Berlin, Rundfunk Sinfonieorchester, Konzertleben vor der Auferstehung, IOCO Aktuell, 01.06.2020

RSB - Radio- Sinfonieorchester Berlin @ Simon Pauly

RSB – Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin @ Simon Pauly

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

RSB – Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin – Vladimir Jurowski

Das Konzertleben vor der Auferstehung 

von Adelina Yefimenko

In der Zeit der Pandemie fand das öffentliche Leben der Künstler fast nur online statt. Viele Musiker stellen sich in dieser Ausnahmesituation die allbekannte existenzielle Frage aus Shakespear’s Hamletto be or not to be. Gegen den erzwungenen Stillstand der Kultur kämpft jeder Künstler auf seine eigene Art und Weise.

In leeren Opernhäusern werden weiter Konzerte gespielt, wie z.B. die Montagskonzerte der Bayerischen Staatsoper: an Stelle der Oper-Inszenierungen wird das deutsche Liedgut exzellent gepflegt. Vor einem Monat in Berlin erlebten wir ein ungewöhnliches Europa-Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Kyrill Petrenko. Die Musiker spielten Werke von Pärt, Barber, Ligeti und Mahler mit einer Distanz von ca. zwei Metern zwischen einander. Die Techniker filmten das Konzert in Schutzmasken. Der Zuschauerraum der Philharmonie war leer. Stille in den Pausen, Stille nach dem Konzert und kein Applaus. Ein Gefühl wie im Kosmos, oder im Nirwana… Damit zeigten Musiker aber einen Ausweg, weitere Konzerte nicht einfach zu streichen, sondern auf neue Art und Weise zu gestalten. Es wird weiter getestet, wie Konzerte mit der Distanz zwischen Musikern funktionieren. Zu diesen Experimenten kommt auch die neue Gestaltung der Zuschauerräume.

31.5.2020:  Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski

Live aus dem Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks – mit Daniel Hope, Violine

Viele Opern- und Konzerthäuser mit kleinen Ausnahmen sind immer noch geschlossen. Das Hessische Staatstheater Wiesbaden war das Erste, das die Zuschauer in der Saal eingelassen haben. Die wenigen Sommerfestivals versuchten den Totalausfall zu vermeiden. Die Salzburger Festspiele und das Rossini-Festival in Pesaro wurden zugesagt. Die in die Projekte involvierten Musiker und das Publikum bleiben hoffungsvoll. Ein reduziertes Format der Festspiele sollte vielleicht zum mutigsten Experiment des Pandemie-Jahres ernannt werden.

Es ist momentan sehr wichtig, die Fragen über die weitere Entwicklung des Konzertbetriebs zu diskutieren und die verschiedene Erfahrungen dieser extremen Zeit, die die Existenz aller Musiker betrifft, zu sammeln. Wie weit die Kreativität der Künstler gehen kann, die immer außergewöhnlich und innovativ denken, zeigen die Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) mit ihrem Chefdirigenten Vladimir Jurowski.

In Erinnerung blieb mein Treffen mit Vladimir in München in der Weihnachtszeit 2019 kurz vor Konzertauftritt des Dirigenten. Damals war die Musikwelt noch in Ordnung, als wir uns über spezifische Fragen in der Musik, wie z.B. über unvollendete Werke verschiedener Komponisten unterhielten. Jetzt scheint unsere damalige Konversation fast wie die von der Gräfin Madeleine aus der Capriccio von Richard Strauss. Wir saßen gemütlich im Café und redeten viel über Musik, die immer wichtig und immer gegenwärtig für uns bleibt. Wir konnten nicht wissen, dass zwei Monate später alle Opern- und Konzerthäuser ihre Türen schlossen, alle Veranstaltungen abgesagt wurden.

RSB Berlin / Dirigent Vladimir Jurowski @ Kai Bienert

RSB Berlin / Dirigent Vladimir Jurowski @ Kai Bienert

Aber die Musik versank nicht in der Stille. Die Frage nach dem Vorrang von Wort oder Musik, (Prima la musica e poi le parole) war auch für Strauss damals nicht nur eine Flucht aus der Realität des Zweite Weltkrieges. Als die Opern- und Konzerthäuser nach und nach zu Ruinen verfielen, wollte er einen mentalen Schutz für die Menschheit schaffen. Er wollte mit raffinierter Konversation nicht nur Trost geben, sondern auch seinen Glauben an die Menschlichkeit und an das Leben in der Liebe und Frieden bekennen.

Viele Künstler aus dem Hier und Jetzt beweisen die Bereitschaft, die Musik als Rettung der Zukunft zu wahren. Auch die anderen Themen sind plötzlich wichtig geworden – vor allem die Fragen über den zeitgemäßen Auftrag der Kunst in der Krise. In der Zukunft gibt es keine Garantie vor der tödlichen Viren, Naturkatastrophen und Klimawandel. Das Konversationsthema über das unvollendete Werk drängt und bedroht unsere Realität. Alle Medien alarmieren über die arbeitslose Existenz der Künstler. Nach dem der ganze Konzert- und Opernbetrieb unterbrochen wurde, sind viele Projekte, Premieren, Konzerte zu einem gemeinsamen unvollendeten Werk geworden.

Die Musiker dürfen nun wieder in der Öffentlichkeit spielen – und nicht nur Open Air. Es bewegt sich langsam wieder in Richtung der Verlebendigung des Konzertlebens.

Am 7. Mai 2020, am Vorabend des 75. Jahrestags der Befreiung vom Faschismus sollte unter der Leitung des RSB-Chefdirigenten Vladimir Jurowski ein Konzert stattfinden, das alle Medien als das politisch und musikalisch bedeutendste Konzert der Saison 2019/20 bezeichneten. Gebotenerweise durfte das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nicht auftreten, aber die Musiker blieben nicht Zuhause. Statt im leeren Konzertsaal miteinander musikalisch zu kommunizieren und das Konzert im TV live zu übertragen, realisierte Vladimir Jurowski das neue Open-Air-Konzept im Kammermusikformat. Der Chefdirigent des Berliner Rundfunk-Sinfonieorchesters spielte mit drei Streichern Bach, Dvo?ák und Schostakowitsch für Berliner Senioren. Dieser Auftritt brachte neue wichtige Erfahrungen mit. Vladimir Jurowski, statt am Pult vor dem Orchester stehend, spielte am E-Piano. Die Musik ist vor allem Menschlichkeit und diese Menschlichkeit zählt am Ende mehr als die Erfolg, Brillanz und Perfektionismus – meinte der Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters. Genau solche Erfahrung wünschte sich zu behalten, wenn diese schwierigen Zeiten vorbei sind.

Die Konfrontation mit der Frage der Existenz der Musiker in der Pandemie-Zeit betrifft alle Musiker. Und der Orchesterleiter muss komplexe Verantwortung in der Pandemie-Arbeitspause tragen, wenn Orchestranten seelisch und finanziell betroffen sind und die latente Unsicherheit in der Luft schwebt.

Vladimir Jurowski stellt die Spielzeit 2019/20 vor – vor Corona
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Die Musiker lassen sich nicht frustrieren und suchen neue Orte wie Gärten, Parks, Straßen, wo die nötige Distanz beim Spielen gesichert werden kann. Es lohnt sich, dabei unheimlichen Aufwand mit Sicherheitsmaßnahmen, Logistik, Instrumentenschutz bei dem Kälte oder Regen zu treiben.

Das Oper-Air-Konzert mit der Begleitung von Vogelgezwitscher lässt viel über die vernachlässigte Natur in der technokratischen Welt nachdenken. Der unvermeidliche Klimawandel lässt uns alle mit Gefahren rechnen, die die Menschen nicht steuern können. Was haben Menschen aus der Pandemie-Zeit gelernt haben, zeigt die Zukunft.

Im Jahr 2021 wird Vladimir Jurovski als musikalischer Leiter in einem der bedeutendsten Opernhäuser Europas wirken. Sogar wenn wir im nächsten Jahr keine Pandemien mehr haben, seine Aufgabe wird sicherlich nicht leicht. Außer der Programmänderungen und Verwirklichung neuer reduzierten Konzepte bzw. neuer Repertoire und Kooperationen mit den Künstlern an der Bayerischen Staatsoper kommt eine Herausforderung, mit der keiner vorher rechnen konnten – einen sicheren Ausweg aus der Krise zu schaffen. Aber „kommt Zeit, kommt Rat“.

Wenn die Pandemie vorbei ist und das gemeinschaftliche Leben wieder aktiv läuft, wissen wir noch nicht, ob alles wie früher sein wird oder doch anders. Aber nach der erzwungenen Stille in dem Musikleben dürfen die Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin mit Daniel Hope, Violine wieder das vollständige Konzertprogramm aus dem Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks spielen.

Das erste Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski wird in der Reihe „Das rbbKultur Radio-Konzert“ am 31.05.2020 um 20:04  live übertragen.

Im Programm stehen Werke von Richard Strauss (Serenade für 13 Blasinstrumente Es-Dur op. 7 und Sextett für Streicher aus der Oper Capriccio), von Sergei Prokofjew (Quintett für Oboe, Klarinette, Violine, Viola und Kontrabass g-Moll op. 39), von Dmitri Schostakowitsch (Zwei Stücke für Streichoktett op. 11, Zwei Sonaten von Domenico Scarlatti, bearbeitet für Blasorchester und Pauken op. 17, Suite Nr. 1 für Jazz-Orchester) und von Alfred Schnittke (Sonate für Violine und Kammerorchester).

—| IOCO Aktuell Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin |—

Baden-Baden, Festspielhaus, John Neumeier und die große Liebe, IOCO Aktuell, 20.09,2018

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

 Hamburg Ballett – John Neumeier und die große Liebe

6. – 14 Oktober 2018  – Festspielhaus Baden-Baden

In der diesjährigen Baden-Badener Residenz zeigt das Hamburg Ballett John Neumeier im Oktober mit  Bernstein Dances eine Hommage an Leonard Bernstein und vertanzt den großen Gesellschaftsroman  Anna Karenina

Von Beginn an war das Hamburg Ballett Teil der Festspielhaus-Geschichte, bereits zum 19. Mal gastiert die renommierte Kompanie von John Neumeier nun in Baden-Baden, in 2018r vom 6. bis zum 14. Oktober.

Zahlreiche Klassiker seines Repertoires hat der Hamburger Ballettintendant schon bei den Residenzen an der Oos gezeigt, in diesem Herbst ehrt das erste Stück den Jubilar Leonard Bernstein, dessen 100. Geburtstag 2018 weltweit gefeiert wird. Neben den Bernstein Dances zeigt Neumeier das Handlungsballett Anna Karenina nach Leo Tolstois berühmtem Roman. Baden-Baden sieht damit das erste auswärtige Gastspiel der im Juli 2017 uraufgeführten, von Publikum und Presse umjubelten Neuproduktion. Auch die schöne Tradition der Ballettwerkstätten führt Neumeier fort, am 7.10. erläutert der Choreograph in einer Matinée die beiden unterschiedlichen Werke, die in einem Abstand von fast 20 Jahren entstanden sind.

Bernstein Dances – John Neumeier
Youtube Trailer Hamburg Ballett
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In ihrem Entstehungsjahr 1998 gastierten die Bernstein Dances schon einmal im gerade eröffneten Festspielhaus, nun kehrt die Ballettrevue, nach Neumeiers Widmung „Inspiriert von der Musik und vom Geist Leonard Bernsteins, völlig neu besetzt zurück. Am 25. August wäre der amerikanische Komponist 100 Jahre alt geworden, berühmt wurde er nicht nur als langjähriger Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, sondern durch so unterschiedliche Werke wie die West Side Story oder seine Chichester Psalms, durch Symphonien, Kammermusik und weitere erfolgreiche Musicals. Bekannte und auch seltenere Kompositionen wurden für den Abend zusammengestellt, mit den Bernstein Dances würdigt John Neumeier nicht nur das Andenken an seinen langjährigen Freund, der Hamburger Meister des literarischen Handlungsballetts zeigt sich auch von seiner amerikanischen, jazzigen Seite, lässt seine Tänzer vor der Skyline von New York swingen und mit den Fingern schnippen. Die eleganten Kostüme zu dem Abend schuf der Modeschöpfer .

Bernsteins Musik wird im Festspielhaus live von der Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung des Hamburger Dirigenten Garrett Keast gespielt, an der Solovioline Vadim Gluzman.

Bernstein Dances – John Neumeier
Youtube Trailer Hamburg Ballett
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Die leidenschaftliche, junge Anna Karenina fühlt sich von ihrem kalten Ehemann vernachlässigt und beginnt eine Affäre mit dem Offizier Wronski – John Neumeier hat Lew Tolstois Ehebruchsdrama aus dem Russland des 19. Jahrhunderts in die Gegenwart verlegt und zeigt Alexej Karenin als Machtpolitiker im Wahlkampf, der sich mit einer schönen Frau und einem kleinen Sohn schmückt. In zwei weiteren Paarbeziehungen lernen wir eine starke, kämpfende Mutter und einen aufopferungsvollen Mann kennen, genau wie Tolstoi thematisiert auch Neumeier den Gegensatz zwischen der standesbewussten Großstadtgesellschaft und einem idyllischen Leben in der Natur. Die ganz ihrer Liebe folgende, zwischen Familie und Gesellschaft zerrissene Anna Karenina ist wie die Kameliendame oder Puschkins Tatjana eine der großen Frauenfiguren im Schaffen des Hamburger Ballettintendanten, der mit seinen Tanz tief in ihre Seelen blickt. Neben Choreographie und Libretto entwarf Neumeier auch Bühnenbild, Kostüme und Lichtdesign der Produktion, allein die aufwendigen Roben der Titelfigur stammen vom Schweizer Modeschöpfer Albert Kriemler. Die Musik, Werke von Peter Tschaikowsky und Alfred Schnittke, wird im Festspielhaus live von der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter der Leitung des Hamburger Uraufführungs-Dirigenten Simon Hewett interpretiert.

John Neumeier © IOCO

John Neumeier © IOCO

Mit seinen Ballettwerkstätten, die er seit über 40 Jahren in Hamburg veranstaltet, knüpft John Neumeier direkt an die pädagogische Mission Leonard Bernsteins an, dessen Fernsehsendungen wie die Young People’s Concerts viele Generationen mit der klassischen Musik bekannt machten. Wie sein amerikanischer Landsmann ist auch der Hamburger Choreograph ein begnadeter Vermittler, der seine Kunst, das Ballett, in sämtlichen Aspekten erläutern und für jeden Zuhörer verständlich erklären kann. Erst vor Kurzem wurde der viel gereiste Neumeier von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Gastspiel in Moskau als „großartiger Botschafter für Deutschland“ gewürdigt – welch großartiger Botschafter seiner Kunst er ist, werden die Ballettwerkstatt und die fünf Aufführungen des Hamburg Balletts erneut beweisen.

—| IOCO Aktuell Festspielhaus Baden-Baden |—

Aachen, Theater Aachen, 3. Klassik Lounge im Alten Kurhaus, 06.07.2018

Juli 6, 2018 by  
Filed under Konzert, Pressemeldung, Theater Aachen

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 Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

Sinfonieorchester – 3. Klassik Lounge ins Alte Kurhaus

Am Freitag, den 06. Juli 2018, findet um 19.30 Uhr unter dem Motto »Nachtstücke« die 3. Klassik Lounge mit dem Sinfonieorchester Aachen im Alten Kurhaus statt. Aufgrund eines Sportunfalls mit Schulterverletzung kann nicht wie geplant Justus Thorau das Konzert dirigieren. Für ihn springt Mathis Groß dankenswerter Weise ein.

Theater Aachen / Mathis Groß © Marie-Luise Manthei

Theater Aachen / Mathis Groß © Marie-Luise Manthei

In der Klassik Lounge können die Besucher zwanglos einen gemütlichen Abend in einzigartiger Atmosphäre verbringen: Zunächst erwartet die Zuhörer ein gut einstündiges Konzert mit einem besonders abwechslungsreichen Programm. Im Anschluss daran sind alle eingeladen, mit den Musikerinnen und Musikern und dem Dirigenten an der Bar ins Gespräch zu kommen.

Schon immer übte die Nacht mit ihrer Dunkelheit und der geheimnisvollen, gar unheimlichen Stimmung eine besondere Faszination auf uns aus. Wolfgang Amadeus Mozarts Serenade Nr. 13, heute besser bekannt als Eine kleine Nachtmusik, entstand nicht etwa als düsteres und bedrohliches Stück der Dunkelheit, sondern erfüllte in ihrer viersätzigen (Serenaden)-Form die Funktion eines Entspannungsstückes für abendliche Stunden im Freien. Alfred Schnittkes Komposition Moz-Art à la Haydn lässt sich als Hommage an den großen und von ihm ausdrücklich verehrten Salzburger Tonschöpfer lesen. Mittels einer Collagentechnik verband Schnittke originale Themen und Melodiefragmente aus Mozarts »Faschingspantomime« zu einem Ganzen und versah seine Komposition zusätzlich mit szenisch-schauspielerischen Ergänzungen, die den theatralischen und komischen Charakter der Mozartschen Musik unterstreichen. Die einsätzige »Piccola musica notturna« des italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola entstand 1968 und zeugt mit ihrer Struktur weit mehr von nächtlicher Atmosphäre als die mitunter beschwingte Nachtmusik Wolfgang Amadeus Mozarts. Claude Debussy schließlich beschwor mit seiner sinfonischen Dichtung Prélude à l´après-midi d´un faune eine Szenerie aus dem Reich der mystischen Fabelwelt herauf. Der Faun, Zwitterwesen aus Jüngling und Ziegenbock, entwickelt in der Nachmittagshitze lüsterne Fantasien von verspielten Nymphen.

—| Pressemeldung Theater Aachen |—

Münster, Theater Münster, Don Carlo. Ein Requiem – Verdi, IOCO Kritik, 07.11.2017

November 7, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Don Carlo. Ein Requiem – Verdi / Schnittke

 Kuschender König Philipp – Im Zentrum von Münsters Don Carlo

Von Hanns Butterhof

In einem bunkerartigen Gelass sitzt ein ratloser König mit dem Rücken zum Publikum auf einem laubbedeckten Grabhügel. Daneben ein Sarg. Suchend schaut er sich um, nimmt dann die Krone ab und entzieht sich den Blicken. So rückt schon der Anfang von Don Carlo. Ein Requiem von Giuseppe Verdis Oper „Don Carlo“ (1867) unter Verwendung des “Requiems” von Alfred Schnittke (1977) am Großen Haus des Theaters Münster den König ins Zentrum und deutet auf sein Versagen voraus.

Theater Münster / Don Carlo - hier Stephan Klemm als ratloser König Philipp II. © Oliver Berg

Theater Münster / Don Carlo – hier Stephan Klemm als ratloser König Philipp II. © Oliver Berg

Verdis Oper fragt nach dem Verhältnis von menschlichem Leben und abstrakten Ideen, von Neigung und Pflicht, und so ist es nicht ganz willkürlich von Münsters regieführendem Generalintendant Peters und Generalmusikdirektor Berg, König Philipp II. von Spanien (Stephan Klemm) ins Zentrum ihres „Don Carlo. Ein Requiem“ zu stellen. Denn er trägt diesen Konflikt durchgängig und in seinem zentralen Monolog „Ella giammai m’amo!“ ergreifend aus, ohne ihn allerdings angemessen zu bewältigen.

Zwischen Pflicht und Neigung  zu stehen, seine Leidenschaften regieren zu können und eine auf Einsicht gegründete Balance mit den Anforderungen der Realität zu finden ist ein unbedingt menschlicher Grundkonflikt. Es gehört zum Erwachsenwerden, ihn immer riskant und oft auch schmerzhaft zu lösen

Theater Münster / Don Carlo - hier Filippo Bettoschi als Posa weist Carlo (Garrie Davislim) auf seine Pflichten hin. © Oliver Berg

Theater Münster / Don Carlo – hier Filippo Bettoschi als Posa weist Carlo (Garrie Davislim) auf seine Pflichten hin. © Oliver Berg

Alle Figuren um Philipp unterwerfen sich ihrer je eigenen Pflicht. So hat ihn seine Frau Elisabeth (Kristi-Anna Isene) des hohen Zieles Frieden zwischen Spanien und Frankreich wegen geheiratet und entsagt ihrer Liebe zu seinem Sohn Carlos, mit dem sie verlobt war. Rodrigo von Posa (Filippo Bettoschi) opfert sein Leben für das Ziel, die Freiheit für Flandern zu erreichen, und der Großinquisitor (Christoph Stegemann) lebt nur noch für die Herrschaft der Kirche. Selbst Carlos (Garrie Davislim), der fast bis zum Ende seiner Liebe zu Elisabeth unterworfen ist, ringt sich schließlich dazu durch, sein Leben der Pflicht zu widmen, die ihm Posa auferlegt hatte, die Freiheit erst Flanderns und später Spaniens zu erkämpfen. Nur vom Standpunkt einer hedonistischen Spaßgesellschaft aus kann der Übergang von der Neigung zur Pflicht als Schritt hin zum Tode begriffen werden.

Wie das Programmheft, das alle Gestalten im „Don Carlo“ als unter der Macht des Todes stehend beschreibt, legt das jedoch die düstere Einheitsbühne Rifail Ajdarpasics nahe. Sie ist ein bunkerartig düsterer Raum mit astlosen, in Kamine eingemauerten Baumstämmen, deren herbstliches Blattwerk wie aus einer anderen Welt durch Öffnungen in der Decke heruntersegelt. Ein Grabhügel unter Laub, ein wie ein Kreuz  hineingerammtes Schwert und ein Sarg sprechen überdeutlich von Tod.

Modrige Todeskühle überzieht auch die Inszenierung, legt sich auf das Spiel und den Gesang. Garrie Davislim als Carlo überzeugt in seinen lyrischen Partien, lässt aber alle Leidenschaft eines verzweifelt Liebenden vermissen. Auch Filippo Bettoschi als Posa lässt erst im Tod seinem warmen Bariton freien Lauf. Und Stephan Klemm als Philipp ist nur stimmlich mit seinem fest gegründeten Bass ein König. Er verkörpert statuarisch eher einen saturierten Bürger, der sich Sorge um die Treue seiner Frau macht. Er sieht die politische Lage, das Verhältnis zu seiner Frau und seinem Sohn völlig richtig. Darauf weisen die Schnittke-Partien musikalisch eindringlich, wenn auch szenisch kaum überzeugend hin. Aber Philipp versagt auf der ganzen Linie: Die Treuepflicht seiner Gattin gegenüber erfüllt er so wenig wie seine Vater- und Herrscherpflicht. Er hat vor allem Probleme mit der eigenen Gedankenfreiheit, bedient sich zwar seines eigenen Verstandes, wagt es aber nicht, seinen Einsichten die angemessenen Handlungen folgen zu lassen. Das Schwert, das er gegen den Großinquisitor erhebt, lässt er verzagt wieder sinken. Am Ende kuscht er vor der Macht des Großinquisitors, den Christoph Stegemann so gibt, wie man sich einen König vorstellen könnte, elegante Statur, kräftiger Bass.

Theater Münster / Don Carlo - hier Vor dem Großinquisitor (Christoph Stegemann) kuscht der König (Stephan Klemm) © Oliver Berg

Theater Münster / Don Carlo – hier Vor dem Großinquisitor (Christoph Stegemann) kuscht der König (Stephan Klemm) © Oliver Berg

Auch Kristi-Anna Isene, in unschuldiges Weiß gekleidet (Kostüme: Ariane Isabell Unfried), spielt Elisabeth wie in ihrer Entsagung erstarrt und ergreift erst am Ende bei ihrer Arie „Tu che la vanità“ mit klarem, in den Höhen etwas spitzem Sopran. Nur die Prinzessin Eboli (Monika Walerowicz) entzieht sich der allgemeinen Kühle und liefert mit ausdrucksstarkem Mezzo, vor allem auch in ihrer Arie „O don fatale!“ das Bild einer leidenschaftlichen, ihren Gefühlen folgenden Frau; dafür erntete sie den stärksten Beifall des Abends.

Verlagert die Regie Ulrich Peters’ die Konflikte mehr in die Psyche des Königs und entzieht der Handlung so die Lebenswärme, so kühlt  Golo Berg am Pult des Sinfonieorchesters Münster die Musik entsprechend herab. Was an Italianita aufscheint, wird durch die Einschübe des „Requiems“ von Alfred Schnittke (1934 – 1998) nicht nur beim großen Autodafé ausgebremst. Bei aller Nähe von Schnittkes „Requiem“ zu Schillers „Don Carlos“ liegt der ganzen Aufführung ein unerklärlicher Mangel an Zutrauen in Verdis ausgewogene Komposition zu Grunde, der durch keine szenisch-psychologische Verdeutlichung gerechtfertigt wird. Vielmehr wird so diesem „Don Carlo. Ein Requiem“ das Leben ausgetrieben.

Die in der gekürzten Mailänder Fassung gespielte, italienisch und lateinisch gesungene, deutsch übertitelte Oper dauert dreieinviertel Stunden.

 Don Carlo am Theater Münster; weitere Vorstellungen 11.11.2017; 17.11.2017; 12.12.2017; 22.12.2017; 25.12.2017; 05.01.2018; 02.02.2018

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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