Lyon, Opéra de Lyon, Intendant Serge Dorny – Im Interview, IOCO Aktuell, 30.03.2019

März 30, 2019 by  
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Opéra de Lyon / Serge Dorny, Intendant Opéra de Lyon © Blandine Soulange

Opéra de Lyon / Serge Dorny, Intendant Opéra de Lyon © Blandine Soulange

Serge Dorny, Intendant der Opéra de Lyon

Im Gespräch mit Patrik Klein, IOCO

Am Tag einer Premiere sind Intendanten von Theatern immer unter besonderer Anspannung. Wir besuchten Serge Dorny, Intendant der Opéra de Lyon, zu Beginn eines jährlich stattfindenden Festivals mit drei großen Opernpremieren. Tschaikowskis Die Zauberin stand unmittelbar bevor, gefolgt von Purcell / Kalimas Version von Dido und Aeneas und schließlich Monteverdis Il Ritorno d´Ulisse. Das unter dem Motto Leben und Schicksale stehende Festival lockte viele Gäste und Journalisten aus aller Welt in das Haus an der Rhone/Saone. Auch IOCO – Kultur im Netz erhielt erstmalig eine Einladung nach Lyon, durfte das Haus mit den offenen Türen für die Menschen der Stadt und des Landes besichtigen, an Presseinformationsveranstaltungen, der Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Saison 2019/20 und an den beiden ersten Premieren im großen Saal der Opéra de Lyon teilnehmen.

Das folgende Gespräch mit Intendant Serge Dorny, ab der Spielzeit 2021 übernimmt dieser die Intendanz der Bayerischen Staatsoper München, krönte den Besuch in Lyon. Im halb rund gekrümmten gläsernen Dach des Hauses in der neunten Etage sind die Büros der Geschäftsleitung untergebracht. Halboffene Großraumbüros mit spektakulärem Blick in die Stadt umranden den ganz in schwarz gehaltenen Konferenz- und Begegnungsbereich. Fotos der Stadt und Plakate vergangener Produktionen fallen ins Auge. Es herrscht eine ruhige, gelassene und konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Das ebenso offene Büro des Intendanten mit kleinem Vorzimmer liegt zentral inmitten seines Leitungsteams. Ein hübsch eingerichteter mittelgroßer Raum mit vielen CDs und Büchern, Schreibtisch und kleiner Gesprächsecke. Der Blick aus den Fenstern ist atemberaubend auf das Rathaus, die Dächer der umliegenden Häuser mit den vielen Schornsteinen und dem immer belebten Vorplatz des Opernhauses, auf dem sich die junge Generation künstlerisch betätigt mit modernen Tänzen, spektakulären musikalischen und szenischen Darbietungen, vielleicht in der Hoffnung, irgendwann einmal im Haus oder seinen verschiedenen anderen Spielstätten in der Stadt professionell dabei sein zu können. Freundlich und mit einer ansteckenden Gelassenheit empfängt mich Serge Dorny. Wir machen uns bekannt, meine Frau macht ein paar Fotos und lässt uns zum Gespräch alleine.

Opéra de Lyon / Serge Dorny, links, und Patrik Klein, IOCO © Simone Schumacher

Opéra de Lyon / Serge Dorny, links, und Patrik Klein, IOCO © Simone Schumacher

Zunächst ergriff ich die Gelegenheit, IOCO – Kultur im Netz vorzustellen: IOCO ist seit mehr als 10 Jahren in der deutschsprachigen Theaterlandschaft, besonders bei Musiktheatern gut etabliert. Über dreißig IOCO Kolleginnen und Kollegen im gesamten deutschen Sprachraum, von Wien bis Hamburg, von Berlin bis Aachen und neuerdings auch in Paris, berichten über kulturelle Ereignisse; Rezensionen zu Inszenierungen, aber auch alltägliche Kulturnachrichten, Portraits von Künstlern, Interviews sind für IOCO von Interesse.

IOCO (Latein Ich spiele) ist ein patentrechtlich geschützter Name. Der Name IOCO ist aber auch Richtung für unsere Publikationen: Künstlerisches Schaffen soll grundsätzlich mit positivem Fokus, mit Respekt begegnet werden; so dürfen bei IOCO  niemals einzelne Mängel, oder so eingeschätztes, die Wertung eines ganzen Werkes überdecken.

IOCO – Kolleg/innen besitzen langjährige kulturelle Erfahrungen und große ausgeprägte Leidenschaft für Musik- und Sprechtheater. Mit unterschiedlichsten Lebensläufen behaftet, Lehrer, Jurist, Ingenieur, Chormitglieder in Theatern oder auch Sänger/nnen berichten IOCO-Korrespondenten aus kulturellen Brennpunkten im deutschsprachigen Raum. In den sozialen Medien (insbesondere Facebook) pflegt IOCO intensiven persönlichen Kontakt mit vielen Künstlerinnen und Künstlern; die contentreiche Webseite www.ioco.de zieht tausende Besucher an. IOCO schafft, bietet so als Unternehmen kulturaffinen Menschen ein einzigartiges internationales Netzwerk und aktives Betätigungsfeld. Der Kontakt von IOCO zur Opéra de Lyon / Tanja Franke, dort zuständig für  Medienkommunikation in  Deutschland, Österreich, Schweiz entstand über Facebook.

IOCO:  Herr Dorny, Sie sind nun bereits seit 2003 Intendant der Opéra de Lyon. Sie haben ein „Opernhaus in der Provinz“ zu einem europaweit aufregenden und viel beachteten Haus mit mutigen Programmen und einer besonderen Jugend- und Sozialarbeit gemacht. 2017 wurde Ihr Haus von der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Opernhaus des Jahres gekürt. Wie ist Ihnen das gelungen? Wie muss man sich als Hamburger, der zum ersten Mal hier vor Ort ist, Ihr Konzept vorstellen?

S.D.: Das ist natürlich eine sehr umfassende Frage, die ich aus der Historie kommend versuche zu beantworten. Man muss die Gegebenheiten ab etwa 1969 bis in die 1990er Jahre betrachten, wo der Grundstein zur heutigen Situation von meinen Vorgängern gelegt wurde. Es war auch in dieser Zeit eigentlich immer ein führendes Opernhaus, in denen Menschen wie John Elliot Gardiner in seiner Anfangszeit (GMD Lyon 1983-88), Kent Nagano (GMD Lyon 1988-98), Gerard Mortier (Oper Brüssel), Jean-Pierre Brossmann (Intendant in Lyon), Peter Jonas (English National Opera), Alexander Pereira (Oper Zürich) die wesentlichen Impulse gaben, die Oper hier in Lyon und die Oper in Europa zu prägen und zu erneuern. Beispielsweise gab es hier die Aufführung der Oper L’étoile von Emmanuel Chabrier, zu Naganos Zeiten die Oper Doktor Faust von Ferruccio Busoni oder die Uraufführung von Drei Schwestern von Peter Eötvös. Ich betrachte mich als Teil dieser Geschichte und mit meiner Handschrift versuche ich Stücke aus dem Repertoire, aber auch Entdeckungen aus der Vergangenheit wie zum Beispiel die heutige Premiere von Tschaikowskis Die Zauberin als französische Erstaufführung zu positionieren. Schauen Sie hier in die kommende Saison, wo wir von Franz Schreker Irrelohe ebenso als französische Erstaufführung bringen werden. Genauso wie die Musik von heute in unserem Haus einen festen Platz hat. In jedem Jahr bestelle ich zumindest ein neues Werk als Uraufführung für die Opéra de Lyon. Dabei waren Peter Eötvös, es kommen u.a. George Benjamin mit Lessons in Love and Violence und Thierry Escaich mit der Oper Shirine. Das sind alles Werke, die uns die Möglichkeiten geben, künftig das Repertoire zu erweitern. Das war damals wie heute wichtig, auch bei Mozart und Verdi, deren Werke bestellt wurden und die das Repertoire erweiterten. Für mich ist es wichtig, dass man ständig versucht, den Opernfundus zu erweitern. Abschließend ist für die Identität des Hauses hier in Lyon die Frage von Eminenz, wie man eigentlich das Genre Oper für die heutige Zeit relevant macht und in aktuelle Debatten einbindet. Schaut man zum Beispiel auf Verdis Macbeth, so ist Shakespeares Drama auch noch heute aktuell. Man muss immer versuchen mit der heutigen Welt in Resonanz zu stehen. Das sind insgesamt die wesentlichen Gründe, warum unser Haus in der Opernwelt anerkannt ist und vor allen Dingen bei den Menschen unserer Stadt geschätzt wird. Dies wird auch damit erreicht, dass wir viele Dinge mit der Stadt gemeinsam machen mit sozialen Einrichtungen, Gefängnissen und Schulen. Wir betrachten unsere Oper als Ressource und nicht nur als eine Traumfabrik. Die Menschen kommen nicht nur zu uns, sondern wir gehen auch zu ihnen vor Ort. Wir haben es geschafft, eine Vertrauenssituation zu schaffen und die Menschen haben das Gefühl, dass sie anerkannt worden sind und dass ihnen die Oper auch ein Stück weit gehört.

Opéra de Lyon / Konferenzbereich in der Opéra de Lyon © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Konferenzbereich in der Opéra de Lyon © Patrik Klein

IOCO: Wie haben Sie es geschafft das junge Publikum für sich zu gewinnen und damit zu dieser hohen Auslastung von über 90 % zu sorgen?

S.D.: Man kann nicht sagen, dass man das mit einer Aktion schafft, die die Lösung darstellt. Jede Stadt bietet da auch seine eigenen Möglichkeiten. Hier bei uns haben wir eine ganze Menge an Aktivitäten gemacht, die die Frage unterstrichen, wie man ein solches Haus inmitten des Zentrums von Lyon nach außen offen gestaltet und wie eine Oper an der politischen (nicht im ideologischen Sinne) Artikulation und an der Entwicklung einer Stadt mit agieren kann. Wir stellen uns immer die Fragen: Was machen wir? Für wen machen wir es? Wie machen wir es? Die Frage ist auch, wie viele Institutionen machen noch diese meist unangenehme Selbstbefragung. Das machen wir trotzdem gerne, weil es uns hilft eine Relevanz zu erhalten. Deshalb war es essentiell für den Erfolg dieses Hauses. Man muss sich immer wieder kritisch hinterfragen, ob man das richtige Konzept hat. Es ist uns gelungen, einen konstruktiven Dialog mit der Stadt aufzubauen. Wo gibt es denn noch heutzutage Orte, wo man sich treffen kann in einer Welt, die durch die neuen Medien geprägt ist? In den Kirchen? Auf der Post? Vielleicht im Parlament? Darstellende Künste lassen doch eine gemeinsame Emotion erleben von 1100 Menschen gleichzeitig. Sie schauen gemeinsam ein Kunstwerk an und werden gemeinsam reagieren.

Opéra de Lyon / In Vorbereitung auf das Gespräch mit Serge Dorny © Patrik Klein

Opéra de Lyon / In Vorbereitung auf das Gespräch mit Serge Dorny © Patrik Klein

IOCO: Für jede Produktion im Bereich Oper wird ein spezielles Ensemble zusammengestellt aus Gästen bzw. Künstlern aus aller Welt. Welche Vorteile bzw. Nachteile hat es, nicht auf ein hauseigenes Ensemble zurückgreifen zu können?

S.D.: Lyon ist im Gegensatz zu vielen anderen Häusern, die einen Repertoirebetrieb haben ein Haus mit dem sogenannten Stagione Betrieb. Ein festes Ensemble hier in Lyon wäre fast unmöglich, weil wir nur etwa 70 bis 80 Vorstellungen im Jahr haben statt rund 180 Vorstellungen eines Repertoiretheaters. Das wäre für ein Ensemblemitglied nicht besonders interessant. Wir machen 8 bis 9 Produktionen pro Jahr und damit wäre das ökonomisch auch nicht besonders sinnvoll. Das Stagione System ist nicht geeignet für ein Ensemble, wobei wir natürlich schon für eine Neuproduktion wie heute ein Ensemble verpflichtet haben mit Menschen, die hier für über 2 Monate arbeiten. Das heißt, wir können auch idiomatisch immer ein eigenes Ensemble holen. Für Die Zauberin haben wir einen fast vollständig russischen Cast zusammengestellt. Wenn wir dann einen Don Carlos spielen zum Beispiel, haben wir die Möglichkeit, ein idiomatisch optimales Ensemble aus guten Künstlern zusammenzustellen. Das hat natürlich Vor- und Nachteile und wenn wir wie jetzt ein Festival haben, dann haben wir fast eine Kombination aus Repertoire und Stagione, da wir fast täglich eine Vorstellung spielen. Dann sind wir im Kontext mit der Stadt sogar etwas Alltägliches. (Nachfrage IOCO: War das hier in Lyon auch zu Zeiten Gardiners und Nagano schon ein Stagione Betrieb?) Ja, auch schon zu deren Zeiten. Ich habe das nicht verändern wollen. So wie Brüssel, Amsterdam, Madrid, Barcelona und Turin ist Lyon ein typisches Haus mit Stagione Betrieb. Das unterscheidet uns von den meisten deutschen und österreichischen Häusern.

Opéra de Lyon / Blick auf Lyon aus dem Büro von Serge Dorny © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Blick auf Lyon aus dem Büro von Serge Dorny © Patrik Klein

IOCO: Worauf legen Sie Wert bei der Auswahl der Künstler, Regie, Bühnenbild,  Sängerinnen und Sänger?

S.D.: Das Konzept unseres Hauses ist gekoppelt an den dramaturgischen Gedanken. Wenn wir ein Programm gestalten, entscheide ich zusammen mit unserem Generalmusikdirektor Daniele Rustioni über ein Repertoire und die damit verbundenen dramaturgischen Gedanken. Beim Festival hat das den Kernpunkt „Leben und Schicksale“. Die Künstler suchen wir dann gemeinsam gezielt nach Vorhandensein des Repertoires aus. Also wir beantworten dann die Frage, mit wem machen wir dieses Repertoire. Es kommt der dramaturgische Gedanke, mit welchem Regisseur wir das machen. Dabei ist die entscheidende Frage, welche Handschrift, Sprache und Theater dieser Regisseur hat, wie diese zu dem ausgewählten Stück passen würde und ob sein Theater auf das kommende Stück übertragbar ist. Erst danach sprechen wir mit Dirigent und Regisseur über die mögliche Besetzung. Es ist dann so etwas wie „Type-Casting“, wenn man nach der Figur des jungen Prinzen Juri in Der Zauberin sucht. Wir sind sehr froh, dass wir den 25-jährigen Migran Agadzhanyan verpflichten konnten. Es ist uns immer wichtig, ein Gleichgewicht (Equilibrium) zwischen Rolleneignung bzw. Charakter und musikalischem Können zu finden. Wir versuchen immer unsere Produktionen glaubwürdig zu gestalten. (Nachfrage IOCO: Verlassen Sie sich bei der Auswahl ausschließlich auf Ihren Casting Chef oder mischen Sie hier selbst mit?) Das Ganze ist ein Dialog, an dem ich auch teilnehme. Regie- und Dirigentenauswahl treffe ich alleine, für die Sängerinnen und Sänger gibt es gemeinsame Gespräche, in denen das entschieden wird.

IOCO: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

S.D.: Der beginnt sehr früh und endet sehr spät (lacht).

IOCO: Wie oft besuchen Sie die Vorstellungen und Events in Ihrem Haus?

S.D.: Ich gehe nicht in jede Vorstellung, aber ich schaue mir sehr viele gerne an. Zudem bin ich in vielen Proben präsent. Die Arbeit beginnt ja nicht in der Vorstellung, sondern in den Proben. Bis zur Premiere bin ich dort sehr oft. (Nachfrage IOCO: Hören und schauen Sie sich die Proben nur an, oder mischen Sie da auch mit?) Ja, ich mische da mit. Wenn man das mit Liebe und Leidenschaft macht, dann mögen das die Mitarbeiter auch. Es hat etwas mit Vertrauen zu tun, was bei uns hier in Lyon beidseitig ist. Für mich ist das klassische Teamarbeit. Oper ist Teamarbeit. Die beginnt spätestens, wenn der Vertrag mit einem Künstler unterschrieben ist und endet mit der letzten Vorstellung. Bis dahin ist das ein Arbeitsprozess, an dem ich beteiligt bin, ja sogar beteiligt sein muss als meine Verpflichtung und meine Verantwortung.

IOCO: Sie gehen gerne Risiken ein. Wie wird sich das in der Zukunft in Lyon hör- und sichtbar darstellen? Welches Thema wird das nächste Festival haben?

S.D.: Es gibt nicht nur Risikos. Wenn ich das mache, was wir machen, gründet das auf etwas. Ich arbeite hier jetzt seit dem Jahr 2003 und das, was ich heute mache, ist nicht das Gleiche wie vor 15 Jahren. Es geht mir auch nicht um Risikos, sondern lediglich um kalkulierte Risiken. Sie als Ingenieur wissen sicher, was ich damit meine. Die Sache ist, dass man jedes Jahr eine Arbeit gemacht hat, die man weiterentwickeln kann. Es ist für mich wichtig zu versuchen, jedes Jahr weiterzukommen und daraus eine Strategie zu bilden. Dieses Jahr haben wir die fantastische Oper von Tschaikowski Die Zauberin auf dem Programm, die wie eine Ankündigung der Pique Dame daher kommt. Das ist ein typisches Beispiel.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

IOCO: Sie werden der Opéra de Lyon noch bis 2021 zur Verfügung stehen. Welche Impulse wird man in der verbleibenden Zeit noch von Ihnen erwarten können? Gibt es darüber hinaus bereits Pläne für Lyon, wie sich das Haus weiter und dann ohne Sie entwickeln soll?

S.D.: Ich bin natürlich hier bis 2021 voll beschäftigt und habe noch viele Pläne für die nächste Saison, die Sie ja morgen vorgestellt bekommen. Es ist ein ambitiöses Programm gespickt mit unbekannten Werken. Ein Haus muss heutzutage mehr als in der Vergangenheit ein ambitiöses Programm haben. Ich hoffe sehr, dass diese Ambitionen für das Haus in der Zukunft auch nach meiner Zeit nicht verloren gehen. Kunst ist immer interessant, wenn ein Element des Risikos enthalten ist. Kunst darf nichts Ordinäres sein. Das ist meine Hoffnung auch für nach 2021. Die Stadt Lyon und der Staat müssen sich da Gedanken machen wie es weitergehen soll. Ich sage das oft zum Herrn Bürgermeister und zum Herrn Minister, dass man für das Haus weitere Ambitionen aufstellen muss.

IOCO: Was machen Sie privat am liebsten als Ausgleich zu Ihren vielseitigen beruflichen Aktivitäten?

S.D.: Mein Hobby ist mein Beruf. Das ist das, was mich zum glücklichen Menschen macht. Ich darf machen, was ich liebe.

IOCO: Vielen Dank Herr Dorny für das Gespräch

—| IOCO Interview Opéra de Lyon |—

Dresden, Semperoper, Ariadne auf Naxos – Richard Strauss, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 11, 2018 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ariadne auf Naxos – Richard Wagner

Gelungenes Debut für Regisseur David Hermann in Dresden

Von Thomas Thielemann

Nicht wenige Opernfreunde schätzen die Kammeroper Ariadne auf Naxos als das schönste und vor allem das gelungenste Bühnenwerk des Richard Strauss. Wenn dann noch David Hermann eine klare und direkte Inszenierung mit ausgefeilter Personenregie und raffinierten Verbindungslinien zwischen den heterogenen Teilen der Oper beisteuert, dann sind alle Voraussetzungen für einen gelungenen Premieren-Abend gegeben.

Mit dieser Verbindung aus musikalischer Komödie und „richtiger“ Oper, dem Gemenge aus Kunst und „wahrem Künstler-„ Leben bietet Hermann einen Cocktail aus mehreren Stilformen: Das Vorspiel als konkrete witzige dramatische Komödie mit scharfen Pointen.

Ariadne auf Naxos – Richard Strauss
Youtube Trailer der Semperoper – Einführung in Ariadne Produktion
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Dabei hatte David Hermann eine Anleihe bei Michael Frayn aufgenommen: An der Wand eines kahlen Ganges sind drei Türen angeordnet, die sich ständig öffnen und schließen. Und jedes Mal, wenn sich eine der Türen öffnet, passiert auch etwas, gibt es eine Überraschung. Gleichsam im Stil des „nackten Wahnsinns“ wird mit derber Komik die Tragik des Geschehens vorangetrieben. In der Oper trifft dann die etwas oberflächliche Welt der Zerbinetta auf die leidenschaftliche spritzig-schwitzende griechische Tragödie der Ariadne.

Todesangst und Todessehnsucht stehen gegenüber und versuchen mit einem opulenten, der Tragik der Situation eigentlich wiedersprechenden musikalischen Rokoko-Gemälde eine Annäherung. Das Bühnenbild von Paul Zoller und die Kostüme von Michaela Barth stützen das Konzept der kom-plexen Umsetzung des Librettos des Hugo von Hofmannsthal in die Musik von Richard Strauss.

Unterhaltsam und überraschend, wie die recht kleine Besetzung der Staatskapellen-Musiker unter Leitung Christian Thielemanns die Orchesterklänge opulent verströmen ließ, pointiert und schlank, aber immer Sänger-freundlich. Die Musiker folgten dem Dirigenten vom ersten Ton der Ouvertüre hingebungsvoll mit dem durchsichtigen und geschmeidigem Dresdner Klang. Dabei nahm sich der Musikalische Leiter ausreichend Zeit, um jede Nuance der Komposition auszu-kosten, jede Silbe, jede Kleinigkeit des Textes verwandelte sich in Klänge und gab damit der exquisiten Sängerbesetzung ein stabiles Gerüst.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Als Primadonna brillierte mit makellosem Deutsch die Bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova (Foto). Eine der prachtvollsten Sopranstimmen unserer Zeit gab der Titelrolle ein vokales und darstellerisch kräftiges Profil. Die grandiose Kombination von Klangkultur und Gestaltungsvermögen machte den Premierenabend zu einem unvergesslichen Abend.
Gegenüber diesem Schwergewicht konnte der Bacchus von Stephen Gould mit seinem heldisch inzwischen etwas schwerer gewordenen Tenor mühelos insbesondere in den lyrischen Passagen bestehen und sich dem belkantesken Anspruch der Sopranistin anpassen.

Dass Daniela Fally mit ihrem immensen Bühnentemperament und ihrer tollen Koloraturstimme eine außergewöhnliche Zerbinetta bieten kann, ist spätestens seit der Wiener Bechtolf-Inszenierung bekannt. Ohne diese ihre hervorragenden Möglichkeiten zu vernachlässigen, wurde ihr Temperament von der Regie stilisiert und schlüssig zur Entwicklung ihrer Nachdenklichkeit geführt. Der idealistische Komponist war von der klangprächtigen Mezzosopranistin Daniela Sindram, abseits von oft kabarettistischen Ausdeutungen, als sympathische und leidenschaftliche Person geboten.

Eine Überraschung war, dass der Haushofmeister am Premierenabend vom Intendanten des Skala Alexander Pereira übernommen worden war. Das Trio , das die Trauer der Ariadne und die Ankunft des Gottes auf Naxos kommentiert, war mit den Sopranistinnen Evelin Novak (Najade), Tuuli Takala (Echo) und der Altistin Simone Schröder (Dryade) stimmlich sowie darstellerisch sehr ordentlich aufeinander abgestimmt , so dass ihre Passagen eindringlich, gefühlvoll vom Orchester unterstützt, gestaltet worden waren.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Albert Dohmen gefiel vor allem mit seiner Bühnenpräsenz als Musiklehrer. Mit schönen Höhen gefiel der Harlekin des Österreicher Bariton Rafael Fingerlos. Nach mehrfachen Gastauftritten an der Wiener Staatsoper bestritt der mexikanische Tenor Carlos Osuna mit der Partie des Scaramuccio sein Hausdebüt an der Semperoper. Der Bassist Torben Jürgens, ansonsten seit Saisonbeginn als Don Fernando im Fidelio eingesetzt, hatte die Partie des Truffaldin übernommen.

In den weiteren Rollen demonstrierten Sänger aus dem Ensemble und dem Jungen Ensemble der Semperoper die Leistungsfähigkeit der Haussänger: Der amerikanische Tenor Aaron Pegram, seit 2009 im Haus und in der bisherigen Inszenierung als Brighella, nunmehr als Tanzmeister eingesetzt; der Tenor Joseph Dennis als neuer Brighella; der tschechische Bariton Jiri Rajniš (seit 2017 im Jungen Ensemble) als Perückenmacher; der koreanische Tenor Beomjin Kim (seit 2018 im Jungen Ensemble) als Offizier und der Bariton Bernhard Hansky (2017/18 im Ensemble) als Lakai.

Die Regie wäre unvollkommen, wenn sie das Publikum mit dem Klangrausch entlassen würde: Bereits vor dem Beginn der Vorstellung waren hinter dem ersten Rang die Besucher von einer hochmütigen Tischgesellschaft inclusive Tafelmusik empfangen worden. Und diese „Mäzen- Gesellschaft“ zerstörte mit ihrem Huschen über die Bühne in den letzten Takten der Musik, führte zur Selbstreflexion der Schöpfer der Oper zurück und zwingt damit zu einem nachdenklichen Schluss.

Eine gelungene, schlüssige Regiearbeit von David Hermann und eine durchweg gelungene Aufführung mit Gesang und Orchestermusik auf höchstem Niveau. Der frenetische langanhaltende Beifall bestätigten die Besonderheit des Abends.

Ariadne auf Naxos an der Semperoper; weitere Vorstellungen 12.12.; 14.12.2018

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Mailand, Teatro alla Scala, Pereira kommt – Barenboim geht, IOCO Aktuell, 30.10.2013


Aktuell

Teatro alla Scala © Jean-Christophe Benoist

Teatro alla Scala © Jean-Christophe Benoist

Teatro alla Scala Umwälzung: Pereira, Barenboim

Die Mailänder Scala ist in Aufruhr. Intendant Franzose Stephane Lissner geht 2015 zurück nach Paris. Sein Einkommen an der Scala war signifikant gekürzt worden. Erhebliche Subventionskürzungen für das Teatro alla Scala waren vorangegangen.

Zum Nachfolger von Lissner bestellte der Scala-Aufsichtsrat im Mai 2013 Alexander Pereira. Pereira ist bei den Salzburger Festspielen nach nur einem Jahr über Budgetprobleme krachend gescheitert; sein Vertrag in Salzburg endet vorzeitig im Herbst 2014. Pereiras Vorschlag, neben der Scala Intendanz  auch die Salzburger Festspiele quasi nebenbei zu leiten, hatte deren Festspiel Kuratorium zuvor abgelehnt. Zu öffentlich, zu lautstark hatte Pereira in Salzburg Differenzen ausgetragen als das eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Kuratorium und Pereira noch möglich schien.

Gerade als Intendant der Scala ab 2015 bestellt, verkündete Pereira im Mai 2013 unnötig öffentlich, dass der nächste Musikdirektor der Scala ein Italiener sein werde. Mit dem „kommenden Italiener“ hatte er, so IOCO bereits im Mai 2013, vermutlich den in Mailand geborenen und in der Nähe wohnenden Ricardo Chailly gemeint. In jedem Fall hatte Pereira mit seiner Äußerung bereits das Vertragsende des derzeitigen Scala-Musikdirektors Daniel Barenboim bekannt gegeben und Amtsinhaber Daniel Barenboim, zumindest in öffentlichen Erscheinungsbild, düpiert.

Daniel Barenboim in Berlin © IOCO

Daniel Barenboim in Berlin © IOCO

Nun teilte Stephane Lissner mit, dass Daniel Barenboim vorzeitig, Ende 2014, aus dem Amt scheidet, zwei Jahre früher als vertraglich vorgesehen. Als Grund nannte Lissner die vielen Projekte Barenboims, darunter die geplante Akademie für israelische und palästinensische Musiker in Berlin. Eine gemeinsame öffentliche Erklärung liegt nicht vor. Als neuer Musikdirektor in Mailand ist, weiterhin unbestätigt, der Italiener Riccardo Chailly im Gespräch, der zurzeit das Gewandhausorchester Leipzig leitet. Eine Erklärung hierzu wurde vom Teatro alla Scala für November 2013 angekündigt.

Alexander Pereiras Salzburger Festspiel-Bilanz 2013 ist mit 90% Auslastung auffällig schlecht. Man muss viele Intendanten bis 1999 zurücksuchen, um eine ähnlich schlechte Auslastung zu finden. Daniel Barenboim hat also viele gute Gründe, seine Funktion als Musikdirektor am Teatro alla Scala vorzeitig aufzugeben. Die wahren Gründe für seinen vorzeitigen Abgang aus Mailand sind jedoch in der Vita und den vergangenen Äußerungen von  Alexander Pereira zu vermuten.   IOCO / Viktor Jarosch / 30.10.2013

—| IOCO Aktuell Staatsoper im Schillertheater |—

Salzburg, Salzburger Festspiele, Vorzeitiges Aus für Pereira, IOCO Aktuell, 12.06.2013

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Salzburger Festspiele

Salzburg, Festspielhauskomplex © Andreas Praefcke

Festspielhauskomplex Salzburg © Andreas Praefcke


Salzburger Festspiele: Ab Herbst 2014 ohne Pereira

Die Trennung von Alexander Pereira: Das Kuratorium der Salzburger Festspiele entschied am 11.6.2013 in einer kurzfristig angesetzten Sondersitzung die Trennung von Alexander Pereira zum Herbst 2014. Die Bestellung   Pereiras zum Intendanten des Mailänder Teatro alla Scala ab 2015 und öffentlich geäußerte Vorstellungen Pereiras, die Salzburger Festspiele quasi nebenbei „mitzumachen“, waren der Entscheidung des Kuratoriums vorangegangen.

Bis 2014 bleibt Alexander Pereira Intendant der Festspiele, mit vollen Bezügen. Sein zuvor bis Herbst 2016 laufender Vertrag wurde zum Herbst 2014 einvernehmlich aufgehoben. Für 2017 wird die neue Intendanz der Festspiele neu ausgeschrieben.  Als möglichen Nachfolger von Pereira nennt das Kuratorium Markus Hinterhäuser: „Er ist uns sehr willkommen, die Jahreszahl (NB. 2017) ist nicht zufällig„, so Salzburgs Bürgermeister und Pereira-Kontrahent Heinz Schaden. Außerdem wurde der Regisseur, Schauspieler und Kulturmanager Sven-Eric Bechtolf (auch möglicher Kandidat für die Intendanz) zum Mitglied des Festspieldirektoriums bestellt. Bis 2016 soll Bechtolf als Schauspielchef und Direktoriumsmitglied die Aufgaben eines Intendanten  gemeinsam mit der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler  wahrnehmen.
Alexander Pereira war erst 2012 zum Intendanten der Festspiele bestellt worden. Seine Tätigkeit in Salzburg wurde von zahllosen Streitigkeiten überschattet. Statt wie erwartet und von Pereira angekündigt, Budget und Festspiele durch mitgebrachte Sponsoren zu stabilisieren, forderte Pereira vom ersten Tag von Stadt und Land zusätzliche Gelder und drohte wiederholt mit Rücktritt. Nach seiner Bestellung zum Intendanten des Teatro alla Scala hatte Pereira angeboten, in Salzburg auch neben seiner Tätigkeit in Mailand als Intendant zur Verfügung zu stehen. Gegen eine solche Option hatte sich in Salzburg massiver Widerstandgebildet, denn Pereira hatte in seinem ersten Salzburger Jahr mit 90% die niedrigste Auslastung seit 13 Jahre erreicht: „Es dauert zwei, drei Jahre, bis das Publikum registrieren wird, dass auch der Schluss und nicht nur der Anfang der Festspiele attraktiv ist„, lautete Perreiras dünne Erklärung. Verständlich, daß das Kuratorium gegen eine Doppellösung mit dem Teatro alla Scala votierte.  
Bechtolf und Rabl-Stadler werden zu Mitgliedern des Direktoriums bestellt, sofern der Vertrag mit Helga Rabl-Stadler, Präsidentin und kaufmännische Leiterin der Festspiele, verlängert werden sollte. Auch diese Position wird ausgeschrieben. Rabl-Stadler wird sich, zögerlich, für den Posten des Festspiel-Präsidenten bewerben. Die Entscheidungen für beide Positionen fallen im Herbst 2013. Das Kuratorium  billigte zudem Programm und Budget der Festspiele für 2014  in der von Pereira und Rabl-Stadler überarbeiteten Form. Das Budget beträgt somit € 61 Mio und ist damit, trotz der von Pereira vehement bekämpften Kürzungen, eines der höchsten Festspiel-Budgets der Welt.  IOCO / Viktor Jarosch / 12.Juni 2013

 

—| IOCO Aktuell Salzburger Festspiele |—

 

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