Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.05.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Das Rheingold – Richard Wagner

– Raub und Verschwörung –  Im Rheingold-Express und Untertage –

von Viktor Jarosch

Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Die Götterdämmerung bilden ein zeit- und grenzenloses Gesamtkunstwerk der Menschheit: Der Ring des Nibelungen, von seinem Schöpfer Richard Wagner als „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“ beschrieben. Zwist und Streit, in welche Götter, Riesen, Naturwesen oder Zwerge in dem Vorabend, in Rheingold, nach wenigen Takten verfallen, begleiten Rheingold auch „auf Erden“: So vollzog Ludwig II die Uraufführung des Rheingold 1869 im Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Gegen den Wunsch Richard Wagners, der weit entfernt in der Schweiz wohnte und nicht anwesend war. In bitteren Versen zeichnet Wagner 1869 seinen Frust über diese, allein von Ludwig II betriebene Uraufführung des Rheingold:

Das Rheingold – Richard Wagner

Spielt nur, ihr Nebelzwerge, mit dem Ringe,
wohl dien‘ es euch zu eurer Torheit Sold;
doch habet ach; euch wird der Reif zur Schlinge;
ihr kennt den Fluch; seht, ob er Schächern hold!
……..
doch euer ängstlich Spiel mit Leim und Pappe
bedeckt gar bald des Niblungs Nebelkappe!

Richard Wagners wahre, seine Uraufführung des Rheingold fand in Bayreuth, am 13. August 1876 statt: zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele, als Vorabend des Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, hier erstmals zyklisch aufgeführt.

So schwebt seither über jeder Rheingold Inszenierung auch der Geist des Regisseurs: inszeniert er Rheingold als Teil des Ring oder das Einzelkunstwerk. Zwar tauchen in Rheingold erstmals die großen Leitmotive auf, welche das Beziehungsgeflecht in Wagners Bühnenfestspiel symbolisieren, doch die Leitmotivik in Rheingold ist noch spielerisch, nicht dicht geflochten. Rheingold kann so auch Satyrspiel empfunden werden, in welchem, in musikalischem Konversationston, Götter, naive Naturwesen, Riesen, Zwerge, Rheintöchter oder, wie im MiR, verschlagene, brutale, liebevolle oder zickige Menschen handeln und  kommunizieren.

Im Musiktheater im Revier wird Rheingold nicht als MiR-Ring, nicht als zyklische Parabel inszeniert. Michael Schulz, Wagner-erfahrener Regisseur und Intendant des MiR beschließt mit seinem Rheingold eine Reihe von Inszenierungen, welche sich mit Irdischem, dem Ruhrgebiet, dem Bergbau, mit dem Thema „Arbeit“ auseinandersetzen. So zuvor bereits in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Mythos oder Götter schweben in seiner Inszenierung von Rheingold kaum spürbar mit, dafür aber Bergbau, Maloche, Grubenlampen, Loren und ein Zug.

Das Rheingold – Richard Wagner
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Projektionen begleiten im MiR das vier-minütige Rheingold- Vorspiel: sonnendurchflutete lichte Gewässer schimmern auf dem Prospekt des Theaters, deuten Mythisches an. Doch aller Mythos wird verdrängt, alles wird sehr irdisch, wenn sich zum ersten Bild der Vorhang hebt und das Innere eines langgezogenen Speisewagen mit Abteilen und Speisetheke (Bühnenbild: Heike Scheele) zeigt. Der Speisewagen im Rheingold-Express dominiert, irdisch wie profan, den langen ersten und zweiten Auftritt der Inszenierung; macht alle, Götter, Zwerge, Rheintöchter und Riesen zu menschlichen Wesen, liebende, grobe, tanzende wie hinterhältige. Das Diktum von Regisseur Schulz wird im ersten Bild brutal deutlich: Das Ruhrgebiet ist sichtbar nah; alles ist menschlich in dieser Inszenierung! Götter sind auch nur Menschen!

So lümmelt sich denn Alberich, in altbackener Kleidung und mit Pudelmütze (Kostüme Renée Listerdal) auf einer Sitzbank des Zuges. Die Rheintöchter tauchen nicht aus dem Rhein auf, sondern in knappem sexy Outfit hinter der Theke hervor: „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Waglaweia!“ Ein Tabledance, von Woglinde lasziv an einer X-Pole-Stange vollzogen und mehr sollen den aus seinem Zugabteil herüber gekommenen Alberich („He, he! Ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk“) verführen; alle verschwinden sie dann durch die Zugfenster, erscheinen wieder durch die Waggontüren. Zum Finale des 1. Auftritts, zum Raub des Goldes und den Klagen der Rheintöchter, „Haltet den Räuber! Rettet das Gold“, verfärben sich die projizierten lichten Gewässer im Hintergrund, werden trübe, verschmutzt; deuten den Mythos an, den Untergang von Göttern, Zwergen und Riesen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

So erscheint dann auch Wotan, männlich menschlich in elegantem Anzug mit Krawatte, im Rheingold-Express, Walhall besingend („Der Wonne seligen Saal bewache mit Tür und Tor …“).. um dann, ein gelungener Regieeinfall, mit den Riesen Fasolt und Fafner („Sanft schloß schlaf dein Auge..“) zunächst „aus dem Off“ zu kommunizieren. Dann erscheinen die Riesen als irdische muskelbepackte Riesen auf den Bühne, um ihren Lohn für den Bau von Walhall einzufordern. Die sich zickig sträubende Freia wird mit Grubenhelm versehen in einen Grubenaufzug gepresst.

Mit dem 3. Auftritt, Loge führt Wotan in das Halbdunkel des unterweltlichen Nibelheim. Der Rheingold – Mythos, Richard Wagners wunderbare Komposition scheinen nun ein wenig auf. werden vom Bühnenbild gestützt; auch wenn Mime dort mit einem Putzeimer herum läuft und auf seinem Plakat „Gold macht Lust“ irdische Genüsse propagiert. Wotan fährt in einer Lore in das Halbdunkel von Walhall ein, wo (das MiR – Thema „Arbeit“, Ruhrgebiet), stöhnende Erdlinge schuften, frühindustrielle Stahlproduktion andeuten. Kinder weihen Walhall fröhlich ein, irdisch Friedensfahnen winkend: Loges düstere Prophezeiungen kontrastierend. So bleibt Rheingold im MiR beständig irdisch, gutmenschlich wie böse: wenn dann Wotan den an Händen gefesselten Alberich mit einem Dolch ersticht, wenn Fasolt  Fafner mit eine Knüppel erschlägt, wenn Erda – in schickem Kostüm ganz Partylike – Wotan vor „. des Ringes Fluch ..“ warnt. Nicht mehr so irdisch verwebt sich das Bühnenbild in Projektionen, wenn zu Wagners wunderbar romantischer Dichtung „Abendlich strahlt der Sonne Auge; in prächt´ger Glut prangt glänzend die Burg..“ im Bühnenhintergrund Walhall in vielschichtiger Farbenglut andeuten und Wotan und Fricka, nun doch ein wenig göttlich, dort friedlich einziehen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Trotz Speisewagen, Loren, Ruhrgebiets-Realität und anderem Irdischen auf der Bühne: Richard Wagner verzaubernde Dichtung, seine Komposition brachte das Ensemble mit stimmlicher Vielfalt wie Pracht und gut lesbaren Übertexten zum Leuchten; Bastiaan Evering, von Beginn an ein bleibend souveräner Wotan, ist mit souverän wohltimbrierten Bass-Bariton und eleganter Erscheinung ein sympathischer Mensch.  Wotan im MiR ist kein Göttervater, der widerwillig auf den Ring verzichtet; er möchte seiner Ehefrau Fricka mit der neuen Wohnung in Walhall gefallen. Cornel Frey festigt als Loge in seiner großen Partie das Irdische der Inszenierung: mit darstellerischem Facettenreichtum und wohlverständlichem Charaktertenor ist Frey als Loge steuerndes, gestaltendes Element der Inszenierung. Urban Malmberg ist als Alberich in profane Kleidung mit Pudelmütze ein herzlos kleingeistiger Kapitalist, beständig und laut schimpfend. Während sich Khanyiso Gwenxane mit elegantem Belcanto als Froh und Piotr Prochera als stimmlich gut aufgelegtem Donner (immer mit schwerem Hammer bewehrt) wunderbar ergänzen. Petra Schmidt ist die zickige Freia, Lohn für die körperlich breit ausstaffierten und stimmlich ebenso sicheren Riesen Fasolt (Joachim Gabriel Maaß und Fafner (Michael Heine). Stark, bewundernswert Almuth Herbst mit sicherem Mezzo in ihren Partien als Fricka und Erda: mit wohltimbrierter Gelassenheit, Persönlichkeit eigenen Charakter verleihend.

Giuliano Betta und die Neue Philharmonie Westfalen lassen Richard Wagners klangliche Momente des Rheingold lyrisch leben. Die wagnersche Dichtung, seine packenden Konversationspassagen kommen durch das sensible Dirigat und ein gut eingestelltes Ensemble wohltuend zur Geltung. So könnte man ein wenig glauben, daß im MiR das Irdische der Inszenierung und der Weltgeist der Komposition verschmitzt miteinander kokettieren.

Das Gelsenkirchener Publikum des MiR, in der Mitte des Ruhrgebiets gelegen, feierte diese Sicht des  Rheingold, ihren Rheingold-Express, ihr Ensemble, ihren Regisseur.

Das Rheingold am Musiktheater im Revier; die weiteren Vorstellungen: 30.5.; 2.6.; 9.6.; 20.6.; 30.6.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Koblenz, Theater Koblenz, Albert Herring – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 15.05.2019

Mai 15, 2019 by  
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Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

ALBERT HERRING  –  Benjamin Britten

– Die Wahl einer Maikönigin – oder – Eine Komödie voller Charme und Spielfreude am Theater Koblenz –

von Ingo Hamacher

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Mit nicht enden wollendem Applaus feierte das Koblenzer Publikum eine äußerst gelungene Aufführung von Benjamin Brittens  Albert Herring; an Ovationen für Solisten, Chor, Musik und Produktionsteam wurde ebenfalls nicht gespart.

Victor Puhls leidenschaftliches Dirigat lotet die Feinheiten der Partitur gekonnt aus, und führt das Staatsorchester Rheinische Philharmonie zu einer veritablen Leistung, ohne jedoch dabei die Sänger aus den Augen zu verlieren, die mit einer in sich stimmigen Ensemble-Leistung auf hohem Niveau auf eine erfolgreiche Premiere zurückblicken können.

Witzige Regieeinfälle, eine nahezu perfekte Bühne mit den vollumfänglich passenden Kostümen rundeten den gelungenen Abend ab, der vom Publikum des fast ausverkauften Hauses entsprechend gewürdigt wurde.

Zwischen seinen großen Werken und ernsten Fabeln komponierte Britten 1947 für die erste Saison der von ihm ins Leben gerufenen English Opera Group eine heitere Kammeroper in fünf Bildern, die komische Oper Albert Herring, in der die Novelle des Franzosen Guy de Maupassant („Der Rosenjüngling der Madame Husson“) in die englische Provinz gelegt wird.

Theater Koblenz / Albert Herring - hier : Jungho Lee als Albert Herring © Matthias Baus

Theater Koblenz / Albert Herring – hier : Jungho Lee als Albert Herring © Matthias Baus

Der Librettist Eric Crozier hat das Geschehen in die Kleinstadt Loxford in Ost-Suffolk versetzt, wo sie rund um das Maifest des Jahres 1900 spielt.  Eine heitere Posse – vordergründig etwas zu harmlos und naiv -, die schnell Verbreitung findet.  Dabei ist die Musik Brittens, ein Komponist der klassischen Moderne, unterhaltsam und witzig.  Es wimmelt von Parodien und Musikzitaten vom Barock bis zu Wagners Tristan.

Das heitere Musiktheater schwelgt in der Zeichnung der Charaktere, voran der pompösen Lady Billows, vor allem im neunstimmigen Klagelied des III. Aktes, bei dem die einzelnen Charaktere musikalisch herausgearbeitet werden. Und doch zeigt sich auch ein wenig von Protest bei der Schilderung von Alberts Ausflug in das „Laster“, der Protest gegen eine Gesellschaft, die sich anmaßt, allzu herrisch in das Leben des einzelnen einzugreifen.

Benjamin Britten gelang es als erstem britischen Komponisten nach Henry Purcell (Dido und Aeneas), Weltgeltung zu erlangen.  Kurz vor seinem Tod wurde er für seine Lebensleistung mit dem persönlichen Adel ausgezeichnet und zum Lord Britten of Aldeburgh ernannt wurde. Benjamin Brittens Homosexualität zieht sich mehr oder weniger verdeckt durch sein gesamtes Werk. Sein Ruf als außergewöhnlicher Humanist, sein Einsatz für gesellschaftliche Randfiguren, die nahezu alle seine Opern bevölkern, mag als Reaktion auf seine eigenen Lebensumstände daraus resultieren. Britten konnte das Thema Homosexualität – damals in Großbritannien noch mit Gefängnis bestraft – nur andeuten; wir finden es auch in der Oper Albert Herring:

Warum hat Albert Herring keine Freundin und was hat er eigentlich in jener durchzechten Nacht gemacht?

Albert Herring erweckt gerade aufgrund der nächtlichen Vorfälle Hoffnungsperspektiven auf ein besseres Leben:  Der Skandal hat ihn erst richtig zum Mann gemacht, als der er dann auch auf gesellschafftliche Anerkennung hoffen darf. Nach der Gesetzesreform von 1967, die Homosexualität unter Männern ab dem einundzwanstigsten Lebensjahr nicht mehr unter Strafe stellte, wurde Britten diesbezüglich in seinen Werken eindeutiger in seinen Aussagen.

Theater Koblenz / Albert Herring - hier : Jungho Lee als Albert Herring, Michele Silvestrini als Emmy © Matthias Baus

Theater Koblenz / Albert Herring – hier : Jungho Lee als Albert Herring, Michele Silvestrini als Emmy © Matthias Baus

Eine Filmprojektion auf den geschlossenen Vorhang scheint uns mit dem Schriftzug: „Albert Herring von Benjamin Britten“ in einen alten-verwackelten Stummfilm zu führen.  Vielleicht ein Hinweis darauf, das Regie, Ausstattung und Kostüme gar nicht erst versuchen, das Stück tagesaktualisiert aufzuladen.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf das Leben in dem kleinen Ort Loxford. Links die Fassade des Hauses von Lady Billows, rechts der Gemüseladen der Herrings (Foto) .Durch Drehen und Verschieben dieser beiden einzigen Bühnenelemente gewinnen wir später Einsicht in die Häuser, wie wir auch in der Vielzahl der Szenen immer neue Blickwinkel finden. Im Hintergrund, vor dem blau angeleuchteten Panorama, eine niedrige Bruchsteinmauer, hinter der im Verlauf des Abends zahllose Schäfchen vorbeiziehen. Idylle pur! (Oder eben auch Langeweile pur!) – So schön alles ist. Will man hier leben?

Die junge Generation trägt Kostüme der 50er; die Älteren sind von Kleidungsstil in der Jahrhundertwende stecken geblieben: der Generationenkonflikt zeichnet sich ab. Die spleenige Lady Billows will zur allgemeinen Förderung der Sitten das tugendhafteste Mädchen im Ort zur Maikönigin krönen. Es findet sich jedoch keine junge Frau, die der Auszeichnung würdig wäre. Da kommt das Komitee in seiner Not auf einen männlichen Preisträger, Albert Herring, den Sohn der Gemüsehändlerin.

Er führt ein wirklich untadeliges Leben. Albert nimmt gern die 25 Pfund, die mit dem Preis verbunden sind. Stocksteif-wohlerzogen erscheint er zur Feierlichkeit – um dann durch den ungewohnten Alkohol plötzlich aufzutauen. Die gegen Ende des 3. Bildes in Rotlicht getauchte laszive Orgie, die mitten auf dem Marktplatz von Loxford aus heiterem Himmel ausbricht, hat so wohl kaum stattgefunden. Es kann sich nur eine alkoholbedingte Fantasie Alberts handeln.

 Benjamin Britton, die riesige Gedenkmuschel am Strand von Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britton, die riesige Gedenkmuschel am Strand von Aldeburgh © IOCO

Pause

Nach dem Fest macht Albert sich auf, um nächtliche Abenteuer zu suchen. Am nächsten Tag ist er verschwunden. Das ganze Dorf gerät in höchste Aufregung, man vermutet Selbstmord oder weitere Untaten, bricht in furchtbare Klagen aus. Da kehrt Albert heim – ramponiert von seinen Erlebnissen, aber fröhlich. Die Tugendhaftigkeit in Person ist er jedenfalls nicht mehr.

Nach Brittens Vorgabe sollten die Rezitativpassagen „ohne Rücksicht auf Tempo in der natürlichen Diktion der Sprache gesungen“ werden.  Und da die Oper zahllose Wieviel-auch-immer-tette (bis hin zum häufig vorkommenden Nonett) aufweist, sah man sich außerstande, für diese Passagen eine sinnvolle deutschsprachige Übertitelung anzubieten, weswegen man sich entschieden hatte, das Stück direkt auf Deutsch zu singen. Da die englisch gedachte Musiklinie jedoch häufig der deutschen Diktion entgegen lief, war der erhofft Verständnisgewinn nur gering.

In den Solopassagen ging einiges unter und in den Rezitativen war aufgrund des – von Britten so vorgesehenen – Gestotteres und Gestammel sowieso kaum etwas zu verstehen. Deutsche Übertitel hätten hier auch außerhalb der Ensembles gute Dienste geleistet.

Die Verwendung von Rezitativensembles mit rhythmisch freiem Sprachvortrag hat Britten damals seitens der Kritik den Vorwurf eingebracht, die Oper „enthalte zu wenig Musik“, was das Stück Albert Herring jedoch nicht daran gehindert hat, einer der größten Nachkriegserfolge auf dem Gebiet der Oper; zeitweise die am Meisten gespielte moderne Oper auf deutschsprachigen Bühnen zu werden. Das Produktionsteam zeigt eine Komödie voller Charme und Spielfreude, die ohne Albernheiten und Anzüglichkeiten auskommt: eine ansprechend-moderne Inszenierung im Dienste des Werkes.

Theater Koblenz / Albert Herring - hier : mit Michele Silveestrini, Hyunwha Lee, Hana Lee und dem Kinderchor Foto Matthias Baus

Theater Koblenz / Albert Herring – hier : mit Michele Silveestrini, Hyunwha Lee, Hana Lee und dem Kinderchor Foto Matthias Baus

Insgesamt gelang eine schöne Interpretation, die den heiteren Charakter des Stückes erfolgreich auf die Bühne brachte, verbunden mit einer rundum gelungenen spielerisch wie gesanglichen Ensemble-Leistung.

Mit nicht enden wollendem Applaus feierte das Koblenzer Publikum eine äußerst gelungene Aufführung; an Ovationen für Solisten, Chor, Musik und Produktionsteam wurde ebenfalls nicht gespart


Albert Herring, Komische Oper von Benjamin Britten, Text: Eric John Crozier, nach den Novelle Le Rosier de Madame Husson (1888) von Guy de Maupassant, Neue deutsche Textfassung: Carolyn Sittig und Waltraud Gerner, Uraufführung: 20. Juni 1947, Opera House, Glyndebourne (Sussex)


Besetzung:

Lady Billows ist Yamina Maamar, Sopran. Yamina Maamar zählt zu den international gefragtesten Künstlerinnen ihres Fachs.

Mr. Gedge wird vom aus Hamburg stammenden Bariton Martin Berner gesungen.

Mr. Upfold: Mark Bowman-Hester,  Das Koblenzer Publikum kennt den US-amerikanischen Tenor bereits aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Die weiteren Partien konnten aus dem Ensemble besetzt werden:  Florence Pike: Anna Catherine Wagner, Miss Wordsworth: Hana Lee, Mr. Budd: Jongmin Lim, Sid: Christoph Plessers, Albert Herring ist der choreanische Tenor Junho Lee, Nancy Waters: Danielle Rohr, Mrs. Herring: Suk Westerkamp, Emmy: Michèle Silvestrini, Siss: Hyunhwa Lee, Harry: Lennart Reinelt (Kindersolist),  Kinderchor (Singschule Koblenz), Staatsorchester Rheinische Philharmonie

Musikalische Leitung: Victor Puhl,  Seit der Spielzeit 2008/2009 ist Victor Puhl Generalmusikdirektor des Theaters Trier

Inszenierung: Jan Eßinger,  geboren in Darmstadt, studierte bis 2010 Musiktheaterregie in Hamburg. Seit 2017 ist er als freischaffender Regisseur tätig.

Bühne: Marc Weeger,  studierte Bühnenbild bei Jürgen Rose an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.

Kostüme: Silke Willrett (* 1974 in Stuttgart) ist eine freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin.

Dramaturgie: Rüdiger Schillig, Operndirektor des Theater Koblenz

Albert Herring am Theater Koblenz; die weiteren Termine Termine  11.05., 13.05., 19.05., 22.05. 25.05., 27.05., 02.06., 04.06., 06.06., 09.06., 21.06.2019

Theater Koblenz / historisches Rangtheater © Matthias Baus

Theater Koblenz / historisches Rangtheater © Matthias Baus

Das Theater Koblenz

Das Theater Koblenz ist ein Mehrspartentheater in Koblenz mit eigenen Ensembles für Schauspiel, Musiktherater, Puppenspiel und Ballett. Es bietet in einem Theatergebäude aus dem 18. Jahrhundert unweit des Kurfürstlichen Schlosses 500 Sitzplätze. Intendant des Theaters  ist bis Ende der Spielzeit 2024/2025 Markus Dietze.

Das Theater Koblenz wurde 1787 im Auftrag des Trierer Kurfürsten und Erzbischofs Clemens Wenzeslaus von Sachsen in siebenmonatiger Bauzeit durch den Architekten Peter Joseph Krahe in dem damals neuen Stadtteil Neustadt errichtet.

Das Theater Koblenz ist der einzige erhaltene klassizistische Theaterbau am Mittelrhein und das früheste erhaltene Beispiel eines Rangtheaters in Deutschland (im Gegensatz zum früheren Logentheater).

Am 23. November 1787 wurde das als Vielzweckgebäude konzipierte Theater mit einer Aufführung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail unter der Leitung von Johann Heinrich Böhm als Kurfürstliches Komödien- und Ballhaus eröffnet. Am 16. Dezember 1851 trat im Theater die Koblenzer Opernsängerin Henriette Sonntag auf. Es war der erste und einzige Auftritt in ihrer Heimatstadt. Das Theater wurde 1984 bis 1985 umfassend mit dem Ziel restauriert, dem Originalzustand von 1787 möglichst nahezukommen. Dabei stellte man die alten Abmessungen des Foyers wieder her und rekonstruierte die ursprüngliche Ausmalung im Zuschauerraum, auch die Fassade erhielt ihre originale Farbfassung zurück.

Das Theater Koblenz ist geschütztes Kulturdenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz und in der Denkmalliste des Landes Rheinland-Pfalz eingetragen. Seit 2002 ist das Theater Koblenz Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal.

 

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Spielplan – März 2019

Februar 12, 2019 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

 


Romeo und Julia, Königskinder, Big Fish, Perlenfischer und mehr

Sa, 02.03.     14.00 Uhr  –  Theaterführung  –  Karten 6- €

19.30 Uhr – 22.00 Uhr
Romeo und Julia  –  Ballett von Bridget Breiner
Musik von Sergej Prokofjew
Karten 12,- bis 42,- €


So, 03.03.     17.30 Uhr
Einführung

18.00 Uhr – 21.00 Uhr
Königskinder  –  Oper von Engelbert Humperdinck
Karten 12,- bis 42,- €
Hör.Oper (Audiodeskription)

Sa, 09.03.     19.30 Uhr
Premiere  Big Fish  –  Musical von Andrew Lippa und John August
Karten 13,- bis 50,- €
Anschließend Premierenfeier im Foyer


So, 10.03.     17.30 Uhr
Einführung

18.00 Uhr – 20.30 Uhr
Die Perlenfischer  –  Oper von Georges Bizet
Karten 12,- bis 42,- €


Mo, 11.03.     19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
7. Sinfoniekonzert  –  Aus Böhmen und Mähren
Werke von Bedrrich Smetana, Antonín Dvorak,
Josef Suk, Leoš Janácek
Karten 12,- bis 32,- €

Fr, 15.03.      19.30 Uhr
Big Fish  –  Musical von Andrew Lippa und John August
Karten 13,- bis 50,- €

Sa, 16.03.     19.30 Uhr
Big Fish  –  Musical von Andrew Lippa und John August
Karten 13,- bis 50,- €


So, 17.03.     17.30 Uhr
Einführung

18.00 Uhr
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny  –  Oper von Kurt Weill, Bertholt Brecht
Karten 12- bis 42,- €

Mi, 20.03.      18.00 Uhr
Premierenfieber  –  Ein Sommernachtstraum  –  Ballett von Bridget Breiner
Eintritt frei. Einlasskarten erhalten Sie an der Abendkasse.


Fr, 22.03.      19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny  –  Oper von Kurt Weill und Bertholt Brecht
Karten 12,- bis 42,- €


Sa, 23.03.     19.30 Uhr
MiR Goes Film: Winnetou meets Alien
Karten 12,- bis 42,- €

So, 24.03.     11.00 Uhr
Musikbrunch  Karten 28,- €

18.00 Uhr
Die Perlenfischer  –  Oper von Georges Bizet
Karten 12,- bis 41,- €
Hör.Oper (Audiodeskription)

So, 31.03.     18.00 Uhr
Premiere  Sommernachtstraum  –  Ballett von Bridget Breiner
Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy u.a.
Karten 13,- bis 48,- €
Anschließend Premierenfeier im Foyer


Kleines Haus / Kleines Haus Foyer

Fr, 01.03.      19.30 Uhr
Premiere  Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €


Sa, 09.03.     19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €


Do, 14.03.     19 .00 Uhr
UPDATE .3.1.
Theaterstück von und mit den Jugendlichen
Der Musiktheaterwerkstatt
Karten 3,- €

Sa, 16.03.     10.00 Uhr
Ballett.Hautnah  –  Öffentliches Training im Ballettsaal mit dem Ballett im Revier
Ausverkauft

19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €

Do, 21.03.     11.00 Uhr
Schulvorstellung  –  Oper.Kurz.Gefasst
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €


Fr, 29.03.      19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In der Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €

Sa, 30.03.     19.30 Uhr – 21.30 Uhr
Fifty-Fifty Vol. 2  –  Die Wunschkonzert Show
Mit Joachim G. Maaß, Christa Platzer,
Sebastian Schiller und Anke Sieloff
Karten 24,50 €

So, 31.03.     11.00 Uhr
Hör.Genuss  –  Mit Dongmin Lee (Sopran)
Karten 8,- €

18.00 Uhr-  20.00 Uhr
Fifty-Fifty Vol. 2  –  Die Wunschkonzert Show
Mit Joachim G. Maaß, Christa Platzer,
Sebastian Schiller und Anke Sieloff
Karten 24,50 €


—| Pressemeldung Musiktheater im Revier |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Bertolt Brecht, Kurt Weill, IOCO Kritik, 02.02.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Bertolt Brecht / Kurt Weill

Brechts Antkapitalismus im „Pott“ – Mit sarkastisch lokaler Prägung

von Viktor Jarosch

Wenn ein Kapitalismus-kritisches Werk wie Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny „im Pott, in Gelsenkirchen, geographisches Herz des von dramatischen industriellen Umbrüchen und sozialen Verwerfungen heimgesuchten Ruhrgebiets, aufgeführt wird, sind  lokale Bezüge unvermeidbar. Das Musiktheater im Revier, MiR präsentiert nun eine künstlerisch anspruchsvolle Mahagonny-Produktion, vom eigenen Ensemble mitreißend umgesetzt; mit schräg-komischem lokalem Sarkasmus versetzt, welcher die zynische Welt von Bertolt Brecht und Kurt Weill humorig ergänzt. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny reiht sich so ein in eine starke Serie neuer, bewegender Produktionen des MiR.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny   –  Bertolt Brecht / Kurt Weill
youtube Video des Musiktheater im Revier
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Mahagonny, 1927 als Songspiel entstanden, wurde adaptiert und 1930 in Leipzig als „episches Theater“ uraufgeführt. Episches Theater, ein von Bertolt Brecht geprägter Begriff, kokettiert, spielt in seinem Bühnenwerken antikapitalistisch zynisch und bunt mit gesellschaftlichen Konflikten, Krieg, ökonomischen Schräglagen. Weills Kompositionen schaffen es auf geniale Weise Musik ohne Einbußen von Qualität zu vereinfachen; so changieren in Mahagonny beständig revuehafte Songs, Choräle, Jazz-Rhythmen und erzählende Elemente in deutscher und englischer Sprache. Klassisches Illusionstheater oder Einzelschicksalen waren nicht Brechts Motivation; er suchte den marxistischen Diskurs. Brechts „Antikapitalismus-Philippiken“ lösten in der Öffentlichkeit zwar Diskussionen aus, aber keine Revolutionen. Der Kapitalismus vereinnahmte Brecht, durch Akzeptanz und Popularität. Mahagonny im MiR lebt, atmet Brechts kontroverses episches Theater in modernem Gewand und bietet eine notwendige Alternative zum klassischem Theaterrepertoire.

Jan Peter, bisher als Filmemacher, nicht als Opernregisseur bekannt – bei Schalke 04 schuf er das Video-Design des Schalke-Oratoriums „Kennst du den Mythos? – bringt Mahagonny im MiR mit Ruhrgebiets-Kolorit auf die Bühne: Bergleute, Förderturm, Würstchen. Jan Peters Vita zeigt sich dazu in Videos, Projektionen und schwarzweißen historischen Kriegsfilme, welche mit dem Vorspiel die ganze Inszenierung durchziehen; das Geschehen auf der Bühne beständig mit hintergründiger Endzeitstimmung begleiten: So zeigen sich zum Vorspiel von Mahagonny, auf dem sich hebenden Bühnenvorhang, Filmszenen des 2. Weltkriegs, marschierende Soldaten, kämpfende Jagdflieger, hungernde KZ-Insassen; zum Ende  Atombomber, welche tödliche ihe Last abwerfen.

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster

Im ersten Bild, einer halbdunklen, immer wieder von Scheinwerfern durchzogenen Bühne, erscheinen die flüchtenden, steckbrieflich gesuchten Witwe Begbick (Almuth Herbst), Fatty (von einer Frau besetzt: Petra Schmidt) und Dreieinigkeitsmoses (Urban Malmberg). Ihr Auto an einem Wüstenrand gestrandet und sie beschließen: „ Der Wagen ist kaputt. Ja, dann können wir nicht weiter. Gut, dann bleiben wir hier“. Witwe Begbick verkündet Wesen und Gesetze von Mahagonny :„Ihr bekommt leichter das Gold von Männern als von Flüssen! Darum laßt uns hier eine Stadt gründen. Und sie nennen Mahagonny, Das heißt: Netzestadt!  Und eine Woche ist hier: Sieben Tage ohne Arbeit“. Anna Maria Münzner kreiert dazu für das MiR auffällige Kostüme: Witwe Begbick mit Reitpeitsche, verwegenen roten Lockenzöpfen und prall rotem Western-Dress (Foto); Fatty, eine Frau mit weißem Zopf in coolem schwarzen Kleid; Dreieinigkeitsmoses, ein schwächlicher, kleiner Mann mit Augenbinde: mit unbegrenzten Glücksversprechen werden sie zu Göttern, Götzen ihrer neuen Gemeinde Mahagonny..

Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass

Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass

Sechs „sehr willige“ Mädchen sind die ersten weiblichen Ankömmlinge in Mahagonny, Jenny Hill (Anke Sieloff), noch brav in bürgerlich in blauem Kleid lyrisch schwermütig singend: „Oh show us the way to the next whisky-bar..“, und jenen populären Klassiker „Oh! Moon of Alabama We now must say good-bye, We ’ve lost our good old mamma, And must have whisky, Oh! you know why“. Während unter der sich leicht hebenden Bühne erste aber markante Ruhrgebiets-Bezüge sichtbar werden; das Volk ist Kumpel mit Grubenhelmen und Grubenlampen, singend: „Wir wohnen in den Städten. Unter ihnen sind Gossen, In ihnen ist nichts, Über ihnen ist Rauch. Wir sind noch drin, Wir haben nichts genossen, Wir vergehen rasch“. Während über ihnen, in Mahagonny, schon „Fahrscheine zum Glück“ verkauft werden.

Auch vier ehemalige Goldschürfer aus Alaska wollen nach Mahagonny, es müssen Gelsenkirchener Kohleschürfer sein, denn:   „Dort gibt es Fleischsalat!“: Paul Ackermann (Martin Homrich), Jakob Schmidt (Tobias Glagau), Sparbüchsenheinrich (Petro Ostapenko), Alaskawolfjo (Joachim Gabriel Maaß), Tobby Higggins (Jiyuan Qiu) treffen ein. Paul verliebt sich sogleich in Jenny, welche die Bedingungen ihrer Beziehung regelt. Der Aufstieg der Stadt Mahagonny hat begonnen.

Die Drehühne (Kathrin-Susann Brose) öffnet im nächsten Bild den Blick auf das nun in Mahagonny herrschende locker laszive Leben: Männer werden vor einer Kneipenfassade von Frauen verwöhnt; hinter durchsichtigen Vorhängen der Kneipenfenster räkeln sich Frauen sinnlich. Bis ein tödlicher Wirbelsturm (Projektion: „Pensacola ist zerstört“) angekündigt wird; den auf der Erde kauernden Menschen werden Bibeln und auch Gasmasken verteilt und Witwe Begbick ein neues Gesetz, totale Anarchie verkündet: „Du darfst alles!“, doch nur, wenn man Geld hat; begleitet von dem elegischen Song: „Denn wie man sich bettet, so liegt man, es deckt einen da keiner zu. Und wenn einer tritt dann bin ich es; und wird einer getreten, dann bist´s du“. Den Fall der Stadt Mahagonny läutet zum Ende des ersten Aktes ein Kumpel-Ruf ein: „Möchte noch jemand Würstchen?“

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen - welche vom Himmel regnen - zu Tode © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen – welche vom Himmel regnen – zu Tode © Karl + Monika Forster

Die angepriesene totale Anarchie von Mahagonny prägt im MiR deftiger „Lokalkolorit“: wenn Jakob Schmidt sich an Würstchen zu Tode frisst; solche regnen in Massen vom Himmel; wenn Männer, von einem großer Poster „Ficken“ angelockt, hinter einem grünen Vorhang verschwinden und schwankend, schwächelnd, dümmlich grinsend hervorkommen; wenn Alaskawolfjo beim Preisboxen gegen Dreieinigkeitsmoses stirbt, mit einer Kreissäge zerlegt und in einem nahen flackernden Ofen verbrannt wird; wenn Paul Ackermann nach seiner Spendierfreudigkeit bei ein Trinkgelage seine Schulden nicht bezahlen kann und verhaftet wird: „Du darfst alles, aber musst immer Geld haben!“. Den Fall der Stadt Mahagonny vertiefen zynisch humorige Zerrbilder im 3. Akt.

Wenn Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses von der Spitze eines symbolisierten Kohle-Förderturmes, als Götter, Richter oder Henker handelnd, Urteile verkünden: Links und rechts des Turmes schweben angeklagte Delinquenten in „Fördersesseln“ auf und ab: Mörder Tobby Higgins wird, nachdem er die Richter bestochen hat, frei gesprochen; der wegen Mangel an Geld („was das grösste Verbrechen ist, das auf dem Erdenrund vorkommt“) angeklagte Paul wird zum Tode verurteilt, mit der Kreissäge getötet und nach einem okkulten Trauermarsch im Verbrennungsofen „entsorgt“. Mahagonny geht unter: Die demonstrierende Bevölkerung wird erschossen; Videos zeigen eine untergehende Welt mit Bombern die Atombomben abwerfen; derweil Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses unberührt weiter ziehen: „Let us go to Benares..!“

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster

Neben der Video-gestützten Regie überzeugte die Premiere auch musikalisch: Thomas Rimes führte die Neue Philharmonie Westfalen, Ensemble und Chor auf der Bühne sicher durch die facettenreiche, filigrane Produktion. Im darstellerisch und stimmlich großartigen Ensemble gestalteten Almut Herbst als Witwe Begbick mit Petra Schmidt als Fatty und Urban Malmberg als Dreieinigkeitsmoses ein wunderbar zentrales wie dominantes gangsterkapitalistisches Dreigestirn. Anke Sieloff gab Jenny Hill mit zart lyrischer Stimme sanftes Charisma; auch die Goldschürfer, Petro Ostapenko als Sparbüchsenheinrich, Joachim Gabriel Maaß als Alaskawolfjo und Martin Homrich als Paul zeigten auf dem schmalen aber komplexen Grat Brechtscher Komik, stets zwischen Parodie, Slapstick und Zynismus wandelnd, mit großer Kunst.

Bertolt Brecht Werke wurden nur selten im MiR aufgeführt: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vor 35 Jahren. Das Publikum feierte Regie, Ensemble und Orchester der Inszenierung gleichermaßen begeistert, zeigte, dass Brecht / Weill im Spielplan vermisst wurde.

In der folgenden Premierenfeier diskutierten, genossen noch 500 Besucher im Foyer des Hauses über Stunden froh und lebhaft die gesehene MiR Produktion; untereinander, mit Ensemble, Chor, Statisten und Orchester das Gesehene, das Gespielte. Grubenlampen allerdings waren dort nicht zu sehen.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Musiktheater im Revier; die folgenden Vorstellungen 2.2.; 14.2.; 22.2.2019

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