Wien, Neue Oper Wien, MuseumsQuartier, Angels in America – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 10, 2019 by  
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Neue Oper Wien

Museumsquartier Wien © Marcus Haimerl

Museumsquartier Wien © Marcus Haimerl

Angels in America  –  Peter Eötvös

– Endzeitängste begegnen den Bürger eines Landes –

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung von Peter Eötvös´ Oper Angels in America nach dem 1991 uraufgeführten Theaterstück von Tony Kushner bleibt die Neue Oper Wien ihrem Prinzip treu, Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert aufzuführen und damit eine Lücke in der Wiener Kulturlandschaft zu schließen.

Tony Kushners mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück beschäftigt sich mit dem Amerika der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts und drückt die Endzeitängste einer Nation im Angesicht der Aids-Epidemie sowie der politischen und ökologischen Bedrohungen (Ozonloch, Reaktorkatastrophe von Tschernobyl) und der gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit aus. Dazu Tony Kushner, 1992: „Aids zeigt uns die Grenzen der Toleranz (…) und, dass unterhalb der Toleranz ein intensiver, leidenschaftlicher Hass liegt.“

Anders als in Kushners Stück, wird in Eötvös´ Oper Angels of America der politischen Ära der Präsidentschaft Ronald Reagans weniger Platz eingeräumt.

 Museumsquartier Wien / Angels in America - hier : Caroline Melzer als Engel von Amerika © Armin Bardel

Museumsquartier Wien / Angels in America – hier : Caroline Melzer als Engel von Amerika © Armin Bardel

Dazu schreibt Peter Eötvös über seine Komposition: „Halluzination und Realität gehen in diesem Stück nahtlos ineinander über. In der Opernversion lege ich weniger Akzent auf die politische Linie als Kushner, vielmehr konzentriere ich mich auf die leidenschaftlichen Beziehungen, auf die hochdramatische Spannung des wunderbaren Textes, auf den permanent schwebenden Zustand der Visionen.“

Tony Kushners zweiteiliges Theaterstück (Teil 1 Millenium Approaches und Teil 2 Perestroika) mit einer Gesamtspielzeit von knapp 7 ½ Stunden wurde von Mari Mezei, Ehefrau und kreative Partnerin von Peter Eötvös, in ein knapp dreistündiges Libretto zusammengefasst. Das Stück wurde für acht Schauspieler geschrieben, die zwei oder mehrere Rollen übernehmen, was von der Librettistin beibehalten wurde. Anders als beispielsweise Peter Eötvös Oper „Tri sestri“, die am aktuellen Spielplan der Wiener Staatsoper steht, integriert Eötvös in Angels in America Jazz-, Rock- und Musicalelemente im Zusammenklang mit Alltagsgeräuschen, aus denen sich viele Formen des Gesangs ergeben: Von freiem Sprechen bis hin zu opernhaften Koloraturgesängen.

Die Handlung spielt in New York und beginnt im Oktober 1985, sie endet mit dem Epilog im Januar 1990. Prior Walter gesteht seinem Lebensgefährten Louis Ironson nach der jüdischen Trauerfeier von Louis Großmutter, an Aids erkrankt zu sein. Louis verlässt ihn. Im Krankenhaus kümmert sich der Transvestit Belize um Prior, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Er erhält in Visionen Besuch von einem Engel, der ihn als Propheten anspricht und ihn mit den „großen Werk“ der Rettung der Erde beauftragen will, denn Gott habe die Engel und den Himmel schon lange verlassen. Harper und ihr Ehemann, der mormonische Rechtsanwalt Joe Pitt, entfremden sich zunehmend. Joe entdeckt seine Homosexualität und verbirgt dies seiner Frau gegenüber, offenbart sich aber seiner Mutter Hannah, die das als strenggläubige Mormonin nicht akzeptieren kann und umgehend nach New York reist, um ihren Sohn wieder auf den rechten Weg zu führen. Auf der Suche nach anonymen Sexkontakten im Central Park trifft Joe auf Louis, mit dem er auch später zusammenziehen wird. Harper, von Valium abhängig, spaziert mit dem von ihr imaginierten Reiseagenten Mr. Lies durch die Straßen Brooklyns und glaubt, in der Antarktis zu sein. Joe arbeitet für den Rechtsanwalt Roy Cohn, einen der beiden historischen Figuren des Dramas. Roy Cohn, ein vehementer Schwulenhasser, der mit Männern schläft, erfährt von seinem Arzt, er habe Aids. Cohn beharrt jedoch darauf, nicht schwul zu sein und an Leberkrebs erkrankt zu sein. Seinen Aids-Tod begleitet ein besonderer Racheengel: Ethel Rosenberg, die zweite historische Figur dieses Dramas, die er 1953 als Staatsanwalt mit falscher Anklage auf den elektrischen Stuhl gebracht hatte. Priors Engelsvisionen gipfeln in einem Treffen mit den Engeln, die im Himmel Radioberichte über die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verfolgen. Prior lehnt es ab, das „große Werk“ fortzusetzen, er möchte vielmehr nur gesegnet werden und mehr Zeit bekommen. Er legt das Buch des Propheten nieder und kehrt zu Erde zurück. Fünf Jahre später treffen er, Louis, Belize und Hannah sich am Bethseda-Brunnen im New Yorker Central Park wieder.

Das Bühnenbild von Nikolaus Webern (der auch die Kostüme schuf) zeigt auf drei Seiten die New Yorker Skyline, der Hintergrund dient dabei aber auch für Projektionen, von der amerikanischen Flagge, über den Central Park bis hin zur ersten Erscheinung von Ethel Rosenberg. Der Bühnenboden bleibt während des ganzen Stücks schneebedeckt.

Der deutsche Regisseur Matthias Oldag sorgt mit seiner packenden und zutiefst berührenden Regiearbeit auch für rasche Szenenwechsel durch schnell hereingeschobene Requisiten: ein Schreibtisch für den machthungrigen Roy Cohn, einen Schminktisch für Harper und Prior, eine Parkbank für heimliche Treffen im Central Park zwischen Joseph und Louis oder des Krankenbettes in dem Prior seine Visionen durchlebt und Roy Cohn stirbt.

MuseumsQuartier Wien / Angels in America - hier : I Savchenko T Severloh © Armin Bardel

MuseumsQuartier Wien / Angels in America – hier : I Savchenko T Severloh © Armin Bardel

Großartig auch die musikalische Seite. David Adam Moore ist ein eindringlicher Prior Walter mit wunderbar sonorem Bariton und berührendem Spiel. Franz Gürtelschmied verleiht mit der Strahlkraft seines wohlklingenden Tenors der Figur des Louis Ironson Tiefgang und überzeugt als innerlich Zerrissener. Bewegend Sophie Rennert als agoraphobische und Valium abhängige Harper Pitt (auch als Ethel Rosenberg) mit wunderschönem Mezzosopran. Intensiv auch Bariton Wolfgang Resch als zwischen Ehefrau, Glauben, politischer Überzeugung und Homosexualität hin- und hergerissener Joseph Pitt. Imponierend der gebürtige Australier Karl Huml, der mit dröhnendem Bass der Figur des Roy Cohn Stimme verleiht. Eine Höchstleistung von Caroline Melzer als Engel von Amerika, die mit himmlischen Koloraturen zutiefst zu beeindrucken vermag. Inna Savchenko überzeugt nicht nur als Joe’s Mutter Hannah, sondern beweist auch ihre Vielseitigkeit als Rabbi Chemelwitz mit ihrem vollen, warmen Mezzosopran. Eine hervorragende Leistung auch vom deutschen Countertenor Tim Severloh als Belize (oder auch als Mr. Lies), sowie dem im Orchestergraben agierenden Vokaltrios Momoko Nakajima (Sopran), Johanna Zachhuber (Alt) und Jorge Alberto Martinez (Bassbariton).

Das amadeus-ensemble-wien unter der Leitung von Walter Kobéra leistet Großartiges zwischen Untermalung und intensivsten musikalischen Höhepunkten.

Jubel und verdienter, langanhaltender Applaus in Beisein des Komponisten zeugen von einem erneuten Erfolg der Neuen Oper Wien, der es gemeinsam mit Peter Eötvös und Mari Mezei gelungen ist, dem Publikum ein Gefühl von Tony Kushners Meisterwerk zu vermitteln.

—| IOCO Kritik Neue Oper Wien |—

Lyon, Opéra de Lyon, Premiere Aus einem Totenhaus – Leos Janacek, 21.01.2019

Dezember 21, 2018 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

  Aus einem Totenhaus –  Leos Janácek

– Ohne Helden –

Premiere 21.01.2019 weitere Termine: 23., 25., 27., 29., 31.01., 02.02.2019

Als Bearbeitung von Dostojewskis Aufzeichnungen Aus einem Totenhaus (1862) stellt Leos Janaceks letzte Oper auch den Höhepunkt seiner Opernkunst dar. Der russophile, patriotische tschechische Komponisthat Dostojewskis Werk selbst übersetzt und dessen halbdokumentarischen Charakter auf der Bühne beibehalten. Sein Libretto kommt ohne Hauptfiguren undohne durchgehende Handlung aus. Die Protagonisten sind die Gefangenen eines sibirischen Straflagers und jeder Akt enthält Schilderungen des Gefängnisalltags sowie Geschichten, die mit einem der Häftlinge im Zusammenhang stehen: Skuratov hat einen Deutschen umgebracht, mit dem seine Liebste zwangsverlobt wurde; Siskov hat seine Frau ermordet, die sichin einen anderen Mann verliebt hat …

Spannungsgeladene Harmonien

Die Abfolge der verschiedenen Episoden, die die schrecklichen Schicksale im grauen Lageralltag erzählen, entspricht den Kompositionsprinzipien Janaceks. Er versuchte in seiner Musik, eine objektive Tonwahrheit umzusetzen, bevorzugte die freie Aneinanderreihung von Akkorden. Die Motive folgen aufeinander und werden ständig variiert. Sie sind stark von der gesprochenen Sprache beeinflusst, für deren Formen und Strukturen, Betonungen undIntonationen sich der mährische Komponistsein ganzes Leben lang interessierte.Seine knappe und für ihn typisch sparsame Orchestrierung wird hier mit erstaunlichenFarbwerten verstärkt, wobei er beiden einzelnen Instrumentengruppen zu extremen Klangkombinationen neigt. In der Opéra de Lyon wird der argentinische Dirigent Alejo Perez diese ungewöhnlich dichte Partitur zum Klingen bringen. Der ehemalige Assistent von Péter Eötvös, der das Ensemble intercontemporain geleitet und sein Debut in Frankreich 2005 in Lyon mit Pollicino von Hans Werner Henze gegeben hat, ist ein profunder Kenner des Repertoires des 20. Jahrhunderts.

Eine große Herausforderung für Warlikowski

Dieses markante Werk aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist heute von Patrice Chéreaus Regiearbeit geprägt. Bei den Wiener Festwochen 2007 brachte dieser unter der musikalischen Leitung von Pierre Boulez eine Inszenierung heraus,bei der ein ausgeprägter theatralischer Realismus mit dem großartigen Bühnenbild zusammen traf. Dieses wies über die unterschiedlichen Formen von Konzentrationslagern hinaus – von den zaristischen Kerkern Dostojewskis bis zu den sowjetischen Arbeitslagern der 1920er Jahre, die schließlich im Gulag enden sollten. Das Gefängnis selbst nahm vom Werk Besitz und wird neben den Sträflingen zur Protagonistin. Die Arbeit von Krzyzstof Warlikowski beruht auf denselben Grundlagen. Seine Nähe zum Theater ist offensichtlich. Die Sänger sind auch bei ihm Schauspieler, deren Darstellung ständig hinterfragt und perfektioniert wird. Seine Arbeit mit der Sopranistin Barbara Hannigan bei Lulu oder La Voix humaine liegt weit jenseits von dem, was Opernproduktionen gemeinhin an Dramatik an sich haben. Und schließlich verleiht seine Fähigkeit, widersprüchliche Raum-Zeit Begegnungen auf der Bühne herbeizuführen, seiner Arbeit eine Tiefe, die im schlechtesten Fall fasziniert, im besten Fall Tore zu einem neuen Verständnis aufstößt. Wie wird sich der Regisseur aus dem erdrückenden Erbe Chéreaus lösen, dem so viele anderegefolgt sind, und seinen persönlichen Zugang unter Beweis stellen?

Die Hölle und das Licht
Über die Produktion von Krzysztof Warlikowski

Ganz bewusst wollte Krzysztof Warlikowski während der Vorbereitungsphase dieser Inszenierung die Erzählung vonDostojewski nicht noch einmal lesen. In seinen Zwanzigern war das Werk des russischen Dichters, genau wie die Werke anderer großer europäischer Autoren, für ihn von essenzieller Bedeutung gewesen. Einige der Figuren aus Die Brüder Karamasow, Der Idiot und Schuld und Sühne sind tief in sein Gedächtnis eingeschrieben und bilden eine Gesamtheit faszinierenderCharaktere, anhand derer er die Welt zu begreifen lernte.Doch gerade diese Faszination für Dostojewski wollte er beidieser Arbeit außen vor lassen, um sich ganz auf die Adaption von Janácek konzentrieren und anhand des Librettos und der Partitur eine Welt erschaffen zu können, die nicht eigentlich „russisch“, sondern vielmehr universal ist. Seine Gefängniswelt ist so, wie wir sie in der Türkei, in Brasilien, in Mexiko oder China genau wie in unseren westlichen Demokratien vorfinden.Sie zeichnet sich durch eine Universalität des Leidens undeinen Willen aus, denjenigen, der sich schuldig gemacht hat, auf schlimmste Weise sühnen zu lassen, der auf allen Kontinenten dieser Welt gleichermaßen zu finden ist. Erniedrigung, Gewalt, Einsamkeit und Angst sind ständige Mitbewohner in jedem Gefängnis, von welchem politischen Regime es auch betrieben wird. Zweifellos mit gewissen, manchmal gewichtigen Nuancen. Doch immer haben wir es mit Männern und Frauen zu tun, denen man die Freiheit genommen hat. Im Französischen hat das Wort „peine“ nicht zufällig eine zweifache Bedeutung: Es steht für die Schmerzen einer Person, die leidet,und gleichzeitig für die Strafe, die ein Gefangener zu verbüßen hat. Eine Gefängnisstrafe ist also Leiden und Verurteilung gleichermaßen. Die Verurteilung zum Leiden.

Wer kann schon von sich behaupten, dass er niemals eine Nacht im Gefängnis verbringen wird? Wer kann von sich behaupten, dass er niemals eine Straftat begehen wird? Selbst die Formulierung eines Gedankens oder die Verteidigung einerArgumentation können unter bestimmten Umständen als Verstoß gegen Moral, Religion oder die sogenannte Sicherheit eines Staates angesehen werden. Demokratie, die Gleichbehandlungaller, die in ein und demselben Land leben, die sexuelle Freiheit, das Recht der Frau, allein und frei über ihren Körper zu bestimmen, die Unabhängigkeit und Freiheit der Kunst einzufordern, kann zu Verurteilung und Inhaftierung führen. Die Kontrolle über das menschliche Denken in verschiedenen mitteleuropäischen Staaten, um nur über Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft zu sprechen, die Teil der Europäischen Union sind, nimmt teils schwer vorstellbare Formen an. Dasideologische Gefängnis geht dem tatsächlichen voraus. Ineinigen unserer so „bewundernswerten“ Demokratien kannschnell vor Gericht und im Wiederholungsfall auch im Gefängnis landen, wer es wagt, einem Geflüchteten Hilfe zuleisten, der alles zurückgelassen hat, der unter unvorstellbaren Umständen das Mittelmeer überquert hat und versucht, in ein Land zu gelangen, das die „Menschenrechte“ hochhält, um endlich auf ein Leben in Würde hoffen zu können. Nicht nur in Istanbul, Moskau oder Peking hat mancher schon teuer für die Meinungsfreiheit bezahlt. Der Aufstieg des Populismus undder identitären Bewegungen mehrt die Gefahren innerhalb unserer eigenen Grenzen. Die unglaubliche Serie The Handmaid’s Tale macht deutlich, dass das Schlimmste nicht weit entfernt ist, dass es nur wenig braucht, um eine Demokratie wie die Vereinigten Staaten in den Totalitarismus kippen zu lassen, dass es nur wenig braucht, damit das, was wir heute am meistenschätzen, uns morgen in den Kerker bringen kann.

In der denkwürdigen Oper von Janácek gibt es nicht wirklicheine Hauptfigur oder eine lineare Erzählung. Man lerntMenschen kennen, die alle eine schreckliche, gewalttätige Vergangenheit mit sich tragen. Nur Zeit und Ort bringen die Erzählungen und Erinnerungen zusammen. Die Ankunft von Gorjancikov führt uns in ein hochgesichertes Straflager. Erstellt sich als politischer Gefangener vor. Er hat sich keines anderen Verbrechens schuldig gemacht, so scheint es, als anders zu denken, frei zu denken. Anders als die von Dostojewski geschaffene Figur, an die er entfernt erinnert, hat er kein Blut anden Händen. Sein Aufenthalt in diesem Gefängnis verdankt erscheinbar nur seiner Neigung, die Dinge auf eine andere Weisezu sehen. Und so findet er sich in einer Welt wieder, auf die ihn nichts vorbereitet hat, in der sein Leben permanent bedroht ist, in der alles den jeweiligen Machtverhältnissen unterliegt. Doch genau dort erlebt er auch die Vielfältigkeit des menschlichen Seins, trifft er zweifellos zum ersten Mal in seinem Leben auf Männer, deren Biografien in nichts der seinen ähneln. Brutale und unbarmherzige Männer, verzweifelte und verlorene Männer, eine Gemeinschaft mit ihren eigenen Gesetzen, Gruppen und Hierarchien, die niemand in Frage stellt, dem sein Lebenlieb ist. An diesem abgeschlossenen Ort erlebt er aber auch einige seiner schönsten Begegnungen, der Art, die unseren Blick auf die, die wir gestern noch für die schlimmsten Mistkerle hielten, für immer verändert. Schmerz durchdringt diese Welt. Hinter all diesen Erlebnissen, all diesen Geschichten, all diesen Erinnerungen ist ein Schmerz, der nie überwunden werdenkann. Nicht nur der Schmerz des Eingesperrtseins, sondern ein ganz existenzieller, tieferer Schmerz, der ein Schicksal, häufig schon in der Jugend, prägt. Es gibt aber auch die Geister der Frauen in dieser männlichen Welt. Angebetete, Betrogene, Betrügerinnen, Mütter. Der Intellektuelle Gorjancikov entdeckt,welches Gold im Schlamm zu finden ist, um das Bild von Jean Genet aufzunehmen. Das glänzendste Gold, das aber immer bedroht ist vom nächsten Stiefel, von der nächsten Faust oder dem nächsten Messer. In jeder der Figuren ist dieses Gold zu finden. Ob Mörder oder Dieb. Selbst der, den wir für den miesesten Schuft halten, trägt dieses Licht in sich.

Christian Longchamp Dramaturg


Biographien


Alejo Pérez  –  Musikalische Leitung

Der gebürtige Argentinier Alejo Pérez studierte Klavier, Komposition und Orchesterleitung in Buenos Aires. Als Assistentvon Peter Eötvös gab er sein Debüt mit der Uraufführung dessen Opern Angels in America und Lady Sarashina. Er assistierte Christoph von Dohnányi beim NDR-Rundfunkorchester. Er arbeitete mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Orchestrede la Suisse Romande, dem SWR Symphonieorchester,dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem EnsembleModern, dem Ensemble InterContemporain, dem KlangforumWien und anderen.Von 2009 bis 2012 war er musikalischer Leiter des Teatro Argentino de La Plata (Nabucco, Verdi; Tristan und Isolde und Rheingold, Wagner). Ab 2010 dirigierte er am Teatro Real de Madrid und arbeitete dort mit dem Symphonieorchester zusammen (Konzerte mit Plácido Domingo, Teresa Berganza und Ian Bostridge; Der Tod in Venedig, Britten; Die Eroberung vonMexico, Rihm). An der Opéra de Lyon dirigierte er Pelleas undMelisande (Debussy), Die Gezeichneten (Schreker) und Ger-MANIA (Raskatow).Er trat bei den Salzburger Festspielen auf, (Faust, Gounod), am Teatro Colón de Buenos Aires (Parsifal, Wagner und Der Rosenkavalier, R. Strauss), in der Semperoper in Dresden(Carmen, Bizet), der Lyrischen Oper in Chicago (Eugen Onegin,Tschaikowski) und arbeitete mit dem Teatro dell’Opera diRoma. 2017/2018 trat er an der Vlaamse Oper auf (Pelleas und Melisande,Debussy), an der Oper Stuttgart (Medea, Cherubini), mit der Tokyo Nikikai Opera Foundation (Der Freischütz, Weber)usw. In dieser Spielzeit dirigiert er Lohengrin (Wagner) an der Vlaamse Oper, er tritt erneut an den Opern in Stuttgart (DieLiebe zu den drei Orangen, Prokofjew), Rom (Der feurige Engel,Prokofjew) und Buenos Aires auf (Ariadne auf Naxos, R.Strauss) und dirigiert das Orchestre Philharmonique de Radio France sowie das Symphonieorchester der Präfektur Tokio.

Krzysztof Warlikowski  –  Regie

Krzysztof Warlikowski gehört zu den Erneuerern der europäischenTheatersprache. Mit seinen Shakespeare-Inszenierungen,basierend auf der Lesart von Jan Kott, hat er deren Interpretation auf spektakuläre Weise verändert. Zu seinen bemerkenswertesten Umsetzungen gehören Aniocy / Angels in America (Kushner), Madame de Sade (Mishima), Krum (Levin)und Koniec / Das Ende (nach Kafka, Koltès und Coetzee),Un Tramway (mit Isabelle Huppert) und Afrikanische Erzählungennach Shakespeare. Warlikowski schmiedet ein neuesBündnis mit dem Zuschauer, indem er das Publikum in einenoriginellen Prozess der Sinn- und Sinnessuche einbindet, vorallem mit Verweisen auf die Welt des Kinos oder einer sehr originellenVerwendung der Videotechnik wie beispielsweise beider Inszenierung (A)pollonia, die 2009 in Brüssel präsentiertwurde und bei der die Oper La Monnaie als einer der Koproduzentenfungierte.Warlikowski beschäftigt sich seit seinem Debüt im Jahr 2006an der Opéra de Paris mit Iphigenie auf Tauris (Gluck) intensivmit dem Genre Oper und hat es geschafft, seine theatralen Erkenntnisseauf diesen Bereich zu übertragen. An der Oper LaMonnaie inszenierte er Medea (Cherubini), Macbeth (Verdi),eine Inszenierung, die von der Fachzeitschrift Opernwelt zur„Besten Produktion des Jahres 2009/10“ gekürt wurde, Lulu(Berg) und Don Giovanni (Mozart). In Paris präsentierte erinsbesondere Die Sache Makropulos (Janá?ek), Parsifal (Wagner),Król Roger (Szymanowski), Die menschliche Stimme /Herzog Blaubarts Burg (Bartók, Poulenc) sowie Don Carlos(Verdi). Er inszenierte außerdem mehrere Produktionen derBayerischen Staatsoper München: Eugen Onegin (Tschaikowski),Die Gezeichneten (Schreker) und, anlässlich des 50. Jahrestagesder Wiedereröffnung des Hauses, Die Frau ohne Schatten(Strauss). Er präsentierte The Rake’s Progress (Strawinsky) ander Staatsoper Berlin, Poppea e Nerone (Monteverdi / Boesmans)und Alceste (Gluck) am Teatro Real de Madrid, Pelleasund Melisande (Debussy) bei der Ruhrtriennale und im letzten Sommer The Bassarids (Henze) bei den Salzburger Festspielen.Im späteren Verlauf der Spielzeit wird er in Paris eine Produktion von Lady Macbeth von Mzensk (Schostakowitsch) inszenieren, dann in Stuttgart Iphigenie auf Tauris und schließlich in München Salome (Strauss). Krzysztof Warlikowski leitet das Nowy Teatr in Warschau, ein interdisziplinäres Kulturzentrum, dessen Gründer er ist.

Die Hölle und das Licht oder die Universalität des Leidens nach Krzysztof Warlikowski

Neuinszenierung in der Opéra de Lyon: Leos Janácek/ Aus einem Totenhaus  21.01.2019 weitere Termine: 23., 25., 27., 29., 31.01., 02.02.19)
(Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden und dem De Munt/ La Monnaie)

Musikalische Leitung: Alejo Pérez, Regie: Krzysztof Warlikowski, Bühnenbild und Kostüme: Malgorzata Szczesniak, Licht: Felice Ross, Choreographie: Claude Bardouil
Video: Denis Guéguin, Dramaturgie: Christian Longchamp

Mit:  Alexandre Petrovitch Gorjantchikov: Sir Willard White, Aljeja, ein junger Tatar: Pascal Charbonneau, Filka Morozov, Gefangener, unter dem Namen Luka Kuzmic: Stefan Margita, Der große Sträfling: Nicky Spence, Der Kommandant: Alexander Vassiliev, Der ganz alte Sträfling: Graham Clark, Skouratov: Ladislav Elgr Cekunov: Ivan Ludlow, Der betrunkene Sträfling: Jeffrey Lloyd-Roberts, Ein Sträfling (in der Rolle des Don Juan und des Priesters): Ales Jenis, Der junge Sträfling : Grégoire Mour, Eine Dirne: Natascha Petrinsky, Kedril : John Graham-Hall, Sapkin: Dmitry Golovnin, Siskov und der Pope: Karoly Szemeredy, Cerevine : Alexandr Gelah

Orchester und Chöre der Opéra de Lyon

Aus einem Totenhaus  –  Leoš Janácek

—| Pressemeldung Opéra de Lyon |—

Münster, Theater Münster, Angels in America – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 09.03.2018

März 9, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

   Angels in America – Oper von  Peter Eötvös

– Engel gibt es nur auf Droge –

Von Hanns Butterhof

Ein verrutschter knallroter Kussmund über einer mit Pissoirs bestückten Passage, die mit defekten Leuchtbuchstaben den Weg zum Himmel verspricht, ist kein gutes Vorzeichen für das Erscheinen von Engeln. Die Angels in America, die der Titel von Peter Eötvös‘ Oper verheißt, gibt es im Großen Haus des Theater Münster nur auf Droge in einer reichlich kaputten Welt.

Peter Eötvös hat die Angels in America auf zwei Paare konzentriert. Zum einen verlässt der junge Louis Ironson (David Zimmer) seinen Geliebten Prior Walter (Christian Miedl), als der ihm seine HIV-Infektion offenbart. Parallel trennt sich die valiumsüchtige Harper Pitt (Kristi Anna Isene) von ihrem Mann Joseph (Filippo Bettoschi), als sie von dessen Homosexualität erfährt. Als Joseph sich outet, findet er Louis als Partner.

Theater Münster / Angels in America - hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America – hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Nur lose in die Geschichte eingebunden ist der rücksichtslose Staatsanwalt Roy Cohn (Christoph Stegemann), der noch im Tod seine Aids-Diagnose zu Leberkrebs umlügt. Er steht für den verdrängenden Umgang mit Homosexualität und für alles, was die Welt so als von Gott verlassen erscheinen lässt.

Regisseur Carlos Wagner gelingt es, die nicht mehr ganz so dringliche Kritik des sperrigen Stücks an der Diskriminierung Homosexueller mit erfreulich bissigem Humor zur Kritik an einer Welt auszuweiten, die ohne Verantwortlichkeit für das Ganze und Mitgefühl für einander zerfällt. Die Bühne Christophe Ouvrards drückt das treffend mit ihrer Teilung in drei kalte zwar zusammenhängende, doch gegeneinander abgeschottete Bereiche aus.

Angels in America – Peter Etvös
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Unter Drogeneinfluss erscheinen Harper Pitt, Roy Cohn und Prior Walter ihre Engel: ein himmlischer Eisbär verschafft Harper die entbehrte Befriedigung, und Cohn erscheint eine Frau, die er einst auf den Elektrischen Stuhl gebracht hatte; noch auf dem Sterbebett verhöhnt er sie. Den dahinsiechenden Prior will sein blonder Engel (Kathrin Filip) für die Absage an eine Welt gewinnen, die sich ihren Untergang weidlich verdient hat. Doch Prior verweigert sich und nimmt, absurd, im Sterben Partei für das Leben. Seinen hoffnungsfrohen Appell, sich auf ein wie auch immer unvollkommenes Leben einzulassen, relativiert der dringende Drogenverdacht.

Die Sängerinnen und Sänger zeichnen ihre Rollen differenziert, vor allem Christian Miedl verkörpert überzeugend Homosexualität so unaufdringlich, wie es Filippo Bettoschi verdruckst gelingt.

 Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Das kleine Orchester unter dem behutsamen Dirigat von Golo Berg setzt dezent meist dissonante Klangflächen nebeneinander. Der elektronisch bearbeitet dahinperlende, nur selten in den Vordergrund drängende Klangfluss wird von den per Microport verstärkten Stimmen fast hörspielartig überlagert. Nur den Engeln, vor allem der koloraturensicher trällernden Kathrin Filip, ist Gesang gegönnt, während bei den anderen Rollen der Sprechgesang überwiegt.

Nach zweieinhalb Stunden der spannenden, englisch gesungenen und englisch übertitelten Aufführung – ab dem 10. 3. ist die Übertitelung auf Deutsch – gab es lang anhaltenden Beifall für das Ensemble, Golo Berg und das Sinfonieorchester Münster sowie den zur Premiere anwesenden Komponisten.

Angels of America im Theater Münster;  die nächsten Termine: 10., 16., 21., 23., 29.3.; 18.4.2018 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Premiere Angels in America von Peter Eötvös, 24.02.2018

Februar 23, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

ANGELS IN AMERICA  von Peter Eötvös

Am Samstag, 24. Februar hebt sich im Großen Haus des Theaters Münster um 19.30 Uhr der Vorhang für die Oper Angels in America von Peter Eötvös. Regie führt Carlos Wagner, die musikalische Leitung liegt bei Generalmusikdirektor Golo Berg.

Theater Münster / Angels - vorne: Kristi Anna Isene (Harper Pitt) und Statisterie © Oliver Berg

Theater Münster / Angels – vorne: Kristi Anna Isene (Harper Pitt) und Statisterie © Oliver Berg

New York, Mitte der 1980er Jahre: Louis trennt sich aus panischer Angst von seinem erkrankten Freund Prior. Der korrupte Rechtsanwalt Roy M. Cohn lässt sich  gesellschaftskonform Leberkrebs diagnostizieren und behauptet noch am Sterbebett, weder schwul noch an Aids erkrankt zu sein. Die Ehe zwischen dem mormonischen Anwalt Joe und seiner Frau Harper zerbricht, weil er seine homosexuelle Neigung nicht länger verbergen kann. Er beginnt eine Beziehung mit Louis.

Theater Münster / Angels - Christian Miedl (Prior Walter) © Oliver Berg

Theater Münster / Angels – Christian Miedl (Prior Walter) © Oliver Berg

Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück Angels in America von Tony Kushner ist eine bittere Abrechnung mit dem Amerika unter Ronald Reagan und die Aufarbeitung der apokalyptischen Gewalt der Aids-Epidemie: Stigmatisierung von Menschen mit HIV war und ist die unausweichliche Folge individueller und gesamtgesellschaftlicher Ängste und  Fantasien.

Auf der Suche nach der geeigneten musikalischen Umsetzung besuchte Peter Eötvös (*1944) Musicalvorstellungen am Broadway. Die musikalischen Verweise auf die Showbühne ergänzt Eötvös durch Jazz- und Rockelemente sowie Anleihen aus der jüdischen Musik. Den Gemütszuständen der Protagonisten wird mehr Raum gegeben. Schließlich waren es die in Kushners Stück allgegenwärtigen Visionen und Halluzinationen, die Eötvös an dem Stoff besonders reizten.

—| Pressemeldung Theater Münster |—