Dresden, Semperoper, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 19.01.2019

Januar 18, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Der fliegende Holländer   –   Richard Wagner

 – Durch den Holländer überlebt Senta ihr Trauma –

Von Thomas Thielemann

Als  Florentine Klepper im Juni 2013 ihre Inszenierung des Fliegenden Holländers anlässlich des 200. Geburtstags Richard Wagner  am Ort der Uraufführung vorstellte, wurde ihre Arbeit von der Kritik und der Mehrheit der Besucher regelrecht zerrissen. Nahezu sechs Jahre nach der Konzeption dieser Inszenierung haben wir spätestens nach dem Castorf-Ring fast akzeptiert, dass auch die Arbeiten des Meisters zerteilt werden dürfen und entlang seiner Partituren beliebig wieder komplettiert werden können.

Der Texter, selbst wenn es der Meister selbst war, steht dann  wie ein Depp daneben, wenn es der Regie nur gelingt, ein gesellschaftliches Anliegen der unsterblichen Musik unterzuschieben. Und so sehen wir 2019 die Arbeit der Florentine Klepper deutlich aufgeschlossener, zumal einige ihrer Anliegen in der Gesellschaft noch immer relevant sind.

Der fliegende Holländer   –  Richard Wagner
Youtube Trailer der Semperoper Dresden
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Dabei löst sich die Regie von der märchenhaften Geschichte des verdammten Seefahrers, seiner an die Treue einer Frau gebundenen Erlösung und konzentriert sich auf die Psyche der Senta, ihrer Entwicklung von einer traumatisierten zu einer emanzipierten Frau. Dieses Anliegen erfordert folglich einen völlig abweichenden Handlungsfaden: Zur Beerdigung  ihres Vaters nach Hause gerufen, durchlebt eine traumatisierte Senta noch einmal die Gründe ihrer Flucht aus dem Elternhaus: Den offensichtlichen Missbrauch als Kind, die bigotten Zwänge des scheinbar wohlbehüteten Lebens als Tochter eines wohlhabenden Schiffseigners und der Zukunft in einer fragilen Ehe mit möglichst vielen Kindern und einem versoffenen Ehemann.

Senta schafft sich mit der Vision des Holländer ihren Ausweg aus ihrer  Situation, der Enge des Daseins.  Ihre Sehnsucht gilt dem Verfluchten,  den sie mit ihrer Befreiung auch von seinem Fluch befreien möchte. Im Finale darf der Besucher dann erkennen, dass Senta sich nicht geopfert, sondern die Holländer-Fiktion genutzt hat, ihre traumatische Situation zu bewältigen und selbstbewusst die Szene verlässt. Die kindliche Senta springt befreit von der Bühne.

Diese  Konfrontation mit dem scheinbar Überwundenen und das Phantasiegebilde des rastlosen Seemanns hat Florentine Klepper in bewegende Bilder umgesetzt. Über weite Strecken handwerklich gut gemacht, wird es aber dem arglosen Opernfreund nicht leicht gemacht, die verworrenen Handlungsfäden auch zu verfolgen.

Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer - hier : Albert Dohmen als Hollaender, Anja Kampe als Senta © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer – hier : Albert Dohmen als Hollaender, Anja Kampe als Senta © Klaus Gigga

Die zum Kreißsaal umfunktionierte Spinnstube symbolisiert die vermeintliche Reduktion der Rolle der Frauen auf den Kindersegen  doch recht unglücklich. Aber was soll eine hilflose Regie machen. Die Partitur Wagners beinhaltet nun mal das fröhliche „Summ und brumm, du gutes Rädchen“ und muss irgendwie in den Handlungsfaden eingepresst werden. Auch den Matrosenchor von einer reichlich alkoholisierten Totenwache singen zu lassen, was dann folgerichtig ausartet, war schon schräg.

Aber letztlich war das Geschehen eigentlich eine Fiktion der Senta. Und da sind schon irrationale Abläufe erlaubt. Nur sollten sie für den Opernbesucher nachvollziehbar bleiben.Trotz mehrfachen Ansehens der Inszenierung bleiben mir noch immer offene Deutungen. Da half dann letztlich nur, sich der phantastischen musikalischen Umsetzung hinzugeben.

Das Dirigat von Christian Thielemann und die großartig aufspielende Staatskapelle entwickelte das gesamte Potential der Partitur Richard Wagners. Die Momente von Natur, Mystik, Hoffnung und Verzweiflung hochdifferenziert geboten, gaben den Sängern ein stabiles Grundgerüst für ihre durchweg hervorragenden Leistungen.

Wie Christian Thielemann die Tempi modelliert, wie er unter einem Holzbläsermotiv  die leisen Streicher wuchtig hochziehen lässt, ist schon eine Klasse für sich. Eine phantastische Wirkung entfalteten auch die leisen Stellen, wenn sie  noch ein Quäntchen langsamer gespielt wurden, als gewohnt.

Die Senta von Anja Kampe war eine Interpretation mit der seltenen Intensität einer starken Mittellage, ausgezeichnet verankert in der Tiefe und akzeptabel in den Höhen. Beim Holländer von Albert Dohmen war deutlich, dass hier ein Sänger seine inzwischen begrenzten stimmlichen Möglichkeiten dank  seiner Erfahrung zu einer prachtvollen Gesangsleistung richtig in der Tiefe und gut in den Höhen führen konnte. Es hat schon seine Gründe, warum er immer wieder von Christian Thielemann zu seinen Opernaufführungen herangezogen wird.

Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer - hier : Albert Dohmen als Holländer, Georg Zeppenfeld als Daland  © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer – hier : Albert Dohmen als Holländer, Georg Zeppenfeld als Daland  © Klaus Gigga

Georg Zeppenfelds Bass verfügt über einen Farbenreichtum, den er auch einsetzte und  scheinbar spielend die Partie des Daland unanfechtbar über den Abend trug. Es ist immer wieder faszinierend, wie jugendlich anmutend diese Stimme noch immer strahlend über die Bühne geht. Christa Mayer sang und spielte mit ihren kurzen Auftritten eine energiegeladene präsente Mary.

Mit einem klangschönen und in der Höhe kraftvollen Gesang und differenzierter schauspielerischer Leistung war Tomislav Mužek ein berührender Erik. Gegen die Fiktion des Holländers hat er allerdings keine Chancen.

Auch Tansel  Akzeybek fügte sich mit seiner derzeitigen Stimmentwicklung ordentlich  in die Gesamtwirkung ein. Klar und die melodische Phrase aushaltend, sang er das Lied des Steuermannes an die ferne Freundin. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen  auch die von Jörn Hinnerk Andresen bestens vorbereiteten Chorszenen, selbst wenn die schaurigen Verse des Gespensterchores  von der Seitenbühne kaum durchdrangen.

Mit  frenetischem Schluss-Beifall dankte das Auditorium für die musikalische Umsetzung der Wagnerschen Partitur. So tobend erlebt man ein Publikum im Semperbau nicht alle Tage

Der fliegende Holländer an der Semperoper: Die nächste Vorstellung 22.2.2019, 1.3.2019

 

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Wiederaufnahme Der fliegende Holländer, 11.01.2019

Januar 7, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Wiederaufnahme »Der fliegende Holländer« mit Spitzenbesetzung und erstmalig unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann

Mit Albert Dohmen in der Titelpartie und Anja Kampe in der Partie der Senta findet Ende nächster Woche die Dresdner Wiederaufnahme von Richard Wagners romantischer Oper »Der fliegende Holländer« in der Spielzeit 2018/19 statt. Zusammen mit Christa Mayer, Georg Zeppenfeld, Tansel Akzeybek und Tomislav Mužek ist somit ein Bayreuth-erfahrenes Ensemble am Freitag, den 11. Januar 2019, auf der Bühne der Semperoper Dresden zu erleben. Die Chorpartien in Florentine Kleppers für ihre subtile Psychologie hochgelobte Inszenierung singen der Sächsische Staatsopernchor Dresden und das Vokalensemble der Theodore Gouvy Gesellschaft e.V.

Am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden steht am 11. und 15. Januar 2019 deren Chefdirigent Christian Thielemann, dessen erstmaliges Dirigat des »Holländers« in der Semperoper besonders bei den Wagner-Fans große Erwartungen weckt, die sich seiner vielbeachteten Leistung bei den Bayreuther Darbietungen erinnern. Die Vorstellungen am 22. Februar und 1. März 2019 leitet musikalisch der ebenso Wagner erfahrene US-Amerikaner John Fiore, der bereits am 6. Januar 2019 für »La bohème« zu Gast in Dresden ist.

Vorstellungen: 11. und 15. Januar sowie 22. Februar und 1. März 2019

Karten für die Vorstellungen sind an der Schinkelwache am Theaterplatz (T +49 351 4911 705) und online erhältlich. Weitere Informationen unter semperoper.de

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Ariadne auf Naxos – Richard Strauss, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 11, 2018 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ariadne auf Naxos – Richard Wagner

Gelungenes Debut für Regisseur David Hermann in Dresden

Von Thomas Thielemann

Nicht wenige Opernfreunde schätzen die Kammeroper Ariadne auf Naxos als das schönste und vor allem das gelungenste Bühnenwerk des Richard Strauss. Wenn dann noch David Hermann eine klare und direkte Inszenierung mit ausgefeilter Personenregie und raffinierten Verbindungslinien zwischen den heterogenen Teilen der Oper beisteuert, dann sind alle Voraussetzungen für einen gelungenen Premieren-Abend gegeben.

Mit dieser Verbindung aus musikalischer Komödie und „richtiger“ Oper, dem Gemenge aus Kunst und „wahrem Künstler-„ Leben bietet Hermann einen Cocktail aus mehreren Stilformen: Das Vorspiel als konkrete witzige dramatische Komödie mit scharfen Pointen.

Ariadne auf Naxos – Richard Strauss
Youtube Trailer der Semperoper – Einführung in Ariadne Produktion
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Dabei hatte David Hermann eine Anleihe bei Michael Frayn aufgenommen: An der Wand eines kahlen Ganges sind drei Türen angeordnet, die sich ständig öffnen und schließen. Und jedes Mal, wenn sich eine der Türen öffnet, passiert auch etwas, gibt es eine Überraschung. Gleichsam im Stil des „nackten Wahnsinns“ wird mit derber Komik die Tragik des Geschehens vorangetrieben. In der Oper trifft dann die etwas oberflächliche Welt der Zerbinetta auf die leidenschaftliche spritzig-schwitzende griechische Tragödie der Ariadne.

Todesangst und Todessehnsucht stehen gegenüber und versuchen mit einem opulenten, der Tragik der Situation eigentlich wiedersprechenden musikalischen Rokoko-Gemälde eine Annäherung. Das Bühnenbild von Paul Zoller und die Kostüme von Michaela Barth stützen das Konzept der kom-plexen Umsetzung des Librettos des Hugo von Hofmannsthal in die Musik von Richard Strauss.

Unterhaltsam und überraschend, wie die recht kleine Besetzung der Staatskapellen-Musiker unter Leitung Christian Thielemanns die Orchesterklänge opulent verströmen ließ, pointiert und schlank, aber immer Sänger-freundlich. Die Musiker folgten dem Dirigenten vom ersten Ton der Ouvertüre hingebungsvoll mit dem durchsichtigen und geschmeidigem Dresdner Klang. Dabei nahm sich der Musikalische Leiter ausreichend Zeit, um jede Nuance der Komposition auszu-kosten, jede Silbe, jede Kleinigkeit des Textes verwandelte sich in Klänge und gab damit der exquisiten Sängerbesetzung ein stabiles Gerüst.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Als Primadonna brillierte mit makellosem Deutsch die Bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova (Foto). Eine der prachtvollsten Sopranstimmen unserer Zeit gab der Titelrolle ein vokales und darstellerisch kräftiges Profil. Die grandiose Kombination von Klangkultur und Gestaltungsvermögen machte den Premierenabend zu einem unvergesslichen Abend.
Gegenüber diesem Schwergewicht konnte der Bacchus von Stephen Gould mit seinem heldisch inzwischen etwas schwerer gewordenen Tenor mühelos insbesondere in den lyrischen Passagen bestehen und sich dem belkantesken Anspruch der Sopranistin anpassen.

Dass Daniela Fally mit ihrem immensen Bühnentemperament und ihrer tollen Koloraturstimme eine außergewöhnliche Zerbinetta bieten kann, ist spätestens seit der Wiener Bechtolf-Inszenierung bekannt. Ohne diese ihre hervorragenden Möglichkeiten zu vernachlässigen, wurde ihr Temperament von der Regie stilisiert und schlüssig zur Entwicklung ihrer Nachdenklichkeit geführt. Der idealistische Komponist war von der klangprächtigen Mezzosopranistin Daniela Sindram, abseits von oft kabarettistischen Ausdeutungen, als sympathische und leidenschaftliche Person geboten.

Eine Überraschung war, dass der Haushofmeister am Premierenabend vom Intendanten des Skala Alexander Pereira übernommen worden war. Das Trio , das die Trauer der Ariadne und die Ankunft des Gottes auf Naxos kommentiert, war mit den Sopranistinnen Evelin Novak (Najade), Tuuli Takala (Echo) und der Altistin Simone Schröder (Dryade) stimmlich sowie darstellerisch sehr ordentlich aufeinander abgestimmt , so dass ihre Passagen eindringlich, gefühlvoll vom Orchester unterstützt, gestaltet worden waren.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Albert Dohmen gefiel vor allem mit seiner Bühnenpräsenz als Musiklehrer. Mit schönen Höhen gefiel der Harlekin des Österreicher Bariton Rafael Fingerlos. Nach mehrfachen Gastauftritten an der Wiener Staatsoper bestritt der mexikanische Tenor Carlos Osuna mit der Partie des Scaramuccio sein Hausdebüt an der Semperoper. Der Bassist Torben Jürgens, ansonsten seit Saisonbeginn als Don Fernando im Fidelio eingesetzt, hatte die Partie des Truffaldin übernommen.

In den weiteren Rollen demonstrierten Sänger aus dem Ensemble und dem Jungen Ensemble der Semperoper die Leistungsfähigkeit der Haussänger: Der amerikanische Tenor Aaron Pegram, seit 2009 im Haus und in der bisherigen Inszenierung als Brighella, nunmehr als Tanzmeister eingesetzt; der Tenor Joseph Dennis als neuer Brighella; der tschechische Bariton Jiri Rajniš (seit 2017 im Jungen Ensemble) als Perückenmacher; der koreanische Tenor Beomjin Kim (seit 2018 im Jungen Ensemble) als Offizier und der Bariton Bernhard Hansky (2017/18 im Ensemble) als Lakai.

Die Regie wäre unvollkommen, wenn sie das Publikum mit dem Klangrausch entlassen würde: Bereits vor dem Beginn der Vorstellung waren hinter dem ersten Rang die Besucher von einer hochmütigen Tischgesellschaft inclusive Tafelmusik empfangen worden. Und diese „Mäzen- Gesellschaft“ zerstörte mit ihrem Huschen über die Bühne in den letzten Takten der Musik, führte zur Selbstreflexion der Schöpfer der Oper zurück und zwingt damit zu einem nachdenklichen Schluss.

Eine gelungene, schlüssige Regiearbeit von David Hermann und eine durchweg gelungene Aufführung mit Gesang und Orchestermusik auf höchstem Niveau. Der frenetische langanhaltende Beifall bestätigten die Besonderheit des Abends.

Ariadne auf Naxos an der Semperoper; weitere Vorstellungen 12.12.; 14.12.2018

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Wien, Wiener Staatsoper, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, 11.06.2018

Juni 5, 2018 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

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 DER FREISCHÜTZ – Carl Maria von Weber

Premiere und Produktion

Die kommende Premiere der Wiener Staatsoper  von Der Freischütz  am 11. Juni 2018 sowie die Aufführungen am 14., 17. und 28. Juni 2018 werden im Rahmen von Oper live am Platz live auf den Herbert von Karajan-Platz übertragen.

Mit Der Freischütz steht am Montag, 11. Juni 2018 die letzte Staatsopernpremiere der Spielzeit 2017/2018 auf dem Programm: Mit dieser Neuinszenierung ist Carl Maria von Webers 1821 in Berlin uraufgeführte „romantische Oper in drei Aufzügen“ nach 19 Jahren wieder im Haus am Ring zu erleben.

Schon wenige Monate nach der Eröffnung der Hofoper – am 1. Jänner 1870 – wurde das Werk zum ersten Mal im Haus am Ring gezeigt. Es folgten weitere acht Neuproduktionen (davon eine im Volksoperngebäude) bis zur bisher jüngsten Neuinszenierung 1995 in einer Regie von Alfred Kirchner und unter der musikalischen Leitung von Leopold Hager. Der Freischütz wurde im Haus am Ring bisher insgesamt 477 Mal in zehn unterschiedlichen Produktionen gezeigt, zuletzt stand die Oper im April 1999 auf dem Staatsopernspielplan.

Wiener Staatsoper / Der Freischütz hier Camilla Nylund als Agathe © Michael Pöhn

Wiener Staatsoper / Der Freischütz hier Camilla Nylund als Agathe und Ensemble © Michael Pöhn

Musikalisch geleitet wird die nun anstehende Neuproduktion von Tomáš Netopil: Der tschechische Dirigent, Generalmusikdirektor des Aalto Theaters und der Philharmonie Essen, debütierte 2014 mit Rusalka im Haus am Ring und leitete bisher weiters auch Vorstellungen von Das schlaue Füchslein, Così fan tutte und Kátja Kabanová. Er dirigiert Der Freischütz erstmals komplett und will in seiner Interpretation die ursprüngliche Form der Oper zeigen, wie er im Gespräch mit Oliver Láng für das Staatsopernmagazin Prolog betont: „Den Freischütz möchte ich am liebsten nicht aus dem interpretieren, was die nachfolgenden Generationen aus ihm gemacht haben, sondern aus seiner Zeit heraus. Mit anderen Worten: Mich interessiert die Weber’sche Romantik, die „klassische“ Romantik und nicht die späteren Steigerungsstufen.“ Das Musikalisch-Romantische im Freischütz definiert der Dirigent so: „Ich denke, es ist die große Kraft der Kontraste – das hat in der damaligen Zeit gewirkt und ist bis heute ungemein wirkungsvoll. Melodie, Rhythmik, Harmonik, die Effekte: Hier verwendet Weber starke Gegensätze. Dazu kommt eine Freiheit in den melodischen Linien. Auch der Einsatz von Volksmusik-Klängen spielt in diese Richtung: Dadurch wird das Menschliche unterstrichen, aber auch das romantische Sujet unterstützt.“

Der deutsche Regisseur Christian Räth brachte an der Wiener Staatsoper bisher Macbeth heraus. Er nähert sich der Freischütz-Partitur – wie Dramaturg Andreas Láng im Staatsopernmagazin „Prolog“ erläutert – und dem ihr innewohnenden Wechselspiel aus Schönheit und Abgründen, indem er den männlichen Protagonisten Max (Foto unten) in ein neues Umfeld stellt respektive sein Betätigungsfeld erweitert. Dieser ist bei Räth nicht bloß Jäger, sondern zuvorderst Künstler, genauer Komponist. Damit gliedert Christian Räth die Freischütz-Handlung in eine Denk- und Erzähltradition ein, nach der geniale Künstler ihre kreative Schöpfungskraft aus dunklen, verbotenen Quellen speisen. Max’ wohl psychologisch motiviertes Nicht-schießen-können wird auf diese Weise als Inspirationsblockade gelesen, die ihn am Beginn einerseits daran hindert, seien Oper zu vollenden und ihn andererseits in Tagträume ausweichen lässt, die seinen von ihm erhofften Ruhm und Erfolg antizipieren. Die Fallhöhe, die sich dadurch zu Max’ Realität auftut, wird entsprechend größer und macht ihn anfällig, zu neuen, bisher unbeschrittenen Wegen verführt zu werden: Was ihm der geheimnisvoll-bedrohliche Caspar dann allerdings einflüstert, Inspirationen nämlich, denen sich Max bis dahin aus moralischen und gesellschaftlichen Gründen nicht zu ergeben getraut hat, könnten, so Christian Räth, durchaus aus ihm selber stammen. Das Publikum erlebt somit auf der Bühne Max’ Innenschau, den Freischütz gewissermaßen aus seiner Perspektive – Realität und Visionen wechseln einander ab, überlappen sich und sind zum Teil bewusst nicht voneinander zu trennen. Die ihn umgebenden Charaktere erscheinen folglich auch als Projektionsfläche des um die Schaffenskraft ringenden Komponisten. Diese Neuproduktion zeigt also ein Künstlerdrama, in der sich der Protagonist entscheiden muss, zwischen seiner Verantwortung gegenüber der Wahrheit seines Schöpfertums und der Verantwortung gegenüber seinen ihn umgebenden und liebenden Nächsten.

Die Ausstattung stammt aus der Feder des irischen Bühnen- und Kostümbildners Gary McCann, der an der Wiener Staatsoper bereits für Macbeth mit Christian Räth zusammenarbeitete. Für das Lichtdesign zeichnet Thomas Hase verantwortlich, für die Videoeffekte Nina Dunn und für die Choreographie Vesna Orlic.

Wiener Staatsoper / Der Freischütz hier Hans Peter Kammerer als Samiel und Albert Dohmen als Eremit © Michael Pöhn

Wiener Staatsoper / Der Freischütz hier Hans Peter Kammerer als Samiel und Albert Dohmen als Eremit © Michael Pöhn

Die Sängerbesetzung

Alle Solistinnen und Solisten geben in der Premiere ihr Staatsopern-Rollendebüt:

Andreas Schager gestaltet den Max Der Freischütz ist nach seinem bejubelten Staatsoperndebüt mit dem Apollo in Daphne im vergangenen Dezember die erste Premiere des österreichischen Tenors im Haus am Ring. Für das Staatsopernmagazin Prolog sprach er mit Andreas Láng über den Max in der neuen Produktion, der vor allem ein Künstler, ein Komponist ist: „Als ich meinen ersten Max sang, hat der leider schon verstorbene Robert Herzl zu mir gesagt: ‚Du, das ist leider eine undankbare Rolle.‘ Und er hatte irgendwie Recht: Die schöne, bekannte Arie, in der wirklich alles drinnen ist, kommt schon zu Beginn dran, und dann verläuft die – nicht sehr lange – Partie immer mehr. Max ist am Ende nur bedingt präsent. Außerdem ist er ein Versager, was ihn zu Unrecht als schwach erscheinen lässt. Das ist auch einer der Gründe, warum er fälschlicherweise oft zu lyrisch besetzt wird. So wie der Erik im Fliegenden Holländer, den Wagner ausdrücklich nicht larmoyant, sondern kernig, männlich gewünscht hat, muss auch der Max etwas darstellen … […] Dadurch, dass die eigentliche Handlung [Anm.: in der kommenden Produktion] sich mit den Visionen und Vorstellungen des Komponisten überschneidet, vieles durch die Brille des Max gesehen wird, ist er deutlich stärker mit der Gesamtgeschichte verwoben und gewinnt demzufolge an Profil. Ja, ich freue mich auf diese Produktion.“

Die Agathe verkörpert Camilla Nylund. Der Freischütz ist für die finnische Sopranistin nach der Elsa (Lohengrin) die zweite Premiere im Haus am Ring, wo sie weiters u. a. in den Titelpartien von Arabella, Ariadne auf Naxos, Rusalka, Salome sowie als Elisabeth (Tannhäuser), Leonore (Fidelio), Marschallin (Der Rosenkavalier), Sieglinde (Die Walküre) sowie kürzlich als Capriccio-Gräfin erfolgreich war. Auf die Frage, was Agathe an Max in der kommenden Freischütz-Produktion liebt, antwortet sie im „Prolog“: „Wir haben lange mit dem Regisseur darüber gesprochen: Vielleicht hat sie Mitleid mit ihm, ein Rettersyndrom? Frauen wollen doch so oft Männer vor sich selber schützen. Auf jeden Fall ist sie verliebt in ihn und lässt sich von niemandem diese Liebe ausreden. Selbst die Tatsache, dass sie die Schwierigkeiten im Zusammenleben mit einem Künstler erkennt, noch dazu mit einem, der an sich zweifelt, lässt sie nicht umdenken. Auch nicht ihr augenscheinliches Dilemma: Einerseits sucht sie in seiner Musik Trost, wie man bei uns in ihrer ersten Arie sehen wird, andererseits ist Max eher an seiner Musik interessiert als an ihr. Sie weiß, dass das Komponieren der Sinn seines Lebens ist, dass es aber zugleich zwischen ihnen steht.“

Alan Held singt den Caspar – der amerikanische Bassbariton debütierte 2001 als Wotan (Das Rheingold) an der Wiener Staatsoper und sang hier bisher noch Jochanaan (Salome), die vier Bösewichte (Les Contes d’Hoffmann) und Orest (Elektra). Der Freischütz ist seine erste Premiere an der Wiener Staatsoper.

Wiener Staatsoper / Der Freischütz hier Andreas Schager als Max © Michael Pöhn

Wiener Staatsoper / Der Freischütz hier Andreas Schager als Max © Michael Pöhn

Daniela Fally ist als Ännchen zu erleben, ein, wie die Künstlerin sagt, „Zwischenwesen, das sich an Agathe dranhängt und sich für die Zukunft noch alle Optionen offen lässt“. An der Wiener Staatsoper feierte die international gefragte Sängerin bisher u. a. als Fiakermilli (Arabella), Zerbinetta (Ariadne auf Naxos), Amina (La sonnambula) und Sophie (Der Rosenkavalier) Erfolge. Nach der Fiakermilli, Waldvöglein (Kinderopern-Premiere Wagners Nibelungenring für Kinder), Pünktchen (Kinderopern-Uraufführung Pünktchen und Anton), Barbarina (Le nozze di Figaro), Ada (Kinderopern-Premiere Die Feen) und der Zerbinetta ist Der Freischütz ihre siebte Premiere im Haus am Ring.

Den Ottokar verkörpert der der Wiener Staatsoper seit vielen Jahren verbundene Publikumsliebling KS Adrian Eröd. Der Freischütz ist bereits seine 15. Premiere im Haus am Ring nach Mercutio (Roméo et Juliette), Albert (Werther), Zauberer/Magier (Kinderoper Aladdin und die Wunderlampe), Lhotský/Vara (Osud), Heerrufer (Lohengrin), Graf Dominik (Arabella), Lescaut (Manon), Andrei Schtschelkalow (Boris Godunow), Olivier (Capriccio), Valentin (Faust), Loge (Das Rheingold), Jason (Uraufführung Medea), Prospero (The Tempest) und Pelléas (Pelléas et Mélisande).

Als Eremit ist Albert Dohmen zu erleben. Der deutsche Bassbariton verkörperte im Haus am Ring seit seinem Debüt 2001 als Wotan in Das Rheingold zahlreiche wichtige Partien seines Fachs, darunter u. a. die Titelpartie von Der fliegende Holländer, Scarpia (Tosca), Wotan/Wanderer (Der Ring des Nibelungen), Méphistophélès (Faust) und Jochanaan (Salome). Nach Graf Tomski (Pique Dame) und Komtur (Don Giovanni) ist Der Freischütz seine dritte Staatsopernpremiere.

Hans Peter Kammerer gibt den Samiel. Zu seiner Partie bzw. deren Darstellung in der anstehenden Neuproduktion sagt er: „Samiel ist sicher das absolut Böse, eine personifizierte archaische Figur. Andererseits kann der Leibhaftige als sichtbare Person natürlich nicht wirklich real sein. Es ist ein wunderbares Privileg des Theaters, solche Figuren zum Leben zu erwecken – warum einmal nicht auch als Illusion des Protagonisten? Die Theater- und Schauspieltechnik ermöglicht vieles.“

Die beiden Staatsopern-Ensemblemitglieder Clemens Unterreiner und Gabriel Bermúdez sind als Cuno bzw. Kilian zu erleben.

Der Freischütz „live am Platz“, im Radio und Fernsehen

Die Premiere am 11. Juni sowie die Aufführungen am 14., 17. und 28. Juni werden im Rahmen von „Oper live am Platz“ live auf den Herbert von Karajan-Platz übertragen.
Die Vorstellung am 14. Juni 2018 wird ab 22.30 Uhr live-zeitversetzt auf ORF 2 ausgestrahlt. Radio Ö1 (+ EBU) strahlt Der Freischütz am 16. Juni ab 19.30 Uhr aus, aufgenommen am 11. und 14. Juni an der Wiener Staatsoper

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

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