Wien, Volksoper Wien, Eine Nacht in Venedig: Karnevaleske Komödie, IOCO Kritik, 10.01.2014

Januar 16, 2014 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien  bei Nacht © IOCO

Volksoper Wien bei Nacht © IOCO

Venezianischer Karneval: Eskapaden, Nymphen und ein schiefer Campanile

Johann Strauss, König der Goldenen Operettenära, mochte 1883 das Theater an der Wien nicht mehr. Seine Ehefrau hatte gerade, wahrlich operettengerecht,  ein Verhältnis mit Franz Steiner, dem Direktor des Theaters begonnen. Johann Strauss, ganz Österreich verdammend, verlegte die Uraufführung seiner Operette Eine Nacht in Venedig in tiefstes „Feindesland“, nach Berlin, Preußen. Das eher auf Marschmusik eingestimmte Berliner Publikum schätzte Strauss´ Werk nicht so recht: Die Uraufführung floppte.

Volksoper Wien / Eine Nacht in Venedig mit Ensemble © Barbara Palffy Volksoper Wien

Volksoper Wien / Eine Nacht in Venedig mit Ensemble © Barbara Palffy Volksoper Wien

130 Jahre nach der mißratenen Uraufführung von Strauss´ Eine Nacht in Venedig gelingt der Wiener Volksoper eine erfolgreiche Neuinszenierung.Die Volksoper demonstriert darin erneut starke Kompetenz für bürgernahes wie humoreskes Theater. Die Handlung der Oper rankt sich um den Frauenheld und Herzog von Urbino, welcher den Karneval in Venedig ausleben möchte und seinen Leibbarbier Caramello, Helfer in allen amourösen Belangen. Doch die venezianischen Frauen, darunter Caramellos Braut Annina – sind auch nicht ohne… ..

Regisseur Heinrich Horstkotte, der auch Bühnenbild und Kostüme zu verantworten hat, lässt Venedig zur Karnevalszeit mit Charme und Witz prächtig leben und gedeihen. Es gibt Masken, Perücken, Wellen, Palazzi, einen schiefen Campanile und, als originelles Versteck für den liebestollen Herzog, ein Unterwasser-Domizil. Solugen im Bühnenhintergrund zierliche Nymphen und etliche Haie neugierig auf das karnevaleske Palasttreiben. Auch ein Männlein im Taucheranzug schaut kurz vorbei. Regisseur Horstkotte belebt die Handlungmit wunderbarem ornamentalem Zierwerk: Da sind fischfressende Muscheln im Spiel, wenn Annina ihre Ware anbietet. Selbst im  Orchestergraben wird gefischt. In dauerpräsenten Wellenattrappen erblickt man mitunter Schwimmer, auf der Flucht vor Haien. Filmanimationen unterstreichen das lebhaft amüsante  Unterwassertreiben.

Volksoper Wien / Eine Nacht in Venedig mit Regula Rosin als Agricola und Vincent Schirrmacher als Herzog © Barbara Palffy Volksoper Wien

Volksoper Wien / Eine Nacht in Venedig mit Regula Rosin als Agricola und Vincent Schirrmacher als Herzog © Barbara Palffy Volksoper Wien

So erzeugt diese Inszenierung wahrhaft vergnüglichen Unterhaltungstheater, in dem auch die Sänger keinen Wunsch offen lassen: Johanna Arrouas (Ciboletta), von der Regie als Tölpelin leider etwas überzeichnet, überragt stimmlich mit herrlich, klarem Sopran. Der asiatisch stämmige Tenor Vincent Schirrmacher (Herzog) gleicht seine eher bescheidene Ausstrahlung mit sehr gut geführtem Tenor aus. Jörg Schneider (Caramello) gefällt darstellerisch und stimmlich, hervorragend ist Mara Mastalir (Annina). Michael Havlicek (Pappaconda) bewältigt den Maccaronikoch gut, ist aber kein Bariton mit Durchschlagskraft. Von Sera Gösch (Barbara) kann man nur Gutes berichten, ebenso von den Schauspielern Franz Suhrada, Wolfgang Hübsch und Gerhard Ernst. Das Atout der Aufführung ist Alfred Eschwé. Er führt das Volksopernorchester zu Höchstleistungen, subtil und mit Finessen bringt er die Partitur in den wunderbarsten Farben zum Erstrahlen. 

IOCO / Angela Thierry / 12.01.2014

Eine Nacht in Venedig: Weitere Termine an der Volksoper17. 1. 2014; 21.1.2014

Wien, Staatsoper Wien, Premiere Zauberflöte: Verspielt – allzu verspielt, IOCO Kritik, 16.11.2013

November 27, 2013 by  
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Wiener Staatsoper

Wiener Staatsoper © Starke

Wiener Staatsoper © Starke

Verspieltes, allzu verspieltes an der  Wiener Staatsoper

Wolfgang Amadeus Mozart und Wien haben eine sehr spezielle, fast intime Beziehung.   Mitte 1781 verließ Mozart  Salzburg,  ließ sich in Wien nieder, schuf dort bis zu seinem Tod in 1991 jene großen Opern-Kompositionen, welche bis heute die Bühnen der Welt dominieren: Die Entführung aus dem Serail, Le Nozze di Figaro, Don Giovanni, Cosi fan tutte, La clemenza di Tito und, kurz vor seinem Tod, die Zauberflöte. Am 30. September 1791 uraufgeführt ist die Zauberflöte  seit Jahrzehnten unumstrittener Spitzenreiter und Vorzeigewerk auf den Bühnen der Welt. 6 Millionen Besucher sehen die Zauberflöte jedes Jahr allein im deutschen Sprachraum.
Als Mozart 1791 das Werk verfasste, schrieb er lakonisch seiner Gattin Constanze: „Aus lauter langer Weile habe ich heute von der Oper einige Arien komponiert“, wobei er „mit Oper“ die Zauberflöte meinte. Gemeinsam mit Textdichter und Darsteller Emmanuel Schikaneder verfasste Mozart das Werk und nahm dabei durchaus auch Einfluss auf den Text. Unterbrochen von der Arbeit an La clememza di Tito entwickelte Mozart die Komposition der  Zauberflöte von Frühjahr bis September 1791. Der bis heute andauernde Erfolg setzte nicht mit der – von Mozart selbst dirigierten – Uraufführung im Freihaustheater auf der Wieden ein. Er wuchs jedoch bald von Vorstellung zu Vorstellung. Schikaneder übernahm damals die Partie des Papageno, die er sich auf den Leib geschrieben hat. Die aktuelle Premiere am 16.11.2013 war die 1.266 Aufführung der Zauberflöte   im Haus am Ring.
 
Ehrengrab Wolfgang Amadeus Mozart neben Ludwig van Beethoven © Bild IOCO

Ehrengrab Wolfgang Amadeus Mozart neben Ludwig van Beethoven © Bild IOCO

Die Zauberflöte ist die Oper der unbegrenzten Möglichkeiten für Regisseure aus aller Welt. Kompromisse in der Sache Zauberflöte kennt das Wiener Publikum nicht, man kennt seinen Mozart oft besser als viele Regisseure.  Wiener Inszenierungen – Wiege dieses genialen Werks – müssen  höchsten Ansprüchen gerecht werden.

Der Versuch einer neuen Interpretation der Zauberflöte an der Wiener Staatsoper ist gründlich schief gegangen. Von einer  gelungenen Premiere  konnte keine Rede sein.  Was hat gefehlt?  Die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier halten ihre Inszenierung im kindlich Naivem. Gut  für aufgerissene Kinderaugen: Tamino wird von Straußen und Gorillas getröstet, eine bedrohliche Schlange wird gesprengt, ein Plüschbär rettet Tamina, die drei Knaben fliegen um einen gedeckten Tisch: Willkommen im Kindertheater; Zaubertheater wird aus anderem Stoff gemacht.
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Für eine Neuproduktion dieser geheimnisvollen, mythenumwobenen Oper braucht es mehr: Eine erstklassige Besetzung, einen überzeugenden Dirigenten und eine szenische Umsetzung, welche rätselhafte Figuren wie Sarastro oder die Königin der Nacht zu entschlüsseln sucht. Tiefgründiges, versonnenes bietet diese Inszenierung nicht.
Dazu ein zwar kraftvolles Dirigat von Christoph Eschenbach aber ohne Esprit und Tiefgang. Seine Gestaltung ist schwerfällig und schleppend, und leider oft viel zu laut. Die Besetzung würde einem Repertoire-Abend zur Ehre gereichen, sie ist aber für eine Premiere zu schwach. Markus Werba war als Papageno um Witz bemüht, Chen Reiss gab eine gute Pamina, Benjamin Bruns war ein schön phrasierender Tamino. Olga Pudova verfügte als Königin der Nacht über wenig Ausstrahlung. Sie meisterte Koloraturen und Höhen ihrer schwierigen Partie, gibt der Zauberflöte jedoch keinen prägenden  Charakter. Brindley Sherratt als Sarastro wirkte etwas profillos.
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Alles in allem ist die neue Wiener Staatsopern Zauberflöte nettes, buntes Kindertheater.  Sie ist deshalb keine künstlerische Katastrophe. Nur belanglos und phasenweise einfach langweilig. Für Wien, mit dem hohen Anspruch seines musikalischen Flagshipstores Staatsoper, ähnelt diese Zauberflöte einfach eher dem flachen Niveau amerikanischer Seifenopern.

IOCO / Angela Thierry / 23.11.2013


Wien, Burgtheater, Spatz und Engel – Populäre Kost, IOCO Kritik, 02.11.2013

November 14, 2013 by  
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Kritik

Burgtheater Wien

Burgtheater Wien / im Winter © IOCO

Burgtheater Wien / im Winter © IOCO

Spatz und Engel – Daniel Große Boymann, Thomas Kahry

Edith PiafMarlene Dietrich – Revival

Von Angela Thierry

Zwei unbestritten populäre Diven wie Chanteusen aus der Mitte des 20.Jahrhunderts zusammen auf einer Bühne?  Und das im Burgtheater Wien im Jahr 2013? Passt das? Zweifelsohne ist jedoch die Freundschaft zweier abgebrühter Ladys, wie sie Marlene Dietrich und Edith Piaf waren, absolut tauglich für große Bühnen wie das Burgtheater Wien. Daniel Große Boymann und Thomas Kahry schufen eine Revue, die es sogar auf die Bretter des ehrwürdigen Burgtheater schaffte. IOCO besuchte die Vorstellung vom 2. November 2013.

In dem erstmals 2009 als Lesung präsentierten Abend treffen die beiden Weltstars, jeweils auf einer Klobrille sitzend, zum ersten Mal aufeinander. Lose reihen sich in der Folge Szenen in Hotelzimmern oder Theatergarderoben, bei den Proben am New Yorker Playhouse oder später in einer Klinik aneinander, verkettet mit Liedern, die Welthits geworden sind. Lili Marleen, Die fesche Lola, The Boys in the Backroom, La vie en rose oder  Non, je ne regrette rien.

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Anverwandlung ist dabei das künstlerische Credo für die sangesfreudige Burgmimin Maria Happel und die Wiener Josefstadt-Schauspielerin Sona MacDonald, die mehrfach auch Liederabende gibt. Während Maria Happel manchmal ein wenig zu forciert ihre Kraftstimme einsetzt, überzeugt MacDonald in der Rolle der souveränen Freundin mit ihrer imponierenden Stimme.

„ Spatz und Engel “ ist am Wiener Burgtheater auf ein Minimum an gespielter Handlung reduziert. Die Hauptdarstellerinnen spielen ihre Beziehung nur andeutungsweise. In der Realität waren die zwei vielleicht sogar ein Liebespaar, in der „Burg“ nimmt man Sona MacDonald und Maria Happel diese Freundschaft nicht ab. Diese Freundschaft ist ja auch nur das Alibi, um Marlene Dietrich und Edith Piaf singend auf die Bühne zu bringen. Rein optisch „passt“ MacDonald im weißen Hosenanzug prächtig in die Rolle der Dietrich, während Happel nicht einmal eine Piaf-ähnliche Frisur gewährt wurde. Tapfer hantelt sich das Duo mit teils recht gestelzten Dialogen durch den Abend, unterstützt durch Handreichungen eigentlich unnötiger Nebendarsteller.

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Doch die Aufführung wurde ein großer Erfolg. Es zeigt sich, dass mit populären Chansons berühmter Sängerinnen, einem hervorragenden Orchester (Leitung Otmar Klein) und passender Choreographie ein erfreulich unterhaltsamer Abend im Burgtheater geschaffen wurde.

Ob eine solche Revue ans Burgtheater gehört, war unter den Besuchern umstritten wie müßiges Kritteln. Denn das Publikum entschied eindeutig: Künstler und Orchester wurden zum Ende der Vorstellung mit frenetischem Beifall  belohnt.

Spatz und Engel:  Burgtheater Wien, Weitere Vorstellungen  von 18. November 2013, 15. Dezember 2013, 31.12.2013, 01.01.2014

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Wien, Volkstheater, Comedian Harmonists: Singen bis die Nazis kommen, IOCO Kritik, 26.06.2013

Juni 27, 2013 by  
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Volkstheater Wien

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien: Großes Sprechtheater im Wiener Kulturreigen

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Das Volkstheater entwickelte sich als Spielstätte mit eigener künstlerischer und stilistischer Kraft im unendlich reichhaltigen Wiener Kulturreigen. Gegründet 1889 von Wiener Bürgern, darunter Ludwig Anzengruber und  Möbelfabrikant Thonet, verkörpert das im Stil des Historismus erbaute Volkstheater ein wenig das bürgerliche Gegenstück zum gelegentlich als  elitär angesehenen Wiener Burgtheater. Das Volkstheater will mit seinem Spielplan breite Bevölkerungsschichten erreichen und bietet mit seinen 970 Sitzplätzen die zweitgrößte Sprechbühne Wiens. Der attraktive Zuschauerraum ist im Originalzustand erhalten und war ehemals der größte des deutschen Sprachraumes, sogar größer als der des Burgtheaters. Über 200.000 Besucher finden heute jährlich Spannung, Begeisterung aber auch Entspannung im Volkstheater.

Die „Comedian Harmonists“ am Wiener Volkstheater

Volkstheater Wien / Comedian Harmonists © Lalo Jodlbauer

Volkstheater Wien / Comedian Harmonists © Lalo Jodlbauer

Das Volkstheater ließ die beliebten, wenn auch viel strapazierten Comedian Harmonists wieder aufleben. Warum diesmal hier? Weil Intendant Michael Schottenberg nicht nur über ein ausgezeichnetes Schauspieler-Ensemble verfügt, sondern auch, weil er mit den Comedian Harmonists ein zeitpolitisches Stück auf die Bühne bringen wollte: „Der Bedrohung durch ewig Gestrige widerstehen„, war Schottenbergs Petitum, als er das Stück auf den Spielplan 2012/13 des Volkstheaters setzte. Wirken wie Schicksal der sechs Comedian Harmonists soll nach Schottenberg dauerhaft präsent bleiben: Nach zunächst riesigen Erfolgen wurden 1935 den Comedian-„Ariern“ Biberti, Bootz und Leschnikoff verboten „weiterhin mit diesen Nichtariern zu musizieren„. Die Gruppe löste sich in der Folge auf. Die „Nicht-arischen“ Comedians Collin, Cycowski und Frommermann wanderten 1941 aus.

Volkstheater, Comedian Harmonists Plakat © Volkstheater

Volkstheater, Comedian Harmonists Plakat © Volkstheater

Das Volkstheater-Ensemble bringt das Schicksal der Comedian Harmonists im Dritten Reich,  die unglaubliche Geschichte dieses einst berühmtesten Gesangsensembles der Welt, schauspielerisch und stimmlich mit  einfühlsamer Sensibilität aber auch einnehmendem Charme auf die Bühne, allen voran Marcello de Nardo als Harry Frommermann (er hat mit Schottenberg auch Regie geführt), und der ehemalige Mozart-Sängerknabe Patrick Lammer in der Rolle des Ari Leschnikoff. Nach einem Buch von Gottfried Greiffenhagen wurden die „CH“ von Franz Wittenbrink musikalisch für das Volkstheater eingerichtet. Dem Publikum gefiel es; Ohrwürmer haben immer Saison. „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“, „Veronika, der Lenz ist da“, „Ein Freund, ein guter Freund“, „In der Bar zum Krokodil“ – Lieder wie diese sind dank der „CH“ bis heute wahre Evergreens geblieben.

Die Aufführung der Comedian Harmonists im Wiener Volkstheater endete mit dem erhörten Wunsch nach Zugaben nach drei mitreißenden Stunden mit „standing ovations“.  Intendant Schottenberg gelingt mit dieser Produktion ein Volkstheater-Saisonende  nach Maß: Künstlerisch anspruchsvoll, volles Haus und begeisterte Besucher.

IOCO / Angela Thierry / 24. Juni 2013

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