Brüssel, Theatre Royal de la Monnaie, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.05.2019

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel © Pierre Stubbe

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel © Pierre Stubbe

Theatre Royal de la Monnaie

Tristan und Isolde – Richard Wagner

– Ein Augenschmaus für Eingeweihte –

von Ingo Hamacher

Das Kreativteam Ralf Pleger / Alexander Polzin bringen im La Monnaie einen Tristan, absolut reduziert, von höchster Ästhetik auf die Bühne, dessen konzeptionelle Wurzeln wohl im Triadischen Ballett von Schlemmer zu finden sind, was augenfällig wird, wenn Ed Lyon, in der Rolle des Hirten im kantig ärmellosen Kostüm über die Bühne schreitet.

Das Vorspiel ist musikgewordene Sehnsucht, klangerfüllte Liebesleidenschaft. Tristan und Isolde ist die sinnlichste, aufwühlenste von stärkster Erregung durchglühle Liebesmusik, die jemals geschrieben wurde.  Das Vorspiel ist eine in sich geschlossene sinfonische Dichtung, wobei der berühmte Tristan-Akkord häufig als erster Schritt zu einer Neuen, nicht mehr tonal gebundenen Musik interpretiert wird.

Wagner benutzt die Chromatik in erster Linie zur Darstellung der unerfüllten, ewig unerfüllbaren Liebessehnsucht, wobei die Motive Liebe, Nacht und Tod, sowohl thematisch, als auch musikalisch einen einzigen Komplex bilden. Es sind drei Motive der gleichen Idee.

In seiner Musik hat Wagner auf der Suche nach Ausdruck für nie dargestellte seelische Vorgänge, alle Konventionen durchbrochen. Ununterbrochene Modulationen, mehrdeutige Harmonien bis hin zur Polytonalität führen zu einer Auflösung aller früheren musikalischen Regeln.  Aufgetürmter Orchesterklang stellt verschlungenste psychische Zustände dar. Es entsteht ein rauschhafter – auch als opiatisch beschriebener – Charakter der Musik. Die Wirkung der Tristanmusik auf die Zeitgenossen muß ungeheuer, fast unvorstellbar gewesen sein.

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde - hier : A. Petersen als Isolde und B. Register als Tristan © Van Rompay

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde – hier : A. Petersen als Isolde und B. Register als Tristan © Van Rompay

Handlung:

Tristan bringt die Tochter des Königs von Irland, Isolde, nach Cornwall, um sie mit König Marke zu verheiraten, dessen treuester Vasall er ist. Während der Reise versucht Isolde mit Hilfe eines tödlichen Giftes die leidenschaftliche und geheime Liebe zu ersticken, die zwischen ihr und Tristan aufgetaucht war. Doch die Vertraute der jungen Frau, Brangäne, ersetzt dieses Gift durch einen Liebestrank, der die Beiden für immer verbindet. Ihre Liebe wird König Marke jedoch von Melot, dem Eifersüchtigen, der Tristan tödlich verletzt, offenbart.

Tristan will Isolde bevor er stirbt wieder sehen. Als seine Geliebte eintrifft, stirbt er in Isoldes Armen. Isolde folgt ihm in Trance in den Tod

Drei Akte – drei Welten, die uns vor Augen geführt werden

Im ersten Akt sehen wir eine leere, schwarze Bühne, rückwärtig von einer bühnenfüllenden halbdurchlässigen Spiegelwand begrenzt.

Ann Petersen in der Partie der Isolde im weißen Gewand mit einer käfigartigen, mit dreieckigen Stoffsegeln bespannten Gitterstruktur um Hals und Schultern – die subjektive Gefangenschaft auf dem Segelschiff andeutend. Ann Petersen arbeitet freiberuflich und ist auf zahlreichen europäischen Bühnen zu Gast. Dabei hat sie sich auf die Werke von Richard Strauss und Richard Wagner spezialisiert.Ihren internationalen Durchbruch hatte sie 2017 mit der Partie der Isolde in Wagners Tristan und Isolde an der Oper in Lyon. Stimmlich ist sie der Rolle der Isolde vollumfänglich gewachsen, wenn auch die Textverständlichkeit ihres Gesangs noch nicht voll ausgeprägt ist. Sie hat in der Monnaie ihr Hausdebut.

Brangäne gesungen von Nora Gubisch – ebenfalls weiß gewandet mit ellenlangen Manschetten und einer an eine Krankenschwester erinnernden Haube. Nora Gubisch (* 1971 in Paris) ist eine französische Mezzosopranistin. Sie ist mit dem Pianisten und Dirigenten Alain Altinoglu verheiratet, der die musikalische Leitung des Abends hat. Bei allem Verständnis für den Wunsch, möglichst viel Zeit mit dem Partnern verbringen wollen: Für Nora Gubisch kommt die Rolle der Brangäne zu früh.

Theatre Royal de la Monnaie - der spektakulaere Besucherraum © Philippe De Gobert

Theatre Royal de la Monnaie – der spektakulaere Besucherraum © Philippe De Gobert

Wir sehen Ed Lyon in der der kleinen, aber gefürchteten (da ohne Musikbegleitung zu singenden) Rolle des jungen Seemanns in Seemannskostüm. Ed Lyon ist ein britischer höhen- und artikulationssicherer Tenor. Lyon ist vor allem für Sänger in Barockopern und Oratorien bekannt. In der Reinheit des Gesangs und der Makellosigkeit der Artikulation ist Lyon fraglos die Stimme des Abends.

An der Decke kaltweiße Stalaktiten, die sich im Verlauf des Aktes teilweise bis zum Bühnenboden herabsenken und die zunehmende Enge und Bedrängnis verdeutlichen.  Ein Bild mit starker Wirkung.

Eine Personenregie gibt es nicht. Die Solisten stehen an der Bühnenrampe und singen frontal ins Publikum.Mit sparsamen, gekünstelten Armbewegungen schreiten die Personen tanzähnlich über die Bühne, meistenteils verharren sie jedoch in manierierten Positionen. Sie nehmen keine Beziehungen zu einander auf, es gibt keinen Blickkontakt. Außer Melots Schwert, das lanzenähnlich wie ein riesengroßer Splitter aussieht, gibt es in der ganzen Aufführung keinerlei Requisiten.

Mit dem Stück vertraute Zuschauer erleben das Mit- und Gegeneinander der bereits genannten Personen mit Tristan, Bryan Register, und Kurwenal, Andrew Foster-Williams. Opernneulinge dürfen kaum eine Chance haben, einen Zugang zu dem Stück zu finden.

Zu statisch – fast konzertant – zeigt die Inszenierung angedeutete avangardistische Tanzelemente, die in keinem Zusammenhang mit der Opernhandlung stehen. Es gibt keinen Liebestrank, es gibt eigentlich gar nichts. Die Aufführung lebt aus der Kraft der lebenden Bilder.

Zum Höhepunkt des ersten Aktes, bei dem nach dem Libretto der Liebestrank gemeinsam getrunken wird, geschieht das Unvorhersehbare: Tristan und Isolde schauen sich in die Augen und ihre Handflächen berühren sich.  Mit so viel hatte man eigentlich schon gar nicht mehr gerechnet!

Bryan Register, geboren in North Carolina, wird als einer der vielversprechendsten Heldentenöre seiner Generation beschrieben und wird für das frische, helle Timbre seiner Stimme und die dramatische Stärke seines Gesangs gerühmt.  In der sehr langen Partie des Tristan haushaltet er gewissenhaft mit seiner Stimmkraft. Wenn er sich dann entschließt, die Partie voll auszusingen, präsentiert er einen makellosen Tristan.

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde- hier : A. Foster Williams als Kurwenal, A. Petersen als Isolde, N. Gubisch als Brangaene © Van Rompay_Segers

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde- hier : A. Foster Williams als Kurwenal, A. Petersen als Isolde, N. Gubisch als Brangaene © Van Rompay_Segers

Andrew Foster-Williams (* 1973 in Wigan), ist ein englischer Opernsänger (Bassbariton). Er gibt in Brüssel sein Rollendebut als Kurwenal.

Der Chor, der ganz in Schwarz gekleidet hinter der transparenten Spiegelwand positioniert ist, und bei den einzelnen Auftritten durch die Beleuchtung sichtbar wird, wird im Zuschauerraum nur sehr gedämpft erlebbar. Das ändert sich, wenn die Sänger gegen Ende des ersten Aktes in den Proszeniumslogen erscheinen und ihre stimmgewaltige Kraft entfalten. Chorleiter: Martino Faggiani

Der zweite Aufzug ist von Richard Wagner als ein einziges Liebesgedicht über die Nacht, als Gegenpol des äußerlichen Lebens, der Hast und der Lüge, das milde Dunkel der liebenden Seelen, das Vergessen, der Traum und der Tod bis hin zur Bewußtseinsauflösung gestaltet.War der Tag im ersten Akt schwarz, so ist die nun kommende Nacht weiß. Ein großes verästeltes Objekt – Kunst? Wald? – in der Wirkung wie eine riesige weiße Koralle steht im Zentrum der Bühne.

Isolde in ihrem psychedelisch blau/rot gefärbten Gewand und König Marke mit seiner mit Unmengen von Strass besetzten Fantasieuniform führen uns mit ihren Kleidern (Kostüme: Wojciech Dziedzic) die Falschheit der Tageswelt vor Augen.

König Marke: Franz-Josef Selig  (* 1962 in Mayen), ein deutscher Opernsänger, hat sich international als einer der renommiertesten Interpreten großer Basspartien etabliert. Regelmäßig ist er in den Rollen des Gurnemanz, König Marke, Sarastro, Rocco, Osmin, Daland, Fiesco und Fasolt an allen großen Opernhäusern der Welt und bei internationalen Festivals zu erleben.

Noch stärker als im ersten Akt, gelingt es der großartige Lichtregie von John Torres und Kate Bashore, mit Schattenwürfen, Warmlichtpunkten in einer ansonsten mattweißen Welt der doch sehr statischen Inszenierung eine Dynamik und Lebendigkeit zu verleihen, die fasziniert und staunen macht. Die Preghiera „O sink hernieder, Nacht der Liebe…“ wird von Tristan und Isolde nebeneinander kniend gesungen.  Sie steigern sich in einen Zustand völliger Selbstvergessenheit. Wagner zeichnet ein kosmisches Gleichnis der Todestrunkenheit.

Ein äußerst gelungener Coup der Regie: In die Äste des Korallenobjektes befanden sich unbekleidete, vollständig weiß geschminkte, und dadurch für das Auge des Betrachters nicht vom Zentralobjekt zu unterscheidende Tänzer des Ballettes, die sich von der Struktur lösen und das Objekt und den Bühnenraum mit Leben erfüllen.

Choreografie: Fernando Melo; ein großartiger Effekt! Erneut kommt es zu einem wechselseitigen Blick und einer Berührung der Handflächen der beiden Liebenden. Ein Schrei Brangänes, der Verräter Melot und König Marke treten auf, die Liebenden sind entdeckt.

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde - hier : A. Petersen als Isolde, N. Gubisch als Brangaene © Van Rompay Segers

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde – hier : A. Petersen als Isolde, N. Gubisch als Brangaene © Van Rompay Segers

Melot / Ein Steuermann: Wiard Witholt, holländischer Bariton, 40, ist zur Zeit in Augsburg engagiert. Er war 2017 bereits in Madama Butterfly in Brüssel zu erleben.

Die Solisten stehen statuarisch auf der Bühne. Keine Verabschiedung, kein Kuss, keine Verwundung. Melot hält reglos den Schwertsplitter über den Kopf; die eingeweihten Zuschauer verstehen. Im dritten Akt – es ist wieder Tag – schauen wir erneut auf eine schwarze, leere Bühne. In der bühnenfüllenden Hinterwand sind zahllose Löcher eingelassen, die bei der zusätzlich noch mit faszinierenden Reflexionen arbeitenden Lichtregie noch schwärzer erscheinen.  Vereinzelt werden diese Löcher jedoch rückwärtig beleuchtet, wodurch ein wunderbarer sternenhimmelartiger Effekt entsteht.

Tristan, im blutroten Gwand mit vergoldetem Gesicht und Händen, scheint bereits nicht mehr Teil dieser Welt zu sein. Transparente Röhren schieben sich durch die Löcher der Rückwand nach vorne und erzeugen ein lebendiges Schattenspiel von ungeheurer visueller Ästhetik.  Tristan kniet in der Bühnenmitte, während der Hirt in seinem Kunstgewand unentwegt über die Bühne schreitet. Über erneut auftretende Tänzer – gekleidet und geschminkt wie Tristan – entsteht auf der Bühne Bewegung.

Tristan und Isolde – ALAIN ALTINOGLU erklärt die Komposition
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Musikalische Leitung: ALAIN ALTINOGLU (* 1975 in Paris) ist ein französischer Dirigent armenischer Abstammung. Er ist an großen Opernhäusern weltweit zu Gast.  Altinoglu dirigierte erstmals 2011 als Gast am Opernhaus La Monnaie. Seit Januar 2016 ist er Chefdirigent des Hauses. Im Jahr 2015 dirigierte er bei den Bayreuther Festspielen LOHENGRIN. Alain Altinoglu, das Brüsseler Opernhaus La Monnaie und Richard Wagner – eine äußerst geglückte Kombination bei der Inszenierung von Lohengrin 2018. La Monnaie habe „seinen Messias gefunden“, schrieb Christian Merlin daraufhin in Le Figaro über den Dirigenten. Altinoglu, vom Brüsseler Publikum heiß geliebt, wird zu Beginn jeden Aktes bei seinem Erscheinen mit tosendem Applaus und wilden Ovationen gefeiert.  Etwas Derartiges habe ich bisher noch nirgendwo erlebt.

Die musikalische Handlung nimmt ihren Lauf und endet mit einem musikalisch ergreifenden Liebestod Isoldes. Dem Dirigenten gelang in dieser Aufführung die heikle Aufgabe, in der Abmischung zwischen dem groß besetzten romantischen Orchesters und Bühne die optimale Balance herzustellen. Antinoglu atmete mit den Sängern, und war um höchstmögliche Orchestertransparenz bemüht.

Langanhaltender Applaus im ausverkauften Haus; Ovationen für die Solisten und das Produktionsteam; regelrechte Emotionsausbrüche für den Dirigenten und das Orchester

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde - hier : Bryan Register als Tristan © Van Rompay

Theatre Royal de la Monnaie / Tristan und Isolde – hier : Bryan Register als Tristan © Van Rompay

Inszenierung: Ralf Pleger (* 1967 in Rathenow) ist ein deutscher Filmemacher und Regisseur. Er war als Dramaturg bei zahlreichen internationalen Opernproduktionen beteiligt. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit als Filmemacher bilden Musikfilme und Künstlerporträts. In Filmen wie z.B. Wagnerwahn kombiniert Pleger klassische Musikthemen mit unorthodoxen Erzählweisen. Ein Merkmal seiner Werke ist der Einsatz genreübergreifender Stilmittel. Plegers Kino-Dokumentarfilm The Florence Foster Jenkins Story mit Joyce DiDonato in der Titelrolle ist im November 2016 erschienen.

Bühne: Alexander Polzin (* 1973 in Berlin) ist ein Berliner Bildhauer, Maler, Graphiker, Kostüm- und Bühnenbildner. Polzin arbeitet regelmäßig als Bühnenbildner für Oper, Tanz und Schauspiel. So richtete er beispielsweise 2013 Richard Wagners Parsifal bei den Salzburger Osterfestspielen ein (Regie: Michael Schulz – musikalische Leitung: Christian Thielemann).

Lichtregie: John Torres und Kate Bashore.  John Torres, ein in New York ansässiger Lichtdesigner entwickelt Designs für Tanz, Theater, Musik, Mode und Druck. In Zusammenarbeit mit Robert Wilson wurden unter anderem Einstein on the Beach (2013-2015 World Tour) und Cheek to Cheek Live produziert. Mit Tony Bennett und Lady Gaga „La Traviata“ (Landestheater Linz). Kate Bashore ist eine Lichtdesignerin für Theater und Tanz, deren Entwürfe in New York und regional in den USA präsentiert wurden.


Théatre Royal de la Monnaie – Es stellt sich vor
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Théâtre Royal de la Monnaie De Koninklijke Muntschouwburg

Das Théâtre Royal de la Monnaie oder kurz La Monnaie (im Französischen) bzw. De Koninklijke Muntschouwburg, kurz De Munt (im Niederländischen; deutsch etwa „Königliches Theater an der Münze“), ist das königliche Brüsseler Opernhaus.

Das erste Theatergebäude an diesem Ort wurde um 1700 an Stelle einer vormaligen Münzprägestätte errichtet, die wie große Teile Brüssels dem französischen Bombardement zum Opfer gefallen war.  Das Théâtre de la Monnaie hatte im 18. Jahrhundert den Ruf, einer der schönsten Theaterbauten Europas zu sein. Achtzig Jahre später wurden mehrere Pläne erstellt, das Opernhaus zu erweitern und zu renovieren. Doch erst 1818 ließ die Stadt Brüssel ein vollkommen neues Theater hinter dem alten Gebäude errichten. Das heutige Opernhaus stammt aus den Jahren 1855/56, das den 1819 eingeweihten Vorgängerbau ersetzte, der im Januar 1855 einem Theaterbrand zum Opfer gefallen war. Das Monnaie-Theater ist heute eines der renommiertesten Opernhäuser Europas. Musikalischer Leiter der Monnaie ist der japanische Dirigent Kazushi Ono.

Belgische Geschichte wurde in der Monnaie geschrieben, als am 25. August 1830, anlässlich des 59. Geburtstages von König Wilhelm I. der Niederlande die Oper La muette de Portici von Auber gegeben wurde.

Bereits durch das Duett „Amour sacré de la patrie“ („Heilige Liebe zum Vaterland“) angeheizt, geriet nach der Arie des Masaniello, der im dritten Akt mit einer Axt in der Hand sang: Laufet zur Rache! Die Waffen, das Feuer! Auf daß unsere Wachsamkeit unserem Leid ein Ende bereite! das Publikum außer Kontrolle. Es erhob sich und rief „Aux armes! Aux armes!“ („Zu den Waffen!“).  Dies gilt als der Auslöser zur Belgischen Revolution, die zur Unabhängigkeit des Landes von den Niederlanden führte.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Monnaie zudem zu einem Zentrum des Wagnérisme, nachdem die Aufführung der Werke Richard Wagners in Paris auf größere Probleme gestoßen waren. Eine umfangreiche Renovierung und Modernisierung fand 1985 statt. Die ursprünglichen Originalfarben kommen jetzt wieder zur Geltung.

Tristan und Isolde am Théâtre Royal de la Monnaie, Brüssel, weitere Termine: 02.05., 04.05., 07.05., 08.05., 10.05., 12.05 (15:00), 14.05., 16.05., 17.05., 19.05.2019 (15:00)

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Wien, Theater an der Wien, Euryanthe – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 11.01.2019

Januar 11, 2019 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Euryanthe – Carl Maria von Weber

Weber und „die Einführung des Übernatürlichen“

von Marcus Haimerl

Häufig findet sich Carl Maria von Webers große heroisch-romantische Oper Euryanthe nicht auf den Spielplänen der Opernhäuser. Als Ursache betrachtet man gerne das Libretto der Schriftstellerin Helmina von Chézy, die Weber aus dem Dresdner „Liederkreis“ kannte, in welchem bereits der Librettist des Freischütz, Johann Friedrich Kind, Mitglied war. Nach dem Erfolg des Freischütz war Weber als Komponist in aller Munde und so war das Auftragswerk des Wiener Kärntnertortheaters auch keine Überraschung.

Allerdings litt er auch unter dem großen Erfolg des Freischütz. Aus gutem Grund musste er annehmen, dass von ihm Wiederauflagen der volkstümlichen Nummern seiner Erfolgsoper erwartet wurden: „Die Erwartungen der Masse sind durch den wunderbaren Erfolg des Freischützen bis zum Unmöglichen ins Blaue hinauf gewirbelt; und nun kommt das einfach ernste Werk, das nichts als Wahrheit des Ausdrucks, der Leidenschaft und Charakterzeichnung sucht, und alle der mannigfachen Abwechslung und Anregungsmittel seines Vorgängers entbehrt.“ (Weber in einem Brief an Franz Danzi, 13.02.1824). Mit diesem einfachen Werk meinte Weber seine Oper Euryanthe.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Als Vorlage für das Libretto diente Helmina von Chézy eine altfranzösische Ritterlegende aus dem 12. Jahrhunderts, welche Shakespeare bereits in seiner Cymbeline nach einer Novelle aus Boccaccios Decamerone verwendete. Weber wies den Rat Ludwig Tiecks nach einer realistischen Handlungsführung zurück und bestand gegenüber Helmina von Gézy auf die Einführung des Übernatürlichen.

Die zu Unrecht beschuldigte Euryanthe, Opfer einer Männerwette zwischen ihrem Verlobten Adolar und dem bösen Lysiart, ist der Motor der Handlung. Jedoch ist nicht wie in der Vorlage die Kenntnis eines Körpermals, heimlich im Bade beobachtet, das Beweisstück. Emma, die Schwester Adolars beging einst aus Gram über den Tod ihres Ehemanns Selbstmord. Wegen dieser Todsünde kann ihre Seele keine Ruhe finden, bis nicht ihr tödlicher Giftring mit den Tränen einer verfolgten Unschuld genetzt wird. Dies Geheimnis, an die heimtückische Eglantine verraten, löst das Drama aus. Denn diese stiehlt den Ring aus der Grabkammer und wird von Lysiart beobachtet. Da dieser bei Euryanthe mit seinen Verführungsversuchen gescheitert ist, verbünden sich Eglantine und Lysiart zu einem Liebespaar aus Rache. Da sich Euryanthe gegen die falschen Anschuldigungen Lysiarts nicht wehrt, führt Adolar, nun seiner gesamten Güter und Titel verlustig, seine Verlobte in den Tod. Als diese ihn vor einer Schlange zu retten versucht, lässt er Euryanthe allein im Wald zurück. Der König findet die junge Frau und diese offenbart ihm die zuvor verschwiegene Wahrheit. Während der Vorbereitungen von Lysiarts und Eglantines Hochzeit auf Adolars Schloss, gesteht Eglantine, der in einem Anfall von Wahnsinn Emma erscheint, dem König die Wahrheit. Lysiart ersticht die Wahnsinnige und wird selbst als Mörder verhaftet. Euryanthe und Adolar finden wieder zueinander und weil ihre Tränen den Ring benetzt haben, findet Emmas Seele ihren Frieden.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Das Theater an der Wien holte nunmehr diese kaum gespielte Oper als Neuproduktion zurück in die Stadt der Uraufführung und beweist mit der Besetzung, dass Webers Werk durchaus spielbar ist. Constantin Trinks leitet das ORF Radio-Symphonieorchester Wien facettenreich mit großer Leidenschaft und weiß die Dramatik der Musik von Weber, die an mancher Stelle schon Wagner erahnen lässt, voll auszukosten.

Christof Loy verzichtet in seiner Inszenierung auf Mittelalter, Ritter oder gar Übernatürliches, ebenso auf Romantik und setzt ganz auf zwischenmenschliche Beziehungen und Personenführung. Ein weißer, sich trichterförmig nach hinten verengender Raum, mit einem Klavier, einem Bett und ein paar Stühlen ist die ganze Ausstattung (Bühne: Johannes Leiacker). Der sterile weiße Bühnenraum mit dem Bett am Bühnenrand erinnert dabei schon etwas an eine Heilstätte. Und Heilung sucht nicht nur die Seele der armen Emma. In diesem geschlossenen Bühnenraum reduziert  Loy die Romantik zu einem Kammerspiel zwischen den handelnden Figuren und zeigt, dass die handlungstreibenden Gefühle, enttäuschter Liebe, Rache und Erlösung, Allgemeingültigkeit besitzen.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Jacquelyn Wagner verkörpert die Titelfigur Euryanthe perfekt. Atemberaubend meistert sie die lyrischen Passagen mit ihrem ausdrucksstarken Sopran und überzeugt auch in glaubwürdiger Rollengestaltung.  Mit durchschlagskräftigem Mezzosopran und packender Darstellung beherrscht Theresa Kronthaler die Bühne in der Partie der Eglantine. Mit seinem großen durchwegs dramatischen Bariton beweist Andrew Foster-Williams höchstes musikalisches Können als hinterlistiger Lysiart. Für seinen Körpereinsatz, er singt die Arie „Wo berg‘ ich mich“ zu Beginn des zweiten Aktes völlig unbekleidet, muss man dem Sänger zusätzlich hohen Respekt zollen. Der amerikanischeTenor Norman Reinhardt überzeugt mit strahlendem, höhensicherem Tenor in der Partie des Adolar. Beeindruckend auch Stefan Cerny der mit seinem schönen, dunklen Bass die Partie des Königs glaubhaft gestaltet. Auf höchstem musikalischen Niveau agiert auch der Arnold Schoenberg Chor.

Mit dieser Produktion bewies das Theater an der Wien erneut, dass man sich nicht nur gefahrlos den vergessenen Werken der Opernliteratur widmen, sondern damit auch noch Erfolg haben kann.

Euryanthe im Theater an der Wien:  Zur Zeit sind keine weiteren Vorstellungen geplant

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