Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Der Rosenkavalier – Richard Strauss, IOCO Kritik, 15.11.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Der Rosenkavalier – Richard Strauss

– Ein „Rosenkavalier-Sonderzug“ fuhr von Berlin nach Dresden –

von Ingrid Freiberg

Schon wenige Wochen nach der Uraufführung ihrer ersten gemeinsamen Oper Elektra  1909 in Dresden einigten sich das kongeniale Duo, der österreichische Schriftsteller Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss, darauf, eine neue Spieloper, die in der Zeit der ersten Regierungsjahre Maria Theresias um 1740 spielen sollte, zu schaffen, eine Komödie für Musik, eine Musizieroper. Es ist eine besondere Mischung aus Wehmut und Schmerz, aus Trauer und Heiterkeit, die Hofmannsthal in seinem Libretto lieferte und die Strauss in berückend schöner Weise Musik werden ließ. Sie schufen ein künstliches Rokoko-Wien mit ebenso überzeugenden wie erfundenen Bräuchen und Dialekten, das Strauss auf musikalischer Seite noch mit anachronistischen Walzern veredelte. Der Titel war bis kurz vor Drucklegung umstritten. Verschiedene Namen wurden vorgeschlagen, so sollte die Oper Ochs auf Lerchenau bzw. Silberne Rose lauten. Hofmannsthal schlug Rosenkavalier vor, was Strauss und sein Freund Harry Graf Kessler aber ablehnten. Weibliche Bekannte rieten aber von Ochs auf Lerchenau im Titel ab und plädierten ebenfalls für Rosenkavalier.

The Making of Rosenkavalier – Hessisches Staatstheater Wiesbaden
youtube Trailer des Hessischen Staatstheaters
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Den letzten Ausschlag gab Richard Strauss’ Ehefrau. Strauss kommentierte schließlich: Also Rosenkavalier, der Teufel hol ihn. Das Stück spiegelt auf subtile Weise die Befindlichkeiten einer Gesellschaft am Rande großer sozialer Umwälzungen wider. Heutzutage, wo sich die Brüchigkeit der sicher geglaubten Werte zeigt, gewinnt die Oper wieder an Brisanz. Die Uraufführung, unter dem Dirigat von Ernst von Schuch, in der Inszenierung von Max Reinhardt, Bühnen- und Kostümbildner Alfred Roller, war am 26. Januar 1911 im Königlichen Opernhaus Dresden ein Riesenerfolg. Es fuhr ein Rosenkavalier-Sonderzug von Berlin nach Dresden. Selbst Zigaretten erhielten den Namen Rosenkavalier.

Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau…

„Einer braucht den andern, nicht nur auf dieser Welt, sondern sozusagen auch im metaphysischen Sinn. (…) Sie gehören alle zueinander, und was das Beste ist, liegt zwischen ihnen: Es ist augenblicklich und ewig, und hier ist Raum für Musik“, schreibt Hofmannsthal im Ungeschriebenen Nachwort zum Rosenkavalier (1911). Und Strauss: „Es ist schwer, Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch. Loriot bringt es sehr vereinfacht auf den Punkt: Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst: Es zeigt Männer als solche von der dämlichsten Seite. Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau…“

Knisternde Erotik

In seiner der Ouvertüre hat Richard Strauss mit Hornstößen die Verführung eindeutig beschrieben. Da ist es nur folgerichtig, dass Regisseur Nicolaus Brieger der Partitur folgend bereits zu Anfang eine offene Bühne nutzt und damit einen ersten Höhepunkt setzt: Das leidenschaftliche Liebesspiel der Feldmarschallin mit ihrem jungen Liebhaber Octavian erfüllt das Theater mit knisternder Erotik… Alle tauchen fühlbar in die Musik ein. Nicola Beller-Carbone und Silvia Hauer sind auffallend spielfreudige Sängerinnen, die die hohen schauspielerischen Anforderungen, die Der Rosenkavalier erfordert, hinreißend  erfüllen. Wie überhaupt die Personenregie von Nicolaus Brieger voll überzeugen kann. Dazu gehört auch die verräterische Körpersprache von Octavian/Mariandl. Vortrefflich seine Deutung: Die Zeit… In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie…: Die Feldmarschallin schaut dabei wehmütig in einen Standspiegel, um sich schonungslos betrachten zu können. Zum Vergleich: Octavian, der stürmisch das Boudoir betritt, sich im Spiegel betrachtet und jugendlich unbeschwert um ihn herumtanzt. Entgegen des von Strauss vorgesehenen Auftritts des Sängers bei der morgendlichen Toilette der Marschallin tritt dieser schwerverletzt im Vorspiel zum 2. Akt auf. Videoprojektionen von Gérard Naziri zeigen im Hintergrund Kriegsszenen, schreckliche Kämpfe in Schützengräben, Detonationen, aber auch tanzende Paare zu hohl klingenden Walzern – eine Vorahnung auf den ersten Weltkrieg. Das gibt der Rolle des Sängers mehr Gewicht. Den von Hoffmannsthal vorgesehenen Mohr – hier nur als orientalischer Mohr mit Tablett in der Szene zu finden – wird durch den kleinwüchsigen Diener Mohammed Mick Morris Mehnert ausgetauscht. Faninal als neureichen nach Titeln strebenden Waffenhändler zu zeigen, der in einer hohen Halle seine Errungenschaften ungeniert mit einem sich drehenden goldenen Panzer demonstriert, der eine Bar in Form einer Weltkugel besitzt, die (wein)geistig seine Allmachtsfantasien anregt, ist durchaus schlüssig. Ein Kabinettstückchen, das Gezeter von Baron von Ochs, als ihn Octavian mit seinem Degen leicht an der Schulter verletzt. Mit Wiener Schmäh brilliert der lüsterne Baron, der in einer anrüchigen Spelunke im Rotlichtmilieu das reizende Mariandl alias Octavian verführen will. Ein Intrigantenpaar, sie Mutter von vier Knaben, angeblich ist Ochs der Vater – ein weiteres deutet sie mit Hilfe eines Kissens an, entlarvt, dass alles nur eine trügerische Farce ist, eine Wienerische Maskerad.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl  Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl Monika Forster

Bühnenraum und Kostüme lassen dem Verwirrspiel freien Lauf

Briegers Feinfühligkeit für die Charaktere der Figuren zieht sich durch das ganze Stück. Zu dieser wunderbar stimmigen Lesart passt auch die schnörkellose Einheitsbühne von Raimund Bauer, ein klassizistisch gestalteter Raum mit unterschiedlich hohen runden Plafonds. Das Boudoir ist bei niedriger Decke mit zarten weißen Vorhängen abgegrenzt, die das Geschehen dahinter erahnen lassen. Faninal residiert in einem hohen protzigen Industriellen-Palais, das seinen Reichtum repräsentiert. Das zwielichtige Etablissement im 3. Akt – mit Discokugel, Amüsierdamen, Séparées, kleinen Tischen mit Telefon, einer Damenkapelle und einem großen Bett, lassen dem Verwirrspiel freien Lauf. Es ist auch das Verdienst von Raimund Bauer, dass sich die Spielfreude des Ensembles voll entwickeln kann… Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer sind zeitloser dernier cri. Es ist eine Freude, die Ensemblemitglieder in den hervorragend geschnittenen Kostümen zu sehen, die die jeweilige Rolle prägnant hervorheben.

Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige!

Die Gesangspartien im Rosenkavalier zählen zu den lyrischsten und opulentesten aus der Feder von Richard Strauss. Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin ist darstellerisch überzeugend und selbstbewusst, mit einem Hauch von Witz und Raffinesse. Ihr Sopran, schlank, fast jugendlich, mündet in einen schmerzlich errungenen, letztlich aber souverän abgeklärten Verzicht, in ein Loslassen einer zu Ende gehenden Liebe: Die Demut in mir zu erwecken, muss ich mich demütigen…

Eine kluge Frau, ein junger Mann, ein noch jüngeres Mädchen und ein libidinöser Baron: Vier Menschen versuchen, sich bei schönster Musik und mit klügstem Text nahe zu kommen. Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige! Eine Idealbesetzung des Macho-Tölpel Ochs auf Lerchenau ist Karl-Heinz Lehner: ...innerlich ein Schmutzian, aber äußerlich präsentabel! Der waschechte Österreicher bringt nicht nur das unverwechselbare wienerische Idiom von Natur aus mit, sein voluminöser makelloser Bassbariton spricht auch in jeder Lage mühelos an. Darstellung und Phrasierung sind Schmankerl. Sein Walzerlied ist das lebendigste Stück in dieser Oper, ein ungezähmter Ausdruck barocker Lebenslust. Mit Karl-Heinz Lehner wäre der Operntitel Ochs auf Lerchenau gerechtfertigt…

Silvia Hauer begeistert als liebreizender Octavian, als perfekter Quin-Quin mit jugendlichem Übermut, vollmundig, sinnlich, auftrumpfend und gleichzeitig verletzlich, wo nötig auch deftig. Ihre Stimme blüht in der Höhe auf und hat dennoch das wunderbare Mezzo-Timbre, das für diese Rolle gefordert ist. Und die Verbindung mit Aleksandra Olczyk als Sophie bedeutet Glückseligkeit pur. Zunächst naiv, erwartungsvoll und von entzückender Erscheinung entwickelt sich Sophie zu einer heranwachsenden, selbstbewussten Frau, im Kampf gegen die eigene Ohnmacht in einer männerdominierten Welt und gegen ihren strengen, bevormundenden Vater. Sie berührt mit zarter Sopran-Leuchtkraft. Von bezaubernder Schönheit ist das Terzett Hab mir’s gelobt am Ende des 3. Aktes mit Nicola Beller-Carbone, Silvia Hauer und Aleksandra Olczyk. Das ist Musik zum Wegträumen. Hier bietet die Partitur noch einmal den ganzen orchestralen Klangfarbenreichtum auf, schier hemmungsloses Schwelgen, zeigt aber auch tiefe Brüche.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier :   Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier :   Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl – Monika Forster

Wenn der Aufsteiger Faninal dem ungehobelten Baron unterwürfig entgegentritt, sagt das einiges über seinen Charakter aus: Schmeichelei und klare ökonomische Berechnung. Thomas de Vries setzt mit eloquenter Deklamation, differenziert, ausgereift, mit den beredten Schattierungen seines Baritons den neureichen Schnösel perfekt um; imponierend, seine reichen stimmlichen Mittel in umgekehrtem Verhältnis zur Erfüllung seiner väterlichen Fürsorgepflicht… eine Idealbesetzung.

Sharon Kempton beweist als Jungfer Marianne Leitmetzerin, dass sie alles in der Welt ist, nur keine Jungfer. Schrill und witzig, manchmal auch nachdenklich, macht sie aus dieser Rolle mit frischem, brillierendem Sopran und lustvollem Spiel eine feine Charakterstudie. Herauszuheben aus dem durchweg ausgezeichneten Ensemble sind die köstlich kokettierende Fleuranne Brockway (Annina) und der groteske Rouwen Huther (Valzacchi) als virtuoses italienisches Intrigantenpaar. Benjamin Russell (Ein Polizeikommissar / Ein Notar) hat nicht nur einen wohlklingenden Bariton mit kompromissloser Diktion, seine Stimme agiert auch mit beredten Schattierungen. Ralf Rachbauer ist mit eleganter Haltung und herrlich tenoreskem Schmelz sowohl Haushofmeister der Feldmarschallin als auch Haushofmeister bei Faninal. Wieder einmal gewinnt Erik Briegel durch Überzeichnung einer Figur. Als umtriebiger transsexueller Wirt in einem Paillettenkleid und High Heels muss er aber letztendlich erkennen, dass die Gesellschaft den Boden unter den Füßen verloren hat. Ioan Hotea (Ein Sänger) bringt die italienisierende Tenorarie Di rigori armato il seno  – kriegsversehrt und aus der Zeit geworfen – mit Schmelz und strahlender Höhe. Sonderlob gebührt dem Chor und den Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von denen jede Sängerin und jeder Sänger eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Mit frecher Spiellaune agieren die Sänger des Wiesbadener Knabenchors unter Leitung von Roman B. Twardy. Die Statisterie des Hessischen Staatstheaters spielt an diesem Abend nicht nur die sprichwörtliche Nebenrolle. Ohne ihr buntes Treiben würde der Oper Wichtiges fehlen. Eine gute Wahl ist die Besetzung der Rolle des Leopold mit dem Schauspieler Lukas Schrenk – mit kleinen Gesten erzielt er maximale Wirkung.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : vl  Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier : vl  Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl – Monika Forster

Generalmusikdirektor Patrick Lange, der seinen Vertrag bis zum Ende der Saison 2022/23 verlängert hat, verwendet das Notenmaterial von 1911. An „seinem“ Pult stand 1926 Richard Strauss und leitete ebenfalls den Rosenkavalier. Sicherlich eine große Inspiration für Lange: Selten klang das Hessische Staatsorchester Wiesbaden so wohldosiert in blindem Einverständnis mit den SängerInnen. Da blüht die herrliche Musik richtig auf. Der Frühling ist da – im Aufbrausen der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Sophie und Octavian, auch der Spätsommer und Herbst in den melancholischen Reflexionen der Feldmarschallin. Langes Stärke liegt in den präzisen Einsätzen der Solisten – hervorzuheben sind die Holzbläser!  Er hält das Orchester mühelos zusammen und erzeugt gerade in den symphonischen Segmenten den charakteristischen Strauss-Klang volltönend, alles Lyrische und Dramatische wird herausgeholt.

Alle Beteiligten werden bejubelt! Es gibt Standing Ovations!

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Premiere Der Rosenkavalier, 10.11.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

»Der Rosenkavalier«
von Richard Strauss (1864 – 1949)

Komödie für Musik in drei Aufzügen In deutscher Sprache. Mit Übertiteln.
Libretto: Hugo von Hofmannsthal
Uraufführung: 1911 in Dresden

Premiere ist am Sonntag, den 10. November 2019 um 18 Uhr im Großen Haus
Die beiden nächsten Vorstellungstermine:
14. November um 19 Uhr & 17. November 2019 um 16 Uhr

»Der Rosenkavalier« ist nach »Elektra« die zweite Zusammenarbeit des kongenialen Autorenduos Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. In Wiesbaden wird das Stück unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange und in einer Neuinszenierung von Nicolas Brieger zu erleben sein.

1911 entstanden, spiegelt das Stück in subtiler Weise die Befindlichkeiten einer Gesellschaft am Rande großer sozialer Umwälzungen wider. Heute, da die Brüchigkeit und Wandelbarkeit unserer sichergeglaubten Werte allgegenwärtig erscheint, gewinnt diese zeitlose Komödie für Musik an neuer Brisanz.

Mit Karl-Heinz Lehner übernimmt ein waschechter Österreicher die Rolle des Baron Ochs auf Lerchenau, der ein unverwechselbares wienerisches Idiom mit auf die Bühne bringt. In weiteren Partien singen Nicola Beller Carbone als die Feldmarschallin, Silvia Hauer als Octavian sowie Aleksandra Olzcyk als Sophie.

Musikalische Leitung GMD Patrick Lange Inszenierung Nicolas Brieger Bühne Raimund Bauer Kostüme Andrea Schmidt-Futterer Licht Andreas Frank Video Gérard Naziri Chor Albert Horne Knabenchor Roman B. Twardy Dramaturgie Daniel C. Schindler

Die Feldmarschallin Nicola Beller Carbone Der Baron Ochs auf Lerchenau Karl-Heinz Lehner Octavian Silvia Hauer Herr von Faninal Thomas de Vries Sophie Aleksandra Olczyk Jungfer Marianne Leitmetzerin Sharon Kempton Valzacchi Rouwen Huther Annina Fleuranne Brockway Ein Polizeikommissar / Ein Notar Benjamin Russell Der Haushofmeister der Marschallin / Der Haushofmeister bei Faninal Ralf Rachbauer

Ein Wirt Erik Biegel Ein Sänger Ioan Hotea Mohammed Mick Morris Mehnert Leopold Lukas Schrenk

Wiesbadener Knabenchor, Chor & Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Rigoletto – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 23.01.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Rigoletto – Giuseppe VERDI

„Der Fluch“ wird „Rigoletto“ – Rigoletto wird ein Welterfolg

von Ingrid Freiberg

Der Uraufführung von Rigoletto, der legendären trilogia popolare 1851 am Teatro La Fenice ging ein penibles Ringen mit der Zensur voraus; war doch Victor Hugos Vorlage Le Roi s’amuse (Der König amüsiert sich) über den zynischen Hedonismus eines Aristokraten ein heißes Eisen. Als sich Giuseppe Verdi, der Komponist des italienischen Risorgimento, anschickte, das Theaterstück zu vertonen, stieß er noch knapp 20 Jahre später auf den Widerstand der Zensurbehörden. Er musste sein Melodramma von La maledizione (Der Fluch) in Rigoletto umtaufen und den Schauplatz an den Hof eines fiktiven Herzogs von Mantua verlegen. Giuseppe Verdi zeichnet in Rigoletto eine groteske Welt, ein menschenverachtendes System. Sein Werk zeigt, was das Gefühl der Rache mit Menschen machen kann, was es heißt, aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Ioan Hotea als Herzog von Matua, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Ioan Hotea als Herzog von Matua, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Ensemble © Karl Monika Forster

Mit Francesco Maria Piave hatte er einen Librettisten, der unter seiner strengen Anleitung das Drama in einen wirkungsvollen Operntext verknappen konnte. Verdi bezeichnete seine 16. Oper als seine beste, war aber enttäuscht über deren Erfolg, weil er befürchtete, das Publikum erkenne sein tiefes Anliegen nicht. Der Anekdote nach hatte Verdi die Arie La donna è mobile vor der Premiere am 11. März 1851 längst fertig, doch die Noten zu dem Erfolgsstück gab er erst kurz vorher heraus, weil er Angst hatte, dass die Melodie bereits nach den Proben ihre Runden durch die Stadt machen würde und man vermuten könnte, er habe sie auf den Gassen aufgeschnappt.

Die Musik bewegt sich durch eine orgiastische Party mit schicksalhaften Beziehungen zwischen dem Herzog, seinen Höflingen, Rigoletto und Monterone. Schnell und virtuos wird über den Hof berichtet. Zur zynischen Chiffre des Scheiterns wird ausrechnet der Tenorschlager La donna è mobile. In Verdis Werk bedingen sich Triviales wie Groteskes und hohes Pathos gegenseitig. Die Kontraste aus greller Bandamusik und expressiven Kantilenen formen ein kompromissloses Meisterwerk.

Rigoletto – Opfer und Täter

Für die drei fast ebenbürtigen Rollen Vater, Tochter und Liebhaber komponierte Verdi ein Familiendrama, wie er es nie zuvor schrieb. Die tragische Figur des deformierten Hofnarren, der alle Register des Sarkasmus zieht, stellte er dabei in den Brennpunkt. Rigoletto ist ein intelligenter, scharfsinniger Mann mit Sinn für Sarkasmus und Späße, der ihn zum Hofnarren macht. Sein Humor ist grob. Er ist zynisch und bösartig und dabei nicht minder skrupellos als sein absolutistischer Herrscher. Aber er glaubt, wenn er seine frevlerische Narretei säuberlich von seinem privaten Glück trennt, kann er es bewahren. In dieser wahnwitzigen Welt hat er große Angst um seine Tochter, sperrt sie ein, lässt sie bewachen.

Als er von der Liaison seiner Tochter mit dem Herzog erfährt, verliert er den Boden unter den Füßen. Der Narr sieht sein Heiligstes geschändet, schwört Rache und engagiert Sparafucile als Auftragsmörder, um seinen Herrn zu ermorden. Cello und Kontrabass singen dazu eine böse Melodie. Hier zeigen sich die pathologischen Charakterzüge von Rigoletto. Er ist fähig, jemanden töten zu lassen, und ist beides, Opfer und Täter. Vladislav Sulimsky gelingt es eindrucksvoll, die seelischen Abgründe der Figur darzustellen.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Vladislav Sulimsky als Rigoletto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Vladislav Sulimsky als Rigoletto © Karl Monika Forster

Macht, Geld, Sex oder eine romantische Liebe?

Der Herzog, ein Charmeur und ein Naturtalent im Lügen, trifft despotische Entscheidungen, schart einen Hofstaat von Günstlingen um sich und nimmt sich alle Frauen, die er begehrt. Als bipolarer Charakter wechselt er blitzartig von schwarz auf weiß, kehrt hervor, was der jeweiligen Frau gefällt: Macht, Geld, Sex oder eine romantische Liebe. Für Gilda ist er ein armer Student und entspricht damit den Sehnsüchten der jungen Frau. Unvergleichlich beschreibt Verdi seinen zerstörerischen, manipulativen Charakter und gibt ihm gleichzeitig diese verführerische Musik. Fraglos ein faszinierendes Paradoxon.

Gilda, die Tochter Rigolettos, ist ein unschuldiges Mädchen aus der Vorstadt, auf das der Herzog ein Auge geworfen hat. Ihr Vater behütet sie wie seinen Augapfel. Er schließt sie ein, nur zum Kirchgang darf sie das Haus verlassen. Giovanna, ihre Gesellschafterin, muss sie immer begleiten. Und so wie Gilda aufgewächst – sie erfährt weder den Namen ihrer Mutter noch den ihres Vaters – ist sie empfänglich für die Liebesschwüre des Herzogs. Selbst als Rigoletto seiner Tochter zeigt, dass ihr Verführer sie mit der Hure Maddalena betrügt, ist sie noch voller Liebe. Als Mann verkleidet begeht sie in ihrer Ausweglosigkeit einen „Suicide by Proxy“. Nach ihrer Entehrung sieht sie keine Lebenschance mehr, und die damalige Moral verbietet es ihr, ihr ruiniertes Leben selbst zu beenden. Ohne selbst Hand an sich legen zu müssen, rettet sie damit aufopferungsvoll ihre einzige Liebe. Über Nacht wächst sie zu einem Charakter zwischen Heroismus und Liebe heran.

Leidenschaft und Partiturfreude

Dirigent Will Humburg, Spezialist für italienische Opern des 19. Jahrhunderts, bietet mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden einen Rigoletto in allerschönster Prachtentfaltung. Lyrik und Dramatik setzt er kontrastreich voneinander ab. Er ist ein einfühlsamer Begleiter des großartigen Sängerensembles. Seine Leidenschaft und Partiturfreude sind mitreißend. Alles ist da, dynamische Abstufungen, Feinheiten der Phrasierung und nicht zuletzt die rasanten Tempi. Das hervorragende, klangrednerisch geschärfte Orchester ist voller Intensität, durchsetzt von grellen dramatischen Akzenten und fabelhaft gestalteter Klangdramaturgie.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Ioan Hotea als Herzog von Mantua, Silvia Hauer als Maddalena, Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Ioan Hotea als Herzog von Mantua, Silvia Hauer als Maddalena, Ensemble © Karl Monika Forster

Zwielichtig und spannend

Meistens ist in der Oper gerade das Widersprüchlichste am spannendsten, das Unerklärbare und Unwahrscheinliche. Verdi ist darin ein unerreichter Meister. Der Intendant Uwe Eric Laufenberg entschied sich für eine zeitlose, teils burleske Deutung. Zum Farbenreichtum seiner Inszenierung gehört eine Clownspuppe, mit der nicht nur Rigoletto hantiert, sondern auch die Höflinge, die im 2. Akt voyeuristisch vor einem verschlossenen Vorhang sitzen, hinter dem der Herzog Gilda Gewalt antut. Als sie sich nach einer Weile unbefriedigt umdrehen, scheint es, jeder von ihnen säße auf den Schultern eines Clowns, der sie ekstatisch herumwirbelt und die Geilheit der Lüstlinge noch anstachelt. Der Sog des 3. Akts ins Dunkel mit vorübergehendem Zwielicht ist spannend. Der Sturm ist weniger ein Unwetter, sondern etwas, dass die Charaktere durchschüttelt. Die unsichtbaren Chöre steigern noch die Intensität des Geschehens. Gilda wird von Sparafucile nicht gleich gemeuchelt, sie bettelt förmlich um ihren Tod – an einem Laternenmast, ihre Arme ausgebreitet – was an ein Kreuzigungsmotiv erinnert. Nach ihrer Ermordung, in einer Mülltonne entsorgt und kurz vor dem düsteren Fazit Rigolettos, entschwindet sie in ein helles Licht – in den Himmel? Eine überzeugende Inszenierung.

In einem szenisch stimmigen Bühnenbild mit optisch reizvollen Wechseln gelingen Gisbert Jäkel ausdrucksstarke Bilder: Koitusstellungen anstatt Ziffern auf der Palastuhr, die Zeiger bewegen sich nicht… Treibt der Herzog hier zeitlich unbegrenzt Unzucht? Die offenen Fenster von Rigolettos Haus zeigen in Gildas Zimmer eine Tapete mit Vögeln auf Blütenzweigen. Lebt Gilda in einem goldenen (Vogel)Käfig? Ein abschließbares eisernes Scherentor unterstreicht den Käfigcharakter noch. Geschickt die Bühnentechnik nutzend steht ein Wohnwagen in einer verwahrlosten Palastruine, in dem Sparafucile und Maddalena am Rande von Mantua hausen, und wo sich junge Frauen prostituieren. Mit beeindruckenden Lichteffekten beschreibt Andreas Frank das nächtliche Geschehen: Dramatisches Unwetter, Blitze und drohend schwarzer Himmel. Verdi probte das einhundertfünfzigmal mit schaurigen Chorvokalisten im Hintergrund, die das Heulen des Sturms und das Unheilvolle des Geschehens ausdrückten.

Andrea Schmidt-Futterer unterstreicht mit ihren Kostümen die Inszenierung von Eric Uwe Laufenberg: Rigoletto trägt einen unauffälligen schwarzen Mantel, hat keinen Buckel. Seine Deformation ist nicht physischer, sondern psychischer Natur. Kammerkätzchen in schwarzem Lackleder – hübsche Statistinnen – stellen sich in teils akrobatischen Stellungen zur Lustbefriedigung der Höflinge bereit. Die durch die Nacht schlendernden Huren tragen transparente Regenmäntel, die ihre wohlfeilen Körper zeigen. Auffallend, und zweifelsohne schwierig zu kreieren, die Clownskostüme der Günstlinge. Andrea Schmidt-Futterer kann bei dieser Produktion aus dem Vollen schöpfen, da alle Figuren auch optisch ihrer Rolle entsprechen können: Gilda unschuldig, Maddalena sexy und Sparafucile Ghost Dog…

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Cristina Pasaroiu als Gilda © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Cristina Pasaroiu als Gilda © Karl Monika Forster

Hochkarätig besetzte Aufführung

Vladislav Sulimsky, mittlerweile an allen großen internationalen Opernhäusern zu hören, ist ein umwerfender Rigoletto mit tiefem Bariton und ausdrucksstarker Phrasierung. Er begeistert mit Nuancenreichtum und leidenschaftlicher Hingabe, glänzt mit wütenden Ausbrüchen und verzweifelten Klagen – dramatisch fesselnd. Mit seinem expressiven Wohllaut ist er als zynischer Narr genauso glaubhaft wie als mitfühlender Vater und tief gedemütigtes Opfer.

Beeindruckend auch der Operalia-Gewinner Ioan Hotea als Herzog von Mantua mit seiner auf Hochglanz polierten Stimme. Souverän die zärtlich-intimen Töne im Duett mit Gilda und die Arie Ella mi fu rapita!… Parmi veder le lagrime. Im Machogestus mühelos agierend brilliert er mit lockerer, farbenreicher Höhe und feinfühliger Phrasierung.

Eine hinreißende Gilda gibt Cristina Pasaroiu. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und eine silbrig timbrierte Stimme mit müheloser Höhe und scharf gestochenen Koloraturen. Sie findet wunderschöne Farben der Sehnsucht. Die schwierigen Höhen und die filigranen Raffinessen in den drei Duetten mit dem besitzergreifenden Vater meistert sie mit Bravour. Eine stimmlich wie darstellerisch gleichermaßen beglückende Leistung.

Young Doo Park überzeugt als Sparafucile. Er gibt der Partie beeindruckende Intensität. Die optische Anlehnung an Ghost Dog, ein mysteriöser Auftragsmörder im gleichnamigen Film, unterstreicht seine Rolle: Er differenziert darstellerisch wie stimmlich und besticht in der Rolle des gewissenlosen Mörders durch seine Unverfrorenheit. Bei ihm finden die Figuren ihre Ruhe, und sei es die letzte.

Erregend Silvia Hauer als verführerische Maddalena, die nicht nur mit ihrem warmen Mezzosopran, sondern auch als liebende Frau mitreißt. Die attraktive Verführerin begegnet dem Herzog auf Augenhöhe. Mit ihrer prachtvollen Stimme verzaubert sie das Publikum. Über allem steht der Fluch Ah, la maledizione... des Grafen von Monterone, gewaltig und eindrucksvoll Kammersänger Thomas de Vries. Zur Vollendung dieses Opernabends – mit Suchtcharakter – tragen Daniel Carison als Marullo, Erik Biegel als Borsa, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Isolde Ehinger als Gräfin Ceprano, Elisabeth Bert als Giovanna, Aldomir Mollov als Gerichtsdiener und Izumi Shibata als  Page des Herzogs bei. Ein besonders großes Lob verdient der stimmkräftige perfide Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, der von Albert Horne meisterhaft einstudiert ist: Povero Rigoletto! Er hat erheblichen Anteil am Gelingen des Abends.

Diesen Abend wird man in Erinnerung behalten. Für Sänger und Orchester gibt es stürmischen Beifall und Bravi.

Die bezaubernde Cristina Pasaroiu stürzte am Ende des 2. Aktes. Trotz verletztem Fuß begeisterte sie bis zum großen Ende. Wir wünschen Ihr gute Besserung!

Rigoletto am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die folgenden Vorstellungen 23.1.; 26.1.; 1.2.; 6.2.; 9.2.; 17.2.2019;  Zu den Internationalen Maifestspielen am 31.5.2019

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart, IOCO Kritik, 22.06.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 DON GIOVANNI  – Wolfgang Amadeus Mozart

– Scheitern – Als Frucht unbeugsamer Uneinsichtigkeit – 

Von Ingrid Freiberg

Der Prager Impresario Pasquale Bondini beauftragte Mozart, für einhundert Dukaten eine Oper zu schreiben: Don Giovanni, Libretto Lorenzo da Ponte, wurde 1787 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Premiere war ein großer Erfolg und mit dem lautesten Beyfall bedacht (Originalzitat Mozart!). Anders dagegen in Wien, wo die Oper ein halbes Jahr später, im kaiserlich-königlichen National-Hof-Theater Premiere hatte: Sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum wurde der Stoff als vulgär, abstrus und moralisch anrüchig empfunden.

Vor 230 Jahren – Don Giovanni –  Für einhundert Dukaten

Mozart ergründet in seiner Musik hinter der Ebene sexueller Anmache komplexe menschliche Abgründe. Es geht brutal zu, zärtlich, gemein und mitleidvoll. Don Giovanni wurde zum Urbild des skrupellosen Verführers, furchtlosen Atheisten und rebellischen Anarchisten. Rauschhafte Ekstase und seelische Abgründe fließen hier kongenial zusammen. 230 Jahre nach der Premiere ist Don Giovanni eines der großen Werke abendländischer Musikkultur.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni © Karl Monika Forster

Der Regisseur Nicolas Brieger entscheidet sich weder für die Prager- noch für die Wiener-Fassung. Über „seinen“ Don Giovanni sagt er provokativ: Die Aufführung kommt einer Uraufführung gleich. So erklingt die für Wien nachkomponierte Arie des Don Ottavio Dalla sua pace nicht an der üblichen Stelle im ersten Akt, sondern schlüssig als Ottavios Reaktion auf die Zurückweisung durch die Verlobte Donna Anna. Das Regiekonzept betont den Konflikt zwischen Don Giovanni und dem Alter. Brieger entschied sich für eine mahnende Dauerpräsenz des Komturs, den Don Giovanni bereits zu Beginn in einem Handgemenge erschießt.

Don Giovanni – das ist kein Name, das ist ein Bekenntnis! Das Bekenntnis zu totaler Leidenschaft, Sinnlichkeit und Begehren. Er selbst empfindet nichts, setzt aber durch seine Verführungskünste in den Frauen zarte Gefühle frei. Egomanisch lustvoll bricht er Herzen und entehrt Ehemänner und Väter. Don Giovanni verführt, benutzt?  die Frauen. Nicht eine, zwei oder drei, sondern einfach alle Frauen. Er lebt vollkommen frei, ohne Moral, ohne Skrupel und ohne Gesetze, von einem Abenteuer zum nächsten. Nach der Eroberung ist vor der Eroberung. Die Anzahl der betrogenen Frauen zeigt sein Diener Leporello in Form von Tattoos, die er sich jedes Mal schmerzhaft stechen lässt, wenn Don Giovanni wieder ein Opfer gefunden hat. 1003 Spanierinnen stehen auf seinem Gemächt. Leporello trägt im wahrsten Sinne seine Haut für seinen Herrn zu Markte. Schmerzhaft sicherlich auch, wenn Don Giovanni ihm heißen Kaffee überschüttet.

Zerlina und Dügen Masetto – Hochzeit mit Migrationshintergrund

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Katharina Konradi als Zerlina und Benjamin Russell als Masetto und Ensemble Foto Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Katharina Konradi als Zerlina und Benjamin Russell als Masetto und Ensemble Foto Karl Monika Forster

Don Giovanni macht der verschämten türkisch anmutenden, kopftuchtragenden, Braut Zerlina den Hof. Doch bald wandelt sich Zerlina in eine laszive Verführerin, die ihm einen flüchtigen Kuss gibt… Kokett weist sie den aufgeweckt agierenden Masetto zurück, seine Eifersucht ist ihr sichtlich zuwider. Zerlina korrumpiert leichtfertig sein Ehrgefühl, seine kulturelle Herkunft. Sie ist kein Lamm, das devot seine Schläge erwartet, sie ist eine selbstbewusste junge Frau, die sich nichts vormachen lässt. Der vorgegebene Migrationshintergrund verwundert deshalb ein wenig.

Don Giovanni  – In elegantem Reifrock

Don Giovanni legt zum Fest seinen langen schwarzen Mantel ab, der an die Staubmäntel der zwielichtigen Revolvermänner im Spiel mir das Lied vom Tod, das auch kurz zitiert wird, erinnert. Als fürstlicher Gastgeber empfängt er die bäuerliche Hochzeitsgesellschaft mit großer Grandezza in der Andeutung eines Reifrocks (Verdugado = Tugendwächter). Der Ausschnitt am feminin geschnittenen Oberteil zeigt seine muskulöse Männerbrust. Mit dieser Attitüde sprengt dieser Don Giovanni die Regeln der Gesellschaft. Es ist gut nachvollziehbar, dass sein androgyner Reiz die Frauen betört…

Leporello fällt in die strafenden Hände von Zerlina. Sie fesselt ihn, den sie für Don Giovanni hält, mit den roten Bändern ihres Hochzeitskleides nackt ans (Fenster-)Kreuz und stülpt ihm ihren Slip über den Kopf. Sadistisch foltert sie ihn mit einem Skalpell zwischen seinen Beinen. Atemlos befürchtet man seine Kastration… Erst nachdem er glaubhaft versichern kann, Leporello zu sein, schneidet sie ihn wieder ab.

  Frauen zerren Don Giovanni ins Pflegeheim

Don Giovanni ist in Wiesbaden nicht allein Wüstling. Es ist auch seine Geschichte von totaler Konsequenz: Von Unbeugsamkeit, Uneinsichtigkeit bis zum Scheitern, bis zum eigenen Untergang. Nach der Ermordung des Komtur verfällt der „Triebtäter“ Don Giovanni beständig. Der „wiedererstandene“ Komtur verlangt Reue, welche Don Giovanni verweigert. Junge attraktive Frauen, zu Beginn in einem Fitnessstudio geradezu teuflisch gezeigt, zerren ihn in ein Pflegeheim zu alten siechen Männern. Beklemmende Bilder, die das letzte Tabu, die Begegnung mit Alter und Tod, berühren und vermitteln: „ Das Alter ist die Hölle…“

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni am Ende © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni am Ende © Karl Monika Forster

Der Dirigent Konrad Junghänel, Spezialist für historische Aufführungspraxis, präsentiert sich in geschliffener energiegeladener Bestform. Das Orchester spricht eine lebendige, aussagekräftige Sprache. Es entstehen ungewohnte Effekte, auch wenn Mozarts Requiem und Spiel mir das Lied vom Tod anklingt. Wunderbar akzentuiert lässt er höllisch aufdrehend in Abgründe blicken. Auf einem historischen Hammerflügel kommentiert Tim Hawken vortrefflich, bisweilen auch ironisierend, die Rezitative. Einzelne Effekte werden präzise herausgearbeitet, um Worte und Musik zu bereichern: Den Akteuren gelingt es, wie sehr gute Schauspieler ihren Text zu sprechen. Der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden  unter der Leitung von Albert Horne ist auffällig präsent: darstellerisch und mit guter Diktion stimmlisch auf hohem Niveau. Der große Beifall ist hochverdient.

Ideenreich, mit hintergründigem Humor und erotisch saftigen Anspielungen gelingt es Nicolas Brieger das heitere Drama schlüssig zu erzählen. Mit großer Eindringlichkeit und moderner Erzählweise ist ihm eine neue überzeugende Fassung gelungen. Das feine Spiel mit Traum und Wahrheit wird durch Briegers Personenführung vortrefflich unterstützt. Den schauspielernden Sängern zu folgen, ist ein großes Vergnügen. Die vereinzelten Buh-Rufe für seine Regie können die Wirkung des glanzvollen Abends nicht entzaubern.

Die klassischen Handlungsplätze der Oper, dunkle Nacht, einsame Straße und lichtloser Friedhof, werden durch das Bühnenbild von Raimund Bauer ad acta geführt. Die Bühne ist hell ausgeleuchtet, in unterschiedlichen Gelbtönen gehalten – alles ist zu sehen. Schweflig-giftig, zitrusgelb, frühlingshaft grün-changierend erhellt sind Treppen, Bänke, Kammern und allerlei andere Räumlichkeiten zu sehen. Das nicht zu definierende Gebäude erlaubt auf zwei Ebenen rasche handlungsdienliche Wechsel.

Die prächtigen Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer von Barock bis Popart unterstreichen gekonnt die ideale Besetzung. Nur sehr selten ist die Wirkung jeder einzelnen Figur so eindeutig betont.

Das Ensemble lässt Herzen höherschlagen

Christopher Bolduc spielt nicht, er ist Don Giovanni! Facettenreich gibt er den durchtriebenen Draufgänger, der ständig neue Liebesabenteuer sucht, hat Kraft und Chuzpe und verleiht der Verzweiflung des Nimmersatten Gestalt. Er ist ein intellektueller Edelmann, der seine nicht nur weibliche Umwelt berechnend manipuliert. Sein jugendlich-klangschöner Bariton, mal samtig-weich, mal bedrohlich, überzeugt.

Längst hat sich Netta Or international als Spezialistin für dramatische Koloraturrollen etabliert. Leuchtend singt sie die Donna Anna mit glänzender Klarheit bis in die höchste Tonlage. Ihr vibrato-reduzierter inniger Sopran offenbart mit wohldosierter Noblesse die Zerrissenheit zwischen der überstarken Beziehung zu ihrem Vater und der Ambivalenz zu ihrem Geliebten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni -hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni -hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Ioan Hotea Don Ottavio präsentiert mit auf Hochglanz polierter Belcantostimme seine beiden Tenorarien Dalla sua pace und Il mio tesoro mit silberner Glätte, lässt aber auch seine Seelenqualen deutlich werden.

Völlig unangestrengt überzeugt Young Doo Park als profunder Komtur. Unerbittlich ist er ein stets präsenter mahnender Inbegriff von Sitte und Gerechtigkeit. Die kapriziöse Heather Engebretson ist eine intensive und stimmlich über jeden Zweifel erhabene Donna Elvira. Was an Stimme, selbst an Bruststimme, aus diesem zierlichen Körper heraustritt, ist von umwerfender Wirkung. Ihr makelloser Sopran und ihre mitreißende Körpersprache passen bestens zu der facettenreichen Partie der Rächerin.

Der Leporello des substanzreichen Bassbaritons Shavleg Armasi glänzt mit Spielfreude, agilem Ton und dunkelsamtiger Fülle. Sehr souverän beherrscht er mit stimmlicher Natürlichkeit das Bühnengeschehen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Benjamin Russell ist ein ungewöhnlich eleganter Masetto. Mit seinem früh vollendeten Bariton leistet er mit seiner kraftvollen, agilen und farbreichen Stimme Erstaunliches. Weg vom üblichen Rollenverständnis ist er differenziert, ausgereift und nuanciert.

Katharina Konradi spielt Zerlina frech und selbstbewusst. Mit charmanter Naivität und erotischer Ausstrahlung ist sie eine ideale Besetzung: Entzückend keusch und verlockend sexy. Ihr jugendlich strahlender Sopran schlägt jeden optischen Reiz. Mühelos erreicht sie jubilierende Höhen. Anrührend verzaubert sie mit lustvollem Spiel das Publikum.

 Und der Beifall wuchs zu Stürmen

Ein spannend dichter, glanzvoller Abend! Musikalisch ruft die Aufführung zu Recht große Begeisterung hervor. Der erhöhte Orchestergraben zeigt die großartigen Musiker. Das Publikum spendet minutenlangen stürmischen Applaus.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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