Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Die lustigen Weiber von Windsor – Otto Nicolai, IOCO Kritik, 18.10.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Die lustigen Weiber von Windsor  –  Otto Nicolai

Gefangen in Suburbia ?  Brexit – Unter den Linden ?

von Kerstin Schweiger

An der Staatsoper Unter den Linden in Berlin scheint der Brexit fast schon vorweg genommen. Die Neu-Produktion der Spieloper Die lustigen Weiber von Windsor zeichnet zumindest szenisch ein ebenso buntes wie tristes, in die 1980er Jahre zurückgeworfenes englisches Vorstadtszenario. Was sich hier bewegt, sind zuerst einmal die Wäschespinnen in den Vorgärten.

Die lustigen Weiber von Windsor –  Otto Nicolai
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In der komisch-phantastischen Opern-Komödie von Otto Nicolai nach der Vorlage von William Shakespeare führt ein gealterter abgestürzter Sir John Falstaff (Boris Johnson nach dem No-Deal-Brexit?) in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwunden als Außenseiter eine Art Sozialhilfe-Dasein, das er durch MeToo-Attacken monetär und amourös aufzupeppen versucht. Dies wäre eine Lesart der Spielzeit-Eröffnungsproduktion, die am 3. Oktober2019  unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim in der Regie von David Bösch Premiere feierte. Die andere wäre z.B. eine überdrehte Sozialkomödie in einer bürgerlichen Vorort-Siedlung. Die aktuelle Produktion hat von beidem etwas, doch wird sie damit der Vorlage gerecht?

Das Stück, von Salomon Hermann Mosenthal und Otto Nicolai nach Shakespeares The Merry Wives of Windsor adaptiert, führt den gesellschaftlich abgestürzten füllig gewordenen und dem Wein zugeneigten adeligen Sir John Falstaff vor, der gleich zwei verheirateten Bürgerfrauen – Frau Fluth und Frau Reich – ein Rendezvous verspricht, um sie anschließend um ihr Geld zu betrügen. Die beiden sind nicht auf die Nase gefallen und stellen Falstaff gleich mehrere Fallen, ihrerseits verfolgt von den eigenen eifersüchtigen Ehemännern, die den prekär auffälligen Nebenbuhler und Schnorrer unschädlich machen wollen, und flankiert von den Bemühungen mehrerer Bewerber um die Hand der Tochter Anna aus dem Hause Reich, die ihrerseits nur den nicht wohlhabenden Fenton liebt und geschickt auf ein persönliches Happyend zusteuert, unabhängig von Stand oder Konvention. Nachdem Falstaff ordentlich vorgeführt wurde, bietet die verzauberte Sommernacht, in der die Dinge kulminieren, Ausflucht und Happyend für eine friedliche Co-Existenz, die Ursprungsfamilien ziehen sich jeweils auf ihre Terrain zurück. Demokratisches Fazit: es gibt kein Recht der ersten Nacht für Adlige, egal wie tief sie gesunken sind, die bürgerliche Form der Ehe bleibt gültiger Standard. Und Otto Nicolai konterkariert schließlich mit leichter Hand auch das, indem sich schließlich in den Verwirrungen der Sommernacht die beiden unerwünschten Verehrer Annas versehentlich in die Arme schließen.

Gleich vorweg: Der Star des Abends ist Otto Nicolai und der war musikalisch gesehen  Europäer! Welch ein Melodienreichtum, mühelos wechselnd zwischen der italienischen Opera Buffa und der deutschen romantischen Musik in der Tradition eines Carl Maria von Weber. Nicolai dirigierte die Uraufführung seiner Oper vor 170 Jahren im damaligen Königlichen Opernhaus Unter den Linden auf Wunsch des Königs, der ihn ein Jahr zuvor zum Hofkapellmeister ernannt hatte. Wer weiß, was Nicolais früher Tod 1849, nur wenige Wochen nach der Uraufführung verstarb er überraschend, für eine Weiterentwicklung des so leichten wie anmutigen und humorbegabten Genres verhindert hat, wie viel wunderbare Musik noch dazu! Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor sind bis heute sein bekanntestes Werk geblieben. Wie Mozarts Entführung aus dem Serail und Zauberflöte, später Albert Lortzings Wildschütz oder Zar und Zimmermann, Friedrich von Flothos Martha oder Carl Maria von Webers Abu Hassan entspringt das Stück der deutschen Spielopertradition, die nach Mitte 19. Jahrhunderts jedoch von Wagners Dramen und der italienischen Oper in der Tradition Verdis überstimmt wurde.

Im Unterschied zur Opera Buffa enthalten Spieloper und Singspiel keine Rezitative, sondern gesprochene Dialoge. Spielopern wurden oft von Wanderbühnen gegeben, in deren Repertoire es keine scharfe Abgrenzung zwischen Schauspiel und Oper gab.

Nicolais Verdienst ist es, dass er mit seiner Oper zugleich auch ein Gegengewicht gegen die Grand Opéra im französischen Stil und die italienische Oper sowie gegen die Bestrebungen einer deutschen Nationaloper setzte, wie Wagner sie in Angriff nahm. Bereits 1837 notierte er Gedanken zu einem Operngenre, das die guten Seiten der italienischen Oper mit denen des deutschen romantischen Repertoires verknüpfen sollte: „Die deutsche Opernmusik enthält demnach Philosophie genug – aber nicht Musik genug: die italienische dagegen enthält Musik genug, aber nicht Philosophie genug. Sollte es denn ganz unmöglich sein, einer Vereinigung beider Anforderungen zu genügen?“

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor - hier : Mandy Fredrich als Frau Fluth und Michaela Schuster als Frau Reich © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor – hier : Mandy Fredrich als Frau Fluth und Michaela Schuster als Frau Reich © Monika Rittershaus

Als musikalischer Wanderarbeiter durch das Europa seiner Zeit (Wien, Berlin, Rom, Mailand) ziehend, konnte sich Nicolai mühelos in alle gängigen Opernformen einarbeiten und dieser europäischen Fähigkeit zur Aneignung ließ er den Lustigen Weibern mit Witz und parodistischem Talent freien Lauf. Shakespeare bot den perfekten Nährboden dafür. Schon die Ouvertüre, eine schwungvolle Angelegenheit, nimmt die Melodien des Stückes in einem Potpourri vorweg: Lyrische Arien wie die des Fenton „Horch die Lerche“, atemlos-rossiniesken witzigen Ensembles, die beiden großen Nachtchorstücke mit Mondanbetung und Elfentrick, die Eifersuchtstöne der Herren Fluth und Reich und die unbekümmerten spitzfindigen leichten Koloraturen der Frau Fluth.

So spielerisch die Form anmutet, umso politischer erscheint jedoch die Entstehungsgeschichte des Stücks. Otto Nicolai hatte die Musik bereits 1846 in groben Zügen skizziert als er noch erster Kapellmeister an der Wiener Hofoper war und dort mit einem Akademiekonzert 1842 die heutigen Wiener Philharmoniker aus der Taufe gehoben hatte. In Wien wurde jedoch die Uraufführung der Lustigen Weiber abgelehnt und Nicolai folgt dem Ruf des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Dort trat er 1848 seine Stelle als Hofkapellmeister und Leiter des königlichen Domchores an. Die geplante Uraufführung fiel jedoch den 1848 ausbrechenden Märzunruhen zum Opfer, die junge demokratische Bewegung ging auf die nahe der Oper aufgerichteten Barrikaden und dem König gelang erst in den folgenden Monaten die Konsolidierung der Monarchie und damit auch seines Hoftheaters. Erst am 9. März 1849 gelangten die Lustigen Weiber zur Uraufführung und fanden in den folgenden Jahren Eingang in das deutschsprachige und europäische Opernrepertoire.

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : René Pape als Sir John Falstaff, Chor und Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : René Pape als Sir John Falstaff, Chor und Ensemble © Monika Rittershaus

Überhaupt steht an diesem Abend die Form der Deutschen Spieloper der Staatsoper Unter den Linden gut zu Gesicht und dringend in den Startlöchern zur Wiederentdeckung eines ganzen Genres. Dies gilt ganz besonders für die musikalische Seite des Stückes. Und hier setzt der etwas schwieriger einzuordnende Teil des Abends an. Die auf der Kante zwischen stellenweise übertrieben wirkendem, Comedy getriebenem Slapstick- und Brechstange-Humor und ernstgenommener Empathie für die Nöte der handelnden Figuren angelegte Inszenierung balanciert das Kreativteam stellenweise zu flach aus.

Denn so unpolitisch der Inhalt der Oper ist, hat sie doch nicht nur eine vordergründigen vergnügliche Seite. Insbesondere die zentrale Figur des verarmten Ritters John Falstaff, immerhin mit einem Sir geadelt, hat durchaus tragische Züge von Einsamkeit, Alter und gesellschaftlichem Absturz, einer Selbstentäußerung mit Flirts um Geld, und das wirtschaftliche Überleben. Eine Außenseiterrolle, die durchaus auch das Zeug zum Mobbingopfer hat. Die saturierte Langeweile der gut situierten bürgerlichen Damen, deren Jammern auf hohem Niveau einzig der Eifersucht der Ehegatten gilt und auch die romantische Versponnenheit deren behüteter Kinder ist durchaus mokante Gesellschaftskritik von Nicolais komödiantischem Geist in Noten gefasst.

Doch die als Konzeptansatz der Inszenierung explizit zugrunde gelegte nostalgische Erinnerungswelt des Kreativteams an das eigene Aufwachsen in den 1970er und 80er Jahren, die sich in einer stilistisch entsprechenden Ausstattungs- und Requisitenschlacht Bahn bricht, macht diese Gratwanderung stellenweise arg platt. So erscheint Falstaff (René Pape) in einem gigantischen Fatsuit, Hängebauch über der Hose, Billigsandalen mit Tennissocken und strähnigen langen Haaren eher als bedauernswertes Opfer der Ausstattungsabteilung, denn seiner eigenen durchaus charmanten Schwachstellen. Der Rest eigener Würde verschwindet in einer Art Adelsprekariat. Dieser arme Ritter ist nicht auf Hartz IV, sondern – zumindest optisch – schon auf Hartz VIII angekommen.

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : Linard Vrielink als Junker Spärlich, Anna Prohaska als Jungfer Anna Reich, Pavol Breslik als Fenton, David Oštrek als Dr. Cajus © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : Linard Vrielink als Junker Spärlich, Anna Prohaska als Jungfer Anna Reich, Pavol Breslik als Fenton, David Oštrek als Dr. Cajus © Monika Rittershaus

Die Requisitenabteilung der Staatsoper hatte gut zu tun. Vom Gymnastikball bis zum Knochenhandy, der Alarmanlage an der Einheitsbetonbungalowhälfte bis zu Plastikgartenstühlen, eine Orgie in Suburbia-Vorstadt-Tristesse. Für in Puschelhaus-schuhen schon vormittags gegen die Langeweile ein Sektchen pichelnde Hausfrauen liegen Maniküreset und Hornhauthobel auf dem Gartentisch bereit. Die junge Generation erscheint in zerrissenen Jeansshorts, Springerboots und Schlabber-T-Shirts, den Walkman am Gürtel eingeklinkt. Swimmingpool hinterm Haus, akkurate Hecken nebst Gartenschere, der Garten-Grill und schließlich ein Meer von Wäschespinnen bieten jede Menge Aktionseinsatz. Schließlich macht Herr Fluth im Wäschetrog mit der Kettensäge Jagd auf Falstaff. Man fragt sich ab und zu schon, wo sind die armen „Jungs“ David Bösch (Regie), Patrick Bannwart (Bühne) und Falko Herold (Kostüme) nur aufgewachsen?

In diesem Über-Spaß-Kontext bleibt die Regie jedoch recht konventionell. In der einleitenden Briefszene zum Beispiel wird die kompromittierende Doppel-Post brav abgelesen. Ansonsten agiert die gesamte Besetzung in bestens gestimmter Spiellaune. Hier liegt das Glück in einer durchweg grandiosen Besetzung, die jeder Wagner-Oper angemessen wäre.

Allen voran Michael Volle als vor mühsam unterdrückter Eifersucht kochender und umso beherrschter herrlich schlank akzentuiert bassbaritönend singender Herr Fluth. Mandy Fredrich als seine schwangere Ehefrau geht die koloraturreiche Partie mit Leichtigkeit und durchaus bestimmt an, altstimmlich sehr angenehm co-kuratiert von ihrer „Sister in Crime“ Michaela Schuster als Frau Reich, die mit dem Habitus einer Zarah Leander der Vorstadt stets mit einem Glas zur Hand über den Rasen schreitet. Wilhelm Schwinghammer ist ihr resoluter Ehemann mit stimmstarkem Bass. Anna Prohaska und Pavol Breslik zaubern beide dem jungen Paar jugendlich strahlende, höhensichere Töne in die Kehlen. Erfrischend komisch und stimmlich mit Schmackes gestalten Linard Vrielink (Tenor) und David Ostrek (Bariton) das Verehrerpaar Spärlich und Dr. Cajus. Schade, dass sie eine eher platte Travestienummer am Ende als Paar zusammenführt.

Dreh- und Angelpunkt der Oper ist Sir John Falstaff, dem René Pape mit geschmeidigem Bass und profund Ausdruck verleiht – ganz im Gegensatz zu seinem dermaßen prekären Erscheinungsbild, das die Figur –anders als bei Shakespeare – hier szenisch und optisch etwas zu sehr reduziert.

Der Chor des Hauses begleitet im ersten der beiden großen Chorstücke das Aufgehen eines riesigen Mondes über den selbständig rotierenden Wäschespinnen der Vorstadt wunderbar uptempo gesungen aus dem Off.

Und was machen Daniel Barenboim und die Staatskapelle? In der – zum Glück szenisch unbespielten – Ouvertüre schon werfen sie mit flirrenden Streichern, volltönenden Bläsern und Schlagwerk einen verheißungsvollen transparenten sommernachtstraumhaften Blick auf das alles klärende Finale. In breiten Bögen herrscht hier allerseits „Witz, heit‘re Laune“, wie es Frau Fluth später in ihrer großen Arie benennt. Es steht Nicolais Musik nach 170 Jahren absolut zu, auf diesem hohen Niveau zu erklingen.

Die lustigen Weiber von Windsor; 19.10.2019; weitere Termine sind noch nicht festgelegt,  voraussichtlich in der kommenden Spielzeit

Besuchte Vorstellung 11. Oktober 2019

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Annaberg-Buchholz, Eduard von Winterstein Theater, Spielplan September 2019

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Eduard von Winterstein Theater


Spielplan September 2019


So 1.9. 15.00 Heißer Sommer
Bühnenfassung von Axel Poike
Mit der Originalmusik aus dem gleichnamigen
DEFA Film
Von Gerd und Thomas Natschinski


Di 3.9. 15.00 Die Schatzinsel
Von Dennis Martin, Christoph Jilo
und Wolfgang Adenberg
Musik von Dennis Martin


Mi 4.9. 15.00 Heißer Sommer


Do 5.9. 15.00 Der Zigeunerbaron
Operette von Johann Strauß


Sa 7.9. 17.00 Die Schatzinsel


So 8.9. 10.30 Neues vom Räuber Hotzenplotz
Kinderstück von Otfried Preußler
Musik von Rudolf Hild

17.00 Heißer Sommer
der Spielplan des Eduard
von Winterstein Theaters sieht im September
folgende Vorstel lungen vor:


Mo 1 6.9. 19.30 1. Philharmonisches Konzert


Sa 21.9 14.00 Theaterfest zur Eröffnung der 127. Spielzeit
rings ums Theater

15.00 spielraum zum Theaterfest Studiobühne
Rundwunderbunt
Vivid Figurentheater Frieda Friedemann
ab 3 Jahren


So 22.9. 20. 3 0 Ja c ques Brel Studiobühne
Eine Hommage


Do 26.9. 20.00 Am Ende ein Lie d Studiobühne
Theaterstück über Heimat und Fremde
Theater für Seniorinnen und Senioren
Gastspiel des
TPZ Theater pädagogisches Zentrum e.V.


Sa 28. 9. 16.00 Der kleine Tag
G astspiel des Musiktheaters R a benschnabel der
Kreismusikschule des Erzgebirgskreises

20.00 Lachen und Lachen lassen Studiobühne
Ein Abend mit Eberhard Cohrs und Collegen


So 29.9 11.00 Premierenschaufenster Foyer
Wird schon schiefgehen
19.00
Zum Großadmiral
Komische Oper in drei Akten
von Albert Lortzing


Veranstaltungen außerhalb des Eduard von Winterstein Theaters:


Fr 6.9. 20.00 Jedermann vor de r St. Annenkirche Annaberg Buchholz
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes
von Hugo von Hofmannsthal
Der Konzertplan der Erzgebirgischen Philharmonie Aue sieht folgende
Konzerte vor:


Mi 4 18.00 SIDE BY SIDE Kulturhaus Aue
Benefizkonzert des Lionsclub Aue Schwarzenberg


Sa 14.9. 19.30 1. Philharmonisches Konzert Kulturhaus Aue
Werke von Jean Sibelius und P?teris Vasks


Sa 21.9. 19.30 Fuldensie II Festsaal der Orangerie Fulda
Musik eines Vergessenen
Werke von Hugo Staehle


So 22.9. 17.00 Elias St. Annenkirche Annaberg Buchholz
Felix Mendelssohn Bartholdy : Elias op. 70


—| Pressemeldung Eduard von Winterstein Theater |—

Annaberg-Buchholz, Eduard von Winterstein Theater, ZUM GROSSADMIRAL – Albert Lortzing, 28.04.2019

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Eduard von Winterstein Theater

Eduard-von-Winterstein-Theater / ZUM GROSSADMIRAL © Dirk Rückschloss

Eduard-von-Winterstein-Theater / ZUM GROSSADMIRAL © Dirk Rückschloss

ZUM GROSSADMIRAL  –  Albert Lortzing

Die Komische Oper ZUM GROSSADMIRAL, die letzte noch auszugrabende Lortzing-Oper, kommt unter der musikalischen Leitung von GMD Naoshi Takahashi in der Inszenierung von Ingolf Huhn am 28. April um 19 Uhr nach fast 170 Jahren in Annaberg-Buchholz zurück auf eine Theaterbühne.

Prinz Heinrich ist ein loser Geselle. Er interessiert sich für Kneipen und für Frauenabenteuer – mehr als für das englische Hofzeremoniell und die Gemahlin. Auch an seinem Geburtstag, der bei Hofe steif und förmlich gefeiert wird, zieht es ihn lieber in die Hafenkneipe des alten Kaperkapitäns Copp Movbrai mit seinem Seemannsgarn und den netten jungen Mädchen. Zum Großadmiral heißt die Schenke und Großadmiral ist auch das Codewort, mit dem Heinrich davonkommt. Wenn der Graf Rochester ganz wichtig mitteilt, der Prinz müsse eiligst „zum Großadmiral“ kommen, dann fragt niemand mehr nach. – das ist die Ausgangssituation in Lortzings Komischer Oper, einem Kind der Revolution: 1847 in Wien geschrieben, aber in Leipzig – ohne den Komponisten – uraufgeführt, wurde es noch an einer Handvoll großer Häuser gespielt, in München und Breslau und 1849 doch auch in Wien, um dann, wie möglichst alles aus der Revolution, in der Versenkung zu verschwinden.

Nach knapp 170 Jahren ist das Stück nun zum ersten Mal wieder in seiner Originalgestalt zu erleben: in Annaberg-Buchholz. Als Prinz Heinrich steht Jason Lee auf der Bühne, den Grafen von Rochester singt Jason-Nandor Tomory, als Catharina, Heinrichs Gemahlin, ist Bettina Grothkopf zu hören. In weiteren großen Rollen sind Anna Bineta Diouf, Madelaine Vogt und László Varga zu erleben. Das Bühnenbild entwarf Tilo Staudte, die Kostüme Brigitte Golbs. Choreographie: Sigrun Kressmann; Chöre: Jens Olaf Buhrow.  Es spielt die Erzgebirgische Philharmonie.

Premiere: 28. April 2019,  weitere Vorstellungen:  Mi 08.5.2019, 19.30 Uhr | So 12.5.2019, 19.00 Uhr | So 19.5.2019, 15.00 Uhr

—| Pressemeldung Eduard von Winterstein Theater |—

Wien, Volksoper, Zar und Zimmermann – Albert Lortzing, IOCO Kritik, 28.10.2018

Oktober 30, 2018 by  
Filed under Kritiken, Oper, Volksoper Wien

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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

 Zar und Zimmermann  – Albert Lortzing

– van Bett:  Ein wahrlich aufgeblasener Bürgermeister –

Von Marcus Haimerl

Mit Albert Lortzings, 1837 in Leipzig uraufgeführter Spieloper Zar und Zimmermann, fand die erste Opernpremiere der Wiener Volksoper der aktuellen Saison statt. Erstmals wurde Zar und Zimmermann am 7. Dezember 1904 an der Wiener Volksoper aufgeführt. Für die Wiedereröffnung nach dem Konkurs 1925 entschied man sich ebenfalls für Lortzings Oper und es folgten weitere Inszenierungen in den Jahren 1932 und 1939. 1953, während die Wiener Staatsoper ihren Spielbetrieb in der Volksoper hatte, kam es schließlich zu einer erneuten Inszenierung, welche 1962 wieder aufgenommen wurde. Erst am 30. Oktober 1980 kam es unter der Direktion Karl Dönch zu jener Produktion, welche nun durch die aktuelle abgelöst wurde. Regie, Bühnenbild und Kostüme der aktuellen Produktion lagen in den alleinigen Händen von Hinrich Horstkotte, seiner dritten Arbeit für die Volksoper nach Leo Falls Madame Pompadour und Johann Strauß‘   Eine Nacht in Venedig.

Zar und Zimmermann  –  Albert Lortzing
Youtube Trailer der Volksoper Wien
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Für die Geschichte um Zar Peter I., welcher inkognito als Zimmermannsgeselle Kenntnisse im Schiffsbau erwirbt und gemeinsam mit einem Handwerker, welcher ebenfalls Peter heißt, das holländische Städtchen Saardam und die internationale Diplomatie verwirrt,  schuf Hinrich Horstkotte einen mit blau-weißen Delfter Kacheln verfliesten Bühnenraum, welcher sich durch seitliche Einschübe entsprechend verändern lässt. Blau-weiß mit roten Farbakzenten sind auch die Kostüme und stehen für die Farben der holländischen Flagge, aber auch jener Großbritanniens, Frankreichs und Russlands – also jener Länder, welche diplomatisch in dieser Oper eine wesentliche Rolle spielen.

Horstkotte inszenierte Albert Lortzings Oper mit einer gehörigen Portion Humor. Der Bürgermeister van Bett ist nicht nur aufgeblasen, hier wird er auch wortwörtlich mit einer Fahrradpumpe aufgeblasen. Auf Fahrrädern präsentiert sich auch der von Thomas Böttcher hervorragend einstudierte Chor. Marie, die Ähnlichkeit mit Frau Antje aus der Werbung hat, trägt sogar auf ihrer Haube Windmühlenblätter, der englische Gesandte Lord Syndham trägt das Outfit Sherlock Holmes und natürlich darf auch holländischer Käse nicht fehlen. Selbst der Mond über Saardam sieht aus wie ein angeschnittener Käselaib. Warum der dritte Akt in einer Seniorenresidenz stattfindet, lässt sich nicht ergründen, originell aber der Schluss, wenn Zar Peter am Ende mit seinem Schiff in die Schlussszene einbricht und die Rückwand zum Einsturz bringt um die Menge nochmals zu grüßen.

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann - hier : Carsten Süss als Peter Iwanow, Stefan Cerny als Lord Syndham, Lars Woldt als van Bett, Daniel Schmutzhard als Peter I., Gregor Loebel als General Lefort, Ilker Arcayürek als Marquis von Chateauneuf © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann – hier : Carsten Süss als Peter Iwanow, Stefan Cerny als Lord Syndham, Lars Woldt als van Bett, Daniel Schmutzhard als Peter I., Gregor Loebel als General Lefort, Ilker Arcayürek als Marquis von Chateauneuf © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Neben der Fülle an Slapstick versteht es Horstkotte aber auch die ernsten Themen glaubwürdig herauszuarbeiten. Als van Bett, den Bürgermeister von Saardam, erlebt man Lars Woldt in seinem aufgeblasenen Kostüm, dem es trotz Bewegungs-einschränkung gelingt, das Publikum mit pointiertem Humor zu unterhalten und mit seinem intensiven Bass zu beeindrucken. Sein Gegenspieler, den vom Bürgermeister gesuchten (Zar) Peter, ist Daniel Schmutzhard, der mit unglaublich lyrischem Bariton für den zar, zar peter, entsprechenden Tiefgang sorgte.

Auf gleichem Niveau agiert auch Stefan Cerny als englischer Gesandter Syndham. Großartige Leistungen auch von Ilker Arcayürek als französischer und Gregor Loebel als russischer Gesandter und Carsten Süss als Peter Iwanow. Mara Mastalir ist eine entzückende Bürgermeistersnichte Marie, wobei sie teilweise aufgrund der Regie nicht ihre gewohnten Qualitäten entfalten konnte. Am Höchsten in der Publikumsgunst stand jedoch der wirklich gelungene Holzschuhtanz des Kinderchors, aber das liegt einfach in der Natur der Sache. Auch der Chor der Volksoper Wien konnte das Publikum nachhaltig beeindrucken.

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann - hier: der Holzschuhtanz des Kinderchores © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann – hier: der Holzschuhtanz des Kinderchores © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Christof Prick am Pult des Orchesters der Wiener Volksoper lässt Lortzings Partitur mit viel Schwung und Leichtigkeit erklingen. Auch wenn das Publikum sich in den Pausengesprächen vereinzelt skeptisch zeigte, ließ der Beifall am Ende Anderes erkennen. Mit der vorliegenden Produktion ist der Wiener Volksoper auf jeden Fall erneut eine Produktion gelungen, welche viele Jahre im Repertoire verbleiben wird können.

Zar und Zimmermann an der Volksoper Wien; die weiteren Vorstellungen 30.10.; 5.11.; 15.11.; 19.11.; 28.11.; 2.12.2018

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

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