Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan, IOCO Kritik, 24.05.2019

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan

– Die Droge „Macht“ :  Zerstörerin von Freiheit und Menschen –

von Peter Schlang

Dafür, dass nicht alle Geschichten aus Herrscherhäusern oder über Adelsgeschlechter belanglosen Tratsch und bestenfalls einen Fall für die Regenbogenpresse darstellen, lieferte die jüngste Premiere des Stuttgarter Balletts einen eindrucksvollen Beweis. Als deutsche Erstaufführung  feierte dort am 18. Mai 2019 Kenneth MacMillans 1978 in London uraufgeführtes Handlungsballett Mayerling einen rauschenden Erfolg. Der gut dreistündige Abend zeigte außerdem auf mitreißende Weise, wie spannend und aktuell historische Stoffe dieses Genres  auch heute noch sein können – zumindest wenn sich ein Groß-Meister psychologisierender Tanzkunst ihrer annimmt, wie es der 1992 verstorbene englische Choreograf und Tänzer Kenneth MacMillan war. Und wenn dann auch noch einige weitere Voraussetzungen gegeben sind, wie sie das Stuttgarter Ballett am Samstagabend einem begeisterten Publikum in beispielhafter Weise vor Augen führte, steht einer Sternstunde des Balletts nichts im Weg!

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan - hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan – hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Mayerling ist der Name eines Jagdschlosses der Habsburger, die über viele Jahrhunderte die österreichischen Kaiserinnen und Kaiser stellten. Dort beging am 30. Januar 1889 Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn Selbstmord, nachdem er zuvor seine 17-jährige Geliebte Baronesse Mary Vetsera erschossen hatte. Dieser inszenierte Doppel- / Selbst– Mord beendete nicht nur eine politische Hoffnung der Doppelmonarchie, sondern setzte auch einem Leben ein Ende, das mit den Begriffen Drama, Verzweiflung, Enttäuschungen, Intrigen, Lieblosigkeit und Verrat noch vorsichtig beschrieben ist.

 Mayerling – Stuttgarter Ballett zeigt die Aktualität historischer Erfahrungen

Rudolf, der am 21. August 1858 nach zwei Schwestern geborene, sehnlichst erwartete männliche habsburgische Thronfolger, wurde seiner Mutter, der Kaiserin Elisabeth (Sissi) und ihrer möglichen Liebe unmittelbar nach seiner Geburt entzogen. Nach dem Willen seines Vaters, Kaiser Franz Joseph I. und seiner Großmutter, Erzherzogin Sophie, sollte Rudolf mit höchster Disziplin und Härte zu einem „guten Soldaten“ erzogen und damit auf sein Amt als österreichischer Kaiser vorbereitet werden, für das nach damaliger Lesart nur ein harter, unnachgiebiger Militärführer in Frage kam.

Der äußerst sensible, musisch begabte und intelligente Junge konnte diese Erwartungen zu keiner Zeit erfüllen und litt so sehr an der ihm entgegenschlagenden Härte und Kälte, dass seine Mutter ihn letzten Endes doch dem militaristischen Einfluss entzog und für ihn eine liberale säkulare Erziehung organisierte. Dies wiederum rief nicht nur die konservativ-religiösen Kreise auf den Plan und sorgte in der Folge für zahlreiche Konflikte und Skandale, zu denen spätestens ab seiner Volljährigkeit mit 18 Jahre auch mehrere Liebesbeziehungen und ausufernde sexuelle Aktivitäten des Kronprinzen gehörten. Seine Eltern glaubten, mit der arrangierten Ehe ihres nunmehr 22jährigen Sohnes mit der 16jährigen belgischen Kronprinzessin Stephanie diesem Treiben ein Ende setzen zu können. Doch erfüllte sich diese Hoffnung genauso wenig, wie jene, dass sich Rudolf auf seine Kernaufgaben als späterer Herrscher vorbereitete. Stattdessen mied er nach einer kurzen glücklichen Ehephase, aus der auch eine Tochter hervorging, seine Gemahlin weitgehend und pflegte zahlreiche außereheliche Beziehungen. Auch ging er weiter seinen naturwissenschaftlichen, schriftstellerischen und journalistischen Interessen nach und pflegte intensive Kontakte zu anti-klerikalen und anti-katholischen, äußerst liberalen, ja sogar separatistischen ungarischen Kreisen.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Dies führte zu immer größeren Verwicklungen und zur Isolation Rudolfs, die wiederum – zusammen mit seiner fortschreitenden Syphiliserkrankung – dramatische physische, psychische und psychosomatische Störungen zur Folge hatten. So war der Geliebten- und Selbstmord keine Kurzschlusshandlung, sondern die  Folge einer lange vorhandenen Obsession und die Realisierung einer letzten Option.

Die Erkenntnis, dass dies alles äußerst aktuelle Themen sind und der Wunsch, sein Amt als neuer Stuttgarter Ballettdirektor mit einem „richtigen Kracher“ anzutreten, ließ in Tamas Detrich schon bei seiner Berufung als Nachfolger Reid Andersons vor über vier Jahren den Entschluss entstehen, dieses in Deutschland noch nie als Eigenproduktion gezeigte Ballett in seiner Eröffnungsspielzeit auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zu bringen. Dazu gelang ihm der Coup, mit Jürgen Rose eine der ganz großen Ausstatter-Legenden nach 27 Jahren Abwesenheit wieder an das Stuttgarter Ballett zurückzuholen. Der für Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept verantwortliche, inzwischen 81jährige Rose ist genau das Genie, das es braucht, um MacMillans schwermütiges, tiefgründiges und düster funkelndes Meisterwerk auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine Ballettbühne zu bringen. Ihm gelang es auf bewundernswerte Weise, dieses visionäre und zu seiner Zeit bahnrechende Stück, das nicht nur die entlegensten Winkel der menschlichen Psyche erforscht, sondern auch die folgenschweren Auswirkungen von Wünschen, Trieben, Bevormundung und Kämpfe um Macht  und Einfluss auf Individuen und  Gesellschaft analysiert, trotz starker, von MacMillans Witwe überwachter Aufführungsbeschränkungen behutsam, aber aussagestark zu aktualisieren.

Drei Jahre lang arbeiteten Jürgen Rose, seine beiden Assistenten Christian Blank und Moritz Haakh und die Stuttgarter Werkstätten an der Ausstattung dieses Balletts: 198 Kostüme im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts mussten entworfen und genäht, zahlreiche  zeittypische Möbel- und sonstige Requisiten hergestellt oder beschafft und dreizehn Bühnen-(Hintergrund-)Bilder gemalt und auf große Stoffbahnen gedruckt werden.  Dabei gesteht der Bühnen- und Kostümbildner nur den Hauptfiguren dezente Farbakzente zu und setzt stattdessen bei allem Übrigen überwiegend auf eine Schwarz-Weiß-Optik, mit der er an die Ästhetik alter Stiche und  Fotoalben erinnert und so die Historizität des Stoffes und den dokumentarischen Charakter des Stückes betont.

Dass Mayerling dennoch äußerst modern wirkt und zahlreiche Vergleiche mit aktuellen Themen und Bezügen anbietet, liegt nicht nur an der fabelhaften Ausführung der Dekorationen, sondern auch und vor allem an den famosen Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzern, die an diesem Premierenabend erneut eindrucksvoll zeigen, warum das Stuttgarter Ballett zu den besten Compagnien der Welt gezählt wird.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

An allererster Stelle ist hier Friedemann Vogel (Foto) zu nennen, der seinen Rudolf, dessen Rolle von der Kommunikationsdirektorin des Stuttgarter Ballett, Vivien Arnold, als „Mount Everest der Ballett-Literatur“ bezeichnet wird, von der ersten Bewegung im 1. Akt bis zu seinem Todesschuss im letzten Bild des 3. Aktes zu einem Ballettereignis allererster Güte macht. Dabei fällt es dem Beobachter schwer, die Details dieser Rolle und ihrer Umsetzung zu beschreiben und zu gewichten. Denn Friedemann Vogel ist in allen Szenen des Abends pausenlos auf der Bühne und hat dabei in ganz unterschiedlichen Szenen und Zusammenhängen die an Tragik nicht zu überbietende Entwicklung Rudolfs nachvollziehbar darzustellen, was allein schon eine Energieleistung ohne Beispiel ist. Wie das der erste Solist des Stuttgarter Ballett in den  insgesamt sieben Pas de deux Rudolfs mit dessen Mutter, seiner jungen Ehefrau, seiner letzten Geliebten Mary Vetsera und seinen beiden ehemaligen Geliebten sowie in mehreren Pas de cinq mit den ungarischen Separatisten und in den unzähligen diese umrahmenden Solis auf die Bühne bringt, verschlägt einem den Atem. Es ist höchste Tanzkunst und grenzt nicht selten an Akrobatik, wie er seine Tanzpartnerinnen über sich und an sich entlang windet, anzieht und wegstößt, hochstemmt und wieder zu Boden zieht, antreibt und dann wieder zum Innehalten animiert. Nicht minder atemberaubend ist Vogels  mimisch-gestische Präsenz, mit der er alle Empfindungen und inneren Vorgänge des Kronprinzen geradezu plastisch werden lässt und bis zur Betroffenheit erlebbar macht,  weshalb für diesen Ausnahmetänzer unbedingt der Begriff  „Tänzer-Darsteller“ eingeführt werden sollte.

Seine ihm in verschiedenen Rollen zur Seite gestellten Tanzpartnerinnen haben es, wie es bei einer mittelmäßigen Compagnie zu befürchten wäre, nicht schwer, mit ihm Schritt zu halten, sondern leisten mit ihren jeweiligen Auftritten einen ebenbürtigen Beitrag zu diesem Gipfel der Tanzkunst. Wegen der Bedeutung ihrer Rolle und deren höchst authentischer und glaubwürdiger Verkörperung sei Elisa Badenes als Baronesse Mary Vetsera als erste genannt. Ihr nimmt man nicht  nur ihre Leidenschaft in glücklichen Stunden, sondern auch die Bereitschaft ab, mit Rudolf in den Tod zu gehen. Äußerst genaue Rollenportraits liefern auch Alicia Amatriain als Marie Gräfin Larisch und Anna Osadcenko als Mizzi Casper, beides ehemalige Maitressen Rudolfs und ihm auf ganz unterschiedliche Weise noch immer verbandelt und zu Diensten. Miriam Kacerova gibt die Kaiserin Elisabeth als kühle, distanzierte, kaum liebesfähige Mutter, die ihrem Sohn in Sachen Ehebruch übrigens in nichts nachsteht, während man Diana Ionescu als Kronprinzessin Stephanie, Rudolfs junger Zwangsehefrau, deren Fremdheit, Zerbrechlichkeit und Ablehnung jederzeit ansieht und abnimmt.

Von den zahlreichen weiteren Tänzern des groß besetzten Abends seien hier beispielhaft Alexander Mc Gowan, Adrian Oldenburger, Marti Fernández Paixà und Flemming Puthenpurayil als wundervolles Quartett ungarischer Offiziere sowie Adhonay Soares da Silva als Rudolfs komisch-überdrehtes Faktotum Bratfisch  genannt.

Als Verbeugung des neuen Ballettdirektors Tamas Detrich vor den großen Leistungen früherer Verantwortlicher des Stuttgarter Balletts darf man die Geste werten, in den ersten fünf Vorstellungen von Mayerling mit Marcia Haydée als Erzherzogin Sophie, Georgette Tsingurides als deren Hofdame und Egon Madsen  als Kaiser Franz Joseph I. drei ehemalige Stuttgarter Stars an ihre frühere Wirkungsstätte zurückzuholen.

Sie reihen sich in den großen Szenen bescheiden in das Corps des Ballets ein, das durch einprägsame und beeindruckende Milieustudien besticht, wie etwa den Tanz der Kammerzofen, das Bachanale der Dirnen und ihrer Freier in der Wirthausszene des 2. Aktes oder durch die Ball-Episoden zu Beginn des 1. Aktes.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Verlässlicher musikalischer Garant des tänzerischen Geschehens ist das Staatsorchester Stuttgart, das unter der Leitung des jungen russischen Gastdirigenten Mikhail Agrest seine große Erfahrung und Klasse auch als „Ballettorchester“ unter Beweis stellt. Es hält den ganzen Abend über die Balance zwischen dem gefühlsbetonten, lebensbejahenden, romantischen Ausdruck, den die von John Launchbery seinerzeit für MacMillan zusammengestellte Musik Franz Liszts erfordert und dem morbiden, dekadenten Flair, welches die Handlung des Balletts begleitet und unterstreicht.

So zeigen alle Mitwirkenden dieser jüngsten Stuttgarter Ballettproduktion, was MacMillans Choreografie auch 40 Jahre nach ihrer Uraufführung noch immer auszeichnet: Die Erweiterung des traditionellen drei-aktigen Handlungsballetts um einen neuen, fast wagemutigen Bewegungsstil und die Einführung einer bis dato unbekannten, semi-artistischen Form von Körperlichkeit, die heute eher dem zeitgenössischen als dem klassischen Tanz zugeordnet wird, kurz, das Vermächtnis eines „experimentierfreudigen Traditionalisten“. Vor dem Hintergrund der nationalistischen Verwerfungen in Europa und der Zunahme an korrupten, egoistischen, nur auf Machterhalt erpichten Selbstdarsteller in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhält dieses scheinbar aus der Zeit gefallene Ballett eine große Aktualität und neue Deutungskraft.

Auch dafür spendete das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus frenetischen, minutenlangen Applaus; ja beim Erscheinen Jürgen Roses gab es stehende Ovationen.

Mayerling – Stuttgarter Ballett; weitere Vorstellungen 24., 25. 28. Mai, 1., 8. 9. Juni, 28. Juli 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Die Fantastischen Fünf – Reid Anderson, IOCO Kritik, 27.03.2018

März 29, 2018 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Die Fantastischen Fünf  –  Stuttgarter Ballett

Von Anfang und Abschied – Letzter Ballettabend in Reid Andersons Intendanz

Von Peter Schlang

Wenn die 22 jährige Dienstzeit Reid Andersons als Intendant des Stuttgarter Balletts im Juli mit einer ihm gewidmeten Festwoche zu Ende geht, wird die Liste der unter bzw. von ihm aus der Taufe gehobenen Uraufführungen weit über 100 Choreografien umfassen, darunter sage und schreibe elf abendfüllende Handlungsballette. Die meisten dieser Kreationen stammen aus den Köpfen und Händen von „hauseigenen Stuttgarter Kräften“, seien es Choreografinnen und Choreografen, die, häufig aus der Compagnie hervorgegangen, am Haus tätig waren, oder Tänzerinnen und Tänzer, die diesen Weg gerade eingeschlagen hatten oder im Begriff waren, dies zu tun.

Die Fantastischen Fünf  –  Im Schauspielhaus

Eine Frau und vier in diese Kategorien gehörenden Männer wurden nun vom seit 1969 dem Stuttgarter Ballett angehörenden Anderson zu einem Choreografen-Quintett zusammengespannt, um seinem Entdecker und Förderer unter dem beziehungsreichen Titel Die Fantastischen Fünf ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk zu machen. Dieses durfte der Beschenkte am Freitag, dem 23. März auf der „kleinen“ Stuttgarter Ballettbühne im Schauspielhaus vor vollen, mit glücklichen und vielfach auch jubelnden Ballettfans besetzten Rängen auspacken.

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf - hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf – hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Den Anfang dieses letzten Uraufführungs-Reigens dieser Spiel- und Amtszeit machte Roman Novitzkys Under the Surface, in dem das Multitalent (Novitzky ist nicht nur erster Solist und damit tanzender Choreograph der Stuttgarter Compagnie, sondern inzwischen auch deren Fotograf.) drei Tänzerinnen und fünf Tänzer verschiedene Formen und Stadien von Beziehungen und Begegnungen interpretieren lässt. Zu Musik von Ólafur Arnalds, Stephin Merritt und einer Auftragskomposition Marc Strobels entwickeln Fernanda De Souza Lopes, Jessica Fyfe, Veronika Verterich, Timoor Afshar, Matteo Crockard-Villa, Allessandro Giaquinto, Alexander Mc Gowan und Matteo Miccini ein wahres Feuerwerk an Charakter- und Gruppenstudien, die sich kurz mit fünf großen „ A“ zusammenfassen lassen: A wie Anmache, Annäherung, Anfang, Abstand und Abschied. In diesem halbstündigen Feuerwerk unter einer aus Glühbirnen geformten geometrischen Figur, unter der sich die gerade pausierenden Tänzer um einen großen Tisch versammeln, führt Novitzky dem Publikum verschiedene Stationen menschlicher Kontakte vor Augen. Diese kleidet er in ein originelles wie differenziertes Spektrum von Bewegungen und Figuren, welche die Tänzer kraftvoll und temporeich und nicht selten mit artistischem Aplomb auf die ganz in schwarz gehaltene Bühne bringen.

Das zweite Stück des gut dreistündigen Abends wurde Fabio Adorisio anvertraut, dem Jüngsten aus dieser verheißungsvollen Fünfer-Bande, der aber auch schon neun Choreografien geschaffen und seinem jüngsten Werk den Titel Or Noir gegeben hat. Damit spielt er auf die japanische Porzellan-Reparatur-Technik „Kintsugi“ an, was auf Deutsch „Goldverbindung“ oder „Gold flicken“ bedeutet.

Dabei verdecken die aufgebrachten Goldbänder nicht die Risse oder Brüche, sondern betonen und veredeln diese. Adorisio macht diesen Bezug durch raffinierte zweifarbige Trikots deutlich, in die er seine fünf Paare kleidet und die ebenso von ihm entworfen wurden wie der Bühnenraum. An dessen hinterem Ende sitzt das aus Streichern des Staatsorchesters gebildete Streichquintett, welches das von der Komponistin Nicky Sohn als Auftragswerk gelieferte einsätzige Werk „Even in the oddest time“ packend und akzentuiert zur Uraufführung brachte. Obgleich der Choreograf seine je fünf Tänzerinnen und Tänzer zu schönen, meist an klassischen Vorbildern orientierten Figuren und Bildern gruppiert, welche diese souverän auf die Bühne setzen, wirkt diese Arbeit etwas ermüdend und weniger inspirierend als das Vorgängerstück, welches vielleicht auch – zumindest beim Publikum – manche Energie aufgesaugt hat.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Diese ist – und das auf allen Seiten – beim Mittelstück des Abends wieder uneingeschränkt zu spüren. Es wurde, gendermäßig völlig korrekt, der einzigen Frau dieses Choreografen-Teams anvertraut, der nach dieser Spielzeit sich von der Stuttgarter Compagnie verabschiedenden Halbsolistin Katarzyna Kozielska. Ihr und sich selbst wünscht man nach ihrem fulminanten Beitrag Take Your Pleasure Seriously, dass Tamas Detrich, Stuttgarts designierter neuer Ballettchef, sie als Gastchoreographin wieder einmal an ihre bisherige Wirkungsstätte holen möge. Die aktuelle Arbeit der gebürtigen Polin ist ihr Resümee über ihre fast zwanzigjährige Zugehörigkeit zur Stuttgarter Compagnie und gleichzeitig eine große Verbeugung vor der Leistung aller Ersten Solistinnen. Folgerichtig lässt Kozielska Alicia Amatriain alle Haltungen, Positionen und Figuren vorführen, die das klassische Ballett kennt, wirkungs- und eindrucksvoll wie dienend und unterstützend begleitet von ihren Kolleginnen Rocio Aleman, Diana Ionescu, Mizuki Amemiya, Joana Romaneiro und Aiara Iturrioz Rico sowie den zu gewaltigen Hebe- und Stemmfiguren angehaltenen Tänzern Jason Reilly, Martí Fernández Paixà, Daniele Silingardi, Adrian Oldenburger, Fraser Roach und Noan Alves. Es ist ein live vorgeführtes, mit Fleisch und Blut versehenes Vademekum der Tanzkunst und Ausdrucksmittel verschiedener Epochen und Genres, welche die sechs Paare in höchster Vollendung und mit größter Leidenschaft auf die Bretter stellen.

Die musikalische Grundlage liefert neben zeitgenössischer Musik vom Band Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert, das von Paul Lewis am langsam von links nach rechts fahrenden Flügel akzentuiert wie tänzerfreundlich gespielt wurde.

Der Unterschied, ja Bruch zum nächsten und vorletzten Stück dieses denkwürdigen Ballettabends hätte kaum radikaler ausfallen können, denn Louis Stiens, ebenfalls Halbsolist und von Reid Anderson schon mehrfach mit Choreografien betraut, ist sowohl in seiner Formensprache als auch musikalisch eindeutig der Gegenwart zugewandt und hier wiederum leicht der Generation Twitter und Instagram zuzuordnen. Sein Bekenntnis, die Musik zu seinen Arbeiten ständig online zu suchen, wird durch die lauten, zumindest für einen älteren Zuhörer die Schmerzgrenze überschreitenden Beats und Rhythmen als absolut richtig eingestuft. Skinny, der Titel dieses Werks, wird vom Rezensenten deshalb weniger als „Unter die Haut gehend“, denn als nichts für „Dünnhäutige“ und für Klang-Ästheten gedeutet. Zwar gelingen dem Jung-Choreografen, der sich im Programmheft auch als Hobby-DJ outet, durchaus eindrucksvolle und teils sensible Körperbilder, doch die meisten der zu dieser aktuellen Clubmusik kreierten Tableaus und Szenen führen seelenlose, kalte Maschinenmenschen, ja zu Zombies dressierte Wesen vor, die den Verfasser dieses Textes an Chaos und Apokalypse denken lassen. Und wenn der Rezensent die Reaktionen vieler anderer Zuschauerinnen und Zuschauer richtig gedeutet hat, fand nicht nur er keinen richtigen Zugang zu der von Stiens gewählten Ausdrucksform.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Die gleiche Analyse dürften viele Besucher der Premiere auch in Bezug auf die letzte Arbeit des Abends treffen, auch wenn der Jubel für den scheidenden Haus-Choreografen Marco Goecke zumindest in manchen Ecken des Zuschauerraums orkanartige Dimensionen annahm und sich der etwas exzentrisch gebärdende, aber sichtbar gerührte Goecke einem regelrechten Blumenregen ausgesetzt sah. In der Tat polarisiert seine Tanzsprache auch in diesem letzten für das Stuttgarter Ballett geschaffenen Stück Almost Blue wohl wie die keines anderen zeitgenössischen Choreografen: Während die einen ob der konvulsivischen Zuckungen und der Tierwelt entlehnten Laut-Untermalungen verzückt und begeistert applaudieren, mögen andere eher verständnislos und ablehnend das Geschehen auf der Tanzbühne verfolgen. Zweifellos sind die von den vier Tänzerinnen und fünf Tänzern vorgeführten Bewegungen in ihrer Präzision äußerst bewundernswert, zumal die Beleuchtung, zusammen mit den von Thomas Mika geschaffenen Kostümen, für eindrucksvolle Momente und überraschende Effekte sorgt. Allerdings erschließen sich nicht alle der von Goecke eingesetzten Stilmittel und Kunstgriffe, sondern lassen den Berichterstatter an vielen Stellen eher ratlos und unberührt zurück.

Dieser natürlich sehr subjektive Eindruck schmälert indes die Kunst und Wirkung dieses abwechslungsreichen und spannungsgeladenen Ballettabends in keiner Weise. Und so sind Die fantastischen Fünf ein würdiges und bleibendes Vermächtnis des großen Tanz-Ermöglichers und Talente-Entdeckers Reid Anderson, dessen von ihm geförderte Choreografie-Talente mit ziemlicher Sicherheit weiter von sich reden machen werden – in Stuttgart und erst recht an anderer Stelle.

Die Fantastischen Fünf des Stuttgarter Ballett im Schauspielhaus; weitere Vorstellungen am 28. März, am 10., 21., 25. und 29. April sowie am 17. Juli 2018 im Stuttgarter Schauspielhaus