ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay – Teil 6, 05.06.2021

Juni 7, 2021 by  
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Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons – ArchaiOptix

ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT

IOCO Serie – von Peter M. Peters

Teil 1 – Der orphische Weg – erschienen am 01.05.2021 

Teil 2 – Orpheus und seine Legende – erschienen am 8.5.2021 

Teil 3 – Die Fabel des Ange Politien – 15.05.2021 

Teil 4 – Der Orpheus des Christoph Willibald Gluck

 Teil 5  –  Orpheus –  Ein erstaunlicher Erfolg

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Teil 6  –  Offenbach oder die Provokation des Lachens

Das Lachen bei Jacques Offenbach ist ein „ernsthafter Witz“, der sich auf andere musikalische Formen bezieht. Sein Werk Orphée aux Enfers (Orpheus in der Unterwelt) befasst sich ohne Umwege mit dem Mythos der Oper und spielt auf aktuelle Ereignisse und eine subtile Manipulation der bildenden Künste und vor allem der Mythologie an.

Das Lachen bei Offenbach ist ein Gericht, das kalt gegessen werden muss! Es ist die Rache eines Musikers an der Großen Musik seiner Zeit, die von Giacomo Meyerbeer (1791-1864) und anderen Gaetano Donizetti(s) (1797-1848), die Rache eines echten Musikers. Einem Vollblutkünstler, der mit seinen volkstümlichen Vorstadtliedern ein ganzes operettenhaftes Second Empire als Sohn eines Deutschland mit wahren Kaisern, die bürgerliche (oder humanistische) Kultur mit großer Frechheit als ein offizieller Hofnarr verspottete…

Es genügt zu sagen, dass Offenbachs Lachen zu seiner Linken wie zu seiner Rechten durch ein Gewirr von Wiedersprüchen entsteht, eine Quelle unaufhörlicher Missverständnisse, die den Drang zum Scherzen schnell beseitigen…

Missverständnisse über den Stil…!

Weder Operette noch komische Oper, nicht wirklich burleske Oper, die Offenbachiade (um Siegfried Kracauers (1889-1966) Terminologie zu verwenden) entwickelt sich in einem kulturellen Minenfeld und bereits die Neufassung von 1874 trägt den pompösen Titel Märchenoper (Opéra-Féérie). Jedoch Offenbach nutzt niemals das versteckte Schmunzeln beim Vorübergehen… (wie auf dem Boulevard), die Lächerlichkeit eines Abenteuers… (wie in der Opéra Comique), die Leichtigkeit eines Tanzrhythmus… (wie in der Operette), das Feierliche der großen Form… (wie in der französischen romantischen Oper). Nein, nur durch Provokation, aber sofort als Unverschämtheit entschärft und sobald sie ins Leben gerufen wurde, von ihrem Ziel als unentgeltliche Parodie abgelenkt…

Die Parodie ist daher der geometrische Ort dieser Einflüsse, um den übermäßig bombastischen Musiker, den offiziellen überzogenen Dichter oder den maßlosen empörten Bürger zu provozieren… Aber wenn Offenbach auch hart zuschlägt, ist es immer zum Spaß: das Lachen eines Rigoletto / 1851 (Giuseppe Verdi / 1813-1901), der sich über Paillasse / 1892 (Ruggero Leoncavallo / 1857-1919) lustig macht, oder aber auch von einem Pagageno, der sich die Arien von Figaro ausleiht.

Jacques Offenbach von Édouard Riou und Nadar © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach von Édouard Riou und Nadar © Wikimedia Commons

Missverständnisse im komischen Bereich

Unabhängig davon, ob es sich um musikalisches Schreiben oder um die Behandlung des Librettos handelt, funktioniert die Offenbachiade in erster Linie in Bezug auf die Referenz, deren Vorkenntnisse durch das Publikum oder ihre direkte Nutzung auf der Bühne für das Gewissen eines Jeden und damit für das Lachen von wesentlicher Bedeutung ist. Musikalisch entwickelt sich das Komponieren von Offenbach in der Karikatur, entweder von der Grand Opéra, die man in dieser Situation zitieren kann (der Chor in La Favorite / 1840 (Donizetti), wiederholt sich in La Périchole / 1868), oder die sentimentalen Lieder der Café-Concerts (La Chanson de Fortunio / 1861), oder sogar der tänzerische Galopp (Can-Can / 1868). Wir könnten also schematisiert sagen, dass immer alles auf eine dieser drei musikalischen Figuren reduziert wird und ihr dann die Form geben. Die Musik von Offenbach erscheint daher nur selbst durch die Werke  anderer  Komponisten und das bis einschließlich Les Contes d’Hoffmann (1881). In Orphée aux Enfers ist die Parodie jedoch streng genommen demonstrativ, da es darum geht, den Mythos der Oper, den des Orpheus, anzugreifen. Bei der Interpretation, die nach Definition für die Übermittlung der Bedeutung des Werks zuständig ist, ist es Sache der Bühne, der Öffentlichkeit und nicht dem Programm, über das Werk zu sprechen. Wir werden uns daher hier damit begnügen, kurz auf die Komplexität des gestellten Problems hinzuweisen, ohne zu entwickeln, wie wir es gewählt haben – oder abgelehnt haben! – um es zu lösen…

Leseprobleme in Offenbachs Werk

  Eindeutige Sicht: Die Anspielung auf aktuelle Ereignisse

Es wird manchmal ins Absurde gedrängt. Wenn z.B. Eurydike im ersten Akt des Orphée aux Enfers ihre Anrufung an den Tode singt: „Der lächelnde Tod erscheint mir… ich werde wiedergeboren statt zu sterben…“, ist es vielleicht für die Eingeweihten weniger eine Anspielung auf La Traviata (1853), denn auf einen Stadtklatsch einer aktuellen Nachricht: Eine skandalöse Statue von Auguste Clésinger (1814-1883), die 1847 nach dem nackten Körper von Apollonie Sabatier (1822-1890), einer koketten mondänen Salondame unter den Künstlern, modelliert wurde. Diese Frauengestalt war offensichtlich in einem vollen Orgasmus und trug den folgenden Titel: Femme piquée par un serpent (1847). Wenn wir gut suchen, finden wir tatsächlich die Schlange! Und wenn wir uns den Text von Eurydikes Arie genauso gut ansehen wie ihre Statue, finden wir genauso zweideutige Resonanzen…

Ein kleiner Seitenhieb des Tages: Wir wissen, dass die Arie in Prosa für Pluto geschrieben wurde, um den Kritiker Jules Janin zu verspotten, von dem er eine hochtrabende Beschreibung des Olymp entlehnte, die Crémieux der Presse enthüllte, sobald der giftige Artikel von Janin nach der Premiere erschien. Eine Arie in Prosa und nicht in Versen, wie es die Gattung gerne wollte: Pluto nimmt den Olymp mit beißendem Spott auf die Schippe und findet ihn „prosaisch…“

OFFENBACH – Gala Finale – Jacques Offenbach
Youtube musicca75 – Les Musiciens du Louvre Grenoble
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Zweideutige Sicht: Die manipulierte Parodie gilt in den schönen Künsten

Ein einziges Beispiel aus dem Kapitel Mythologie: Jupiter, d.h. natürlich Napoléon III. selbst (der Adler, der Geschmack für außereheliche Eskapaden, usw.) verwandelt sich im 3.Akt in eine Fliege und nicht in eine Biene, wie man es erwarten könnte mit dem Symbol des Premier und Second Empire. Wenn das Finale des dritten Aktes mit einem Ballet des Mouches endet, dann deshalb, weil es in Saint-Cloud ein Ballet des Abeilles gegeben hatte, das für großes Aufsehen sorgte… Hier ist die Biene eine Fliege geworden (es ist natürlich bei Pluto im Reich der Toten!). In ähnlicher Weise verkleidet sich Pluto im ersten Akt als Imker (Aristaios), um sich Eurydike zu nähern. Der Kaiser war berühmt für seinen Geschmack der Verkleidung und seine nächtlichen Ausflüge waren manchmal sehr gefährlich. Hier kann man den Kaiser durch zwei antithetische Personen erkennen…

Auch ist die mythologische Episode von Aristaios zu uns gekommen, hauptsächlich durch Virgils Georgica, das zu dieser Zeit viel gelesen wurde. Darin wird erzählt wie Aristaios die Bienen erfunden hat, indem er sie in den Kadavern von Stieren zur Welt gebracht hatte.

Bienen werden also aus Fäulnis geboren… was Fliegen anzieht… Aber genau Aristaios hat in der Legende den Tod von Eurydike verursacht, weil er sie durch die Weizenfelder in der Nähe von Tempé verfolgt hat, um sie zu vergewaltigen. Die Mehrheit des Publikums der Epoche kannte genug aus der Mythologie, um über die Art und Weise zu lächeln, in der Crémieux und Halévy zwei verschiedene Episoden kombiniert hatten: Die von Aristaios/Eurydike und die von Pluto/Perséphone, der Tochter von Demeter (Cérès), der Göttin der Ernte, entführt von Hadès (Pluto), als sie Blumen auf einer Wiese pflückte (an die sich Eurydike in ihrer ersten Arie erinnert).

Für spezialisierte Mythologen ist das alles kompliziert, denn wir wissen dass Aristaios in der Tat der Vater von Actéon ist (erfreut über Diane im zweiten Akt) und dass er aus diesem Grund Boeotia hasste (in dem Styx, Erfindung von Offenbach, König ist d.h. König der Dummköpfe und auch aus diesem Grunde nannten die alten Griechen die Boeotiaer desgleichen.). Wir müssen ein wenig Mythologie kennen um Offenbach zu folgen, aber nicht zu viel! Außerdem ist die Unverschämtheit, mit der Offenbach die griechischen und römischen Namen der Götter vermischte, provokativ und wurde als solche empfunden. Nicht zu verwechseln mit den Karikaturen von Daumier, der sich über klassische Tragödien und Schauspieler lustig machte, aber nicht über klassische Kultur.

Jacques Offenbach von Robida © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach von Robida © Wikimedia Commons

Eine dreideutige Sicht: Opernparodie, mit Opern-Schlüsseln frei nach Offenbach, Opernkritik des Politischen und des Sozialen

Aber die Wertschätzung der Bedeutung von Referenzen wird für den heutigen Betrachter sehr heikel, da sich unsere Lesart dieser Parodie oder Kritik in einem Jahrhundert geändert hat… Die Verspottung der Götter der Antike (der Olymp hatte nichts Besseres zu tun als zu schlafen!) kann einen progressiven Charakter annehmen. Damals war es umgekehrt: Die romantische Schule von 1830 ( Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) malte L’Apothéose d’Homère / 1826/27), nicht mehr als die realistische Schule von 1870, brach nie mit der Antike als Vorbild und mit der Entdeckung der Ruinen von Pompeji, desgleichen die darauf folgende neoromantische Mode. Diese zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, fällt sogar mit – den wissenschaftlichen Entdeckungen – der wahren griechischen Poesie, mit den Tiefen der Mythen zusammen. Daher die Gewalt mit der Orphée aux Enfers von Offenbach bei der Oppositionspresse und den Studenten begrüßt wurde. Woran sich Émile Zola (1840-1902) in Nana (1880) erinnert: „Eine ganze Poesie, eine ganze Zivilisation, die in den dreckigen Schlamm gezogen wurde…„Frei nach Offenbach: Einer ganzen Gesellschaft von Emporkömmlingen, von Neureichen und Börsenspekulanten, die in ihrer Dummheit zusammen mit der kaiserlichen Hofgesellschaft im Namen von Bacchus (Dionysos) in ihrem eigenen Dreck ertranken.  Aber Dionysos ist auch Priester der Freiheit, Inspirator der großen Tragödien und nicht nur Priester des Weins und des Champagners..!

Jacques Offenbach Karikatur und die Tänzerin Emmy Livry © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach Karikatur und die Tänzerin Emmy Livry © Wikimedia Commons

So erschien der Orphée aux Enfers einigen seiner Zeitgenossen wirklich. Kein „crime de lèse-majesté“, sondern ein Sakrileg, eine Umkehrung von allem, was die Antike von Schönheit brachte. Denn nichts ist weiter vom Theater Offenbachs entfernt als ein sogenannter Moralrichter der Bühne („Castigat ridendo mores“) zu sein: Für Offenbach, Meilhac, Halévy, Crémieux ging es darum, „eine Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit gegen Langeweile zu gründen“, um ihren eigenen Ausdruck zu benutzen! Wenn die Götter die Revolution machen, dann ist es für den Erhalt der gleichen Nahrung, wie die der Schatten in Plutos Reich und es genügt für Jupiter sie dazu zu bringen, Spaß in der Unterwelt zu haben und nicht mehr wie zuvor zurückzukehren. Die Marseillaise (1795 / Rouget de Lisle / 1760-1836) erklingt in der Küche, nicht auf der Straße…!

Wir sind daher ziemlich weit entfernt von dem einzigen Wortspiel, kleine scharfe Punktierungen  gegen den kaiserlichen Hof zu schießen, indem wir normalerweise die Trübungen des Librettos zurückbringen. Denn alle Umschreibungen und Aktualisierungen sind gewissermaßen gerechtfertigt und hervorrufen streng genommen Missverständnisse  gegen die Bedeutung des Werkes, das gleichzeitig in eine enge Passage führt und  als obligatorisch erachtet wird für den Inhalt selbst… Die Situation wird noch komplizierter durch die Tatsache, dass die Version von 1874 das Material von 1858 in eine andere Richtung als das Original entwickelt: Orphée aux Enfers, die komische Oper wird zur Märchenoper. Die Parodie des Kaiserreiches ist mit einer Parodie der Republik verdoppelt (verlogener Gemeinderat, stehlende Polizei, korrupte Gerichte, die Ballette als großes Spektakel, usw.). Pluto nimmt eine republikanische Farbe an, die er 1858 nicht hatte, das parodistische Menuett vom 18. Jahrhundert im ersten Akt (die Kaiserin Eugénie /  1826-1920) spielte gern den  Schäfer und die Schäferinnen im kleinen Trianon wie die verstorbene Reine Marie-Antoinette d’Autriche / 1755-1793) verliert an Kraft, desgleichen der Hinweis auf Gluck ist verbraucht. Sowie die Parodie des Rezitativs, begleitet von der spätklassischen opéra seria auf den großen Bühnen mit Chören von Meyerbeer und Gounod. Auch der große Ballettstil z.B. La Fille mal gardée (1828 / Louis-Joseph-Ferdinand-Hérold / 1791-1833) ou La Danse des Heures (1876 / Amilcare Ponchielli / 1834-1886) wird in den Opern dieser Zeit immer mehr hinein getrüffelt. Im 4. Akt ist der Sieg des Wein, der Prosa und dem Can-Can mit Götterspeise, Poesie und Menuett. Was in 1858 verspottet wurde (der 4. Akt ist 1874 unverändert), wird 1874 zu einer Niederlage und ist daher von der Parodie befreit…

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Die Opposition (Pluto) wird zum Staat, der sich, wie 1858 angekündigt: In gutem Essen, Tanz und Wein auflöst. Aber gestern wie heute protestiert die Marseillaise des Olymp nur gegen den „Blauen Himmel und der Götterspeise“. Die Wolken der Kommune sind seitdem vergangen, ohne das Offenbach dazu zu bringen ist, einige Passagen neu zu schreiben, denn wie immer  meint er, eine Tour in die Hölle, in die beliebten populären Bälle, wo es immer Spaß und Freude gibt, denn dort ist auch alle Welt mit ihm einverstanden… Es gibt also wie man sagen kann, viele Schwierigkeiten und Geheimnisse für die Werke, die als einfach und leicht erachtet werden. Aber gerade Offenbach ist niemals einfach oder naiv und der Geschmack an Bezug, der bis zur Perversion gedrängt wird, wird zum Kennzeichen einer Gesellschaft in völliger Dekadenz. Einer Gesellschaft, die wusste, dass sie nicht wie in La Belle Hélène (1864) „so lange weiter dauern könnte!“ Mit dem Zynismus des Emporkömmlings, der er war, sagte der Kaiser selbst: „Die Leute beschweren sich, dass die Dinge in meiner Regierung nicht sehr gerade laufen. Wie könnte es anders sein? Die Kaiserin ist eine Legitimistin, Charles Auguste Louis Morny (1811-1865) ist ein Orleanist, ich bin ein Republikaner. Es gibt nur einen Bonapartisten, es ist Victor de Persigny (1808-1872) und er ist verrückt!“

Offenbachs burleske Oper ist daher das ideale Genre, um die politische Funktion zu übernehmen, echte Probleme zu entwaffnen (der Kaiser kam 1860 persönlich um das Werk zu applaudieren) und eine Utopie des Genusses einzuleiten „Evohé, Bacchus ist König!“. Die Zweideutigkeit von Offenbach liegt in seiner ideologischen Position, die ihn dazu bringt, die blutige Diktatur Napoléons III zu unterstützen, jedoch in gleicher Zeit verhöhnt er diese Regierung und zeigt sie in ihrer ganzen absurden Lächerlichkeit. Das bewundernswerte Rennen auf das Endziel bei Offenbach ist sein Mangel an Zynismus, an eigenem Bewusstsein (er wird nichts von der Entwicklung der Operette in der III. Republik verstehen). Aber das ist einer der Gründe, die seine Werke für die Öffentlichkeit sympathisch macht, obwohl jedoch jedes von ihnen dies tut, erscheinen sie uns als ein schlecht identifizierbares Objekt des Planet Paris in der Zeit von 1851-1870. Offenbachs Lachen, das in seiner Offenheit kaum zugänglich ist und doch gleichzeitig mehrdeutig erscheint. Ein Lachen, das so sehr darum bittet, ein schlechtes Gewissen zu haben! Ein Lachen, das die Öffentlichkeit einfängt, ein Lachen mit großen Holzschuhen im subtilen Bereich der Mythologie, ein Lachen auf leichten Füssen im brutalen politischen und sozialen Bereich. Das Lachen balancierte auf dem dünnen Faden, der sich durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zieht. Das Pendel ist ein sperriges Objekt, das nicht leicht zu halten ist…          PMP-15/03/21-6/6

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ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay – Teil 5, 29.05.2021

Mai 29, 2021 by  
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Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons – ArchaiOptix

ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT

IOCO Serie – von Peter M. Peters

Teil 1 – Der orphische Weg – erschienen am 01.05.2021 – link HIER

Teil 2 – Orpheus und seine Legende – erschienen am 8.5.2021 – link HIER!

Teil 3 – Die Fabel des Ange Politien – 15.05.2021 – link HIER!

Teil 4 – Der Orpheus des Christoph Willibald Gluck

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 Teil 5  –  Orpheus –  Ein erstaunlicher Erfolg

Fast ein Jahrhundert nach Gluck ist hier der Mythos von Orpheus in den respektlosen Händen von Offenbach, Crémieux und Ludovic Halévy (1834-1908). Die Begeisterung des Publikums am Abend der Premiere, dem 21. Oktober 1858, war eher lauwarm! Anstelle von vier Stücken in einem Akt hat das Plakat vom Théâtre des Bouffes Parisiens nur einen Titel. Die Aufführung hat eine Dauer von vier Stunden. Die Zuschauer sind desorientiert und das Gefühl der Kritik des renommierten Blattes L’Illustration wird zweifellos von vielen geteilt:

„Hier hat Herr Offenbach, der seinerseits Orpheus den Krieg erklärte, ihn in einen Geigenlehrer verwandelt und den Olymp in eine Karikatur verwandelt (…). Es füllt vier Akte und dauert einen Abend. Man fragt sich überrascht, woher die Idee einer solchen Parodie kommen könnte. (…). In der Mariage aux Lanternes (1857) oder Ba-Ta-Clan (1855) gibt es mehr Erfindungen und originelle Ideen als in den vier Akten des Orphée aux Enfers.“

Noch vor der zweiten Aufführung verkürzte Offenbach sein Werk. Die Rolle von Caron, Cerbère und Morphée werden kurz und bündig gestrichen. Léonce (1823-1900) und Désiré (1823-1873) verfeinern ihre Improvisationen. Anfang November kündigt Le Ménestrel die „…Ergänzungen an, die Herr Offenbach zum dritten Bild hinzugefügt hat, indem er das Duett der Mouche (Fliege) von Lise Tautin (1834-1874) und Désiré eingefügt hat und besonders das „Summen“ von beiden Künstlern wurde außergewöhnlich  gelobt. Auch das Couplet von Bache wurde wiederholt in einer trunksüchtigen Szene voller Komik gelobt.“ Das Publikum gewöhnt sich allmählich daran, ein so langes Stück auf der kleinen Bühne des Théâtre des Bouffes Parisiens zu hören. Es lässt sich von den ausgefallenen Kostümen von Gustave Doré (1832-1883) und Charles-Albert Bertall (1820-1882) und von der Schönheit der Bühnendekoration von Charles-Antoine Cambon (1802-1875) und Jean-Louis Chéret (1820-1882) (besonders das letzte Bild war sehr beeindruckend, indem sich ein großes Tor öffnet auf ein Meer von flammender Lava sichtbar wird…) begeistern. Ende Dezember 1858 besuchte Prinz Jérôme Napoléon (1822-1891) die Vorstellung, gefolgt vom Großherzog Konstantin Nikolajewitsch von Russland (1827-1892). Gleichzeitig wurde beim ersten Ball der Pariser Oper die von Isaac Strauss (1806-1888) arrangierte Quadrille des Orpheus in Anwesenheit von Offenbach mit unvergesslichen Ovationen belohnt.

Jacques Offenbach / Karikatur von André Gill © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach / Karikatur von André Gill © Wikimedia Commons

Das Stück ist lanciert! Der Erfolg – der sich in der Höhe der Einnahmen seit der Kreation zeigt – wird von der 80. bis 180. Aufführung mit einem durchschnittlichen Umsatz von 2.300 Franken noch größere Ausmaße annehmen. Der Rekord war am 8. März 1859, am Fastnachtstag, erreicht. Am 28. Januar wurde die hundertste Vorstellung mit einem Abendessen von Café Very gefeiert. Auf dem Einladungs-Gutschein stand: „Nach Öffnung des Vorhanges garantieren wir keine Speiseplatten mehr!“ Das Abendessen für die zweihundertste Vorstellung fand am 12. Mai statt. Die komische Oper entwickelte sich weiter: Die Rolle des Amphitrite wird hinzugefügt und Offenbach denkt an einen Bellone und eine Hébé. Die Anzahl der Chorsänger wird von zwölf auf vierundzwanzig erhöht. Es versteht sich von selbst, dass die Fähigkeiten des Direktors vom Théâtre des Bouffes Parisiens, die Aufmerksamkeit auf sein Theater zu lenken, sehr wichtig war für den enormen Erfolg von Orphée aux Enfers. Offenbach ist in Bezug auf die öffentliche Meinung im Leben ebenso geschickt wie auf der Bühne: Die berühmte Kontroverse mit Jules Janin (1804-1874) ist ein Beispiel dafür. Worum geht es? In seiner Serie im Journal des Débats vom 6. Dezember 1858 griff der Kritiker auf dem Höhepunkt seines Ruhms den Orpheus in wenigen Sätzen an „und vertrat die Seite der heiligen und ruhmreichen Antike indem er die Parodie äußerst streng verurteilte.“ Janin verschluckt seine Worte nicht („Ein Angriff auf den gesunden Menschenverstand“) aber bewilligt doch einen reduzierten Platz für das neue Werk. Offenbach verstand dennoch, dass dort eine enorme Werbemöglichkeit für ihn bestand. Ab Mitte November reagierte er in Le Figaro auf einen ersten Angriff von Janin gegen den Théâtre des Bouffes Parisiens. Diesmal bringt er Crémieux dazu, einen zweiten offenen Brief zu schreiben, indem dieser enthüllt dass die von Pluto bei seiner Ankunft im Olymp rezitierte bombastische Tirade aus einem Artikel von Janin vom vergangenen Mai herausgeschnitten wurde… Der Effekt ist garantiert! Offenbach hält die Kontroverse mit einem Brief, der ebenfalls am 16. Januar 1859 in Le Figaro veröffentlicht wurde und in dem er auf komische Weise Deutsch und Französisch vermischt: „Die neidische Behauptung, dass Sie (Janin) Ihr Latein (votre latin) nicht immer verstehen, dachte ich es wäre Ihnen gleichgültig (indifférent), mein Deutsch (mon allemand) nicht besser zu verstehen.“ Der letzte Schlag wird durch einen dritten Artikel am 24. Februar in derselben Zeitung behandelt, indem der Komponist Janin dankt („Danke Janin, guter Janin, ausgezeichneter Janin. Janin, der beste Freund, Janin, der größte Kritiker!) für die große hilfreiche Werbung seines neuen Stück und er fühlt sich auch sehr geschmeichelt in der Gesellschaft von Eugène Scribe (1791-1861), Rachel Félix (1821-1858) und Alexandre Dumas (1802-1870) zu sein, eben unter denen, deren Werke ihn „sehr erschöpfen und ermüden“.

Wenn Orphée aux Enfers für manche ein Sakrileg gewesen sein mag, müssen wir jedoch den Skandal, der es gewesen sein könnte, relativieren. Ohne auf Platée (1745) von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) zurückzukommen, können wir Actéon et le centaure Chiron zitieren, eine mythologische Farce von Félix-August Duvert (1795-1876), Emmanuel Théaulon (1787-1841)  und Adolphe de Leuven (1802-1884) (Théâtre du Palais-Royal, 1835), Les Dieux de l’Olympe à Paris, Komedie-Singspiel von Achille Tenaille de Vaulabelle (1799-1879) und Louis Clairville (1811-1879) (Théâtre du Vaudeville, 1846) oder sogar Les Sept Merveilles du monde, Märchenspiel von Eugène Grangé (1810-1887) (Théâtre de la Porte Saint-Martin, 1853), wo in einem Bild ein lächerlicher Olymp darstellt wurde, für den sogar der große Honoré Daumier (1808-1879) die Kostüme entwarf. Viel beunruhigender war in der Tat die Beförderung des Théâtre des Bouffes Parisiens zu einem wahren Opern-Theater. Für manche war das der wahre Skandal!

Die 227. und letzte Aufführung der Orphée aux Enfers – Saison fand am 5. Juni 1859 in der Passage Choiseul statt. Das Theater zog dann in den Carré Marigny um. Im November 1859 präsentierte Offenbach sein neues großes Stück für die Wintersaison: Geneviève de Brabant. Der Erfolg entsprach nicht den Erwartungen und das Werk wurde Anfang 1860 zurückgezogen. Man muss in aller Eile improvisieren und das mit Le Carnaval des Revues! In einem der Bühnenbilder sieht man das Paradies, >Côté de la musique< mit Gluck, André Grétry (1741-1813), Mozart und Carl Maria von Weber (1786-1826), die rasend und wild einen  >Komponisten der Zukunft< verjagen, der offensichtlich viel Ähnlichkeit mit einem gewissen Richard Wagner (1813-1883) hat… Während dieser Saison hatte Orphée aux Enfers eine prestigeträchtige 228. Aufführung, denn diese wurde im berühmten lyrischen Théâtre-Italien am 27. April 1860 gespielt. Diese Darstellung zugunsten von Offenbach ist jedoch nicht die Apotheose, die viele Biographen darin sehen wollten. Es ist viel zweckmäßiger zu sehen, das er ein stark verschuldeter Direktor war, der sein Theater nach Amiens und dann Brüssel bringen musste, wo die Truppe im Théâtre des Galeries Saint-Hubert zog um insbesondere Orphée aux Enfers  weiter zu spielen. Mit diesem Stück wird der Salle Choiseul Anfang September wiedereröffnet, nicht ohne dass Offenbach zuvor – leider zu wenig – in seiner brandneuen > Villa Orphée < in Étretat sich ein wenig Ruhe gönnt.

  Orphée aux Enfers – Jacques Offenbach – Salzburg Festival
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 Orpheus –  ein finanzielles Mittel

Wie wir sehen können, kann Offenbach seine neue Saison nur durch die Übernahme von Orphée aux Enfers starten. Dies wird der Reflex schwieriger Zeiten sein! Diese neue Reihe von Aufführungen wird sehr gut aufgenommen und findet parallel zur Wiederaufnahme von Glucks Orphée et Eurydice im Théâtre-Lyrique statt. Die Beständigkeit dieses Erfolgs steht im Gegensatz zu dem Schicksal, das den Versuchen des Komponisten auf den offiziellen Bühnen vorbehalten ist: Das Ballett Le Papillon (1860) wird in der Oper sicherlich mit großer Gunst aufgenommen, aber Barkouf (1860) im Salle Favart ist das Opfer einer hasserfüllten Kabale. Anfang 1861 gab Orphée aux Enfers den Platz an La Chanson de Fortunio, einer der geistreichsten komischen Opern, in dem wir einige Künstler (Sänger/Rolle) wieder finden: Léonce/Pluto wurde Maître Fortunio, Bache/John Styx der kleine Angestellte Friquet und Frau Chabert/Diana wird Laurette. Mit diesem Werk triumphieren das Theâtre des Bouffes-Parisiens in einem weniger exzentrischen Genre. Die folgenden Stücke in mehreren Akten haben jedoch keinen vergleichbaren Erfolg wie Orphée aux Enfers, auch wenn Le Pont des Soupirs (März 1861) mehr geschätzt wird als Le Roman comique (Dezember 1861, mit einer Parodie der Tragödie zu einem antiken Thema) und Le Voyage de MM. Dunanan père et fils (März 1862).

Offenbach verließ im Januar 1862 die Leitung des Théâtre des Bouffes-Parisiens, eines Theater, zu dem er sehr komplizierte Beziehungen unterhalten wird. Am 17. Oktober 1862 zeigt das Theater erneut Orphée aux Enfers mit Delphine Ugalde (1828-1910) in der Rolle der Eurydike. Das Engagement dieser berühmten Sängerin, die an der Opéra-Comique triumphierte, verleiht dieser Wiederaufführung eine besondere Anziehungskraft. Delphine Ugalde überlässt jedoch – anders als Lise Tautin – einer Künstlerin aus der Oper, um an ihrer Stelle den letzten Galopp zu tanzen… Die Kritik ist sehr geteilter Meinung über den unerwarteten Wechsel der Sängerin  an die Passage Choiseul. „Für die Bouffes war es ein unerwartetes Glück, aber wer möchte Frau Ugalde nicht anderswo  besser hören?“, klagt der Eine, während der Andere bekräftigt: „Es ist daher nicht zu verachten, dass sie [Ugalde] sich der Rolle der Eurydike ermächtigt im Meisterwerk von Jacques Offenbach“. In jedem Fall retten die Vorstellungen das Theater vor dem Bankrott. Die 400. wurde im Dezember erreicht, während die Edition Heugel eine neue Ausgabe der Partitur veröffentlichen, die mit neun Sängerporträts illustriert war. Das Werk wurde vier Monate lang gespielt, danach folgten Les Bavards (1862), immer noch mit Frau Ugalde.

Wir müssen dann bis Januar 1866 warten, um Orphée aux Enfers im Théâtre des Bouffes Parisiens wieder auf den Plakaten zu finden. Eine lange Schließung des Theaters von Mai 1863 bis Januar 1864, der halbe Erfolg von den Géorgiennes im März 1864 und ein Problem zwischen der Theaterleitung und Offenbach erklären diese Situation. Plötzlich ließ der Maestro im Théâtre des Variétés ab Dezember 1864 La Belle Hélène aufführen, indem er seine neue Theaterfreiheit ausnutzte. Trotzdem kündigt die Musikpresse im Mai 1865 die Versöhnung des Komponisten mit seinem Theater – dessen künstlerische Leitung er wieder fand. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes wurde mit der Aufführung von Refrains des Bouffes im September 1865 formalisiert, einem Potpourri, indem Orpheus, Aristaios, John Styx und Eurydike insbesondere im Final dem Publikum erschienen. Drei Monate später werden Les Bergers mit einem ersten Akt, der eine antike Pastorale zeigt, mit großem Pomp inszeniert. Aber das Stück gefiel nicht und dauerte nur einen Monat im Spielplan an: Eine Wiederaufführung von Orphée aux Enfers fand im Januar 1866 statt. Das Scheitern von Les Bergers war für Offenbach umso schmerzhafter, als seine führende Rolle in den Théâtre des Bouffes Parisiens zu einem Streit mit der Gesellschaft der Komponisten und dramatischen Autoren führte und  ihn zwang, sehr schnell von seinem Posten zurückzutreten.

Orpheus in der Unterwelt – Jacques Offenbach
Youtube Gerardo Daniel Valencia Martínez
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In diesem Zusammenhang ist der Erfolg der Wiederaufnahme sehr zu begrüßen. Es ist das Meisterwerk mit triumphalen Reserven für schwierige Tage und dazu am Ort der Premiere. „OrpheusMusik ist immer noch so lebhaft, so elegant wie am ersten Tag“,  schreibt die Presse. Tautin, Tayau, Léonce und Désiré stürmen regelrecht mit ihrem großen Elan und ihrer Fantasie die Bühne bis Ende April. Die 500. Aufführung wird im März gefeiert! Die Übernahme der Theaterdirektion von François-Constantin Varcollier (1823-1893), Ehemann von Frau Ugalde, im September 1866 führt jedoch zu einem neuen Streit mit Offenbach, der sein Repertoire zurückzieht. Dieses jedoch verschwindet nicht ganz, weil der neue Theaterleiter es geschickt schafft, einige Librettisten auf seine Seite zu bekommen. Crémieux z.B. ist voll und ganz bereit, eine Wiederaufnahme von Orpheus zu genehmigen. Offenbach, der den Triumph von La Vie Parisienne genießt, lässt es gehen und das Stück wird ab 26. Januar 1867 gespielt. Frau Ugalde ist wieder in die Rolle der Eurydike geschlüpft, aber es ist nicht für sie, dass die mondäne Welt, die Pariser Halbwelt, die Künstler und Poeten sich an diesem Abend drängen. Nein, sie alle kommen, um die Kurtisane Cora Pearl (1835-1886) zu sehen, die mit Diamanten geschmückt die Rolle des Amour spielt. Die Zeitungen prangerten die Vermarktung dieses Sexsymbols stark an! Cora Pearl, geschützt von Prince Charles Joseph Napoléon Murat (1834-1901), spielte die Rolle nur zwölf  Mal, während die Wiederaufnahme bis Ende März 1867 dauerte. Zu der Zeit, als La Grande-Duchesse de Gérolstein im Théâtre des Variétés den Höhepunkt von Offenbachs Karriere markierte, verließ Orphée aux Enfers die Theater und tauchte nicht wieder im Second Empire auf.

Der Olymp –  im Reich der Märchen

 Jacques Offembald gezeichnet von Nadar © Wikimedia Commons

Jacques Offembald gezeichnet von Nadar © Wikimedia Commons

Bereits 1858 wurde die Verwandtschaft mit dem Genre Märchenspiel bemerkt: „Orphée aux Enfers ist ein fantastisches Spektakel, das die ganze Vielfalt und Überraschungen einer Märchenoper bietet.“ Die Veränderungen die nach der Premiere stattfanden zeigten, dass das Werk leicht neue Szenen und neue Charaktere aufnehmen konnte. Offenbach, der Direktor des Théâtre de la Gaîté geworden war, wollte mit der großen Pariser Oper durch die Pracht ihrer Inszenierungen konkurrieren. Nachdem er Jeanne d’Arc (1873) von Charles Gounod (1818-1893), Libretto von  Jules Barbier (1825-1901) kreiert hatte – ein Spektakel, das die Kritiker als „Gegenmittel gegen die Invasion der Operette begrüssten..“ – produzierte er eine  neue Version von Orphée aux Enfers, die vom 4. Februar 1874 an triumphierte. „Diese schillernden zwölf Szenenbilder“ sind nichts weniger als eines der wahnsinnig luxuriösesten Spektakel des gesamten 19. Jahrhunderts. Offenbach, die himmlische Uhr und ihre farbenfrohen Träume, die Hölle mit ihren rotgoldenen Kobolden und ihrem goldenen Fluss, die fabelhafte Parade des zweiten Aktes, hat alles mit einem sicheren Geschmack geregelt, einem künstlerischen Sinn, der von allen gepriesen wurde. Die Parade in der Tradition der großen Oper ist ein wahres Wunder: Das Thebener Konservatorium mit seinem Orchester, die Meinungsorgane (die Phigaros, die Débatès!), die Suite von Pluto, der Hof des Jupiters, die himmlischen Dienste, die Menagerie, die burgundische Ernte (Bacchus auf seinem Fass), die Götter und Göttinnen, der Omnibus für müde Gottheiten… Das Erscheinen von Phoebus‚ Streitwagen krönt dieses schillernde Fest.

Orpheus _ eine Vision gemalt von Nadar © Wikimedia Commons

Orpheus _ eine Vision gemalt von Nadar © Wikimedia Commons

Die Einnahmen erreichen 10.000 Franken pro Abend, was angesichts der gigantischen Kosten nicht allzu viel ist. „Ende März erscheint die neue Partitur in einer Luxus-Edition, die  auf die großartige Inszenierung dieser Märchenoper reagiert.“ Anfang Mai macht sich die ganze Truppe aus Anlass des Saint-Jacques-Tag auf den Weg zu Offenbach, um mit ihm den großen Erfolg zu feiern. Die Rue Laffitte wird von allen Künstlern besetzt, die singen: „Ruhm, Ehre für Offenbach! Ehre sei dem  fröhlichsten der Maestro!“ Der Musiker ist in der Tat krank und das hundertste Abendessen wird kurz darauf verschoben. Mit der Annäherung des Sommers erweckt Offenbach als weiser Direktor das Interesse seines Spektakel, indem er neue Szenen aufstellt, die nach dem höllischen Urteil eingefügt werden. Dieses aus zehn Bildern bestehende Reich von Neptun wurde am 14. August das erste Mal gespielt. „Diese neuen Bilder beginnen mit einem gewaltigen Sturm und dann plötzlich sieht das Publikum mit großer Überraschung in die Tiefe des Ozean. Dort erkennt man rosa Garnelen, die lustig und froh Polkas tanzen um den ganzen Unterwasser-Olymp von Neptun gut gelaunt zu erhalten. Auf jeden Fall muss man das gesehen haben, wie diese Welt der Meere sich im Frohsinn ergibt! Die Dekoration von Eugène Fromont (1801-1890), die Kostüme von Alfred Grévin (1827-1892), die neue Bühnen- und Ballettmusik setzten den Erfolg des Werkes fort, das erst im November mit dem 185. Aufführungstag abgesetzt wurde.

Offenbach bereitet sich dann auf eine neue Schlacht vor und stellt die enormen Mittel des Théâtre de la Gaîté in den Dienst von La Haine (1874), dem neuen Drama von Victorien Sardou (1831-1908), an das er durch eine solide Freundschaft gebunden ist, die aus gegenseitiger Bewunderung besteht. Entgegen allen Erwartungen ist das sehr dunkle Stück des jungen Dramatikers in Mode ein Misserfolg, und Sardou zieht es nicht ohne eine gewisse Undankbarkeit schon nach achtundzwanzig Vorstellungen zurück. Offenbach war ruiniert und musste einige Monate später die Direktion seines Theater niederlegen. Sobald La Haine verschwunden war, wird Orphée aux Enfers hastig am 31. Dezember 1874 wieder aufgeführt. Während Charles Garnier (1825-1898) an diesem letzten Tag des Jahres dem Direktor der Pariser Oper feierlich die Schlüssel für das neue Palais Garnier übergibt und das der Président Mac-Mahon (1808-1893) einweiht, übernimmt Marie Blanche Peschard (1845-1887) die Rolle der Eurydike und die liebenswürdige Louise Théo (1850-1922) spielt die Rolle des Amour. Zu den Versen des Kuss-Duett fügt man auch der Umstände halber einige bittere Verse hinzu: „In einem Moment beginnt das neue Jahr / Jung und Alt werden sich küssen…“ Welcher Zuschauer ist an diesem Abend nicht schlau genug, um zu erkennen das in der großen Parade der Omnibus für müde Götter überfüllt mit Leichen war! La Haine ist tot!

Orpheus in der Unterwelt – Can Can – Der infernale Galopp – Offenbach
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Orphée aux Enfers teilt sich mit Jeanne d’Arc den Spielplan vor der Uraufführung von Geneviève de Brabant im Februar 1875, die wiederum in eine Märchenoper verwandelt wurde – aber auf weniger überzeugende Weise. Erst drei Jahre später ertönte wieder auf der Bühne des Théâtre du Square des Arts-et-Métiers der höllische Galopp. In der Zwischenzeit übergab Offenbach die Direktion an Albert Vizentini (1841-1906), seinem Dirigenten, der das Theater durch die Namensänderung in Opéra-National-Lyrique wiederbeleben wollte. Obwohl von der Idee sehr verdienstvoll, war das Unternehmen im Voraus zum Scheitern verurteilt und endete im Januar 1878. Das Theater erhielt seinen alten Namen  zurück und die Gaîté wurde mit Orphée aux Enfers wiedereröffnet. In dieser Wiederaufnahme erbrachte Pierre Grivot (1834-1912) eine einmalige Interpretation in der Rolle des John Styx sowie als Merkur. Wenn die Insolvenz von Vizentini dieses Abendteuer beendete, sagte Orpheus im Jahre 1878 jedoch nicht sein letztes Wort. Die Weltausstellung wurde im Mai eröffnet! Offenbach hatte 1855 wie auch 1867 immer das Beste für sich aus solchen Ereignissen machen können und so  war es ihm auch diesmal unmöglich abwesend zu sein. Camille Weinschenk (?-?), der neue Direktor des Gaîté, hatte das Verständnis und die nötigen Fähigkeiten, dem Komponisten diesen Wunsch zu erfüllen: Anfang August wird eine neue Produktion von Orpheus erscheinen. Er hatte sogar die pikante Idee, Hervé, dem Autor des Petit Faust, die Rolle des Jupiter anzuvertrauen. Léonce gewinnt auch wieder die Rolle des Pluto zurück.  Es ist die gesamte Geschichte des Genre > komischen Oper <  der letzten zwanzig Jahre,  die das kosmopolitische Publikum der Ausstellung gewissermaßen zurückzuverfolgen konnte. Am ersten Abend leitete Offenbach – auf Veranlassung von Hervé – das Orchester selbst im zweiten Akt. Die Produktion wird bis November gespielt und geht einer Wiederaufnahme von Les Brigands voraus (zu diesem Anlass wird auch der Rahmen der Gaîté erweitert). Mitte Oktober hat der Orpheus die 1000. Vorstellung erreicht!

Das letzte Wort könnte an Monsieur le Compositeur gehen. Was er 1874 schrieb, war 1878 noch gültig und gilt heute noch mehr: „Orphée aux Enfers ist in der ganzen Welt bekannt, (…) wir haben ihn in allen möglichen Tönen transponiert, Regierungen sind gefallen, Throne sind verschwunden und Orpheus‚ Regierungszeit dauert immer noch an…“         PMP-15/03/21-5/6

Teil 6 –  Offenbach oder die Provocation des Lachens – HIER ! am 5.6.2021

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SALOME – ODER DIE PRINZESSIN VON BABEL – IOCO Serie – Teil 1, 13.02.2021

Februar 13, 2021 by  
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Die Erscheinung _- der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trz?sacz

Die Erscheinung – der Kopf Johannes des Täufers – ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz

SALOME  –  oder die  PRINZESSIN VON BABEL

IOCO  Serie in sechs Teilen – Von Peter M. Peters

Teil 1  —  Das Kultbild der Décadence 

Oscar Wilde (1854-1900) und Richard Strauss (1864-1949) gehörten zu einer Generation, die sich anschickte, neue soziale und sexuelle Freiheiten kennenzulernen. Strauss verwandelt Salome (1905), das Kultbild von Décadence, in eine psychologische Studie. Besser als dem Wildeschen Wort-Drama gelingt es dem Musik-Drama von Richard Strauss, die Sphäre „unerreichbar fremder“ Weiblichkeit einzufangen.

Bei Strauss wird aus der Verworfenen, Luxusübersättigten, ihren Körper in erregenden Tänzen zur Schau Stellenden, der von perversen Begierden Getriebenen, ein weibliches Ideal, in seinen furchtbarsten metaphysischen Dimensionen von Liebe und Tod: Salome fühlt, durchlebt ihre ganze Existenz in einem kurzen Augenblick, bis zur bittersten Konsequenz und völliger Einsamkeit, denn jeder Kontakt mit dem Gegenstand ihrer Leidenschaft wird zum einem Sakrileg. „Ein Kind, das sich ausdrücken kann wie Isolde“, nannte sie Wieland Wagner (1917-1966).

Die von Wilde übernommene Struktur der Oper in einem Akt ist das Kriterium für ihre bezwingende Kraft und Einheitlichkeit. Strauss verwendet die Leitmotivtechnik von Richard Wagner (1813-1883). Er ist kein musikalischer Neuerer wenn er die Tonalität auf weiten Strecken aufhebt oder bitonal verdoppelt. Wenn er von Wagner weg in Richtung Arnold Schönberg (1874-1951) zu Polytonalität übergeht, dann immer im Rahmen der dramatischen Erfordernisse. Ein unfehlbarer musikdramatischer Instinkt diktiert die musikalische Sprache. Auf dem Gebiet der Orchestrierung ist Strauss eines der originalsten Genies der Musikgeschichte. Doch auch der Klang des mit 102 Musikern besetzten Orchesters, der Phantasie-Orientalismus des Komponisten, der die vibrierende Atmosphäre einer schwülen Nacht einfängt, steht im Dienst des dramatischen Ausdrucks. Strauss schafft eine Klangwelt, die mit allem bisher Bekannten zu brechen scheint. Er selbst sprach von „Kadenzen wie Changeant-Seide“. Die musikalische Charakterisierung der Figuren ist an ihre psychologische Entwicklung gebunden. Die literarischen Qualitäten von Wildes 1890 zunächst in französischer Sprache verfasstem Drama sind nicht unumstritten.

Oscar Wilde – Salome – Das Ende
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In Gustave Flauberts (1821-1880) Hérodiade (1877) hatte er wohl die Szenerie gefunden. Bei Flaubert war Salomé noch das unschuldige, willenlose Rachewerkzeug der Hérodias. Die Schuld am Tod des Propheten trug wie bei den Evangelisten die Hérodias. Zu Recht ist Salomé bei Wilde die Titelfigur geworden: Ihre erotische Neigung ist seine Erfindung, auch wenn Heinrich Heine (1797-1856) das Motiv der monströsen Liebe zu Johannes dem Täufer und den vampirhaften Kuss des abgehackten Kopfes 1841 in Atta Troll in die Literatur eingeführt hatte. Doch hier war es Herodias, die sich in den Propheten verliebt hatte. Inspiriert wurde Wilde von Gustave Moreaus (1826-1898) zugleich kalten und wollüstigen Salomé-Bildern und deren artifizieller, schwülstiger Deutung durch Joris-Karl Huysmans (1848-1907) Romanhelden Jean des Esseintes (À Rebours / 1884). Beeinflusst von Flaubert, Stéphane Mallarmé (1842-1898) und Maurice Maeterlinck (1862-1949) schuf Wilde Salomés endgültige Gestalt, stellte die biblische Nebenfigur ins Zentrum eines symbolischen Dramas. Doch erst durch die Musik von Strauss wurde aus dem Symbol der Mythos Salome. Strauss vertonte die deutsche Übersetzung von Hedwig Lachmann (1865-1918) ohne wesentliche Änderungen, allerdings mit etlichen Kürzungen.

Die skandalöse Salomé 

Als Richard Strauss´ Oper Salome am 9. Dezember 1905 an der Königlichen Oper Dresden uraufgeführt wurde, hatte sich Oscar Wildes Schauspiel, das in England jahrzehntelang verboten blieb, längst einen festen Platz auf deutschen Bühnen erobert. Die Oper wurde vom Publikum begeistert aufgenommen und, auch wenn der deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) entsetzt war, begann einen bis heute andauernden Triumphzug in den Theater in aller Welt. Allein England sperrte sich bis in die 30er Jahre. Die New Yorker Salomé Aufführung 1907 wurde zum Skandal, der erbitterte Pressekampagnen provozierte.

Die Entstehung von Oscar Wildes Salomé

In der Entstehung eines großes Werkes tritt immer ein Teil eines Mysteriums ein.. Ohne dass sich der Künstler dessen unbedingt bewusst sein muss, neigt sein inneres Selbst dazu, seine schöpferische Tätigkeit zu beeinflussen, sein Werk auf intensive Weise zu gestalten und ihm seine letztendliche Physiognomie zu verleihen. So ist es auch mit der Salomé (1891) von Osacr Wilde. Das heißt, die Veröffentlichung dieses Dramas zum Ende 1891 sollte a priori nicht überraschen, wenn wir beachten, dass Wilde es im Herzen der Zeit von 1880 bis 1900 gestaltete, im fin de siècle, als in Frankreich die dekadenten Bewegungen triumphierten. Der Symbolismus war zwischen 1880 – 1890 in Frankreich sehr populär. Die zahlreichen, diesem Symbolismus ergebenen Künstler, hatten wiederum Hérodiade und Salomé als ihre Heldinnen hoch geschätzt.

Getrud Eysoldt als Salome - Gemälde von Lovis Corinth © Wikimedia Commons

Getrud Eysoldt als Salome – Gemälde von Lovis Corinth © Wikimedia Commons

Dekadenz und Verfall

Letztere Symbolisten sind des Realismus und des Naturalismus überdrüssig und nicht weniger an der Zeit, in der sie leben: Eine Ära, die als flach und trivial angesehen wird, weil die allgemeine Zustimmung, die bürgerliche Vulgarität nichts als Hässlichkeit bietet! Sie sind enttäuschte Ästhetiker, die nicht durch irgendeine Art von Glauben belebt sind, sei es patriotisch, religiös oder moralisch. Die Zivilisation, in der sie leben, ist im unblutigen Niedergang und erschöpft vom Verfall untergraben. Nur noch vom Tod bedroht! Sie werden daher Zuflucht in fiktiven Universen suchen und raffinierte Empfindungen von der Vorstellungskraft, von der Kunst und von Objekten erfordern. Ein solcher Geisteszustand wird wunderbar durch den beispielhaften Charakter von Des Esseintes veranschaulicht, dem Helden des Romans À Rebours von Huysmans, das Evangelium  der dekadenten Generation. Des Esseintes verachtet die Realität bis zu dem Punkt, das er es vorzieht als Einsiedler in seiner Wüste von Fontenay zu leben. Die er mit erstaunlichem Luxus arrangiert hat und hier will er „den Traum von der Realität durch die Realität selbst ersetzten. Diese Kunstfertigkeit scheint ihm das Kennzeichen des menschlichen Genies zu sein!“

Aber die Siege gegen Langeweile bleiben prekär, immer verwischt von den spleen’s, dem taedium vitae, der rastlosen Suche nach neuen Sensationen. Unsere Ästhetiker fühlen sich bedroht von den Lebensordnungen und greifen daher auf andere Lösungen zurück: Zuerst auf der Suche nach teuren und komplizierten Vergnügungen, dann aber nach neuen erotischen Empfindungen, die bald von dem Geschmack und der Praxis seltener Laster folgen. Zumindest solange, bis der letzte Grad an kitzliger Nervosität erreicht wurde.

Erotischer Dilettantismus begleitet und gekrönt von Kunst-Dilettantismus. Viele unter den Dekadenten sind diejenigen, die fleischliche Abweichungen pflegen. Die Liebe auf den einzigen sexuellen Instinkt reduzieren, die Verachtung von Frauen beeinflussen – oft weil sie sie fürchten – oder sogar wie bei Huysmans zu einer Mystik der Keuschheit tendieren. Viele waren Homosexuelle, andere fasziniert von Androgynie oder sogar Transsexualität, wieder andere zwischen Hysterie und Frigidität. Bei Des Esseintes und seinen Gleichgesinnten begünstigen die Entfremdung vom wirklichen Leben und der Rückzug in sich selbst. Ja! Die Vorstellungskraft verirrte sich in ein mentales Onanismus-Labyrinth! Kein Wunder also, dass dekadente Werke erotische Komplikationen aller Art aufweist und vor allem dem Sadismus einen so großen Stellenwert einräumen: Bei Wesen, die auf der Suche nach akuten Empfindungen sind, jedoch mit erkrankten Nerven, stimulieren Grausamkeiten in der Liebe oder Übertretungen der Norm die Trägheit des Instinkts.

Daher der Erfolg von Hérodias und Salomé: Das Thema bietet eine explosive Mischung aus ungezügelter Sexualität und sadistischer Grausamkeit und illustriert gleichzeitig die   „Monsterfrau“, einer Frau die den Mann anzieht und verschlingt, gleich der weiblichen Spinne der Gottesanbeterin. Der orientalische Rahmen der Geschichte ist ein weiteres Element, das zur Verführung der Dekadenten geeignet ist und immer von der Nostalgie nach anderen Epochen heimgesucht wird, mit denen sie sich besser einig wären: Byzanz oder insbesondere der alte Orient. Exotik und erotische Impulse gingen immer Hand in Hand, wobei die exotische Flucht meistens die fantastische Projektion eines sexuellen Bedürfnisses war. Zweifellos träumten viele Künstler dieser Zeit, wie der alte Hérode, gern von einem Tanz der sieben Schleier, der ihre trägen Sinne erwecken würde.

Oscar Wilde, um 1882 entstandes Gemälde von Napoleon Sarony

Oscar Wilde, um 1882 entstandenes Gemälde von Napoleon Sarony

Tausendundeine weitere Salomé Dichtungen

Daher führen wir viele Nachdichtungen von Hérodias und Salomé, im letzten Drittel des 19. Jahrhundert erschienen, hier nicht auf. Das Thema erfreute sich solch hoher Gunst, dass es zahlreiche Schöpfer inspirierte, die  aufgrund ihrer künstlerischen Spannweite sich einer Klassifizierung entziehen. So der englische Dichter Algernon Swinburne (1837-1909), der das Thema mit der ersten Sammlung seiner Gedichte und Balladen startet, die 1866 veröffentlicht wurde: Hérodias erscheint dort neben anderen femmes fatales, wie Faustina und Cléopatre. In der Hérodiade (1869) von Mallarmé ist Hérodias im Grunde die jungfräuliche Prinzessin Salomé, denn der Dichter zog den magischen Klang des Namens ihrer Mutter vor. In etwa gleicher Zeit erschienen die berühmten Kompositionen von Moreau im Jahre 1876: Salomé dansant devant Hérode und L’Apparition. Huysmans stellte sich in seinem À Rebours vor, dass sie von Des Esseintes erworben wurde und von ihm in allen Einzelheiten hervorragend beschrieben wurde. Die Hérodias aus den Trois Contes (1877) von Flaubert ist eine der hervorragenden Veröffentlichungen dieser Epoche. Die anderen Dichter bleiben nicht ohne Reaktion: Théodore de Banville (1823-1891) Un Sonnet des princesses (1874), Mallarmé noch einmal in Le Cantique de Saint-Jean (um 1885), indem er sich erinnert an L’Apparition, schreibt er das Gleichnis vom abgetrennten Kopf des Heiligen. Wobei Jules Laforgue (1860-1887) sich vom La Danse de Salomé desselben Moreau in der Karikatur Salomé inspirieren lässt und scherzte überlaut in seinen Moralités légendaires (1886). Jean Lorrain (1855-1906) beschäftigte sich ab 1883 mehrmals mit dem Thema.

Zitieren wir einige Dichter nach der Erscheinung der Salomé von Wilde: Trois Poèmes nach Moreau von Albert Samain, während das Gedicht Salomé von Guillaume Apollinaire (1880-1918) aus Alcools (1905) sich eher an Wilde inspiriert, desgleichen der junge Jean Cocteau (1889-1963) erinnert sich an den englischen Dichter (La Désireuse, La Folle, L’Inconsciente, La Peureuse, 1908).

Im musikalischen Bereich stammt die Oper Hérodiade (1881) von Jules Massenet (1842-1912) aus dem Jahr 1881. So auch Parsifal (1882) von Richard Wagner (1813-1883), in der Kundry eine ihrer vielen Inkarnationen erwähnt, indem sie als Hérodias verärgert Johannes dem Täufer (nach der Meinung des Komponisten und Musikwissenschaftler Jacques Chailley (1910-1999) war es nicht Christus, der von Kundry verhöhnt wurde!) irr unheimlichen ins Gesicht lacht.

Salomé – im Namen von Dorian Gray verurteilt

Im Jahr 1891 zeigte Wilde mit der Wahl von Salomé keine Originalität. Insbesondere für einen Schriftsteller, der, obwohl irischer Nationalität, mit der französischen Kultur äußerst vertraut war (seine Mutter hatte Alphonse de Lamartine (1790-1869) und Alexandre Dumas, 1802-1870, übersetzt). Dazu verbrachte er die meiste Zeit in Paris und sprach in einem fast perfektem Französisch. Darüber hinaus ein Schriftsteller, dessen Eintritt in die Männlichkeit mit dem Beginn der dekadenten Zeit zusammenfiel (er war 1880 vierundzwanzig Jahre!). Der mit The Portrait of Dorian Gray im Juli 1890, fünfzehn Monate vor Fertigstellung von Salomé,  ein Werk schuf, das als Klassiker der dekadenten Bewegung in England zählt.

Der Dekadentismus des komplexen und fantastischen Dorian Gray wurde schnell verdächtig. Tatsächlich spielte Wilde den Dekadenten mehr als er es in Wirklichkeit war. Wir haben überall seinen Dandyismus, seinen Sinn für Pose und Repräsentation, seine Sorge um die Komposition seines Bildes bemerkt. Aber im Gegensatz zu vielen Dekadenten pflegte er die Lebensfreude, setzte sich dafür ein, nicht seine Instinkte aufzugeben und jegliche Einschränkungen zugunsten der Selbstbehauptung abzulehnen. Zweifellos ist der von Dorian Gray bekannte Hedonismus an dem jüngsten Beispiel von Des Esseintes inspiriert. Dies verhindert nicht bestimmte Merkmale (insbesondere die Überfülle des für Wilde charakteristischen Bild der reichen Dekoration), z.B. die Arbeit wirkte nicht spontan, mehr oder weniger fabriziert und künstlich. Wilde wurde daher dafür kritisiert, dass er anderen das Eigentum wegnahm, mit fremden Ideen wie mit seinen Eigenen spielte und letztendlich nicht aufrichtig war. Die Glaubensbekenntnisse seines Helden zeugen nicht von einer verderblichen moralischen Beschränkung.

Wir erinnern daran, dass diese Salomé Kritiken bis heute denen zum  Dorian Gray ähneln. Viele weigerten sich, Salome höher zu würdigen als den  Dorian Gray. Salome würde, so die Kritiker der Zeit, im Thema wie seiner Behandlung vor allem das Talent seines Autors (Oscar Wilde) auf dem Gebiet kalkulierter Nachahmung und des Abklatsch bezeugen. „Es ist das gekonnt kalkulierte Werk eines gelehrten Wichtigtuers, der schamlos seinen schlechten Geschmack im Stil eines präraffaelitischen Hochstaplers zeigt“, sagte Pierre Lalo (1866-1943) am 14. Mai 1907 in Le Temps. „Eines der schlechtesten seiner Werke“, schrieb 1967 Philippe Jullian (1919-1977) und andere Kritiker zitieren Flaubert, Maeterlinck und einige andere unter den Autoren, die von Wilde angeblich geplündert wurden.

Uns erscheint solcher Standpunkt als höchst ungerecht. Salomé ist möglicherweise in die dekadente Atmosphäre des fin de siècle geschlüpft und bewahrte davon einige Merkmale. Salome ist jedoch nicht allein das Produkt der Jahrhundertwende; die willensstarke Persönlichkeiten Wilde hatte solche Einflüsse überwunden. Die bemerkenswerte dramatische Bewegung dieses Stückes, seine psychologische Tiefe machen Salome für alle Zeit zu einem authentischen Meisterwerk.

Oscar Wilde und Gustave Flaubert

Was die Schuld von Wilde gegenüber Flaubert und dessen Hérodias betrifft, so ist dies offensichtlich und mag auf den ersten Blick sogar beträchtlich erscheinen. Aber nur bei oberflächlicher Betrachtung scheint dies zu sein, da weder die Charaktere noch die Struktur oder die allgemeine Absicht der beiden Werke sich gleichen. Wilde fand vor allem bei dem Autor der Trois Contes Ideen für das Szenenspiel und dem Kulissenaufbau: Das Fest des Hérode und die Terrasse mit dem erweiterten Raum, indem sich die Zisterne befand, in der Iokanaan eingesperrt war. Auch die enorme Spannung aufgrund der Langsamkeit, die der Henker für seine blutige Aufgabe nimmt. Er verdankt ihm auch die Idee des  theologischen Streits zwischen den Nazarenern und den Juden (der in Hérodias drei große Seiten einnimmt!), deren Lärm im Drama erklingt, sobald sich der Vorhang hebt. Zweifellos wurden dem Werke noch mehrere Charaktere und Details entnommen, ebenso wie einige Namen. So leitet sich Iokanaan auf mysteriöse Weise von Flauberts Iokanaan ab oder auch der Name des Henkers Naaman. Jedoch ihre Charaktere sind dennoch völlig unterschiedlich!

SALOME – ODER DIE PRINZESSIN VON BABEL

IOCO Serie – Teil 2 – Jungfrau und Frau

über die  Veränderung der Person SALOME durch Oscar Wilde, und die tiefe eigene Indentifizierung des Dichters zu „seiner“ Salomé

 Hier, bei IOCO ab 20. Februar 2021

PMP-31/12/20-1/6

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Paris, Montmartre, Marie Duplessis – von Fantasien geformt, eine Zueignung, 19.09.2020

September 19, 2020 by  
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 Alphonsine Marie Plessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Alphonsine Marie Plessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Marie Duplessis – eine Sternschnuppe, von Fantasien geformt

– EIN BESUCH BEI MARIE … BEI ALPHONSINE… –

eine Zueignung – von Peter M. Peters

Fürchten Sie sich nicht!  Sie sind nicht die erste Person, die nach Marie Duplessis fragt; : der Wächter des Pariser Friedhofs von Montmartre wird Ihnen mit blasierter Miene die Allee auf der linken Seite zeigen, dann den linken Weg aufwärts; um zum Grabmal der berühmten Kameliendame zu kommen. Nein, nicht das der Marguerite Gauthier, Romanheldin von Alexander Dumas fils (1824-1885), dessen Grabmal nur in der Erinnerung der Menschen besteht. Auch nicht das der Violetta Valéry, die Giuseppe Verdi (1813-1901) unter allen Himmeln singen ließ, lebendige Marionette, voll von Hoffnung, Ruhm und Niederlage aller großen Operndiven, nein, das Grabmal der wirklichen „Dame“, Inspiration von Dumas, von Verdi. Es ist auf keinen Fall Marguerite, noch Violetta: lesen Sie die gravierten Buchstaben im Stein – Alphonsine, ja, Alphonsine Plessis. Sie änderte später ihren ungeliebten Vornamen in Marie: Der Name der Jungfrau? Nein! Einfach nur der Name ihrer Mutter.

Haben Sie niemals diese sentimentale Pilgerreise unternommen?  Oder waren Sie einfach nur neugierig auf diesen friedlichen und fast poetischen Friedhof, nur einen Steinwurf von den würzigen Gerüchen und den überlauten Gerüchten des Place Clichy entfernt. Wir gehen, wir träumen, die Vergangenheit schnürt uns fast die Kehle zu, hier Alfred Victor de Vigny (1797-1863), Hector Berlioz (1803-1869), Sacha Guitry (1885-1957) „ein verspäteter Liebhaber der schönen Alphonsine“ und zur rechten Seite, feierlich und reich, das Grabmal von Alexandre Dumas fils. Nur etwa hundert Meter von diesem pompösen Grabmal entfernt, befindet sich das fast anonyme Grab unserer Alphonsine. Wir sehen: „Hier ruht Alphonsine Plessis geboren am 15. Januar 1824 und am 5. Februar 1847 gestorben – De Profundis“. Einige bescheidene, aber frische Blumen schmücken das Grab. Darunter auch Kamelien aus Plastik, die die Zeit stark verschmutzt hat, denn echte frische sind wohl zu kostspielig. Aber mitunter findet man auch einige…

Marie Duplessis - hier : ein Gemälde von Camille Joseph Etienne Roqueplan © Wikipedia / Ted Wilkes

Marie Duplessis – hier : ein Gemälde von Camille Joseph Etienne Roqueplan © Wikipedia / Ted Wilkes

Wer war nur diese Marie-Alphonsine Plessis, verstorben an einer Pneumonie im Alter von nur dreiundzwanzig Jahren und hat doch in sehr beschränkter Zeit eine Epoche mit ihrer Aura, mit ihrer Schönheit, mit ihrem Luxus, mit ihren Liebhabern… und nicht zuletzt mit ihren Kamelien die Gesellschaft geblendet? Wer war nur diese strahlende Sternschnuppe, die in einer romantischen Konstellation ihr Licht so schnell verlöschen ließ? Eine dieser Göttinnen, die «le Tout-Paris» – d.h. vielleicht zweitausend Personen – zu jeder Epoche im Flüsterton erfunden haben. Eine Frau, die durch die Fantasien der Männer geformt wurde, die Sie liebten, lobten, verachteten, veränderten… eine jener Kreaturen deren Ruhm eher auf dem beruht, was Sie sind als auf dem, was Sie tun und deren Erinnerungen nur aus der Vorstellungskraft der Menschen beruhen.

Théophile Gautier, Franz Liszt, Alexandre Dumas …

In dieser Truppe von Künstlern in roten oder grauen Westen, die aufgeregten LIONS, oder die weniger lauten Großbürger, durch die Sie, Marie, Ihren großen Ruhm erlangt haben. Mit ihren Zeugnissen haben sie das Gedenken an Sie, Marie, verlängert und in die Weltgeschichte eingetragen. Gabriel-Jules Janin (1804-1874) und Théophile Gautier (1811-1872) waren Ihre Fans und hörten nie auf Ihre Schönheit zu preisen. Janin erinnert sich an Ihr Gesicht: „…eine der schönsten Pariser Kreationen, eine dieser hellen matten Hauttöne voller Sonne und Schatten… der kühne und anständige Gang einer Dame von Welt… ihre aufrechte Haltung reagierte auf ihre Sprache, ihre Gedanken auf ihr Lächeln“. Gautier erzählt von Ihrer qualvollen Agonie und der Einsamkeit des Todes. Ihre Freunde haben Sie verlassen und an Ihren Türen warten nur noch die vielen Gläubiger.

Der größte „Schwätzer“, der über Ihr kurzes Leben berichtete, war wohl Frédérik Romain Vienne (?-?). Zu mindestens behauptete er ein Jugendfreund von Ihnen zu sein. Sie hätten ihm hier und da einige Vertraulichkeiten verraten, aus denen er seine „Wahrheiten“ zog und um den guten Ruf einiger Zeitgenossen zu schützen, verwirrte er Spuren und Namen. Aber es ist wahr, dass er sich um Ihren Nachlass gekümmert hat, auch wenn bei einem Brand der Großteil Ihrer Korrespondenz verloren ging. Er erzählt uns Ihre Witze und Grillen: „…Lügen machen weiße Zähne“  und: „…alles Schöne gefällt mir und alles was mir gefällt möchte ich haben“, „…wir wissen, das ich mit geschlossenen Augen alles verschwende was ich habe, sogar mein Leben und sogar alles was ich nicht habe, das heißt die Zukunft“. Bosheit, Geist, Stolz. Aber Sie konnten mitunter auch sehr bitter oder hart mit sich und Ihrem Schicksal sein. Ihr Gewissen wagte mitunter zu behaupten: „…das die Störungen meines Lebens alleine nur mir zuzuschreiben sind?“ Aber dann wieder: „ …:wenn die Gesellschaft mich verurteilt, beschuldige ich sie – und ich habe das Recht dazu – meine Unwissenheit nicht genug geschützt zu haben“ .Sie sind mir hoffentlich nicht böse, Marie, weil ich die schmeichelhaften Erzählungen erwähnen werde, mit denen Franz Liszt (1811-1886), Ihre letzte große Liebe, sie so reich belohnt hat. Der große alternde Musiker hat in zärtlicher Weise die Erinnerung an Sie geweckt: „Sie war in der Tat die absoluteste Verkörperung der Frau, die jemals existiert hat … sie hatte viel Herz und einen völlig idealen Geist“.

Alexandre Dumas auf Montmartre, Paris © IOCO

Alexandre Dumas Fils auf Montmartre, Paris © IOCO

Dann gibt es und vor allem, Dumas fils, der schrieb, schrieb noch einmal. Dumas fils, der Sie liebte, Marie! Machte eine „Jugendsünde“ zum Best-Seller d.h. zum meist verkauften Roman seiner Zeit. Es folgte auch ein Theaterstück, das Millionen von Tränen vergießen ließ. Sie wollten ihn als Freund erhalten, er jedoch wollte Ihr Liebhaber bleiben. So wird er das Ende Eurer großen Liebe mit einem berührenden aber akademischen Abschiedsbrief besiegeln. Er „verkaufte“ seine Leidenschaft und heiligte Sie gleichzeitig, Marie, indem er Sie formte nach seinen Wünschen. Aber welche Form! Mit seiner Kameliendame schuf er ein prachtvolles Mausoleum für die Ewigkeit für Sie, Marie! Für seinen eigenen Ruhm… und für den Ihren, Marie! Er sagte zu Ihnen: „…schön, einen Atheisten glauben zu machen“ und hielt Sie für: „eine der letzten Kurtisanen mit Herz“. Er hat seine Marguerite Gauthier nach Ihrem Bildnis geformt, aber Sie, Marie! Wer waren Sie wirklich? Wer waren Sie, Alphonsine?

Eine Kindheit

Sie wurden also am 15. Januar 1824 um acht Uhr abends in Nonant (Orne) geboren. Ihr Vater, Marin Plessis (?-?), war ein Hausierhändler und Säufer, sehr brutal. Er hatte Ihre Mutter, die hübsche Marie Plessis-Deshayes (?-?), verführt oder „verhext“ . Stimmt es, dass er den Spitznamen „Marin der Hexer“ trug und versuchte sein Haus mit Ihrer Mutter – die er übrigens jeden Tag gleich einem Hafersack schlug – im Innern niederbrennen wollte? Aber wir wissen, dass er in einer Scheune reduziert auf den Zustand eines Vagabunden an einer Krise des «Delirium Tremens» verstorben ist. Ihre Mutter im Gegenteil war von lieblicher Sanftmut und von großer Schönheit mit einer natürlichen Eleganz, ererbt von einer alten normannischen Familie. Mehr und mehr stellte sich heraus, dass das Leben mit Ihrem niederträchtigen Papa unmöglich war. So beschloss sie die Normandie zu verlassen und sich in Genf anzusiedeln, dort aber verstarb sie kurze Zeit danach. Ihre Schwester Delphine und Alphonsine wurden einer Ihrer Tanten anvertraut, die jedoch nicht lange zögerte, Euch an den Vater zurück zuschieben. Marin Plessis war kein Mann, der ein kleines Mädchen verwöhnte. Im Gegenteil: er verkaufte sie stündlich an die alten lüsternen und geilen Wüstlinge. So wurde das ihre erste Ausbildung in dem ältesten Gewerbe der Menschheit! Sie waren erst elf Jahre, aber sie waren frühreif und lernten schnell, Alphonsine!

Sie sind gerade drei Jahre älter, als Ihr „lieber Papa“ beschließt, Sie einer Zigeunertruppe anzuvertrauen, die Sie nach Paris führen wird. Andere Augenzeugen behaupten, dass er Sie selbst in die Hauptstadt begleitete und Sie entfernten Verwandten anvertraute, die ein kleines Obst- und Gemüsegeschäft in der Rue des Deux-Écus betrieben. Wie es auch immer sei, jedenfalls Sie sind in Paris! Noch ein wenig wild, scheu, aber schon recht verdorben, jedoch hatten sie ein niedliches Gesichtchen und ein gewisse Erfahrung in der käuflichen Liebe. Vielleicht sagten Sie sich wie einer Ihrer Zeitgenossen: «À Nous deux, Paris!» Aber in acht Jahren werden Sie schon sterben, aber das wissen Sie noch nicht. Alles wird sehr schnell gehen, sehr schnell und eines Tages werden sie sagen: „Ich tanze nicht zu schnell, es sind die Geigen, die zu spät spielen!“

Sie haben bereits Hunger nach allem, was Leben ist. Sie arbeiten? Ja, ein wenig! Ein Korsettmacher in der Rue de l’Échiquier und ein Hutmacher in der Rue Saint-Honoré stellen Sie ein. Sie führen ein lustiges Leben und mit Ihren Freunden und Begleitern und stürzen sich von einem populären Ball zum andern, lassen keine Taverne aus. Sie runden sich im Bett eines Passanten Ihren Notgroschen auf. Es ist nicht jeden Tag alles rosig, Elend, Ekel, Angst vor einer Geschlechtskrankheit, die in Ihrer Zeit grausam und unerbittlich zuschlägt. Aber noch sind Sie jung und Sie sagen sich: „Leben ist gewinnen!“.

Théophile Gautier Grabmal in Montmartre © IOCO

Théophile Gautier Grabmal in Montmartre © IOCO

Agénor de Gramont, Prince de Guiche – Graf Edouard de Perrégaux

Sie schworen sich selbst, das dieses miserable Leben nicht so weiter gehen kann. Mit einem Mittfünfziger, einem Restaurator der Galerie Montpensier fing Ihr gesellschaftlicher Aufstieg an. Dieser nette Herr installierte Sie in Ihre erste eigene Wohnung in der Rue de l’Arcade. Ab jetzt ging es schnell aufwärts, Alphonsine! Denn eines Abends am Ende des Prado-Balles wartet die Vorsehung auf Sie: Agénor de Gramont, Prince de Guiche (1819-1880), einer der schönsten Dandies der Zeit – er ist ganze fünf Jahre älter als Sie – bietet Ihnen seinen Arm an. Ein großer Name, ein großes Vermögen zum „knabbern“. Er ist intelligent, ohne Vorurteile, er liebt Sie, Sie lieben ihn. Auf Wiedersehen Rue de l’Arcade und der Restaurator! Sie sind gerade sechzehn Jahre alt und Guiche wird Ihr Pygmalion. Eine Wohnung in der Rue du Mont Thabor 28, eine Kalesche, ein Tanzmeister, ein Lehrer für gute Manieren, die schönsten Kleider. Sie lernen mit viel Talent sehr schnell: lesen, schreiben, klavierspielen. Sie sind immer auf dem Stand der neuesten Skandale der Pariser Gesellschaft. Ja, Alphonsine! Sie haben es geschafft! Guiche präsentiert Sie seinen Freunden aus dem JOCKEY CLUB… Sie werden Ihre Freunde. Man kämpft regelrecht um Sie und führt Sie zum Ball oder ins Theater. Verwöhnt Sie mit Schmuck, kostbaren Möbeln, reichen Roben und Kamelien…. ja, diese seltene Blume ohne Duft wird Ihr „Emblem“. Ein Symbol für Luxus, Schönheit und Schwelgerei.

Jetzt ändern Sie Ihren Namen und aus Alphonsine Plessis wird Marie Duplessis. Sie sind achtzehn Jahre und verlassen die Rue du Mont Thabor in Richtung Rue d’Antin, 22. In diesem Jahr lernen Sie Graf Edouard de Perrégaux (1815-1898) kennen. Ein weiterer LION aus dem JOCKEY CLUB. Sie werden ihn eine Weile lieben, er ruiniert sich für Sie. Zusammen unternehmen Sie lange Reisen als ein verliebtes Paar, darunter eine romantische Fahrt durch Deutschland. Hat er Ihnen wirklich ein Haus in Bougival angeboten? Hatten Sie, Marie, wirklich ein Kind von ihm? Der „Schwätzer“ Frédérik Romain Vienne behauptet es, aber nur wenige glaubten es!

Ihr sozialer Aufstieg ist noch nicht vorbei, Marie! Ein edler Fremder wird sie weiter zum Erfolgsgipfel führen. Der Graf Gustav Ernst von Stackelberg (1766-1850) – der mit Titeln und Löhnung vom russischen Zarenhof reich belohnt war – bietet ihnen seine achtzig Jahre und seine unerschöpflichen Renten an. Er installiert Alphonsine am Boulevard de la Madeleine, 11 und bietet Ihnen ein großes reiches Leben an. Sie werden eine der Königinnen von Paris, von denen, die Mode machen und „sie sind erst zwanzig Jahre alt, Marie!“ Sie reiten, gehen jeden Tag ins Theater, speisen in der Maison Dorée und verschwenden lässig Unsummen beim Spielen im Kasino. Sie verdoppeln Ihre Launen, Ihre Anmut, Ihre Eleganz. Ein besonderer Luxus, Sie machen Wohltätigkeit, denn Ihre eigene elende Kindheit macht Sie mitfühlend. Ihr Salon ist immer voll, weil Sie in der Tat nie wirklich Ihre Liebhaber verlassen haben, man geht ein und aus, um sich bei einem Stelldichein den neuesten Klatsch anzuhören. Das hat der kleine Dumas nie verstanden: er wollte Sie ganz alleine nur für sich, der Unschuldige! Sie sind ihm auf dem Höhepunkt Ihrer Herrlichkeit begegnet, er ist zwanzig Jahre wie Sie selbst und trägt einen großen Namen. Er wird nur eine kurze Episode in Ihrem Dasein sein. Dumas fabelhafter Vater, hätte sie mehr amüsiert, aber Ihre Beziehungen zum Autor der Trois Mousquetaires wird sich nur auf ein verstohlenes Treffen in einer Theaterloge beschränken. Es ist wahr, dass Sie mit Ihm einen Kuss austauschten, der sinnlicher als keusch war aber jedoch ohne folgenden Tag.

Krankheit

Aber jede Medaille hat ihre Kehrseite. Es wird gesagt, das dieses einsame Leben einer ausgehaltenen Frau – einer Kurtisane – Sie schwer belastet. Dazu hängt auch schon längere Zeit ein dunkler unheilverheissender Schatten über Ihr Dasein, das nur aus modischer Langweile und Vergnügen besteht: Sie sind krank, Marie! Und sie wissen es! Ist das der Grund, dass Sie sich in diesen schwindelerregenden Vergnügungswirbel stürzen um einen kurzen Moment zu vergessen? Seit langem schon kennen Sie diesen trockenen Husten und diesen fiebrigen Zustand. Ist es dieses Fieber, Marie? Das Sie so viel Champagner trinken müssen und das dann dadurch Ihr überlautes und schrilles Lachen verursacht wird? Wobei Sie fast ersticken und viel Blut spucken müssen.

Dann zeigen Sie sich von Ihrer melancholischen Seite, was zu Ihrem Charme beiträgt. Alles schärft sich bei Ihnen zu klaren Kontrasten: Ihre Schönheit und Ihre Morbidität, Ihre Fröhlichkeit und die schon geahnte Verdamnis…, das Verlöschen Ihres Lebens. Ihr „Gewerbe“ wird durch Ihr natürliches Feingefühl korrigiert, indem schmerzliche Niederwerfungen durch schwärmerische Erhöhungen Ihre Seelenqualen lindern. Alles an Ihnen wirkt übertrieben und exzentrisch: die Faszination die Sie ausüben, Ihre extreme Magerkeit, Ihr andauerndes Fieber, Ihre unnötigen Ausgaben, Ihre atemlose Stille, Ihr ständiges Geheimnis. Das Leben verlässt Sie langsam wie die verrinnenden Blutstreifen im gefleckten Wasser Ihrer Silberschalen. Die vielen Kuren, die Heilmittel der Epoche: Quinine oder isländisches Moos erbringen keinerlei Linderung noch etwa Heilung. Ihre letzten zwei Launen, oder auch besser gesagt zwei letzte Freuden im Leben haben Sie erreicht. Ein Jahr vor Ihrem Tode bietet Prince Édouard de Perrégaux Ihnen seinen großen Namen an. Ihre seltsame Hochzeit wird in England registriert, wird aber nach französischem Recht niemals anerkannt. Drei Tage nach der Zeremonie fahren Sie getrennt jeder für sich alleine zurück nach Frankreich. Von da an „erblühen“ die Kronen der Gräfin auf Ihrer Bettwäsche, Ihrem Silberbesteck und Ihrem Schreibpapier. Sie werden Perrégaux niemals wiedersehen, aber er wird Ihnen ein allerletztes Geschenk überreichen. Ja, Marie! Hier auf dem Friedhof der Künstler und Großbürger am Montmartre wird er Ihnen ein Grabmal für die Ewigkeit seiner großen Liebe bauen lassen.

Trotz Ihrer hohlen Wangen und Ihrer tiefen dunklen Augenränder wird der große Musiker Franz Liszt Ihnen eine letzte ultimative prestigeträchtige Hommage darbieten, die Sie noch einmal von Liebe träumen lässt. Aber die Einsamkeit nimmt ihr Recht und umringt Sie wieder mit dunkler Nacht. Die Männer, die käufliche Liebe erwerben, möchten nicht mit einer Krankheit Ihr Bett teilen und so wird es unaufhaltsam stiller und stiller um Sie, Marie! Langeweile, Angst und Schulden verzehren Sie. Jeden Tag gehen Sie auf den Schlachthof, um frisches Blut zu trinken und schlafen auf einer Rosshaardecke, verschrieben von Ihrem Doktor. Aber all das hilft nichts mehr, Marie! Sie werden sterben!

Marie Duplessis auf Ihrer Grabstätte © IOCO

Marie Duplessis auf Ihrer Grabstätte © IOCO 

…. es ist schon alles vorbei

Im Januar 1847 möchten Sie dieser undankbaren Gesellschaft noch einmal eine letzte Vision des Idols bieten, zudem Sie geworden sind. War es einfach instinktiv oder war es reiner Hohn? Wir wissen es nicht! Sie lassen sich zum Théâtre du Palais-Royal fahren. Ihre Erscheinung! Ein Gletscherauftritt! Ihre durchsichtige Silhouette gleich einem Spektrum, verhüllt in weißen Satin und kostbaren Spitzen und geschmückt mit den letzten Juwelen, die noch nicht am Mont-de-Piété verpfändet wurden. Danach fahren Sie nach Hause zurück, um nie mehr die Öffentlichkeit zu betreten. Die vielen Gläubiger klingeln ohne Unterlass an Ihre Tür, ein letztes Blutgerinnsel erstickt Sie und der Tod umarmt Sie, als Ihr allerletzter Liebhaber, Marie! Während unter Ihrem Fenster im Boulevard de la Madeleine der Karneval im vollen Gange ist.

Ihr Tod wird für die kleine Pariser Gesellschaft ein sogenanntes „Ereignis“. Man kauft alles, man verkauft Ihren gesamten Nachlass. Ihre Wohnung ist überfüllt von sittlichen Damen der Gesellschaft… aber auch einige andere. Alles wird verkauft: Ihre unzähligen Kleider, Ihren Schmuck, Ihre kostbaren Möbel und sogar die trivialsten Gegenstände. Einige Fetischisten reißen sich um Ihre Petticoats and sonstige Unterwäsche, ja sogar Ihre Haarsträhnen werden gehandelt, so sagt man. Marie! Aber was bleibt Heute von Ihnen, Marie Duplessis? Nur die verzehrten Erinnerungen, die Sie mit der Romanfigur Marguerite Gauthier teilen müssen und die Sie in die gleichen Fußschritte der Geschichte lenkt. Sonst nichts! Zerstreut, zerstört, verloren, Ihre Relikte sprechen nicht. Ein Fächer hier, ein Rosenkranz, ein Schmuckstück dort, oder eine Miniatur sind selten unter dem Hammer eines Auktionär gefallen. Unbezahlbar dieses wunderschöne Porträt, gemalt von Edouard Vienot (1804-1884). Alles ist still, alles ist geheimnisvoll um Sie. Wir haben Stimmen, Gesichter, mehrere Inkarnationen ihres schönen Phantomes… ultimative Beschwörungen Ihres Geheimnisses.

Aber von Ihnen, Marie? Fast nichts! Wer waren Sie wirklich, Marie Duplessis?

—| IOCO Interview |—

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