Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán, 01.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán

– Der Zusammenbruch der KuK-Monarchie  als Realsatire –

von Ingrid Freiberg

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Knapp zehn Jahre nach dem Erfolg seiner Csárdásfürstin kehrte Emmerich Kálmán kompositorisch mit Gräfin Mariza – nach Ausflügen ins kühle Holland (Das Hollandweibchen) und ins lebenslustige Paris (Die Bajadere) – in sein heimatliches Ungarn zurück. Er legte seine Operette, zusammen mit seinen Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald, die ihm mit dem Stoff zwei Jahre hinterherliefen, in die Entstehungszeit 1924, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Als gekonnt erfundene ungarische Folklore mit Foxtrott-Rhythmen, Zigeunergeigen, Grafen, Baronen, Komtessen, livrierten Dienern spielt die Geschichte auf einem Landgut: Die kaiserlich-königliche Husaren-schneidigkeit und die schillernde Welt der einstigen Donaumonarchie büßt dabei, obwohl sie bereits vor hundert Jahren zu Grunde ging, nur wenig von ihrem Charme ein. Hingegen rückt die Puszta, in Gräfin Mariza vielbeschworenes Symbol für eine heile Kindheit, das unberührte Landleben und die Ursprünglichkeit allgemein an den Rand des Reiches. Für Graf Tassilo, den verarmten Grafen, ist die Glitzerwelt schmerzlich außer Reichweite, die Besitztümer seiner Familie sind verkauft, Vergnügungen kann er sich nicht mehr leisten. Sein Leben bewegt sich zwischen Rausch und Bankrott, Liebe und verletztem Adelsstolz. Als Verwalter eines Landgutes will er nun die Mitgift für seine Schwester sichern. Kálmán karikierte eine Gesellschaft, deren Hierarchie sich neu sortieren muss. Es ist eine Realsatire, die den Zusammenbruch der Monarchie Österreich-Ungarn beschreibt, Adelsfamilien verloren ihr Vermögen und büßten zudem per Adelsaufhebungsgesetz von 1919 ihre Adelstitel – bis heute – ein.

Gräfin Mariza – Emmerich Kalman
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Operettenredaktion BR-KLASSIK vergibt den „Frosch des Jahres 2018“

Die Inszenierung von Thomas Enzinger, die bereits 2014 an der Volksoper Wien zu sehen war, verbindet kunstvoll Humor, Gefühl und furiose Tanzeinlagen. Witzige, pointenreiche Dialoge wahren den Charakter der Operette, die durch das Regiekonzept an Tiefe gewinnt. Es ist spürbar, dass die scheinbare Fröhlichkeit oft ein „Lachen unter Tränen“ ist. Seinen furchtlosen Umgang mit der Gattung Operette zeichnet Enzingers handwerklich perfekte Wiesbadener Inszenierung aus. Mit viel Liebe zum Detail erzählt er die originale Geschichte. Im Prolog, noch vor der Ouvertüre, singt die Zigeunerin und Kartenlegerin Manja (Saem You) melancholisch „Glück ist ein schöner Traum“. Ihre blitzsaubere Auftrittsarie lässt aufhorchen. Ein Zigeunerprimas (Anton Tykhyy) ist zu hören – ein kleines Mädchen (Viktorine Marsolek) und Tschekko, ein alter Diener (Gottfried Herbe), der ihr einfühlsam die Liebesgeschichte von  Mariza und Tassilo erklärt, begleiten fortan die Szene. Die beiden treten einige Male aus der Operettenhandlung heraus und bilden durch die Fragen des Kindes eine erzählerische Klammer, die das Wesen der Liebe immer wieder aufgreift. Würden sich Mariza und Tassilo nur ein einziges Mal zur Aussprache treffen, wäre die Operette sehr bald erzählt. Stattdessen tanzen und sehnen sie sich zurück zu den Zeiten, in denen sie glücklich waren: „Einmal möchte‘ ich wieder tanzen, so wie damals im Mai…“ Nach diesem Duett beginnen sich ihre Gefühle wie unter einer verkrusteten, verhärteten Lavaschicht zu regen… Brillant zeichnet Enzinger die Figur des Baron Koloman Zsupan, der in einer furiosen Choreografie mit klappernden Mistgabeln rappt und an einem unsichtbaren Seil acht Doppelgänger über die Bühne zieht. Der dritte Akt mit Désirée Nick als schönheitsoperierter Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetzund Penižek (Klaus Krückemeyer) als ehemaligem Theaterkritiker liefert überdrehtes Operetten-Kabarett. Die vorzüglichen Lichtstimmungen von Klaus Krauspenhaar und Sabine Wiesenbauer steigern verheißungsvoll den Handlungsverlauf.

Enzinger und Toto (Bühne, Kostüme) lernten sich vor 17 Jahren kennen. Es war die Geburtsstunde ihres fruchtbaren Wirkens für die Operette, die immer seltener auf den Theaterspielplänen steht. Dabei ist sie höchst anspruchsvolles Boulevardtheater: Gesang, Dialoge, Witz und Sehnsüchte müssen überzeugend zum Publikum getragen werden. Das ist den beiden wieder einmal gelungen! Gräfin Mariza besticht durch Einfallsreichtum und Dichte der Melodien. Feurige Csárdásrhythmen, melancholische Zigeunermusik und „Schlager“ sorgen für schwungvolle Unterhaltung, treiben die turbulenten Verwirrungen um die große Liebe voran. Es sind romantische Gefühle, die man im Alltag oft vermisst. Dieser Glamour und das Gefühl, von der Musik umgarnt und getragen zu sein, führt zu Hochgefühl und guter Laune! Dem Affen wird reichlich Zucker gegeben – so reichlich, dass der Zuschauer auch durch seine Lachtränen hindurch noch die Virtuosität bemerken kann, mit der Emmerich Kálmán wie auch seine beiden Librettisten ihr Métier beherrschten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Toto entschied sich für einen prachtvollen Landschlossklassizismus mit mehreren Portalen. Die Drehbühne zeigt im raschen Wechsel eine Treppenanlage, auf der sich der Chor wirkungsvoll aufstellt, wie auch einen Lustgarten mit zarten Rosen. Zu den feurigen Klängen sind elegante Damen in Abendroben mit Hut und Federboas, Herren im Frack, geigende und tanzende Zigeuner im Kaminzimmer, der Kinderstube und im Salon mit weißen Rüschen-Vorhängen zu erleben… Die eleganten Kostüme der Gräfin – im 20iger Jahre Stil, der Zeit der Uraufführung – sind farblich wundervoll auf ihr rotes Haar abgestimmt.

Tanzsequenzen von Charles Kálmán und Modetänze von  Emmerich Kálmán  choreografiert Evamaria Mayer mit Schwung und großem Einfühlungsvermögen für die Musik. Großartig ihre Übertragung vom ungarischen Csárdás ins Scat- und Rapartige! Die Operette wird von acht Tänzerinnen und Tänzern (Janina Clark, Nathalie Gehrmann, Sofia Romano, Helena Sturm, Davide de Biasi, Valerio Porleri, Manuel Gaubatz, Christian Meusel, Myriam Lifka – Dance Captain) glänzend aufgemischt. Sie sind, wie der Zigeunerprimas, ganz in schwarz gekleidet. Folkloristische Farben werden nur dezent berücksichtigt. Mal als Zigeuner, mal als Tanzensemble in eleganten Kleidern mit tanzenden Schirmen im Tabarin, wo sich die Schönen und Reichen treffen, amüsieren sie das Publikum. Ihre heißblütigen Tanznummern sind voll mitreißender Dynamik…

Thomas Enzinger erhielt für seine Inszenierung von der Operettenredaktion BR-KLASSIK den „Frosch des Jahres 2018″. Die Auszeichnung wird seit Beginn des Jahres 2016 von der Jury der Redaktion Operette verliehen und zeichnet Monat für Monat nach eigener Definition „besonders gut gemachte, zeitgemäße und frische Operettenproduktionen“ aus. Die Redaktion gratulierte auch dem Intendanten und allen Ausführenden zu diesem opulenten Operettenfest.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Es bleibt kein Auge trocken…

Mit Sinnlichkeit, Schmelz und eloquenter Deklamation gibt Sabina Cvilak eine überlegte, fein ausdifferenzierte Darstellung der Gräfin Mariza. Sie präsentiert sich mit ihrem frischen Sopran effektvoll zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlen und brilliert gleich in ihrem Auftrittslied. Mühelos setzt sie ihre Töne, frei von Übertreibung. Ihre Schönheit, ihr Reichtum und ihre Kapriolen sind eine Absage an Mitgiftjäger, die sich einschleichen wollen. Als sie sich zum wiederholten Male auch von Tassilo betrogen sieht, ohrfeigt sie ihn mit einer großen Summe Geldes.

Wenn Gräfin Mariza und ihr Gutsverwalter Bela Törek, der in Wirklichkeit Graf Tassilo von Endrödy-Wittemburg ist, ihr schmachtendes „Sag ja…“ singen, wenn Marco Jentzsch mit seinem jugendlich frischen Timbre aus dem Vollen schöpft, bleibt kein Auge trocken. In sauber intonierter Entrücktheit singt er „Komm Zigan…“, „Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier“. Dem melancholischen Ehrenmann kommt zugute, dass er die Ohrwürmer des Abends zu singen hat. Immer wieder schwärmt er mit tenoralem Stimmenglanz und auffallend klarer Artikulation von seinen Zeiten als fescher Reiteroffizier in der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie.

Köstlich balzend empfiehlt sich Björn Breckheimer als tragikomischer Fürst Populescu. Er bereitet die Verlobungsfeier seiner Angebeteten, Gräfin Mariza, mit dem angeblichen Baron Koloman Zsupan vor, fragt sie aber auch, ob er nicht der Glückliche sei, in den sie sich verliebt habe. Um zum Erfolg zu kommen, scheut er weder Kosten noch Mühen. Erst nach einer durchzechten Nacht gesteht er seinem Saufkumpanen Zsupan, dass er immer noch unsterblich in eine Fürstin verliebt sei, die er seit Jahren nicht gesehen hat. In der Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz erkennt er alsbald seine Jugendliebe wieder, sein „Maiglöckchen!“, dem er sofort einen Heiratsantrag macht – ihren Diener Penižek heiratet er gleich mit, weil er dessen Lächeln und Mimik in der Ehe braucht.

Björn Breckheimer, Sänger, Schauspieler und früherer Solotänzer meistert die anspruchsvolle Partie glänzend. Umwerfend, quicklebendig, mit Rampensaupotential und hoher Flexibilität präsentiert er die beredten Schattierungen seines Baritons. Grandios unterstreicht Erik Biegel als Baron Koloman Zsupan mit angenehmer Tenorbuffo-Stimme sein komisches Talent. Als vermeintlicher Baron in roter Lederjacke tobt er als Wirbelwind in einem unglaublichen Parforceritt über die Bühne, tanzt wie der Teufel… Sein köstlicher ungarischer Akzent überzeichnet humorvoll die Figur. Einer der Höhepunkte des Abends ist der bereits erwähnte Mistgabel-Rap. Wiederholt bekommt Biegel Szenenapplaus. Nach seiner zunächst tollpatschigen Annäherung an Lisa endet sein Werben mit einem berührend gesungenen „Ich möchte träumen von dir, mein Puzikam“. Die Lisa von Shira Patchornik ist eine unbekümmerte junge Frau, die unreflektiert der Handlung und ihrer Liebe zu Zsupan freien Lauf lässt. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und Klarheit der Diktion. Mühelos mit jugendlich strahlendem Sopran überzeugt sie im Zusammenspiel mit ihrem Bruder Tassilo „Brüderlein, Schwesterlein“, „Sonnenschein hüllt dich ein – O schöne Kinderzeit“ und mit Zsupan  „Junger Mann ein Mädel liebt – Behüt dich Gott komm gut nach Haus“.  Die Vertrautheit mit ihren beiden Bühnenpartnern ist spürbar. Thomas Jansen als Karl Stephan Liebenberg ist ein distinguierter Lebemann, der nicht verstehen kann, dass sein ehemals lebenslustiger Freund Tassilo seinen gesamten Familienbesitz veräußern will. Dennoch regelt er alles für ihn.

Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der Erbtante Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz (Désirée Nick), die auftaucht, um ihren Neffen und dessen Liebe zu retten. Im 3. Akt hat das Sprechtheater ein Übergewicht gegenüber der Musik. Ihrem Typ entsprechend erscheint die Fürstin äußerst extravagant, ganz Diva zeigt sie ihre langen Beine und rückt damit die Operette in die Nähe einer Revue. Für Désirée Nick wurde aus Kálmáns Herbstmanöver ein Entrée-Couplet eingefügt und mit einem neuen Text versehen, der den Schönheitswahn bei reifen Damen „Fünf Operationen und dann die nächste gratis…“ aufgreift. Ihr Gesicht ist nach den vielen Hautstraffungen so starr geworden ist, dass sie zum Lachen ihren schrägen Diener Penižek (Klaus Krückemeyer) braucht, der nicht nur ihrer Mimik Ausdruck verleiht, sondern auch als vormaliger Theaterkritiker, mit Sinn für Humor und Zitate aus der Literatur, das Geschehen kommentiert. Das ist grotesk komisch und gibt viel Raum für Lacher.

Gräfin Mariza und Graf Tassilo im Gespräch
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Operettenglanz  – Operettenglamour

Der Chor des Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne ist makellos einstudiert, wächst über sich hinaus und begeistert mit mitreißenden Tanznummern. „Heut‘ betrügen wir die Nacht, getanzt wird und gelacht, wenn der Champagner kracht! Heute ist uns alles ganz egal, heute schlafen wir im Nachtlokal! Heut‘, so lang die Welt noch steht, weil sie vielleicht schon morgen zum Teufel geht…“ Das alles: Gesang, Timing und Tanz bringt nostalgischen Operettenglanz und -glamour der Zwanzigerjahre auf die Bühne, wie man ihn von alten Filmen her erahnen kann. Eine tolle Leistung!

Das gilt auch für das unter der Musikalischen Leitung von Christoph Stiller subtil und schmissig aufspielende Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Stilistisch wendig und hochengagiert bringt das Orchester den Charme der Partitur und weitere Klangdelikatessen zum Leuchten. Den Musikern wird eine enorme Fülle an Artikulationsweisen entlockt, mit viel Atem für die liedhaften Rundungen der Form. Das ergibt einen vollsüffigen Mix aus Foxtrott und Walzer, Csárdás und Blues, Slowfox und Boston, Wiener Operettenso und und pseudoungarischer Folklore. Die Stunden vergehen  im Flug.

Sehr viel Zwischenapplaus und Standing Ovations! Wer diese Aufführung nicht bester Laune verlässt, dem ist nicht zu helfen.

Gräfin Mariza am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 1.2.; 18.6.; 26.6.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Linz, Landestheater Linz, Premiere POLNISCHE HOCHZEIT BLACKBOX MUSIKTHEATER, 16.03.2019

Februar 13, 2019 by  
Filed under Landestheater Linz, Operette, Premieren, Pressemeldung


Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

POLNISCHE HOCHZEIT | OPERETTE IN DREI AKTEN UND EINEM VORSPIEL VON JOSEPH BEER
INSZENIERUNG GREGOR HORRES
PREMIERE SA 16. MÄRZ 2019, 20.00 UHR, BLACKBOX MUSIKTHEATER

Operettenpremiere „Polnische Hochzeit“ von Joseph Beer am 16. März 2019 in der BlackBox des Musiktheaters. Regie führt Gregor Horres. Martin Braun dirigiert das Bruckner Orchester Linz.

Wer war Joseph Beer? 1937, als „Polnische Hochzeit“ mit riesigem Erfolg uraufgeführt wurde, war er für einige Monate die große Hoffnung der Operette. Im Jahr darauf erstarkte der Einfluss der Nationalsozialisten aber so weit, dass er als Jude Österreich verlassen musste und seine Werke nicht mehr aufgeführt werden durften. Beer konnte und wollte nach 1945 an diese Erfolge nicht anknüpfen, sodass seine Werke heute Geheimtipps sind, die jedoch schnell verführen und ihre lustvoll-krea­tive Umsetzung erwarten.


POLNISCHE HOCHZEIT
OPERETTE IN DREI AKTEN UND EINEM VORSPIEL VON JOSEPH BEER
Text von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda
In deutscher Sprache
Eine Produktion des Oberösterreichischen Opernstudios

Premiere Samstag, 16. März 2019, 20.00 Uhr
BlackBox Musiktheater

Musikalische Leitung Martin Braun
Inszenierung Gregor Horres
Bühne und Kostüme Jan Bammes
Dramaturgie Anna Maria Jurisch

Kinderchoreinstudierung Ursula WincorBaron Mietek Oginsky Philipp Kranjc, Jadja Svenja Isabella Kallweit, Graf Staschek Zagorsky Michael Wagner, Graf Boleslav Zagorsky Rafael Helbig-Kostka, Suza Florence Losseau, Casimir Timothy Connor, Hauptmann Korrosoff Dominik Nekel, Stasi Etelka Sellei, Stani Seunggyeong Lee, Zdenka Martha Matscheko, Wladek Florens Matscheko

Kinder- und Jugendchor des Landestheaters Linz, Statisterie des Landestheaters Linz, Bruckner Orchester Linz

Polnische Hochzeit erzählt eine beinahe universelle Operettengeschichte: Der polnische Freiheitskämpfer Boleslav kehrt inkognito in die Hei­mat zurück, um seine Jugendliebe Jadja zu finden. Diese ist aber dem Schwerenöter Staschek versprochen, der die zünftige polnische Hoch­zeit schon plant. Die komischen, dramatischen und haarsträubenden Verwicklungen hüllt Beer in Musik, die zwischen Operettenglanz und Moderne oszilliert, sich unverhohlener Romantik hingibt und dabei Ausflüge zu Volksmusik, Klezmer und Jazz unternimmt.

—| Pressemeldung Landestheater Linz |—

Flensburg, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, GRÄFIN MARIZA – Emmerich Kalman, 19.01.2019

Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

GRÄFIN MARIZA –  Emmerich Kálmán

Premiere am 19.1.2019 im Stadttheater Flensburg

Die steinreiche Gräfin Mariza erfindet einen Verlobten namens Baron Koloman Zsupán, um sich lästige Mitgiftjäger vom Leib zu halten. Die angebliche Verlobung will sie auf ihrem ungarischen Landgut feiern und fällt aus allen Wolken, als der fiktive Baron plötzlich vor ihr steht. Wer kann denn auch ahnen, dass dieser Mensch wirklich existiert? Die Verwirrungen und Verwicklungen nehmen ihren Lauf, denn auch ein neuer Gutsverwalter beansprucht die Aufmerksamkeit der Gräfin. Der verarmte Graf Tassilo arbeitet inkognito bei ihr, um seiner Schwester Lisa (die von der familiären Notlage um keinen Preis erfahren darf) eine Mitgift finanzieren zu können. Mariza findet Gefallen an Tassilo, wittert schließlich jedoch auch in ihm einen Mitgiftjäger, und Zsupán interessiert sich zunehmend für Lisa. Im Zuge einer wendungsreichen Handlung liebt, streitet und versöhnt man sich und überwindet nicht zuletzt Barrieren aus Standesstolz und Temperament.

Nach der CSÁRDÁSFÜRSTIN gelang dem ungarischen Komponisten Emmerich Kálmán, dem Schöpfer der „klingenden Doppelmonarchie“, 1924 mit GRÄFIN MARIZA ein weiterer großer Operettenerfolg. Als typisch ungarisch geltende, durch Csárdásrhythmen geprägte Musik verband er mit dem Wiener Walzer und kecken Modetänzen der 1920er-Jahre zu einem ganz individuellen Stil. Seine Musik changiert zwischen Dramatik und Sentiment, zwischen feurigen und melancholischen Tönen. Glanznummern wie „Komm mit nach Varaždin“, Lisas und Zsupáns Duett „Ich möchte träumen“ und Tassilos wehmütige Erinnerung „Komm, Zigány“ avancierten zu wahren Ohrwürmern. Und mal ehrlich: Es gibt wohl kaum ein flammenderes Zuneigungsbekenntnis als das von liebestrunkenen Ungarn: „… denn meine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft!”

Musikalische Leitung: Ingo Martin Stadtmüller, Inszenierung: Markus Hertel, Choreografie: Catalin Tiganasu, Ausstattung: Sibylle Meyer, Choreinstudierung: Bernd Stepputtis, Einstudierung Kinderchor: Oxana Sevostianova

Mit:   Gräfin Mariza: Amelie Müller, Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg: Christopher Hutchinson, Lisa, Tassilos Schwester: Christina Maria Fercher, Baron Koloman Zsupán, Gutsbesitzer: Fabian Christen, Fürstin Božena Cuddenstein zu Chlumetz: Eva Schneidereit, Fürst Moritz Dragomir Populescu: Markus Wessiack, Penižek, Diener von Tassilo: Jürgen Böhm*

Premiere – 19.01.2019 | 19.30 Uhr | Flensburg, Stadttheater

—| Pressemeldung Schleswig-Holsteinisches Landestheater |—

Berlin, Schlossparktheater, Paul Abraham – Musikalische Tragikomödie, IOCO Kritik, 21.11.2018

Schlosspark-Theater Berlin © Kerstin Schweiger

Schlosspark-Theater Berlin © Kerstin Schweiger

Schlosspark-Theater

Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin

Musikalische Tragikomödie um das wechselvolle Leben von Paul Abraham

Von Kerstin Schweiger

„Vor dem Lächeln der Soubretten schmilzt die ganze Weltmisere“, Alfred Grünwald im Programmheft zur Uraufführung von Paul Abrahams Operette Ball im Savoy.

Berlin, Wien, Paris, Casablanca, Havanna, New York – die Lebensstationen des Komponisten Paul Abraham lesen sich so exotisch wie die Schauplätze einer seiner Erfolgs-Operetten, mit denen er zu Beginn der 1930er Jahre für Furore sorgte. Doch das Leben des genialen Tonsetzers verlief nur bis zum Januar 1933 operettenhaft – mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde es für ihn wie für viele andere Künstler zur Tragödie.

Seit Barrie Kosky 2013 an der Komischen Oper in Berlin mit einer bejubelten Inszenierung und einer persönlichen Würdigung auf der Bühne am Ende dieser Premiere von Paul Abrahams  Ball im Savoy (youtube Trailer unten), ab März 2019 wieder auf dem Spielplan) die Wiederentdeckung seiner Musik eingeläutet hat, wird auch der Biografie des jüdisch-ungarischen Komponisten Paul Abrahams (2. November 1892 – 6.5. 1960)  wieder Beachtung geschenkt. Er teilte das Schicksal so vieler Komponisten, Textdichter, Künstler und Regisseure, die das Genre Operette zu einem der beliebtesten im politisch gebeutelten ersten Viertel des 20. Jahrhunderts machten.

 Abraham - Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

Paul Abraham – Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

„Die Nazis haben doch einen Krieg gegen die Operette geführt. Man kann doch keinen Krieg gegen die Operette führen. Was wollten sie denn spielen, wenn sie die jüdischen Operettenkomponisten nicht spielen durften?“, sagt Paul Abraham in Dirk Heidickes biographischem Theaterstück Abraham.

Am 12.September 1934 schrieb der Oberregierungsrat und spätere Reichsdramaturg Dr. Rainer Schlösser in einem Bericht an Reichsminister Goebbels: „Bei der Machtübernahme war die Lage auf dem Operettenmarkt so, dass 80% der Produktion sowohl musikalisch wie textlich jüdischen Ursprungs war. 10% war den Komponisten nach arisch, den Librettisten nach aber ebenfalls jüdischen Ursprungs. Die rein arischen Werke endlich dürften 10% nicht überstiegen haben. Unter diesen Umständen war es in der vergangenen Spielzeit nicht möglich, die jüdischen Bestandteile in der Operette restlos auszumerzen.“

In nur drei kurzen Jahren eroberte auch der ungarisch-jüdische Komponist Paul Abraham zwischen 1930 und 1933 die Bühnen der Stadt und das Berliner Publikum im Sturm. In Ungarn geboren, spielte Abraham neben dem Musikstudium in Caféhäusern und begleitete Stummfilme. Er schrieb 100 Schlager in der Woche. In der facettenreichen musikalischen Bühnenunterhaltungsindustrie der ausgehenden Weimarer Republik mit ihrem vielstimmigen Komponisten-Kreis fand er rasch irgendwo zwischen Lehár und Weill, Krenek und Künneke, Kálmán und Hollaender eine künstlerische Nische. Die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Lehár-Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda erwies sich als äußerst erfolgreich.

In enger Folge entstanden hier mit den Operetten Victoria und ihr Husar (1930), Blume von Hawaii (1931, youtube Trailer unten)) und Ball im Savoy (1932, youtube Trailer unten) drei Welterfolge, von deren Tantiemen sich Paul Abraham ein Haus in der Fasanenstraße leisten konnte.

„Es ist so schön am Abend bummeln zu geh’n“, „Ball im Savoy“, „Meine Mama ist aus Yokohama“, „Mr. Brown und Lady Stern“Abraham schrieb für seine Operetten Hit über Hit.

„Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“,  eines seiner bekanntesten Lieder aus Ball im Savoy, wurde für seinen Schöpfer nur zu schnell wahr. Direkt nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten verließ Paul Abraham 1933 Berlin. Zunächst floh er nach Budapest, wo ihn in einer Aufführung rechtsnationale Komparsen angriffen. Abraham verließ Ungarn allein, seine Ehefrau Sarolta Feszely sollte er erst 1956 wiedersehen.

Paul Abraham - Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

Paul Abraham – Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

Besonders perfide ist, dass Abraham fertige Schlager zurücklassen musste. Sein Chauffeur soll diese an andere Komponisten verkauft haben, die sich mit der Urheberschaft schmückten. Abraham wurde nicht nur seines Vermögens, sondern auch geistig enteignet. Über Paris floh er weiter nach Casablanca und von dort nach Kuba.

Schließlich erreichte er nach New York, nur die künstlerischen Vorzeichen, unter denen er in Europa so erfolgreich gewesen war, erwiesen sich hier als komplett verändert. Die von ihm als Novum in seine Erfolgsoperetten integrierten Jazzelemente, die dort mit einer Jazzband zusätzlich zum Orchester zu seinem Markenzeichen und Stil geworden waren, fanden in der amerikanischen traditionellen Rezeption wenig Anklang. Hier verband man europäische Operetten nicht mit uramerikanischen musikalischen Stilelementen. Abraham erkrankte schwer und erfuhr in einer psychiatrischen Klinik mehr als 10 Jahre lang Behandlungen. Auf Initiative mehrere deutscher Freunde konnte er zusammen mit 52 anderen erkrankten Emigranten schließlich 1956 nach Deutschland zurückkehren, wo er jedoch wenige Jahre später verstarb, ohne seine künstlerische Karriere fortsetzen zu können.

Das kleine Berliner Schlossparktheater stellte nun in einem mehrtägigen Gastspiel rund um den Geburtstag des Komponisten Anfang November 2018 in einer Produktion der Kammerspiele Magdeburg und der Hamburger Kammerspiele eine szenische Biografie des Komponisten vor. In filmschnittartigen Rückblenden und mit wenigen Requisiten erzählt Dirk Heidicke (Regie: Klaus Noack) in seiner szenischen Biografie  das Leben des Operettenkomponisten Paul Abraham und dessen tragisches Schicksal nach.

Ein leises Stück der eindringlichen Töne. In „Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin“ begibt sich Jörg Schüttauf, als Darsteller aus Theateraufführungen und zahlreichen TV- und Kinoproduktionen bekannt, auf leise und eindringliche Art auf die Spuren eines tragischen und rastlosen Lebens. Nur wenige Kilometer entfernt von Paul Abrahams früherem Wohnhaus in der Charlottenburger Fasanenstraße und den Schauplätzen seiner großen Erfolgsaufführungen an den Berliner Operettentheatern in der späten Weimarer Republik.


Ball im Savoy – Barrie Kosky Inszenierung an der Komischen Oper
Youtube Trailer der Komischen Oper Berlin
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Schüttauf zeigt sich als Darsteller von hoher Wahrhaftigkeit. Er gibt der tragischen Figur Paul Abrahams eine Leichtigkeit, die fast beiläufig die melancholische Grundstimmung seines Schicksals auslotet. Dabei bleibt er stets dicht an der Figur.

Susanne Bard ist ihm dabei in einer Vielzahl an Rollen eine adäquate Bühnenpartnerin. Ihr unbestrittenes komödiantisches Talent, das gelegentlich ins Überzogene abdriftet, ist jedoch am besten eingesetzt, wenn sie als Sarolta Feszely, Abrahams Ehefrau, präsent ist. Hier zeigt sie mit Ruhe und Nähe zum Protagonisten eine dichte Figur.

Zusammen mit Jens-Uwe Günther am Flügel vollziehen beide Abrahams Lebensreise rückwärts nach, blicken hinter die Geschichte seiner Lieder. Günther webt immer wieder behutsam Abrahams Melodien in den gesprochenen Text, wie Erinnerungen, die für wenige Minuten aufblitzen.

Das große Verdienst des Stückes ist es, die Geschichte Paul Abrahams exemplarisch nachzuerzählen für die Biographien so vieler anderer jüdischer Künstler mit ähnlichen Schicksalswegen. Im Stück geschieht das berührend konkret, wenn es z.B. um die jüdisch-stämmigen Librettisten Abrahams, Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald geht: Grünwald gelang noch rechtzeitig die Flucht, Löhner-Beda wurde ins KZ Buchenwald verbracht, wo er 1942 ermordet wurde. Den gemeinsamen Erfolg ihrer Operetten hat Löhner-Beda, der vergeblich auf eine Intervention seines langjährigen Kollegen und Komponistenpartners Franz Lehár gehofft haben soll, nicht erlebt. Abraham hat physisch überlebt, doch seine Seele und sein musikalischer Verstand haben die Verfolgung und Irrfahrt ins Exil nicht überstanden.

Am 5. Januar 1946 wurde er auf einer Verkehrsinsel in New York City verhaftet, wo er mit weißen Handschuhen ein imaginäres Orchester dirigierte.

Blume von Hawaii –  Paul Abraham
Youtube Trailer des TfN Hildesheim mit IOCO Rezension
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Die folgenden 10 Jahre, bis es einer Initiative seines Freundeskreises gelang, eine Einreisegenehmigung der bundesdeutschen Regierung zu erwirken, verbrachte er in einer Klinik in New York. In Hamburg lebte er bis zu seinem Tod 1960 wieder vereint mit seiner ungarischen Ehefrau in einer ruhigen imaginierten Welt, in der er Briefe über kommende Broadwayprojekte verfasste. Die Situation auf der Verkehrsinsel ist zu einer wiederkehrenden Spielsituation im Stück geworden. Jörg Schüttauf gelingt es, sie als tragisches Abbild von Paul Abrahams gestohlenem Leben lebendig zu machen.

Das Schlossparktheater

Das Schlossparktheater am ehemaligen Gutshaus Steglitz in Berlin Steglitz gelegen ist ein theaterarchitektonisches Kleinod mit Tradition und bewegter Geschichte. Ca. 1885 wurde das Gebäude des jetzigen Schlosspark Theaters vom Kaufmann Hans Heinrich Müller auf dem Gelände des Wirtschaftstraktes des Wrangelschlösschens (Gutshaus Steglitz) erbaut und zunächst als Tanzsaal und Restauration genutzt. 1921 fand nach einem Umbau das Theater mit 440 Plätzen in diesem Gebäude eine neue Unterkunft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1945 führte Boleslaw Barlog das Theater 27 Jahre, bis 1972; er inszenierte dort über 100 Stücke. Zum damaligen Ensemble der „Stunde Null“ gehörten unter anderem Hildegard Knef, die im Schlossparktheater ihr Theaterdebüt gab, Klaus Kinski und Martin Held. In der Nachkriegszeit feierten deutschsprachige Erstaufführungen berühmter zeitgenössischer Dramatiker hier Premiere, so zum Beispiel 1953 Samuel Becketts bekanntes Stück Warten auf Godot in der Regie von Karl Heinz Stroux. 1950 wurde das Schlossparktheater als Teil des Schillertheaters zum Staatstheater ernannt und war dessen kleinere Spielstätte. Zum legendären Ensenble gehörten dann Klaus Kinski, Erich Schellow, Johanna von Koczian, Klaus Kammer, Gudrun Genest, Bernhard Minetti, Berta Drews, Walter Franck, Marianne Hoppe, Carl Raddatz, Arthur Wiesner und Peter Ustinov. Nach der Schließung der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin im Jahre 1993 wurde das Schlossparktheater als Privattheater mit staatlichen Zuschüssen betrieben. Aus der Konkursmasse der nach der Wende abgewickelten Staatlichen Schauspielbühnen übernahm zunächst Heribert Sasse das Schlossparktheater als Privatbühne. Ab 2004 war der Unterhaltungskonzern Stage Entertainment, für kurze Zeit Partner des Schlossparktheaters. Unter  der künstlerischen Leitung von Regisseur Andreas Gergen fand dort u.a. die gefeierte Deutsche Erstaufführung des Musicals Pinkelstadt  statt. Im Dezember 2008 übernahm der Kabarettist und Schauspieler Dieter Hallervorden das Schlosspark Theater, um es unter seiner Leitung als Sprechtheater ohne festes Ensemble zu bespielen. www.schlossparktheater.de

—| IOCO Kritik Schlosspark-Theater Berlin |—

 

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