BLAUBART oder der Schlüssel zur Verdammnis, IOCO-Serie, Teil 4, 19.12.2020

Dezember 19, 2020 by  
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 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder der SCHLÜSSEL ZUR VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue ::: Peter M. Peters    führt IOCO-Leser in vier Folgen durch die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur

Bereits bei IOCO erschienen:

Teil 1: Blaubart und die unerfüllte Liebe – link HIER
Teil 2: Freier Lauf für die Fantasie …..link HIER
Teil 3: Der Schlüssel zum Geheimnis – link HIER

von Peter M. Peters

 Teil 4 –  Der Schlüssel zum Geheimnis

Bertrand und Jaubert (1935)

Für den Zeichentrickfilm Féérie (Verzauberung – mit animierter Skulptur) von René Bertrand (1877-1969) komponierte Maurice Jaubert (1900-1940) die Musik für eine kleine Filmoper nach der Fabel von PerraultBlaubart ist die Nummer 49 in seinem Werkkatalog und die Dauer ist nicht länger als dreizehn Minuten. Dieser kleine Film, der in Farbe mit einem für die damalige Zeit raffinierten Verfahren (Gasparcolor) gedreht wurde, ist ein reines Meisterwerk. Wir können dort alles finden: Frische, Humor, Talent natürlich und dann auch eine Loyalität zu Perrault, die nie erdrückend wirkt. Es ist der Geist der Fabel, der durch diese stilisierten Charaktere in diesen geschickt kolorierten Bildern erscheint. Neben den technischen Fähigkeiten, die durch die Animation der kleinen Figuren dargestellt wird, ist eine perfekte Harmonie zwischen der Musik – sehr oft gesungen – und dem Bild, die unsere Aufmerksamkeit erweckt. Hier gibt es eine sehr subtile Parodie auf die Oper, vor allem ein wunderschönes italienischen Trio, das den dramatischsten Moment darstellt. Die einzige bemerkenswerte Ergänzung der Fabel besteht darin, die Hauptfigur zu einem Haudegen zu machen und hier gegen die Sarazene kämpft. Beim ersten flüchtigen Hinhören glaubt man (er komponierte bereits eine burleske Fantasie zu Le Chaperon rouge), Jaubert hat sich beim Komponieren an der Musik von Offenbach inspiriert. Aber das Ende ist nur teilweise glücklich: Blaubart wird getötet und seine ehemaligen Frauen beleben sich nicht durch Magie!

Herzog Blaubarts Burg – Bela Bartok – London Philharmonic – Adam Fischer
youtube Trailer Dence Deca
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Blaubart  – Camillo Togni (1977)

Lassen Sie uns darauf hinweisen, dass diese zeitgenössische Oper Blaubart von Camillo Togni (1922-1993) am 11. November 1977 am Teatro alla Scala in Mailand aufgeführt wurde, nachdem die Uraufführung in der vorangegangenen Saison am Teatro La Fenice in Venedig stattgefunden hatte, unter der musikalischen Leitung von Zoltán Peskó (1937-2020), Regie Francesca Siciliani. Dieses etwa eine halbe Stunde dauernde Werk adaptiert im ersten Teil des Abends, vor Herzog Blaubart’s Burg von Bartók, einen hervorragende poetischen Text von Georg Trakl (1887-1914), der in den frühen Jahren des 20. Jahrhundert verfasst wurde. In drei Szenen, denen ein Prolog vorausgeht, erzählt es von der Hochzeit des Blaubart mit Elisabeth, einem seiner Opfer. Kritiker hatten die große Verfeinerung dieser Komposition unterstrichen, die von Arnold Schönberg (1874-1951) beeinflusst wurde. Man schrieb folgendes: „…einer Wärme des Ausdrucks, einer Eleganz, die durch ein bemerkenswertes Maß an Stil gekennzeichnet ist. Hauptsächlich in den Momenten der Kammermusik, die das Meer des großen Orchesters durchscheinen ließ.“ (Rezension veröffentlicht im Corriere della Sera, am 13. November 1978). Nach unserer Kenntnis ist dies die letzte Adaption vom Mythos Blaubart für eine lyrische Szene. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es morgen andere geben wird, weil die Fabel von Perrault mehr als andere die Privilegien der Zeitlosigkeit genießt. Auch schon allein deshalb, weil ihr Thema auf eine ständige Frage nach dem Sein reagiert. Der Mensch berührt mit seiner großen komplexen Beziehung von Liebe und Besitz, Verbot und Tod einen nie versiegenden Drang nach Macht.

Béla Bartók in 1927 © Wikimedia Commons

Béla Bartók in 1927 © Wikimedia Commons

Freiheit oder Tod …: Optimismus oder Pessimismus

Mit den wenigen Worten des Grand Siècle hat Charles Perrault mit Blaubart die Spannung erfunden: Seine pudrige Sonne und ihr grünes Gras (Absolute Klischees).  Auf nur zwei Seiten wird Terror und Angst beschrieben und seitdem verfolgt Schwester Anne unsere Träume; ist sie in unserem kollektiven Gedächtnis; sollten wir nicht bemerken, dass diese Braut nicht einmal einen Namen hatte. So repräsentierte Schwester Anne also alle verwirrten Frauen. Indem wir die Gegebenheiten ändern, bekommen alle Frauen eine eigene Identität: Stellen wir uns vor Blaubart und Dalila, Blaubart und Carmen oder Cunégonde … Zu Beginn unseres Jahrhundert im Abstand von zehn Jahren, ließen ihn zwei bedeutende Dramatiker Ariane und dann Judith heiraten. Ovid (43 v. J.C.- 17 oder 18 v. J.C.) erzählte uns prosaisch, wie Ariane das Labyrinth vereitelt hatte, indem sie Theseus einen Faden anvertraute. Maeterlinck konnte sich 1901 nicht mehr mit solchen archaischen Wahrheiten zufrieden geben. In seinen Augen musste Ariane die weiblichen Fähigkeiten symbolisieren den Zauber zu brechen, wie bedrohlich er auch sein mag. Vor allem dachte er daran, den Ruhm des Pelléas et Mélisande (1902) von Claude Debussy (1862-1918) zu reduzieren. Und so versuchte er dem schon sehr berühmten Edvard Grieg (1843-1907) sein Libretto anzubieten, dass schon einige Theater ablehnten. Es wird also Ariane et Barbe-Bleue, das der Musiker nicht wollte… Neben Ovid weiß Maeterlinck durch Apuleius (125-170), dass es Psyche verboten war, ihren Geliebten zu kennen. Dieser Mythos des mysteriösen Liebhabers nimmt verschiedene Formen an und führt insbesondere zu Lohengrin (1850) von Richard Wagner (1813-1883): Über das Maeterlinck, obwohl nur wenige französische Musiker dieses Werk wirklich mochten, meditieren musste. Muss Blaubart‘s Vergangenheit die eines Mörders sein? Je weniger Blaubart schuldig sein wird, desto mehr wächst seine Frau in die Indiskretion. Es bleibt zu hinterfragen, ob ein unbändiger Wunsch alles zu wissen, böse oder gut ist!   Zwei Optionen stehen sich gegenüber:  Optimismus  versus  Pessimismus!

Ariane et Barbe-Bleue – Paul Dukas –  2008 Oper Frankfurt
youtube Trailer Sandra Leupold
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 Die Optimistische Option –  auf der Bühne

1907:  Ariane et Barbe-Bleue von Paul DukasOpéra Comique Paris 

Für Maeterlinck ist Ariane diejenige, die das mentale Labyrinth von Blaubart entwirrt, sie ist die triumphale Ungestümheit, der Geist der Eroberung, die Hoffnung, die Freiheit. Die Rolle von Blaubart ist auf wenige Worte reduziert. Wir wissen, dass er ein großer Herr ist und das er von seinem Volk gehasst wird, auch wird er schrecklichen Verbrechens verdächtigt. Sollte man seiner neuen Frau irgendeine Aufklärung oder Erläuterung verbieten? „Ich werde nach der verbotenen Tür suchen“, antwortet sie. „Alles, was erlaubt ist, wird uns nichts lehren.(…) Hier ist die Bedrohung! Öffne die letzte Tür!“ Durch ihre Intervention kann sie ihrem Ehemann helfen, seine Probleme zu lösen und ihn zu retten: Sie erinnern an eine Allegorie der entstehenden Psychoanalyse, aber Maeterlinck war sich dessen noch nicht bewusst und er wagte sich auch nicht bis zum Äußersten. Im dritten Akt fühlt sie sich verlegen vor einem Blaubart, der besiegt wurde von seinem Volk. Um den Anschein einer tieferen „Dramaturgie“ zu vermitteln stimmt Maeterlinck einen Lobgesang an das ewige Weibliche an (sein Vie des abeilles geht auf dasselbe Jahr zurück, 1901), indem er seine Heldin einem unsteten schöpferischen Zufall überlässt. So muss sie weiter ziehen und überlässt den „Arbeiterinnen“ ihrem Schicksal, die es vorziehen, in diesem gotischen „Bienenstock“ zu arbeiten: so wird sie vielleicht einem anderen Volk die ersehnte Hoffnung auf Frieden und die Kraft für Freiheitausbrüche bringen.

Le Château de Barbe-Bleue – Extrait  – Ekaterina Gubanova, John Relyea
youtube Trailer Opéra national de Paris
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 Die Pessimistische Option –  auf der Bühne

1918:  Herzog Blaubart’s Burg – Béla Bartók, Béla Baláz  Königliche Oper Budapest

Der Expressionismus zündete die Überreste der Symbolik an. Die Psychoanalyse hat die Gedanken der Menschen erfasst, insbesondere in Mitteleuropa. Auch hier ein Stück, das für die Bedürfnisse einer kurzen Oper in einem Akt, das sowohl üppig als auch sparsam sein soll und auch enger zusammenfassend wirkt: nur zwei Sänger in der Distribution. Blaubart steht nun einer Frau gegenüber, die sich ihrer erotischer Ausstrahlung bewusst ist, die ihr Unbewusstes leuchten lässt. Sie ist möglicherweise genauso schuldig wie Blaubart von dem Moment an, indem sie vermutet, d.h. als sie es „begriffen“ hat. Verlieren wir uns nicht in biblischen Konnotationen von Judith, sondern behalten wir die Idee einer Heldin im Kopf. Einer Heldin die bereit ist alles zu tun um sich selbst zu erhalten, einschließlich Mord, der sie auf gleiche Höhe mit ihrem Ehemann stellt. Blaubart erwählt also nicht eine neue Eroberung, sondern sucht ein vermutlich unerreichbares Gleichgewicht. So ist es letztlich nicht überraschend, dass Blaubart zunehmend seine Pracht verliert und verleitet wird, sein wahres „Ich“ zu offenbaren: so ist Blaubart tatsächlich von Beginn an verloren!

Zum Ende deckt Librettist Béla Baláz seine Karten auf: Die drei vorherigen Frauen symbolisieren seinen Morgen, seinen Mittag, seine Dämmerung. Judith kommt aus der Nacht zu ihm: Es ist ihr eigener Tod! Die Originalität von Balázs ist, dass Judith ihren eigenen Tod ignoriert. Sie ist der Tod! Auch sie schreitet mit Angst und Terror voran und als Blaubart sie beleuchtet, um sie mit den prächtigsten Juwelen aus seinem blutigen Palast zu schmücken, ist sie terrorisiert und will fliehen. Aber dann lässt sie sich in dunkles Unterbewusstsein sinken und teilt mit den anderen Todesopfern ein Dasein in dieser geisterhaft mentalen Grotte. Hier ist das Sein nur ein ruheloses Spiel der dunklen Mächte! Und Bartók, ein hervorragender Komplize solcher Absichten, schlägt zusätzlich vor, dass eine solches Drama auf unbestimmte Zeit von vorne beginnt: Die letzten melodischen Akkorde kehren ohne Modulation oder Bruch genau dort zurück, wo die Musik begonnen hat. Der Kreis ist geschlossen: der Tod kann unbewusst woanders hingehen, um anderen Menschen mit der vollen Wahrheit zu konfrontieren.       PMP-20/11/20-4/4

—| IOCO Buchbesprechung |—

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO-Serie, Teil 1, 27.11.2020

 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder  der SCHLÜSSEL DER VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue  :::  Peter M. Peters führt IOCO-Leser ein in die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur – in vier Folgen – hier TEIL 1

 von Peter M. Peters

Blaubart und die unerfüllte Liebe

Wer ist dieser Blaubart, der seit seiner „Geburt“ im Jahre 1695 unsere Erinnerungen mit Wahnvorstellungen verfolgt? Er ist ein Herr Niemand – denn er ist nur ein Mythe und auch ein wenig Herr Jedermann. Aber fangen wir am Anfang an!

Zunächst sehen wir uns den finsteren Grafen Gilles de Rais (1404-1440), Marschall von Frankreich, etwas näher an, er lebte im 15. Jahrhundert und war einer der Gefährten der Jeanne d’Arc (1412-1431). Gerüchte gingen um, das er in seinem Schloss in der Vendée kleine Knaben in sadistischer Weise schlachtete, jedoch wurde es nie gerichtlich bewiesen. Wir sehen durch dieses schnelle Porträt, dass er es verdient, eliminiert zu werden. Aber seine Erinnerung ist nicht so leicht zu löschen. Besonders seit Jules Michelet (1798-1874) es auf den schrecklichen Seiten seiner  Histoire du Moyen Âge erwähnt hat, ist er weiterhin ein Gegenstand von vielen Veröffentlichungen, von denen die meisten ziemlich abscheulich sind. Manchmal erscheinen diese Geschichten in schnellen Abständen. Wir sahen zum Beispiel im Jahre 1981 die Erscheinung eines Opernlibrettos La Passion de Gilles, des belgischen Schriftstellers Pierre Mertens (1939-), gefolgt von Gilles de Rais et le déclin du Moyen Âge im Jahre 1982 von Michel Hérubel (1927-2020) und im gleichen Jahr Le Moyen Âge, Gilles de Rais von Philippe Reliquet. Eine solche Faszination verdient es, analysiert zu werden.

Aber Gilles de Rais ist nicht Blaubart, wie wir seit mehr als einem Jahrhundert wiederholen und noch weniger sein Prototyp. Darum geht es ihn zu eliminieren. Es ist schon eine gewisse Naivität, in einer historischen Person eine fiktive Figur wieder zu finden. Wer war Ariane, wer war Aschenputtel, wer war Othello, wer war Don Juan? Man könnte genauso gut fragen, welche Menschen als Prototyp für Jupiter oder dem Weihnachtsmann dienten. Blaubart ist ein Mythos!

Blaubart von Charles Perrault – ein Märchen zum Einschlafen
youtube Trailer Kati Winter – ein Märchen zum Einschlafen
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Eine ernste Behinderung

Ah, das regelt nicht unser Problem, denn Mythen sind oft viel interessanter als das Menschendasein. Sie sind transkulturell, unsterblich, ewig; sie bewegen sich, sie leben, sie entwickeln sich und bleiben doch immer gleich; sie sind interpretierbar bis zur unendlichen Unendlichkeit. Wenn sie manchmal eine feste Form, einen festen Text oder ein festes Bild annehmen, sollte dies nicht als kanonisch angesehen werden, da sie nur darauf warten sich in aller Eile aufzulösen und woanders Platz zunehmen.

Also so schrieb Charles Perrault (1628-1703) seinen Blaubart mit dem weiblichen Artikel voran (La Barbe-Bleue) im Jahre 1695, um ihn 1697 unter dem Namen eines Kindes zu veröffentlichen: „Es war einmal ein Mann, der schöne Häuser in der Stadt und auf dem Lande hatte, Gold- und Silbergeschirr, geschnitzte Möbel und vergoldete Karossen; aber leider hatte der unglückliche Mann einen blauen Bart…“ Wenn wir bei dieser Einführung aufhören, gibt es nicht sehr Schreckliches zu berichten. Dieser Herr (er ist kein Adliger noch Lehnsherr) ist sehr wohlhabend, mit reichen Gütern versehen und sieht auch nicht wie ein Menschenfresser aus. Aber der Unglückliche hat einen körperlichen Defekt. Wir müssen es glauben, wenn Perrault es sagt, dass diese blaue Farbe des Bartes ein ernstes Handicap war. Und warum rasierte er sich nicht?

Ah, weil es so ist. Was geschrieben steht, ist die einzige Wahrheit. Wir haben es Euch auch gerade gesagt, das die Figuren in den Romanen und Fabeln nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut, sich ähneln. Blaubart ist nicht unser Flurnachbar; er ist ein Mythos und seine Frau auch.

Verheiratete Paare, klassische Paare sind in Märchen nicht besonders häufig. Dieser hier ist jedoch perfekt bürgerlich, mit Möbeln und Geschirr, Schwägerin und Schwager, gefüllten Vorratskellern und Schlüsselbund. Vielleicht ist es diese Erscheinung des opulenten Alltags, die den Nervenkitzel erhöht. Die Autoren von Horrorfilmen wissen, dass es notwendig ist, eine banale Dekoration mit Charakteren einzurichten. Mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann, um das fortschreitende Unwohlsein zu verstärken. Blaubart ist ein ausgezeichneter Horrorfilm.

Barbe-Bleue überreicht den Schlüssel - Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Barbe-Bleue überreicht den Schlüssel – Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Entschlüsselung und Vereinfachung

Es muss gesagt werden, dass wir hier von schriftlichen oder mündlichen Überlieferung sprechen und nicht von Opern. Nicht bei Béla Bartók (1881-1945) noch bei Paul Dukas (1865-1935), tötet Blaubart nicht als ein Prinz noch als ein Tyrann eine Frau oder gar sechs. Der Sire Blaubart in der opéra-bouffe von Jacques Offenbach (1819-1880) hatte zwar Mordgedanken, war aber bei ihrer Ausführung frustriert. Und es scheint auch keine Frage von tatsächlichen Morden zu geben, die im Raoul Barbe-bleue von Michel-Jean Sedaine (1719-1797) mit der Musik von André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813) begangen wurden, präsentiert 1789 im Théâtre des Italiens in Paris. Makabres und Musik lassen sich auf der Bühne möglicherweise nicht gut kombinieren. Die Frauen, die für tot gehalten wurden, tauchen im letzten Akt wieder auf. Sie wurden im schlimmsten Fall eingesperrt, eingeschläfert oder verkleidet. Der vom Ehemann anvertraute Schlüssel enthüllte kein blutiges Geheimnis.

Aber das war in der Fabel. Vergessen wir nicht, es ist eine Geschichte eines Ehepaares. Der Schlüssel des Ehemannes öffnet eine Tür und Blutfluten stürzen hinaus. Hier ist ein verschlüsseltes Symbol zu öffnen: Der Phallus des Mannes durchdringt die Jungfernhaut der Frau, perfekt freudien. Genauso sollte es sein in einer Geschichte zwischen einer Frau und einem Mann.

Charles Perrault wusste es wahrscheinlich 1695 nicht, aber er verfügte sicherlich über einen vernünftigen und offenen Verstand und kannte sicherlich die vielen kleinen schmutzigen Texte und die rüden volkstümlichen Geschichten, die im klassischen Jahrhundert in Unmengen zirkulierten: Geschichte des Schwanes, Geschichte von der Eselshaut, Geschichte des Spinnrocken, Geschichte des alten Wolfes, Geschichte der alten Frauen, Geschichte der Kindermädchen, Geschichte des Schlafens im Stehen oder Geschichte meiner verquasselten Gans. All diese kleinen derben Erzählungen zeigen wie populär und verbreitet sie waren. Eine der Eigenschaften des Künstlers ist, dass er selbst nicht alles weiß, was er schreibt oder gelesen hat. So finden sich das Unbewusste, Erinnerungen, Träume und Ängste in der Arbeit selbst. Und deshalb verbrauchte Les Contes de ma mère l’Oye, die als einfache Transkription populärer Geschichten präsentiert wurde, viel mehr Tinte als jedes andere Werk, das in diesen Jahren veröffentlicht wurde.

Barbe-Bleue - das Bestaunen der Kostbarkeiten Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Barbe-Bleue – das Bestaunen der Kostbarkeiten Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Durch die Bretagne …

Über Blaubart ist eine der letzten passionierten Analysen in L’Histoire des contes von Catherine Velay-Vallantin erschienen. Es gibt eine ganze Reihe von parallelen Texten, die miteinander verflochten sind. Zum Beispiel identifiziert sich Blaubart in einer Version mit König Renaud, „der aus dem Krieg zurück Gekehrte“ (6. Jahrhundert) und der seine Frau bei der Rückkehr tötet. Oder das Märchen von Perrault kontaminiert die bretonische Legende von der Sainte Tryphine (6. Jahrhundert). Letztere verheiratet mit Conomor (6. Jahrhundert), erfährt, dass dieser seine früheren Frauen getötet hat, sobald sie schwanger waren. Vor der Geburt ihres Kindes verliert auch sie ihren Kopf, jedoch ein örtlicher Heiliger rettet sie indem er ihr Haupt wieder an den richtigen Platz klebt… Warten Sie, wir sind noch nicht fertig mit den Ansteckungen. Der Heilige hieß Gildas de Ruis (6. Jahrhundert). Warum denken wir bei diesem Namen an Gilles de Rais?

In Pontivy (Morbihan) sind die Wände der Sainte-Tryphine Kirche heute mit farbigen Fresken aus dem 17.Jahrhundert geschmückt. Diese Fresken zeigen unter anderem die Mordszene der Sainte-Tryphine. Auch ist sie die fast exakte Kopie der Vignetten, die die Geschichte von Blaubart in der ersten Ausgabe illustriert. Die weltlichen Illustrationen der Fabeln von Perrault inspirieren die frommen Bilder!

Die Autorin der L’Histoire des Contes zitiert sogar ein bretonisches Klagelied, das 1886 von dem Pfarrer Eugène Bossard (1853-1905) gesammelt wurde und in der sich Gilles de Rais, Blaubart und ein unbekannter Bischof aus Nantes zusammen vereint in dunkle Geschäfte verwickelt haben. Es ist wahr, dass die Echtheit dieses Textes nicht absolut sicher ist, denn Bossard könnte ihn in … dem Larousse-Wörterbuch gefunden haben, das zwanzig Jahre zuvor veröffentlicht wurde. Aber was bedeutet Echtheit, wenn es um Mythen und Legenden geht? Das Wichtigste dabei ist, dass diese Annäherungen gemacht wurden. Unabhängig davon, wer es war!

Larousse widmet sich darüber hinaus – dies ist das Jahr der opéra-bouffe von Offenbach – neun unermessliche Kolonnen macht er zu einem großartigen Méli-Mélo mit der ironischen und etwas masochistischen Leichtigkeit eines Großbürgers des Second Empire. Was hat er von seinen Frauen verlangt? Nichts Außergewöhnliches: „Lassen Sie den Schlüssel nicht verrosten, denn sobald er in Blut getränkt ist, behält er hartnäckig seine Flecken.“ Aber er rechnete nicht mit so viel weiblicher Neugierde, diese sui generis Neugier, mit der wir schon unsere erste Mutter und unsere letzte Tochter verloren. Und so weiter! Pierre Larousse (1817-1875), der den sexuellen Aspekt der Geschichte vollkommen ignoriert, sagt jedoch mehr als er will, wenn er den Fall der > verbotenen Frucht < erwähnt.

Denn Blaubart – der auch Schwarzbart oder Grünbart genannt wird – erhält auch ein wenig die Rolle von Weißbart oder von Gottvater, der Eva alle Reichtümer des Paradies (alle Schlüssel des Schlüsselbundes!) genießen lässt, bis auf einen. Offensichtlich kommt es zu einer Katastrophe und die paradiesische Jungfräulichkeit verschwindet, um niemals zurückzukehren. Die Rache des Herrn und Meisters ist schrecklich. Wer Zauberlehrling werden will, muss die harte Strafe ertragen!

Maumariée – Schlecht verheiratet

Jetzt werden wir von der Genesis zum kleinen frechen Liedchen überwechseln. Die Geschichte von Blaubart wurde auch ein äußerst produktives Thema im französischen Volkslied, das der Maumariée, der „schlecht Verheirateten“ gewidmet war! Dies sind Frauen, die sich beschweren: Sie wurden dazu gebracht, einen Bösewicht oder einen alten Mann, einen kranken Mann, einen buckligen Mann, einen winzigen Mann, kurzum jemanden zu heiraten, den sie überhaupt nicht mögen und der sie tyrannisiert: „Himmelkreuz! Marion, was wolltest Du am Brunnen machen?“ Wenn man sich Blaubart nennt, liegt es auf der Hand mit „Stein und Bein! Donnerwetter!“ zu fluchen. Die Frauen für ihren Teil sprachen für sich selbst im Monolog: „Ich werde Dich besser lieben, mein Mann. Ja, ich werde Dich lieber besser tot lieben als lebendig!“ Später verwandelt sich das Thema in eine Erzählung wie in dem Lied des Comte Ory, dass später eine Oper von Gioachino Rossini (1792-1868) wird und die Larousse gleichstellt mit der Geschichte vom Blaubart. Oder wie 1855 in der Romanze des Sire de Framboisy, der die untreue seiner Frau entdeckt: „Er vergiftet sie mit Grünspan und sät auf ihrem Grab Petersilie.“

Aber Blaubart‘s Frau ist nicht untreu! Perrault sagt nichts darüber, das ist wahr. Diese Szene des Mannes, der abwesend ist um unerwartet zurückzukehren, überschneidet sich mit so vielen tragikomischen Situationen bei Giovanni Boccaccio (1313-1375). Natürlich ist die Frau sicherlich unschuldig, denn trotz Verbot steckte sie den Schlüssel in das Türschloss. Symbol! Alles Symbol!          PMP-20/11/20-1/4

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO – Serie, Teil 1  – 

Teil 2 –  Blaubart – La BarbeBleue –  IOCO-Serie von Peter M. Peters

folgt am 4.12.2020 – TITEL:

Freier Lauf  für die Fantasie ….

 

 

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