Berlin, Deutsche Oper, Adriana Lecouvreur konzertant – mit Anna Netrebko, IOCO Kritik, 07.09.2019

September 7, 2019 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

ADRIANA LECOUVREUR  konzertant – Francesco Cilea (1866–1950)

Anna Netrebko  –  Eine Diva ist eine Diva ist eine Diva

von Kerstin Schweiger

Adrienne Lecouvreur betritt die Bühne und das Publikum liegt ihr spätestens nach den ersten Tönen zu Füßen. Die Darstellerin von Adrienne Lecouvreur steht hoch in der Gunst des Publikums und erobert ihre Zuhörer im Handstreich.

Besprochene Vorstellung – 4. September 2019

So mag es sich um 1717 in der wenige Jahrzehnte zuvor gegründeten Comédie Francaise in Paris zugetragen haben, als die junge Adrienne Lecouvreur, Tochter einer Wäscherin und eines Hutmachers, dort in den Dramen des französischen Hofdichters Jean Racine auftrat und höchste Anerkennung und Zuneigung für ihren damals neuen unpathetischen Darstellungsstil erhielt.

So mag es 1913 gewesen sein, als die große französische Tragödin Sarah Bernhardt für ihre Darstellung der historischen Figur Adrienne Lecouvreur (nach dem Drama von Eugène Scribe) in einem Stummfilm gefeiert wurde.

Und so ist es in 2019, wenn Anna Netrebko die Bühne der Deutschen Oper Berlin betritt und mit großer Geste, tiefer Sprechstimme und einem Buch in der Hand eine Theaterrolle memorierend die erste Arie der Adriana beginnt. Auf drei Erlebnis-Ebenen vollzieht sich dabei das gleiche Bild und gibt den perfekten Rahmen für diese Aufführung.

Deutsche Oper Berlin / Adria Lecouvreur hier Alessandro Corbelli und Anna Netrebko © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Adria Lecouvreur hier Alessandro Corbelli und Anna Netrebko © Bettina Stöß

Anna Netrebko – Sie kam, sah und – sang!

Presse und Fans hatten bis kurz vor der ersten von zwei konzertanten Aufführungen von Francesco Cileas Operndrama Adriana Lecouvreur an der Deutschen Oper Berlin spekuliert, ob Sopran-Superstar Anna Netrebko tatsächlich nach Berlin kommen und die Titelpartie singen würde. Hatte die Sängerin doch im vergangenen Sommer mehrfach Aufführungen, u.a. auch eine von drei konzertanten Aufführungen bei den Salzburger Festspielen abgesagt. Doch sie kam sah und – sang!

Francesco Cilea (1866–1950) galt neben Puccini als ein möglicher Nachfolger in der  Verdi-Tradition. Adriana Lecouvreur ist sein bis heute bekanntestes Werk mit zwei populären großen Sopran-Arien („Ecco … Io son l’umile ancella“ und „Poveri fiori“). Nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem wiederkehrenden Klassiker der Opernliteratur. Selbst Giuseppe Verdi soll mit dem Gedanken gespielt haben, ein Musikwerk über die Schauspielerin zu schreiben. Denn der Diven-Kult zieht. Gilt doch Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin. Und so hat sich Netrebko in den vergangenen Jahren auf großen Bühnen der Welt in berührenden Interpretationen der Adriana zueigen gemacht. Szenisch in der Metropolitan Opera in New York und an der Wiener Staatsoper, konzertant erst vor wenigen Wochen bei den Salzburger Festspielen.

Das unübersichtliche Eifersuchtsdrama (nach einer Vorlage von Eugène Scribe, der es 1849 in einem Theaterstück über Adrienne Lecouvreur dramatisierte), in dem Veilchen mit Nebenwirkungen eine Rolle spielen, und das sich auf die historische Figur der französischen Schauspielerin Adrienne Lecouvreur bezieht, die ab 1717 an der Comédie Française in Paris ein gefeierter Star war, endet für die Titelheldin jedenfalls tödlich. Adrienne und die Fürstin von Bouillon sind beide in den Grafen Moritz von Sachsen verliebt. Am Ende stirbt Adrienne, mutmaßlich durch einen giftigen Veilchenstrauß der Nebenbuhlerin, nachdem Moritz sich zu ihr bekannt hat.

Es scheint richtig, das Stück konzertant anzusetzen, Cileas farbige, emotionale Musik eignet sich bestens für den dramatischen Gestus, bei dem Anna Netrebko darstellerisch aus dem Vollen schöpft, auch ohne Bühnenbild, Kostüme und eine Inszenierung. Die Theater-auf-dem-Theater-Thematik der Oper lässt die Partie der Adriana zu einer Paraderolle für Anna Netrebko werden. Und die macht sie sich von Beginn an zu eigen. Wie es zur Zeit der echten Lecouvreur am Theater Usus war, sorgte sie auch für pompöse Kostüme.

Deutsche Oper Berlin / Adriana Lecouvreur - hier : Padraic Rowan, Ya-Chung Huang, Anna Netrebko, Vlad Borovko, Aigul Akhmetshina und Orchester © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Adriana Lecouvreur – hier : Padraic Rowan, Ya-Chung Huang, Anna Netrebko, Vlad Borovko, Aigul Akhmetshina und Orchester © Bettina Stöß

In einem fließenden grünen Gewand (es folgen im Laufe des Abends ein orangefarbenes glitzerndes und ein schlichtes schwarzes) schreitet Netrebko zur Tat, mit der ersten Arie „Io son l’umile ancella“ als bescheidene Dienerin der Kunst, wie es im Stück heißt, setzt sie den Maßstab für alles Kommende. Voll, tief in der Mittellage und dunkelst gefärbt, führt sie die Stimme mühelos in die Höhe, vom Fortissimo ins Pianissimo und zurück. Stimmlich und darstellerisch zieht sie alle Register, deklamiert, gestikuliert, gibt pantomimisch eine große Theaterszene im Hintergrund und räumt sogar dabei einmal ein Notenpult der Kollegen beiseite, wenn es das dramatische Schreiten entlang der Rampe stört.

An ihrer Seite wirft sich Yusif Eyvazov als Moritz von Sachsen, darstellerisch empathisch, mit Spannung und Verve in die Rolle. Er tritt in große Fußstapfen, was die Erwartungen des Publikums betrifft. In der Uraufführung 1902 in Mailand sang Enrico Caruso die Partie, seine Interpretation war maßgeblich für den Erfolg der Oper. Stimmlich hat er keine Mühe, die geforderten Höhen zu erreichen, seine große Arie „L’anima ho stanca“ klingt makellos.

Doch auch Adrianas Mezzo-Gegenpart in Gestalt der Fürstin von Bouillon ist eine musikalisch dankbare Partie. Olesya Petrova ist gestalterisch viel feiner als Netrebko, mit vollem Mezzo-Sopran zeichnet sie musikalisch und gestisch ein differenziertes Bild der zwischen Rache, Liebe und Besorgnis schwankenden Fürstin von Bouillon. Ihr zur Seite eine der Entdeckungen des Abends: Patrick Guetti verströmt als Fürst von Bouillon eine so profunde wie warme und elegante Baßstimme, dass es eine Freude ist, ihn in den Ensembles herauszuhören.

Das Konzertzimmer der Deutschen Oper ist ein starker Resonanzraum, so gerät der gesamte Abend ein bisschen zu sehr auf die Fortissimo-Ebene, was schade ist, denn das Stück hat viele Parlando-Stellen, schnelle gesungene Dialoge mit Witz und Esprit. Michelangelo Mazza und das Orchester der Deutschen Oper Berlin gestalten die Tonsprache Cileas, die neben einem großen wiederkehrenden Schicksalsmotiv filmmusikhafte Anklänge fast vorwegnimmt, sehr farbenreich und emotional. Das Orchester läuft in langen Passagen zu voller Phonstärke auf. Netrebko und Eyvazov halten mühelos mit.

Aus dem spielfreudigen Ensemble ist Alessandro Corbelli  als treu ergebener Inspizient Michonnet Adriana ein anrührender Begleiter mit stimmlicher Noblesse. Ein großsprecherischer Abate di Chazeuil mit textlichem Biss ist Burkhard Ulrich. Ein exzellentes Quartett frischer, gewandter Stimmen bieten als Theaterkollegen der großen Lecouvreur, Aigul Akhmetshina (Mademoiselle Dangeville), Vlada Borovko (Mademoiselle Jouvenot) und Ya-Chung Huang (Poisson) sowie Padraic Rowan (Quinault). Der Chor der Deutschen Oper Berlin ist nur an wenigen Stellen, dort jedoch stimmgewaltig in die Aufführung eingebunden.

Nachdem Adriana in einer letzten dramatischen Szene einen melodischen Bühnentod gestorben ist, rufen die Fans in der Deutschen Oper einer der derzeitig bewundertsten Sängerinnen der Welt lautstark ihre Verehrung entgegen. Publikum und Akteure baden gleichermaßen im anhaltenden Schlussapplaus: jenseits und diesseits der Rampe schwingen Seelen im Gleichklang. Friede, Opernfreude, Einigkeit auf der Deutungsebene: so darf  Oper auch mal sein.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Dresden, Semperoper, Spitzenranking – 290.000 Besucher, 92% Auslastung, IOCO Aktuell, 17.08.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden – Spitzenranking in der Theaterwelt

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Intendant Peter Theiler zieht positives Resümee der Saison 2018/19 Dresden. Mit fast 290.000 Besucherinnen und Besuchern in den Kernbereichen Oper, Ballett und Konzerte verzeichnet die erste Saison unter der neuen Intendanz von Peter Theiler eine voraussichtliche Auslastung von 92 Prozent. Damit behauptet die Semperoper Dresden mit einem Kostendeckungsgrad von über 38 Prozent für das Jahr 2018 weiterhin einen Spitzenplatz im Ranking deutschsprachiger wie internationaler Theater.

300 Vorstellungen im Opernhaus und in Semper Zwei, darunter neun Opernneuproduktionen und drei Ballettpremieren, 33 Repertoirestücke in allen Sparten sowie zahlreiche Extra-Veranstaltung haben zum Gelingen der Saison 2018/19 als ebenso anspruchsvolles wie vielfältiges Musiktheater-Jahr beigetragen. »Die ausgezeichnete Bilanz mit konstant hohen Auslastungszahlen bestätigt uns darin, die Semperoper sowohl in traditionellen als auch ungewohnten Wahrnehmungsgewohnheiten zu verorten, gerade um dieser gesellschaftspolitisch unruhigen Zeit als kultureller Exzellenzbetrieb adäquat begegnen zu können. Unsere Gäste haben unser Angebot angenommen und ermutigen uns durch ihren Zu-spruch, in der kommenden Spielzeit 2019/20 den eingeschlagenen Weg künstlerisch konsequent und dialogbereit weiter zu beschreiten«, so Intendant Peter Theiler.

Moses und AronArnold Schönberg
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Rückblick auf die Spielzeit 2018/19

Unter dem Motto »Lebendiges Gedächtnis und vitale Gegenwärtigkeit« waren in der zu Ende gehenden Spielzeit aufregende Neuproduktion und große Namen von internationalem Rang zu erleben. Der Anspruch des Premierenzyklus 2018/19, eher ungewohnte künstlerische Positionen und selten gespielte Werke an dem Wagner und Strauss verpflichteten Haus zu präsentieren, fand mit Arnold Schönbergs Moses und Aron seinen Auftakt und schloss mit der gefeierten Premiere von Giacomo Meyerbeers Les Huguenots / Die Hugenotten ab.

Die viel beachteten, teils provokanten Premierenplakatmotive dazu schuf der Berliner Fotograf Andreas Mühe. Neben bedeutenden Regienamen wie unter anderem Calixto Bieito, Mariame Clément, Rolando Villazón und Peter Konwitschny, der nach längere Abwesenheit der Einladung Peter Theilers nach Dresden folgte, bereicherten hochkarätige Sängerinnen und Sänger wie Venera Gimadieva, Anja Harteros, Saioa Hernández, Placído Domingo und Michael Volle die Spielzeit. Die Sächsische Staatskapelle Dresden bewies sowohl in ihren Symphonie-und Sonderkonzerten als auch als Orchester in Oper und Ballett ihre Brillanz in einem weitgefächerten Repertoire. Nicht nur für Strauss-und Wagner-Liebhaber waren die Premiere von Ariadne auf Naxos und die Wiederaufnahme von Der fliegende Holländer unter der Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann besondere Höhepunkte. Erstmalig als Erster Gastdirigent stand Omer Meir Wellber in dieser Saison am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Das Semperoper Ballett begeisterte neben seinen klassischen Stücken und der Wiederaufnahme des Erfolgsstücks COW das Publikum mit der Premiere der Choreografie Carmen von Johan Inger. Die außergewöhnliche Leistung der Company honorierte die internationale Tanzwelt mit mehreren Erwähnungen in der Dance Europe Critic’s Choice sowie den Nominierungen für den 2018 National Dance Award und den diesjährigen Helpmann Award. In Semper Zwei wurde im Mai die deutsche Fassung von Philip Venables 4.48 Psychose uraufgeführt. Das Stück nach Sarah Kane in der Übersetzung des Dresdner Dichters Durs Grünbein entwickelte sich seit seiner Premiere zu einem Publikumsmagneten vor ausverkauftem Haus.

Intendant Peter Theiler und Chefdirigent Christian Thielemann im Gespräch
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Ausblick auf die Spielzeit 2019/20

Am 31. August 2019 startet die neue Saison der Semperoper Dresden mit dem 1. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, gefolgt von Mozarts Die Zauberflöte am 5. September 2019 als erste Opernaufführung der neuen Spielzeit. Zur traditionellen »Auftakt!«-Veranstaltung mit Kostproben aus den Premieren-und Repertoirevorstellungen 2019/20 lädt Intendant Peter Theiler am 8. September 2019 ein. Der Premierenreigen2019/20 startet mit Rossinis Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims in der Inszenierung von Laura Scozzi. Unter den weiteren zahlreichen Premieren-Highlights der kommenden Saison sind unter anderem Wagners Die Meistersinger von Nürnberg unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann, Verdis Don Carlo mit Anna Netrebko in ihrem Debüt als Elisabetta di Valois und einem Prolog von Manfred Trohjan (Uraufführung) zu nennen.

In der Sparte Semperoper Ballett ergänzen die Tanzoper Iphigenie auf Tauris in Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Foundation und dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch sowie der dreiteilige Ballettabend Vier letzte Lieder mit einer Choreografie zum gleichnamigen Liederzyklus von Richard Strauss den Premierenkalender. In der Spielstätte Semper Zwei ist die Dresdner Erstaufführung von Peter Eötvös Der goldene Drache zu erleben. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »30 Jahre Friedliche Revolution« der Sächsischen Staatstheater findet am 11. Oktober 2019 die Festaufführung von Beethovens »Fidelio« in der Inszenierung nach Christine Mielitz statt.

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.08.2019

August 9, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Lohengrin – Richard Wagner

– Aufregende Besetzungs-Scharade –

von Ingrid Freiberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Lohengrin ist die wohl schönste (und nach Wagners eigenen Worten „allertraurigste“) Oper des Meisters. Während seiner Beschäftigung mit Tannhäuser fand Richard Wagner zum mittelalterlichen Stoff in Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival und erkannte in dem strahlenden Ritter sich selbst als einen von Gott gesandten und von der öden Welt missverstandenen Künstler. So lässt sich Lohengrin auch als Seelen- und Künstlerdrama begreifen. Das Frageverbot Lohengrins kommt geradezu dem göttlichen Verbot des Genusses der Früchte vom Baum der Erkenntnis im Alten Testament gleich. Indem Elsa das Verbot bricht, landet Wagner einmal mehr bei der Ur-Schuld des Weibes. Elsas Gegenspielerin Ortrud ergeht es durch Wagners Behandlung auch nicht besser: Mit ihrer Zerstörung verweigert Richard Wagner, ein reaktionärer Anhänger der „Revolution von oben“,  den Frauen jegliches Recht auf Einmischung in Politik und Kunst.

Bayreuth 2018 – Lohengrin – Interview mit Regisseur Yuval Sharon
youtube Trailer der Bayreuther Festspiele 2018
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Die Uraufführung des Lohengrin, 1850 in Weimar, wurde von Wagners späteren Schwiegervater Franz Liszt geleitet. In Weimar konnte der Komponist nicht beiwohnen, da er wegen Mitbeteiligung an den revolutionären Aufständen steckbrieflich gesucht wurde und sich ins Schweizer Exil begeben hatte. Erst 1861 erlebte er erstmals eine (unbefriedigende) Aufführung des Lohengrin in Wien.

Erlösung – durch Lohengrin, den Sohn des Parzival

Eine in Bedrängnis geratene Thronerbin, eine verleumderische Gegenspielerin, ihr willfähriger Gemahl und ein König aus alter deutscher Zeit – das sind die Beteiligten an einem Konflikt, der nicht nach Lösung, sondern nach Erlösung verlangt. Diese soll der Schwanenritter Lohengrin, der Sohn Parzivals, bewirken, ausgesandt vom heiligen Gral, um der des Brudermordes angeklagten Elsa von Brabant in einem Gottesgericht beizustehen. Die Bedingung dafür ist Vertrauen. „Nie sollst du mich befragen“, fordert Lohengrin von seiner Schutzbefohlenen.

Schon das Vorspiel zum ersten Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie Wagners.Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt… für mich ist es ein Meisterwerk.“ (Hector Berlioz) Obwohl das Drama ganz vom Text her erschlossen und musikalisch durchgestaltet ist, lassen sich in der durchkomponierten Großform eingebettete „Nummern“ erkennen, wie Elsas Traumerzählung „Einsam in trüben Tagen“, Elsas Szene „Euch Lüften, die mein Klagen“ und das anschließende Duett mit Ortrud, das in der unübertrefflich schönen Phrase endet „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘ “, der Brautchor im dritten Akt, die Liebesszene im Brautgemach „Wir sind allein“ und Lohengrins Gralserzählung „In fernem Land“.

Elsa – emanzipiert von männlichen Dogmen und Ritualen

Für das Regiekonzept von Yuval Sharon sind vor allem die starken Frauenfiguren, Elsa und Ortrud, prägend und wie diese sich von blindem Gehorsam emanzipieren können. Er versucht darzulegen, wie verführbar Menschen durch Religion und Spiritualität sind, inwieweit leben sie sie oder lassen sie sich durch spirituelle Führer verführen? Verkörpert am Ende eine neue Generation in Gestalt von Elsas Bruder Gottfried die Hoffnung auf eine bessere Welt?

Dieser Konflikt zeigt sich schon in der ersten Szene mit König Heinrich. Der erste Satz des Chors ist „Wir geben Fried und Folge dem Gebot“. Ein Scheingericht gegen Elsa schließt sich an. Im 1. Aufzug erscheint Lohengrin noch zweifelsfrei positiv und rettet sie. Je länger Lohengrin in dieser Welt bleibt, desto korrumpierbarer und schmutziger wird er –  bis Elsa das am Ende nicht mehr aushalten kann und das Frageverbot missachtet. Das ist laut Yuval Sharon eine mutige tapfere Tat – ein Aufbegehren, nicht zerstörerische Neugier… Der durch Neo Rauch und Rosa Loy stark vorgegebene Rahmen führt allerdings zu einer etwas statuarischen Inszenierung, liefert eine Traumatmosphäre, das Unterbewusstsein zeigt skurrile Bilder…

 Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Versinken in ein Gemälde

Obwohl Neo Rauch, ein international erfolgreicher deutscher Maler und der bedeutendste Vertreter der sogenannten Neuen Leipziger Schule, zusammen mit Rosa Loy, die sich mit dem Mysterium der Frau, der neuen Weiblichkeit und der neuen Romantik beschäftigt, noch nie ein Bühnenbild bzw. Kostüme für ein Theater kreiert haben, tragen beide diese Produktion entscheidend mit. Für Bühnenbild und Kostüme des männlichen Personals zeichnet Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen. Das Bühnenbild birgt Assoziationen an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. Das Delfter Blau der Dekorationen hat Rosa Loy und Neo Rauch dazu inspiriert, für die Kostüme altniederländische Hauben und Krägen nach dem flämischen Maler Anthonis van Dyck zu kreieren… und romantisch blaue Wolkenformationen und Landschaftsszenerien zu malen. Mitten auf der Bühne steht – surreal – ein verlassenes Umspannwerk. Viele Figuren haben Flügel. Im Hintergrund ragen schemenhaft Felsen auf, es gibt Blitze, es geht um Licht und Dunkel. Wasser spielt eine Rolle, Sumpf, Schilf… Das Versinken in das Gemälde lässt der Musik Wagners nachhaltigen Raum. Ein wohltuendes Erlebnis in der oft mit Videos überfrachteten Theaterszene.

Aufregende Besetzungs-Scharade

Die Wiederaufnahme des Bayreuther Lohengrin 2019 wartet mit einem Novum auf: Lohengrin und Elsa sind in dieser Saison doppelt besetzt. Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, sieht dies als positiven Wettbewerb. Letztes Jahr gab es große Anerkennung für Piotr Beczala, der für Roberto Alagna eingesprungen war. 2019 singt er wieder, aber nicht alle Vorstellungen. Klaus Florian Vogt, der in Bayreuth „die Institution Lohengrin“ schlechthin ist, teilt sich mit ihm die Auftritte. Das hat durchaus Reizvolles. Die Partie der Elsa sollte ursprünglich Krassimira Stoyanova singen, die erkrankte; für sie wurde Camilla Nylund gefunden. Für zwei Vorstellungen war Anna Netrebko verpflichtet, die jedoch kurzfristig absagte… Die Scharade geht noch weiter: Annette Dasch wird nun in zwei Aufführungen die Elsa singen und Thomas J. Mayer ersetzt den erkrankten Tomasz Konieczny als Telramund. Und damit der Aufregung nicht genug, Elena Zhidkova ersetzt Elena Pankratova als Ortrud. Christian Thielemann sprach zu Beginn der Festspiele von einer „Super-Werkstatt Lohengrin, das hat sich nun in aufregender wie überraschender Hinsicht bewahrheitet!

Trotz aller Widrigkeiten lässt sich über die Aufführung am 3. August 2019 fast ausnahmslos in den höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizieren auf beeindruckendem Niveau und verbinden sich zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf. Trotz der Umbesetzungen ist dieser Abend ein Fest!

Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als wortprägnanter König Heinrich in der vordersten Liga, veredelte mit balsamischem sonoren Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der Tenor von Klaus Florian Vogt ist voluminöser geworden, mit durchaus sensiblen Seiten, schwankend zwischen Machismo-Ansprüchen an das männliche Geschlecht und einem Hauch von Selbstzweifeln, eine stimmlich und darstellerisch hervorragend gelungene Durchdringung des eben nicht nur edlen Charakters des Titelhelden. Er ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Leistung kulminiert in einer fantastisch klar intonierten Gralserzählung gegen Ende des dritten Aufzugs. Seine Stimme klingt viril und kann durchaus autoritär das Frageverbot verkünden oder sich als Führer der Brabanter ausrufen. Man hört die „heldischen“ Passagen selten so klangschön. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, seine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre, seine Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch-dramatischen Ausbrüchen beglücken. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der als missbrauchte Reflektionsfigur an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert. Vogts „In fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends.

Sechs gestandene Wagner-Sänger*innen teilen sich im Lohengrin die Hauptrollen. Neu im Ensemble und erst kurz vor der Wiederaufnahme eingesprungen ist Camilla Nylund als Elsa. In der Traumerzählung überzeugt sie mit berührend zarten Farben. Sie singt die Partie mit berückend schönem, ganz leicht eingedunkeltem Timbre. Strahlend und licht schwingt sich ihre wunderbar sicher geführte Sopranstimme auf, brilliert im Duett mit Ortrud und in der Brautgemachszene mit Lohengrin mit berührender Intensität, einer Intensität, die sie auch in der Darstellung erreicht.

Ortrud – Elena Zhidkova ist ein Glücksgriff

Vor Vorstellungsbeginn wird mitgeteilt, dass Elena Zhidkova – nach kurzer Einweisung – die Rolle der Ortrud übernimmt und nicht, wie zuvor angekündigt .Elena Pankratova. Elena Zhidkova ist  ein absoluter „Glücksgriff“! Mit großer stimmlicher Attacke porträtiert sie Ortrud als intrigante, machtgeile, giftige Gegenspielerin von Elsa von Brabant. Sie ist die dunkle Zauberin, die Kämpferin gegen das von Lohengrin verkörperte Patriarchat und verleiht dieser Figur eine ungemein packende Größe und Kraft. Überwältigend, mit punktgenau geführter Stimme und wohl dosierten dramatischen Ausbrüchen schleimt sie sich bei Elsa ein, um deren Psyche mit ihrem Gift durchtränken zu können. Dabei gestaltet sie ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Egils Silins singt an diesem Abend Heerrufer und Telramund

Mit „Seht da, den Herzog von Brabant!“ ruft Egils Silins, ein markant respekteinflößender Heerrufer des Königs, klangvoll und nobel zur Versammlung der Ritter auf. Ausdrucksvoll, mit kernig-kräftigem Bariton, zuweilen auch mit ungewöhnlich hintergründigen Tönen, verleiht er der Figur mehr Charakter als üblich. Er wird zum „Hasardeur“, als er im 2. Aufzug eine zusätzliche Aufgabe übernimmt und den inzwischen gänzlich indisponierten Tomasz Konieczny covert. Bereits mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, dass du zu richten kamst…“ lässt dieser wunderbar dramatische Bassbariton erkennen, dass er Probleme mit seiner Stimme hat. Egils Silins übernimmt die Rolle des Friedrich von Telramund. Den gelungenen Wechsel unterstützt auch das märchenhafte Bühnenbild: Kaum sichtbar und vollkommen überzeugend kann Silins, der immer mehr Tiefe bekommt und dabei durch sein völlig akzentfreies Deutsch besticht, übernehmen. Er ist ein geifernder Bösewicht wie aus dem Bilderbuch… und fängt das Malheur mit Bravour auf.

Der Chor der Bayreuther Festspiele (134 Personen!) überzeugt einmal mehr unter seinem langjährigen Leiter Eberhard Friedrich ohne jeden Abstrich, wird auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht und ist eine der tragenden Säulen der Aufführung…

Vollkommener Wagner-Klang

Silbrig-ätherische Klänge kann er ebenso zaubern wie atemberaubende Steigerungen: Christian Thielemann kennt – und kann seinen Wagner. Das zeigt sich gleich im Lohengrin-Vorspiel mit seiner mystischen Grals-Atmosphäre. Wie kein Zweiter beherrscht Thielemann die Finessen und Tücken der Bayreuther Akustik. Zwischen Debussy-hafter Zartheit und staatstragendem Pomp bietet sein Lohengrin perfekten Wagner-Klang. Das bestens vorbereitete Festspielorchester ist auf seinen Musikdirektor eingeschworen, bietet ihm lyrische Streichergesänge, warmes Holz und rundes, strahlkräftiges Blech. Wann hätte man die Bühnenmusik bei Wagner je so perfekt erlebt wie hier? Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau-silberner Schönheit leuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten piani – wie hingetupft – bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit welch souverän unverkrampfter Lust sich Thielemann in das Wagner-Abenteuer begibt, ist eine Freude.

Minutenlanger, einhelliger Applaus mit dem in Bayreuth üblichen euphorischen „Getrampel“ zeigen, dass auch kulinarische Inszenierungen ihren Platz in den Herzen der Wagnerianer finden können.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Adriana Lecouvreur mit Anna Netrebko, 04. – 07.2019

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

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ADRIANA LECOUVREUR –  Konzertant

Libretto Arturo Colautti nach Eugène Scribe und Ernest Legouvé, Uraufführung am 6. November 1902 am Teatro Lirico in Mailand

4. und 7. September 2019

Anna Netrebkos berührende Interpretation der Adriana ist auf den großen Bühnen der Welt von Wien bis New York Legende. An der Seite ihres Mannes Yusif Eyvazov als Graf Maurizio präsentiert sie sich nun an der Deutschen Oper Berlin in einer ihrer Paraderollen.

mit  Anna Netrebko und Ehemann – Yusif Eyvazov

Ein kompliziertes Netz von Intrigen, eine eifersüchtige Prinzessin, ein vergifteter Veilchenstrauß und eine begnadete Künstlerin, um deren Tod sich düstere Legenden ranken: Nichts Geringeres verwandelte Eugène Scribe in sein Theaterstück über Adrienne Lecouvreur, die bedeutendste Schauspielerin des frühen 18. Jahrhunderts. Seine dramatische Studie des verruchten, kunstsinnigen Ancien Régime von 1849 verarbeitete Francesco Cilea gut 50 Jahre später zu seiner wohl berühmtesten Oper ADRIANA LECOUVREUR. In der atemraubend unübersichtlichen Intrigenhandlung streiten sich Adriana und ihre Rivalin, die eifersüchtige Prinzessin Bouillon, um die Liebe des Grafen Maurizio, des historischen Grafen Moritz von Sachsen. Zwar rügten Kritiker schon bei der Uraufführung 1902 das nach Verismo-Maßstäben unwahrscheinliche Ende der Schauspielerin, die ein vergifteter Strauß Blumen zur Strecke bringt. Doch nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem unangefochtenen Klassiker der Opernliteratur. Vor allem die Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin.

BESETZUNG
Musikalische Leitung : Michelangelo Mazza, Chöre : Jeremy Bines, Maurizio : Yusif Eyvazov, Der Fürst von Bouillon : Patrick Guetti, Der Abbé von Chazeuil : Burkhard Ulrich
Michonnet : Alessandro Corbelli, Adriana Lecouvreur : Anna Netrebko, Die Fürstin von Bouillon : Olesya Petrova, Mademoiselle Jouvenot : Jacquelyn Stucker, Mademoiselle Dangeville : Aigul Akhmetshina, Quinault : Padraic Rowan Poisson :Ya-Chung Huang

Chöre
Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

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