Münster, Theater Münster, Spielplan 2018/19: Oper, Schauspiel, Tanz, Konzert, IOCO Aktuell, 11.03.2018

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

 Theater Münster präsentiert den Spielplan für 2018/19

Mozart muss man singen können

Von Hanns Butterhof

Nach einem kurzen, zufriedenen Rückblick auf die noch laufende Spielzeit haben Generalintendant Dr. Ulrich Peters und das Leitungsteam des Theater Münster das vielseitige Programm der neuen Spielzeit 2018/19 vorgestellt.

Am Beginn einer Jahrespressekonferenz lobt man sich gerne selber für das Geleistete, und da macht auch Peters keine Ausnahme. Er verweist auf über 700 Vorstellungen der Spielzeit mit einer Gesamt-Auslastung von 77 %. Die Renner waren im Tanztheater Hans Henning Paars Romeo und Julia mit 99 %, im Schauspiel Bert Brechts Johanna der Schlachthöfe und im Musiktheater Carl Maria von Webers Freischütz mit 72 %. Offenbar stimmt die Mischung des Programmangebots, denn so soll es auch in der kommenden Spielzeit weitergehen.

Theater Münster / Das Leitungsteam - stehend v. l. Frank Behnke, Rita Feldmann, Intendant Dr. Ulrich Peters, Golo Berg, sitzend v. l. Hans Henning Paar, Susanne Ablaß, Frank Röpke © Hanns Butterhof

Theater Münster / Das Leitungsteam – stehend v. l. Frank Behnke, Rita Feldmann, Intendant Dr. Ulrich Peters, Golo Berg, sitzend v. l. Hans Henning Paar, Susanne Ablaß, Frank Röpke © Hanns Butterhof

Ohne übergreifendes Motto kommt das Musiktheater aus. Das Programm wird hauptsächlich dadurch bestimmt, welche Sängerinnen und Sänger mit welchen Fähigkeiten am Haus zur Verfügung stehen. Unverzichtbar sei allerdings Mozart, nicht nur als Favorit des Publikums, sondern weil man Mozart singen können muss, diese Schule des Gesangs, unverzichtbar für Stimmhygiene, wie Peters schwärmt. Also diesmal „Die Entführung aus den Serail“, dazu Puccinis „Madama Butterfly“, Händels Oratorium „Saul“ und Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“, zusammen mit dem Musical „Sugar“ von Jule Styne nach „Manche mögen’s heiß“, das Peters inszenieren wird, eine sichere Bank. Für die Überraschungen stehen die wenig bekannte Oper „Street Scene“ von Kurt Weill und die Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ von Grigori Frid.

Schauspieldirektor Frank Behnke lenkt in seinem Programm den Blick auf Ego-Monster, Machtmenschen und Tyrannen. Alle drei Merkmale treffen bei „Caligula“ von Albert Camus zu, bei Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ – nach dem Krieg nie in Münster gespielt – kann die Zuordnung spannend werden. Zum Ego-Monster-Motto versprechen Patrick Marbers Komödie „Don Juan“ nach Molière und Lot Vekemans „Judas“ zu passen. Leo Tolstois „Anna Karenina“ ist ein Monsterroman; ihn zum Schauspiel umzustricken folgt einem unguten, das Drama von den Bühnen zurückdrängenden Trend, zu dem auch die Übernahme von Filmstoffen gehört wie von Ernst Lubitschs „Sein oder nicht Sein“..

Behnke versteht das Schauspiel betont politisch, eingreifend. Es dürfte interessant werden, zu sehen, inwieweit „politisch“ mehr bedeutet, als Gesinnung mit dem Kunstsiegel zu versehen, und mehr, als nur zu inszenieren, was das Publikum sowieso schon weiß.

Der künstlerische Leiter des Tanztheaters, Hans Henning Paar, wagt sich mit seinem Stück „Unknown Territories“ an weit die Sparten Übergreifendes: Tanz, Schauspiel und Musiktheater wirken in nicht ganz unbekanntem Land zusammen. Desgleichen bei dem Stück „Eine Winterreise“, bei dem zu einer von Hans Zander für Tenor und Kammerorchester komponierten Fassung von Franz Schuberts „Winterreise“ getanzt wird. Als Gastchoreographin wird Lenka Vagnerová den Tanzabend „And Then There Were None“ zum Programm beisteuern.

Für sein Konzertprogramm erwartet GMD Golo Berg ein „open minded“ Publikum. Wieder will er neben dem klassisch-romantischen Programm Komponisten aus Münster zu Gehör bringen. Vor allem möchte er an Fritz Volbach erinnern, der vor genau hundert Jahren das Münsteraner Symphonie-Orchester gegründet hat. Auch Julius Otto Grimm und Franz Bohner, zwei Komponisten-Freunde Brahms‘, stehen im Programm der Sinfoniekonzerte, wie Andreas Romberg ausdrücklich nicht aus lokalpatriotischen Gründen, sondern wegen ihrer ausgesprochen guten Musik, wie Berg betont.

Im Kinder- und Jugendtheater, für das sich mit Frank Röpke ein neuer Leiter vorstellt, wird Hausherr Peters als seine zweite Regie Astrid Lindgrens Kinderklassiker „Kalle Blomquist“ inszenieren.  Das Münsteraner Publikum darf sich auf eine interessante, vielseitige Spielzeit 2018/19 freuen.

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Berlin, Berliner Ensemble, Caligula von Albert Camus – Grotesk Unheimlich, IOCO Kritik, 03.01.2018

Januar 3, 2018 by  
Filed under Berliner Ensemble, Hervorheben, Kritiken, Schauspiel

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble

Caligula  von  Albert Camus 

Caligula: „Regieren heißt stehlen, das weiß jedes Kind

Von Anna Moll

Mit Caligula von Albert Camus in der Regie von Antú Romero Nunes läutete das Berliner Ensemble die Ära von Intendant Oliver Reese ein. IOCO war dabei, Anna Moll begeistert.

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus - hier Constanze Becker als Caligula © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus – hier Constanze Becker als Caligula © Julian Roeder

Noch als Schüler wurde Albert Camus Suetons Leben der Caesaren von seinem hochverehrten Lehrer Jean Grenier nahe gebracht. Die Figur des Caligula faszinierte ihn von Anbeginn und ein erster Entwurf zur Stückthematik findet sich 1937 in seinem Tagebuch. Über Jahre arbeitete er an der Niederschrift. Die 1941 entstandene Erstfassung überarbeitete Camus erneut, da sich seine Sicht  der Thematik und der Figur durch die Erfahrung von Faschismus, Besatzung und Widerstand verändert hatte. 1945 wurde das Stück mit Gérard Philipe in der Hauptrolle aufgeführt.

Nunes vermeidet es, politische Assoziationen historischer oder aktueller Art auszuspielen. Was vor unseren Augen entrollt wird, gleicht eher einem Horrorcomic und entfaltet im Grotesken das Unheimliche und im Unheimlichen das Groteske. Das Stück ist gekürzt, die Hauptfigur, Caligula, der Kaiser, ist mit der großartigen Constanze Becker besetzt, seine Geliebte Caesonia mit Oliver Kraushaar. Die Anzahl der Patrizier ist auf einen einzigen – die geschlechtslos-harlekinhafte Annika Meier reduziert. Den treuen Diener Helicon gibt Aljoscha Stadelmann in clownshaften, ausgebeulten Pluderhosen mit staubig-weißgepudertem, schwabbeligem, doch auch kräftig wirkendem Oberkörper, Felix Rech ist Cherea, Patrick Güldenberg Scipio, ebenfalls weißgepuderte, clownshafte Gestalten.

Bevor Caligula auftritt, stehen die anderen zunächst wie die erschöpften, armseligen Mitglieder eines abgewrackten Zirkusunternehmens vor dem roten Vorhang und zerbrechen sich den Kopf über den Verbleib des Kaisers, taumeln und purzeln durcheinander und finden – Nichts. Beckers Caligula sticht ab vom elenden Clownsensemble. Beckers Kopf mit künstlicher Glatze ist weiß geschminkt, die Augen blutunterlaufen, sie steht da im weißen Hemd, darunter etwas, das langen weißen Altmännerunterhosen gleicht. Ein geschlechtsloses, altersloses Wesen, ein wenig an eine Figur von Samuel Beckett erinnernd. Etwas Hartes, Kaltes, aber auch Tragisches ist an ihr.

„Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich.“ Der Tod seiner inzestuös geliebten Schwester Drusilla hat in Caligula einen Prozess freigesetzt: „Diese Welt ist so, wie sie ist, nicht zu ertragen.“ Mit dieser Erkenntnis wird für Caligula alles möglich, vor allem, sich zu erheben über alles und jeden, inklusive der Götter, die er in ihrer Grausamkeit übertreffen will. Er fühlt sich frei, jede nur erdenkliche Grausamkeit zu begehen. Der Wunsch nach dem Vollkommenen, symbolisiert im Mond, zeigt die unendliche Hybris und gleichzeitig die unstillbare Sehnsucht des Kaisers. Vielleicht ist es nicht unerheblich, daran zu erinnern, dass im Französichen der Mond weiblich ist und insofern die Sehnsucht nach la lune auch die unerfüllbare Sehnsucht nach der toten Schwestergeliebten mitschwingen lässt.

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus - hier Constanze Becker als Caligula und Felix Rech als Cherea © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus – hier Constanze Becker als Caligula und Felix Rech als Cherea © Julian Roeder

Beeindruckend ist Constanze Becker, wenn sie, bald  nachdem sich der Vorhang gehoben hat, sich den blutroten Herrscherumhang überwirft und auf der dunklen Bühne, nur von einem Lichtstrahl beleuchtet, Friedrich Holländers „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ singt, ein bitter-süßes, todtrauriges Lied über die Ambivalenz von Glück und die Fährnisse des Lebens. Diese Szene, im Original nicht enthalten, ist daher zu verstehen als eine interpretative Assoziation des Regisseurs zum Charakter des Caligula. Hier vermittelt sich bereits das außerordentlich verstörende Gefühlsgemisch, das Beckers Caligula in sich trägt: tiefe Verzweiflung, Verlorenheit, Verachtung, größenwahnsinnige Mordgelüste.

Dieser Caligula ist von einer eiskalten teuflischen Logik, allen im Argumentieren überlegen. Mit absolut schneidender Logik kann er etwa dem Patrizier nachweisen, warum es absolut folgerichtig und unabänderlich sei, wenn dieser jetzt und sofort getötet werden müsse. Caligula ist angewidert von den Heucheleien seiner Umwelt. Sein Ekel und Spott gehen soweit, dass er vorschlägt, sich Masken aufzusetzen, bevor man ehrlich miteinander rede.

Dieser Caligula ist ein ungreifbares Wesen, mal altersloser Mann, mal Diva, mal bezopftes, kniebestrumpftes Mädchen, das Ave Maria auf einer Flöte daherstümpernd, mal kettensägenrasselnd. Ein großer Auftritt (gleichzeitig ein Höhepunkt der Kostümbildnerin Victoria Behr)  gelingt Becker, wenn sie ihren Tanz als Venus vorführt, gehörnt, auf Kothurnen mit haarig-pelzigen Fesseln, mit Bewegungen wie in Trance, wie nicht von dieser Welt, gleichzeitig ein hochgefährliches Tier.

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus - hier Patrick Gueldenberg als Scipio und Aljoscha Stadelmann als Helicon © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus – hier Patrick Gueldenberg als Scipio und Aljoscha Stadelmann als Helicon © Julian Roeder

Alle Schauspieler überzeugen in ihren Rollen und haben jeweils faszinierende Momente. Besonders zu erwähnen wäre Oliver Kraushaar als Caesonia, der in dieser eher Grand- Guignol-haften Inszenierung auch die rührend liebenden Anteile der Figur erahnen lässt. Aus  dem großartig grotesken Regieeinfall, bei ihrer Ermordung durch Caligula Caesonia ihren letzten Atemzug  auszuhauchen zu lassen, indem ein von ihr aufgeblasener herzförmiger roter Luftballon zerplatzt,  macht Kraushaar einen sehr prägnanten Augenblick auf der Bühne. Ebenso Aljoscha Stadelmann als Helicon, der in seiner Verachtung der Patrizier zu Caligula hält und dem es mit äußerster Mühe gelingt, den Mond für seinen Herren an einem Seil herbeizuschleppen. Die gewaltige Anstrengung erweist sich als vergeblich – Caligula, für einen kurzen Moment im Besitz des Vollkommenen, Unerreichbaren, entgleitet das Seil…

Camus setzt sich nicht nur mit der Gestalt des Tyrannen auseinander. Das Stück stellt auch die Frage, warum niemand den Tyrannen aufhält, allerhöchstens erst dann, wenn er selbst betroffen ist. Nunes  vertieft diesen Ansatz nicht allzu sehr, er entwickelt eher den eingangs erwähnten Horrorcomic, eine bösartig-groteske, sinnlose Welt entsteht, der wir uns vielleicht entziehen zu können glauben. Doch der Schluss dieser Inszenierung ist provozierend: der rote Vorhang hat sich bereits geschlossen, nur noch Caligulas blutverschmierter Kopf ist zu sehen, der spricht: Caligula ist nicht tot!“ 

Bleiben wir passiv, könnte sich unsere Welt erneut als Horrortheater erweisen

Caligula am Berliner Ensemble: Weitere Vorstellungen 13.01.2018, 14.1.2018, 1.2.2018, 18.2.2018

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