Dresden, Semperoper, Gustav-Mahler-Jugendorchester mit Herbert Blomstedt, IOCO Kritik, 03.09.2019

September 3, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Das Gustav-Mahler-Jugendorchester – unter Herbert Blomstedt

– Junge Talente treffen auf Jahrzehnte Pulterfahrung –

von Thomas Thielemann

Nachdem 1976 das Jugendorchester der Europäischen Union seine Tätigkeit aufgenommen hatte, bemühte sich eine Gruppe um Claudio Abbado (1933-2014), das gemeinsame Musizieren auch jungen österreichischen Musikern mit Kollegen aus der Tschechoslowakei und Ungarn zu ermöglichen. Im Jahre 1978 wurde deshalb  das European Community Youth Orchestra gegründet, um freie Probespiele in Ländern des Ostblocks zu ermöglichen. 1986 formte Abbado aus der zunächst lockeren Vereinigung das Gustav Mahler Jugendorchester, das seit 1992 für junge Musiker bis zum 26. Lebensjahr aus ganz Europa zugänglich wurde. Damit war das einzige internationale Jugendorchester, das künstlerisch und organisatorisch unabhängig von öffentlichen, institutionellen sowie privatwirtschaftlichen Trägern tätig ist, entstanden. Seine Tätigkeit ist nicht gewinnorientiert und gilt heute als besondere Talentschmiede für europäische Orchestermusiker.

Alljährlich bewerben sich über 2000 Musiker, von denen die talentiertesten in die Orchesterprojekte, den Auftritten in renommierten Konzertsälen und führenden Festivals, einbezogen werden. Dann arbeiten sie mit den bedeutendsten Dirigenten und Solisten unserer Zeit zusammen und sammeln so Erfahrungen, die für ihre künftige Laufbahn als Profi-Musiker entscheidend werden können. Musiker der sächsischen Staatskapelle, so der 1. Konzertmeister Matthias Wollong, die Solooboistin Céline Moinet, der Solokontrabassist Petr Popelka und zwölf weitere jetzige Mitglieder sind über das Jugendorchester nach Dresden gekommen. Auch in der Dresdner Philharmonie sind acht „Ehemalige“ tätig.

Im sächsischen Konzertleben hat das Gustav-Mahler-Jugendorchester inzwischen

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

einen festen Platz. Mit der Sächsischen Staatskapelle verbindet das Orchester  ein Kooperationsvertrag.

Das Konzert am 1. Semper 2019 im Semperbau war eine Hommage an ein Konzert vom 8. September 2010 mit dem gleichen Dirigenten Herbert Blomstedt, dem identischen Solisten Christian Gerhaher und einem vergleichbaren Programm: Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler und der 9. Symphonie von Anton Bruckner.

Nun traf wieder die jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Auch einer der profiliertesten Lied- und Konzertsänger Christian Gerherhar gestaltete wieder einen Teil des Konzerts, diesmal am Beginn des Abends mit den „Rückert-Liedern“ von Gustav Mahler.

Friedrich Rückert (1788-1866) war als Sprachgelehrter, der sich mit über 40 Sprachen beschäftigt hatte, einer der Begründer der deutschen Orientalistik und ein unwahrscheinlich kreativer Dichter. Mit seinen Gedichten kompensierte er seine Gefühlswelt. Nach dem Scharlach-Tode zweier seiner Kinder zum Jahreswechsel 1833 zu 1834 hat er allein zur Bewältigung seines Schmerzes 426 Gedichte geschrieben, von den einige Gustav Mahler für seine Kindertotenlieder auswählte. Für seine Rückert-Lieder wählte Mahler fünf selbstständige Einzelwerke Rückerts, die Mahler offenbar besonders berührten. Neben „Blicke mir nicht in die Lieder“, „Ich atme einen Linden Duft“, „Um Mitternacht“ und „Liebst du um Schönheit“ beeindruckte ihn besonders „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Christian Gerhaher sang mit klarem schlanken Bariton und vorbildlicher Textverständlichkeit in ruhigem Erzählton. Er konnte den jeweiligen Charakter der Lieder eindringlich verdeutlichen, auch mit zärtlicher Süße, wo es angebracht war. Dabei begeisterte vor allem seine natürliche Tongebung. Kein Forcieren, stattdessen Strahlkraft und subtile Schattierungen sowie Intellekt. Grandios seine Interpretation der Rückert´schen „Mitternacht“. Das erzeugte schon Schauer beim Hörenden.

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Herbert Blomstedt begleitete mit dem Orchester zurückhaltend ohne Kontraste in idealer über die Jahre herausgebildeter Partnerschaft.

Anton Bruckner komponierte seine sechste Symphonie A-Dur (WAB 106) nach einer schöpferischen Pause von fünf Jahren 1879 bis 1881 unbeschwerter und weltlicher als die vorherigen. Der Komponist bezeichnete sie launig als seine „keckeste“ und war vom Ergebnis so befriedigt, dass er das Gefühl hatte, das Werk sei vollkommen. Er beließ seine Arbeit in der ursprünglichen Form, so dass erstmals von einer Bruckner-Symphonie keine Zweit- oder gar Drittfassung existiert. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass die Sechste sich erst spät im Konzertbetrieb etablieren konnte. Im Februar 1883 brachten die Wiener Philharmoniker nur die beiden Mittelsätze zur Aufführung. Auch Gustav Mahler hatte für die Gesamt-Erstaufführung 1899 die Instrumentierung stark verändert und das Werk gekürzt. Erst 1935 erklang unter Paul van Kempen die Komposition nach der von Robert Haas wieder rekonstruierten Original-Partitur. Aber erst durch die Aufnahme in Gesamteinspielungen und Bruckner-Zyklen hat sich die Sechste im Konzertbetrieb gleichberechtigt eingeführt.

Im zweiten Teil des Konzertes traf eine .jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Bruckner-Dirigate mit Herbert Blomstedt haben wir mehrfach in den vergangenen Jahrzenten sowohl mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, als auch mit dem Gewandhausorchester Leipzig erleben dürfen. Da war der Vergleich seiner Dirigate der Spitzenorchester mit der Führung des Jugendorchesters durchaus aufschlussreich. Während Blomstedt die Profi-Klangkörper mit Gelassenheit führt und der Musik einen breiten Klang-Raum eröffnet, gab er dem Jugendorchester stärkere Impulse. Mit präziser, effektiver Zeichengebung hielt er die Fäden der musikalischen Entwicklung fest in der Hand und ließ seine Führung in den reichliche sechzig Minuten nicht für einen Augenblick schleifen.

Dies war auch bei den noch jungen Musikern notwendig. Denn während die Streicher auf hohem Niveau, mit Begeisterung und innerer Beteiligung musizierten, fehlte es bei den Bläsern an solistischen Initiativen. Insbesondere beim Adagio kamen die stark geforderten Hörner und Tuben an ihre technischen Grenzen. Dabei fing Blomstedt einiges dank seines gestalterischen Überblicks und seiner Präsenz als Interpret ab. Über Strecken wirkte dabei der greise Dirigent jugendlicher als eine Reihe der Orchestermusiker.

Bereits mit dem ersten Satz spürte man, wohin Blomstedt seine Musiker führen wollte. Ruhig lässt er Themen und Motivgruppen vorüberziehen. Auch mit der Durchführung spürt man, da dirigiert einer, der in der Tiefe seiner Seele Ruhe und Überblick schätzt. Sachlich bleibt auch der Satzschluss. Mit sachlicher Innigkeit wurden auch im Adagio die Bruckner-Themen miteinander verflochten. Nichts erhält den Eindruck von Sentimentalität oder gar Kitsch. Auch das Scherzo machte dem Dirigenten und den Musikern richtig Spaß, so dass Blomstedt das Orchester mit Freude in das Finale mit seinen Verzögerungen, Anspannungen sowie Entfesselungen regelrecht hineindrängen konnte.

Erwartungsgemäß wurde vor allem der in Dresden hochbeliebte und geschätzte Dirigent mit stehendem Applaus gefeiert. Aber auch das mit über einhundert Musikern stark besetzte Gustav-Mahler-Jugendorchester konnte sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen.

—| Pressemeldung Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Essen, Philharmonie Essen, Herbert Blomstedt dirigiert das Gustav Mahler Jugendorchester, 31.08.2019

Juli 31, 2019 by  
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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Herbert Blomstedt © Martin Lengemann

Philharmonie Essen / Herbert Blomstedt © Martin Lengemann

Saisonauftakt 2019/2020  –  Philharmonie Essen

Herbert Blomstedt, Gustav Mahler Jugendorchester, Christian  Gerhaher

  Samstag, 31. August 2019, um 20 Uhr zu Gast

Jahrzehntelange Pulterfahrung trifft auf jungen Künstlernachwuchs: Zum Saisonauftakt präsentiert die Philharmonie Essen mit Herbert Blomstedt und dem Gustav Mahler Jugendorchester eine besonders reizvolle Konstellation. Im ersten Konzert der Spielzeit 2019/2020 am Samstag, 31. August 2019, um 20 Uhr ist mit dem Bariton Christian Gerhaher außerdem einer der am meisten gefragten Sänger zu Gast. Gemeinsam mit dem Orchester interpretiert er Gustav MahlersFünf Lieder nach Friedrich Rückert“. Die anschließende Aufführung der 6. Sinfonie A-Dur von Anton Bruckner ist zugleich der Auftakt zu einem großen Bruckner-Schwerpunkt der Philharmonie Essen, bei dem in der neuen Spielzeit sechs Sinfonien des Komponisten erklingen werden.

Das Gustav Mahler Jugendorchester wurde 1986 von Claudio Abbado gegründet. Dieser legte von Anfang an großen Wert darauf, dass namhafte Dirigenten das Ensemble leiten. Pierre Boulez, Riccardo Chailly, Mariss Jansons, Christoph Eschenbach, Bernard Haitink und viele andere haben bislang mit dem GMJO zusammengearbeitet. Auch Herbert Blomstedt konnte dem Orchester bereits wichtige Impulse verleihen. Nun ist der in den USA geborene Sohn schwedischer Eltern erneut mit den jungen Musikerinnen und Musikern unterwegs.

Der Münchner Bariton Christian Gerhaher ist nicht nur einer der profiliertesten Lied- und Konzertsänger, sondern auch auf den internationalen Opernbühnen zu Gast. Mit dem London Symphony Orchestra, dem Royal Concertgebouw Orchestra und besonders den Berliner Philharmonikern arbeitet Gerhaher regelmäßig zusammen. In der Philharmonie Essen konnte man ihn zuletzt 2018 mit den Bamberger Symphonikern und Jörg Widmanns Zyklus „Das heiße Herz“ erleben.

Karten (Preis: € 25,00 – 45,00) und Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.philharmonie-essen.de

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Essen, Philharmonie Essen, Andris Nelsons – Gewandhausorchester Leipzig, 03.09.2019

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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Andris Nelsons © Gert Mothes

Philharmonie Essen / Andris Nelsons © Gert Mothes

Andris Nelsons –  Gewandhausorchester Leipzig

Bruckners Achte –  3.9.2019, 20 Uhr  –  Philharmonie Essen

Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester: Gleich zu Beginn der neuen Spielzeit 2019/2020 kommt es zu einem ersten großen Höhepunkt im Programm der Philharmonie Essen. Am Dienstag, 3. September 2019, um 20 Uhr widmet sich das musikalische Gespann der Sinfonie Nr. 8 c-Moll von Anton Bruckner und damit einem zentralen Werk der romantischen Orchesterliteratur. Als 21. Gewandhauskapellmeister leitet Nelsons seit einem Jahr den traditionsreichen Klangkörper. Den Komponisten Bruckner hat er zu einem ersten Schwerpunkt erkoren. Schon 2017, damals noch als designierter Chefdirigent, begann er seinen Bruckner-Zyklus, den er mit dem Gewandhausorchester für Deutsche Grammophon seitdem einspielt. „Das Gewandhausorchester verfügt über eine ganz besondere Fähigkeit, diese Musik zu spielen“, sagt er, „es gibt da eine Sensibilität und Intimität, die ich sehr mag.“

 Andris Nelsons und die Berliner Philharmoniker  – hier IOCO Rezension

Das 1743 gegründete Gewandhausorchester in Leipzig gehört zu den ältesten Orchestern weltweit. Prominente Dirigenten wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Kurt Masur und Riccardo Chailly hatten in der Vergangenheit das Amt des Gewandhauskapellmeisters inne. Mit Andris Nelsons leitet nun einer der zurzeit begehrtesten Pultstars das Leipziger Ensemble.

Der Lette ist zudem seit 2014 Chef des Boston Symphony Orchestra sowie bei vielen bedeutenden internationalen Orchestern zu Gast. 2010 gab er sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen. 2020 wird er mit den Wiener Philharmonikern nicht nur alle Beethoven-Sinfonien aufführen, sondern auch das berühmte Neujahrskonzert leiten.

Karten (Preis: € 30,00 – 85,00) und

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, „Lady Inchiquin“ mit Bruckner und Mendelssohn, IOCO Kritik, 31.01.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

  „Lady Inchiquin“  – Eine berühmte Stradivari

 Frank Peter Zimmermann und die Sächsische Staatskapelle Dresden

von Thomas Thielemann

Der Hobby-Geigenbauer und damalige Violinist der Berliner Philharmoniker Walter Scholefield entdeckte 1978 bei den Geigenhändlern Bein & Fushi in Chicago eine Violine mit einem außergewöhnlich gestalteten Korpus: sie war 1711 in der Werkstatt von Antonio Stradivari gebaut worden. Ob jahrzehntelanger Vernachlässigung waren dem Instrument nur mit extremer Anstrengung Töne zu entlocken. Eigentlich war es akustisch „tot“.

Möglicherweise über Fritz Kreisler war das Instrument gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach England in eine Familie Foster gelangt. Deren Tochter Jane heiratete 1900 in eine gälische Familie königlichen Blutes, wurde damit zur Baronin von Inchiquin und so zur Namensgeberin der berühmten Geige; welche seither „Lady Inchiquin“ heißt. Nach ihrem Tode im Jahre 1940 wurde die Stradivari zunächst in die Schweiz versteigert, gelangte bis in die späten 1960er Jahre in die berühmten Cho-Ming Sin Sammlung nach Hongkong, bis sie, erneut zurück in die USA, nach Chicago, gegen ein anderes Instrument getauscht wurde.

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Für $210.000  erworben, hat Scholefield mit einem professionellen Geigenbauer zweieinhalb Jahre an der Restaurierung seines Kaufs gearbeitet, bis die Geige nach Jahren geduldigen Arbeitens und Abwartens vor allem mit der Rekonstruktion des Holzes des Geigengrundkörpers endlich den perfekten Zustand, den dunklen Klang einer Guarani und den hellen einer Stradivari, erreicht hatte. Nach Scholefield Pensionierung kaufte 2001 die Düsseldorfer Bank WestLB AG die Geige und stellte sie Frank Peter Zimmermann zur Verfügung.

Nach einigen Wirrnissen gehört die „Lady Inchiquin“ inzwischen den NRW-Kunstsammlungen „Kunst im Landesbesitz“, so dass Frank Peter Zimmermann die Geige mit ihrem wundervollen Klang im 6. Symphoniekonzert mit Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll vorstellen konnte.

Der Solist setzte unmittelbar im zweiten Takt mit dem Hauptthema ein. Alles war einem starken Ausdruckswillen unterworfen. Die Lady Inchiquin klang im Semper-Bau klar, schön und souverän; ein ästhetisches Erlebnis. Zimmermann spielte frisch mit Virtuosität wo nötig und mit Zurückhaltung, wo angebracht. Alles war einem starken Ausdruckswillen unterworfen, eine Interpretation, wie selbstverständlich.

Christian Thielemann ging bei alledem voll mit; ein Spiel wie aus einem Guss. Orchester und Solist erwiesen sich als Verbündete. Tempowechsel der Sologeige wurden vom Orchester sofort aufgenommen. Da waren Künstler am Werk, die das Expressive voll auskosteten und bis ins Letzte darboten.

Dem stürmischen Beifall folgte eine Bach-Zugabe Zimmermanns, eine faszinierende Verbindung von Sensibilität und emotionaler Intensität, sowie eine eindrucksvolle Demonstration der klanglichen Möglichkeiten der Lady.

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Als Abrundung seines Bruckner-Zyklus mit den Dresdnern hatte Christian Thielemann die 1877er-Fassung der 2. Symphonie der neuen Edition des William Carragan gewählt. Der Bruckner-Spezialist Carragan (geboren 1937) hatte Bruckners gründliche Überarbeitung von 1877 (in der Überlieferung des Kopisten Franz Hlawaczek) mit Aspekten des Erstdrucks der Partitur von 1892 (incl. Bruckners handschriftlicher Anmerkungen) verglichen. Dabei wurden insbesondere Wiederholungen und Zusatznoten eliminiert, fragwürdige Änderungen in Phrasierung und Dynamik korrigiert, sowie Änderungen von Instrumentierungen auf Bruckner zurückgesetzt. Erstmalig 1997 aufgeführt, wurde die Partitur 2007 in die Bruckner-Gesamtausgabe aufgenommen.

Mit seiner Interpretation der c-Moll-Symphonie gelang Christian Thielemann ein abschließender Höhepunkt seines Bruckner-Zyklus mit der Sächsischen Staatskapelle.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Die opulente Streicherbesetzung machte das vom ersten Einsatz deutlich. Neben dem Ideal des gedeckten, dunklen aber immer durchsichtigen Klangbildes der Dresdner erreichte das Gebotene eine prachtvolle Durchsichtigkeit und Klarheit. Die Blechbläser waren hervorragend im Klangbild eingebunden und akzeptierten in jeder Phase die anderen Instrumenten -Gruppen. Im Andante war der lyrisch-hochromantische Charakter der Bruckner-Arbeit besonders betont und bot eine Rückbesinnung auf Mendelssohn. Im Scherzo trieb der Dirigent seine Musiker unter Hockdruck nach vorn und formte damit ein höchst dramatisches Geschehen. Das Finale, flott angegangen, wurde dann geradezu sanft und lieblich, bis nach der großen Drei-Takt- Generalpause der Sturm massiv losbrach. Besonders in den langen Generalpausen lagen die spannungsintensivsten Eindrücke der Darbietung.

Letztlich setzte Christian Thielemann Anton Bruckners Wille auf eine Performance voller Nuancen, voller Kraft und Eloquenz auf eindrucksvolle Weise um.

Fast überflüssig, den gewaltigen Beifall zum Abschluss des Bruckner-Zyklus der Staatskapelle zu erwähnen.

Nach den Dresdner Konzerten gehen das Orchester unter der Leitung Christian Thielemanns sowie seinem Capell-Virtuos Frank Peter Zimmermann mit dem Programm auf eine Tournee nach Wien, in den Musikverein, nach Baden – Baden ins Festspielhaus, nach Frankfurt in die Alte Oper und Hamburg, in die Elbphilharmonie.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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