Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Joshua Weilerstein, IOCO Kritik, 06.01.2020

Januar 7, 2020 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Benjamin Britten, Dmitri Schostakowitsch – Tonhalle-Orchester

von Julian Führer

Im Sommer 2020 wird das Tonhalle-Orchester wieder in sein angestammtes Haus in der Nähe des Zürichseeufers umziehen. Der große Saal dort erlaubt große Klangvolumina, nur für Gustav Mahlers achte Symphonie musste das Orchester vor ein paar Jahren, damals noch unter David Zinman, ins KKL nach Luzern wechseln. Im Ausweichquartier, der Tonhalle Maag an der Hardbrücke, ist ein sehr sensibler Umgang mit der Dynamik nötig. Am 5. Dezember gastierte Joshua Weilerstein als Dirigent bei diesem Orchester und zeigte mit seinem Dirigat von Schostakowitschs elfter Symphonie, dass der Raum zwar mitunter seine Tücken hat, aber dennoch beherrschbar ist.

Gedenkmuschel an Benjamin Britten in Aldebrough © IOCO

Gedenkmuschel an Benjamin Britten in Aldebrough © IOCO

Vor der Pause wurde die Symphonie op. 68 für Violoncello und Orchester von Benjamin Britten gegeben. Als Solistin trat Alisa Weilerstein (die Schwester des Dirigenten) auf. Ihr Ton ist breit, rund und samtig. Das reichlich halbstündige Werk ist wie eine klassische Symphonie in vier Sätze aufgeteilt – im ersten Satz (Allegro maestoso) tritt das Soloinstrument mal mit dem ganzen Orchester, mal mit einzelnen Instrumenten oder Instrumentengruppen in Dialog (Violine, Cellogruppe). Das Presto inquieto des zweiten Satzes ist im Gesamtgefüge des Stückes eher wie ein Intermezzo zu sehen, bevor der lange Adagio-Satz der Solistin auch mehr Raum zur Entfaltung lässt. In der Introduktion wie auch später in diesem Satz ist die Pauke ein wesentlicher Partner des Soloinstruments. Der letzte Satz, eine Passacaglia, ist insgesamt deutlich melodiöser und mehr aus einem Guss als die vorangegangenen Abschnitte. Am Ende geht das Soloinstrument in den Orchesterfluten unter – ob das von Britten so beabsichtigt war, sei dahingestellt. Die ganze Bandbreite nicht nur ihres technischen, sondern auch ihres expressiven Könnens konnte Alisa Weilerstein eigentlich erst in der Zugabe zeigen.

Britten _ Was ist Komponieren? © IOCO

Benjamin Britten und –  Was ist Komponieren? © IOCO

Brittens Symphonie für Cello und Orchester hat einen engen Bezug zur Sowjetunion – Britten komponierte es für Mstislaw Rostropowitsch, der es auch bei der Uraufführung spielte, die 1964 nicht in England, sondern in Moskau stattfand. Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch widmete diesem berühmten Cellisten seine beiden eigenen Cellokonzerte, was die Ausnahmestellung dieses Musikers sowohl im Westen als auch im Osten der damals geteilten Welt unterstreicht.

Nach der Pause wandte sich der Dirigent vor Beginn noch über Mikrofon ans Publikum. Sein Anliegen: Schostakowitschs Symphonie in ihrer Vielschichtigkeit ins rechte Licht setzen. Man kann sie als Propagandawerk hören, aber, so Weilerstein, auch als Aufschrei des gequälten Künstlers im Namen der Menschlichkeit. Nach einem Verweis auf die in der sowjetischen Literaturgeschichte und ihren Bezügen zur zeitgenössischen Musik zentrale Anna Achmatowa sprach dann die Musik.

Den Beginn nahm Weilerstein etwas langsamer als die meisten anderen Interpreten. Die üppig besetzten tiefen Streicher (zehn Celli, sieben Kontrabässe) verliehen der düsteren Winterszenerie des Kopfsatzes eine sehr passende zusätzliche Schwere. Mit einem leichten dynamischen Anschwellen der lange auf brütenden Akkorden verharrenden Notenwerte der Celli und Bässe wurde die lastende Atmosphäre unterstrichen. Die Hochspannung dieser brillant vorgetragenen Einleitung konnte im weiteren Verlauf des Satzes nicht ganz gehalten werden, nicht zuletzt wegen immer wieder passierender ‚Kleinigkeiten‘ im technischen Ablauf, insbesondere bei den Trompeteneinsätzen.

Der zweite Satz („Der 9. Januar“) ist berühmt – und berüchtigt als ein Stück Programmmusik, das das brutale Niederschießen einer Arbeiterdemonstration illustriert. Die Exegeten streiten sich, ob nun der 9. Januar 1905 in St. Petersburg oder vielleicht doch der Ungarnaufstand von 1956 (nach dem die Symphonie entstand) gemeint ist. Die mittleren und tiefen Streicher (nun ohne Dämpfer) spielen eine unruhige Phrase, die nach kurzer Pause wiederaufgenommen wird und aus der sich eine rastlose Achtelkette in hohem Tempo herausbildet. Die sehr zahlreichen Musiker des Tonhalle-Orchester illustrierten hier (hoffentlich gewollt) die unruhige Menge, die sich zusammenfindet – nicht immer ganz exakt und nicht im Gleichschritt, aber interpretatorisch vollkommen überzeugend.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Eine erste dynamische Aufgipfelung, dann wieder Beruhigung, dann scheinbarer Stillstand mit Reminiszenzen an den musikalischen Permafrost des ersten Satzes. Die dann folgende erste Salve Schüsse kam in unbarmherzigem Fortissimo von der kleinen Trommel, laut und scharf wie fast nur auf älteren Aufnahmen der Sowjetzeit zu erleben. Die erst unterbrochenen, dann atemlosen Achtelketten der Streicher nehmen den Beginn des Satzes wieder auf; die nun folgende Klangexplosion, unmissverständlich das Niederschießen der Arbeiter, wurde von kleiner und großer Trommel und dem vollen Orchester in nicht zu rasendem Tempo gespielt – doch wo blieb das Tamtam? Während der volle Orchesterapparat brüllte und auch beim Tamtam zwei- bis dreifaches Fortissimo gefordert ist, war hier nichts zu hören, und man sah, wie das Instrument eher zaghaft behandelt wurde. War das ein Zögern des Dirigenten vor den akustischen Möglichkeiten der Tonhalle Maag, immerhin ein Ausweichquartier mit reduzierten Raummaßen? Wie auch immer, hier stimmten die Proportionen nicht. Eine Passage, die hingegen nie ihre Wirkung verfehlt, ist das Ende dieses Massakers, wenn das Schlagwerk auf einmal abbricht und langsam, wenn sich die Ohren erholen, das (seit mehreren Takten andauernde) Flirren der mehrfach geteilten Streicher hörbar wird.

Der dritte Satz („Ewiges Gedenken“) beginnt mit einer Melodie der gedämpften Bratschen. Nach allem, was im zweiten Satz vorgefallen ist, sehe man es als Programmmusik oder nicht, ist dies ein Stück voller Trauer, das im Mittelteil allerdings die Faust ballt. Zu einem Bläserchoral (das gesamte Holz und alles Blech in fff) kommt schweres Schlagwerk, ebenfalls im dreifachen Fortissimo – und wieder ist vom Tamtam fast nichts zu hören, obwohl die Klangwirkung auf dieses Instrument hin konzipiert ist (sämtliche anderen Instrumente brechen mit dem Gongschlag ab).

Das die kämpferische Melodie der „Warschawjanka“ bereits zitierende Eingangsmotiv des vierten Satzes nahm Weilerstein deutlich verlangsamt gegenüber Schostakowitschs Metronombezeichnung, jedoch nicht in Zeitlupe wie zuletzt Andris Nelsons (auch auf CD dokumentiert). Das vom Komponisten kurz vor Partiturziffer 126 notierte accelerando verlegte Weilerstein einige Takte vor, so dass sehr deutlich hörbar wurde, wie der musikalische Fluss schon vor dem Taktwechsel deutlich Fahrt aufnahm. Der kämpferische vierte Satz („Sturmgeläut“) wechselt mehrfach die musikalische Grundstimmung. Das erste Drittel drängt vorwärts, bevor dann ein Unisono in den Streichern die breit ausgeführte Warschawjanka eingeleitet wird. Die stark akzentuierte Einleitung zu dieser Passage geriet beeindruckend. Das Lied verweist im Titel auf Warschau und war damals allgemein bekannt, da es als Widerstandslied auch in Leningrad während der deutschen Belagerung viel gesungen worden sein soll. Es enthält Zeilen wie „Wir haben der Freiheit leuchtende Flamme … entfacht“ oder „Leidendem Volke gilt unsere Tat“, zusammen mit dem Verweis auf Warschau im Titel vielleicht mehr als ein nur kleines Indiz für Schostakowitschs Doppelbödigkeit – 1956 schoss die polnische Armee teilweise mit schweren Kalibern auf demonstrierende Arbeiter, es gab Dutzende Tote…

Vor dem letzten Sturmgeläut (und diesmal mit Glocken) ertönt noch einmal eine musikalische Rückblende auf den ersten Satz, jetzt aber mit einer weit ausgreifenden Melodie des Englischhorns. Dieses Solo war fehlerfrei, aber im Vergleich zum Rest des Orchesters so laut, dass sich keine elegische Stimmung entfalten konnte. Der Übergang zum Schluss hingegen, in dem Schostakowitsch viele Kniffe aus dem Finale seiner 5. Symphonie anwendet, überzeugte vollkommen: spürbar anziehendes Tempo, von der großen Trommel angetriebenes Orchester und – was sonst so nicht zu hören ist – Glocken, die sich erst nach und nach über das Orchester erheben und am Ende das Klangbild dominieren, bis das Orchester abbricht und der Nachhall der Glocken noch etliche Sekunden im Raume steht.

Man sah bei Joshua Weilerstein deutlich den Gestaltungswillen, er feuerte die Musiker an, die an einzelnen Stellen auch sonst nicht oder kaum Hörbares herausarbeiteten. Die ersten und die letzten zwei bis drei Minuten setzten Maßstäbe an Präzision, Dynamik und Agogik. Dazwischen bleib vieles nicht ganz befriedigend – das im Klangbild fehlende Tamtam, das zu laute Englischhorn, die immer wieder danebenliegende Trompete, ‚Wackler‘ in der Abstimmung der Streichergruppen. Insgesamt gelang im nicht einfach zu beherrschenden Saal die Lautstärkebalance dennoch gut.

Das Publikum applaudierte am Ende des Konzertes anhaltend. Leider war dieses Publikum an diesem Abend nicht übermäßig zahlreich erschienen, ganze Reihen waren leergeblieben – und Teile verließen den Saal während der Musik. Gleichzeitig saß in der ansonsten gänzlich leeren ersten Reihe der Empore ein etwa sechsjähriger Junge und hörte vom ersten bis zum letzten Takt gebannt zu. Von diesem Sechsjährigen können Teile des Zürcher Publikums noch viel lernen.

Besprochenes Konzert 5.12.2019

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Berlin, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Dvorák – Schostakowitsch – Janacek, IOCO Kritik, 04.06.2018

Juni 5, 2018 by  
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DSO Berlin / Deutsches Symphonie Orchester Berlin 2018 © Frank Eidel

DSO Berlin / Deutsches Symphonie Orchester Berlin 2018 © Frank Eidel

DSO Berlin

DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER BERLIN – Tomáš Hanus

Antonín Dvorák – Dmitri Schostakowitsch – Leoš Janácek

Von Julian Führer

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO), 1946 als Rundfunkorchester für den amerikanischen Sektor begründet, hatte prominente Chefdirigenten, unter anderem Riccardo Chailly, Vladimir Ashkenazy, Kent Nagano und Ingo Metzmacher. Nun sollte James Conlon einen Abend leiten, jedoch musste aus Krankheitsgründen ein Ersatz gefunden werden. Tomáš Hanus war recht kurzfristig bereit, das geplante Programm mit einer kleinen Änderung zu übernehmen und konnte so als Einspringer ein gefeiertes Debüt bei dem Deutschen Symphonie-Orchester  Berlin geben.

Die drei vom DSO am 2.6.2018 in der Berliner Philharmonie gespielten Werke sind dem sogenannten slawischen Fach zuzuordnen. Antonín Dvorák und Leoš Janácek werden gemeinhin als tschechische Komponisten angesprochen, Dmitri Schostakowitsch lebte in der Sowjetunion. Alle Werke gehören einer eher späten Schaffensperiode der Komponisten an – um deren letzte Werke handelt es sich aber nicht.

Antonín Dvorák schrieb kurz nach 1890 eine Serie von drei Konzertouvertüren. Einer von ihnen (op. 93) gab er (nachträglich) den Titel Othello. In sein Handexemplar notierte er, an welcher Stelle sich die Liebenden küssen, wann sie streiten, wann es zum Skandal kommt. Dieses Wissen benötigt der Hörer allerdings nicht, um dem Werk folgen zu können. Tomáš Hanus nahm die mit „ppp“ und „Largo“ bezeichnete Introduktion der Streicher im Grunde so, wie sie notiert ist – und dennoch ließ seine Lesart vom ersten Takt an aufhorchen. Die mit Dämpfer spielenden Violinen, Bratschen und Celli zeigten ein bemerkenswertes Legato, der Klang war voll, doch äußerst leise – so wie es sich auf einer Aufnahme mit den gängigen Techniken überhaupt nicht reproduzieren lässt und wie es nur in einem entsprechenden Saal (und mit dem entsprechend disziplinierten Publikum) erzielt werden kann. Es wurde deutlich, dass der Dirigent eine sehr genaue Vorstellung vom Stück hatte; diese vermittelte er dem Orchester durch präzise gestaltende Gesten, die von den Musikern sofort umgesetzt wurden. Die Konzertouvertüre nimmt etwa eine Viertelstunde in Anspruch und verarbeitet mehrere Motive in unterschiedlichen Kontexten. Bei allen Anleihen bei Wagner und anderen, die mitunter in der Motivarbeit und Instrumentierung durchscheinen, hat Dvorák doch eine ganz eigene Klangsprache, die insbesondere bei der Raffinesse des Einsatzes der Holzbläser deutlich wird.

Ein Ereignis war die Darbietung des zweiten Stücks des Abends. Dmitri Schostakowitschs  Cellokonzert Nr. 1 in Es-Dur op. 107 wurde 1959 komponiert und dem damals schon berühmten Mstislaw Rostropowitsch gewidmet. Im Schaffen Schostakowitschs markiert diese Zeit eine kreative Phase. Wie auch in der ‚großen‘ Politik herrschte in der sowjetischen Kulturwelt gerade „Tauwetter“, wobei dies nicht mit vollkommener künstlerischer und ideologischer Freiheit gleichgesetzt werden kann. Schostakowitsch hat sich wiederholt vor stalinistischen Funktionären demütigen müssen und sah sich aus gutem Grund zeitweise in Lebensgefahr, so dass er schon oft in seinen Kompositionen Vordergründig-Affirmatives neben Versteckt-Hintersinniges gestellt hatte. Auch in dieser Schaffensphase: Die 11. Symphonie in g-Moll op. 103 kommt als Programmmusik zum Petrograder Aufstand gegen den Zar von 1905 daher, wurde aber wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck der brutal von der Sowjetarmee niedergeschlagenen polnischen und ungarischen Aufstände von 1956 geschrieben. Opus 110 ist das beklemmende achte Streichquartett in c-Moll, das in anderer Instrumentierung als „Kammersymphonie“ bekannt geworden ist. Opus 105 hingegen ist eine Operette (Moskwa, Tscherjomuschki, in der kommenden Saison an der Hamburger Staatsoper zu erleben), und zur gleichen Zeit erarbeitete Schostakowitsch eine entschärfte Version seiner Jugendoper Lady Macbeth von Mzensk, deren zur Schau gestellte und immer noch schockierende Brutalität ihn bei Stalin in Ungnade fallen ließ. Das Ergebnis war die deutlich zahmere Katerina Ismailova. In späteren Jahren widmete sich Schostakowitsch verstärkt kleineren Formen, reduzierte den Orchesterapparat, und in den Kammermusikwerken der sechziger und siebziger Jahre wird immer häufiger ein verzweifelter, depressiver Tonfall angeschlagen. An diesem Wendepunkt also entstand das erste Cellokonzert, das mit der Amerikanerin Alisa Weilerstein als Solistin gegeben wurde. Den Beginn mit einem fast obsessiv durch die Sätze hindurch wiederholten kurzen Motiv nahm sie sehr schnell, dabei partiturgemäß piano (bei den meisten Aufführungen wird lauter begonnen). Gerade im ersten Satz (Allegretto) entspinnt sich ein intensiver Dialog mit dem Horn (souverän: Zora Slokar).

Alisa Weilerstein © Jamie Jung

Alisa Weilerstein © Jamie Jung

Das straffe Tempo wurde im ersten Satz durchgehalten, und Alisa Weilerstein begegnete allen technischen Schwierigkeiten der Partie fast draufgängerisch, zum Teil bewusst auf Kosten von Schönklang und im Sinne einer eher schroffen Lesart der an Ecken und Kanten nicht eben armen Solopartie. Sie brachte ihr Instrument zum Singen, zum Weinen, zum Schreien, auch zum Winseln. Die Hörer waren gefesselt: Nach dem ersten Satz brach im Publikum spontan breiter Applaus aus! Im zweiten Satz (Moderato) entwickelt sich in den Bratschen eine Art erweitertes Seufzermotiv aus drei absteigenden Halbtönen (hier klingen Schostakowitschs späte Streichquartette an), das Cello hingegen wird viel kantabler als über weite Strecken des ersten Satzes behandelt. Es fiel auf, dass in diesem Teil die Solistin und das hellwache Orchester nicht der Depression den Vorzug gaben, sondern diesem Satz große Schönheit abgewannen, bis hin zum verdämmernden Schluss mit Celesta (auch dies ein Stilmittel, das der späte Schostakowitsch wiederholt eingesetzt hat). Die nun folgende, über fünfminütige Kadenz erfordert bei der Solistin höchstes Können und kluge Gestaltungskunst, beim Publikum hingegen große Konzentration. Die Solistin wagte äußerst leise Passagen und setzte die vorgeschriebenen Pausen. Im letzten Satz dann (Allegro con moto) werden Volksliedbruchstücke und volksliedhafte Elemente ins Spiel gebracht, aber sofort verzerrt und überdreht – ein bei Schostakowitsch häufiger Kunstgriff. Das Publikum reagierte auf dieses Finale mit starkem Beifall und vielen Bravos für Alisa Weilerstein.

Leoš Janácek blieb über Jahrzehnte hinweg eine allenfalls regional bekannte Größe. Schon lange war er glühender Anhänger der tschechischen Nationalbewegung (bis hin zur Weigerung, sich im bis 1918 österreichischen Triest der deutschen oder italienischen Sprache zu bedienen, man möge doch einen des Tschechischen mächtigen Kellner herbeiholen). In der neugegründeten Tschechoslowakei kam er dann nach dem Ersten Weltkrieg zu spätem Ruhm. Er verehrte Antonín Dvorák und fand zu erstaunlicher Schaffenskraft (seine Opern Katja Kabanowa, Das schlaue Füchslein, Die Sache Makropulos und Aus einem Totenhaus sind alle erst zwischen 1919 und 1928 entstanden). Die Sinfonietta schrieb Janácek 1926, also im Alter von 72 Jahren. Ähnlich wie bei der Ouvertüre Dvoráks ist nicht ganz klar, ob dem Stück ein Programm zugrunde liegt oder nachträglich beigefügt wurde. Es heißt, Janácek habe Szenen und Orte aus Brünn/Brno vertont, speziell die Fanfaren einer Militärkapelle. Gleichzeitig entstand das Stück wohl aus der Idee einer Gelegenheitskomposition für ein Turnerfest.

 Deutsches Symphonie Orchester Berlin (DSO) in der Berliner Philharmonie © Peter Adamik

Deutsches Symphonie Orchester Berlin (DSO)  in der Berliner Philharmonie © Peter Adamik

Die Orchesterbesetzung ist beim Blech sehr breit, und es wäre konsequenter, man würde von einem Orchester und einer Banda sprechen. Auf diese Weise fasste wohl auch Dirigent Tomáš Hanus das Stück auf: Die zwei Basstrompeten nahmen im Orchester Platz, die neun(!) C-Trompeten, drei F-Trompeten und zwei Tenortuben hingegen standen hinter dem Orchester. Der choralartige Bläsersatz (nur Bläser und Pauken) im ersten Satz wirkte durch die Vielzahl der Instrumente, die Aufstellung und den starken Nachhall in der Berliner Philharmonie zunächst etwas diffus, doch mag dies auch in der Absicht des Komponisten und/oder des Dirigenten gelegen haben. Janácek war ein Meister der kurzen Form, und so hat seine Sinfonietta bei einer Spieldauer von etwa 25 Minuten fünf Sätze, die jeweils sehr kurze Motive verarbeiten. Die Mittelsätze setzen die Blechbläser in unterschiedlicher Weise ein, die Streicher und vor allem die Holzbläser stehen hier stärker im Vordergrund. Tomáš Hanus fühlte sich im Stück sichtlich zu Hause, dirigierte immer freier und führte das Orchester zum Kulminationspunkt am Schluss, wo die Motive der Mittelsätze gebündelt werden und in die Fanfare des Kopfsatzes münden, die nun durch Streicher gestützt wiederholt wird. In den Violinen – nur dieses Detail sei vermerkt – hat Janácek hier lange Triller notiert. Neben der bemerkenswerten Präzision der Violinengruppen gerade hier fiel auf, dass auf den ersten Schlag eines Taktes oder eines musikalischen Sinnabschnittes auch bei den Trillern ein merklicher Akzent gelegt wurde, der sofort in ein kleines, aber merkliches Decrescendo überleitete. Der Schluss gewann so bei aller Lautstärke Konturen, die nicht alle Dirigenten dem Werk abgewinnen können.

Das Publikum feierte am Ende begeistert das Orchester und seinen Dirigenten, der seine Chance als Einspringer und Debütant genutzt hat und dem man nur wünschen kann, dass er bald wieder das DSO dirigieren wird.

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