Baden-Baden, Festspielhaus, Orphée et Eurydice – Hamburg Ballett, IOCO Kritik, 03.10.2019

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Orphée et Eurydice    Ballettoper  –  John Neumeier

Herbstfestspiele – Festspielhaus Baden-Baden

von Peter Schlang

Die Premiere von Christoph Willibald Glucks Oper Orpheus und Eurydice am 27. September 2019 im  Festspielhaus Baden-Baden läutete nicht nur eine neue Ära ein, nämlich jene des (erst) zweiten Intendanten in der Geschichte des  größten Opern- und Konzerthauses Deutschlands. Mit dem offiziellen Amtsantritt von Benedikt Stampa  und der ersten Produktion unter seiner Leitung begannen gleichzeitig die diesjährigen Herbst-Festspiele, die bis zum 6. Oktober 2019 sechs Ballettaufführungen und drei Konzerte für ihre Besucher bereit halten.

Orphée et Eurydice – Christoph Willibald Gluck
youtube Trailer des Hamburg Ballett _ John Neumeier
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Das Thema hätte für den Auftakt einer neuen Direktion kaum besser gewählt werden können, geht es doch in der in Baden-Baden zu sehenden Fassung John Neumeiers von Glucks Oper als Ballettoper um die Kraft und Wirkung von Musik, ja um die Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit der Kunst. John Neumeier hatte diese auf der französischen Fassung von Glucks Oper basierende Ballettversion vor zwei Jahren als Koproduktion seines eigenen Hauses, der Hamburger Staatsoper, mit der  Lyric-Opera of Chicago, wo die Ballettoper am 23. September 2017 auch ihre Premiere erlebte, und mit der Los Angeles Opera kreiert. Von Hamburg, wo Neumeiers Fassung erstmals am 3. Februar 2019 gezeigt wurde, kam sie nun für drei Aufführungen an die Oos. Neben dem in erster Linie dieses Projekt tragenden Hamburg Ballett John Neumeiers waren für diese Baden-Badener Aufführungen zwei Ensembles aus dem badischen Landesteil engagiert worden, die nicht nur zu den Aushängeschildern der sog. historisch-informierten Aufführungspraxis gehören, sondern auch unbedingt genannt werden müssen, wenn es um den herausragenden musikalischen Ruf  der Gegend am Oberrhein geht: Das Freiburger Barockorchester und das Vocalensemble Rastatt.

John Neumeier, der für seine Schöpfung nicht nur die Choreografie und Inszenierung schuf, sondern auch für Bühnenbilder, Kostüme und Beleuchtung verantwortlich zeichnet, erweiterte die von Glucks Fassungen bekannte Handlung um eine Rahmenhandlung: Orpheus oder Orphée, wie er in der am 2. August 1774 in Paris herausgekommenen Fassung heißt, wird zum Choreografen, der sein neues Ballett Die Toteninsel probt, das von dem gleichnamigen Gemälde Arnold Böcklins inspiriert ist. Die Hauptrolle darin soll Orphées Ehefrau Eurydice übernehmen, die temperamentvolle, aber etwas unzuverlässige Prima Ballerina der Compagnie. Nachdem sie zu spät zur Probe kommt und deswegen von ihrem Mann zur Rede gestellt wird, reagiert sie äußerst angefressen, ohrfeigt gar ihren Mann und verlässt empört die Probe. Kurz darauf kommt Eurydice bei einem Autounfall ums Leben. Ob durch den Streit mit ihrem Mann aus dem Gleichgewicht und um ihre Aufmerksamkeit gebracht oder durch einen tragischen Zufall, bleibt offen.

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée © Kiran West

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée © Kiran West

Gepeinigt von Schmerz und Reue erinnert sich Orphée an seine Hochzeit mit Eurydice, gerät aber darüber so sehr in Verzweiflung, dass er völlig aus der Fassung gerät. Der Liebesgott Amour, bei Neumeier der Choreografie-Assistent Orphées, tröstet seinen Chef, indem er ihn  an die mythische Reise von Orpheus in die Unterwelt erinnert.  Diese bekannte Handlung läuft nun in der Gedankenwelt bzw. inneren Vorstellung Orphées ab, der die gleichen Ängste und Qualen ausstehen muss wie sein mythologisches Vorbild und am Ende seine geliebte Frau zum zweiten Mal verliert. Trost wächst ihm erneut durch Amour zu, der ihn davon überzeugt, dass Eurydice in  seiner Liebe zu ihr und vor allem in dem von ihm zu erschaffenden Ballett, also in der Kunst, weiterleben wird,

Dieser Eingriff in Glucks Opernvorlage gelingt durchaus ohne Brüche und erlaubt ein schlüssiges „Theater auf dem Theater“.  Dies wird nicht nur dadurch möglich, dass die von Neumeier gewählte Pariser Fassung zahlreiche zusätzliche instrumentale Teile enthält, die der Choreograf und Regisseur für seine Ballettszenen geschickt zu nutzen weiß. Auch die Doppelung des Sängerpaares durch die famose Tänzerin Anna Laudere und ihren kongenialen Partner Edvin Revazov verleihen der Handlung Anschauungskraft und dramatische Stringenz. Tänzerisch-dramaturgisch funktioniert dies in den beiden ersten Akten recht gut, im dritten Akt scheinen jedoch Phantasie und Ausdrucksmittel des Choreografen und seiner Compagnie fast aufgebraucht zu sein, so dass sich hier wenig neue Erkenntnisse einstellen und eine gewisse Ermüdung breit macht.

Was die Personenführung der drei Sänger betrifft,  hegt der aufmerksame Beobachter von Anfang an den Verdacht, dass der Regisseur Neumeier nicht so recht zu wissen scheint, was er mit den Darstellern der drei Solorollen anfangen soll. So lässt er diese meist etwas unbeteiligt am Bühnenrand herumstehen oder –sitzen, was zwar die Beobachterrolle von Orphée und Amour in der Binnenhandlung unterstreichen mag, aber kaum zur Verdeutlichung der Handlung oder gar zur packenden Zeichnung der Personen beiträgt. Diese darstellerischen, nicht von ihnen zu verantwortenden Defizite machen zumindest die beiden Sängerinnen ohne jede Einschränkung wett. Die in Rom geborene Arianna Venditelli präsentiert sich von anfänglichen leichten  Schärfen in der Höhe abgesehen als sinnliche, jugendliche Eurydice mit klangschöner, biegsamer und weicher Stimme, der man ihre sorgfältige Ausbildung in der Alten Musik jederzeit anmerkt. Fast noch mehr gilt dies für ihre Sopranistinnen-Kollegin Marie-Sophie Pollak als Amour, welche die beschriebene darstellerische Einschränkung durch ein höchst farbiges, in allen Registern ansprechendes und mühelos in die Höhe zu führendes Organ mehr als ausgleicht.

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Auch in den Trios mit Eurydice und Orphée im dritten Akt und den Duetten mit dem „Sänger-Choreografen“ im ersten und dritten Akt zeigt die Sängerin ihre zu allergrößter Hoffnung Anlass gebenden musikalischen und auch schauspielerischen Anlagen. Als einziger Wehmutstropfen in diesen ausgezeichneten sängerischen Solistenleistungen muss leider der Darsteller Orphées, an diesem Abend ist dies der russische Tenor Dmitry Korchak, angesehen werden. Technisch durchaus begabt, scheint seine Stimme in Klang und Ausdruck eher für größere, dramatische Rollen des italienischen und russischen Fachs  geeignet zu sein. Für die eher lyrischen, kammermusikalischen Passagen des Orpheus bzw. Orphée fehlten ihm zumindest an diesem Baden-Badener Premierenabend Farbigkeit, Wandlungsfähigkeit und Gespür für Stimmungen und Nuancen im Ausdruck. Das erwies sich  gerade auch und vor allem bei den Duetten und Trios mit seinen beiden Partnerinnen als bedauernswertes Defizit.

Abgesehen von den oben erwähnten und nicht nur vom schreibenden Beobachter wahrgenommenen leichten Schwächen  der Choreografie gegen Ende der Aufführung zeigt sich die Hamburger Compagnie jederzeit als das, was ihren Ruf rund um die Welt ausmacht: Ein charismatisches, tänzerisch allen Anforderungen gewachsenes, ausdrucksstarkes und mitreißendes  Tanzkollektiv, aus dem neben den bereits erwähnten Darstellern des Protagonistenpaares vor allem das Trio der Höllenhunde von Aleix Martinez, Lizhong Wang und Marcelino Liabao hervorzuheben sind.

Auch als Ausstatter darf man John Neumeier ein großes Kompliment machen. Dies gilt nicht nur schönen und schlüssigen Einfällen wie dem Zitat des Kahnes, mit dem Charon die Toten über den Acheron bringt oder der Zypresse, die Erde und Unterwelt verbindet. Vor allem die von Neumeier konzipierten „halben Quader“ bzw. Dreiecks-Elemente entpuppen sich als hilfreiche wie formschöne Gestaltungselemente. Durch Drehen und Schieben werden sie zu variablen Auftritts- und Hintergrund-Flächen, die zudem durch eine perfekt eingesetzte Beleuchtung interessante und äußerst ästhetische Szenen ermöglichen. Dazu  passen die aufwändigen, die fließenden Bewegungen betonenden, meist weit geschnittenen Gewänder der Tänzerinnen und Tänzer.

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Musikalisch ist die Baden-Badener Aufführung ein großer Genuss, ja, was die beiden erwähnten musikalischen Kollektive betrifft, ein Ereignis allererster Klasse. Das Freiburger Barockorchester, hier unter der Leitung des in Sachen historisch-informierter Aufführungspraxis bestens erprobten italienischen Dirigenten Allesandro De Marchi, wird auch an diesem Abend seinem herausragenden Ruf als eines der weltbesten Originalklangensembles gerecht. Dass es jederzeit in der Lage ist, in allen Stimmungen und inhaltlich-dramatischen Abstufungen einen betörenden, reinen und dennoch aufregenden und mitreißenden Klang zu entfalten, ist bekannt und wird ja auch von Musikbegeisterten in aller Welt geschätzt und gelobt.

Neu war hingegen, wenn es auch so erwartet werden durfte, dass die Freiburger auch als Ballettorchester eine tadellose Figur abgeben und mit allergrößter Präzision und Klangschönheit agieren können. So lieferten sie den Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne die makellose Folie, die den Tanz erst zu dem werden lässt, was sich Komponist und Choreograf erträumt haben mögen.

Kongenial auch das von Holger Speck einstudierte Vocalensemble Rastatt, das seinem Ruf als hochspezialisiertem, mit außergewöhnlicher Klangreinheit und –schönheit singender Chor bei all seinen Einsätzen voll gerecht wurde.

Dies ist umso erstaunlicher, als der Chor bei diesem Projekt hinter dem Orchester ganz statisch im Graben postiert ist. Dass die gut zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger dennoch so klangschön und jederzeit verständlich artikulieren, zeugt von ihrer großen Meisterschaft und Professionalität.

So überwiegen am Ende dieser gut zweistündigen Aufführung die Freude über  und Dankbarkeit für ein optisches und musikalisches Ereignis von außerordentlichem Format. Allerdings stehen ihnen die Zweifel darüber entgegen, ob die Tanzfassung einer Oper tatsächlich so viele neue Erkenntnisse bringt, wie es Aufwand und Idee nahe legen und rechtfertigen würden. Der Beobachter entscheidet sich dann doch eher für das Original…

Weitere Aufführungen dieser Produktion nach Erscheinen dieser Besprechung nur noch auf Anfrage in Hamburg und möglicherweise an anderen Orten.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Anna Karenina – Ballett John Neumeier, IOCO Kritik, 06.09.2017

Oktober 5, 2017 by  
Filed under Ballett, Hervorheben, Kritiken, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

 Anna Karenina – Ballett von John Neumeier

Drei Frauen – Drei Wege von Liebe und Enttäuschung

Von Hanns Butterhof

An der Hamburgischen Staatsoper hat sich John Neumeier mit seinem Hamburg Ballett an Leo Tolstois Mammutwerk Anna Karenina gewagt und „inspiriert von Leo Tolstoi“ einen beglückenden, ergreifenden Tanzabend choreographiert. Neumeier konzentriert sich rein tänzerisch auf die Gefühls-Glutpunkte dreier Frauen, ihre Liebe und ihre Enttäuschung. Dabei gelingt ihm überzeugend, gleichwertig ihre Geschichten zu erzählen wie ihre Gefühlswelten offenzulegen.

Die eine, Dolly, muss mit der notorischen Untreue ihres Gatten zurechtkommen, die junge Kitty muss verkraften, dass ihre Verlobung mit Graf Wronski nicht zustande kommt, und Anna Karenina, der er sich zugewandt hat, muss mit seinem nachlassenden Interesse fertig werden. Sie steht im Zentrum des Abends, der ohne Hinweise auf einen spezifischen Ort in der Gegenwart spielt.

Anna Karenina   –  Leo Tolstoi – Hamburg Ballett
youtube Video des Hamburg Ballett – John Neumeier
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Anna Laudere ist eine wunderbar ausdrucksstarke, wandlungsfähige Anna Karenina. Sie ist die Frau des Politikers Alexej Karenin (Ivan Urban), der sich bei einer Wahlkundgebung vor seinen Anhängern spreizt und Pirouetten dreht. Die schöne Frau im eleganten roten Kleid ist mit Sohn Serjoscha (Marià Huguet) bloß ein dekoratives Anhängsel ihres Mannes, ein Pluspunkt in seinem Wahlkampf; ihr öffentlich zelebrierter Kuss ruft Beifallsstürme hervor.

Zuhause zeigt sich, dass alles zur Show gehört. Karenin entzieht sich Annas Annäherungen; als sie die Hand nach ihm ausstreckt, wirft er sein Jackett über ihren Arm wie über einen Kleiderständer. Mit hochgezogenen Schultern umarmt sie einen leeren Stuhl, verfällt sie ergreifend der Einsamkeit.

Gern folgt sie dem Handy-Anruf ihres Bruders Stiwa Oblonski (Marià Huguet), zu ihm zu kommen, um in einem schweren Ehekonflikt mit seiner Frau Dolly (Patricia Friza) zu vermitteln. Als sie zufällig auf dem Bahnhof mit dem jungenhaften Sportsmann Wronski (Edvin Revazov) zusammenstößt, springt gleich der Funke über. Ihre Haltung verändert sich, sie spannt sich ihm entgegen, und er fängt sie auch ganz körperlich auf, als sie, wohl nicht nur wegen des tödlichen Sturzes eines Arbeiters (Alexandre Riabko), ein Schwindel erfasst.

Staatsoper Hamburg / Ballett Anna Karenina - hier Anna Laudere und Edvin Revazov als Anna und Wronski © Kiran West

Staatsoper Hamburg / Ballett Anna Karenina – hier Anna Laudere und Edvin Revazov als Anna und Wronski © Kiran West

Beide treffen sich auf der Feier zu Wronskis Verlobung mit Dollys junger Schwester Kitty (Emilie Mazon) wieder. Anna und Wronski haben nur Augen füreinander, etwas plakativ gibt er ihr Feuer und sie gibt sich ihm nach kurzem Zögern hin. Ihr jubelnder Pas de deux ist atemberaubend. Er hebt sie hoch in den Himmel und in weiten Sprüngen setzen sie sich leidenschaftlich über alle Konventionen hinweg.

Unter alptraumhaften Bedingungen gebiert Anna Wronskis Kind, hin- und hergerissen zwischen ihrem Gatten und dem Liebhaber. Als sie beide nicht mit einander versöhnen kann, verlässt sie ihren Mann und den geliebten Sohn Serjoscha. Doch unter italienisch blauem Himmel schleichen sich bei ihr und Wronski Sehnsucht und Entfremdung ein. An beiden Enden eines langen Tisches sitzend sehnt sie sich nach ihrem Sohn und den kindlich unschuldigen Ritualen, die sie mit ihm teilte. Durch Wronskis Gedanken gleitet eine Frau mit Sonnenschirm, und unheilvoll drängt sich im Tanz gewaltsam das Bild des toten Arbeiters zwischen das Paar.

 Staatsoper Hamburg / Ballett Anna Karenina - hier Aleix Martinez als Levin © Kiran West

Staatsoper Hamburg / Ballett Anna Karenina – hier Aleix Martinez als Levin © Kiran West

Ihre Rückkehr nach Hause ist für Anna eine einzige Enttäuschung. An Karenin ist seine Härte nicht spurlos vorübergegangen. Seine strenge Assistentin Lydia Iwanowa (Mayo Arii) musste ihn nicht nur trösten, sondern ihn bei seinen Depressionen auch therapeutisch auffangen; beide halten Anna von ihrem Sohn fern.

Bei einem Besuch der Oper steht Anna schon unter Tabletteneinfluss. Sie nimmt nur wahr, wie sich die Gesellschaft von ihr abwendet, fühlt sich selbst von ihren Familienmitgliedern übersehen und sieht Wronski mit der Frau mit dem Sonnenschirm flirten. An einer Überdosis sterbend hat sie eine letzte Vision ihres ersten Liebesabends. Doch setzt sich schaurig wieder der tote Arbeiter an Wronskis Stelle, bevor es mit ihr jäh zu Ende ist.

Neumeier bewertet weder, dass Anna Karenina unbedingt ihren Gefühlen folgt und sich dabei verliert, noch dass die mütterliche Dolly um ihrer geliebten Kinder willen bei ihrem Mann Stiwa bleibt. Sie hatte die Koffer schon gepackt, als ihre fünf Kinder sie rührend zum Bleiben an der Stelle bewegen, an die sie einfach gehört.

Staatsoper Hamburg / Ballett_Anna Karerina - hier Emilie Mazon als Kitty © Kiran West

Staatsoper Hamburg / Ballett_Anna Karerina – hier Emilie Mazon als Kitty © Kiran West

Etwas anders verhält es sich mit Kitty. Die junge Frau war nach dem Desaster mit Wronski mit einer schweren psychischen Erkrankung in die Psychiatrie eingewiesen worden. Konstantin Lewin (Aleix Martinez), der sie immer geliebt hatte, aber vor Wronski zurückgetreten war, richtete die sich selbst Verletzende wieder auf, gab ihr Selbstachtung und Lebensfreude zurück. Den in seinem Denken, Fühlen und Handeln völlig alternativen, in seinen Bewegungen etwas mystisch-ekstatischen  Großbauern hat sie nun geheiratet und ist ihm aufs Land gefolgt. Als sie in Latzhose und Gummistiefeln mit dem Traktor vorfährt, ironisiert ein Cat Stevens-Song ihre weltferne Landidylle als Weg.

Alle Szenen fließen dank abstrakter, verschiebbarer Wandelemente ohne Umbaupausen ineinander (Bühne, Kostüme und Licht ebenfalls John Neumeier), und die life vom Staatsorchester unter Simon Hewett gespielte festliche Musik Tschaikowskys passt so trefflich zu den gesellschaftlichen Szenen wie die zunehmend dissonanter werdende von Alfred Schnittke zu den privaten, während die mit Lewin verknüpften Cat Stevens-Songs für irritierte Heiterkeit sorgen.

Nach über zweieinhalb Stunden Riesenbeifall für alle Beteiligten an dem in jedem seiner Teile überzeugend geglückten Ballettabend.

Anna Karenina – Ballett von John Neumeier an der Staatsoper Hamburg: Die nächsten Termine: 19., 21. und 22.10.2017 jeweils 19.00 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—