München, Gärtnerplatz Theater, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 16.05.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

La Boheme – Giacomo Puccini

 Künstler darben in einem Loft – Verismo aus heutiger Sicht ?

 von Daniela Zimmermann

Seit ihrer Uraufführung 1896 in Turin rührt  La Bohème, die Komposition von Giacomo Puccini (1858 – 1924), die Herzen der Zuschauer in aller Welt. Dort gezeigter Frohsinn, das Leiden junger Künstler, ihre Armut wie ihre Sensibilität berührten, sind in den Inszenierungen meist emotional ergreifend. La Boheme im Gärtnerplatztheater bricht mit dieser Tradition, es zeigt keine darbenden, einfach lebenden Künstler. In München ist man cool, jung, stylisch, trendy. Regisseur Mottl versetzt La Boheme in unsere heutige Zeit, heftiger Tatendrang junger tätowierter Männer ist dort Trumpf;  arm aber sexy sein – koste es, was es wolle; sensibles Mitgefühl ist wenig gefragt: Verismo ist out!

La Bohème –  Giacomo Puccini
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La Boheme in München spielt in der Jetztzeit. Es wird auch munter getrunken und im Quartier Latin auch an der schicken Eisbar. Die vier jungen Künstler verstehen sich bestens,  genießen das Leben. So bewohnen der Dichter Rodolfo  (Arthur Espiritu) der Musiker Schaunard (Liviu Holender), der Maler Marcello (Mathias Hausmann) und Philosoph Colline  (Christoph Seidl), vier  beste Freunde, ein schickes geräumiges Loft (Bühnenbild Friedrich Eggert), in dem es allerdings immer kalt ist. Die Kälte ist spürbar, denn alle Fenster sind ausgehängt und ständig rieselt draußen der Schnee. Eine Couch und eine warme Kuscheldecke sind das ganze Interieur. Die Wände sind voller Graffiti, aufwendig schwarz-weiß gestaltet, cool.

Die extravaganten, jungen Hipster – Künstlern im Avantgarde Look (Kostüme Alfred Mayerhofer) mit Kopfhörer und Tablets ausgestattet wollen sich amüsieren;  suchen das unbeschwerte Vergnügen: einer hat immer Geld, hungern braucht keiner, Tüten mit Fastfood gibt es reichlich. In diese Szenerie kommt Mimi (Suzanne Taffot), jung, ärmlich und voll Lebenslust,  mit  kräftig klarem lyrischem Sopran wunderbar zur Geltung;  interpretiert ausdruckstark ihr junges Lebensgefühl; verliebt sich in Rodolfo; Arthur Espiritu verfügt über eine kräftig seidige lyrische Tenorstimme mit welcher er dem Rodolfo eine gefühlsreiche, warme Erscheinung verleiht. Die sensible zarte  Arie Che gelida manina wird zu einem Höhepunkt des Abends.

Staatstheater am Gärtnerplatz / La Boheme - hier die Solisten © Marie-Laure Briane

Staatstheater am Gärtnerplatz / La Boheme – hier die Solisten © Marie-Laure Briane

Im folgenden Bild, auf dem Quartier Latin von Paris, auf einem Weihnachtsmarkt, im Cafe Momus, stellt Rodolfo seinen Künstler-Freunden seine große Liebe, Mimi, vor. Jasmina Sakr, als junge, exaltierte Musetta, nutzt  dort mit aufreizend feinem hohen Sopran ihre weiblichen  Verführungskünsten  auf  betuchte ältere Männer; mit ihrem reichen Begleiter Alcindoro (Holger Ohlmann) in weihnachtlichem Schneegestöber  treffen sich alle in einer Eisbar. Musetta erkennt Marcello, einen einstigen Freund, der Musettas heftigen Flirts nicht widerstehen kann. Musetta schickt  Alcindoro weg und versöhnt sich nach eifersüchtigem, kratzbürstigem HinundHer  wieder mit Marcello; beide fallen sich leidenschaftlich in die Arme.

Mimi und Rodolfo lieben sich; trotzdem kommt es zur Trennung: Rodolfo ist  krankhaft eifersüchtig; auch, so erzählt er Freund Marcello, ist er traurig, dass er Mimi in ihrer schweren Krankheit  nicht helfen kann.  Musetta, den Zustand der unter Schwindsucht leidenden Mimi kennend, stützt, ist voller Mitgefühl. In Rodolfo entflammt alte Liebe wieder; das Sterben der Mimi verdrängt er in seinem Mitgefühl.  Mit Mimis Tod – die Regie, die Regie –  werden die Fenster des Lofts eingehängt.

La Bohème –  Giacomo Puccini
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La Boheme  am Gärtnerplatztheater war also kühl, abstrakt inszeniert; mit mit dem Verismo seiner Komponisten verwandt. Trauer, Rührseligkeit, Mitgefühl, einfache Lebensgefühle waren wenig greifbar; Mitgeühl zwischen den Künstlern war wenig spürbar; eher spürte man in jenem Loft eher ein Gefühl von „cool sein wollen“, von „Modernität um jedem Preis“.

Doch die Stimmen der Solisten nahmen das Publikum mit, die lyrische Romantik der Komposition leuchtete mit Antony Bramalls Dirigat und den Klängen des Orchester des Staatstheaters: Dem Publikum gefiel diese Boheme also ..; es dankte mit großem Beifall.

La Boheme am Gärtnerplatztheater; die weiteren Vorstellungen 29.5.; 9.6.; 11.7.; 13.7.; 18.7.; 17.9.; 21.9.; 27.9.; 29.9.2019

—| IOCO Kritik Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Sydney, Opera House, La Bohème, Januar – März 2019

Januar 2, 2019 by  
Filed under Oper, Opera House Sydney, Premieren, Pressemeldung

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Sydney / Opera House © IOCO

Sydney / Opera House © IOCO

La Bohème

The original bohemian love story, set among the fishnets and fairy lights of 1930s Berlin.In the Joan Sutherland Theatre  In Italian with English and Simplified Chinese surtitles | Audio loop available & wheelchair accessible | No language barrier

The original bohemian love story, set amongst the fishnets and fairy lights of 1930s.

A poet, a painter, a musician and a philosopher walk into a bar to celebrate a sudden windfall in a lean winter. It’s Christmas Eve, and the poet has just felt the first pangs of great love. When a seamstress knocks on his door searching for candlelight, the pair fall in love faster than she can sing “Yes, they call me Mimì…”Between the ideals of love and art and the cruel realities of cold winters, bitter jealousies and empty pockets, two sets of lovers are trying to find their way.

By the time the curtain comes down, you’ll know the answer to an eternal question: is love enough?

See it if you like: devastating love stories, gorgeous costumes and impressive sets, the musical RENT, or Moulin Rouge.


Creative Team


Conductor : Benjamin Northey (Dec 31–Jan 12) / Nicholas Milton (Jan 17–Feb 8) / Dane Lam (from 16 Mar)
Director Gale Edwards
Revival Director Hugh Halliday
Set Designer Brian Thomson
Costume Designer Julie Lynch
Lighting Designer John Rayment
Assistant Director Liesel Badorrek


Artist Information


Mimì : 
Joyce El-Khoury
(Dec 31; Jan 3, 5, 8, 10, 12, 17, 19)
Maija Kovalevska
(Jan 2, 4, 9, 11, 21, 23, 31; Feb 2-8; Mar 16-28)
Rodolfo : 
Ivan Magrì
(Dec 31; Jan 3, 5, 8, 10, 12, 17, 19)
Diego Torre
(Jan 2, 4, 9, 11, 21, 23, 31; Feb 2-8; Mar 16-28)
Musetta : 
Anna Princeva
(Dec 31; Jan 3, 5, 8, 10, 12, 17, 19, 21, 23)
Julie Lea Goodwin
(Jan 2, 4, 9, 11, 31; Feb 2-8)
Lorina Gore
(from Mar 16)
Marcello : 
Samuel Dundas
(Dec 31; Jan 3, 5, 8, 10, 12, 17, 19, 21, 23)
Luke Gabbedy
(Jan 2, 4, 9, 11, 31; Feb 2-8; Mar 16-28)
Schaunard Shane Lowrencev
Colline : 
Taras Berezhansky
(2-12 Jan)
David Parkin
(17 Jan-28 March)
Benoît Graeme Macfarlane
Alcindoro Adrian Tamburini
Officer Clifford Plumpton
Sergeant Malcolm Ede
Parpignol :
Nara Lee (until Jan 12)
Benjamin Rasheed (from Jan 17)

Opera Australia Chorus
Opera Australia Children’s Chorus
Opera Australia Orchestra


Season runs from Wednesday 2 January to Thursday 28 March 2019


Wednesday 2 January 7:30pm
Thursday 3 January 7:30pm
Friday 4 January 7:30pm
Saturday 5 January 7:30pm

Tuesday 8 January 7:30pm
Wednesday 9 January 7:30pm
Thursday 10 January 7:30pm
Friday 11 January 7:30pm
Saturday 12 January 7:30pm

Thursday 17 January 7:30pm
Saturday 19 January 7:30pm

Monday 21 January 7:30pm
Wednesday 23 January 7:30pm

Thursday 31 January 7:30pm
Saturday 2 February 7.30pm

Tuesday 5 February 7:30pm
Friday 8 February 7:30pm

Saturday 16 March 1:00pm

Wednesday 20 March 7.30pm
Friday 22 March 7.30pm

Monday 25 March 7.30pm
Thursday 28 March 7.30pm

–| Pressemeldung Sydney Opera House |—

Bern, Theater Bern, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 28.11.2018

November 29, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Bern

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

La Bohème –  Giacomo Puccini

 – Andy Warhol als Marcello – Mimì als Krebskranke –

Von Julian Führer

Gibt es Weihnachtsopern?  Wenn ja, dann aus zwei Gründen: Sie gelten aus verschiedenen Gründen als familientauglich, oder sie spielen zur Weihnachtszeit. Humperdincks Hänsel und Gretel sind die Lebkuchen zum Verhängnis geworden, spielt das Stück doch eigentlich ganz eindeutig im Sommer (die Kinder suchen Erdbeeren, hören einen Kuckuck und übernachten unter freiem Himmel!). In La Bohème hingegen ist tatsächlich Heiligabend: Die Kinder quengeln nach Geschenken, und man trifft sich im Lokal zum überteuerten Weihnachtsessen. Vor allem aber wird gefroren. Seit Beginn der Spielzeit war La Bohème schon am Opernhaus Zürich und am Theater Freiburg zu sehen; nun hatte am Theater Bern (in Kooperation mit Cape Town) eine neue Lesart in der Regie von Matthew Wild Premiere.

A Henry Murger Montparnasse © IOCO

A Henry Murger  – Montparnasse © IOCO

Weihnachtlich sind hier nur ein paar Anklänge im Libretto. Zu Beginn sehen wir einen leeren Ausstellungsraum (Bühne: Kathrin Frosch), der für eine Werkretrospektive eingerichtet wird. Schnell wird deutlich, dass Marcello es in seiner Künstlerexistenz nach dem eigentlichen Ende der Oper zu Ruhm und Erfolg gebracht hat. Matthew Wild als Regisseur bezieht sich hier auf den Roman Scènes de la vie de bohème von Henry Murger, der als Vorlage für die Oper diente und anders als diese mit dem Tod der Mimì nicht zu Ende ist. Nun, hinfällig und an den Rollstuhl gefesselt, erlebt Marcello Rückblenden in seine Jugendzeit. Er ist dargestellt wie Andy Warhol, wenn er denn im Jahr 2018 noch leben würde (Kostüme: Ingo Krügler, Frauke Leni Bugnar). Er wäre nun 90 Jahre alt. In der anderen Erzählzeit der Oper, recht deutlich in den 1960er Jahren und in New York, hoffen mehrere junge Künstler auf die große Karriere: Der junge Marcello (Todd Boyce), der wie der langhaarige John Lennon von 1969 zurechtgemachte Colline (Young Kwon mit rundem, klangschönem Bariton), der Literat Rodolfo (Peter Lodahl) und die koksende Drag Queen Schaunard (Michal Marhold mit sehr präsentem Organ und großer Spielfreude). Die Künstlerkommune lebt in den Tag hinein und erhält zweimal Besuch. Zunächst vom Vermieter Benoît, der vom alten Marcello (John Uhlenhopp) verkörpert wird.

Theater Bern / La Bohème hier Marcello und Mimi © Annette Boutellier

Theater Bern / La Bohème hier Marcello und Mimi © Annette Boutellier

Die anspruchsvolle Inszenierung vermischt hier mehrere Interpretationsebenen und zeigt nicht nur die Figur des Marcello in verschiedenen Generationen, sondern lässt den alten Marcello auch als Sinnbild des Alters immer wieder den Jüngeren unter die Augen treten: als Vermieter, später auch als lächerlicher, aber wohlhabender Liebhaber Alcindoro und als Spielzeughändler Parpignol. Diesen drei Figuren ist gemeinsam, dass sie von den Jüngeren nicht ernstgenommen werden – allerdings gehören sie nicht dem gleichen Stimmfach an, so dass John Uhlenhopp sowohl zwei Baritone als auch einen Tenor singen muss, was wohl die meisten Sänger an ihre Grenzen bringen würde. Gleichzeitig handelt es sich um eine große Leistung, da Uhlenhopp pausenlos auf der Bühne agiert und sowohl singt als auch spielt.

Wie Andy Warhol ist hier Marcello als Maler immer wieder vom Motiv des Herzens (durchaus im Sinne des inneren Organs, Foto unten) fasziniert, das in unterschiedlichen Formen auf der Bühne gezeigt wird. Mit einem Augenzwinkern sehen wir zudem, dass Marcellos Farbeimer eine Konservendose der ebenfalls von Warhol zur Kunst erhobenen Campbell’s Soup ist. Todd Boyce, kürzlich als Don Alfonso in Così fan tutte zu sehen, kann hier einen wirklich jungen Mann verkörpern, was seiner Physis sehr entgegenkommt, und auch stimmlich kann er mit seinem agilen jugendlichen Bariton punkten – ein großer Erfolg für den jungen Sänger.

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Der andere Besuch ist natürlich Mimì (Evgenia Grekova), die sichtlich den Kontakt zu den Künstlern sucht (die Kerze, die ihr angeblich versehentlich erloschen ist, bläst sie selbst in der Tür aus). Rodolfos Gesang von der kalten Hand („Che gelida manina„) wirkt inszenierungsbedingt hier nicht ganz überzeugend. Peter Lodahl geht aber hier wie auch sonst sehr kontrolliert mit seiner Stimme um. Lieber singt er einen Ton vorsichtig an, statt ins Forcieren zu geraten, und so ist sein Tenor von leichtem, fast mozarthaftem Schmelz. Evgenia Grekova hatte das Publikum von ihrem „Si, mi chiamano Mimì“ an für sich eingenommen. Ihr im Mezzo grundierter Sopran meisterte auch die Höhen der Partie und passte gut zum Rollenportrait der Regie.

Das zweite Bild spielt nicht im Restaurant von Momus, sondern auf einer amerikanischen Party der Sechziger mit entsprechend aufwendig kostümiertem Damenchor und Kindern im Batman-Kostüm. Der Kinderchor der Singschule Köniz verdient besondere Erwähnung, denn so präzise und exakt hört man die Eingangsszene des zweiten Bildes selten. Auch die sehr schnellen Chöre der Erwachsenen (Chöre: Zsolt Czetner) ließen keine Wünsche offen. Im zweiten Bild begegnen wir also wieder dem alten Marcello einerseits als Alcindoro, andererseits als Parpignol und endlich als Marcello selbst, der am Ende als verzerrte Karikatur des Tambourmajors eine Art Totentanz anführt. Anderes wird von der Regie ganz konventionell behandelt, so die Beziehung von Marcello und Musetta (Orsolya Nyakas), die weder mit- noch ohne einander glücklich werden. Der alte Marcello im Rollstuhl wird ab und an von einer älteren Musetta geschoben, so dass die Inszenierung hier sogar verhalten optimistisch im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen ist. Orsolya Nyakas setzte sich gekonnt in Szene und konnte gerade in ihrer großen Szene „Quando m’en vo“ punkten.

Das stark besetzte Orchester (das Blech im vergrößerten Graben schon unter der Bühne) unter der Leitung von Ivo Hentschel entwickelte im ersten und zweiten Bild einen satten, runden Klang, besonders in „O soave fanciulla“ herrlich süßlich parfümiert mit leuchtenden Farben und sehr präsenter Harfe und allenfalls am Ende des zweiten Bildes mit etwas zuviel Lautstärke.

Nach der Pause befinden wir uns wieder im Ausstellungsraum. Die Beziehungen von Marcello und Musetta einerseits und Rodolfo und Mimì andererseits befinden sich an einem toten Punkt, doch weiß Rodolfo, dass Mimì sterben wird – und sie erfährt es eher zufällig. Dieses Bild wirkt in der von der Regie eingenommenen Perspektive wie so oft am wenigsten überzeugend, auch die Straßenfeger und Bauernmädchen von der Seitenbühne passen nicht zur Regie.

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Zu Beginn und zwischen den Bildern wird (vom Band und mit gewolltem Knistern und daher sehr viel flacher als das Orchester) Puccinis Streichquartett Crisantemi eingespielt. Dazu wird auf der Bühne jeweils der alte Marcello gezeigt, wie er, nach der Pause zunehmend hinfälliger, sich an Bruchstücke seines früheren Lebens erinnert. Musikalisch wären diese Szenen noch eindringlicher geraten, wenn man das Streichquartett aus dem Graben oder von der Seite gespielt und nicht nur eingespielt hätte. Zur sehr kompakt gehaltenen Partitur der Oper passt das Quartett auch nicht immer, doch ist der Ansatz der Regie durchaus nachvollziehbar.

Das letzte Bild wirkt beklemmend: Wir sind immer noch im Ausstellungsraum, der alte Marcello sieht sein altes Sofa mit riesigen Häkelblumen als Exponat, da kommen die jungen Leute aus seiner Erinnerung und feiern eine alberne und jeglichen Ernst des Lebens verleugnende Party. Musetta kommt herein und kündigt die auf den Tod erkrankte Mimì an. Die kommt mit Glatze auf die Bühne, offensichtlich von Krebs und Chemotherapie gezeichnet. Im Publikum konnten viele Zuschauer die Tränen nicht zurückhalten, und man ahnt, dass die Regie hier Bezüge zu vielen persönlichen Schicksalen herstellt. Mimì stirbt auf dem Blümchensofa, Rodolfo ist hilflos und weiß nicht, was er tun soll. Der alte Marcello versucht, die Jüngeren zu beeinflussen, solange noch Zeit ist: Er schiebt den jungen Marcello in Richtung der Sterbenden, kann aber doch nichts daran ändern, dass sie alleine ihren letzten Atemzug tun muss. Im Schlussbild, als den anderen bewusst wird, dass sie tot ist, steht sie auf und bewegt sich zum alten Marcello. Ein Lichtkegel (Licht: Bernhard Bieri) ist auf das leere Sterbesofa gerichtet, gleichzeitig geleitet Mimì, nun schon in einer anderen Welt, den alten Marcello seinerseits ins Jenseits.

Das Publikum war konzentriert und schenkte den Solisten ungeteilte, teils (insbesondere für Evgenia Grekova als Mimì) fast begeisterte Zustimmung. Großen Beifall gab es für Dirigent und Orchester, die Reaktion auf die Regie fiel weniger einhellig aus. In Bern ist eine starke Regie zu sehen, die den Zuschauern aber einiges abverlangt. Eine Lektüre des Programmhefts ist angeraten – ein Besuch ebenfalls.

—| IOCO Kritik Theater Bern |—

Freiburg, Theater Freiburg, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 30.10.2018

Oktober 31, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Freiburg

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Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg

La Bohème  –   Giacomo Puccini

– Il sogno ch’io vorrei sempre sognar! –

Von  Julian Führer

La Bohème ist ein Stück des Kernrepertoires und meist ein Garant für volle Häuser. Giacomo Puccini schrieb mit Che gelida manina und O soave fanciulla regelrechte Hits, „schöne“ Inszenierungen wie von Franco Zeffirelli (Mailand, Wien, München, New York etc. seit 1963) oder Götz Friedrich (Berlin, seit 1988) werden teilweise seit Jahrzehnten auf den Spielplänen gehalten. Das ambitionierte Theater Freiburg hat diese sehr bekannte Oper Frank Hilbrich anvertraut, der dort schon viele Stücke inszeniert hat. Sein Ring des Nibelungen sorgte für überregionale Aufmerksamkeit, und sein Regiestil zeigt immer wieder eine große Präzision in der Dramaturgie und der Personenführung, was mitunter zu ebenso überraschenden wie schlüssigen Einsichten führen kann.

Für La Bohème wählten Hilbrich und sein erprobtes Team einen Ansatz, der vom Paris des 19. Jahrhunderts abstrahiert. Noch vor Einsetzen der Musik sehen wir eine modern, aber etwas lieblos eingerichtete Wohnung, in der Kinder sitzen und stehen. Mit Einsetzen der Musik wandelt sich die Belegung, und wir sehen dieselben Menschen als junge Erwachsene in einer Art Studenten-WG.

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / La Bohème – hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Richtig arm scheinen die Bewohner nicht zu sein, sie wohnen kärglich, aber haben in ihrer verspielten Art wahrscheinlich die Gewissheit, nie wirklich hungern zu müssen- Erwähnt Rodolfo im zweiten Bild nicht, dass er einen steinreichen Onkel hat („Ho uno zio milionario“)? Vielleicht ist dies mehr als nur eine Behauptung, um Mimì an sich zu binden. Richtig fleißig sind sie auch nicht. Die aufgeklappten Laptops gehen jedenfalls schnell wieder zu, wenn es am WG-Küchentisch etwas Interessanteres gibt, zum Beispiel immer wieder neue Selfies, die an die Wand projiziert werden. Wenn der Vermieter Benoît kommt, ist das nicht wie im Libretto angelegt eine zunächst existenziell bedrohliche Situation, sondern man zahlt bar und macht dann noch ein ironisches Selfie extra mit diesem etwas schmierigen Patron. Mimì hingegen muss sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Rodolfo ist aus dem Stand in der Lage, ihr formvollendete Komplimente zu machen, und in der WG ist mehr als deutlich, dass er sie lieber jetzt als später auf der Isomatte haben will (die ohnehin schon eindeutigen Worte in O soave fanciulla werden durch die Personenführung noch unterstützt). Sind da echte Gefühle im Spiel? Die immer wieder thematisierte Kälte deutet Hilbrich als emotionale Kälte, als Mangel an Empathie zwischen den Personen der Handlung. Dass Joshua Kohl als Rodolfo etwas belegt anfängt, passt recht gut zu diesem Ansatz, während Solen Mainguenés warmer Sopran mit breiter Mittellage und stellenweise markantem (doch nie übertriebenem) Vibrato auch gesanglich deutlich macht, dass Mimì sich auch einmal amüsieren will und dabei auf der Suche nach echten Gefühlen ist. Nach etwas verhuschtem Beginn bei den schnellen Einsätzen war das Orchester voll auf der Höhe und wurde von Daniel Carter am Ende des ersten Bildes zu betörendem Schönklang animiert.

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / La Bohème – hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Das zweite Bild wird in einem unbestimmten Innenraum angesiedelt (Bühne: Volker Thiele). Die Kinder sind grellbunt angezogen, die Erwachsenen hingegen hochgeschlossen in schwarz (Kostüme: Gabriele Rupprecht). Die Introduktion nimmt Carter in eher gemäßigtem Tempo, trotzdem fallen in den ersten Minuten die Chorgruppen (Herren, Damen und Kinder) wiederholt auseinander – an dieser Stelle ein Klassiker, der auch an großen Häusern immer wieder passiert. Durch die Personenführung wird deutlich gemacht, dass Mimì und Rodolfo schon im Streit sind. Rodolfos Freunde bzw. Mitbewohner haben sich etwas zu essen und ein Getränk im Pappbecher besorgt und setzen sich auf Stufen. Ist ihr das alles zu oberflächlich? Das Restaurant von Momus ist jedenfalls nicht zu sehen. Musettas Auftritt im engen Kleid (zickig, später mitfühlend: Samantha Gaul) ruft die Eifersucht des von ihr sitzengelassenen Marcello hervor, während der alternde Liebhaber Alcindoro (Wolfgang Newerla, auch als Benoît) seine kapriziöse Eroberung auf Händen tragen muss, es ihr doch nie rechtmachen kann und sie bei ihrem Quando m’en vo‘ soletta aufdringlich befummelt. Einen Tambourmajor sieht man in dieser Lesart nicht, aber die Kinder übernehmen den Marschrhythmus zum Teil. Der sehr kraftvolle Bariton Michael Borths als Marcello hat die Tendenz, die anderen Stimmen zu übertönen. Jin Seok Lee (Colline) war zu Anfang nicht ganz rein in der Intonation, verfügt aber über eine sehr präsente Bassstimme, die in anderen Produktionen bereits aufhorchen ließ (z.B. als Fasolt in Das Rheingold oder König Heinrich in Lohengrin). In den Ensemblestellen hält sich Joshua Kohl als Rodolfo eher zurück, die Spitzentöne bringt er alle, und am Ende macht er auch das von ihm kaum erahnte Drama eines jungen Menschen glaubhaft. Nach den ersten zwei Bildern vermittelt sich der Eindruck einer Gemeinschaft junger Leute, die alles nicht so ernstnehmen, einen Hang zur Ironie haben, sich gerne durchschnorren –Gelegenheit macht Liebe, vor allem wenn die Gelegenheit ein leichtes Opfer wie Mimì ist.

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Solen Mainguene als Boheme © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / La Bohème – hier : Solen Mainguene als Boheme © Rainer Muranyi

Das dritte Bild zeigt das Leben von der weniger schönen Seite: Mimì hat gesundheitliche Probleme, Rodolfo fürchtet ihren Tod, macht sich aber vor allem Gedanken darüber, wie er sie loswerden kann. Die zwischen beiden wiederholten Liebesschwüre sind nur ein leeres Beschwören einer vergangenen Leidenschaft – aber füreinander einstehen werden die beiden nicht, vor allem nicht Rodolfo für Mimì. Marcello lebt inzwischen wieder mit Musetta in einer On-off-Beziehung zusammen und empfiehlt Rodolfo diesen Weg – doch prompt kommt es zu einer Eifersuchtsszene. Beide Männer kommen in ihren Beziehungen nicht mit dem Problem der mangelnden emotionalen Wärme und mit dem Mangel an Verbindlichkeit zurecht, und ihre Partnerinnen sind ihrerseits nicht glücklich, weder die das Ende ahnende Mimì noch die sich hinter ihrer zickigen und auf Autonomie plädierenden Fassade mitfühlende Musetta.

Am stärksten ist Frank Hilbrich das vierte Bild geraten. Wir sind wieder in der Situation der WG. Die Mitbewohner veranstalten alberne Spielchen (bei denen nun auch Colline stimmlich ganz auf der Höhe ist), bis Musetta ankündigt, dass Mimì todkrank vor der Tür steht. Die Bewohner sind etwas irritiert, und jeder findet einen Weg oder einen Vorwand, sich der auf einmal wirklich ernsten Situation zu entziehen – außer Rodolfo. Mimì kommt herein, vom Tode gezeichnet, sinkt zu Boden. Rodolfo weiß nicht, was er tun soll, und hält den größtmöglichen Abstand zu seiner Liebschaft. Mimì hatte sich zwischenzeitlich wie Musetta einen reichen Liebhaber geangelt, zum Sterben aber will sie zu ihrer einzigen echten Liebe Rodolfo zurück, der dieser Situation nicht gewachsen ist und versagt. Die Personenführung in diesem letzten Bild ist ein Meisterstück der Regie. Musetta hat Schmuck zu Geld gemacht und bringt den von Mimì ersehnten Muff, um ihr die Hände zu wärmen – im Leopardendesign ihres eigenen Mantels. Der hilflose Rodolfo lässt Mimì liegen und alleine sterben. Das letzte Selfie zeigt überlebensgroß die beängstigend realistisch zur Leiche geschminkte Mimì.

Das gut besuchte Haus applaudierte reichlich den durchweg jungen Stimmen, die eine überzeugende Ensembleleistung boten. Die starke Regie zeigte einmal mehr, dass auch vermeintlich bekannte Stücke des Repertoires immer wieder neu befragt werden können.

La Bohème am Theater Freiburg: die weiteren Vorstellungen am 1.11.; 24.11.; 14.12.; 25.12.2018; 18.1.2019 … ….

—| IOCO Kritik Theater Feiburg |—