Hagen, Theater Hagen, Letzte Vorstellung Cardillac, 09.02.2020

Februar 6, 2020 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

„Cardillac“– Oper von Paul Hindemith
am Sonntag, 9. Februar 2020, 18.00 Uhr, Theater Hagen (Großes Haus)
Letzte Vorstellung

Eine letzte Gelegenheit gibt es, die beeindruckende und selten zu erlebende Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith (in deutscher Sprache mit Übertexten) im Theater Hagen zu besuchen: am 9. Februar 2020 mit Beginn um 18.00 Uhr (Großes Haus).

Schmuck verkaufen und den Käufer dann hinterrücks ermorden, um auf diese Weise Schmuck und Geld behalten zu können, klingt nach einem rein materialistisch motivierten Geschäftsmodell. Nicht so beim Goldschmied Cardillac, der doch genau das tut. Aber er mordet eben nicht aus Geldgier, sondern schlicht, weil er nicht ertragen kann, dass ‚sein’ Schmuck nicht mehr bei ihm ist – der Künstler wird zum Psycho-Serientäter, und eine Stadt sucht einen Mörder …

Theater Hagen / Cardillac - Thomas Berau (Cardillac), Thomas Paul (Kavalier). - © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Cardillac – Thomas Berau (Cardillac), Thomas Paul (Kavalier). – © Klaus Lefebvre

E.T.A. Hoffmann hat mit seiner Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ den Stoff für diesen Krimi geliefert, den Paul Hindemith in den 1920er Jahren, zur Zeit von ‚Bauhaus‘ und ‚neuer Sachlichkeit‘, vertont hat.

Für die Umsetzung dieses Künstler-Psycho-Dramas zeichnen Jochen Biganzoli (Inszenierung), Wolf Gutjahr (Bühne), Katharina Weissenborn (Kostüme), Hans-Joachim Köster (Licht), Wolfgang Müller-Salow (Choreinstudierung) und Francis Hüsers (Dramaturgie) verantwortlich. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Generalmusikdirektor Joseph Trafton.

Diese klangreiche, dramatische, fesselnde Oper wird präsentiert von: Thomas Berau (Cardillac), Angela Davis (Cardillacs Tochter), Milen Bozhkov (Offizier), Thomas Paul (Kavalier), Veronika Haller (Eine Dame), Ivo Stánchev (Goldhändler), Kenneth Mattice (Der Führer der Prévôté); Chor und Extrachor des Theaters Hagen, Statisterie des Theaters Hagen, Philharmonisches Orchester Hagen.

Diese Produktion wurde freundlicherweise von der Bürgerstiftung der Theaterfreunde Hagen unterstützt.

—| Pressemeldung Theater Hagen |—

Hagen, Theater Hagen, Premiere ORFEO ED EURIDICE – Chr. W. Gluck, 29.02.2020

Februar 5, 2020 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

ORPHEUS UND EURYDIKE  –  Christoph Willibald Gluck

Fassung der Uraufführung, Wien 1762

Premiere: SAMSTAG, 29. FEBRUAR 2020, 19.30 Uhr

Am Anfang von Glucks Oper Orpheus und Eurydike steht Orpheus‘ tief empfundene Trauer um seine verstorbene Frau Eurydike. Ein Leben ohne sie kann er sich nicht vorstellen. Auch die Götter haben Mitleid mit Orpheus, der seinen Verlust so wunderschön besingt: Sie erlauben ihm, lebendig das Reich der Toten zu betreten – als Versuch, die Geliebte von dort ins wirkliche Leben zurückzuholen. Auf dem Weg ins Elysium muss Orpheus zunächst an den Furien vorbei, die er durch seinen Gesang besänftigen kann. Doch die Wiederbegegnung mit Eurydike ist getrübt: Die Götter haben Orpheus verboten, sich zu ihr umzudrehen – wenn er es doch tut, kann seine verstorbene Frau das Totenreich nicht mit ihm verlassen …

Christoph Willibald Gluck  © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Diese erste so genannte „Reformoper“ in italienischer Sprache wurde 1762 in Wien uraufgeführt. Mit etwa 90 Minuten Dauer und einem nur dreiköpfigen Solistenensemble gegenüber einem ausgiebig eingesetzten Chor in schnell wechselnden Rollen zeigt das Werk formal eine bewundernswerte Knappheit der Mittel, die als Verstärkung des Ausdrucks wirkt. Zu Recht gilt Glucks „Orpheus“-Oper bis heute als Kleinod höchster Opernkunst, weil sich in dieser Musik das so menschliche Schicksal des tragischen Sängers unwiderstehlich mitfühlen lässt.

Die erstmals am Theater HAGEN wirkende Regisseurin Kerstin Steeb und ihr Team bringen Orpheus und Eurydike auf diese Bühne und greifen dabei Fragen rund um Trauer und Tod auf, die in Glucks Meisterwerk anklingen.

Musikalische Leitung: Steffen Müller-Gabriel Inszenierung: Kerstin Steeb  Bühne und Kostüme: Lorena Díaz Stephens, Jan Hendrik Neidert  Choreographie: Francesco Vecchione  Licht: Hans-Joachim Köster  Choreinstudierung: Wolfgang Müller-Salow  Dramaturgie: Rebecca Graitl

Mit: Anna-Doris Capitelli, Angela Davis, Cristina Piccardi  Chor des Theaters Hagen  Ballett des Theaters Hagen  Philharmonisches Orchester Hagen

Weitere Vorstellungen: 7.3. (19.30 Uhr); 22.3. (18.00 Uhr); 27.3. (19.30 Uhr); 5.4.(15.00 Uhr); 11.4. (19.30 Uhr); 26.4. (18.00 Uhr); 21.6.2020 (15.00 Uhr); Gastspiel in Coesfeld: 18.6.2020

Mit freundlicher Unterstützung des Versicherungsbüros Kleine KG, Hagen

WERKSTATT-PROBE (Einführungsveranstaltung): Dienstag, 25.2.2020, 18.15 Uhr, Theatercafé / Großes Haus / Eintritt frei

DIE STUNDE DER KRITIK: Freitag, 22.3.2020, im Anschluss an die Vorstellung, Theatercafé • Eintritt frei

—| Pressemeldung Theater Hagen |—

Hagen, Theater Hagen, Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 07.12.2019

Dezember 7, 2019 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach

– Aufgeklärte Frauen der Jetzt-Zeit auf einer Zeitreise in das Jahr 1907 –

von Viktor Jarosch

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Orpheus in der Unterwelt (1855), Die schöne Helena (1864) mit der umworbenen exzentrischen Diva Hortense Schneider und andere Operetten machten Jacques Offenbach (1819-1880) im französischen Kaiserreich um 1860 zu einem Star.  Für Gioacchino Rossini war Offenbach der „Mozart der Champs-Elysées“. Giacomo Meyerbeer besuchte  Offenbachs satirisch frivole Operetten französischer Prägung in dessen Theatre des Bouffes Parisiennes. Bezüge zur griechischen Antike persiflierten die Mittelschicht, Neureiche oder Emporkömmlinge. Der deutsch-französische Krieg 1870-71 und seine nun kritisch gesehene deutsche Herkunft beendeten in Paris die Popularität von Jacques Offenbach; er war nun nur noch berühmt. Noch schlimmer für ihn: Nach 1871 gab es in Paris keinen Platz mehr für seine prallen, lebensfrohen Operetten; so fand Offenbach in späten Jahren mit Hoffmanns Erzählungen zu ganz neuen Ufern.

Die Autoren von Hoffmanns Erzählungen (Les Contes D´Hoffmann), die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré, waren große Bewunderer von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) und dessen Karikaturen, Erzählungen, Satiren. In ihrem populären Drama Les Contes D´Hoffmann integrieren sie den Menschen E.T.A. Hoffmann in dessen Erzählungen Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Serapionsbrüder. Offenbach wiederum komponierte 1877 aus diesem 1851 in Frankreich entstandenen, fantastischen Drama eine Oper. Die Komposition der Oper gestaltete sich mühsam:. Offenbach war bereits krank, dürr, hinfällig; seinen baldigen Tod ahnend schreibt er Léon Carvalho, Direktor der Opéra-Comique, „Beeilen Sie sich, mein Stück herauszubringen; ich habe es eilig und hege nur den einzigen Wunsch, die Premiere zu sehen.“ Offenbach starb 1880; den Erfolg seiner 1881 uraufgeführten Oper erlebte er nicht mehr. Die zum Tod Offenbachs nur weitgehend fertige Komposition wurde in den Folgejahren immer wieder überarbeitet. Am Theater Hagen wurde die bekannteste, die Guiraud-Choudens-Fassung von 1907 gespielt.

 Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : moderne Frauen der Jetzt-Zeit begeben sich auf die Zeitreise in das Jahr 1907 © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : moderne Frauen der Jetzt-Zeit begeben sich auf die Zeitreise in das Jahr 1907 © Klaus Lefebvre

Hoffmanns Erzählungen ist ein ohnehin komplexes Werk, es spielt auf verschiedenen Ebenen und Wahrnehmungen. Regisseur (und Intendant des Theater Hagen) Francis Hüsers verwandelt Offenbachs klassische Komposition zusätzlich. In einem Spiel der Realitätsebenen der Jahre 2019  und 1907 geht es ihm besonders um die Wahrnehmung von Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft.  Hüsers nimmt den Besucher so mit auf eine Zeitreise: Olympia, Antonia und Giulietta (als Prostituierte) sind moderne Frauen der Jetzt-Zeit, welche in die Welt des Jahres 1907 eintauchen und dort entstressten Umgang mit Liebe, Erotik, Männern, Sex leben. Es sind aktiv gestaltende, gleichberechtigte Frauen, welche Hoffmann auch verführen wollen. Warum gerade 1907? Hüsers sieht 1907 als ein besonderes Jahr, von großen Umbrüchen in der Kunst, in dem die „frühe Moderne“ aufblühte, in dem auch die Drucklegung der in Hagen gespielten Hoffmann – Fassung erfolgte.

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : Cristina Piccardi als Olympia, Boris Leisenheimer als Spalanzani © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : Cristina Piccardi als Olympia, Boris Leisenheimer als Spalanzani © Klaus Lefebvre

Olympia, Antonia und Giulietta werden auf der Zeitreise in das Jahr 1907 von Nicklausse, die Muse, begleitet, gestützt von ihrem Freund und Hoffmanns Gegenspieler Lindorf, welcher in der Welt von 1907 als Sinnbild des Bösen, als Coppelius, Miracle und Dapertutto, auch Hoffmann bekämpft. Hoffmanns Erzählungen wird in Hagen auch zu einem spannendem Plädoyer für Aufklärung, für Gleichberechtigung. #MeToo scheint auch ein wenig durch. Ein ungewöhnlich reizvoller Regieansatz, welcher auf der Bühne zu einer packender Produktion mutiert.

Lindorf (Dong-Won Seo) sitzt schon vor Beginn der Vorstellung an einem Tisch an der Bühnenrampe, die „Westfälische Rundschau“ lesend. Zu den ersten Klängen des Chors der Studenten („Wir vertreiben Leid und Sorgen …“) erscheinen Antonia, Giulietta und Olympia, klassisch wie lasziv gekleidet, setzten sich zu Lindorf, trinken Bier, spielen Karten: modern, gelassen, selbstbewusst.

Mit dem ersten Bild, dem Öffnen des Vorhangs, beginnt ihre Zeitreise in das Jahr 1907: Lutters Weinkeller, ein bedeutendes MUSS jeder Hoffmann-Inszenierung (ehemals auch Stammkneipe von E.T.A. Hoffmann), ist in Hagen ein weites, hohes Lokal mit gepflegten Kellnern und vornehm tanzenden Gästen in der Kleidung aus 1907. Im Hintergrund des Bühne unterlegen Bilder, Projektionen, Filme die Handlung der Protagonisten. Hoffmann erscheint und singt, von seinen Kumpels gedrängt – nicht verloren schwach, sondern selbstsicher auf einem Tisch und mitten im Leben stehend – das Lied von Klein-Zack: die vier aus der Jetzt-Zeit abgestiegenen Frauen mischen sich lässig unter die Gäste, geben durch ihre moderne Erscheinung der „Zeitreise 2019-1907“ Bild und Ausdruck. Das ungebrochene Französisch der SängerInnen verleiht der Produktion zusätzlichen Charme und Harmonie.

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : Thomas Paul als Hoffmann, Netta Or als Giulietta filmt ihn, um so sein Spiegelbild zu rauben © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : Thomas Paul als Hoffmann, Netta Or als Giulietta filmt ihn, um so sein Spiegelbild zu rauben © Klaus Lefebvre

Olympia, der von dem Physiker Spalanzani geschaffene Singautomat, ist dann im zweiten Bild eine gepflegte Frau in modern blauem Zweiteiler, Foto oben, welche zwischen den Gästen aus 1907 und ihren Freundinnen der Jetzt-Zeit flaniert, ihre große Arie singend Les oiseaux dans la charmille“ (Die Vögel in der Laube). Auch die folgenden Bilder der so vielschichtigen Handlung, die von Doktor Miracle zum Singen verführte Antonia, die mit ihrem Zuhälter Dapertutto um Hoffmanns Spiegelbild kämpfende Giulietta, Foto oben, spielen beständig mit der Wahrnehmung des Besuchers. Diese stetig wechselnden Ebenen  machen Hoffmanns Erzählungen in Hagen zu einer bis zum überraschenden Ende anregend vielschichtigen Inszenierung. Hier können sich, frei nach Goethe, die Geister verschiedener Zeiten gegenseitig bespiegeln. Und  den Besucher so bannen, faszinieren!

Die Faszination der Hoffmann-Produktion am Theater Hagen wird gleichermaßen über das darstellerisch und stimmlich mitreißend disponierte Ensemble gestaltet: Thomas Paul erhielt in seiner riesigen Partie des Hoffmann den ersten ungeteilten Beifall bereits zu Beginn, zu seiner Arie des Klein-Zack. Paul schonte sich jedoch dann nicht, schaffte es, große mitnehmende Ausstrahlung und seine wohltimbrierte kräftige Tenorstimme über den ganzen Abend zu wahren. Die drei in das Jahr 1907 abgestiegenen Freundinnen, Olympia (Cristina Piccardi),  Antonia (Angela Davis), Giulietta (Netta Or) faszinierten in ihren anspruchsvollen Sopran-Partien ebenfalls von Beginn an. Dong-Won Seo las als Lindorf zu Beginn der Vorstellung eine Zeitung: Als Coppelius, Doktor Miracle und Dapertutto war er der optisch und mit schwerem Bassbariton in der langen und stimmlich fordernden Oper stets präsente Gegenspieler von Hoffmann. Maria Markina wiederum begleitete Hoffmann als Muse und Nicklausse ebenfalls mit feinem Mezzo. Marilyn Bennett, hoch  geschätztes Ensemblemitglied am Theater Hagen, spielt, singt die verstorbene Mutter von Antonia stimmlich perfekt und erneut mit esoterischer Präsenz. Gestützt wurden Sänger und Komposition durch GMD Joseph Trafton und das sensibel eingestellte  Philharmonische Orchester Hagen.

Mit dem ungewöhnlichen Regie-Ansatz zu Hoffmanns Erzählungen und der gelungenen künstlerischen Umsetzung auf und vor der Bühne zeigt das Theater Hagen,  dass große Kultur in Deutschland auch in kleineren deutschen Städten stattfindet. Die Besucher dankten überschwänglich, allen: Regie, Ensemble, Dirigent und Orchester lang anhaltend.

Hoffmanns Erzählungen am Theater Hagen; die folgenden Termine 20.12.; 26.12.; 29.12.2019; 12.01.2020, 19.01.; 15.02.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Hagen |—

Hagen, Theater Hagen, Der Graf von Luxemburg – Franz Lehár, IOCO Kritik, 01.11.2019

November 1, 2019 by  
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Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Der Graf von Luxemburg –  Franz Lehár

 – in Pariser Bohème-Milieu  – Oligarch  kauft „Heiratsgraf“ –

von Viktor Jarosch

1905 – Die lustige Witwe, 1909 – Der Graf von Luxemburg: mit frühen Kompositionen begründete Franz Lehár (1870-1948) seinen bleibenden Ruf als großer Operettenkomponist. Mit Victor Léon, Emmerich Kalman, Leo Fall, Ralph Benatzky, Oscar Strauss ist Léhar auch Mitbegründer der „silbernen Operettenära“, welche zahllose auch heute noch populäre wie lebensfrohe Werke schuf.

Franz Lehár im Stadtpark von Wien © IOCO

Franz Lehár im Stadtpark von Wien © IOCO

Und doch schwebt beständig ein Hauch von Wehmut über den Frohsinn verbreitenden Werken der „silbernen Operettenära“. Viele Komponisten dieser Epoche, so Kalman, Benatzky, Victor Léon mussten im Dritten Reich wegen jüdischer Wurzeln in die USA flüchten; viele, wie beide Brüder von Leo Fall oder Paul Morgan, wurden in  Konzentrationslagern ermordet. Robert Stolz, 1909 Dirigent der Uraufführung des Graf von Luxemburg, durch über 60 Operetten fast ebenso berühmt wie Lehár,  musste ebenso flüchten; 1938 emigrierte er über Paris in die USA. Franz Lehárs Rolle im Dritten Reich ist vielschichtig wie undurchsichtig. Hitler und Goebbels liebten seine Werke; Lehár blieb in der NAZI-Zeit in Deutschland und weitgehend „unbehelligt“.

Der Graf von Luxemburg wurde von Franz Lehár schnell, quasi mal eben, komponiert, in nur vier Wochen. An einen Erfolg seines Werks glaubte er wohl nicht; er übergab das fertige Werk dem Intendanten des Theater an der Wien im Juni 1909 mit den Worten: „Der Schmarrn ist fertig und wenn es keinen Erfolg haben wird, habt ihr es euch selbst zuzuschreiben!“. Lehár und andere irrten: allein über 300 Mal wurde das Stück nach der Uraufführung im Theater an der Wien gespielt; in den folgenden Jahrzehnten wurde es vielfach überarbeitet und blieb bis heute ein „Gassenhauer“ auf den Bühnen der Welt.

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg - hier : zu ersten Takten Kenneth Mattice als weltverlorenes Wesen © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg – hier : zu ersten Takten Kenneth Mattice als weltverlorenes Wesen © Klaus Lefebvre

Von seinem Charme, seiner Popularität hat Der Graf von Luxemburg seit 1909 nichts verloren, in kitschig anrührenden Filmen, in zahllosen Produktionen großer wie kleiner Theater und nun auch im Theater Hagen wird die Geschichte um den russischen Fürsten Basil Basilowitsch inszeniert, welcher seine große Liebe, die bürgerliche Sängerin Angèle Didier, nicht heiraten kann da sie keine Adelige ist; und nun, trickreich und vermeintlich clever, den verarmten Graf Réne von Luxemburg bittet, für eine halbe Million Francs Angèle für drei Monate zu heiraten, um in dieser Art Scheinehe in den Adelstand erhoben zu werden, um sich dann wieder scheiden zu lassen, um dann den reichen Fürsten Basil Basilowitsch zu heiraten. Doch es ist eine Operette; und so bilden zu bunten Liedern und beschwingter Musik schräge wie lebensnahe Verwechslungen, Humor und Verdrehungen einen Potpourri der Lebensfreude, natürlich mit glücklichem Ende. So auch im Theater Hagen; einem Theater mit bescheidenen Mittel und einem kleinen Ensemble, welches immer wieder mit beeindruckenden Produktion aufwartet.

Der Graf von Luxemburg – Franz Lehár
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Regisseur Roland Hüve kennt das Theater Hagen: Kiss me, Kate und Die Blues Brothers inszenierte Hüve in Hagen und erntete großen Publikumszuspruch. Der Graf von Luxemburg im Theater Hagen spielt authentisch im Milieu der Jahrhundertwende, ist lebendig, bunt wie humoresk angelegt: keine Variante auf den modernen Zeitgeist. Die Handlung hat Hüve im Kern unverändert gelassen doch durch eigene Texte, durch Anleihen bei Paul Lincke, Tosca oder Shakespeares „Sein oder Nichtsein“, choreographische Umdeutungen und Kürzungen dem Stück in Hagen Behäbiges genommen und in klassischem Ambiente doch die Moderne geführt. Dazu geben vielschichtig originelle Bühnenbilder und farbige Kostüme (Siegfried E. Mayer) und eine filigrane  Choreographie (Eric Rentmeister) der Inszenierung frohsinnige Lebendigkeit anregt.

Der Besucher wird mit dem ersten Bild gebannt: wenn, zu den ersten Takten der Operette, René, Graf von Luxemburg etwas trunken träumend auf einer goldgelben Mondsichel sitzend sinniert. Im Hintergrund ein sternenreicher Pariser Nachthimmel und ein Gemälde des Eiffelturms. Eine Karnevalsgemeinde in frohen Kostümen umtanzt den Grafen ihn singend: „Karneval, Du allerschönste Zeit..“  und musikalischen Anleihen umtanzt. Dann, unvermittelt, senkt sich aus dem Bühnenhimmel ein riesiger Rahmen auf die Bühne und verändert die Traumwelt des Grafen in das Atelier des Malers Armand Brissard und seiner stets zickigen Freundin Juliette Vermont.  Erstes Staunen und Sonderbeifall waren damit schon gegeben.

 Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg - hier : Kenneth Mattice als Graf und Angela Davis als Angèle heiraten ohne sich ansehen zu können © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg – hier : Kenneth Mattice als Graf und Angela Davis als Angèle heiraten ohne sich ansehen zu können © Klaus Lefebvre

Spannend, schräg und lebendig setzt sich die Handlung fort, wenn dann in diesem Maleratelier Fürst Basil Basilowitsch, hier ganz russischer Oligarch in klassischem Zweireiher mit zwielichtigen Kumpanen und dem -herrlich- verwirrt agierenden Standesbeamten Pélégrin (Dirk Achille) erscheint. Diese bieten dem Graf von Luxemburg  500.000 Franc, (mit eigenen Texten, hier: „zu zahlen auf eine amerikanische  oder deutsche  oder englische – vor oder nach dem Brexit –  Bank“, Lied:  „Bare 500.000 Francs“) damit er die Sängerin Angèle Didier, Freundin des Fürsten Basil, zu deren Erlangung des Adelsstandes, kurz, für drei Monate, heiratet. Dies alles geschieht ohne Blickkontakt; die baldige Scheidung ist in den Vertrag mit eingeschlossen. Das Gemälde des Eiffelturm (Foto oben) dient bei der Heirat des Grafen von Luxemburg mit Angèle als Sichtschutz. Operettenseligkeit beginnt Raum zu nehmen mit dem wunderbar gesungen Duett:  „Sie geht links, er geht rechts“

Bühne und Akteure der Operette wandeln sich beständig; am auffälligsten wandelt sich Fürst Basil Basilowitsch, welcher vom trockenen russischen Oligarchen im dunklen Zweireiher im 1. Bild, zum tanzenden Operettenfürsten in festlicher Ballkleidung im 3. Bild mutiert; der dann sogar, auf Befehl des Zaren die alte Gräfin Stasa Kokozowa heiraten muss: welche in elegantem Abendkleid erscheint um Whisky darum bittet, „zunächst alles in Ruhe zu genießen.“ Das Ballett Hagen belebt das Bühnengeschehen immer wieder mit ansprechenden choreographischen Einlagen.

Rodrigo Tomillo und das Philharmonische Orchester Hagen stützten sängerfreundlich und mit „feinen Händen“ den Geist Lehárs und seiner Komposition, welche in humoriger Unernstigkeit die Lebensfreude befeuern  soll.

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg - hier : das Ensemble © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg – hier : das Ensemble © Klaus Lefebvre

IOCO bewundert oft die mitreißende künstlerische Vielfalt, welche kleinere deutsche Theater mit begrenzten Mitteln auf ihren Bühnen zeigen. Der Graf von Luxemburg ist  hierzu Beispiel: seine vielschichtige stimmlichen wie darstellerischen Herausforderungen werden durch das weitgehend eigene Ensemble des Theater Hagen wunderbar auf die Bühne gebracht: Dies allein verdient schon ein großes Kompliment für alle Beteiligten; die sichtbaren auf und die unsichtbaren hinter der Bühne.

Kenneth Mattice ist in dem wuseligen „Operettenspiel“ ein nachdenklicher, geradezu seriöser René, Graf von Luxemburg, welcher mit dem ersten Bild mit sanftem Timbre Menschlichkeit und Verletzlichkeit in all seinen Facetten ausdrückt. Oliver Weidinger stellt als Fürst Basil Basilowitsch hierzu einen stimmlich wie  optisch gelungenen Kontrapunkt zum Grafen, dessen Wandlung vom rauhen Oligarchen zum tänzelnden Operettenkönig fasziniert. Tenor Richard van Gemert als Maler Armand und, mit feinem hellen Sopran, Christina Piccardi, als Freundin Juliette Vermont, faszinieren durch ihre  filigrane    Angela Davis ist als Angèle Didier die dominante Operettendiva dieser Produktion; bestens disponiert, mit lebendiger Präsenz und mit auch in Höhen sehr sicherem Sopran (herrlich ihre ToscaAnleihe). Doch zum starken Abschluss des Premierenabends trägt in ihrer kürzerer Partie auch das langjährige Ensemblemitglied Marilyn Bennett als Gräfin Stasa Kokozowa massgeblich bei, wenn sie, in langem Abendkleid, mit sicherem Mezzo und einem Whisky in der Hand, große Bühnenpräsenz ausstrahlt und ihrem zukünftigen Gatten, Fürst Basil Basilowitsch aufträgt: „Alles mit Ruhe genießen“!

Das Publikum im Theater Hagen war überzeugt: Ungeteilten Beifall und Bravos gab es für alle Beteiligten; für das stimmige und gut umgesetzte Regiekonzept um Roland Hüve wie für alle Darsteller auf der Bühne.

Der Graf von Luxemburg im Theater Hagen; die kommenden Vorstellungen 31.10.; 3.11.; 8.11.; 15.11.; 23.11.; 4.12.; 14.12.; 18.12.; 31.12.2019 (Silvester – um 15.00 und 19.30);  auch in 2020 weitee Vorstellungen

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