München, Bayerische Staatsoper, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 09.07.2019

Juli 9, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Salome –  Richard Strauss

– enttäuschte Lust, zu Rache und Vernichtung treibend –

von Hans-Günter Melchior

In der Lust ist der Mensch Täter und Opfer zugleich: weil Lust das Unbedingte will. Und den Menschen in den Abgrund reißen kann, sofern seine Steuerungskräfte überwältigt werden. Von enttäuschter Lust zum Rachedurst, zum Vernichtungswillen ist es oft nicht weit.

Salome – Richard Strauss
youtube Trailer Bayerische Staatsoper München
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Der von den Nazis literarisch – dümmlich – missbrauchte (weil nicht begriffene) Nietzsche hat in seinem Werk Also sprach Zarathustra  erkannt:

„Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Lust vollzieht sich am und im Menschen wie ein unausweichliches Schicksal, überschwemmt den Verstand und dessen rationale Einwände und am Ende steht der Mensch vor dem Rätsel des Unbegreiflichen. Ganz allein. Er kann nicht erklären, was ihm widerfuhr. Denn „die Grenzen meiner Sprache, bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein). Lusttäter sind letztlich Schuldig-Unschuldige, denen es die Sprache verschlug.

Weil das so ist, greift Krzysztof Warlikowskis Salome- Inszenierung in der Bayerischen Staatsoper letztlich etwas zu kurz.

Schlimme Assoziationen weckend beginnt die Oper bei Warlikowski mit einem vom Band laufenden Kindertotenlied von Gustav Mahler, dem Juden, der zum Katholizismus konvertierte. Das Bühnengeschehen spielt sich in einer hohen, saalartigen Bibliothek ab, in dem Juden sich vor den anrückenden Nazi-Schergen zu verstecken suchen. Eine große Wand schließt sich vor dem bedrohlichen Lärm, der die Außenwelt erfüllt und näher rückt.

 Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl

In dieser Ausnahmesituation, der Shoa, so Regisseur Warlikowski in einem Trailer, sind die Grenzen von Leben und Tod, Begehren und Moral, Hass und Mitleid, Lust und Tod, Gesetz und Verbrechen verwischt bzw. aufgehoben. Es bedarf nicht mehr der Überwindung einer Hemmschwelle, den Kopf eines Menschen zu fordern –, der vor dem Abgrund stehende Mensch erkennt das Abgründige seines Handelns nicht mehr, er ist moralisch indifferent.

So wahr diese Grundaussage auch sein mag, angewandt auf die Oper Salome und deren abgründiges Geschehen kann diese Konzeption letztlich nicht überzeugen. Es ist ungeachtet der vielen bildkräftigen Szenen nicht glaubwürdig, weil es versucht, das allgemeinmenschliche Verhängnis zu rationalisieren und an einen historischen Vorgang zu binden.

Oscar Wilde und Richard Strauss ging es jedoch um mehr: eben um das Irrationale, Schicksalhafte, um die – hier ausweglose – Verstrickung des Menschen in seine Un-Natur. Die Handlung lässt daran keine Zweifel. Eine lüsterne junge Frau setzt sich einen Liebesakt mit Jochanaan (Johannes der Täufer), dem in einer Zisterne vom König Herodes eingesperrten Propheten, in den Kopf. Jochanaan ist jung und offenbar attraktiv, ein religiöser Fanatiker. Salome veranlasst Narraboth, einen Hauptmann des Herodes, den Propheten aus der Zisterne an die Oberfläche steigen zu lassen. Dieser widersteht den Verführungskünsten Salomes. Als ihr Stiefvater Herodes, nicht minder lüstern und seiner Stieftochter verfallen, Salome um einen Schleiertanz anfleht, ringt sie ihm das Versprechen ab, ihr dafür einen Wunsch zu erfüllen. Nach dem Tanz fordert sie den Kopf des Jochanaan. Herodes muss, an sein Versprechen gebunden, den Wunsch erfüllen. Salome küsst das ihr auf einem Tablett präsentierte Haupt des Propheten. Angewidert befiehlt Herodes, sie zu töten…

Der Tanz als Todestaumel. Eine selbstvergessene Hingabe an die ekstatisch ausagierte Poesie der Bewegung.  Das reicht eigentlich für das Schaudern vor den Abgründen des Menschlichen. Genaugenommen ist es literarisch ziemlich starker Tobak. Und es gibt da nicht mehr viel zu deuten. Der Versuch, eine Beziehung zum systematisch vollzogenen Völkermord herzustellen, muss davor zurückbleiben.

Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl

Freilich trägt der genial auskomponierte Disput der jüdischen Schriftgelehrten und Talmud-Sachverständigen deutlich antisemitische Züge. Aber auch die Christen werden nicht geschont. Jochanaan ist im Grunde eine Karikatur. Ein weltferner Glaubensfanatiker.

Man muss Warlikowski jedoch zugutehalten, dass er die Assoziation auf die schrecklichen geschichtlichen Vorgänge nicht überstrapaziert. Sie sind offenbar als Denkanregung zu verstehen und verlieren im weiteren Verlauf des Bühnengeschehens die anfängliche Dominanz, im Grunde spielen sie keine Rolle mehr.

Es dominiert vielmehr die berückend ausdifferenzierte, über weite Strecken ins Dissonante gezerrte und von chromatischen Passagen geradezu ins Schrille gestoßene Musik. Sie erschüttert, reißt mit, wühlt auf und macht das Geschehen – eben zum menschlich-schicksalhaften Ereignis. Hier hat Richard Strauss, wie Schönberg die Oper pries, das Tor zur Moderne aufgestoßen, die Grenzen der Tonalität gestreift und die Vision des heraufziehenden neuen, eines wie willenlos dem Untergang zutaumelnden Lebens getroffen (und ist leider später zum eher Bürgerlich-Behaglichen zurückgekehrt).

Dem hochkomplizierten musikalischen Material gebietet Kirill Petrenko kongenial. Er treibt sein hochqualifiziertes und jeder Ausdrucksvariante gewachsenes Orchester souverän in mitreißende Höhen orchestraler Ausdruckskraft. Da fehlt keine Steigerung ins Dämonische. Und die lyrischen  Teile sind von einer betörenden Genauigkeit des Gefühls, Nachzeichnungen der aufgewühlten Liebesstimmung, der sich Salome wie willenlos hingibt, wenn sie Jochanaan umschmeichelt.

 Bayerische Staatsoper München / Salome - hier :  Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl

Die Salome der Marlis Petersen! Eine schlechthin grandiose Darbietung, sowohl darstellerisch wie sängerisch. Als hätte Richard Strauss die Partie ausschließlich für sie geschrieben. Da fehlte keine Nuance der in jeder Hinsicht hochkomplizierten Rolle. Die sinnlichen, hocherotischen Aktionen fügten sich bei ihr bruchlos dem musikalischen Geschehen –, als wüchsen sie gleichsam aus diesem mit Notwendigkeit heraus.

Hinreißend der Schleiertanz. Assistiert wurde Salome von einem Tänzer mit Totenmaske. Sehr eindrucksvoll bildhaft begleitet wurde der Tanz  von einem im Hintergrund ablaufenden Band, auf dem Szenen mit mythischen Tieren einander abwechselten. Hier gelingt der Blick ins Archaische, ins Prinzipielle der Schicksalhaftigkeit.

Neben der Salome von Marlis Petersen fallen naturgemäß die anderen Darsteller ein wenig ab. Das liegt an der Konzeption der Partitur, deren zentrale Figur nunmal die Königstochter ist.

Dennoch sind die anderen Protagonisten ausnahmslos zu rühmen. Der Jochanaan von Wolfgang Koch wartete mit einem starken Bassbariton auf, während der Tenor des Herodes Wolfgang Aldinger-Sperrhackes jederzeit auf der emotional und gesanglich schwierigen Höhe des Geschehens war. Nicht anders als die Herodias der Michaela Schuster. Darstellerisch und gesanglich überzeugend bewältigte Pavol Breslik die Partie des Narraboth.

Einhelliger Jubel am Schluss – nein, ein einziges Buh, vom Beifall an den Rand geschwemmt.

Dirigent und Sänger entzogen sich bald dem Beifall. Sie mussten nach draußen, vor das Nationaltheater, wo eine beachtlich große Menge Besucher auf dem Pflaster des Münchner Max-Joseph-Platzes  auf einer riesigen Video – Leinwand die Auffführung der Salome kostenlos verfolgt hatte und nun die Künstler ebenso begeistert feierte.

Salome an der Bayerischen Staatsoper, München; die weiteren Termine 10.7.; 5.10.; 10.10.; 13.10.2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Düsseldorf, Tonhalle Düsseldorf, Sternzeichen – ALSO SPRACH ZARATHUSTRA, 08. – 11. 09.2017

Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Die „Sternzeichen“ der Tonhalle in Düsseldorf, die Symphoniekonzerte der Düsseldorfer Symphoniker erzählen Ihnen eine große leidenschaftliche Geschichte von Beethovens Erster bis zu Mahlers Achter. Sie bietet auch immer wieder Gelegenheit zu Ausflügen in neue Welten wie bei der Uraufführung von Frederik Högbergs multimedialem Violinkonzert mit Isabelle van Keulen.

Sternzeichen: ALSO SPRACH ZARATHUSTRA

Abschied von einer vergangenen Zeit: Am 8., 10. und 11. September 2017 erklingen im Sternzeichen der Düsseldorfer Symphoniker Edward Elgars Cellokonzert in e-Moll und Richard Strauss‘ Tondichtung Also sprach Zarathustra frei nach Friedrich Nietzsche.

Das Cellokonzert, Edvard Elgars letzte große Komposition, die er selbst mit „Finis. R.I.P.“ kommentierte, stellt neben einem schwermütigen Abgesang auf die viktorianische Zeit auch Elgars Abschied als Komponist dar. Dem gegenüber steht Strauss‘ Tondichtung, in welcher die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, die Natur in ihrer Wiederholbarkeit zum Leitmotiv wird.

Tonhalle Düsseldorf / Alexandre Bloch - Also sprach Zarathustra © Susanne Diesner

Tonhalle Düsseldorf / Alexandre Bloch – Also sprach Zarathustra © Susanne Diesner

Der emotionalen Aufladung der beiden Werke sowie den in ihnen verarbeiteten philosophischen Hintergründen und Zweifeln an der Welt nähern sich Alexandre Bloch (Dirigent) und die Düsseldorfer Symphoniker gemeinsam mit ihrem Solo-Cellisten Doo-Min Kim.

Veranstaltungen rund um das Sternzeichen-Konzert

 Sonntag, 10. September 2017, 11.00 Uhr, mit Kinderbetreuung

Für das Sternzeichen-Konzert am Sonntag bietet die Tonhalle eine kostenlose Betreuung für Kinder ab vier Jahren an. Während die Kleinen gut betreut von erfahrenen Erzieherinnen und Tagesmüttern vergnügt herumtollen, können die Großen einen entspannten Vormittag im Konzert erleben. Treffpunkt für die Kinderbetreuung ist der Empfang im Kassenfoyer, eine Voranmeldung ist nicht notwendig.

 Sonntag, 10. September 2017, 13.15 Uhr mit Jazzbraunch

Nach dem Sternzeichen-Konzert am Sonntag zeigt sich das Foyer der Tonhalle zugleich appetitlich und musikalisch. Beim beliebten Jazzbrunch gibt es nicht nur ein großes Brunch-Buffet, sondern auch gepflegten Bar-Jazz zu genießen. Im Preis von 21,50 Euro oder 29,50 Euro (inkl. Getränke) ist ein reichhaltiges Brunch-Buffet enthalten. Anmeldungen nimmt Herr Christoph Enderlein unter christoph.enderlein@gcs-gastronomie.de oder unter 0211-5858770 entgegen.

Freitag, 8. September 2017, 20.00 Uhr, Montag, 11. September 2017, 20.00 Uhr: STARTALK,  ZUSATZVERANSTALTUNG : Fr. 08.09.2017 19:00 Uhr

Für noch neugierigere Ohren finden Freitag sowie Montag vor den Sternzeichen-Konzerten  im Foyer der Tonhalle als Konzerteinführung Gespräche mit den Künstlern des Abends statt. Für Zuhörer, die ihre Ohren schon vor dem Konzert informieren wollen und mit frischen Eindrücken in das Konzert starten wollen. Der Eintritt ist mit Konzertkarte frei, Informationen zu den jeweiligen Gästen befinden sich auf der Homepage der Tonhalle.

Fr 08.09.2017, 20:00 Uhr, So 10.09.2017, 11:00 Uhr, Mo 11.09.2017, 20:00 Uhr
im  MENDELSSOHN-SAAL

HINWEIS: SCHÜLER EUR 5 / STUDENTEN EUR 10

Mit:  ALEXANDRE BLOCH  – Dirigent, DÜSSELDORFER SYMPHONIKER, DOO-MIN KIM Violoncello, ALEXANDRE BLOCH Dirigent

ELGAR  – Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 85
STRAUSS  – Also sprach Zarathustra. Tondichtung frei nach Friedrich Nietzsche op. 30


Weisheiten:  JUNIOR-STERNZEICHEN ZU “ALSO SPRACH ZARATHUSTRA”

Bevor es für die Kinder und ihre Eltern am 10. September 2017 in den Mendelssohn-Saal der Tonhalle geht, wird zunächst im Helmut-Hentrich-Saal fleißig Wissen gesammelt. Kindgerecht beleuchtet die Konzertpädagogin Ariane Stern Richard Strauss‘ Tondichtung Also sprach Zarathustra. Direkt im Anschluss kommt das gesammelte Wissen in der zweiten Hälfte des Konzerts der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Alexandre Bloch zum Einsatz.

Also sprach Zarathustra ist eines der bekanntesten Werke der klassischen Musik, basierend auf der bedeutenden philosophischen Abhandlung Friedrich Nietzsches. Durch das zweiteilige Programm des Junior-Sternzeichens wird Kindern ab neun Jahren vorab Wissen über das Stück vermittelt, mit dem sie sich in dem Konzert zurechtfinden können und es damit nicht nur erleben, sondern auch verstehen. Karten kosten zwölf Euro, ermäßigte Karten kosten fünf Euro für Kinder.

10.09.2017, 11:00 UHR    HELMUT-HENTRICH-SAAL

HINWEIS:    KINDER EUR 5

DÜSSELDORFER SYMPHONIKER,  ALEXANDRE BLOCHDirigent
STRAUSS  Also sprach Zarathustra. Tondichtung frei nach Friedrich Nietzsche op. 30

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