Graz, Schloßbergbühne Kasematten, Fidelio – Opernspektakel, 20., 22. 23.08. 2020

Schloßberbühne Kasematten

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio @ Schloßbergbühne Kasematten

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio @ Schloßbergbühne Kasematten

Fidelio – Schloßbergbühne Kasematten zum Leben erweckt

 Erstes Opernspektakel nach Lockdown – 20., 22. 23. August 2020

Nach einer langen Phase voller Ungewissheit und herausfordernden Planungen, heißt es in den Grazer Spielstätten in Kürze wieder: „Bühne frei!“ Am 20., 22. und 23. August 2020 laden „Junge Konzerte Graz“ und die Grazer Spielstätten auf der Schloßbergbühne Kasematten unter freiem Himmel zu Ludwig van Beethovens Fidelio und damit zum Kultur-Comeback über den Dächern von Graz!

IOCO, Michael Stange wird über dies Opernspektakel in Graz berichten

Die konzertante Aufführung besticht nicht nur durch internationale Weltstars wie z.B. Barbara Krieger, Ks. Peter Seiffert, Sir Bryn Terfel oder Peter Kellner, welche unter normalen Umständen auf Jahre hinaus ausgebucht wären – ihre Engagements in Edinborough, London, Tokyo und an der MET in New York mussten Corona-bedingt abgesagt werden -, sondern auch durch die Kooperation mit Mitgliedern der Grazer Philharmoniker. Unter der Leitung von Kapellmeister Marcus Merkel werden diese das weitere Solistenensemble, hochklassig mit Größen ihres Fachs besetzt, musikalisch komplettieren.

Grazer Spielstätten-Geschäftsführer Mag. Bernhard Rinner: „Fidelio und den Grazer Schloßberg verbindet eine lange Tradition: Ursprünglich ab 1782 als Gefängnis für Schwerverbrecher aus allen Teilen der Monarchie genutzt, wurde die Schloßbergbühne Kasematten im Jahr 1937 feierlich mit Fidelio eingeweiht. Das jetzige Revival von Beethovens ,Befreiungsoper‘ markiert somit nicht nur ein Ereignis mit doppelter historischer Relevanz, sondern setzt ein starkes Signal über die steirischen Landesgrenzen hinweg.“ Tausende Grazer erinnern sich außerdem gern an stimmungsvolle Aufführungen an Sommerabenden in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren. Im Jahre 1997 wurde die Kasemattenbühne zum bisher letzten Mal mit „Fidelio“ bespielt.

Durch die Corona-Krise hat die Kultur heuer international sehr zurückstecken müssen. Hunderte Festivals, die üblicherweise ab Juni mit spannenden Aufführungen aufwarten, mussten zumeist komplett abgesagt werden. Nun, da viele der Restriktionen Schritt für Schritt gelockert werden und insbesondere Freilicht-Veranstaltungen wieder möglich sind, ergibt sich auf der Schloßbergbühne Kasematten eine einmalige Gelegenheit: „Fidelio ist eine Hymne an die Freiheit. Der Kontrast zwischen der düsteren Kerkerhaft und dem Licht der Gerechtigkeit ist nicht nur in der Musik zu hören, sondern auch auf der Bühne eindrucksvoll sichtbar. Wir möchten unserem Publikum mit der Oper nun, nach dem Lockdown, ein Stück ,Freiheitsgefühl‘ in unserer Open Air-Location zurückgeben“, so Bernhard Rinner.

Marcus Merkel, Dirigent und Gründungsmitglied von „Junge Konzerte Graz“: „Nachdem die europäische Kulturlandschaft heuer durch Corona einen nie dagewesenen Einschnitt erlebt hat, freue ich mich unbändig, Beethovens „Fidelio“ in einer Weltklasse-Besetzung nach Graz und zurück in die Kasematten bringen zu können. Mit dem ersten Grazer Opernspektakel nach dem Lockdown möchten wir ein Zeichen setzen, und werden dabei von internationalen Größen wie Peter Seiffert als Florestan und Altmeister Reiner Goldberg als Erstem Gefangenen unterstützt.“

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Dirigent Marcus Merkel, Fidelio-Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner freuen sich auf das erste Opernspektakel nach dem Lockdown v.l.n.r.@ Martin Schönbauer

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Dirigent Marcus Merkel, Fidelio-Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner freuen sich auf das erste Opernspektakel nach dem Lockdown v.l.n.r.@ Martin Schönbauer

„Kunst und Kultur zeigen, wie man Grenzen überwinden kann und ermutigen, sich auf neues Terrain zu begeben. Wie ein Kraftwerk versorgen sie uns mit der nötigen Energie, um neue, bunte Facetten des Lebens zu erschließen. Daher freuen wir uns, Fidelio in diesem Sommer auf den Kasematten als Partner zu unterstützen“, so DI Christian Purrer, Vorstandssprecher der Energie Steiermark Michael Gradischnig, Leiter Werbung der Steiermärkischen Sparkasse: „Die Steiermärkische Sparkasse hat sich seit mittlerweile 195 Jahren der gesellschaftlichen Verantwortung für die Menschen und die Kultur des Landes verschrieben. Daher freut es uns besonders mit dieser musikalischen Produktion in einer der Zeit angepassten Form wieder Partner des Vereins ,Junge Konzerte Graz‘ sein zu dürfen.

Nach der langen (Corona-)Durststrecke sehnen sich die Menschen nach gemeinschaftlichen Live-Erlebnissen im Opern- und Konzertbereich. Wir sind uns sicher, dass unser Fidelio in dieser exzeptionellen Besetzung und der großartigen Spielstätte mit drei konzertanten Vorstellungen für 2.100 Zuschauer*innen eine große überregionale Aufmerksamkeit erregen wird und freuen uns über Ihre mediale Begleitung!

Konzertante Oper und Corona – Wie geht das?

Aufgrund der Corona-Situation ergeben sich hohe Hygiene- und Sicherheitsauflagen, die zum Schutz unseres Publikums streng eingehalten werden (Abstand zwischen den Sitzreihen, Mund- und Nasenschutz im Chor bzw. Zugangsbereich, Desinfektionsvorrichtungen, registrierter Ticketkauf etc.). In Abstimmung mit „Junge Konzerte Graz“ haben wir uns gegen ein Mund- und Nasenschutz tragendes Publikum entschieden. Gemäß der in der Lockerungsverordnung des Bundesministeriums vorgeschriebenen Abstände zwischen den Sitzplätzen können somit 700 Personen pro Vorstellung Platz nehmen. Daher haben wir beschlossen, „Fidelio“ gleich an drei Abenden am Schloßberg zu spielen, um so 2.100 Zuschauer*innen aus ganz Österreich und darüber hinaus ein unvergessliches Opernspektakel bieten zu können.

Bühne – Solisten, Chor & Orchester

Im Kontext von Corona ist das gesungene Wort die größte Herausforderung, was die Bühne betrifft. Unsere Solisten werden daher am vorderen Bühnenrand mit genügend Abstand zur ersten Publikumsreihe agieren. Unser Chor wird mit Mund- und Nasenschutz singen, auch wenn wir uns hier ebenfalls um genügend Abstände zwischen den Sängern bemühen, da wir keinerlei Risiko einer Infektion eingehen werden.

Gemäß Tests, die die Wiener Philharmoniker unter ärztlicher Leitung im Mai dieses Jahres durchgeführt haben, verbreitet sich die Atemluft eines jeden Musikers in maximal 75 cm Entfernung von Mund und Nase. Aus den Öffnungen der Blasinstrumente entwich „kein oder nur kaum sichtbares Aerosol“. Das Ergebnis der Untersuchungen: „Eine Ausdehnung der Ausatemluft eines Künstlers von mehr als ~80 cm ist nicht zu erwarten.“

Daher verteilen wir die Blasinstrumente mit Abständen auf dem Podium und behalten uns vor, die Streicher mit Mund- und Nasenschutz spielen zu lassen. Auch bei sämtlichen Proben bzw. hinter der Bühne herrschen höchste Sicherheitsauflagen: Corona-Tests, Abstandsregelung, regelmäßige Fiebermessungen, getrennte Proben etc.

Schloßbergbühne Kasematten / Klassische Musik auf der Schlossbergbuehne Kasematten @ Peter Palme

Schloßbergbühne Kasematten / Klassische Musik auf der Schlossbergbuehne Kasematten @ Peter Palme

Ensemble

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Barbara Krieger @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Barbara Krieger @ honorarfrei

Barbara Krieger – Leonore: Geboren in Wiesbaden, Studium der Germanistik, Anglistik & Musikwissenschaften in Mainz. Gesangsstudium Mozarteum in Salzburg. Preisträgerin beim berühmten AS.LI.CO. Gesangswettbewerb der Mailänder Scala. 1997 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. Engagements u.a. im Gran Teatru del Liceu Barcelona, Bregenz, Leipzig, Karlsruhe, Nationaltheater Weimar. Konzerttournee mit Bryn Terfel (2007), 2008 Gala- Konzerte mit Startenor Roberto Alagna. 2009 Classic Open Air in Berlin mit José Carreras.

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio - Peter Seiffert @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio – Peter Seiffert @ honorarfrei

Ks. Peter Seiffert – Florestan: Geboren in Düsseldorf, Studium ebendort. 1992 Ernennung zum Bayerischen Kammersänger, 1996 Debüt bei Bayreuther Festspielen. Gast mit den Partien seines Fachs in allen wichtigen Musikzentren, darunter Wien, München, New York, Budapest, Dresden, Berlin, Tokio, Salzburg und London. Zahlreiche Aufnahmen mit den wichtigsten Dirigenten unserer Zeit, Echo Klassik als „Sänger des Jahres 1999“. Peter Seiffert gehört heute zu den Star-Tenören und wird vom Publikum enthusiastisch gefeiert; von der internationalen Presse als Sänger und Darsteller gewürdigt. Juni 2013 Ernennung von der Wiener Staatsoper zum Österreichischen Kammersänger, 2014 Kammersänger der Deutschen Oper Berlin.

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio - Sir Bryn Terfel @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio – Sir Bryn Terfel @ honorarfrei

Sir Bryn Terfel – Pizarro: Geboren in Wales, Studium in London. 1989 Gewinner des „Cardiff Singer of the World“ Wettbewerbs, 1990 Operndebüt, 1992 Debüt bei den Salzburger Festspielen. Seither Engagements an allen wichtigen Opern- und Konzerthäusern der Welt, darunter Royal Opera House London, Wiener Staatsoper, Metropolitan Opera New York, Bayerische Staatsoper München, Teatro alla Scala Milano, Carnegie Hall New York City, Paris, Zürich und Sidney. Grammy, Classical Brit und Gramophone Award Gewinner; 2003 „Commander of the British Empire“, 2006 „Queen’s Medal for Music“, 2017 zum Ritter geschlagen. 2006 Shakespeare Preis, 2015 „The Freedom of the City of London“. „Pizarro“ ist für Sir Bryn Terfel ein Rollendebüt.

Ks. Reiner Goldberg1. Gefangener: Geboren in in Crostau/Oberlausitz, Studium in Dresden. 1973 Ensemble der Semperoper Dresden, 1981-2005 Ensemble der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Gastverpflichtungen als Heldentenor bei Bayreuther Festspielen und an allen großen Häusern der Welt, darunter Paris, New York, London, Mailand, Wien, Zürich, Hamburg und Berlin. 1977 Ernernnung der Dresdner Semperoper zum Kammersänger, 2019 Ehrenmitglied der Staatsoper Unter den Linden Berlin.

Peter Kellner – Rocco: Geboren in der Slowakei, Studium in Košice, Mozarteum Salzburg und Graz. 2015-2018 Ensemblemitglied der Oper Graz, seit 2018 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. 2013 Engagement bei den Salzburger Festspielen, seither Debüts in Bratislava, in der Volksoper Wien, Royal Opera House London sowie beim Glyndebourne Festival. Preisträger des Int. Mozartwettbewerbs Salzburg 2018, Independent Opera Fellowship der Wigmore Hall Song Competition, 1. Preis des Int. Wettbewerbs Ferrucio Tagliavini Deutschlandsberg. Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Sir Antonio Pappano, Vasily Petrenko, Adam Fischer, Marco Armiliato, Ivor Bolton & Friedrich Haider.

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Peter Kellner @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Peter Kellner @ honorarfrei

Narine Yeghiyan – Marzelline: Geboren in Armenien, Studium in Jerewan. 2009 beim
Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ Semifinale & Sonderpreis der Liz Mohn Stiftung ausgezeichnet. 2013 Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbandes und 2011-2013 Stipendiatin der Liz Mohn Stiftung sowie Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper im Schiller Theater; seit der Spielzeit 2013/14 an Berliner Staatsoper Ensemblemitglied. 2016 bei den Opernfestspielen St. Margarethen sowie Debüt in der Philharmonie Berlin. Zahlreiche Konzerte in ganz Europa.

Mario Lerchenberger – Jacquino: Geboren in Österreich, Gesangsstudium in Graz. Ebenfalls Studium der Chorleitung, Dirigieren mit Schwerpunkt Chor sowie Gesangspädagogik. Meisterkurse bei u.a. Cheryl Studer, Brigitte Fassbaender und Marius Vlad. Sänger bei Opernproduktionen im In- und Ausland, darunter Linz, Jaroslaw, Köln, „styriarte“ und „La Strada“ Graz. Seit 2019 Mitglied des Opernstudios der Oper Graz. Grazer Debüt mit großem Erfolg als Alfred in der „Fledermaus“.

Neven Crnic – Don Fernando: Geboren in Bosnien und Herzegowina, Studium in Graz, seit 2017 Ensemblemitglied der Oper Graz. 2018 Teil des Young Singers Project der Salzburger Festspiele, 2019 erster Preis und Publikumspreis beim 2. Internationalen Haydn Wettbewerb. Heuer war Europatour mit Gustavo Dudamel & Mahler Chamber Orchestra sowie Engagement bei den Salzburger Festspielen geplant – coronabedingt leider verschoben.

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Marcus Merkel @ Werner Kmetitsch

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Marcus Merkel @ Werner Kmetitsch

Marcus Merkel – Dirigent: Geboren in Berlin, Studium in Berlin, seit 2015 Pianist und
Kapellmeister an der Oper Graz. Preise als Komponist, Pianist und Sänger. 2013 Gründer der Jungen Philharmonie Berlin, 2019 Gründer der Jungen Konzerte Graz. Gastdirigate in Kyoto, Amsterdam, Bozen, Rostock, zahlreiche kurzfristige Einspringer für Oksana Lyniv, Julien Salemkour sowie erkrankte Kollegen am eigenen Haus. Seit 2018 Einstudierung aller Beethoven Klavierkonzerte für Rudolf Buchbinder, 2019 Debüts in Koblenz und München.

Mitglieder der Grazer Philharmoniker – Orchester: Gegründet am 1. September 1950, geht das Grazer Philharmonische Orchester aus zwei bis dahin bestehenden Grazer Orchesterformationen, dem „Städtischen Orchester“ und dem „Funkorchester der Sendergruppe Alpenland“, hervor. Das Funkorchester wird damals im Zuge einer Strukturreform im Österreichischen Rundfunk aufgegeben, die der Stärkung des RSO Wien dient. Das Städtische Orchester kann auf eine traditionsreiche Rolle im steirischen Musikleben verweisen, denn es hatte beispielsweise Anton Bruckners Symphonie N° 5 zur Uraufführung gebracht. Auch wurde unter der Leitung des Komponisten im Jahre 1906 „Salome“ zur österreichischen Erstaufführung gebracht. Das Gründungskonzert des Grazer Philharmonischen Orchesters – auf dem Programm stehen Beethovens „Eroica“ und Strauss‘ „Ein Heldenleben „– findet am 4. September 1950 unter Herbert Albert im Grazer Stefaniensaal statt. Als integraler Bestandteil der Grazer Oper und des Grazer Kulturlebens spielt das Grazer Philharmonische Orchester vornehmlich Oper, Operette, Ballett und Musical. Darüber hinaus präsentiert sich das Grazer Philharmonische Orchester in der Grazer Oper mit einem eigenen Konzertzyklus und ist regelmäßig im Musikverein für Steiermark zu Gast.

—| Pressemeldung Schloßbergbühne Kasematten |—

Berlin, Berliner Dom, Missa Solemnis – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 21.05,2020

Berliner Dom © IOCO

Berliner Dom © IOCO

Junge Philharmonie Berlin

Ludwig van Beethoven – furios im Berliner Dom

 Missa Solemnis – Überwältigende Klangfluten – kurz vor Corona-Aus

von Michael Stange

Mit der Missa solemnis erklang am 7. März 2020 einer der letzten konzertanten Geburtstagsgrüße im Berliner Dom zu Beethovens 250 jährigem Geburtstag. Mit Wucht und Intensität starteten alle Beteiligten ins Beethoven-Jahr.

Beethoven hat mit der Missa solemnis wohl auch sein individuelles Glaubensbekenntnis geschaffen. Kirchenmusikalische Tradition in verschiedenen Formen verquickte er mit eigener Gestaltung, Erfindungskraft und Individualität. So trägt das Autograph die Widmung „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen“.

Die textlichen Veränderungen der tradierten Vorlage für eine Messe und die zahlreichen musikalischen Novitäten prägen die zukunftsweisende Komposition. Durch Wiederholung des Credo (Ich glaube) vor jedem neuen Bekenntnis, verstärkt er die jeweiligen Rufe. Die Textstelle „de Spiritu Sancto“ wird musikalisch von einer zwitschernd einsetzenden Flöte als Tonbild des Heiligen Geistes begleitet. Viele weitere musikalisch illustrative Figuren wie aufstrebenden Läufe zur Himmelfahrt Jesu, Posaunenklange und Violintremoli im Jüngsten Gericht und vieles mehr kombinieren biblische Ereignissen mit bewegenden, gewaltigen orchestralen Einfällen. Im Sanctus zeichnet die Solo-Violine in hoher Tonlage das Symbol des Heiligen Geistes nach, der in Christus zur Erde hinabsteigt. Dieser an ein Violinkonzert erinnernde Einfall, die feurigen Ausbrüche, der Naturalismus und insbesondere die bedrohliche Militärmusik im Finale haben zu viel Begeisterung aber auch Kritik, Unverständnis und Ablehnung der Komposition geführt.

Wilhelm Furtwänglers Wertschätzung des Werkes ging so weit, dass er es nach seinem vierundvierzigsten Geburtstag nicht mehr dirigierte, weil er es zu großartig für eine Aufführung in dieser Welt befand. Zuzugeben ist Furtwängler, dass die Missa solemnis in Form und Wirkung so herausragend ist, dass sie nur in sehr starken Aufführungen ihre ganze Wirkung entfaltet. Dies war am Konzertabend der Fall.

Mozart Gala – Berliner Staatsoper
youtube Trailer Berliner Staatsoper
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Die musikalische Leitung hatte Julien Salemkour. Einem internationalen Fernsehpublikum wurde er bei der auch durch die Übertragung der Berliner Gala zu Mozarts 250. Geburtstag bekannt. Zehn Minuten vor Beginn des Konzerts sprang er für den kurzfristig indisponierten Daniel Barenboim als Dirigent und Pianist ein. Damals leitete er den ungemein strahlenden Festabend mit immenser Musikalität und einer Präsenz, als ob er stets dafür vorgesehen gewesen war. 

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Julien Salemkour bewies auch in diesem Konzert erneut, sein musikalisches Gespür. Seine Fähigkeit, durch einen architektonisch strukturierten Aufbau einen spannungsgeladenen Klangteppich auszurollen, war Grundlage dieser in jedem Detail fesselnden Darbietung. Gemeinsam mit allen Beteiligten gelang ihm ein fein gesponnenes und glänzend auf das Finale zusteuerndes Konzert.

Dramatik, Fürbitten, Kontraste und symphonischen Elemente fügte er zu einem fulminanten Gesamterlebnis zusammen. Mit immenser klanglicher Einfühlsamkeit und rhythmischer Präzision lotete er die mit dem Ensemble dynamische Raffinessen und Klangentwicklungen aus. Durch Steigerungen des Ausruckes und Veränderungen der Tempi im Verlauf der Sätze wurden Beethovens Dynamik, die große klanglichen Wendungen und die Kulmination zum Schluss eingelöst. Flexibilität von Tempo und Dynamik und die dadurch erreichte Spannung hielten das Publikum stets im Bann.

Die Solovioline im Benedictus spielte Konzertmeister Sebastian Câsleanu sanft, ruhig aber mit pulsierenden Strömen und virtuosem Können. Zurzeit am Staatstheater Nürnberg engagiert und fügte sich mit seinem innig verhaltenen Vortrag organisch in den Gesamtfluss ein. Durch die Schlichtheit und Zartheit des Violinsolos wurde keine Erinnerung an ein auftrumpfendes Violinkonzert wach und die Brüchen und Schockmomente des Agnus Dei noch besser vorbereitet. Grollend die Anlehnungen an Militärmusik, die an Schrecken des Krieges erinnert, während der Chor um Frieden bat. So geriet Salemkours Konzept ungemein suggestiv.

Eine weitere große Leistung war der Zusammenhalt von Orchester, Chor und Solisten, der im akustisch schwierigen Berliner Dom mit seinem langen Nachhall keine Leichtigkeit ist.

Die Junge Philharmonie Berlin besteht aus jungen, erfahrenen und hochtalentierten Musikern. Das Orchester spielte eine fein abgestufte Missa mit prächtigen Farben und von großer Schönheit. Ihm gelangen innige, berührende aber auch lebendig auftrumpfende Momente. Ihre Virtuosität und Spielfreude waren ein wesentlicher Motor dieser überragenden Aufführung. Hört man das Orchester, glaubt man nicht, dass es ein privater Verein ist, der 2013 vom heute überwiegend in Graz tätigen Dirigenten Marcus Merkel gegründet wurde.

Die Herausforderungen des Werkes – insbesondere für den Chor – liegen in der Polyphonie der Chöre, dynamischen Sprüngen in den Chornoten, den häufigen Tempiwechseln und dem Klangrausch des Orchesters. Hier bewährte sich der Ernst Senff Chor unter Steffen Schubert und zeigte, dass er diesem anspruchsvollen Stück vollends gewachsen war.

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Beethovens Idee des Zusammenwirkens von Chor, Orchester und Solisten lässt die Solisten ohne Arien und Soli. Solistische Brillanz müssen sie so in den Ensembles zeigen, was die Klangeinheit stärkt. Unbeschadet dessen sind die Partien ungemein fordernd und verlangen von den Sängerinnen und Sängern große Leistungen und eine immense Ausdruckspalette. Dies meisterte das Solistenquartett bravourös.

Bucharest National Radio Orchestra
youtube Trailer Michael Bergemann
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Barbara Krieger setzte mit ihrem individuellen, samtweich timbrierten und strahlenden Sopran bewegende Akzente. Bei immenser Dynamik gelangen dramatische Ausbrüche neben bestrickend warmen, innigen Tönen. Ihre leuchtende, völlig frei klingende Höhe strömte mit Glut und Schwung in den Saal. Tragfähig, gelöst und frei und erklang die Stimme mit betörende Schönheit in künstlerischer Vollendung unter die Domkuppel. Sicher eine der wandlungsfähigsten Sängerinnen dieser Tage. Fulminant auch, wie sie die Isolde interpretiert.

Anna Lapkowskaja füllte mit warmem, opulentem und strahlendem Mezzosopran die Altpartie aus. Ihr immenser Stimmumfang, der Wohlklang der Stimme und die seelische Emphase, mit der sie in die Partie eintauchte kombinierten betörende Stimmtechnik mit Schönheit und beseelter Meisterschaft.

Stefan Heibach bestach mit perfekt sitzenden Tenor durch baritonalen Klang, eine profunde Mittellage, ein exzellentes Legato und seine geschmeidige Höhe. Seine Stimme machte schon in Schwerin in Rollen wie Gounods Romeo Furore. Erneut ließ er aufhorchen und bewies, wie großartig er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Eine immense Tenorhoffnung.  Tobias Schabel überzeugte mit profundem, wohltönendem und sonorem Bass.

Ein bewegtes Publikum dankte den Künstlern mit lang anhaltendem Applaus

Im Nachklang hofft man in den Corona Zeiten, dass solche durch ihre Wucht und die künstlerische Intensität packenden Konzerte bald wieder möglich sein werden. Das wunderbare Konzert Missa Solemnis in Berliner Dom kann man hier auf dem folgenden Video nachhören:

Missa Solemnis im Berliner Dom
youtube Trailer Michael Bergemann
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—| IOCO Kritik Junge Philharmonie Berlin |—

Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag, IOCO Aktuell, 19.10.2019

Oktober 19, 2019 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell, Oper, Personalie, Portraits

Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag

Meisterliche Technik, Seele, Intensität
Von der Oberlausitz in die Welt

von Michael Stange

Vollendung und der Aufstieg in den Sängerolymp sind ein steiler, dorniger Weg und die lebenslange Herausforderung des Opernsängers. Die gesteigerten Anforderungen durch die Werke Verdis und Wagners im neunzehnten Jahrhundert an die Sänger haben dies noch erschwert. Ihre neue Klang- und Gesangswelten vervielfachten für ihre Interpreten die Anforderungen an Gesangstechnik und Rollengestaltungen. Dies erfordert ein stetes Feilen und Arbeiten an der Stimme, der Interpretation und der Rollengestaltung für die Sänger.

Am 17.10.2019 feierte Reiner Goldberg den 80. Geburtstag – IOCO / Michael Stange würdigt einen großen Heldentenor

Richard Wagners Opern erfordern die technische Vereinigung von Belcanto und dramatischem Ausdruck. Nur in dieser Kombination können die vor der Aufführung seiner Werke ungeahnten sprachlichen, phonetischen und gesanglichen Dimensionen ausgefüllt werden. Dafür benötigten und benötigen insbesondere die Tenöre und Soprane eine völlig neue Gesangstechnik und –kultur. Schon zu Wagners Zeiten waren rollenerfüllende Heldentenöre kaum zu finden. Die geplante Uraufführung des Tristan in Wien musste während der Proben abgebrochen werden, weil der Interpret der Titelpartie nicht imstande war, die Rolle zu singen. Deutsche Wagner-Tenöre der Bayreuther Schule, die vor mehr als hundert Jahren in New York auftraten, entsetzten das Publikum durch deklamatorischen Vortrag und fehlende Belcantotechnik (nachzuhören auf: 100 Jahre Bayreuth auf Schallplatte, Gebhardt).

Im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert besserte sich die Situation bei den Heldentenören zunehmend. Lauritz Melchior, Walter Kirchhoff, Ludwig Suthaus, Max Lorenz, August Seider, Günther Treptow, Set Svanholm, Otto Wolff, Carl Hartmann, Hans Hopf und viele andere beherrschten Wagnerrollen gesangstechnisch und interpretatorisch meisterhaft.

Auch Leo Slezak, der ein hinreißender Belcanto Sänger war, triumphierte in den für hohe Stimmen gut liegenden Wagnerrollen wie Tannhäuser, Stolzing und Lohengrin. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es mit Wolfgang Windgassen einen modernen leichten und ergreifenden Darsteller aller Wagnerrollen. Die Zahl seiner ernstzunehmenden Konkurrenten ließ sich aber spätestens ab den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an einer Hand abzählen.

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Die Nichtexistenz und das Verblassen der Gesangstradition der großen Wagnerhelden lässt sich durch das Hören von vor 1920 und vieler seit 1970 entstandenen Wagneraufnahmen gut nachvollziehen. Die Stimmen waren nicht nur leichter geworden. Auch stimmtechnisch kämpften viele Rollenvertreter gegen die Rollenanforderungen wie Siegfried im 2. Akt der gleichnamigen Oper gegen den Drachen durch forcieren und Überanstrengen der Stimme.

Diesen Umstand kompensierten viele Musikliebhaber durch das Hören historischer Klangkonserven. Als in den siebziger Jahren in den USA eine obskure Liveaufnahme von Wagners Ring des Nibelungen aus der Mailänder Scala von 1950 unter Wilhelm Furtwängler auf Langspielplatten erschien, lag erstmals ein heute noch gültiges Zeitdokument vor, wie der Ring des Nibelungen mit großen Sängern klingen kann. Mit Kirsten Flagstad, Ferdinand Frantz und den Tenören Max Lorenz, Svet Svanholm und Günther Treptow offenbarte sich, dass die Bayreuther Rundfunkübertragungen jener Jahre mehr Wünsche offen ließen, als erfüllten.

Im Jubiläumsjahr der hundertjährigen Aufführung des Parsifal wendete sich das Blatt. Mit Reiner Goldberg betrat 1982 ein Held die Klangbühne, der alle Anforderungen Wagners erfüllte und an die Gesangstradition von Franz Völker und Max Lorenz anknüpfte. Er vereinte schon auf dieser Aufnahme die Forderungen Wagners nach „höchster Reinheit des Tons, höchster Präzision und Rundung, höchster Glätte der Passagen und höchster Reinheit der Aussprache, die das Fundament für den Gesangsvortrag bilden.“

All das brachte Reiner Goldberg mit. Stimmlich mühelos, scheinbar ohne Grenzen und mit großer innerlicher Beteiligung und Ausdrucksfähigkeit durchschritt er die Partie. Nach der heldisch gesungenen Antwort im 1. Akt, ob er den Schwan getötet habe („Gewiss, im Fluge treff ich, was fliegt“) befolgt er die Ausdrucksanweisungen (Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört) verändert, verschattet und die Stimme bei „Ich wusste sie nicht und in der Folge mit beachtlicher Feinsinnigkeit. Gleiches gilt für die Gestaltung der Rolle im 2. und 3. Akt, wo es ihm gelingt rein gesanglich durch Stimmfärbung und Tongebung die Wandlung und die emotionale Reifung Parsifal durch fein abgestimmte Stimmführung und –kolorierung in immenser Dichte und Größe im Ohr des Hörers mitreißend erstehen zu lassen.

Die Aufnahme ist nun bald dreißig Jahre alt. In dieser stimmlichen Vollendung und gestalterischen Wucht hat ihm die Rolle bis heute auf digital aufgenommenen Tonträgern Keiner nachgesungen. Auch den Vergleich mit seinen großen Vorgängern muss er nicht scheuen. Er vereint vollendete Gesangstechnik mit einer sehr seltenen Fähigkeit zur dramatischen Stimmfärbung und einer dadurch erreichten phänomenalen Rolleninterpretation auf der Klangbühne des Tonstudios.

In die Wiege gelegt war ihm dies nicht. Geboren in Crostau in der sächsischen Oberlausitz erkämpfte er sich nach einer Schlosserlehre seinen Platz auf den Bühnen der Welt. Einer seiner Leitsterne waren alte Schallplatten seiner Rollenvorgänger wie Leo Slezak, Peter Anders, Josef Traxel und Max Lorenz. Die an sich hell klingende, perfekt geführte Stimme, sein metallisches Timbre, seine leuchtende Höhe gepaart mit einer unvergleichlichen stimmlichen Gestaltung haben ihm ein riesiges Repertoire ermöglicht. Gleichzeitig war er immer auf der Suche nach Vervollkommnung und Verbesserung seiner Interpretationen und Gesangstechnik.

Zahllose Opernpartien, Oratorien und Lieder hat er in den mehr als fünfzig Jahren seiner Karriere interpretiert. Angefangen vom Max, Manrico, Cavaradossi, Florestan, Erik, Don Jose, Alfred (La Traviata) über den Hoffman (Hoffmanns Erzählungen; als Gesamtaufnahme im Rundfunk erhalten) bis zu den Werken Richard Strauss sang er auf der Bühne und im Konzert zahllose Opernpartien.

Gleiches gilt – bis auf den Tristan – für alle Heldenpartien Wagners. International wurde er insbesondere für Tannhäuser, Stolzing, Siegfried, Erik und Parsifal gefeiert. Weitere Höhepunkte waren Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Herausragend war u. a. der Aron in Schönbergs Moses und Aron, den er zuletzt 2004 in Hamburg mit fulminantem Erfolg verkörperte. Hinzu kommen der Tambourmajor, Bergs Wozzek sowie Partien in Opern von Zemlinsky, Borodin, Dvorak und zahlreiche andere Werke.

Schauspielerisch warf sich Reiner Goldberg mit immenser Verve und Ausdruckskraft in die Rollen, wie unter anderem die Bildaufzeichnungen als Max, Siegfried, Tannhäuser, Herodes und Pedro im Tiefland belegen.

Elisabeth Lindermeier, selbst eine große Sängerin, hat ihn im Jahr 1983 für die Zeitschrift Orpheus portraitiert und darauf hingewiesen, dass insbesondere Sänger in besonderem Maß Opfer ihrer Nerven, der seelischen Befindlichkeit, der Tagesform und der Gesundheit sind. Dies galt auch für Reiner Goldberg. Anders als an seinem Stammhaus Berlin fehlten andernorts Intendanten und Dirigenten, die ihn tatkräftig unterstützten. Daher kam es nicht zu der ausgedehnten Weltkarriere, die seinem stimmlichen Rang entsprochen hätte. In den entscheidenden Momenten der Karriere haben ihn Indispositionen infolge von Halsentzündungen in zurückgeworfen. Neben dem verschobenen Siegfried Debut in Bayreuth 1983 kam er daher auch an der Wiener Staatsoper und der MET in New York nur begrenzt zum Einsatz. An seinem Stammhaus, der Berliner Staatsoper Unter den Linden, in Bayreuth, Paris, New York, London, Mailand, Florenz, Rom, Zürich, Salzburg, Barcelona, Tokyo, Hamburg, München, Stuttgart und Dresden trat er unter anderem in seine Paraderollen Stolzing, Erik, Siegfried Tannhäuser, Max (Freischütz) und Herodes auf und wurde jahrzehntelang stürmisch gefeiert.

Der Qualität seiner Stimme und dem digitalen Zeitalter, das hochwertige technische Aufnahmen verlangte, verdankt er, dass er wie kaum ein Fachkollege seiner Generation in vielen verschiedenen Partien von Beethoven bis Zemlinsky auf kommerziellen Tonträgern dokumentiert ist.

Mit dem Parsifal unter Armin Jordan (heute bei Warner) hat er bis die digitale Referenzaufnahme der Partie hinterlassen, die auch „Stimmenpapst“ Jürgen Kesting für mustergültig befindet. Seine Aufnahmen unter Bernhard Haitink (Siegmund, Apoll (Daphne, EMI), sein Guntram (CBS), sein Herodes (Chandos) und sein Max (Denon) sind erste Wahl. Seine Siegfriede unter James Levine leiden trotz der Digitaltechnik unter klangtechnischen Defiziten. Sie zeigen ihn aber in insbesondere in der tontechnisch passablen Götterdämmerung in Hochform. Sein Aron in Schönberg Moses und Aron unter Herbert Kegel ist gleichfalls beeindruckend und heute noch eine Referenzaufnahme.

Am 18. Mai 2003 nahm er mit über sechzig Jahren vom Wagnerfach mit dem Tannhäuser an der Staatsoper Unter den Linden Abschied von den Wagnerrollen auf großen Bühnen. Stimmlich wie ein junger Mann gestaltet er die Partie mit einer Leidenschaft, die unvergessen ist und unvergleichlich bleibt. Fast bis zu seinem siebzigsten Geburtstag blieb er der umjubelte, stimmgewaltige Herodes der Berliner Salome und trat dort weiter auf.

Zahlreiche Liveaufnahmen aus den Tagen der großen Karriere wie seine Siegfriede aus Bayreuth, Barcelona und London, zahlreiche Tannhäuser, sein Pedro im Tiefland, sein Rienzi, seine Stolzings und vieles mehr kursieren unter Sammlern und auf YouTube. Diese Tondokumente vermitteln heute noch die ungeheure suggestive Wirkung, die er auf der Bühne entfaltete. Mitreißend, stürmisch, glühend und mit jeder Faser seines Herzens warf er sich in den Tannhäuser, Max, Erik, Stolzing und seine übrigen Partien.

Auf YouTube hat ihm ein findiger Sammler einen Geburtstagsgruß breitet und unter anderem seltene Aufnahmen des DDR Rundfunks veröffentlicht. Sehr sehenswert ist auch dort verfügbare Fernsehaufzeichnung der Meistersinger aus Tokyo.

Reiner Goldberg gibt seine Gesangstechnik und Bühnenerfahrung heute als gefragte Gesangslehrer weiter. Dies beschreibt die Berliner Sopranistin Barbara Krieger wie folgt: „Nach seiner großen Tenorkarriere ist er heute noch als Lehrer tätig und ist ein begnadeter und liebevoller Pädagoge. Seine technischen Tipps und das Auflockern und Entspannen der Stimme selbst in den kleinsten Pausen und seine übrigen Hinweise haben meine Entwicklung quasi beflügelt. Natürlich lernt man schon früh auf der Atemsäule zu singen und andere technische Grundlagen, aber daran muss man ständig arbeiten und sich fortentwickeln. Deshalb bin ich über die Begegnung mit ihm und seinen Unterricht sehr glücklich. Außerdem verstehen wir uns auch auf menschlicher Ebene sehr gut, lachen viel miteinander und nehmen das Leben nicht zu ernst.“

Am 17 Oktober 2019 feierte er seinen achtzigsten Geburtstag. Eine Jahrhundertstimme von unvergleichlicher Intensität, Gestaltungskraft und Schönheit, die berührt, unvergessen ist, in die Geschichte der Gesangskunst eingehen wird und noch in ferner Zukunft leuchten wird.

—| IOCO Portrait |—

Dresden, Neumarkt, Classic Oper Air – Pape, Krieger, Seiffert, IOCO Aktuell, 05.09.2019

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

Morement GmbH

6. Classic Open Air  –  Auf dem Dresdner Neumarkt

Barbara Krieger, Peter Seiffert, Rene Pape – Verzaubern in sonnig, südlicher Atmosphäre

von Michael Stange

Sommerliche Temperaturen sowie die Pracht des Neumarkts und der Frauenkirche boten den romantisch bezaubernden Rahmen des 6. Classic Open Air im Elbflorenz.

Unter dem Sternenzelt mit traumhafter Illumination der barocken Kulisse gingen Barbara Krieger, Peter Seiffert und Rene Pape mit dem Publikum auf eine musikalische Reise von Beethoven über Bernstein, Catalani, Gershwin, Kalman, Puccini Lehar, Verdi bis Wagner.

Schon zu Beginn nahm Barbara Kriegers hinreißend geführter Sopran insbesondere durch die sichere Atemführung gefangen. Mit breitem Gesangsbogen flutete sie Stimme unangestrengt und erreichte so freie, glockenhelle Spitzentöne und Koloraturen. Zugleich vermittelte sie durch organischen poetisch unterlegten Gesang und die eingesetzten Stimmfarben Sehnsucht und Poesie.

Durch diese spürbare, innere Anteilnahme an den interpretierten Charakteren gewann sie Ohren, Augen und Anteilnahme des Publikums schon mit ihrer ersten Arie der Elisabeth „Tu che le vanita“ aus Verdis Don Carlos. Verzweiflung um die gescheiterte Ehe mit Don Carlos, die Erinnerungen an die glücklichen Momente der Vergangenheit und ihre Seelenpein ließ Barbara Krieger zunächst mit betörendem Mezza voce erklingen, um sich dann zu bronzenen Tönen und leuchtenden Höhen aufzuschwingen. Nobel und elegisch schuf sie eine lyrisch, melancholisches Portrait, das bestrickte und bannte.

In Catalanis La Wally Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ gelangen ihr neben strahlenden Tönen innige, verhaltene Momente bei den Erinnerungen an den Abschied vom Haus der Mutter und der Beschwörung des Klanges der Kirchenglocken.

Eine Palette jubilierender, glückseliger Tönen prägten den Kalmann Walzer „Tanzen möcht‘ ich, jauchzen möcht‘ ich“. Runder Ton, perlende Koloraturen und quecksilbriges Sprühen machten auch Arditis „Il bacio“ zu einem Kabinettstück.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Dieses Nebeneinander von Seelenqual zum einen und Lebensfreude, Koloraturen und Übermut waren schon für sich allein eine große Leistung. Barbara Kriegers Wandlungsfähigkeit setzte dem die Krone auf indem sie jedem Stück Klang, Gehalt und die Atmosphäre der Komposition verlieh.

Die Gestaltung des Liebesduetts aus dem 2 Akt Tristan und Isolde mit silbernem Ton und blühenden Höhen von Barbara Krieger und Peter Seiffert war ein weiterer Höhepunkt. Hier bewiesen Beide ihr immenses sängerisches Gespür und ihre Wandlungsfähigkeit. Lyrisch legten sie zunächst ihre dramatischen Partien an, um dann die Steigerungen innwendig, bewusst, ohne Hast und ohne jegliches Forcieren zu erreichen.

Peter Seiffert war ihr heldischer und zugleich lyrischer Tristan: Mit emphatischen-mitreißenden Tönen schwammen Beide auf den Gesangslinien der Liebeswonne. So erschufen sie ein lyrisch dramatisches Bild des Liebespaares, das Intensität, Glut und belcanteske Wonnen versprühte und bis zum Ende des Duetts steigerten sie sich grandios. Im Schlussduett des 1. Aktes Boheme „O soave fanciulla“ gaben Sopran und Tenor mit italienischem Schmelz und pulsierende Leidenschaft.

Peter Seiffert kehrte zu Rollen seiner Anfängerjahre und CD-Einspielungen zurück. Er demonstrierte, dass seine Stimme auch nach vielen Ausflügen in das Wagnerfach zu den vielseitigsten und schönsten deutschen Tenorstimmen zählt. Seinen Humor und Charme stellte er bei „Heut geh ich ins Maxim aus der Lustigen Witwe unter Beweis. Mit heldentenoraler Pracht sang er „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ aus der Walküre.

Dritter im Bunde war Rene Pape, der Fiesco der Salzburger Simone Boccanegra Vorstellungen, der frisch von dort in seine Heimat zurückgekehrt war. So konnte auch das Dresdener Publikum mit der Arie „Il laceretao spirito“ als Simone Boccanegra begeistern.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Balsamische Bassklänge paarten sich mit seiner wohltönenden Mittellage und prächtiger Höhe. Dass er einer der führenden deutschen Bässe ist, stellte er auch an diesem Abend mit Hans Sachs „Fliedermonolog“ aus den Meistersingern und der Arie Sarastos „In diesen heilg’en Hallen“ aus der Zauberflöte unter Beweis.

Temperamentvoll ging es für ihn mit Bess You is My woman“ aus Gershwins Porgy and Bess weiter. Rene Pape demonstrierte neben einer unvergleichlich schönen Stimme, die in allen Registern leicht und strömend anspringt, so auch ein immenses Interpretationsgeschick und spielerische Freude.

Dirigent Julien Salemkour trug die Sänger mit immenser Musikalität und großem stilistischem Einfühlungsvermögen auf Händen. Er war ihnen ein umsichtiger, zugewandter und zuhörender Partner. Orchesterfarben und klangliche Durchhörbarkeit gewährleistete er mit sicherer Hand und entlockte der Jungen Philharmonie Berlin sowohl die Farben Kalmans und als auch die dramatischen Klänge Wagners. Gerade in Konzerten, die ein so großes Repertoire enthalten, keine Selbstverständlichkeit, so dass er eine der Säulen dieses Glanzabends war.

Die von dem heute auch in Graz tätigen Dirigent Markus Merkel 2013 gegründete Junge Philharmonie Berlin bot Orchesterleistungen auf hohem Niveau. Das aus jungen, motivierten und hochtalentierten Profis bestehende Orchester glänzte durch seinen farbigen Orchesterklang und fulminantes, involviertes Spiel.

Ein strahlender Belcantoabend der durch die immense Musikalität und die glühende Begeisterung aller Beteiligten das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss.

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