Dresden, Semper Zwei, Der goldene Drache – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 15.12.2019

Dezember 15, 2019 by  
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Semperoper

Semper Zwei _ die Studiobühne der Semperoper © Jochen Quast

Semper Zwei / die Studiobühne der Semperoper © Jochen Quast

 

Der goldene Drache  –  Peter Eötvös

– Politisches Musiktheater auf hohem Niveau –

von Thomas Thielemann

Nach einer nichtautorisierter Schätzung leben und arbeiten weltweit etwa 270 Millionen Menschen unter Sklaverei-artigen Bedingungen. Wie erzählt man von der Rechtlosigkeit illegaler Einwanderer, von Menschen die zur Prostitution gezwungen werden, die keine medizinische Betreuung haben und hemmungslos ausgebeutet werden, ohne sozialen Kitsch zu produzieren? Die Semperoper brachte nun hierzuauf ihrer Studiobühne Semper Zwei (Foto) den Goldenen Drache von  Peter Eötvös 

Einer der produktivsten und meistgespielten deutschen Dramatiker unserer Zeit, Roland Schimmelpfennig (Jahrgang 1967), bannte die Gefahr der Betroffenheits-Darstellung, indem er die Dramaturgie episch herunterkühlt, mit Märchenzutaten anreichert und die Szenen mit Nutzung seiner „Short-Cut-Dramaturgie“ stückelt. Mit dem Theaterstück Der goldene Drache holt er das Genre Sozialdrama aus der etwas miefigen Realismus-Ecke, ohne es bei allen Verfremdungen und Abstraktionen, zu entschärfen.

Semper Zwei / Der goldene Drache - hier : die fünf Solisten in lebendiger Lebensfreude © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache – hier : die fünf Solisten in lebendiger Lebensfreude © Ludwig Olah

Mit 45 Szenen, 45 Ereignissen oder Ereignisfragmenten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, sich aber durchdringen oder miteinander in Beziehung stehen, schrieb Schimmelpfennig ein Theaterstück. Der ungarischen Komponisten Peter Eötvös (Jahrgang 1944) und seine Ehefrau Mari Mezei reduzierten die Fülle auf 22 Szenen zu einem Libretto. Als Auftragswerk war die Kammeroper 2014 in Frankfurt uraufgeführt worden.

Die Handlung ist in ihrer Komplexität trotzdem einfach: Irgendwo in unserem Westen arbeiten fünf Asiaten illegal in der Küche des Schnellrestaurants Der goldene Drache. „Der Kleine“-Chinese hat wahnsinnige Zahnschmerzen, darf aber mangels Aufenthaltserlaubnis keinen Zahnarzt aufsuchen. So helfen die Köche auf ihre Art, indem sie mit einer Rohrzange den Dentisten ersetzen. Der Patient verblutet jämmerlich, während der Zahn dank der allgemeinen Verwirrung in das Thai-Essen einer Stewardess gelangt ist, was dieser den Appetit beeinträchtigt. Dann: Eine junge Frau, ungewollt schwanger, hat sich mit dem Verursacher zerstritten und bespricht das mit dem Großvater. Eingestreut in die Szenen war das Motiv der Fabel von Äsop und la Fontaine „Die Grille und die Ameise“. Die Heuschrecke, die den Sommer versang und die Ameise, die für den Winter vorgesorgt hatte. Als Gegenleistung für den zögernd gewährten Unterschlupf musste die Grille sich nicht nur unterhaltsam produzieren, niedere Arbeit verrichten und außerdem, eine zeitgemäße Zuspitzung, auch der Zuhälter-Ameise als Prostituierte dienen. Ebenso, wie auch eine junge Chinesin, die vom Lebensmittelhändler zur Prostitution gezwungen wird, was ihr fast das Leben kostet.

Im Goldenen Drachen steckt eine unaufdringliche Parabel der Welt der Globalisierung: der Menschheit ganzer Jammer ergreift uns. Den besonderen Reiz erhalten das Werk und damit auch der Abend, dass fünf Solisten neunzehn Rollen in atemberaubendem Tempo darstellen. Zur Verfremdung gehört vor allem, dass Frauen Männer sowie Männer Frauen verkörpern, dabei Junge Alte und Alte Junge spielen, als auch Asiaten Europäer und umgekehrt darstellen.

Semper Zwei / Der goldene Drache © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache © Ludwig Olah

Solisten des Ensembles, die ansonsten überwiegend in kleineren Rollen eingesetzt sind, konnten in der Inszenierung der tschechischen Regisseurin Barbora Horáková Joly ihr Können, ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen und mit intensivem Gesang sowie intensivem Spiel glänzen. Und das taten sie auch zur großen Freude des Auditoriums. Die aus Prag stammende Regisseurin Barbora Horáková Joly war lange mit Calixto Bieito verbunden. So bot sie alles auf, was in dieser undurchsichtigen Spannungskonstellation voller Ängste, Misstrauen, sexueller sowie physischer Gewalt möglich war. Alles war präzise arrangiert, spannungsreich und scharf formuliert. Trotz der Fülle an Details bleibt die Handlung immer im Fluss und wurde von den fünf Darstellern temporeich und spielfreudig auf die Bühne gebracht.

Das Bühnenbild von Annemarie Bulla war funktionell: Vor dem im Hintergrund installiertem Orchester auf der fast freien Spielfläche war ein dreistöckiger Turm aufgebaut, der fast beliebig bewegt werden konnte. Drei Lichtrahmen, am Beginn als Videowände genutzt, dienten in den Szenen der sexuellen Gewalt. Ansonsten wurden je nach Situation Stühle eingesetzt. Die beiden Schlagwerker begrenzten die Spielfläche auf beiden Seiten. Die einfallsreichen Kostüme waren funktionell auf schnellen Wechsel mit möglichst wenigen Handgriffen gestaltet. Die Videoinstallationen von Sergio Verde bemühten sich unaufdringlich, das Bühnengeschehen an den gesamtgesellschaftlichen Kontext  anzubinden. Immer passend war die Lichtgestaltung von Marco Dietzel.

Als Gast vom Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein übernahm die 1994 in Lettland geborene Mezzosopranistin Karina Repova als Frau über sechzig die Rollen der alten Köchin, der schwangeren Enkeltochter, der Ameise, des Hans und der chinesischen Mutter. Was sie als eiskalte Ameise und als schäbiger Hans an perfider Niedertracht auf der Bühne bot, war schon bemerkenswert. Als Enkeltochter traf sie mit hohem und warmem Gesang die andere Seite der Gefühlslagen, wobei sie den von der Partitur verlangtem schnellen Wechsel von Rolle zu Rolle hervorragend meisterte.

 Semper Zwei / Der goldene Drache - hier : "der kleine Chinese" © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache – hier : „der kleine Chinese“ © Ludwig Olah

Der seit 2018 zunächst im jungen Ensemble etablierte 1990 in Seoul geborene Beomjin Kim sang und spielte als junger Mann, die Rollen eines jungen Asiaten, der Kellnerin, des Großvaters, der chinesischen Tante und vor allem der Grille. Dabei blieb besonders seine Darstellung der gedemütigten Grille-Prostituierten in Erinnerung. Eine nicht nur für ihn, sondern auch für das weniger abgebrühte Publikum an der Grenze des Erträglichen angesiedelte Szene. Hier hätte der Regie etwas Zurückhaltung gut getan.

Der Tenor Jürgen Müller, seit 2018 wieder Ensemblemitglied, hatte als „der Mann über sechzig“ den alten Asiaten, den Freund der Schwangeren, den chinesischen Vater und die dunkelbraune Stewardess übernommen. Mit der lesbischen Dame und dem Laien-Dentisten hat er seine komischen Möglichkeiten ebenso überzeugend auf der Bühne demonstriert, wie seine darstellerischen Mittel in den richtig widerlichen Szenen seiner Rolle.

Der im Jungen Ensemble etablierte türkische Bariton Dogukan Kuran verkörperte als „ein Mann“ einen Asiaten, den chinesischen Onkel des Kleinen und die blonde Stewardess. Dabei erwies er sich als außergewöhnlich talentierter Komiker, der seinen Figuren über weite Strecken sympathische Züge verlieh und hervorragend sang.

Die schwierigste Aufgabe war der 1993 geborenen japanischen Sopranistin Mariya Taniguchi, als „die junge Frau“, mit der Darstellung des „Kleinen“ übertragen worden. Der Kleine litt vom Beginn der Vorstellung an Zahnschmerzen, um am Ende doch zu sterben. Die Partie ist neben der emotionalen Belastung offenbar sehr anstrengend für die Stimme, weil sie sehr hoch liegt und manchmal fast Schreien erforderte. Es konnte aber trotzdem schöner Gesang bleiben. Für die harte Darstellung wurde die Sopranistin kurz vor Schluss mit einem anrührenden Monolog entschädigt, mit dem der Verblutete und im Fluss Entsorgte sein trostloses Leben naiv schönfärbte.

Der 1986 in Prag geborene zweite Solo-Kontrabassist der Staatskapelle Petr Popelka arbeitet schon seit geraumer Zeit mit gutem Erfolg an seiner Umorientierung zum Dirigenten und Komponisten. Mit  seiner musikalischen Leitung der Premiere von Der goldene Drache entwarf er ein differenziertes Klangspektakel aus Streicher-Obertönen, gestopften bzw. verzerrten Bläsern, Unmassen von Schlaginstrumenten und Klavier. Dazu musste er auch die Geräusche aus der Szene und vor allem die Artikulationen der Solisten in das Klangspektrum einbeziehen. Dabei assistierten ihm, eine für die Studio-Bühne recht ordentliche Anzahl hervorragender Musiker der Staatskapelle, die bereits im vergangenen Jahr sowohl im Kulturpalast, als auch im Januar 2019 in Hellerau ihre Affinität zur Musik Peter Eötvös unter Beweis gestellt hatten.

Das überwiegend jüngere Publikum bejubelte langandauernd sowohl die Agierenden als auch das Inszenierungsteam, obwohl in dem Stück eigentlich mit Entsetzen Scherz getrieben worden war.

Für den Autor hat sich aber am Premierenabend die unbedingte Notwendigkeit ergeben, die Inszenierung noch einmal zu besuchen.

Der goldene Drache an der Semper Zwei; die folgenden Termine 15.12.; 21.12.; 23.12.; 28.12.2019.  ACHTUNG:  Alle Vorstellungen sind als bereits ausverkauft angekündigt.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Aachen, Theater Aachen, A QUIET PLACE – Trouble in Tahiti – Leonard Bernstein, IOCO Kritik, 14.02.2019

Februar 14, 2019 by  
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Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

A quiet place / Trouble in Tahiti  – Leonard Bernstein

von Ingo Hamacher

Mit nicht enden wollendem Applaus und Ovationen feiert das Aachener Premieren-publikum am 10.2.2019 die Opern von Leonard Bernstein: A quiet place / Trouble in Tahiti.

Hier wurde gezaubert!

Am beeindruckendsten die Nutzung der Drehbühne von Mathis Neidhardt. Bei seinem Bühnenbild scheint ein Kreis deutlich mehr als 360 Grad zu haben. Schier ungezählt die Räume, Perspektiven und Blickwinkel – bis hin zur vielbespielten Toilette des Hauses – in die er uns unter Berücksichtigung der häufigen Zeitsprünge an die verschiedensten Orte des „kleinen weißen Vorstadthauses“ führt.

Von Christopher Ward, dem neuen Aachener GMD, erwarten wir nach der kurzen gemeinsamen Zeit jetzt schon nichts Anderes als Höchstleistungen, und nichts weniger als das hat er uns an diesem Abend geboten. Gemeinsam mit dem ausgezeichneten Aachener Sinfonieorchester entführt er uns in eine musikalische Welt, in der auch der Komponist Bernstein weit über sich selbst hinaus gewachsen ist.

Leonard Bernstein (1918-1990) ist als Kind russisch-jüdischer Einwanderer in Amerika zu einer überragenden Figur der Musikgeschichte  des 20. Jahrhunderts  aufgestiegen. Mit seinen vielseitigen Begabungen, die er sowohl als Pianist und Dirigent, als Komponist und Verbalinterpret dem Publikum vorstellte, arbeitete er an der Idee „ein Musical zu machen, das eine tragische Geschichte mit den Mitteln und im Stil eines Musicals erzählt und nie Gefahr läuft in ‚Oper‘ auszuarten.“ Es galt ihm, „die feine Scheidewand zwischen Oper und Broadway zu finden.“ Diese Zielvorstellungen setzte er in seinem Musical WEST SIDE STORY (1957), seinem wohl bekanntesten Stück, äußerst erfolgreich um. Fünf Jahre zuvor hatte er noch eine Oper geschrieben: TROUBLE IN TAHITI.

Theater Aachen / Trouble in Tahiti - hier :  mit Takahiro Namiki, Jelena Rakic, © Carl Brunn

Theater Aachen / Trouble in Tahiti – hier : mit Takahiro Namiki, Jelena Rakic, © Carl Brunn

TROUBLE IN TAHITI (Aufregung in Tahiti; deutscher Titel: INSELZAUBER), Oper in sieben Szenen von Leonard Bernstein, Text vom Komponisten. Uraufführung: 1952 Brandeis University (USA). Das Thema: Dinah (Sopran) und Sam (Bariton) leben ohne tiefere Beziehung nebeneinander her. Ausdruck ihrer unerfüllten Sehnsüchte wird ein Film, den sie im Kino sehen; er trägt den Titel Trouble in Tahiti.

Diesen Einakter versuchte Bernstein dreißig Jahre später mit A QUIET PLACE fortzusetzen. Als das Ergebnis 1983 auf Ablehnung stieß, vermischte er ein Jahr später in der Mailänder Scala beide Opern zu einem Dreiakter. TROUBLE IN TAHITI besteht aus motivisch teilweise verzahnten geschlossenen Nummern, die von einem mikrofonverstärkt singendem Jazztrio kommentiert werden, das in bonbonfarbenen Kostümen, Masken und Perücken, die Illusion einer perfekten Barbie-Welt simuliert. Der Schlussakkord des Einakters, der symphonische Momente mit Revuestil mischt, steht programmatisch am Anfang von A QUIET PLACE.

Bernstein, der immer wieder darauf hingewiesen hat, dass die Überlebenschance der Musik in deren Tonalität liege, hat hier mit atonalen und teilweise sogar zwölftönig seriellen Einschüben experimentiert, sodass er mit seiner Oper TROUBLE IN TAHITI / A QUIET PLACE anspruchsvolles Musiktheater amerikanischer Prägung geschaffen hat, das trotz aller Probleme als eines seiner Hauptwerke angesehen werden kann, das viel zu selten gespielt wird.

Während Sam, der sich für den geborenen Sieger hält, zur Arbeit geht, erzählt Dinah ihrem Psychiater den Traum von einem Garten, aus dem ihr eine Stimme den Weg zu einem ruhigen Ort (a quiet place) verkündet. Diesen RUHIGEN ORT, nach dem sich Dinah wohl all die Jahre gesehnt hat, scheint sie zu Beginn der dreiaktigen Oper gefunden zu haben: Ihr Sarg steht, nach einem möglicherweise gewollten Autounfall, in einer Leichenhalle aufgebahrt. Zu verwirrender Zwölftonmusik versammeln sich Ehemann Sam, Freunde und Familienangehörige zur Trauergemeinde. Als Letzter erscheint Sohn Junior, der früher mit François, dem Mann seiner Schwester Dede, eine Affäre hatte. Junior, der seit Jahren an einer psychischen Erkrankung leidet, hat seinen Vater seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Sam hat seinen Schwiegersohn François nie getroffen.

Vater Sam hat keine Beziehung zu seinen Kindern und noch weniger zu sich selbst. Sofort brechen Animositäten auf. Junior beginnt in Reimen zu sprechen – ein Symptom seiner Psychose – und provoziert Sam mit einem improvisierten Strip-Blues.

Theater Aachen / A quiet place © Carl Brunn

Theater Aachen / A quiet place © Carl Brunn

Leonard Bernstein hat sich für seine zweite und letzte Oper A Quiet Place an großen Vorbildern orientiert, an Zerstörungsorgien der amerikanischen Literatur, Wutausbrüchen im Vorstadtidyll. In der Hysterie von Bernsteins Personen liegt etwas von der zerstörerischen Energie aus Wer hat Angst vor Virginia Woolf. Der Chor singt im Stück: „What a fucked up family“. Recht hat er! Der Bestattungsunternehmer: „Ich habe mit Schwulen nie etwas anfangen können!“ Antwort: „Ich habe mit Bestattungsunternehmern nie etwas anfangen können.“

Im zweiten Akt sehen wir als Rückblende Ereignisse aus der Oper TROUBLE IN TAHITI. Sam sichtet den Nachlass seiner Frau, als seine Tochter Dede das Zimmer betritt. Bei der gemeinsamen Durchsicht von Dinahs Besitz nähern sie sich langsam emotional an. Nebenan konfrontiert François seinen Ex-lover Junior mit seinem Verhalten im Bestattungsinstitut. Ganz scheint das gegenseitige Interesse jedoch noch nicht verschwunden zu sein; beide ringen mit ihrer wechselseitigen körperlichen Anziehung.

François Ärger provoziert eine psychotische Phase bei seinem Gegenüber, die Junior durch einige schmerzhafte Assoziationen zu einer wichtigen Erkenntnis führt: dass er seinen Vater liebt und braucht. Eine inzestuöse Beziehung zwischen Junior und seiner Schwester Dede wird angedeutet, es könnte sich jedoch auch nur um einen Ausschnitt aus Juniors psychotischem Wahngebäude handeln. Vater und Tochter umarmen sich; Junior bricht zusammen.

Das Jazz-Trio wiederholt seine Vorliebe für den amerikanischen Vororttraum. Anstatt an Juniors Schulaufführung teilzunehmen, hat Sam um eine Handball-Trophäe gespielt und gewonnen. Er verkündet sein Credo, als Gewinner geboren zu sein. Auch Dinah hat die Schulaufführung nicht besucht, sondern hat Fernsehen gesehen: Es lief ein Technicolor-Musical namens Trouble in Tahiti. Nach dem Duett: „Why did I have to lie?“ von Dinah und Sam scheint die Regisseurin Nina Russi den familiären Sprengstoff nicht mehr ausgehalten zu haben. Anders als in Stephen Wadsworths Libretto lässt sie die Beiden sich gegenseitig in die Arme sinken und zueinander zu finden. Familientragödien sind auch für Außenstehende nur begrenzt ertragbar.

Dritter Akt

Am nächsten Morgen trifft man sich im Garten. Kindliches Spiel der jungen Leute führt zu einer entspannten und versöhnungsbereiten Simmung zwischen den Familienangehörigen. Der Chor singt nach einem Zitat des Jazztrios aus TROUBLE IN TAHITI sein finales Amen auf die Zukunftspläne der vier Protagonisten. Sam, der am Ende um Aussöhnung bittet und seiner Familie die Hände entgegenstreckt, ist nicht unähnlich dem alten Leonard Bernstein, der unter der ihm auch von den eigenen Kindern vorgeworfenen Schuld litt, seine Frau für seine Liebhaber verlassen zu haben. Als er von der tödlichen Krebserkrankung seiner Frau erfahren hatte, kehrte er zu ihr zurück. Nach einem kurzen Moment des Verzeihens und der Harmonie brechen die tief sitzenden Traumatisierungen wieder hervor; der Weg bis zu heilen Welt scheint noch weit zu sein… falls es überhaupt gelingt!?

Winterzeit ist Grippezeit!

Zwei Sänger waren gesundheitlich nicht in der Lage zu singen, konnten ihre Rollen jedoch spielen: Gesungen wurde die Partie der Dede, Dinahs Tochter vom griechischen Sopran Evmorfia Metaxaki, die derzeit am Theater Lübeck engagiert ist. Für die Partie des Young Sam sprang der spanische Bariton Sebastià Peris ein, der eng mit der Deutschen Oper am Rhein verbunden ist. Beide sangen ihre Partien jeweils vom Rand ein, was das Durcheinander auf der Bühne natürlich noch zusätzlich vergrößerte.

Theater Aachen / A quiet place -  hier :  Der Bestattungsunternehmer; der Weg zur heilen Welt scheint weit  © Carl Brunn

Theater Aachen / A quiet place – hier : Der Bestattungsunternehmer; der Weg zur heilen Welt scheint weit  © Carl Brunn

Zusammenfassend: Es hat alles gestimmt! Regie, Bühne, Kostüme, Gesang, Musik; es war ein großartiger Abend! Der Zuschauerschwund des ausverkauften Hauses in der Pause nach dem 2. Akt war nur gering. Aber für Menschen, die nur zwei Augen und zwei Ohren haben, war es doch alles ein bisschen viel, was einem dort in knapp drei Stunden (inklusive Pause) geboten wurde.

Vielleicht hat Leonard Bernstein seinem Publikum zu viel zugemutet, weswegen die Stücke auch nur sehr selten aufgeführt werden. Ich habe jedenfalls schon einen zweiten Besuch des Stückes am Theater Aachen geplant!

Musikalische Leitung: Christopher Ward. Der Brite ist seit August 2018 Generalmusikdirektor der Stadt Aachen sein und leitet damit auch das Sinfonieorchester Aachen.
Inszenierung: Die Schweizer Regisseurin Nina Russi ist seit der Spielzeit 07/08 am Opernhaus Zürich beschäftigt. Die aktuelle Bernstein Oper ist ihr erste Regiearbeit am Theater Aachen.
Bühne: Mathis Neidhardt, der viele Jahre am Staatsschauspiel Dresden engagiert war. Seit 2001 ist er freischaffend tätig.
Kostüme: Annemarie Bulla, die nach vielen Jahren am Staatstheater Nürnberg seit 2015 als freie Kostüm- und Bühnenbildnerin tätig ist.
Choreinstudierung: Jori Klomp
Dramaturgie: Pia-Rabea Vornholt

Old Sam, Dinahs Mann: Wielans Satter. Der Bass-Bariton ist seit der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied des Pfalztheaters Kaiserslautern und singt als Gast des Hauses.
Dede, Dinahs Tochter: Katharina Hagiopan. Die Sopranistin gehört seit 2011 zum Ensemble des Theater Aachen.
Junior, Dinahs Sohn: Der in Aachen geborene belgische Bariton Fabio Lesuisse ist inzwischen häufiger und gerne gesehener Gast in Aachen.
Francois, Mann von Dede: Der US-amerikanische Tenor Patrick Cook gibt mit dieser Rolle als Gast sein Europa-Debut.
Susie, Dinahs Freundin, Sopran, Irina Popova. Die Bulgarin ist seit der Spielzeit 2005/2006 am Theater Aachen engagiert.
Bill, Dinahs Bruder: Der Bass Jorge Escobar gehört dem Opernchor Aachen an.
Doc, Dinahs Arzt: Pawel Lawreszuk. Der polnische Bariton ist seit August 2005 am Theater Aachen engagiert.
Mrs. Doc, dessen Frau: Die Altistin Ekaterina Chekmareva ist Mitglied im Opernchor Aachen.
Bestattungs-Unternehmer: Der Koreaner Soon-Wook Ka, Tenor. In der vergangenen Spielzeit war Ka Stipendiat der Theater Initiative Aachen und kehrt nun als Gast zurück.
Analytiker: Tenor Hans Schaapkens, Opernchor des Theater Aachen.

Vocal Quartett
Die japanische Mezzosopranistin Rina Hirayama ist in dieser Spielzeit Stipendiatin der Theater Initiative Aachen.
Young Sam: Der britische Bariton Ronan Collett ist Gast des Hauses.
Dinah, Mezzo, die Französin Fanny Lustaud. 2017/18 war Lustaud Mitlied des Opernstudios der Opéra national du Rhin in Straßburg. Seit der aktuellen Spielzeit gehört Fanny Lustaud zum Ensemble des Theater Aachen.
Jazz Trio und Vocal Quartet, Jelena Rakic, serbischer Sopran. Seit der Spielzeit 2011/2012 gehört Rakic zum Ensemble des Theater Aachen.
Jazz Trio und Vocal Quartet, Takahiro Namiki, japanischer Tenor. In der dieser Spielzeit ist er Stipendiat der Theater Initiative Aachen.
Jazz Trio und Vocal Quartet, Eddie Mofokeng, südafrikanischer Bariton und Gast des Hauses.
Sinfonieorchester Aachen, Opernchor Aachen

A QUIET PLACE,  Oper in drei Akten, Englisch mir deutschen Übertiteln, Musik: Leonard Bernstein, Libretto: Stephen Wadsworth, Uraufführung: 17. Juni 1983, Ort der Uraufführung: Houston/Texas, Spieldauer: ca. 2 1/2 Stunden, Ort und Zeit der Handlung: New York, Gegenwart und vor etwas mehr als 20 Jahren.

A quiet place – Trouble in Tahiti am Theater Aachen: die eiteren Termine:
16.02.; 24.02. (Nachmittag); 27.02.; 10.03.; 11.04.; 18.04.; 26.04.; 17.05.2019

—| IOCO Kritik Theater Aachen |—