz-Phrasierungen, Jodlern und Klagegesängen reichte. Sie wurde auch vom Publikum entsprechend frenetisch gefeiert.

Marie Goyette stellte Juno und eine Komödiantin dar. Die kanadische Musikerin (Piano, Akkordeon, Stimme), die sowohl im Bereich der Improvisationsmusik als auch als Schauspielerin/Musikerin und Hörspielmacherin tätig ist und bereits mehrfach mit dem Regisseur David Marton zusammenarbeitete, brachte mit ihren vielseitigen Aktionen weitere Facetten improvisierter Theaterkunst auf die Bühne. Der in Island geborene Thorbjörn Björnsson studierte Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Als Sänger und Schauspieler war er in verschiedenen Konzerten und Theaterproduktionen zu sehen, u.a. im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, auf Kampnagel Hamburg und an den Münchner Kammerspielen. In Lyon spielte er mit vollem Einsatz als Komödiant und Jupiter, körperlich an die Grenzen gehend und dabei Verse Vergils zitierend.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Denis Comtet) bot auch an diesem zweiten Premierenabend eine starke Leistung. Diesmal für das Publikum sichtbar, sangen sie mit großem Engagement und sicherer Abstimmung mit dem Orchester besonders einfühlsam und emotional.

Der in Frankreich bereits sehr bekannte junge Dirigent und Geiger Pierre Bleuse, der sein Handwerk als Dirigent bei Jorma Panula in Finnland erlernte, leitete die Premiere ohne Taktstock. Mit mitreißendem Engagement, natürlicher Autorität und einer klar verständlichen Dirigiersprache gelang es ihm, das Orchester durch die verschiedenen Musikgenres zu führen und dabei den Musikern noch Interpretationsfreiräume zu belassen.

Das Publikum in der erneut ausverkauften Opéra de Lyon nahm die spektakuläre Kombination aus musikalischer und szenischer Bandbreite mit frenetischem Beifall auf.

Dido und Aeneas in der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 21.3., 23.3., 26.3., 30.3.2019

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

Mannheim, Nationaltheater, La Cenerentola – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 07.01.2019

Januar 8, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

La Cenerentola – Gioacchino Rossini

– Brautschau mit Hindernissen –

Von Uschi Reifenberg

Es war einmal ein berühmter italienischer Opernkomponist im 19. Jahrhundert mit dem Namen Gioacchino Rossini, der sich entschloss, einen der schönsten Märchenstoffe zu einer Oper zu verarbeiten, nämlich die Geschichte vom Aschenputtel, italienisch La Cenerentola.

La Cenerentola – Als phantastisch-bunte Familienoper 

Für Kinder ab acht Jahren, aber dennoch „Eine Märchenoper für viele Generationen“ wie im Programmheft zu lesen ist, brachte das NTM in einer rundum gelungenen Produktion vom Konzert Theater Bern in der Inszenierung von Cordula Däuper, Neueinstudierung: Claudia Plaßwich, auf die Bühne des Opernhauses ( Premiere: 1.11.17). Wenn man am Ende der Vorstellung glücklich und beschwingt das Theater verlässt, bedauert man in der Tat, dass dies die letzte Aufführung in dieser Spielzeit gewesen ist…

Der komplexe und viel verarbeitete Aschenputtel Stoff hat durch die Jahrhunderte nichts von seiner Faszination und Beliebtheit eingebüßt und bewegt bis heute die Gemüter von Jung und Alt. 1697 erscheint in Frankreich Charles Perraults bedeutende Märchensammlung, in welcher die Geschichte vom Aschenputtel unter dem Titel Cendrillon erstmalig erwähnt ist.

La Cenerentola   –  Gioacchino Rossini
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
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1812 veröffentlichen die Gebrüder Grimm in Deutschland ihre weltberühmte Sammlung, das Märchen vom Aschenputtel weicht bei den Brüdern von der französischen Urfassung lediglich in Details ab, auch Ludwig Bechstein übernahm den Stoff 1845 in sein Deutsches Märchenbuch. Der Walt- Disney Zeichentrickfilm Cinderella gelangte 1950 zu Weltruhm, der 1973 produzierte tschechische Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel erlangte ebenfalls Kultstatus.

2015 nahm sich Hollywood noch einmal der Aschenputtel Story an, die Walt- Disney-Studios produzierten unter der Regie von Kenneth Branagh eine vielgelobte Neuverfilmung, besetzt mit hochkarätigen Schauspielern.

Unter den zahlreichen Opern-Bearbeitungen des Aschenputtel Stoffes wie beispielsweise der frühen Vertonung von 1759 durch Jean-Louis Laruette Cendrillon, bis zu Cinderella von Peter Maxwell Davies im Jahre 1980, ist zweifellos Gioacchino Rossinis komische Oper in zwei Akten die bedeutendste und populärste Adaption.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini ( 1792-1868), einer der produktivsten und flexibelsten Komponisten des italienischen Belcanto und unangefochtener Meister der Opera buffa, erlangte bereits im Alter von 24 Jahren Weltruhm mit einem seiner Meisterwerke, dem Barbier von Sevilla, der ein Jahr vor Cenerentola uraufgeführt wurde. Rossini schuf innerhalb von 19 Jahren 39 Opern, die in ganz Europa gefeiert wurden und führte die Gattung der Opera buffa im 19. Jahrhundert zugleich zum Höhe- und Endpunkt, bevor die Musikdramatiker Wagner und Verdi die führende Rolle in der Opernwelt übernahmen. Ab 1829 zog er sich vom Opernschaffen weitgehend zurück, widmete sich der Lehrtätigkeit sowie auch seiner vielgerühmten Kochleidenschaft und komponierte nur noch vereinzelt Kammermusik.

La Cenerentola ossia la bontà in trionfo, Aschenputtel oder der Triumph der Herzensgüte, wie der komplette Titel lautet, wurde in 24 Tagen komponiert und 1817 in Rom uraufgeführt, die Komposition basiert auf dem Libretto von Jacopo Ferretti nach der Märchenfassung von Charles Perrault. Die Oper verzichtet gegenüber dem Märchen auf Magisches und Mystisches und stellt das Element des Komischen in den Vordergrund. Die gute Fee wird beispielsweise durch den Pädagogen Alidoro ersetzt, es gibt auch keinen Kürbis, der sich in eine Kutsche verwandelt, und der alles entscheidende Ballschuh wird bei Rossini in einen Armreif getauscht, in der Mannheimer Produktion wird er dann allerdings doch wieder zum Schuh…

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Die Inszenierung von Cordula Däuper besticht durch eine perfekt ausgefeilte Personenführung, angereichert mit reichlich Comedy und Slapstic und setzt auf herrlich ironisch-groteske Überzeichnung der Figuren im Stil der Commedia dell’ arte. Däuper überrascht mit einer an Walt Disney orientierten Ästhetik, und zitiert beispielsweise das berühmte Schloss aus dem Cinderella Film, für welches Neuschwanstein Pate stand. Nicht Deutung, sondern lustvolle Unterhaltung steht im Vordergrund. Zauber- und Märchen-Requisiten kommen an passenden Stellen zum Einsatz, wo sie für jene magischen Momente sorgen, die vor allem bei den jüngeren Zuschauern für hörbares Vergnügen sorgen: eine fliegende prunkvolle blaue Kutsche mit Zauberpferd, ein Goldesel, ein großer roter Damenschuh oder ein hinreißendes weißes Ballkleid, das vom Himmel direkt in Aschenputtels Arme herabschwebt oder riesige gemalte Tauben, die in die Wolken flattern.

Die Sänger- Darsteller agieren virtuos, mit ausgelassener Spielfreude und atemberaubendem Tempo, scheinen selbst in den Sog der Rossini-Musik zu geraten, in welchen sie das amüsierte Publikum gekonnt mit hineinziehen. Während der Ouvertüre sieht man ein überdimensionales Buch, dessen Seiten von Cenerentola und dem „Spiritus rector“ Alidoro aufgeschlagen werden. Eine große, verzierte Texttafel als unverzichtbarer Bestandteil des Bühnenbildes liefert nicht nur den laufenden Text in Deutsch-, gesungen wird in italienischer Sprache-, sondern kommentiert auch in witziger Weise das Bühnengeschehen, die Geschichte kann also beginnen:

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Die Schwestern Clorinda und Tisbe, zwei zickige Gören, hausen zwischen herumliegenden Holzbrettern und einem herabgefallenen Kronleuchter im abbruchreifen Hause ihres überschuldeten Vaters Don Magnifico (Bühne: Ralph Ziegler) und streiten sich um die Vorzüge ihrer Schönheit und Begabung. Sie haben angesagte Frisuren, schrillen Kopfschmuck und tragen opulente quietschbunt- aufgeblähte Ballkleider (Kostüme: Sophie du Vinage), jederzeit abrufbereit für den potenziellen Prinzen, der sie vom Fleck weg heiratet. Ihre Stiefschwester Cenerentola alias Angelina hingegen, mit üppiger Blondmähne, in Fetzen gewandet, wird als Dienstmagd gehalten und übel gemobbt.

Don Magnifico, ein abgehängter trotteliger Adliger in Unterwäsche und Krawatte, träumt von einem Goldesel, der ihn vor der drohenden Insolvenz rettet und prompt steigt ein Esel aus der Versenkung hinauf in den Bühnenhimmel, aus dessen Hinterteil Goldstücke herabfallen und die Wohnstube überfluten. Schon kündigt sich die Erfüllung des Glückstraumes der sozial Entrechteten an, denn der Prinz des Landes, Don Ramiro, sucht eilig eine Frau und lädt alle Schönen auf einen Ball in sein Schloss. Die Schwestern sind absolut siegessicher, auserwählt zu werden, auch der Vater wähnt sich am Ziel seiner Wünsche. Zuvor aber will der junge Prinz mit Goldkrone auf dem blondgelockten Haupt noch testen, ob die künftige Gefährtin nicht nur Schönheit, sondern auch Herzensbildung besitzt und er nicht nur wegen seines Ranges, sondern um seiner selbst Willen geliebt wird. Also tauscht er mit seinem Diener Dandini die Kleider und den Status und begibt sich in das Haus von Don Magnifico. Dandini ist ein cooler Machotyp mit hippem hochfrisiertem Hairstyling und genießt die Freiheiten, die ihm der Rollentausch erlaubt. Im Hause von Don Magnifico trifft der Prinz in seiner Verkleidung auf die Dienstmagd Aschenputtel und die beiden verlieben sich auf der Stelle. Clorinda und Tisbe machen sich zum Ball bereit, verleugnen aber Aschenputtel und verbieten ihr vehement, sie zu begleiten. Der kluge Strippenzieher Alidoro, ein Intellektueller mit Strickmütze, verspricht ihr zu helfen.

Im Palast des Prinzen angekommen, wird Don Magnifico zugleich zum königlichen Weineinschenker ernannt, da er sich bereits durch den Weinkeller des Prinzen gezecht hat und sein Amt – schwer angeheitert- auf einem überdimensionalen Fass sitzend, fröhlich ausübt. Die beiden Schwestern umwerben heftig den Prinzen alias Dandini, da erscheint auf dem Fest eine unbekannte verschleierte Schönheit in einem traumhaften Ballkleid, deren Ähnlichkeit mit Aschenputtel alle verblüfft und für heillose Verwirrung sorgt.

Der vermeintliche Prinz umwirbt die unbekannte Schöne, diese bekennt jedoch, bereits einen anderen zu lieben. Als Ramiro, der die Situation belauscht hat, ihr einen Heiratsantrag macht, lehnt sie ab. Sie überreicht ihm ihren roten Schuh, und fordert ihn auf, sie zu suchen. Aschenputtel wagt hier den Schritt aus Unterdrückung und Abhängigkeit, der ihr den sozialen Aufstieg ermöglicht kann und sie zur selbstbestimmten, liebenden Frau reifen lässt. Dandini und Ramiro schlüpfen nun wieder in ihre wahren Identitäten, die anderen Familienmitglieder müssen zu ihrem Ärger feststellen, leider die Falschen umworben zu haben.

Der echte Prinz macht sich in einer prunkvollen blauen Pferdekutsche auf, seine Angebetete zu suchen, die Kutsche samt Pferd erhebt sich daraufhin wie von Zauberhand geführt in die Lüfte und entschwebt.

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Ein Gewittersturm bricht herein, infolgedessen die Zauberkutsche aus der Flugbahn geraten ist, der Prinz und Alidoro flüchten sich ins Haus von Don Magnifico, um Schutz zu suchen. Dort erkennt Ramiro sofort Aschenputtel wieder und steckt ihr den zweiten roten Schuh an den Fuß. Nun wird Hochzeit gefeiert, das Brautpaar darf – siehe FOTO oben – lilafarben umstrahlt- (Licht: Christian Wurmbach), gefeiert vom Volk, in das rosafarbene Walt Disney Schloss einziehen. Die neidische Verwandtschaft- in schwarzer Trauerkleidung und Sonnenbrille- scheint zunächst dazu verdammt zu sein, den Glanz des Traumpaares nicht nur zu bewundern, sondern auch dafür zu sorgen, dass dieser nicht verblasst. Zähneknirschend polieren und putzen sie nun an der Fassade von Aschenputtels neuer prachtvoller Behausung.

Aber die frisch Vermählte in ihrem Glück, verzichtet auf Rache und verzeiht großmütig ihrem Vater und den Stiefschwestern. Nun gibt es für alle ein rauschendes Happy End und wenn sie nicht gestorben sind …, dann sehen wir sie in der nächsten Spielzeit wieder.

Das Nationaltheater Orchester im erhöhten Graben entfaltet unter seinem Dirigenten Matthew Toogood einen federnden, transparenten und biegsamen Rossini Sound, mit bestechender rhythmischer Präzision, mitreißenden, aber immer kontrollierten Tempi und rauschhaften Steigerungen. Toogood bringt den Farbenreichtum der Rossinischen Partitur zum Blühen, vertraut der üppigen Melodik und zelebriert beglückend schwebende Koloraturen. Er setzt auf wohl dosierte Effekte, und dimmt, wenn nötig, das Orchester zugunsten der Solisten auf das entsprechende Klangniveau. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben sind zu verzeihen.

Als hübsches zierliches Blondpüppchen berührt Sofia Koberidze in der Rolle des Aschenputtel mit innigem Schmelz und glasklaren, akkuraten Koloraturen. Sie vermittelt glaubhaft die Entwicklung vom unscheinbaren Mauerblümchen zur gütigen selbstbewussten Frau.

Ludovica Bello als schlaksige hochgewachsene Tisbe ist eine Intrigantin wie aus dem Bilderbuch, mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache, ihr flexibler Mezzo funkelt mühelos in allen Lagen. Ihre Schwester Clorinda als quirlige, kichernde Zicke mit albernem ausuferndem Kopfschmuck wird von Ji Yoon mit hauchzarten Silbertönen ausgestattet. Die anspruchsvolle Partie des Prinzen ist bei Christopher Diffey bestens aufgehoben, sein angenehm timbrierter lyrischer Tenor schwingt sich in höchste Höhen, die Koloraturen perlen fast immer locker und klar.

Joachim Goltz zieht als Vater Don Magnifico alle Register seines komödiantischen Talents. Der vielseitige Bariton überzeugt einmal mehr sowohl mit kraftvollen heldischen Ausbrüchen als auch mit spielerischer Leichtigkeit. Die meisten Lacher erntet Ilya Lapich in der Rolle des Dieners Dandini, er beherrscht nicht nur alle Tanzstile von barock bis Luftgitarre, sondern amüsiert auch als buffoneske Figur par excellence mit edlem, weichen Bariton. Der Lehrmeister des Prinzen, Alidoro, wird von Dominic Barberi mit satten Basstiefen überzeugend ausgestattet. Der Herrenchor unter der Leitung von Dani Juris lässt auch diesmal keine Wünsche offen.

Nach dieser umjubelten Vorstellung im ausverkauften Opernhaus am Silvester-Vorabend, blickt man mit Spannung auf weitere Sternstunden am Nationaltheater Mannheim im neuen Jahr 2019!

La Cenerentola:  Zur Zeit keine weiteren Termine am Nationaltheater Mannheim

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Hildesheim, TfN, Die Hochzeit des Figaro – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 19.09.2018

September 19, 2018 by  
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Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Die Hochzeit des Figaro – Wolfgang A. Mozart

Ius primae noctis – Das Recht der ersten Nacht

Von Randi Dohrin

Unter der präzisen Leitung seines GMD Florian Ziemen, gelingt dem brilliant aufspielenden TfN-Orchester die atmosphärische Einstimmung des von keiner Opernbühne mehr wegzudenkenden Singspiels, Die Hochzeit des Figaro. Mit zart einsetzendem Pianissimo bis zum strahlenden Fortissimo verwandelt das Orchester die Töne der Ouvertüre quirlig sprudelnd wie Champagner in heitere Lebenslust um.

Mit der deutschen Singspielfassung von Christian August Vulpius und Adolph Freiherr Knigge, bringen Florian Ziemen als musikalischer Leiter und der Regisseur Wolfgang Nägele, die im 18. Jahrhundert weit verbreitete und beliebte Aufführungspraxis mit gesprochenen Dialogen zu Gehör, anstelle der gesungenen Rezitative.

Wolfgang Nägele stellte sich mit dieser heiteren, humorvoll gelungenen Inszenierung – ganz im Sinne einer Opera buffa – dem Hildesheimer Premierenpublikum vor und erfüllte alle Erwartungen. Achim Falkenhausen war für die hervorragende Einstudierung des Opernchores verantwortlich. Die Ausstattung der Bühne und Kostüme in Commedia dell’arte Ästhetik, gestaltete Hannah König perfektioniert und geschickt.

Theater für Niedersachsen / Die Hochzeit des Figaro - Ensemble © J. Quast

Theater für Niedersachsen / Die Hochzeit des Figaro – Ensemble © J. Quast

Die Oper spielt um 1780 am Hofe des Grafen Almaviva in der Nähe von Sevilla und ist die Fortsetzung des Theaterstücks Der Barbier von Sevilla von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais. Figaro (Peter Kubik) ist der Kammerdiener des Grafen Almaviva (Martin Berner) und mit der jungen hübschen Kammerzofe Susanna (Meike Hartmann) verlobt. Peter Kubik überzeugt als Figaro von der ersten bis zur letzten Arie textverständlich und klangvoll mit warm timbrierter Stimme und wird seiner Titelrolle in jeder Hinsicht gerecht.

Die Hochzeit von Figaro und Susanna soll in Kürze stattfinden, was vor allem von Marcellina (Isabell Bringmann) nicht gern gesehen wird, weil Figaro sich einst Geld von ihr geliehen hatte. Bei ausbleibender Rückzahlung versprach er ihr die Ehe. Isabell Bringmann als komische Alte in der Rolle der Marcellina, setzt ihren Mezzosopran gekonnt ein und erhält Unterstützung von Bartolo (Uwe Tobias Hieronimi), der mit seinem sonoren Bass die Rolle als Arzt und des Gärtners Antonio souverän einsetzt.

Julian Rohde debütierte und begeisterte als intriganter Basilo und eingebildeter Jurist Don Curzio, in seinen Tenorrollen mit ausgeprägtem schauspielerischen Talent.

Theater für Niedersachsen / Die Hochzeit des Figaro © J. Quast

Theater für Niedersachsen / Die Hochzeit des Figaro © J. Quast

Voller Berechnung hat Graf Almaviva dem Paar, direkt neben seinen Gemächern, ein Zimmer zur Verfügung gestellt und bedauert zutiefst sein „Recht der ersten Nacht“, viel zu früh bei Susanna aufgegeben zu haben. Verführerisch bemüht er sich um die Liebe der jungen Susanna, was dem Bräutigam Figaro natürlich nicht entgeht. Mit viel schauspielerischem Verve trumpft Martin Berner als Graf mitreißend und stimmgewaltig auf, als er seinen Pagen Cherubino (Neele Kramer) liebestoll bei seiner Frau, der Gräfin Almaviva, entdeckt und versucht, ihn mit allen Mitteln loszuwerden. Cherubino, gesungen von Neele Kramer, glänzt verzaubernd als personifizierter Amor in ihrer Hosenrolle und verbleibt als Frau bekleidet im Schloss, dank der Hilfe der süßen Barbarina (Vanessa Peschel).  Die Cavatine „Heil’ge Quelle reiner Triebe“ meisterte Antonia Radneva als Gräfin Almaviva mit schön geführtem lyrischen Sopran im 2. Akt. Wohlklingend harmonisch berühren dann im 3. Akt Meike Hartmann als Susanna und Antonia Radneva als Gräfin mit der Arie „Wenn die sanften Abendlüfte“. Meike Hartmann lässt im 4. Akt mit ihrem aparten Sopran, die Gefühlspalette der liebenden Susanna in dem Rezitativ „Endlich naht sich die Stunde“ und der Arie „O Säume länger nicht, geliebte Seele“ im zügigen Tempo erklingen.

Das listig intrigante Verwirrspiel dieser Versteck- und Verkleidungskomödie nimmt seinen unerbittlichen Verlauf, als die Zofe Susanna und die Gräfin Almaviva beschlossen, den Grafen zu einem nächtlichen Rendezvous in den stockdunklen Garten zu locken. Verkleidete Gestalten ertappen sich bei Liebesabenteuern im Schlosspark. Der Graf erwischt die vermeintliche Gräfin, die aber Susanna ist, mit Figaro und will einen Skandal inszenieren. Die Gräfin gibt sich zu erkennen und der Graf bittet sie um Verzeihung. Die Oper endet im ausgelassenen Gesang eines spielfreudigen und tänzerisch talentierten Ensembles.

Theater für Niedersachsen / Die Hochzeit des Figaro © J. Quast

Theater für Niedersachsen / Die Hochzeit des Figaro © J. Quast

Das Publikum dankte allen Beteiligten mit Standing Ovation, Bravorufen und einem nicht enden wollenden rhythmischen Applaus für einen kurzweiligen Opernabend ganz im Sinne von Mozart.

TfNDie Hochzeit des Figaro; weitere Termine: Hildesheim 19.9.; 24.9.; Luckenwalde 29.9.; Hildesheim 12.10.; Wolfenbüttel 21.10.; Hildesheim 30.10.2018 und mehr …

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