Münster, NRW-Theatertreffen – „Vorsicht, zerbrechlich“, IOCO Aktuell, 07.06.2019

Juni 7, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

NRW-Theatertreffen –  Auf der Suche nach sich selbst

Halbzeit beim NRW-Theatertreffen in Münster

von Hanns Butterhof

Seit dem 30. Mai 2019 zeigt das NRW-Theatertreffen in Münster 10 für die Qualität der Theaterlandschaft repräsentative Produktionen unter dem Titel Vorsicht, zerbrechlich. Am Ende des Treffens am 8. Juni 2019 wird die Jury das beste Stück küren. Das Theater Münster ist Gastgeber des Theatertreffens.

 NRW THEATERTREFFEN 2019 in Münster © Theater Münster

NRW THEATERTREFFEN 2019 in Münster  © Theater Münster

Es fällt auf, dass die Jury nur das Stück einer einzigen Autorin eingeladen hat. Und auch dies ist noch mit dem Stück eines Mannes verschnitten: Elfriede Jelineks Am Königsweg wird in der Fassung des Mülheimer Theaters an der Ruhr mit Alfred Jarrys König Ubu zusammen gezeigt. Die übrigen Stücke stammen von Männern. Nur ein deutscher Gegenwartsautor, Thomas Melle, ist mit Bilder von uns dabei, 4 der 10 Stücke sind Romanadaptionen.

Theater Münster / Der Theatermacher - hier : Andreas Beck als Bruscon © Birgit Hupfeld

Theater Münster / Der Theatermacher – hier : Andreas Beck als Bruscon © Birgit Hupfeld

Zur Halbzeit zeigt sich als deutliche Tendenz, dass das Motto Vorsicht, zerbrechlich weniger politisch auf den Zustand unserer Demokratie als auf das Theater selbst bezogen ist. Schon das Eröffnungsstück vom Schauspiel Dortmund, Thomas Bernhards Der Theatermacher,(Foto) fragt vielfach nach seiner Wirkung. Die fesselnde Darbietung des von Kay Voges inszenierten Stücks mit einem beeindruckenden Andreas Beck als Theaterberserker Bruscon setzt mit einer Komödienfassung ein zweites Mal an. Die mündet mit zunehmendem Sinnverlust in eine Musical-Variante und endet schließlich in einer fulminanten Punk-Auskotzung à là Femen, in der die missbrauchte Tochter Bruscons eine grelle Stimme bekommt.

Die vom Theater Bielefeld in der Regie von Alice Buddeberg gezeigte Adaption des Romans Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis schildert den Versuch eines vergewaltigten Homosexuellen, mit diesem Erlebnis fertig zu werden. Die Regie spaltet im Bemühen, keine Vorurteile zu bedienen, die Figuren auf: Täter, Opfer und weitere Beteiligte tauschen die Rollen, Reflexion und Dringlichkeit der Thematik stellen sich quer zum Mitfühlen.

Ähnlich löst Philipp Preuss bei dem Zusammenschnitt von Elfride Jelineks Am Königsweg mit Alfred Jarrys König Ubu den Zusammenhang von Szene und Text Langeweile erzeugend auf.

Theater Münster / Extrem laut und unglaublich nah © Martin Büttner

Theater Münster / Extrem laut und unglaublich nah © Martin Büttner

Gegen diesen Trend steht die Romanadaption „Extrem laut und unglaublich nah“ nach Jonathan S. Foer. Zwar wechseln auch in der Fassung der Burghofbühne Dinslaken Schauspieler die Rollen. Aber in der Regie von Mirko Schombert stört es nicht, da die fantastische Julia Sylvster durchgängig die Hauptfigur Oskar spielt und die Geschichte des Jungen, der Spuren seines Vaters sucht und sich findet, erspielt und nicht erzählt wird.

Gänzlich innovativ verfährt Bert Zander vom Theater Oberhausen mit Fjodor Dostojewskis Roman Schuld und Sühne. Er lässt den fesselnden Christian Bayer in einem Karree gegen die nur in Video-Projektionen anwesenden Figuren seiner Auseinandersetzung um die Berechtigung eines Mordes anspielen. In dieser Kombination aus Theater und Film gelingt intensives Theater durch die Erweiterung seiner Mittel statt deren Zerstörung.

NRW THEATERTREFFEN 2. Teil: Die folgenden Produktionen – Kleist: Der zerbrochene Krug; Melle: Bilder von uns; Horváth: Zur schönen Aussicht; Houellebecq: Unterwerfung; Müller: Die Hamletmaschine.

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Osnabrück, emma-Theater, Am Königsweg – Elfriede Jelinek, IOCO Kritik, 23.09.2018

September 23, 2018 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Am Königsweg – Elfriede Jelineks Rührstück

– Trumps Welt als quirlige Muppet Show –

Von Hanns Butterhof

Am Königsweg ist die Reaktion der österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek auf die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten Amerikas. Regisseurin Felicitas Braun hat im emma-theater, Osnabrücks Kleinem Haus, Jelineks Textfläche auf vier Personen in wechselnden Rollen verteilt und es bemerkenswert gut geschafft, das wild schlingernde Assoziationsungetüm wie ein Theaterstück aussehen zu lassen.

Die Spielfläche, die Timo von Kriegstein für Am Königsweg eingerichtet hat, nimmt die ganze Breite der Spielfläche ein. Links ein TV-Nachrichtenstudio mit Weltzeit-Uhren, daneben zentral eine halbhoch steigende Holztreppe, und ganz rechts eine Sitzgruppe vor dem Bild Angelus Novus von Paul Klee, dem  Engel der Geschichte, der nach der schönen Beschreibung von Walter Benjamin auf eine fortgesetzte Katastrophe blickt. Nur das Studio und die kurze Szene, die darin gespielt wird, passen zusammen: sehr kabarettistisch bieten dort Katharina Kessler, Monika Vivell und Stefan Haschke Weltanschauungen und Wahrheiten feil.

emma-Theater Osnabrück / Der Königsweg - hier : König und seine Tochter; vl Katharina Kessler und Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

emma-Theater Osnabrück / Der Königsweg – hier : König und seine Tochter; vl Katharina Kessler und Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

Obwohl sein Name nie genannt wird, geht es um Trump, als der Stefan Haschke gewalttätig, sexistisch und dumm, manchmal im Königsmantel und mit der Krone Karls des Großen (Kostüme: Aleksandra Kica) durch die Szenen poltert. Nichts, was man von ihm weiß, lässt Jelinek aus, sein Frauenbild, seine Affären, seine Immobilien und Lügen werden besprochen. Mit seinen durchwegs komischen Aktionen überspielt das Ensemble, dass es nicht zeigt, wovon es nur spricht – in mal identifizierbaren Rollen wie Trumps Tochter, mal nur in phantasievollen wie der einer blinden, in traditionellen Kimono gekleideten Japanerin mit dem Schweineschnäuzchen von Miss Piggy aus der Muppet Show.

Relativ stabile Themen in dem mäandernden Textfluss sind Gewalt und  Blindheit. Wie Trump, so scheinen auch die Existenz von Gewalt und die Blindheit der Intellektuellen die Autorin geradezu persönlich zu beleidigen. Mit Jelinek-Frisur jammert Christina Dom über die Unfähigkeit der Kunst, die Welt zu verbessern, und beklagt, dass die intellektuellen Eliten Trump nicht hätten kommen sehen und sich die  ehemaligen Meinungsführer jetzt als Minderheit wiederfinden.

Am Königsweg kann als besondere Form des Rührstücks gelten, rührt das Stück doch alles, was entfernt mit Trump zu tun hat, mit biblischen und klassischen Mythen oder

emma-Theater Osnabrück / Der Königsweg - hier: Blind in Trumps Welt - Christina Dom und Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

emma-Theater Osnabrück / Der Königsweg – hier: Blind in Trumps Welt – Christina Dom und Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

sonstigen Reflexionen zusammen. Doch in dem losen Assoziationsgefüge verschwimmt jeder stringente Gedanke, wenn sich das Stillen von Blut zwanglos auf das Stillwerden von Menschen reimt.

Das aufgekratzte Ensemble lässt souverän den Sinn der rasenden Suada hinter komödiantischem Spiel mit Szenenapplaus für sportlich herausfordernde Einlagen verschwurbeln. Der Erkenntnisgewinn des postdramatischen Polit-Kabaretts, in dem die Welt unterhaltsam wie eine Muppet Show daherkommt, tendiert so gegen Null und dient bestenfalls für Schenkelklopfen bei eingeschworenen Trump-Gegnern – und wer wäre das nicht.

Nach zwei Stunden viel Beifall für das aufopferungsvoll spielende Ensemble und das Regieteam.

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