Baden-Baden, Festspielhaus, Herbstfestspiele Baden-Baden, 2018, 23.11. – 02.12.2018

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Herbstfestspiele Baden-Baden 2018

Offenbach trifft Beethoven in Baden-Baden

Die Baden-Badener Herbstfestspiele 2018 (23. November bis 2. Dezember) feiern zwei Komponisten, die auf den ersten Blick wenig verbindet: Ludwig van Beethoven und Jacques Offenbach. An beide Genies wird in Kürze erinnert – Offenbachs 200. Geburtstag wird 2019 begangen, und das große Beethoven-Jahr (250. Geburtstag) steht 2020 an. Ihre Visionen veränderten die Musikwelt: Ludwig van Beethoven definierte sowohl die Sonatenform neu und schuf Sinfonien, die zum Kern des menschlichen Kulturerbes zählen, während Jacques Offenbach die Operette und eben auch die Oper zu neuen Höhen führte – mal gesellschaftlich bissig, mal psychologisch tiefgründig. Große Künstlerinnen und Künstler unserer Zeit interpretieren zentrale Werke dieser Komponisten zwischen dem 23. November und dem 1. Dezember 2018 im Festspielhaus Baden-Baden.

Sonderkonzert mit Anna Netrebko – 29.11.2018

Festspielhaus Baden-Baden / Anna Netrebko und Yusif Eyvazov (Sonderkonzert am 29.11.) © Vladimir Shirokov

Festspielhaus Baden-Baden / Anna Netrebko und Yusif Eyvazov (Sonderkonzert am 29.11.) © Vladimir Shirokov

Im Mittelpunkt der Baden-Badener Herbstfestspiele steht eine konzertante Aufführung der Oper Hoffmanns Erzählungen (Les contes d’Hoffmann) unter der Leitung des französischen Dirigenten Marc Minkowski. Am Sonntag, 25. November, um 17 Uhr versammeln sich dazu Stars wie Olga Peretyatko (Sopran), Luca Pisaroni (Bariton) und Charles Castronovo (Tenor) sowie der Philharmonia Chor Wien und Les Musiciens du Louvre in Baden-Baden. Bei dieser Aufführung sollte das Wort „konzertant“ allerdings nicht zu ernst genommen werden. Marc Minkowski und die Sänger planen, die turbulente Handlung auch durchaus bewegt auf die größte deutsche Opernbühne zu bringen, so dass das Publikum nicht nur die wunderbare Musik dieser Oper genießen kann, sondern auch ihre leicht skurrile Handlung leichter nachvollzieht. Offenbachs einzige Oper zählt zu den intelligentesten Kompositionen der Romantik, wenngleich sie durch Offenbachs Faible für die Operette lange Zeit nicht ernst genommen wurde. Marc Minkowski, der sich als Könner und Kenner im Bereich der historischen Aufführungspraxis viele Meriten verdient hat, möchte das allein schon durch die berühmte „Barcarole“ bekannte Werk durchaus neu befragen.

Festspielhaus Baden-Baden / Olga Peretyatko („Hoffmanns Erzählungen) © Ali Khan

Festspielhaus Baden-Baden / Olga Peretyatko („Hoffmanns Erzählungen) © Ali Khan

Schließlich galt Offenbach wie Beethoven als Komponist, der bekannte Grenzen überschritt und das Publikum seiner Zeit dadurch vor so manches Rätsel stellte, es aber auch brillant unterhielt. Minkowski, zurzeit Opernchef in Bordeaux, bringt zur Baden-Badener Aufführung sein famoses Spezialensemble Les Musiciens du Louvre mit. Die Solisten sind in Baden-Baden wohlbekannt. Olga Peretyatko brillierte hier sowohl als Adina in „L’elisir d’amore“ wie als Violetta in „La traviata“. Charles Castronovo war als Faust in Boitos „Mefistofele“ zu hören und sang die Titelpartie in Charles Gounods „Faust“ unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Luca Pisaroni ist in Baden-Baden als Leporello unvergessen – gab aber auch schon einige Konzerte mit seinem Schwiegervater Thomas Hampson.

Festspielhaus Baden-Baden / Janine Jansen: Eröffnungskonzert am 23.11. © Harald Hoffmann/Decca

Festspielhaus Baden-Baden / Janine Jansen: Eröffnungskonzert am 23.11. © Harald Hoffmann/Decca

[Von Janine Jansen wurden verschiedene Aufnahmen bei der Decca Classics veröffentlicht.]

Eroica und Missa solemnis
Ludwig van Beethovens dritte Sinfonie, die Eroica wird zum Auftakt der Herbstfestspiele am 23. November 2018, um 20 Uhr vom Swedish Radio Symphony Orchestra unter der Leitung von Daniel Harding aufgeführt. Im gleichen Konzert interpretiert die niederländische Geigerin Janine Jansen das Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ von Alban Berg. Und nachdem Sir András Schiff am Freitag, 30. November 2018 das erste Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven mit dem Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer gespielt hat, leitet der belgische Beethoven-Experte Jan Caeyers am Samstag, 1. Dezember 2018, um 18 Uhr die Missa solemnis aus Beethovens Feder. Caeyers gilt als intimer Kenner des Beethoven-Ouvres und schrieb das viel beachtete Buch „Beethoven: Der einsame Revolutionär“. Auf seine  Interpretationen ist das Konzertpublikum in Baden-Baden besonders gespannt, gründete Caeyers doch extra für seine Lesart der Musik des in Bonn geborenen Komponisten (1770-1827) ein eigenes Orchester: Le Concert Olympique.

 Anna Netrebkos Sonderkonzert ergänzt prominent besetztes Festival.
Das vor kurzem angesetzte Sonderkonzert mit Anna Netrebko und weiteren Opernstars ergänzt das Programm der Herbstfestspiele am Donnerstag, 29. November 2018 um 20 Uhr. Anna Netrebko (Sopran), Yusif Eyvazov (Tenor), Dolora Zajick (Mezzosopran) und Elchin Azizov (Bariton) werden von der Baden-Badener Philharmonie begleitet. Noch gibt es Tickets.

Kammermusik rundet das Programm ab
Aus Baden-Baden nicht mehr wegzudenken sind junge internationale Künstlerinnen und Künstler, die im „Rising Star“-Programm der Organisation ECHO (European Concert Hall Organisation) erste Schritte auf den ganz großen Podien machen. Am Montag, 26. November um 19 Uhr gastiert der „Rising- Star“ und katalonische Bariton Josep-Ramon Olivé bei einem „Konzert hinter den Kulissen“ im Festspielhaus. Besucher des Konzerts erhalten auch eine Eintrittskarte zur aktuellen Ausstellung „Die Brücke“ im Museum Frieder Burda, in dessen Rahmen der Künstler ursprünglich auftreten sollte. ECHO-Rising Star Kian Soltani (Violoncello) spielt mit Freunden und Verwandten am Mittwoch, 28. November 2018 um 20 Uhr europäische und persische Musik im Rahmen eines „Entdeckerkonzertes“ im Festspielhaus Baden-Baden. Das letzte Konzert der Herbstfestspiele 2018 ist eine Sonntags-Matinee. Am 2. Dezember um 11 Uhr spielen Jean-Guihen Queyras (Violoncello) und Alexandre Tharaud (Klavier) Werke von Bach, Scarlatti und Brahm


PROGRAMM 
Herbstfestspiele
23. November – 2. Dezember 2018
Programmübersicht

Freitag, 23. November 2018, 20 Uhr
Daniel Harding: Eroica –  Janine Jansen & Swedish Symphony Radio Orchestra
Daniel Harding, Dirigent,  Janine Jansen, Violine
Swedish Radio Symphony Orchestra

Programm:
Hector Berlioz
Ouvertüre „Chasse royal et orage“ aus Les Troyens
Alban Berg
Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“
Ludwig van Beethoven
„Eroica“ Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55

Samstag, 24. November 2018, 18 Uhr
Les Musiciens du Louvre
Marc Minkowski, Dirigent
Programm:
Felix Mendelssohn Bartholdy
„Die Hebriden“ Ouvertüre h-Moll op. 26
„Schottische“ Sinfonie a-Moll op. 56
„Italienische“ Sinfonie A-Dur op. 90

Sonntag, 25. November 2018, 17 Uhr 
Offenbach: HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN  –  Konzertante Oper
Marc Minkowski, Musikalische Leitung
Charles Castronovo, Hoffmann
Olga Peretyatko, Olympia, Giulietta, Antonia, Stella
Luca Pisaroni, Lindorf, Coppélius, Dapertutto, Dr. Miracle
Aude Extremo, La Muse, Nicklausse
Mathias Vidal, Andrés, Cochenille, Pitichinaccio, Frantz
Aurelia Legay, Stimme von Antonias Mutter
Marc Mauillon, Hermann, Schlémil
Jean Vincent Blot, Luther, Crespel
Christophe Mortagne, Nathanaél, Spalanzani
Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh)
Les Musiciens du Louvre

Montag, 26. November 2018, 19 Uhr
Konzert hinter den Kulissen – Lieder und Texte passend zum Expressionismus der „Brücke“- Zeit
Josep-Ramon Olivé, Bariton
Jordi Armengol, Klavier
Programm:
Lieder aus Katalonien von Robert Gehrhard, Eduard Toldra u. a.
Ort NEU: Festspielhaus Baden-Baden

Mittwoch, 28. November 2018, 20 Uhr
Kian Soltani & Shiraz Ensemble – Klassische europäische und persische Musik
Kian Soltani Violoncello, Kamantsche
Shiraz Ensemble:
Khorso Soltani Ney, Duduk
Farshad Soltani Kamantsche, Setar
Sepideh Raissadat Gesang
Fardjam Derakhshani Tar
Mohamad Ghavihelm Tombak, Da

SONDERKONZERT 
Donnerstag, 29. November 2018, 20 Uhr
Arien, Duette und Ensembles aus Opern von Giuseppe Verdi
Mazza . Netrebko . Zajick . Eyvazov . Azizov
Michelangelo Mazza Dirigent
Anna Netrebko Sopran
Dolora Zajick Mezzosopran
Yusif Eyvazov Tenor
Elchin Azizov Bariton
Philharmonie Baden-Baden


Freitag, 30. November 2018, 20 Uhr
Sir András Schiff & Budapest Festival Orchestra
Ivan Fischer dirigiert Dvorak und Beethoven
Ivan Fischer, Dirigent
Sir András Schiff, Klavier
Budapest Festival Orchestra
Antonin Dvorák
Legende op. 59/6
Slawischer Tanz op. 46/5
Opušteny „Der verlassene Liebhaber“ aus Vier Chorlieder op. 29/4
Ludwig van Beethoven
Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15
Antonin Dvorák
Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60


Samstag, 1. Dezember 2018, 18 Uhr
Beethoven: Missa solemnis
Jan Caeyers, Dirigent
Malin Hartelius, Sopran
Dame Sarah Connolly, Mezzosopran
Steve Davislim, Tenor
Hanno Müller-Brachmann, Bassbariton

Arnold Schönberg Chor (Leitung: Erwin Ortner) Seite 7 von 7
Le Concert Olympique
Ludwig van Beethoven
Missa solemnis D-Dur op. 123

Sonntag, 2. Dezember 2018, 11 Uhr
Jean-Guihen Queyras & Alexandre Tharaud  –  Sonntags-Matinee
Jean-Guihen Queyras, Violoncello
Alexandre Tharaud, Klavier
Johann Sebastian Bach
Suite Nr. 2 d–Moll BWV 1008 für Violoncello solo
Domenico Scarlatti
Auswahl der Klaviersonaten:
Sonate K64, Sonate K132, Sonate K3, Sonate K514, Sonate K481
Johannes Brahms
Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 1 e-Moll op. 38

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Wien, Theater an der Wien, Der Besuch der alten Dame – Gottfried von Einem, IOCO Kritik, 10.04.2018

April 10, 2018 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Der Besuch der alten Dame  – Gottfried von Einem

Von Marcus Haimerl

Das Schöne an Jubiläen ist, dass lange nicht gespielte Werke wiederentdeckt werden können. So auch anlässlich des 100. Geburtstags Gottfried von Einems. Das Theater an der Wien entschied sich für die am 23. Mai 1971 an der Wiener Staatsoper uraufgeführte Oper Der Besuch der alten Dame.

Egon Hilbert und Friedrich Dürrenmatt: Das Ringen um „Den Besuch der…“

Die Wiener Staatsoper hatte wesentlichen Anteil der Entstehung der Oper. Obwohl ihm sein Lehrer Boris Blacher abriet, Werke lebender Autoren zu vertonen, war Gottfried von Einem von der Idee besessen aus Friedrich Dürrenmatts Theaterstück eine Oper zu machen. Doch Dürrenmatt lehnte ab. Er habe schon Aufführungen von Fidelio und Così fan tutte erlebt und diese grauenhaft empfunden. Auch eine Aufnahme von Dantons Tod als Beweis des Könnens Gottfried von Einems kam nicht in Frage, eine Live-Aufführung hingegen wäre eine Möglichkeit. Nun spielte es zwar Dantons Tod noch an den Theatern, nicht jedoch zu den Terminen an denen Friedrich Dürrenmatt Zeit gehabt hätte. Retter in der Not war schließlich Egon Hilbert, Direktor der Wiener Staatsoper. Kurzerhand wurde eine Vorstellung von Don Giovanni mit Dantons Tod ersetzt. Und Dürrenmatt zeigte sich so begeistert, dass er nicht nur seine Zustimmung gab, sondern auch gleich das Libretto selbst verfasste.

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Der britische Regisseur Keith Warner setzte im Theater an der Wien den Besuch der alten Dame eindrucksvoll und schlüssig in Szene. Friedrich Dürrenmatt bemerkte, dass dieses böse Stück, welches nicht böse, sondern aufs humanste wiedergegeben werden sollte, ebenso mit Trauer, nicht mit Zorn und auch mit Humor. Nichts schade dieser tragisch endenden Komödie mehr als tierischer Ernst. Und dies ist Keith Warner weitestgehend auch gelungen.

Grau und farblos zeigt sich nicht nur das heruntergekommene Städtchen Güllen, sondern auch seine Bewohner, während sie auf die Ankunft der Milliardärin Claire Zachanassian warten. Diese war früher selbst Einwohnerin, von Alfred Ill geschwängert und verleumdet, wurde sie aus dem Dorf verjagt. Sie entsteigt einem Schnellzug, welchen sie mit der Handbremse zum Halt in Güllen gezwungen hat. In ihrem Gefolge ein schwarzer Panther, Gatte VII, ein Butler, Sänftenträger und zwei ältere, blinde Herren in himmelblauen Kleidchen mit Rosa Schleife, welche sich als jene bestochenen Zeugen handelt, die Mitverantwortung für die Vertreibung von Claire trugen. Auch ein Sarg ist im Gepäck. Der Einfachheit halber wird der Sarg im Pappkarton mit der Aufschrift Åmen zum Selbstzusammenbau transportiert. Eine Milliarde soll Güllen erhalten, allerdings nur unter der Bedingung, dass man ihr die Leiche Alfred Ills übergibt. Mit dieser Milliarde möchte sie sich Gerechtigkeit für die Verleumdung vor Gericht erkaufen. Obwohl dies vehement abgelehnt wird, kaufen die Bürger im Krämerladen Alfred Ills teuer ein und lassen anschreiben.

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Claire Zachanassian  –   „Recht und Gerechtigkeit kauft man!“

Die Häuser des Ortes und auch die Kleidung der Bevölkerung werden mit steigenden Geldfluss immer bunter und selbst der Pfarrer hat sich eine neue Glocke gekauft. Alle Versuche Claire Zachanassian zu überzeugen von dem Mord abzulassen schlagen fehl, sie erfahren vielmehr, dass die Milliardärin die ganze Stadt sukzessive aufgekauft und die Fabriken geschlossen hat, um die Stadt für sie erpressbar zu machen. Mittlerweile hat sich auch Ills Familie dem allgemeinen Wohlstand ohne finanzieller Deckung angeschlossen. Aus dem einfachen Krämerladen ist ein moderner Supermarkt geworden, welcher Luxusartikel von Hummer bis Champagner im Angebot hat. In einer grellen Halle findet die einberufene Gemeindeversammlung statt. Hier wird Alfred Ill vor laufender Kamera die Zustimmung abgezwungen, alles, was beschlossen wird, um das Milliardengeschenk zu erhalten, zu akzeptieren. Die Bevölkerung sieht ihr Handeln als moralisch gerechtfertigt: handelt es sich hier ja lediglich um Gerechtigkeit. Man übergibt Claire Zachanassian den Leichnam Ills, sie übergibt der Stadt einen Scheck, welcher auf dem Zug befestigt ist, welcher die hintere Wand des Raums zum Einsturz bringt und die Milliardärin wieder aus Güllen fortführen wird.

Die Bilder (Ausstattung David Fielding) wechseln von der Ästhetik schwarzweißer Nachkriegsfotos bis hin zu den goldglitzernden Kostümen der Bewohner und dem hellen, nahezu grellen, sterilen Festsaal am Ende der Oper.

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Aber auch die musikalischen Leistungen sind beachtlich. Katarina Karnéus bewältigt die fordernde Partie der Claire Zachanassian vokal und darstellerisch mit der gebotenen Verbitterung, aber auch beängstigender Belustigung. In Russel Braun findet sie einen intensiven Alfred Ill, dem es gelingt dem Publikum Mitgefühl für sein Schicksal abzuringen. Raymond Very als Bürgermeister und Adrian Eröd als Lehrer beindrucken auf höchstem Niveau. Auch das restliche, große Ensemble, darunter Mark Milhofer als Butler Boby, Cornelia Horak als Ills Gattin und Anna Marshania als Tochter Ottilie um einige zu nennen, leisten ebenso Großartiges wie auch der Arnold Schönberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner. Und auch Michael Boder und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien meistern Gottfried von Einems komplexe Musik scheinbar mühelos.

Das Publikum, im ausverkauften Haus, zeigte sich, bei diesem zeitgenössischen Werk beinahe ungewöhnlich, unglaublich begeistert. Besser kann man den 100. Geburtstag Gottfried von Einems kaum feiern.

Wien, Theater an der Wien, Maria Stuarda von Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 10.02.2018

Februar 10, 2018 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Maria Stuarda von Gaetano Donizetti

Im Banne des Belcanto  

Von Marcus Haimerl

Friedrich Schillers im Jahr 1800 uraufgeführtes Drama Maria Stuart diente als Vorlage für Gaetano Donizettis Oper Maria Stuarda. Wie schon die Vorlage hält sich die Oper nicht an die historischen Gegebenheiten. Sind sich die Tudor-Königin Elisabeth I. und die schottische Königin Maria Stuart im wahren Leben nie begegnet, bildet in den beiden Werken gerade diese Begegnung nicht nur den Höhepunkt, vielmehr findet hier auch gleichzeitig die Wende statt. Nach einem heftigen Wortgefecht ist Maria Stuarts Schicksal besiegelt.

Theater an der Wien / Maria Stuarda - hier Malies Petersen als Maria Stuarda © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Maria Stuarda – hier Malies Petersen als Maria Stuarda © Monika Rittershaus

Doch hatte Donizetti mit seiner Maria Stuarda kein Glück. Das Teatro San Carlo in Neapel bestellte eine Oper für den Herbst 1834 und auf Vorschlag des Komponisten entschied man sich für die Vertonung von Schillers Drama. Die Proben zur Uraufführung verliefen zwar gut, obwohl es Gerüchte gab, die Darstellerinnen der rivalisierenden Königinnen hätten ihre persönliche Antipathie auch auf der Bühne ausgelebt und es wäre zu Handgreiflichkeiten gekommen, dennoch machte schließlich die Zensur Donizetti einen Strich durch die Rechnung: einen Tag nach der Generalprobe erfolgte der Bescheid über ein vollständiges Aufführungsverbot. Die eigentliche Uraufführung fand schließlich am 30. Dezember 1835 an der Mailänder Scala statt. Doch auch hier war dem Werk kein Glück vergönnt. Erst musste schneller Ersatz für die Partie der Elisabetta gefunden werden, schließlich erkrankte auch die Primadonna. Dennoch bestand Maria Malibran darauf aufzutreten und Probleme mit der Zensur führten dazu, dass der Erfolg ausblieb. Wiederbelebungsversuche zwischen 1837 und 1845 blieben erfolglos. Erst Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde Maria Stuarda wiederentdeckt und etablierte sich zu einer der meistgespieltesten Opern Donizettis in den Spielplänen großer Opernhäuser.

Theater an der Wien / Maria Stuarda - hier Gieorgij Puchalski als Der Vertraute der Königin, Stefan Cerny als Giorgi Talbot, Conte di Shrewsbury, Arnold Schoenberg Chor © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Maria Stuarda – hier Gieorgij Puchalski als Der Vertraute der Königin, Stefan Cerny als Giorgi Talbot, Conte di Shrewsbury, Arnold Schoenberg Chor © Monika Rittershaus

Im Theater an der Wien inszenierte Christof Loy Donizettis Belcanto-Oper. Eine steil ansteigende Drehbühne dominiert die Kulisse dieser Produktion und auf eben jener Schräge, welche sich langsam und knarzend rotiert, treffen die beiden königlichen Rivalinnen aufeinander. Befindet sich der tiefste Punkt dieser Scheibe am Bühnenrand haben auch die Besucher im Parkett die Möglichkeit der Handlung zu folgen. Ansonsten hat man erst am dem ersten Rang eine gute Sicht und die sicherlich bessere Akustik. Die Produktion lebt einzig von den Protagonisten die auf leerer Bühne spielen. Diese agieren im ersten Teil der Oper in historischen Kostümen, auch wenn Elisabetta ihren Reifrock fallen lässt und dem Graf von Leicester schließlich in Hosen und Stiefeln entgegentritt. Nach der Pause dominiert schließlich Alltagskleidung, die Königinnen in schwarzen Hosenanzügen, die Herren in schwarzen Anzügen (Ausstattung: Katrin Lea Tag).

Theater an der Wien / Maria Stuarda - hier Alexandra Deshorties als Elisabetta, Gieorgij Puchalski als Der Vertraute der Königin, Die Pagen © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Maria Stuarda – hier Alexandra Deshorties als Elisabetta, Gieorgij Puchalski als Der Vertraute der Königin, Die Pagen © Monika Rittershaus

Obwohl Christof Loy sich im Grunde auf eine kluge Personenführung versteht, gibt es, vielleicht auch der Handlungsarmut geschuldet, kaum zündende Ideen, welche die Handlung spannend vorantreiben könnten. Plakativ ist jedenfalls das Finale, wenn Marias Hinrichtung zur Chefsache wird und Elisabetta höchstselbst das Henkersbeil schwingt.

Diese Produktion lebt vor allem von den beiden Hauptdarstellerinnen. Die frankokanadische Sopranistin Alexandra Deshorties ist eine imposante Elisabetta mit markanter, etwas herber Stimme und scharfen Attacken. Marlis Petersen kann als Maria Stuarda nicht nur darstellerisch überzeugen. Mit lyrischer Schönheit, perfekter Intonation und erstklassigen Koloraturen ist die deutsche Sopranistin der Star des Abends.

Eine tadellose Leistung von Norman Reinhardt als Leicester, welcher jedoch neben den beiden Damen etwas verblasst. Stefan Cerny beweist mit sonorem Bass, dass er auch im Belcanto-Fach überzeugen kann. Sehr solide Leistungen auch von Natalia Kawalek als Anna Kennedy und Tobias Greenhalgh als Cecil. In gewohnt hoher Qualität agierte der Arnold Schönberg Chor und das ORF Radio-Symphonyorchester Wien unter der Leitung von Paolo Arrivabeni.

Das Publikum zeigte sich zu Recht begeistert, ließen sich doch einige Schwächen durch die beeindruckenden Leistungen der beiden Protagonisten sehr leicht vergessen.

Maria Stuarda wurde in Theater an der Wien in der Zeit vom 19.1. – 30.1.2018 gespielt.