Heidelberg, Theater Heidelberg, Benjamin – Oper von Peter Ruzicka, IOCO Kritik, 29.03.2019

März 29, 2019 by  
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Theater Heidelberg © Thomas Ott

Theater Heidelberg © Thomas Ott

Theater und Orchester Heidelberg

Das Theater Heidelberg im Zentrum der Stadt am Neckar ist ein Fünf-Sparten-Haus mit Musiktheater, Konzert, Schauspiel und Tanz sowie einem eigenen Ensemble für Kinder- und Jugendtheater. Seit 2005 gehört auch das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg zum Theater und bildet eine eigene Sparte mit zahlreichen Konzerten sowie der Begleitung von Operninszenierungen. Intendant ist seit der Spielzeit 2011|12 Holger Schultze.

Das Theater Heidelberg wurde vom Stadtbaumeister Friedrich Lendorf im spätklassizistischen Stil erbaut und am 31. Oktober 1853 mit einer Aufführung von Friedrich Schillers Die Braut von Messina eröffnet. Im 19. Jahrhundert erweiterte man das Gebäude und baute es mehrmals um. 1924 wurde es innen und außen umgestaltet und 1925 mit Johann Wolfgang Goethes  Egmont  wiedereröffnet. 1978|79 erfolgte eine weitere Restaurierung, 1990 eine Foyer-Erweiterung, wobei der Zustand von 1924 wiederhergestellt wurde. 2006 wurde das Theater wegen erheblicher baulicher Mängel geschlossen. Im August 2009 wurde mit der Sanierung des Theaters sowie einem Theaterneubau begonnen. Der neue, große Saal des Theaters, Marguerre-Saal, fasst 600 Zuschauer.

Die neueste Sanierung umfasst den gesamten Komplex des Theaters. Der denkmalgeschützte Zuschauerraum in der Theaterstraße 8 und die historischen Gebäude Theaterstraße 4, 6 und 10 sowie das denkmalgeschützte Haus in der Friedrichstraße 5 wurden in einen modernen Theaterbau integriert. Das Theater wurde darüber hinaus um einen neuen zweiten Saal erweitert. Beide Bühnen verfügen über unabhängige Zugänge für das Publikum. Darüber hinaus gibt es die externen Spielstätten Zwinger 1, vorwiegend für Schauspiel- sowie kleinere Tanz- und Opernproduktionen und als Bühne für das Junge Theater Heidelberg den Zwinger 3.

Benjamin – Oper von Peter Ruzicka

– Im Angesicht des Todes –

von Hanns Butterhof

Das Theater Heidelberg hat als zweites Theater nach Hamburg, wo im Juni 2018 die Uraufführung stattfand, das Musiktheater in sieben Stationen „Benjamin“ von Peter Ruzicka (Musik) und Yona Kim (Libretto) auf die Bühne gebracht. Mit Benjamin lassen Ruzicka und Kim den Philosophen Walter Benjamin (1892 – 1940) kurz vor seinem Tod im spanischen Grenzort Portbou in sieben Stationen auf sein Leben zurückblicken. Für das Publikum bleiben viele Fragen offen.

Benjamin  –  Oper von Peter Ruzicka
youtube Trailer des Theater Heidelberg
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Im Angesicht des Todes, so heißt es, blitzen dem Sterbenden noch einmal entscheidende Stationen seines Lebens auf. Die Stationen des Stücks zeigen Walter Benjamin (Miljenko Turk), einen Säulenheiligen der antiautoritären 68er-Bewegung, kurz vor seinem Tod wesentlich in den aufblitzenden Beziehungen zu anderen, für ihn wichtigen Personen; alle werden nur mit Vornamen und abgekürzten Nachnamen genannt, sind aber deutlich identifizierbar.

Die Walter Benjamin Gedenkstätte in Portbou, Spanien – LINK HIER

Wie in einer inneren Dialektik folgt auf die These einer Person stets die Gegenthese, ohne dass es zu einer Synthese kommt. So rät ihm die tatkräftige und hellsichtige Hannah Arendt (Shahar Lavi) im französischen Internierungslager kettenrauchend zur schnellstmöglichen Flucht nach Amerika. Auch der Zionist Gershom Scholem (James Homann) fordert ihn zur Emigration nach Israel auf. Zu beidem kann sich Benjamin nicht entschließen; in einer langen Projektion von anbrandendem Meer zeichnet das Orchester extrem repetitiv und gehetzt seine ziellosen Fluchtgedanken, die er schließlich zugunsten seiner romantischen Bindung an Heimat und Sprache verwirft.

Wie schlechtes Gewissen erscheint darauf seine in strenges Schwarz (Kostüme: Inge Medert) gekleidete Ehefrau Dora Keller (Denise Seyhan), die ihm vorwirft, nur ein Verhältnis zu Wörtern, nicht aber zur Realität zu haben. Da flattert mit Asja Lacis (Yasmin Özkan), die in hellem Kleid wie ein Vögelchen tirilierend von der Seitentreppe herabschwebt, Abhilfe herbei. Die stramme Kommunistin aus Lettland wie auch der linientreue Dichter Bertolt Brecht (Winfried Mikus) rufen Benjamin zur roten Fahne und zu handfester Praxis auf. Doch die vergisst er bald und zeigt sich mehr der schönen Aktivistin zugewandt. Als sie nach Riga geht, folgt ihr Benjamin, zweifelt aber nicht erst beim Hitler-Stalin-Pakt 1939 an der Kommunistischen Partei, der Asja unverbrüchlich die Treue hält. Plakativer Marschrhythmus macht Benjamins Vorahnung des Krieges, ein sphärischer Chor (Einstudierung: Ines Kaun) die des Holocaust deutlich.

Theater Heidelberg / Benjamin - Oper von Peter Ruzicka - hier : Miljenko Turk als Benjamin © Sebastian Buehler

Theater Heidelberg / Benjamin – Oper von Peter Ruzicka – hier : Miljenko Turk als Benjamin © Sebastian Buehler

Da erinnert sich Benjamin daran, dass ihm schon seine Mutter und später seine Frau Ungeschick attestiert haben. In den Jungen und Mädchen des roten Kindertheaters, das er mit Asja betreibt, steht ihm das „bucklicht Männlein“ aus Achim von Arnims Märchen vor Augen, ein Kobold, der Schuld daran hat, dass ihm alles misslingt. Das ist Verzweiflung pur. So will er am Ende nur noch dem Messer der Verfolger zuvorkommen, der Selbstmord in Portbou als Konsequenz wird nicht ausgespielt, nur das Orchester verstummt langsam.

Das ist schlüssig entwickelt. Dass Benjamin irgendwo tödlich strandet, wird aber so zu sehr ihm selber angelastet. Als habe dieser in Gedanken verliebte dialektische Romantiker nie in einer Wirklichkeit ankommen und seine widerstreitenden Tendenzen in einer Synthese ruhigstellen können. Aber nicht deshalb, sondern weil er die Auslieferung an Nazideutschland fürchten musste, hat sich Benjamin in Portbou umgebracht.

Die Bühne Anne Neusers für Benjamin ist zeit- und ortlos. Eine graue, als Video-Projektionsfläche taugliche Wand schließt sie nach hinten ab, davor stehen in einem offenen U einfache Tische und Stühle; hier könnte alles mögliche verhandelt werden.

Regisseur Ingo Kerkhof hat sich, angeregt von Benjamins Auseinandersetzung mit Brechts Theorie des Epischen Theaters, dazu entschlossen, auch Benjamin episch zu inszenieren. Das ist nicht unproblematisch, weil es keine offensichtlich politische Botschaft gibt, die dem Publikum zur Einsicht gebracht werden soll. Wenn zudem die Figuren holzschnittartig gezeichnete Ideenträger sind, die sich nahezu jeder Einfühlung und Anteilnahme verschließen, wird das Bühnengeschehen rasch öde.

Als zum Prolog an die vierzig Choristen in Alltags- und Freizeitkleidung die Bühne betreten, sagen sie verschiedene Sätze Benjamins auf, während sie verschiedene Personen durch ein Pappschild mit dem Namen „Walter“ als Benjamin kenntlich machen. Erst später verwandelt sich dann Miljenko Turk mit dem typischen dunklen Dreiteiler in Benjamin, setzt dessen Brille auf und bindet das charakteristische Bärtchen unter seiner Nase fest. Danach fällt der Regie nur noch wenig ein. Benjamin muss sich viel auf dem Boden herumwinden, in Marx‘ Kapital blättern und mit Brecht Schach spielen. Hannah Arendt raucht Zigarette, Brecht qualmt Havanna-Zigarre und trägt ein rotes Megaphon, während Asja Lacis sich revolutionär körperlich ertüchtigt und dem Kinderchor rote Halstücher umbindet.

Trotz allem plakativ Verfremdeten gibt es schöne Szenen, in denen nicht etwas bloß behauptet, sondern erspielt wird. So wird einmal Benjamins Praxisbeziehung ohne Worte deutlich. Bei der Armenspeisung mit Asja vergisst er alsbald die Armen und turtelt theoretisierend mit seiner Geliebten, bis sich die Hungrigen selber die Suppe aus dem Topf holen.

Wer Walter Benjamin nicht als Philosoph kennt, wird von ihm und seinem Denken nichts durch Yona Kims Libretto erfahren. Es besteht aus einer Abfolge von klugen Benjamin-Zitaten, die durch ihre kontextlose Aneinanderreihung allen Sinn verlieren. Dafür ist schon der Prolog beispielhaft, in dem die Zitate sich überschneidend zu einem unverständlichen Geräuschwust ballen. Das Libretto ist eine schmerzhafte Text- Ausschlachtung.

Theater Heidelberg / Benjamin - Oper von Peter Ruzicka - hier : Asja und Benjamin bei der Armenspeisung © Sebastian Buehler

Theater Heidelberg / Benjamin – Oper von Peter Ruzicka – hier : Asja und Benjamin bei der Armenspeisung © Sebastian Buehler

Für die Sängerinnen und Sänger bleibt wenig mehr als deklamatorischer Sprechgesang übrig, den Miljenko Turk mit kräftigem Bariton, Shahar Lavi mit prägnantem Mezzo wie auch Denise Seyhan, Winfried Mikus und James Homann ihren Rollen entsprechend bewältigen. Nur Yasmin Özkans fällt mit ihren wahnsinnigen Koloraturen aus dem musikalischen Muster; es ist die einzige ironische Distanzierung Ruzickas und gilt wohl ebenso ihren Ideen wie Benjamins Eingehen darauf.

Die Musik Ruzickas verhält sich nicht illustrativ zum Libretto, sondern geht den Gefühlen Benjamins in den verschiedenen Situationen nach. Sie malt so dessen eindringliches Psychogramm, dissonant seiner inneren Zerrissenheit und ewigem Streben nach einem theoretischen Ruhepunkt folgend, bei gleichzeitiger Angst davor, ihn zu finden.

Elias Grandy am Pult des gut aufgelegten Philharmonischen Orchesters Heidelberg dirigiert die Musik, die sich über weite Partien in einem schmalen dissonanten Ausdruckskorridor bewegt, sehr durchsichtig. Er lässt Benjamins Ängste wie in einem Gewitter dunkel grollen und aufblitzen, seine Liebe von zarten Streichern malen, mit viel Schlagwerk und Alltagsgeräusch bricht schmerzhaft äußere Wirklichkeit herein. Aus der modernen Musiksprache des Henze-Schülers Ruzicka fällt in der Fünften Station der berührende „Jerusalem“-Chor aus seiner Celan-Oper heraus wie am Schluss Henri Duparcs Baudelaire-Vertonung L’invitation au voyage. Dieses Lied hat nahezu Puccinischen Schmelz und endet mit Orgelklang wie ein Requiem für Walter Benjamin.

Im Angesicht des Todes, so heißt es, blitzen dem Sterbenden noch einmal entscheidende Stationen seines Lebens auf. Es ist nicht überliefert, welchen Grad an Richtigkeit solchen Erinnerungen zukommt. Doch bei einem Musiktheater-Stück wie Benjamin ist nicht unerheblich, was erinnert wird. Was Peter Ruzicka und Yona Kim an Benjamin erinnern lassen, wird diesem nicht gerecht und überzeugt auch nicht davon, dass dieses Musiktheater notwendig komponiert werden musste.

Nach eineinhalb Stunden Musik-Theaters ohne Pause gab es freundlichen Beifall für alle Beteiligten, vor allem Miljenko Turk, Yasmin Özkan, Elias Grandy und das Philharmonische Orchester Heidelberg.

Benjamin im Theater Heidelberg, die einzige weitere Vorstellung der Spielzeit am 8.4.2019

—| IOCO Kritik Theater und Orchester Heidelberg |—

Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Schenkung Kleiner Urwald – Heinz Mack, Januar 2019

Museum Kunstpalast

Cranach 2017

Museum Kunstpalast / Nachtaufnahme Museum Kunstpalast, © Stefan Arendt, Medienzentrum Rheinland

Museum Kunstpalast / Nachtaufnahme Museum Kunstpalast, © Stefan Arendt, Medienzentrum Rheinland

Kunstpalast erhält kapitale Schenkung
„Kleiner Urwald“ – ein Hauptwerk von Heinz Mack

Im Herbst des vergangenen Jahres sorgte das Lichtrelief Kleiner Urwald von Heinz Mack (*1931) für internationales Aufmerksamkeit. Das aus dem Jahr 1966 stammende Hauptwerk aus der Serie der Aluminiumreliefs erzielte einen Auktionsrekord. Erstmals überstieg der Preis für ein Kunstwerk von Heinz Mack die Millionengrenze. Dank der großzügigen privaten Schenkung des Düsseldorfer Unternehmers Fritz Bagel kommt Kleiner Urwald, ein großformatiger Objektkasten mit einer Assemblage reflektierender Aluminiumgitter (2,04 m x 3,04 m x 7 cm), in den Kunstpalast. In der Geschichte des Kunstpalastes ist es eine der wertvollsten Schenkungen eines künstlerischen Einzelwerks.

Museum Kunstpalast / Pressekonferenz anlässlich der Schenkung "Kleiner Urwald" Heinz Mack, © Anne Orthen

Museum Kunstpalast / Pressekonferenz anlässlich der Schenkung „Kleiner Urwald“ Heinz Mack, © Anne Orthen

„Ich bin sehr dankbar, aber auch stolz, dass wir mit der Schenkung von Kleiner Urwald ein Hauptwerk aus dem OEuvre von Heinz Mack für unseren Sammlungsbereich Moderne Kunst erhalten“, freut sich Felix Krämer, Generaldirektor Kunstpalast. Heinz Mack lebt seit Jahrzehnten in der Region. Er hat 1957 in Düsseldorf gemeinsam mit Otto Piene die Zero-Kunstbewegung begründet, der sich vier Jahre später Günther Uecker anschließt. Macks Kunst – ob Skulptur, kinetisches Lichtrelief, Malerei oder Grafik – findet weltweit Anerkennung.

Kleiner Urwald ist in der Sammlung des Kunstpalastes eine schlüssige Ergänzung zu den bereits vorhandenen, aber formal strengeren Arbeiten von Heinz Mack, wie Door of Paradise oder Lichtschleier. „Diese Schenkung ist,“ erläutert Krämer, „ein wichtiges Signal für uns und zeigt, dass der Kunstpalast als Bürgermuseum Profil gewinnt. Gerade in Zeiten begrenzter Ankaufsetats ist die private Unterstützung für die Erweiterung unserer Sammlung von großer Bedeutung für uns.“

Museum Kunstpalast / Heinz Mack - Kleiner Urwald, 1966  Copyright : VG Bild-Kunst 2019 Foto : Stephan Arendt, LVR-ZMB

Museum Kunstpalast / Heinz Mack – Kleiner Urwald, 1966
Copyright : VG Bild-Kunst 2019
Foto : Stephan Arendt, LVR-ZMB

„Dass ich dazu beitragen konnte, dass dieses herausragende Werk der Zero-Kunst von Heinz Mack aus den sechziger Jahren in Deutschland bleibt und in meiner Heimatstadt im Kunstpalast der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann, erfüllt mich mit Freude“, erläutert Fritz Bagel. „Meine Familie und ich sind seit Jahren mit Heinz Mack befreundet und nach wie vor von seiner Licht und Dunkel, Statik und Dynamik verbindenden Kunst fasziniert. Ich wünsche mir sehr, dass die Besucher des Kunstpalastes diese Faszination teilen.“

Museum Kunstpalast / Pressekonferenz anlässlich der Schenkung "Kleiner Urwald" Heinz Mack, © Anne Orthen

Museum Kunstpalast / Pressekonferenz anlässlich der Schenkung „Kleiner Urwald“ Heinz Mack, © Anne Orthen

Kleiner Urwald gehört zu den formal freiesten Arbeiten von Heinz Mack in der Werkgruppe der Aluminiumreliefs, in der neben die immateriellen Lichteffekte auch Assoziationen zu Pflanzenformen in Erscheinung treten. Das Thema der Vegetation hat Mack nach diesem frühen Schlüsselwerk von 1966 in weiteren, teils großformatigen Werken wie Der Garten Eden (1976) oder dem Bühnenbild zu William Shakespeares Sommernachtstraum (1985) mehrfach wiederaufgegriffen, was die Relevanz der Arbeit Kleiner Urwald im Gesamtwerk des Künstlers nachdrücklich unterstreicht.

„Diese private Schenkung von Fritz Bagel ist für den Kunstpalast ein Zeichen großer Wertschätzung für die hier geleistete Arbeit“, freut sich Oberbürgermeister Thomas Geisel. „Ich danke Fritz Bagel herzlich für diesen spektakulären Zuwachs zu der im Kunstpalast bereits auf hohem Niveau gesammelten Zero-Kunst. Und vor allem dafür, dass durch diese großzügige Gabe das Werk einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird. Es ist ein schönes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement in unserer Stadt, das hoffentlich Schule macht“, fasst Oberbürgermeister Geisel zusammen.

—| Pressemeldung Museum Kunstpalast |—

München, Münchner Kammerspiele, Hannah Arendt im Briefwechsel – Lesung, IOCO Kritik, 27.10.2018

Oktober 27, 2018 by  
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Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Hannah Arendt  – Briefwechsel mit Freundinnen – Eine Lesung

„Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen“

Von Hans-Günter Melchior

Der Intendant der Münchner Kammerspiele Matthias Lilienthal steht beim konservativen Publikum unter ziemlichem Beschuss. Der Hauptvorwurf: zu wenig Schauspiel, zuviel Performance, Diskussionen, Konzerte u.dgl.

Münchner Kammerspiele / Maja Beckmann © Tien Nguyen The

Münchner Kammerspiele / Maja Beckmann © Tien Nguyen The

Nun haben die Kammerspiele aber einen Volltreffer gelandet. In der erstaunlich gut besuchten Kammer 1, dem Haupthaus, lasen die Schauspielerinnen Maja Beckmann Annette Paulmann und Julia Riedler, assistiert von Rachel Salamander, die die Konzeption entwarf, aus dem Briefwechsel Hannah Arendts mit ihren Freundinnen Anne Weil, Helen Wolff und Hilde Fränkel.

Leider sind die Briefe Arendts an Anne Weil verschollen, diejenigen von Anne Weil (gelesen von Maja Beckmann) aber erhalten.

Es ist Nachkriegszeit. Allenthalben herrscht noch die Not, insbesondere fehlt es an Luxusgütern wie etwa Kaffee. Hannah Arndt (1906-1975) schickt Pakete an die Freundin aus den USA nach Frankreich, wo Weil in beengtesten Verhältnissen wohnt (ihre Freude: „wie immer 6 Pfund Kaffee“).

Anne Weil, eine Jugendfreundin Arendts, macht keinen Hehl aus der Mangelsituation und bezeichnet die eigenen Briefe ein wenig zerknirscht als „Seelenschmusbriefe“. Dabei sind ihre Schreiben alles andere als Seelenschmus. Sie sind analytisch, genau und unpathetisch. Machen keinen Hehl aus den Feindseligkeiten der französischen Sieger gegenüber den Emigranten. Auch die Furcht vor den Deutschen steckt der Schreiberin noch in den Knochen. Doch „wir fangen schon wieder an, sie zu bewundern.“

Der Briefwechsel mit der Verlegerin Helen Wolff (Rachel Salamander liest ihre Briefe) musste zunächst eine Hürde überwinden: Arendt hatte es abgelehnt, eine Rezension über ein Buch des Verlags zu schreiben.

Münchner Kammerspiele / Annette Paulmann © Tien Nguyen The

Münchner Kammerspiele / Annette Paulmann © Tien Nguyen The

Nach einem klärenden Schreiben Hannah Arendts (gelesen von Annette Paulmann) entschuldigt sich Helen Wolff: „Ich bin beschämt.“ Danach beherrschen Interesse, Alltagssorgen und Zuwendung die Schreiben, wenn auch auf das distanzierende Sie nicht verzichtet wird. Auch ein gemeinsames Buchprojekt wird besprochen. Wolff schreibt, eher beiläufig, über den Ehemann, seine Krankheiten, mit denen er – so ihr ironischer Seitenhieb – seine Sünden abbüßt. Keine seitenlangen Theorien, keine philosophischen und politischen Abhandlungen, eher eingestreute Bemerkungen, das Menschliche, die Sorgen stehen im Vordergrund.

Man ist bewegt. Eine tiefe Verbeugung vor der politisch-philosophischen – großen – Denkerin Arendt ob ihres Feingefühls.

Am offensten, ja schutzlosesten ist der Briefwechsel mit der sterbenskranken (sie hatte Lungenkrebs) Hilde Fränkel aus den Jahren 1949/50, in denen sich Arendt auf einer Reise durch Europa befindet. Die Beziehung ist durch eine sehr innige Freundschaft geprägt, vielleicht, so Arendt an Fränkel, „weil Du keine Intellektuelle bist.“

„Die Männer sind eine ziemlich lästige Bagage…“

Fränkel berichtet von ihrer letzten „erotischen Eroberung“, sie ist enttäuscht über Paul Tillich, der über viele Jahre ihr Geliebter war. Fränkel: „Männer sind eben Bagage“. Darauf Arendt:Ja, die Männer sind eine ziemlich lästige Bagage, nur kommt man ohne sie doch nicht aus. Ist doch wahr.

Hannah Arendt, die Berühmte, Freundin berühmter Männer. Sie berichtet über ihre Besuche bei ihrem ehemaligen Lehrer Martin Heidegger in Freiburg und Karl Jaspers in Basel.

Münchner Kammerspiele / Julia Riedler © Tien Nguyen The

Münchner Kammerspiele / Julia Riedler © Tien Nguyen The

Ach ja, Heidegger, der Holzfäller und Waldbewohner, der sich durchs Dickicht der Existenz dachte. Bei dem Bericht über dessen häusliche Zustände weht kleinbürgerlicher Mief durch die Zeilen, man riecht förmlich die Küchendämpfe. Und man kann sich gut vorstellen, wie sich Heidegger, der große Sinnsucher im Sein, sich ums konkrete und aktuelle Dasein angesichts des problematischen Besuchs sorgte. Da kam immerhin die ehemalige Geliebte aus den Gießener Tagen in sein Haus, wohl argwöhnisch umschlichen von der Ehefrau. Die sich – vielleicht – am Ende in Demut übte, hatte sie doch den großen Philosophen vor langer Zeit mit einem außerehelichen Kind „beschenkt“. Ein Romanstoff mit satirischer Färbung. Ganz entspannt ging es vermutlich nicht zu, Arendt schreibt jedenfalls, der Martin sei herumgelaufen wie ein „begossener Pudel“.

Voller Hochachtung und Ehrerbietung für den Doktorvater Jaspers ist hingegen der Bericht über den Besuch in Basel.

Worte verhallen zu schnell, die stilistischen Einzelheiten, die souveräne sprachliche Behandlung auch des Heiklen. die lockeren Einsprengsel aus dem Französischen oder Englischen –, das alles sind Preziosen, die man zu leicht vergisst, wenn man sie nur hört. Man muss sie lesen. (s. Hannah ArendtWie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen“, Piper Verlag München 2017)

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—