Minden, Stadttheater Minden, Götterdämmerung – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 24.09.2019

September 24, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Götterdämmerung – Ringzyklus am Stadttheater Minden

– „Starke Scheite schichtet mir dort!“ –

von Sebastian Siercke / Patrik Klein / Karin Hasenstein

Minden, die Stadt im Osten Nordrhein-Westfalens, die hauptsächlich für ihren Dom und die Nähe zur Porta Westfalica und dem Kaiser Wilhelm Denkmal bekannt ist, macht in diesem Jahr erneut auf sich aufmerksam mit Werken Richard Wagners im beschaulichen 528 Zuschauer fassenden Stadttheater an der Weser. Nicht nur eine Produktion, sondern gleich vier Werke des berühmten deutschen Komponisten stehen erstmalig auf dem Programm, nachdem sie in den Jahren zuvor jeweils für sich alleine neu aufgeführt wurden.

 Götterdämmerung – Erster zyklischer Ring in Minden – Fulminantes Ende

2018 fasste man folgerichtig den wagemutigen Entschluss, Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen in 2019 zyklisch zu präsentieren. Das ist für ein Haus dieser Größe wahrlich „ein Wunder“. Und das schien noch nicht genug, denn man entschied, 2019 sogar zwei Ring-Zyklen innerhalb von je 11 Tagen aufzuführen. So etwas kann nur funktionieren, wenn alle normalen Rahmenbedingungen einer Kleinstadt ausgehebelt werden und besondere Energien am Werke sind. Dem Richard Wagner Verband Minden ist dies in ungeahnter Weise vorzüglich gelungen, alle Kräfte der Stadt zu bündeln, Gelder durch Sponsoren aufzutreiben und vorhandenes Personal zu nahezu übermenschlichen Leistungen zu motivieren. Richard Wagner hätte das sicher gefallen.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung © Friedrich Luchterhandt

IOCO – Kultur im Netz ist beim ersten Ringzyklus 2019 vor Ort, kann die ganz besondere Atmosphäre erleben, von den Ereignissen berichten. Sowohl in den sozialen Medien, als auch bei den Kollegen von www.ioco.de, dreht sich für die Zeit, in der auf dem Dach des Stadttheaters eine Wagnerflagge weht und die Stadt voller Besucher erscheint, alles um den berühmten Komponisten aus Leipzig. Ein Rahmenprogramm mit Vorträgen und Ausstellungen lockt die einquartierten Besucher und die Einwohner von Minden zu umfangreicher Beschäftigung mit dem Komponisten. Ganz Minden ist plakatiert mit Ringmotiven. Wotans Auge scheint einen jeden jederzeit und überall zu verfolgen.

Am Nachmittag der Vorstellungen erblickt man gut gekleidete Zuschauerinnen und Zuschauer, die durch den Ort schlendern und zu den hell leuchtenden weißen Fassaden des schmucken Stadttheaters pilgern. Man erblickt Damen in Abendgarderobe, Herren in Smoking und sogar Gehrock, erlebt auf dem Balkon des Stadttheaters den Posaunenchor der Schaumburg-Lippischen Landeskirche, der ganz wie in Bayreuth mit jeweils drei Fanfaren die Pausen beschließt. Im Foyer wird man von freundlichen Helfern begrüßt und bekommt ein Programmheft, das Maßstäbe setzt und allerlei Merchandising-Produkte angeboten. Man darf sich beinahe wie auf dem Grünen Hügel in Oberfranken vorkommen.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : die Rheintöchter zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : die Rheintöchter zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Alles das wäre wenig, wenn nicht auf der Bühne aufregendes, spannendes Musiktheater gespielt und dazu auf einem hohen Niveau musiziert würde.

Man betritt den Zuschauerraum und steht vor der Bühne. Kein Orchestergraben trennt das Publikum vom Geschehen. Die Bühne wird umrahmt von einem großen Quadrat, in das ein Kreis eingestellt ist, was unmittelbar an die Gestaltung der LP-Boxen des alten Solti – Ringes erinnert. Die eigentliche Bühne, die Fläche, die dort hauptsächlich bespielt wird, hat die Grundfläche eines wohlbemessenen Wohnzimmers. Das Orchester sitzt dahinter, auf der Bühne, abgeteilt durch einen Gazevorhang, der auch als Projektionsfläche für die handlungsunterstreichenden Videos dient.

Das Stadttheater Minden hat nicht nur kein eigenes Ensemble, es hat auch kein eigenes Orchester. Dazu kommt die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, ein Landesorchester Nordrhein-Westfalens, ein Klangkörper aus der ersten Liga der deutschen Orchesterlandschaft.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie hat unter der Leitung von Frank Beermann einmal mehr ihren Ruf als Spitzenorchester bestätigt. Absolut souverän und hoch konzentriert führte Beermann die 80 Musiker durch die über fünf Stunden Musik.
Dabei lotete er gekonnt alle dynamischen Anforderungen der Partitur vom zarten Pianissimo des Englischhorn zu Beginn im Gesang der Nornen über das Forte im vierstimmigen Herrenchor in zweiten Aufzug bis hin zum Fortefortissimo im Trauermarsch im dritten Aufzug. Die scharfen Staccato-Akkorde im schweren Blech ließen den Zuschauerraum erzittern und man wünschte sich dieses Orchester in einem größeren Theater oder Konzertsaal.
Die NWD Philharmonie überzeugte mit großem Farbenreichtum in den Holzbläsern ebenso wie mit außerordentlicher Brillanz im Blech. Insbesondere die Hörner, zum Beispiel der Siegfriedruf, ein heikles Horn-Solo sowie die zusätzliche Bühnenmusik ließen keine Wünsche offen.

Frank Beermann begleitete die Solisten einfühlsam und mit großer Kenntnis der Partitur. Dass er dabei die Solisten im Rücken hatte und nicht wie sonst im Opernbetrieb vor sich auf der Bühne, führt dazu, dass diese das Dirigat nur vom Monitor abnehmen können, was für die Sänger nicht so ungewöhnlich ist, was aber auch bedeutet, dass der Dirigent die Sänger nicht sieht. Trotzdem waren alle Einsätze sicher und präzise und die gesamte Darbietung wirkte enorm harmonisch und perfekt eingespielt.

Auch die Dynamik innerhalb des Orchesters hat Beermann gut ausbalanciert. Wo Solostimmen, z.B. Flöte oder Klarinette, vorkommen, waren sie zu hören und gingen nicht im Orchesterapparat unter. Zauberhaft auch die Harfe zum Ende des dritten Aufzuges.

Als Fazit bleibt festzustellen: dieser wunderbare Klankörper sollte viel häufiger große romantische Oper spielen!

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Die Inszenierung des Abends gestaltet Gerd Heinz, der hauptsächlich vom Sprechtheater kommt und offensichtlich eine ganz andere Herangehensweise ans Musiktheater hat, als der übliche Opernregisseur. Hier wird das Werk auf die Bühne gebracht. Kein Umdeuten in abstruse oder andere Richtungen, kein „Wir verlegen die Handlung in eine andere Zeit“, die dann gerne mit wohlbekannten Uniformen bebildert wird, keine abgegriffene Kapitalismuskritik. Diese Götterdämmerung spielt im Jetzt. Ein zeitloses Irgendwann-Jetzt, sind doch Handlung und Aussage des Werkes ebenso zeitlos und allgemeingültig. Jede kleinste Bewegung, jede Geste, jedes Minenspiel ist feinst durchdacht, die Sänger auf der Bühne dadurch fast noch mehr Schauspieler als Sänger. Ein solches Zusammenspiel von Musik und Geschehen auf der Bühne hat man selten erlebt!

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Da der kleine Orchestergraben nicht als solcher benutzt werden kann, ragt in ihn die Bühnenkonstruktion hinein, mit rege bespielten Treppen nach unten ergibt sich eine ungewohnte Dreidimensionalität der Bühne. Das Publikum sitzt quasi mitten im Geschehen, unmittelbar vor den Protagonisten des Dramas auf der Bühne.

Die Sängerriege ist exquisit besetzt. Große Stimmen sind es – allesamt. Siegfried und Brünnhilde, zwei Mörderpartien, die so manchen Weltstar gelegentlich in die Knie zwingen, werden hier dargebracht, als gäbe es kaum Leichteres zu singen auf der Welt.

Thomas Mohr gibt nicht nur den Siegfried in der Götterdämmerung, nein er ist an allen vier Opernabenden dabei. Beim Rheingold gibt er den Loge, beDie Walküre schlüpft er in den halbstarken Siegmund, in Siegfried ist er der junge Gesandte Wotans, der Brünnhilde aus magischem Schlaf erweckt. Thomas Mohr singt und gestaltet mit durchschlagskräftigem Tenor, der genauso die zarten Partien fein nuanciert bieten kann, wie die wütenden Ausbrüche ohne dabei forciert oder auch nur angestrengt zu klingen. Eine schier unglaublich große Leistung!

Dara Hobbs als Brünnhilde überflutet das Werk mit ihrem wundervoll geführten Sopran, der bruchlos von der Tiefe bis in die Spitzen kommt und dabei noch beachtliche Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Dazu kommt bei ihr eine bewundernswerte Textverständlichkeit. Selbst wenn man den Text nicht mittlerweile auswendig kennt, kann man jedem Wort folgen. In der zweiten und dritten Szene des dritten Aufzuges, gegen Ende eines sehr langen Abends, präsentiert Dara Hobbs ihr “Starke Scheite schichtet mir dort”, als hätte sie soeben frisch ausgeruht die Bühne betreten. Mit großer Ruhe und reichlich Reserven singt sie diese lange und anspruchsvolle Szene. Ihr dramatischer Sopran ist extrem fokussiert und perfekt geführt und auch in der hohen Lage noch warm timbriert. Dara Hobbs begeisterte das Publikum mit ihrer kontinuierlich grosartigen Leistung und erhielt verdient unzählige Bravi.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : Thomas Mohr, Siegfried, zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : Thomas Mohr, Siegfried, zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Renatus Mészár als Gunther, der genau wie Thomas Mohr an jedem der vier Abende zu sehen und zu hören ist,  nämlich als Wotan und Wanderer bildet mit Magdalena Anna Hofmann als Gutrune, einen stimmlich wie darstellerisch sehr kontrastreichen Gegenpart zu dem Heldenpaar.  Die Schwärze in seiner Stimme als Wotan und Wanderer reduzierend, kann Renatus Mészár als Gunther die schlankeren Töne wirkungsvoll erklingen lassen. Auch Magdalena Anna Hofmann, die in der Walküre bereits als lyrisch-dramatische Sieglinde überzeugt hat,  gelingt eine eindrucksvolle Interpretation der Gutrune. Das Gibichungenpaar steht Brünnhilde und Siegfried  in der Bühnenwirkung in nichts nach.

“Schläfst du, Hagen, mein Sohn?”  Nein, ganz und gar nicht! Andreas Hörl ist als Hagen stets hellwach. Sein voluminöser Bass ist gut geführt und er verleiht dem Widersacher Siegfrieds mit viel Variabilität eine große Glaubwürdigkeit. Andreas Hörl verfügt über einen dunkel gefärbten Bass, den er sehr flexibel einzusetzen weiß. Er scheut sich nicht, die ganze Bandbreite von Schönklang bis hin zu “schmutzigen” Tönen auszunutzen und erzielt damit eine große Überzeugungskraft. Nicht nur stimmlich beeindruckt Hörl, auch darstellerisch besticht er durch enorme Bühnenpräsenz vom ersten bis zum letzten Moment, als Hagen erkennen muss, dass der Ring an die Rheintöchter verloren ist.

Im zweiten Aufzug tauchen im Hintergrund in den oberen Bereichen die Mannen der Gibichungen auf. In dunkler Kleidung gehalten, stehen sie hinter dem Gazevorhang und singen kraftvoll und artikulationsgenau von der Jagd und vom Kampf. Der Herrenchor setzt sich zusammen aus dem Wagner Chor Minden 2019 und dem Ersten Deutschen Freien Opernchor (Coruso), Einstudierung Thomas Wirtz.

Sensationell an diesem denkwürdigen Abend der Ringvollendung ist die Waltraute von Kathrin Göring. Als Fricka im Das Rheingold und Die Walküre, in der Kathrin Göring  zusätzlich eine  der acht Walküren übernahm, fegt sie panisch und angstzerfressen auf und über die Bühne und bietet eine Dramatik in der Stimme, wie man sie selten live erleben kann. Schauer konnten einem bei ihrer Erzählung über den Rücken laufen, eine  ganz große Leistung!

Bösewicht und Nibelungenzwerg Alberich, dargestellt von Heiko Trinsinger, lässt seinen schwarz gefärbten Bariton wort- und stimmgewaltig, anknüpfend an die Leistung beim Rheingold und im Siegfried verströmen.

Tiina Pentinen, Christine Buffle und Julia Bauer als Nornen und Rheintöchter runden das Ensemble sehr wohlklingend und ansehnlich ab.

Folgerichtig ist das Publikum nach dem langen Abend enthusiastisch infiziert, dankt mit Jubel, herzlichem Applaus, Bravorufen und „Standing Ovations“ den über sich hinausgewachsenen Musikern und Sängern am Stadttheater Minden.

Man mag den Beteiligten und den Verantwortlichen wünschen, dass der Kater nach solch berauschenden Stunden und Tagen schnell vergehen wird und dass man sich für alle Wagnerfreunde in und um Minden in den nächsten Jahren überlegt, doch erneut ein bislang noch nicht aufgeführtes Werk in Minden zu wagen. Wie wäre es mit einem Parsifal?

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Minden, Stadttheater Minden, Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner, IOCO Aktuell, 14.08.2019

Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

 Der Ring des Nibelungen –  2019Stadttheater Minden

Zyklus I – 12. September 2019  Rheingold,  15. September – Walküre, 19. September  – Siegfried, 22. September 2019 –  Götterdämmerung.
Zyklus II  – 26.9;  29.9.; 3.10; 10. Oktober 2019

Mit den Premieren von Das Rheingold am 9. September 2015, Die Walküre am 9. September 2016, Siegfried am 8. September 2017, Götterdämmerung am 6. September 2018 hat der Richard-Wagner-Verband-Minden in einer Gemeinschafts-produktion mit dem Stadttheater Minden und der Nordwestdeutschen Philharmonie das Opus Magnum des Musiktheaters schlechthin, Richard Wagners Operntetralogie Der Ring des Nibelungen in einer mustergültigen und viel beachteten Inszenierung auf die Bühne gebracht.

„Das Wunder von Minden“ –   IOCO  Buchbesprechung
über den Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden

2019 wird der Ring in Minden zum Abschluss der fünfjährigen Produktion noch einmal in zwei vollständigen Zyklen aufgeführt. Die insgesamt acht Vorstellungen werden vom 12. September bis zum 6. Oktober 2019 jeweils donnerstags und sonntags im Stadttheater Minden zu erleben sein.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - Das Rheingold - hier : die Rheintoechter © Dorothee Rapp

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold – hier : die Rheintoechter © Dorothee Rapp

Das künstlerische Leitungsteam mit Dirigent Frank Beermann, Regisseur Gerd Heinz, Bühnen- und Kostümbildner Frank Philipp Schlößmann und dem Videokünstler Matthias Lippert wird in dieser vollständigen Aufführungsreihe noch einmal die künstlerische Quintessenz der Arbeit der vergangenen Jahre ziehen und den großen Bogen, den Richard Wagners Nibelungensaga vom Rheingold bis zur Götterdämmerung schlägt, in direkter Abfolge erfahrbar machen.

Das in den vergangenen Jahren zusammengewachsene und inzwischen bestens eingespielte Ensemble aus vielversprechenden Talenten und international gefeierten Solisten wird die Vorzüge des „Mindener Modells“ dabei noch einmal voll zur Geltung bringen: Die Sänger agieren vor dem Orchester und erreichen nicht nur eine deutlich verbesserte Klangbalance, sondern auch eine so große Textverständlichkeit, dass dieses Modell in den vergangenen Jahren auch von anderen Festivals und Opernhäusern übernommen wurde.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - Die Walkuere © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – Die Walküre © Friedrich Luchterhandt

Die bisherigen Mindener Opernproduktionen (Der fliegende Holländer 2002, Tannhäuser 2005, Lohengrin 2009, Tristan und Isolde 2012, Das Rheingold 2015, Die Walküre 2016, Siegfried 2017, Götterdämmerung 2018) haben sich dabei zu einer wahren Talentschmiede entwickelt und sind für Sänger wie Andreas Schager, Andreas Hörl, Dara Hobbs, Thomas Mohr oder Anne Schwanwilms ein wichtiger Schritt zu einer großen internationalen Karriere gewesen. Sie werden von der Nordwestdeutschen Philharmonie begleitet und unterstützt, die sich bei den bisherigen Mindener Produktionen einen Ruf als Spitzenorchester erworben hat.

Auch die noch junge Generation zukünftiger Opernfans aus Minden und Umgebung wird Teil des Projektes sein: Die Generalproben vom 2. bis 9. September 2019 sind gleichzeitig als Schulaufführungen (mit Werkerläuterungen vor jedem Aufzug) konzipiert und werden von Schülern besucht, die aus den Schulen des gesamten Kreises und auch der weiter umliegenden Region kommen. Sie werden schon seit geraumer Zeit in themenbezogenen Workshops auf den Ring vorbereitet. Zusätzlich werden Schüler als Komparsen in die Produktion eingebunden sein.

Für auswärtige Besucher wird darüber hinaus ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Einführungsvorträgen, weiteren kulturellen Veranstaltungen und touristischen Angeboten bereitgehalten.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - hier : Die Goetterdaemmerung © Christian Becker

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – hier : Die Goetterdaemmerung © Christian Becker

Der Erfolg der bisherigen acht Produktionen 2002 bis 2018 war beim Publikum und in den Medien gleicher- maßen überwältigend. Es berichteten u. a. www.ioco.de, IOCO – Kultur im Netz, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Die Welt“, „Der Spiegel“, NDR, WDR, SWR, Deutschlandfunk. Die Ring-Produktion wird darüber hinaus auch unter der Internet-Adresse www.ring-in- minden.de umfassend erläutert und dokumentiert.

—| Pressemeldung Stadttheater Minden |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 07.08.2019

August 7, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG  –  Richard Wagner

– Das Leben als Kunstwerk –

von Uschi Reifenberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Seit ihrer Premiere im Jahr 2017 hat der Regisseur Barrie Kosky seine Meistersinger Inszenierung im Sinne des einzigartigen Bayreuther Werkstattgedanken zu den diesjährigen 108. Wagner Festspielen in exzellenter Weise weiterentwickelt, vertieft und perfektioniert. Sowohl die die ideale Sängerbesetzung als auch die ausgefeilte Regie mit ihrer überbordenden Komik, den zündenden Ideen und überraschenden Wendungen, stoßen in ihrer Ausgewogenheit auf einhelligen Jubel beim Festspielpublikum, und lassen die Meistersinger ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangieren.

Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin und für seine Inszenierungen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, nimmt in der Riege der Bayreuther Meistersinger Regisseure eine Ausnahmestellung ein. Seit der Bayreuther Erstaufführung der Oper im Jahr 1888 lag deren Umsetzung auf der Bühne ausschließlich in den Händen der Familie Wagner, zuletzt inszenierte die Festspielleiterin Katharina Wagner 2007 das Werk ihres Urgroßvaters. Barrie Kosky, gebürtiger Australier mit jüdischen Wurzeln, war nun berufen, sich als erster „Außenstehender“ mit diesem ambivalenten und ideologisch „belasteten“ Stoff auseinanderzusetzen.  Dieses ist ihm bekanntlich in höchstem Maße gelungen.

Bayreuth 2018 – Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner
youtube Trailer der Deutsche Grammophon
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Der Regisseur zeigt in seiner vielschichtigen, herrlich komischen, ironischen aber auch  tiefgründigen Deutung die untrennbare Einheit von Leben, Werk und Wirkungsgeschichte Richard Wagners, seine exzessive Selbstinszenierung und -stilisierung, und die teilweise grotesken Spielarten von Wagners hemmungslosem Narzissmus. Wagner ästhetisierte sein Leben in fortdauernder Theatralisierung und Selbsbespiegelung, umgekehrt wurden seine Werke auf allen Ebenen von seinen realen Erfahrungen, Kunstanschauungen und politischen Reflexionen gespeist und durchdrungen.

In den Meistersingern befragt Wagner seine Kunstästhetik und sich selbst, Anteile seiner Persönlichkeit finden sich in den männlichen Protagonisten Sachs und Walther, bei Kosky auch  im Lehrbuben David wieder. Die Figuren mutieren zu Projektionen sowie zu verschiedenen Ausprägungen von Wagners alter ego. Immer wieder identifiziert sich Wagner mit Sachs, unterschreibt als dieser in Briefen, oder bezeichnet Cosima, die er zwei Jahre nach der Uraufführung 1868  heiratet, als  Eva, der weiblichen Hauptrolle in seiner Oper. In Wagner, dem Revolutionär der 1848-er Jahre spiegelt sich Walther von Stolzing, der für Fortschritt und Aufbruch steht. In Hans Sachs findet sich Wagner als künstlerischer Idealtypus der reiferen 1870-er Jahre, Vermittler der Tradition, Vorbild in einer bürgerlichen Gemeinschaft und weiser Überwinder des Wahns nach der persönlichen Tristan Tragödie in seiner Beziehung zu Mathilde Wesendonk.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  vl knieend Sixtus Beckmesser, Hans Sachs, Veit Pogner, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : vl knieend Sixtus Beckmesser, Hans Sachs, Veit Pogner, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im Zentrum steht darüberhinaus Nürnberg als ambivalenter Topos deutscher Geschichte und idealisierter Sehnsuchtsort der Romantik. Die Heimatstadt von Albrecht Dürer und Hans Sachs war in der Renaissance eines der bedeutendsten Zentren des Humanismus, der Reformation und der Kunst. Für Wagner sollte dieses idealisierte Nürnberg, „in Deutschlands Mitten“ gelegen und Symbol früherer Macht- und Kunstentfaltung des deutschen Reiches, zu neuer Blüte der Künste auferstehen angesichts einer als verhängnisvoll erlebten Gegenwart. Der zunächst gescheiterte Traum vom deutschen Nationalstaat, vollendete sich mit der Reichsgründung 1871 und sollte sich als Kulturnation definieren („Zerging in Dunst das heil’ge röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst“).Die Frage nach einer deutschen Identität beschäftigte Wagner intensiv und schlug sich in zahlreichen Schriften nieder. In seinem Essay „Was ist deutsch“ von 1865 setzte er sich mit Inhalten der deutschen Kunst und Politik auseinander, dessen Thesen direkt in die Meistersinger einflossen. Nürnberg formierte sich für Wagner zum idealen Ort einer deutschen Kulturstätte. Für die Nationalsozialisten lag es auf der Hand, an die alte Nürnberger „Reichsherrlichkeit“ anzuknüpfen und sie installierten dort ihre Reichsparteitage. In der Folge ließen die Alliierten 1945-49 in Nürnberg die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher stattfinden.

Auch darauf nimmt Kosky im 2. und 3. Akt seiner Inszenierung Bezug:  Schon zu Beginn der Ouvertüre  (ver)führt der Regisseur das Publikum mitten hinein in eine fiktive Szene der Familie Wagner im Haus Wahnfried, wie sie sich möglicherweise zugetragen haben könnte. Dabei verfährt Kosky zwar historisch frei, aber trifft dennoch exakt den Kern und zeigt ein Genrebild, das vor Witz, Pointen, Einfällen und Sachkenntnis nur so strotzt.

Wir schreiben das Jahr 1875, im Saal des Hauses Wahnfried herrscht hektische Betriebsamkeit:  Richard Wagner ist außer Haus, die Hunde Gassi zu führen, seine Gattin Cosima liegt mit einem Migräneanfall im Bett, findet sich aber später doch noch ein. Es wird Hermann Levi erwartet, seines Zeichens GMD in München, jüdischer Abstammung und Uraufführungsdirigent des Parsifal. Ebenso Franz Liszt, Vater, Schwiegervater, und Klavierlegende. Alle Figuren bevölkern nach und nach den Saal, die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst hat den Wohnraum Wagners kongenial nachgebildet. Urkomisch ist es, wie Maestro Richard Wagner, stets im Zentrum des Geschehens, alle nach seiner Pfeife tanzen lässt. Wagners ausufernde Eitelkeit wird- bei aller Ironie -dennoch liebevoll vorgeführt, wenn er etwa Franz Liszt seine neusten Duftcreationen unter die Nase reibt, Cosima ihr Lenbach Porträt offeriert, oder sich kindlich über ein neues Paar Schuhe freut.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Ensemble, Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble, Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Jetzt beginnt ein Spiel im Spiel, Die Meistersinger von Nürnberg, Wagners neue komische Oper kann sogleich von der Familie aufgeführt werden. Kosky nimmt hier Bezug auf Wagners legendäre  Rezitationsvorstellungen, bei denen er alle Rollen seiner neu komponierten Musikdramen selbst rezitierte und vor Publikum aufführte.

Die Rollen sind klar verteilt: Wagners multiple Persönlichkkeit spaltet sich auf in den Schusterpoeten Hans Sachs, den jungen Ritter Walther von Stolzing und den Lehrbuben David, Cosima wird zu Eva, Franz Liszt zu Pogner, das Dienstmädchen zu Magdalena, Hermann Levi wird widerwillig in die Rolle des Stadtschreibers Sixtus Beckmesser gedrängt, gedemütigt und als jüdischer Außenseiter im Laufe der Oper immer weiter stigmatisiert.

Das Wohnzimmer wird zur Kirche, der Choral angestimmt und Levi/Beckmesser zu den christlichen Ritualen genötigt. Da entsteigen dem Konzertflügel weitere kleine Wagner- Doubles, alle identisch gewandet in Gehrock und Samt Barett, ebenso die lustig- aufgekratzte Truppe der Meistersinger in Renaissance Kostümen und Dürer- Locken. Auch Walther von Stolzing als Wagners alter ego, krabbelt aus dem Flügel, eine Anspielung auf Katharina Wagners Meistersinger Inszenierung, in welcher Stolzing ebenfalls dem Flügel entstieg als schönes Sinnbild für die schöpferische Inspiration.

Auch die Lehrbuben, die immer zum richtigen Zeitpunkt für ihre Einsätze die Saaltüre öffnen, tragen historische Kostüme aus dem 16. Jahrhundert, vom Kostümbilder Klaus Bruns farbenfroh und edel gestaltet. Das Renaissance Ideal sickert nun nach Wahnfried hinein und nimmt von seinen Bewohnern Besitz, die sich in inszenatorischer Selbstüberhöhung darstellen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Johannes Marin Kraenzle als Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Johannes Marin Kraenzle als Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die überdrehten Meistersinger sind weniger an einem Kunstdiskurs über Tradition und Fortschritt interessiert als an Nürnberger Lebkuchen und Tee. Barrie Kosky jagt sie – zur Freude des Publikums – temporeich und virtuos von einer Pointe zur nächsten, lässt den Lehrbuben seine Unterweisung Walthers durch Duftproben verschiedener Parfümfläschchen olfaktorisch unterstreichen. Sachs beteiligt sich als einziger nicht am Treiben der Meister-Spassgesellschaft und  registriert nachdenklich die einhellige Ablehnung von Walthers Gesang durch die Meister, vor allem durch Beckmesser. Mit wachsendem Interesse und Erstaunen erkennt er in Walther das große Talent, das es zu fördern und zu unterstützen gilt.

Am Ende des 1. Aktes, wenn Stolzings Meisterweise im allgemeinen Tumult untergeht, gefriert die Szene plötzlich zu einem Standbild und fährt nach hinten. Gleichzeitig senken sich seitlich Wände herab, die als Kulisse des Schwurgerichtssaals des Nürnberger Justizpalastes auszumachen sind. Zurück bleibt ein GI und ein einsamer Sachs im Zeugenstand, eine Vorwegnahme des Schlussbildes. Ratlosigkeit.

Der 2. Akt spielt nun in den Wänden des Nürnberger Schwurgerichtssaals. Zeitsprung. Wir befinden uns 70 Jahre später. Man sieht das ausgeräumte Mobiliar des Wahnfried Saales übereinander gestapelt, ein Hinweis auf dessen teilweise Zerstörung 1945 und die Evakuierung, im Hintergrund leuchtet eine Uhr mondhell. Sachs benutzt dieses Mobiliar als Arbeitsplatz und repariert fröhlich hämmernd Beckmessers Schuhe. Wenn er in seinem Flieder-Monolog über das Erlebte in der Singschul’ reflektiert und sich über seine Empfindungen klar zu werden versucht, verströmt die Szene allerdings wenig „Johannisnacht-Poesie“. Auf Innehalten und Kontemplation wird zugunsten eines auch hier forcierten Aktionismus leider verzichtet.

Walther und Eva verstecken sich hinter Cosimas Bild, das Duell zwischen Sachs und Beckmesser, dessen Ständchen für die angebetete Eva Hans Sachs nach den Regeln der Kunst durchkreuzt, wird zum Rollentausch der beiden Antagonisten. Der Dialog zwischen Sachs und Beckmesser hat längst die argumentative Ebene der Kunstdiskussion verlassen, steigert sich bis ins Wahnhafte, und ruft die gewaltbereiten Nürnberger Bürger auf den Plan. Es entwickelt sich ein nächtlicher Albtraum, die Uhr läuft rückwärts, der Wahn ist in vollem Gange, ein greller Beleuchtungswechsel verändert die Szene (Licht: Frank Evin). Als Projektion eines grotesken Antisemitismus Klischees wird Beckmesser nun eine Judenmaske aufgesetzt, die wohl der Nazi-Hetzschrift „Der Stürmer“ entstammt. Beckmesser wird zum „Tanzjuden“ degradiert, das Grauen gipfelt in einem Pogrom. Die gleiche riesige Judenfratze bläst sich als Ballon bedrohlich über der Szene auf und fällt dann in sich zusammen, nur noch sichtbar sind eine Kippa und ein Judenstern.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing und Eva © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing und Eva © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im 3. Akt ist der Schwurgerichtssaal nun detailgetreu eingerichtet, im Hintergrund prangen die Flaggen der vier Siegermächte. Sachs sitzt in der vorderen Reihe an einem gedeckten Tisch und sinniert über den Wahn der vergangenen Nacht. Resigniert rätselt er in seinem Monolog über den Verlust des bürgerlichen Traums eines heilen Nürnberg, aber auch über das Ausbrechen der rohen Gewalt. Er nimmt Abschied von der eigenen Liebeshoffnung und sublimiert diese in seiner Kunst, die nicht nur als persönliches, sondern auch als gesellschaftliches Korrektiv fungiert. Sensibel formt Sachs aus Stolzings noch vagem Morgentraum eine Meisterweise, die sowohl nach Inhalt als auch nach Form den Kunstregeln entspricht und das Potenzial zur Weiterentwicklung in sich trägt. Wagner führt den Diskurs über Genialität und Regelhaftigkeit sozusagen mit sich selbst. Den traumatisierten  Beckmesser quälen die Gespenster der letzten Nacht, aus allen Ecken kriechen kleine Judengestalten hervor, die ihn bedrängen. Eine gemobbte, ausgegrenzte und tragische Figur. Vielleicht eine Projektion von Wagners Feindbildern, seinen antisemitischen Obsessionen und unbewältigten Ängsten.

Die Festwiese wird wieder von historischen Figuren in alten Kostümen bevölkert, die fröhlich die deutsche Geschichte als „Spiel im Spiel“ feiern. Fahnen werden geschwenkt, Wagners und seine Doppelgänger tanzen um Cosimas Bild und das plötzliche „Einfrieren“ des bunten Treibens zu einem riesigen Gemälde im Stil von Pieter Bruegel spielt wieder mit der historischen Ebene. Die Huldigung des Wach-auf-Chors ist nun wieder an den Komponisten Wagner gerichtet, Stolzing fährt aus dem Zeugenstand herauf und triumphiert mit seinem fertigen Preislied, macht sich dann aber nach seinem Sieg mit Eva aus dem Staub. Beckmesser hingegen wird nach seinem misslungenen Vortrag vom Volk entfernt, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, deren höchstes Gut die Kunst und ein tolerantes Miteinander sein will. Was mit ihm geschieht, bleibt offen. Wagner singt nun mit eindringlichen Gesten seine Apologie: „Verachtet mir die Meister nicht“ im Zeugenstand, als Verteidiger seiner selbst und seiner Kunsttheorie. Er wendet sich an das Publikum, ganz allein auf der dunklen Bühne, die nur erhellt ist von einem grellen Spot. Ein beklemmendes Bild.

Zu den Worten: „Ehrt eure deutschen Meister“ hebt sich die Rückhand nach oben, und herein fährt auf einer Tribüne ein Sinfonieorchester mit Chor. Wagner dirigiert seine Oper zu Ende, das letzte Wort hat die Kunst. Freispruch für Richard Wagner?

Das Sängerensemble triumphierte auf der ganzen Linie und sang fast ausnahmslos auf Weltklasse Niveau.  Allen voran der phänomenale Michael Volle als Hans Sachs/Wagner. Er ist gleichsam die Inkarnation des Schusterpoeten und durchdringt die Riesenpartie bis in die feinsten Verästelungen von Wort und Ton. Perfekte Textverständlichkeit, Omnipräsenz und Gestaltungskraft verschmelzen bei ihm zu einem einzigartigen Rollenporträt. Die Variabilität seines Baritons besticht in seiner Durchschlagskraft aber auch in seinen leisen und introvertierten Momenten.

Der Walther von Stolzing/ Wagner  ist -ebenso wie der Lohengrin- Klaus Florian Vogt auf den Leib geschrieben. Sein Ausnahmetenor hat an Strahlkraft und Metall dazugewonnen und verfügt über eine breite Farb-und Ausdrucksskala. Seine Rollengestaltung beeindruckt durch Tiefe und Differenziertheit, wie er etwa in der Schusterstube nach und nach zu seinem eigenen künstlerischen Stil findet, sich an die Ausgestaltung seines Meisterliedes herantastet, ist beispielhaft. Vogt baut die Preislied Bögen wunderbar auf, setzt an mit feinsten Piani und verfügt auch noch auf der Festwiese über genügend Kraftreserven, um als strahlender Sieger aus dem Wettbewerb hervorzugehen. Als besonderer Regieeinfall erhielt Wilhelm Schwinghammer als Nachtwächter Unterstützung: Der ehemalige Hornist Klaus Florian Vogt verschaffte Schwinghammer mit gekonnt geblasenem Nachtwächterhorn die nötige Aufmerksamkeit am Ende des 2. Aktes.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Eva und Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Eva und Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Als  Levi/Beckmesser lieferte Johannes Martin Kränzle eine grandiose Leistung. Diese komplexe Figur wird von Kränzle mit allen denkbaren Facetten ausgestattet, vielschichtig in der Darstellung des gedemütigten Juden, als auch in der Überheblichkeit seiner vermeintlichen Kunstausübung, aber nie karikierend. Eine tragische Gestalt, ein Außenseiter, der in seiner eigenen Regelwelt gefangen bleibt. Kränzle singt ihn mit seinem edlen, weichen Bariton subtil und facettenreich, höhensicher, mit präzisen Koloraturen im Ständchen.

Günther Groissböck gab dem Liszt/ Pogner sonore Noblesse und edle Größe und gestaltete seine Ansprache im 1. Akt mit balsamischer Tiefe, weichen Bögen und perfekter Textverständlichkeit. Seinen väterlichen Gefühlen gab er mit viel Sensibilität und lyrischer Empfindung Ausdruck. Der David von Daniel Behle war ein idealer Lehrbube. Sein beweglicher, tragfähiger und koloratursicherer Tenor umschiffte mühelos alle Klippen der Meisterweisen und strahlte in schwärmerischer Emphase als junger Liebhaber.

Emily Magee in den Rollen von Cosima/Eva zeigte sich einerseits exaltiert und charmant als auch kindlich-kapriziös und selbstbewusst. Sie wartete mit silbernen Spitzentönen auf, ließ im Duett mit Sachs im 2. Akt keine Zweifel an ihrem starken Willen, lediglich das dramatische Aufblühen ihrer  Ansprache an Sachs im 3. Akt geriet etwas blass. Als Magdalena mit viel Ausstrahlung beeindruckte Wiebke Lehmkuhl und entfaltete ihren voluminösen und tragfähigen Mezzo mit samtiger Tiefe und vorbildlicher Diktion. Wilhelm Schwinghammer sorgte als Nachtwächter mit baritonaler Durchschlagskraft und perfekter Textverständlichkeit für Ruhe und Ordnung.

Daniel Schmutzhard sang die Koloraturen der Tabulatur in seiner Rolle als Pogner bestechend klar und gab dem Meister Autorität und Profil, ebenso hervorragend in Spiel und Stimme die übrige Meisterriege: Tansel Akzeybek, Armin Kolarczyk, Paul Kaufmann, Christopher Kaplan, Stefan Heibach, Ralf Lukas, Andreas Hörl und Timo Riihonen.  Nicht zu vergessen Ruth-Alice Marino an der Beckmesser – Harfe sowie die quirligen und differenziert singenden Lehrbuben.

In den Meistersingern wird dem Chor eine gewichtige Rolle zugewiesen. Das Volk als Entscheidungsträger bei einem Wettbewerb vergibt sozusagen den Publikumspreis. Der einzigartige Klangkörper unter der Leitung von Eberhard Friedrich bewies wieder einmal, dass er zu den Spitzenchören weltweit zählt.

Der Dirigent Philipp Jordan setzte ganz auf Leichtigkeit und straffe Tempi. Das Vorspiel kam ohne Pathos aus mit fein musizierten Holzbläsersoli und samtenem Streicherklang. Es muss kein „Stahlbad in C-Dur“ werden, aber mehr Blechbläserbrillanz und Strahlkraft hätte man sich auf der Festwiese gewünscht, ebenso etwas mehr kontrapunktische Transparenz. Einige Zäsuren wurden stark ausgedehnt, was dem großen Bogen bisweilen abträglich war.

Eine großer, denkwürdiger Opernabend bei den Bayreuther Festspielen!  Der frenetische Schlussapplaus ließ das Festspielhaus erbeben, grenzenloser Jubel für die Protagonisten, Chor, Dirigent und Orchester.

Die Meistersinger von Nürnberg,  Bayreuth:  besprochene Vorstellung:  31.Juli 2019

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Schwerin, Mecklenburgisches Staatstheater, Spielplan September 2019

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Mecklenburgisches Staatstheater

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler


  Spielplan Musik mit Besetzung September 2019


08 So        Wieder im Spielplan Im weißen Rössl
Musiktheater Singspiel in drei Akten von Ralph Benatzky
Mit Audiodeskription
15:00 Uhr     Großes Haus
Mit Karen Leiber, Christina Ratzenböck, Erwin Belakowitsch, Christoph Reiche, Katrin Hübner, Roman Payer, Cornelius Lewenberg, Tina Landgraf, Andreas Auer, Itziar Lesaka, Simon Grundbacher, Kerstin Westphal, Joane Reimann, Anna Reinhard, Opernchor, Ballettensemble, Extra-Chor, Statisterie des Mecklenburgischen Staatstheaters, Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin


14 Sa        Wieder im Spielplan Der Rosenkavalier
Musiktheater Komödie für Musik in drei Aufzügen von Richard Strauss
18:00 Uhr  Großes Haus
Mit Karen Leiber, Andreas Hörl, Hanna Larissa Naujoks, Yoontaek Rhim, Nienke Otten, Ks. Petra Nadvornik, Chritsian Hees, Itziar Lesaka, Sebastian Kroggel, Paul Kroeger, Stefan Heibach, Katrin Hübner, Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin, Opernchor, Statisterie des Mecklenburgischen Staatstheaters


21 Sa        Im weißen Rössl
Musiktheater Singspiel in drei Akten von Ralph Benatzky
19:30 Uhr Großes Haus
Mit Karen Leiber, Christina Ratzenböck, Erwin Belakowitsch, Christoph Reiche, Katrin Hübner, Roman Payer, Cornelius Lewenberg, Tina Landgraf, Andreas Auer, Itziar Lesaka, Simon Grundbacher, Kerstin Westphal, Joane Reimann, Anna Reinhard, Opernchor, Ballettensemble, Extra-Chor, Statisterie des Mecklenburgischen Staatstheaters, Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin


23 Mo       1. Sinfoniekonzert – Grenzen überschreiten
Moderiertes Konzert Werke von Beethoven, Rachmaninov und Glass
18:00 Uhr  Großes Haus
Mit Tom Woods, Lauma Skride, Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin


24 Di         Einführung 45 Min. vor Beginn 1. Sinfoniekonzert – Grenzen überschreiten
Konzert Werke von Beethoven, Rachmaninov und Glass
19:30 Uhr Großes Haus
Mit Tom Woods, Lauma Skride, Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin


25 Mi        Im Schatten der Mauer – Jugendkonzert I
Konzert Philipp Glass: Sinfonie Nr. 4 „Heroes“
10:00 Uhr  Großes Haus
Mit Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin, Katrin Heinrich
Einführung 45 Min. vor Beginn
1. Sinfoniekonzert – Grenzen überschreiten
Konzert Werke von Beethoven, Rachmaninov und Glass
19:30 Uhr  Großes Haus
Mit Tom Woods, Lauma Skride, Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin


29 So        Der Rosenkavalier
Musiktheater Komödie für Musik in drei Aufzügen von Richard Strauss
18:00 Uhr  Großes Haus
Mit Karen Leiber, Andreas Hörl, Hanna Larissa Naujoks, Yoontaek Rhim, Nienke Otten, Ks. Petra Nadvornik, Chritsian Hees, Itziar Lesaka, Sebastian Kroggel, Paul Kroeger, Stefan Heibach, Katrin Hübner, Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin, Opernchor, Statisterie des Mecklenburgischen Staatstheaters


—| Pressemeldung Mecklenburgisches Staatstheater |—

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