München, Cuvilliés-Theater, Die drei Musketiere – auch etwas Alexandre Dumas, IOCO Kritik,

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Die Drei Musketiere – ziemlich frei nach Alexandre Dumas

 –   nicht „Alle für Einen“ und „Einer für Alle“, sondern „Eine für Alle“…-

von Hans Günter Melchior

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Da stehen sie also da auf der völlig leeren Bühne, die ihr Skelett zeigt, Heizung, Schalter, Vier stehen da statt Drei, Nicola Mastroberardino (D´ Artagnan), Michael Wächter (Athos, Grimaud). Max Rothbart (Porthos, Mousqueton) und Vincent Glander (Aramis, Bazin) und labern was das Zeug hält. Hin und her geht die Rede, Fetzen aus Dumas Roman, manchmal kaum verständlich, so schnell wird geredet, die ganze krude Geschichte in irgendwie danebengeredeter Kurzform –, und es sind halt nunmal Vier statt Drei, weil sie sich im Prügeln / Duellieren zusammengerauft haben wie die randalierenden Fußballfans zuweilen in den Stadien, wenn es gegen die Polizei geht, Solidarität der Unterdrückten gegen die Staatsmacht – oder so, die Assoziationen haben freien Lauf und sie laufen so schnell wie das ganze Stücke, hoppladihopp, was für ein Tempo.

Stepptanz perfekt. Die Burschen können das.

Die drei Musketiere – ein wenig nach Alexandre Dumas
youtube Trailer Residenz -, Cuvilliestheater
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Das Genaue, überhaupt der hohe Ton, spielt keine Rolle, geboten wird Slapstick, Performance, Commedia dell arte, Witz und Unterhaltung – und dazwischen auch mal furchtbarer Tiefsinn, der aus dem Grundsätzlichen schöpft.

Die Zuschauer gehen mit, die Mäuler sind offen und kaum noch zuzukriegen vor Lachen und Begeisterung, vor allem die jungen Leute im Publikum – sie sind in der Mehrzahl – ergötzen sich an diesem leicht dahingeworfenen Sprach- und Bewegungsspiel, das durchaus gekonnt ist und nach anfänglichem halbliterarischem Dünnschiss langsam auf Touren kommt und sich zu einer Komik steigert, die auf ihre Art Format hat.

Kein Bühnenbild also, ein quasi-leerer Raum, gefüllt mit Gelaber bis unter die Rokoko-Decke…, ach ja, sowas halt auch: zwei Zuschauer kommen zu spät, einer der Vier unterbricht seine Rede, aha, ihr kommt zu spät, nehmt nur Platz, braucht nicht zu stehen, sollen wir nochmal anfangen? –, so geht es dahin, dass einem die Wörter nur so um die Ohren fliegen und man höllisch aufpassen muss, alle Anspielungen mitzukriegen. Du hast ja da und dort mitgespielt, sagt der eine zum anderen, im Amphitryon (Insider wissen das), und der andere: ach so, und dann kommt wieder ein Stückchen Dumas, diese Geschichte von der Königin Anna von Österreich, die sich mit einem gewissen Engländer namens Buckingham auf eine Nacht einlässt und dem Geliebten zwölf Diamanten zum Andenken schenkt.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und hinter allem steht der gewiefte Kardinal Richelieu, ein gelernter Intrigant und religiöser Spitzenpolitiker – Sie erinnern sich?, nein?, dann lesen Sie schleunigst in dem Schinken von Duma nach –, und dann, wollte ich sagen, droht die ganze Chose aufzufliegen, als Richelieu nämlich dem König ein Fest einredet und ihm dringend empfiehlt, von seiner Gattin zu verlangen, sie möge mit ihren Diamanten erscheinen. Die sich, die Diamanten natürlich, in Händen von Buckingham befinden. Was die vier Musketiere oder Muske-Tiere, drei in Clownsblau, der Hinzugekommene D´Ártagnan in einem Clownsgelb in ein Beratungsdilemma stürzt, wer fährt oder: wer bleibt da?, da alle fahren wollen. Wahrscheinlich wegen der Dame. Egal, einer fährt, Buckingham lässt zwei Diamantenspangen nachmachen, die Sache hat ihre manipulierte Ordnung, man kennt ja von ungefähr die Geschichte, die Königin ist gerettet. Musketiere braucht die Welt, Raufbolde ohne eigentliche Weltanschauung…

Und weiter geht es im Galopp, Radetzky-Marsch, die Vier spielen Pferd, reiten auf der Bühne auf imaginären Lippizanern, ein urkomischer Höhepunkt, commedia dell arte comme il faut, man hält sich den Bauch vor Lachen, wie die Vier taktgerecht über die Bühne traben und sich gestisch in Pferde verwandeln, vorgereckte Hälse, stilgerechter Trab –, als ob das mit echten Pferden nicht schon komisch genug wäre.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier :  vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und dann wieder eine Runde Tiefsinn, die schwerwiegende Frage, wer von Euch –, so dem Publikum wie Lebenssinn in die lachbereiten Köpfe so ganz von Ungefähr eingeträufelt –,  also: wer von Euch würde um einer Idee oder einer Liebe willen sein Leben opfern? Worauf natürlich Schweigen antwortet, wer zu schwierig fragt, bekommt keine Antwort, zu sowas braucht man doch Zeit, oder?…, kommt drauf an, könnte man zur Bühne hinaufrufen, aber das ist ja gerade die Frage, ob es sowas gibt, wo man sagen könnte: kommt drauf an. Der Schiller wusste da eine Antwort „das Leben ist der Güter höchstes nicht“, aber die Vier Musketiere doch nicht und schon gar nicht die Pferde. Und erst die Zuschauer –, also bitte, gerade hat man sich doch zurückgelehnt und muss jetzt den Lachreiz zähmen.

Und dann noch die allfällige existentielle Verdoppelung, schizophren, die schwierigste aller Situationen, „ich besteige das Pferd, das ich bin“, alles so nebenbei und dahingesagt im Stehgreif-Theater, dass man mit dem Nachdenken nicht nachkommt. Und dann entdecken zwei der drei Muske-Tiere auch noch, dass sie mit derselben Frau zusammen waren. Da kehrt sich der Wahlspruch flugs um: nicht Alle für Einen und Einer für Alle, sondern Eine für Alle…

So ein Abend muss ja auch mal sein, also ehrlich, man sollte zuvor ein und zwei Gläser Sekt trinken, um so richtig reinzukommen. Auch wenn man schon älter ist und nicht versteht, wer mit Pacman, dem Früchtefresser, gemeint ist –, aber da hilft einem der Enkel aus, der einem ins Ohr flüstert, weiß du denn das nicht, was bist du nur für ein Mensch. Cool.

Der Schluss verzögert sich leicht, die Vier schleppen in den Beifall hinein alles, was halbwegs nach Requisiten aussehen könnte, auf die Bühne, eine Absperrung, ein Gitter, Körbe oder so, und sie springen mit leichtathletischer Behendigkeit (überhaupt: das sind echte Sportler!) in der Schlussphase herum „wollt ihr nochmal das Pferd sehen“, und die Zuschauer: jaaa, und wieder der Radetzky-Marsch und die Pferdenummer.

Ach ja, und gefochten wird ja auch noch, recht meisterhaft, wie das aussieht, richtig gefährlich, als flögen die Fetzen, man hat richtig Angst, dass sie sich die Augen ausstechen, die vier Teufelskerle da auf der Bühne, die ihren Spaß haben, man sieht es ihnen an –, und wer weiß, ob sie überhaupt über einen Text verfügen, vermutlich nicht im strengen Sinn, und wenn ja, fragt es sich, ob sie sich daran halten, commedia dell arte eben.

Und anschließend ist noch ein Glas Sekt fällig, ist doch klar, um die Pointen herunterzuspülen, während der Enkel eine Cola bekommt und die Anleihen aus den Computerspielen erklärt. Prost!

Die drei Musketiere des Residenztheaters; aufgeführt im Cuvilliéstheater; die weiteren Vorstellungen 5.2.; 6.2.; 24.2.; 1.3.2020

Bearbeitung  Antonio Latella und Federico Bellini, Inszenierung, Raum und Musik Antonio Latella, Kostüme Simona D´Amico, Choreografie und Kampftraining Francesco Manetti

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Odessa – Ukraine, Opernhaus Odessa, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 16.01.2020

Januar 16, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Odessa, Oper

Opernhaus Odessa
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Opernhaus Odessa

 La Traviata – Giuseppe Verdi

– Mythen verweben sich mit Fantasie- und Traumwelten –

von Adelina Yefimenko

Im berühmten Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider sowie in der gelungenen Verfilmung von Joseph Vilsmaier ist der Bezug zu den Figuren aus der griechischen Mythologie beachtenswert – Hypnos, der Gott des Schlafes und sein Bruder Thanatos, der Gott des sanften Todes. Elias Alder lebt in einem Dorf im 19. Jahrhundert. Er entdeckt sein Hörwunder, vernimmt alle Klänge des Universums, versucht sie im Orgelspiel nachzuahmen. Im von der Doppelmoral geprägten ländlichen Dorfmilieu wird seine überragende musikalische Begabung als Normalitätsverstoß und böses Zeichen angesehen. Die Liebe zur Musik entwickelt sich für Elias zu einem mystischen Liebestod. Eros – der Gott der begehrlichen Liebe – führt ihn zur schmerzhaften transzendenten Erlösung in der Stille. 

Die Doppelfigur Thanatos-Hypnos ist ein beliebtes Motiv in der Bildhauerkunst. Die Inszenierung von Verdis La Traviata am Opernhaus Odessa interpretiert dieses Motiv als Symbol für die unerfüllte Liebe. Auch das andere Mythen-Paar spielt eine wichtige Rolle. Die Statue „Eros (Amor) und Psyche“ begleitet das Geschehen auf der Bühne wie eine schweigsame Zeugin. .

 Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Der junge, in Lemberg geborene ukrainische Regisseur Eugene Lavrenchuk (ein Absolvent des weltweit gefeierten Theaterregisseurs Roman Wiktjuk) inszeniert Verdis Oper neu und spannend und nicht nur als eine romantische Geschichte über das Leben, die Liebe und den Tod einer Kurtisane. Durch die soziale Zugehörigkeit zum Milieu der Halbwelt ist Violetta Valeri in der Pariser Welt der Adligen zum Scheitern verurteilt. Aber die neu, von Mythen angeregte Version Lavrenchuks offenbart spiegelbildlich zu Schlafes Bruder eine interessante Ergänzung zu Dumas d. J. und Verdis Heroinen.

Bevor das Preludio flimmernd aus dem Orchestergraben erklingt, fällt von oben eine riesige schwarze Stoffwolke herab, verdeckt alles auf der Bühne und schafft die Stimmung eines Bestattungsritus. Violetta nimmt bei diesem Vorgang eine Distanz zum Bühnengeschehen ein. Der Regisseur spielt mit dem „Aha!-Effekt“ und erzählt mit Bildern, Statuen und Video-Projektionen eine etwas andere Geschichte über die Frau, deren Würde, Liebe und musikalische Talente (vermutlich war sie früher eine Sängerin) sozial verkannt waren. Seine Violetta liebt die Musik und den Gesang, wie Elias seine Orgel liebte. Und beide verbindet ein mysteriöser Tod – Schlafes Bruder.

Das Spektakulum von Eugene Lavrenchuk (Regie) und Efim Ruakh (Bühnenbild) verursachte große Aufregung in der Presse, die die konzeptuellen und technischen Mängel der Inszenierung kritisierte. Einen Monat später wurde die Inszenierung neu konzipiert und überarbeitet.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Die Personenregie der Hauptdarsteller blieb aber unverändert. Eine „Violetta aus dem Jenseits“ darzustellen ist schauspielerisch nicht einfach. Die Rolle der Violetta übernahm in der Vorstellung am 27.12.2019 die zierliche, junge und noch wenig erfahrene Debütantin Natalia Stepanjak. Sie stellte Violetta in Gestalt eines Engels dar. Ist eine solche Violetta ein Regie-Novum oder die Folge der Personen-Regie? Im „Ah, fors´è lui che l’anima“ schlüpft die Sängerin in die Gestalt einer Träumerin. Am Ende ist sie mit der Rolle einer „Schlafes Braut“ absolut vertraut. Sie singt oder besser gesagt: singend träumt, schläft und stirbt sie auf der Bühne. Vielleicht war sie schon früher tot und ist als Engel auf die Erde zurückgekehrt? Jedenfalls befindet sie sich nicht im Hier und Jetzt des Geschehens von Verdis La Traviata. Das ist nur ihre Vergangenheit.

Die Idee ihres Todes, der nicht nur durch ihre Krankheit verursacht wurde, sondern auch durch ihre Mitmenschen, vor allem durch den Doppelmoralisten Germont (Olexiy Zhmudenko) beabsichtigte der Regisseur neu zu interpretieren. Die Protagonisten agierten aber traditionell. Trotzdem war deutlich, dass Lavrenchuks Violetta mehr in die Musik aus ihrer Vergangenheit als in Alfredo verliebt ist. Sie hört die Musik, deren erste Töne von einem alten Grammophon erklingen, bevor das Orchester überhaupt den Klang vorgibt. Die Effekte der fieldrecording mit Geräuschen, wie von einer alten Vinyl-Schallplatte, schufen eine Sehnsuchtsstimmung, die Violettas Untergang antizipierte. (Einen ähnlichen Effekt fügte Krzysztof Warlikowski in der Neuinszenierung von Salome ein). Eugene Lavrenchuk verwendete die Aufnahme des Orchesters des Opernhauses Odessa unter dem Chef-Dirigenten Vyacheslav Chernukho Volich und bearbeitete ihn mit dem Audacity-Programm.

In der Welt der neue La Traviata tragen alle Protagonisten weder historische noch moderne Kleider. Eher sehen sie aus wie Personagen aus dem Jenseits, wie Chimären und dabei sehr fantasievoll, stilisierend das Milieu eines Gespensterhauses. Die Kostüme sind geschmackvoll floristisch geschmückt, aus durchsichtigen Stoffen schön geschneidert und leuchten in den Farben der Bühnenbeleuchtung, – von Grau-Weiß und Blau-Grün bis zu Rosa (Kostüme – inklusive Mode-Design von Efim Ruakh und Eugene Lavrenchuk). Der Eindruck der hypnotischen, wie von Hypnos animierten Traumwelt Violettas wird damit verstärkt. Zum Beispiel, die Flora (Taisiya Shafranska) schwankt frei und schön singend wie ein blauer Geist mit einer riesigen Champagner Flache. Solch witzvolle Kontraste sind auch in der großen Ball-Szene zu sehen. Alles dreht sich im Tanz um den strahlend weißen Engel Namens Violetta – bunte Clowns, skurrile Männer-Stiere, sogar ein luxuriöser großer Kronleuchter mit Damenkleidern schwebt wie körperlose Geister in der Luft. Die Annina (Alina Drugak) gleicht auf der Bühne einer Salon-Dame, einer Rassehundebesitzerin. Zum Schluss laufen die Hunde schnell zusammen (das alles wurde auf die Leinwand projiziert) und lassen an eine viel stärkere Hundetreue als an die Treue der Menschen denken. Insofern entsteht ein Blick auf das bizarre Geschehen aus der Hypnos-Welt im Traum Violettas. Anschließend sucht die Sängerin in traurigen intimen Momenten eine Innigkeit, reflektiert ihren seelischen Schmerz sehr ehrlich. Ihr letztes Pianissimo in der Schlussszene lässt die Frage offen, ob sie wirklich aus der Welt der Brüder Hypnos und Thanatos zurück zur Alfredo-Welt kehren will? Alfredo wirkt dagegen wie ein schwacher, energie- und liebloser Held (Olexandr Prokopovych). Er bleibt auch stimmlich blass und monoton, was dem Regie-Konzept für die Distanz der Gefühle nicht hilfreich ist.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

In Allgemeinem vermischen sich in diesem Regie-Konzept verschiedene Motive des romantischen Liebestodes, der gesellschaftlichen Satire und den neuen mythologischen Inspirationsquellen. Zum Beispiel wird in der Ball-Szene das Bild „Orgy“ vom polnischen Kunstmaler des Akademismus, Symbolismus und der Moderne, Wilhelm Kotarbicski, projiziert (sein Leben und Werk war eng mit Italien und Ukraine verbunden). Eine abwechslungsreiche theatralische Eklektik aus den verschiedenen Motiven von Literatur, Musik, Mythos, Malerei, Skulptur, Licht- und Video-Design imaginiert auf der Bühne eine spannende und mysteriöse Interaktion.

Die parallelen Kontexte, bzw. der Mythos „Amor und Psyche“ nimmt einen festen Platz in der Regie ein. Violetta ist eben nicht nur ein Engel, sondern auch mythische Psyche. Überraschenderweise ist die Verbindung des Bühnengeschehens mit der Geschichte des Odessa-Opernhauses sehr authentisch. Das Park Palais Royal im Innenhof des Opernhauses besitzt eine berühmte Skulptur „Amor und Psyche“ (eine Marmorkopie der antiken griechischen Statue von Bildhauer Boris Eduards, deren Original sich in den Kapitolinischen Museen befindet). Diese Statue nennt man auch „Der Kuss“, was die Sinnlichkeit von Skulpturen Auguste Rodins oder Bilder Gustav Klimt hervorhebt. Auf der Bühne aber macht die Statue der Psyche einen schmerzlichen Eindruck, halb verfallen und ohne Kopf.

Auf solche Weise korrespondieren die zwei Mythen mit La Traviata von Alexandre Dumas d. J. und von Giuseppe Verdi. Die damalige Kritik der beiden Autoren auf die adelige Doppelmoral im 19.Jahrhundert hatte eine starke Wirkung auf die Interpretationsgeschichte der Oper. Dies wird in der Regie mit einer Reihe von Video-Installationen unterstrichen. In der Mitte des 2.Aktes entstehen aussagenkräftige Zitate aus den Briefwechseln Verdis und Cesare de Sanctis oder Giulio Ricordi u.a. – „La traviata, ieri sera, fiasco. La colpa è mia o dei cantanti? Il tempo giudicherà” und später – „Sappiate addunque che la Traviata che si eseguisce ora al S.Benedetto e’ la stessa, stessissima, che si esegui l’anno passato alla Fenice! Allora fece fiasco: ora fa furore. Concludete voi!!”
Die Videos verwendet der Regisseur, um die Pause für den aufwendigen Bühnenbildwechsel im zweiten Akt zur Aktion umzuwandeln. Auf der großen Leinwand diskutiert das Regie-Team – Efim Ruakh, Victor Melezhko, Mykola Gorobets, Yulia Presnyakova, Tamara Forsyuk – über das Problem der aktuellen Pause. Das schafft den Reiz, einen Blick hinter die Kulissen der Produktion zu werfen, um den Ideen des Regie-Theaters genauer folgen zu können.

Zum Höhepunkt der Inszenierung wurde das Finale. Die engelshafte Violetta singt ihre letzte Abschiedsarie „Addio del passato“ in ihrer tiefen Traurigkeit. In Ihrem Abschied ertönt eine klare und auf das feinste Pianissimo reduzierte Stimme. Und man trauert mit Violetta zusammen, dass ihre „Addio…“ gekürzt wurde, so schön und geheimnisvoll blieb die Wirkung dieser Szene. Die zurückhaltende Abschiedsstimmung in der Orchesterführung entspricht mehr dieser Situation als eine stürmisch laute Dramatik. Aus dem Orchestergraben unter der jungen Dirigentin Margaryta Grynyvetska ertönte kein einziger zu derber Klang. Aber etwas mehr sensible Interpretation und Korrespondenz zur Regie wäre erwünscht. Es fehlten der weit gespannte Spannungsbogen und mehr Flexibilität der Tempi, besonders in der Kommunikation mit dem Chor. Übergreifend wurde aber musikalisch wie szenisch vielfach und korrekt die Form gewahrt.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

In einem Interview erwähnte der Regisseur den Wind als tragendes Symbol der Inszenierung und er hat diese Idee, die Geräusche mit der Musik in Balance zu halten trotz der technischen Schwierigkeiten realisiert. Spektakulär treibt der Gott des Windes die schwarzen dichten Wellen des Meeres aus Stoff über die Bühne. Ein Exkurs im Mythos „Amor und Psyche“ kann einiges in der Regie aufklären und die spannende Parallelen aufzeigen.

Als Erstes: der Gott des Windes Zephyr trug Psyche zu Amor auf die Bergspitze. Dort verbrachten die Verliebten viele glückliche Nächte zusammen, aber Amor blieb unerkannt. Die Eifersucht auf Psyches Glück trieb ihre Schwestern dazu, Amor als Ungeheuer auszugeben. Es gab schon einige Regie-Deutungen (z.B. von Dmitri Tscheniakow, Robert Karsen u.a.), in denen Alfredo in seinem Verhalten zu Violetta zum seelenlosen Ungeheuer wird. Wie sonst kann man diesen Mann wahrnehmen, wenn er seine Geliebte vor der ganzen Öffentlichkeit demütigt, worauf der Tod sie umso früher ereilt?

 Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Als Zweites: den todesgleichen Schlaf der Psyche, aus dem sie nicht mehr erwacht, verursachte Proserpina – die Göttin des Totenreiches. Von ihr bekam die Psyche ein versiegeltes Fläschchen mit Schönheitssalbe, das sie heimlich öffnete und ihre betäubenden Düfte einatmete. Das historische Vorbild für Alexandre Dumas‘ Roman- und Bühnengestalt Marguerite Gautier (La dame aux camélias) und Giuseppe Verdis Violetta Valery (Oper „La traviata“) war bekanntlich die französische Kurtisane Alphonsine Plessis, die wegen ihrer Lungenkrankheit keine Blumen-Düfte außer die von Kamelien vertragen konnte.

Als Schlafes Braut und „Schwägerin des Todes“ lässt Violetta alle Figuren aus ihrer Vergangenheit wie Gespenster aus dem Jenseits hinter sich. Sie hängen im schwarzen Nebel mysteriös in der Luft. Nur Alfredo ersteigt auf der Vorderbühne aus der schwarzen Welle. Die ganze Bühne versinkt nun langsam im völligen Dunkel. Während der ganzen Vorstellung lief im Hintergrund eine eindrucksvolle Folge von Videos, die eine eigene Dynamik im Sujet hatten: von romantischen Visionen der langsam fallenden Kamelienblätter und der Frühlingsblühte bis zum stürmisch starken Regen (die Vision der Tränen) oder dem Regen der Dollars (die Vision der Demütigung). Aber am Nachhaltigsten wirkte am Ende das Video mit dem abstrakten Verfall der Mauer (die Vision des totalen Untergangs von Violettas Existenz).

Am Ende bleibt Violetta einsam auf der Bühne zurück, im immer gleichen weißen Hemd mit übergroßen Schleier auf der Schulter. Ihre durchsichtigen Stoff-Flügel bringt der Wind zur Bewegung und diese engelhafte Erscheinung verschwindet in der Dunkelheit des Jenseits genauso rätselhaft, wie sie zuvor erschien. Ihr Geist wird vom Winde Zephirs in die Ewigkeit verweht. Traurig bleibt Schlafes Braut, die sich früh mit dem Tod verband, in der Erinnerung des Publikums.

So reizvoll trifft der Mythos auf eine der populärsten romantischen Geschichten aller Zeiten. Das Gesamtkunstwerk triumphiert in dieser La Traviata. Erstaunlich, wie viele neue Fantasie- und Traumwelten birgt in sich diese Oper und Regisseure immer wieder und immer neu inspiriert.

 Besprochene Vorstellung von 27.12.2019.  Die Premiere fand am 9.10.2019 

—| IOCO Kritik Opernhaus Odessa |—

Baden-Baden, Festspielhaus, Der Nussknacker – Mariinsky- Residenz, 25. & 26.12.2019

Dezember 11, 2019 by  
Filed under Ballett, Festspielhaus Baden-Baden, Pressemeldung

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Mariinsky- Residenz 21. bis 27. Dezember 2019
„Der Nussknacker“

25. Dezember 2019, 17 Uhr
26. Dezember 2019, 14 und 19 Uhr 2019

„Der Nussknacker“ – mit dem Ballettklassiker für die ganze Familie versüßen Mariinsky Ballett und – Orchester den ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag

Zwischen dem weihnachtlichen Familienfest und den Träumen eines heranwachsenden Mädchens findet sich im „Nussknacker“ das gesamte Spektrum russischer Tanzkunst: wilde Pantomimen, Charaktertänze im spanischen oder orientalischen Stil, der große Schneeflockenwalzer und ein virtuoser Grand Pas de deux für das liebende Paar. Die im Festspielhaus Baden-Baden am 25. (17 Uhr) und 26. Dezember (14 und 19 Uhr) dargebotene Fassung des Mariinsky Balletts entstand 1934 und zeigt das Märchenballett in einer der schönsten unter den traditionellen Fassungen – als einen schönen Kindertraum, die letzte Reise ins Land der Süßigkeiten vor dem Erwachsenwerden.

Festspielhaus Baden - Baden / Der Nussknacker Maria Khoreva (Mascha) & Kimin Kim (Prince) in The Nutcracker by Valentin Baranovsky © State Academic Mariinsky Theatre

Festspielhaus Baden – Baden / Der Nussknacker Maria Khoreva (Mascha) & Kimin Kim (Prince) in The Nutcracker by Valentin Baranovsky © State Academic Mariinsky Theatre

Fast sämtliche große Ballettklassiker wurden einst im St. Petersburger Marientheater uraufgeführt, so auch „Der Nussknacker“, nach der Partitur von Peter Tschaikowsky. Das Ballett über eine zubeißende Holzfigur dürfte tatsächlich das berühmteste klassische Tanzstück der Welt sein, zwischen Advent und Weihnachten steht „Der Nussknacker“ bei praktisch allen großen Ballettkompanien auf dem Spielplan. Das Märchen über Spielzeug und Schneeflocken zählt insbesondere im angloamerikanischen Teil der Ballettwelt zu den unverzichtbaren Tophits, in den USA wird im Dezember nichts anderes getanzt. Durch den „Nussknacker“ lernen die meisten Kinder das Ballett und den Spitzentanz kennen – aus dem großbürgerlichen Biedermeier-Deutschland, wo E.T.A. Hoffmanns geheimnisvolle Novelle von „Nussknacker und Mausekönig“ spielt, gelangte die Geschichte via Frankreich ins zaristische St. Petersburg und beglückte dann als Weihnachtsballett die ganze Welt.

In Hoffmanns Erzählung verliebt sich die junge Marie (im Russischen Mascha) in ihr Weihnachtsgeschenk, einen geschnitzten Nussknacker, den sie von ihrem geheimnisvollen Patenonkel Drosselmeier bekommen hat. Schlag zwölf in der Weihnachtsnacht wird das Spielzeug im Hause Stahlbaum lebendig, Marie kämpft mit ihrem Helden gegen den Mäusekönig und versinkt in einem Fiebertraum, nach dessen Ende schließlich der Nussknacker in der Gestalt von Drosselmeiers hübschem Neffen um ihre Hand anhält, um sie in sein Süßigkeitenreich zu entführen. Die 1816 erschienene Novelle war in Russland in einer französischen Bearbeitung von Alexandre Dumas dem Älteren bekannt. Marius Petipa, der Erste Ballettmeister des Zaren, straffte gemeinsam mit seinem Intendanten am Mariinsky-Theater die komplizierte Handlung so lange, bis sie ins zeitgenössische Schema der „Ballet-Féerie“, des fantastischen Ballettmärchens passte. Peter Tschaikowsky wurde mit der Partitur beauftragt, die Uraufführung fand am Nikolaustag des Jahres 1892 statt.

Im ersten Akt dominieren Erzählung, Pantomime und weihnachtliche Ausstattung, während der zweite, praktisch handlungslose Teil ein großes, virtuoses Divertissement ist, wo von Charaktertänzen im orientalischen oder spanischen Stil über große Ensembles bis zum abschließenden Pas de deux nur noch getanzt wird. Tschaikowsky schrieb eine seiner schönsten Ballettmusiken für den „Nussknacker“, mit großen romantischen Aufschwüngen und geheimnisvollen Klangfarben wie der neu erfundenen Celesta oder einem wortlos singenden Kinderchor, der den verschneiten Märchenwald ins Magische entrückt.

Als Marius Petipa zu Probenbeginn erkrankte, übernahm sein zweiter Ballettmeister Lew Iwanow die Choreografie. Er ließ 60 Ballerinen als Schneeflocken einen Walzer tanzen, ihr Kopfputz bestand aus unzähligen kleinen, weißen Wattebällchen. Anders als etwa bei „Dornröschen“ wurde nur wenig originales Schrittmaterial des „Nussknackers“ bis heute überliefert, das meiste empfanden nachfolgende Ballettmeister und Choreografen nach der traditionellen Überlieferung. So gibt es verschiedene Versionen für den Schluss, manchmal erwacht Mascha aus ihrem Traum, manchmal bleibt sie im Märchenland bei ihrem Prinzen. 1934 inszenierte der sowjetische Choreograf Vassily Vainonen im damaligen Leningrad jenen neuen „Nussknacker“, der bis heute im Mariinsky-Theater gezeigt wird. Er ließ Mascha von einer erwachsenen Ballerina tanzen, die uns ein Mädchen im Aufbruch zum Erwachsenwerden zeigt, das hier noch einmal seinen Kinderträumen nachhängt. Vainonen rückte die geschrittene, Pantomime-lastige Ballett-Féerie ein großes Stück weiter in Richtung ernsthaftes Ballett und zeigt vor allem am Ende des ersten Aktes die aufblühende Liebe zwischen Mascha und ihrem verwandelten Prinzen als fließend-romantischen Pas de deux. Den zweiten Akt beließ er als großes Fest des Tanzes.

Weitere Informationen und Tickets: www.festspielhaus.de

Persönliche Beratung und Reservierungen: Tel. 07221 / 30 13 101

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Premiere Der Nussknacker, 19.10.2019

September 26, 2019 by  
Filed under Ballett, Premieren, Pressemeldung

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

PREMIERE IM BALLETT

»Der Nussknacker«

Ballett von Tim Plegge  mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Premiere am 19. Oktober 2019 um 19.30 Uhr im Großen Haus 

Die nächsten Vorstellungstermine: 25. Oktober um 19.30 Uhr und 27. Oktober um 16 Uhr

Mit einer Neufassung des Ballettklassikers »Der Nussknacker« eröffnet Tim Plegge die Saison des Hessischen Staatsballetts am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Die Vorlage zum Stück stammt von E.T.A. Hoffmann, die in der Version von Alexandre Dumas von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky vertont und eines der populärsten Ballette überhaupt wurde.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Marie, die am Weihnachtsabend einen Nussknacker geschenkt bekommt, der sie mit auf Reisen nimmt durch Hoffnungen, Wünsche und Träume, in denen die Konturen zwischen Alltag und Projektion verschwimmen und bisweilen surreale Formen annehmen. Dort wird Marie in einen Kampf zwischen Spielsachen und Rattenkönigin hineingezogen und bereist gemeinsam mit dem Nussknacker sein Land, wo die beiden nicht nur die Zuckerfee erwartet. Marie glaubt schon, in der Traumwelt das zu finden, was sie im realen Leben am meisten glaubt zu vermissen, bis alles auch hier in eine beunruhigende Schieflage gerät.

In Plegges Fassung, in der märchenhafte Elemente und blanker Familienweihnachtsalltag ineinander verschränkt sind, haben auch die dunklen und skurrilen Seiten der Geschichte ihren Platz. Genau da liegen für Marie die Nüsse verborgen, die sie auf ihrem Weg zu knacken hat.

Musikalische Leitung Patrick Lange Choreografie Tim Plegge Bühne Frank Philipp Schlößmann Kostüm Judith Adam Licht Tanja Rühl Dramaturgie Karin Dietrich

Ensemble des Hessischen Staatsballetts
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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