Zürich, Tonhalle Maag, Adès – Beethoven – Nielsen, IOCO Kritik, 4.4.2019

Dezember 17, 2019 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle-Orchester   Zürich

Thomas Adès – Beethoven – Carl Nielsen

von Julian Führer

Das Zürcher Tonhalle Orchester präsentierte mit dem Gastdirigenten Alan Gilbert ein abwechslungsreiches Programm. Gewissermaßen als Ouvertüre wurden die von Thomas Adès (* 1971) komponierten „Three Studies from Couperin“ geboten. François Couperin († 1733 in Paris) komponierte diverse Stücke für das Cembalo, von denen Adès drei für Orchester arrangierte und weiterentwickelte und 2006 in Basel als Auftragswerk zur Uraufführung brachte. Les Amusemens sind zunächst zwei oft nahezu parallel verlaufende Viertelketten in tieferer und mittlerer (Cembalo-)Lage, die in der Mittellage auf vielfältige Weisen verziert werden. Adès erweitert das Farbenspektrum erheblich, indem er das durchaus groß besetzte Orchester (konsequent piano oder pianissimo spielend) in den zahlreichen Wiederholungen einzelner Passagen immer wieder unterschiedlich zusammensetzt, gleichwohl ohne jeweils unbedingt Neues zu erzwingen und somit eine fast meditative Atmosphäre schaffend, die sich auf das konzentriert zuhörende Publikum übertrug. Les Tours de Passe-Passe sind wesentlich animierter angelegt, hier ist Adès‘ Erweiterung der Möglichkeiten des französischen Barockkomponisten auch am deutlichsten durch den manchmal auftrumpfenden Einsatz des Schlagzeugs. L’âme en peine schließlich besteht aus einem sehr langsamen Satz, der einerseits in seinem anmutig verzierten ¾-Takt etwas Menuettartiges hat, andererseits durch die grübelnden Dissonanzen und das getragene Tempo an einen Trauerkondukt gemahnt und am besten mit dem französischen Wort langueur charakterisiert wird.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Für Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur Opus 58 trat Inon Barnatan an den Flügel. Das Konzert beginnt mit dem Soloinstrument in G-Dur, das nach der Einleitung vom Orchester präsentierte Thema hingegen steht in a-Moll, wodurch sich eine harmonische Spannung ergibt, die dem Kopfsatz erhalten bleibt, auch wenn die Durstimmung insgesamt vorherrscht. Im Orchester gab es zu Beginn eine kurze Irritation, danach überzeugte die Darbietung voll und ganz. Besonders beeindruckend geriet die Präzision, mit der Celli und Bässe auch in schnellen Passagen glänzten. Oboe und Fagott hatten besonders klangschöne Momente. Beim Zusammenwirken von Solist, Dirigent und Orchester entstand der Eindruck eines allgemein guten Einvernehmens. Das von Alan Gilbert modellierte Klangbild war einerseits breitwandig, andererseits wurde das Orchester fast nie laut (im Ausweichquartier des Maag-Areals eine heikle und nicht leicht zu findende Balance) und schuf eine stellenweise kammermusikalische Atmosphäre. Der Dialog mit dem alert einsetzenden Pianisten war in jedem Satz ein echtes Zwiegespräch, auch wenn Beethoven mit diesem Konzert bereits in Richtung einer symphonischen Anlage geht. In den großen Solopassagen der zweiten Hälfte des ersten Satzes wurde die chronologische Nähe zu Opus 57 hörbar, der berühmten Appassionata-Sonate. Inon Barnatan verfügt über eine beeindruckende Bandbreite des Anschlags und konnte es sich aufgrund seiner hervorragenden Technik leisten, das Pedal nur sehr sparsam einzusetzen. Auf den fast mystischen Ausklang des zweiten Satzes (Andante con moto) folgte die übermütige Eruption des Rondo (Vivace), auf das Rondo begeisterter Applaus des Publikums.

Konzerthaus Maag / Tonhalle-Orchester © Priska Ketterer

Konzerthaus Maag / Tonhalle-Orchester © Priska Ketterer

Nach der Pause dirigierte Alan Gilbert die dritte Symphonie von Carl Nielsen, einem Komponisten, der ihm besonders am Herzen liegt. Die Symphonien des dänischen Komponisten hat Gilbert in seiner Zeit als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra eingespielt. Nielsen († 1931) vollendete das Werk im Jahr 1911. Der erste Satz geht zunächst stürmisch voran, bevor es in der Durchführung einen Walzer zu hören gibt. In diesem ersten Teil hatte das Blech in der Klangbalance etwas Übergewicht, der Schlussakkord allerdings beeindruckte mit langem Nachhall. Das Andante pastorale des zweiten Satzes beginnt sehr ruhig und erweitert erst nach und nach den Apparat der eingesetzten Instrumente. In den letzten drei Minuten des Andante mischen sich eine Männer- und eine Frauenstimme ins Orchester, das molto tranquillo (so die Partituranweisung) die Stimmen begleitet, die reine Vokalisen singen, also keinen Text haben. Benjamin Appl und Christina Landshamer fügten sich mit ihren Stimmen sehr harmonisch in das Orchester ein (in dem auch an dieser Stelle das Blech etwas zu sehr in den Vordergrund trat). Ganz zu Ende des Satzes steigert sich das Tempo etwas (adagio, dann wieder tranquillo). Nielsen wollte hier eine paradiesähnliche Stimmung schaffen – und das ist ihm zweifelsfrei gelungen. Das siebenminütige Allegretto verlangt von den Musikern technische Höchstleistungen in bezug auf Schnelligkeit, während der Finalsatz deutlich breiter daherkommt. Besonders in Streichern und Blech breit orchestrierte Passagen lassen an Sibelius denken.

Das Publikum, das nach Adès interessiert und nach Beethoven begeistert war, applaudierte nach Nielsen freundlich – und einige Plätze waren nach der Pause auf einmal frei. Es wäre wünschenswert, dass das Zürcher Publikum bei einem über hundert Jahre alten Werk künftig etwas neugieriger reagiert.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, 3. Symphoniekonzert – Bartok, Prokofjew, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 23.10.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle – Saison 2019/20 – 3. Symphoniekonzert

Omer Meir Wellber – Bartok mit Kavakos, Prokofjew, Schostakowitsch

von Thomas Tielemann

In unserem Konzertführer der 1950er Jahre gesteht der Herausgeber Karl Schönewolf Bela Bartok (1881-1945) lediglich ein Violinkonzert aus den Jahren 1937-1938 zu. Er erwähnt aber, dass Bartok bereits um 1907 ein zweisätziges Werk für Violine und Orchester entworfen habe. Tatsächlich komponierte der Sechundzwanzigjährige, unsterblich verliebt in die ungarische Geigerin Stefi Geyer (1888-1956), für diese junge Frau zwei Sätze für Orchester und Violine Solo und legte ihr die sehr persönlichen Kompositionen buchstäblich zu Füssen. Ein Zerwürfnis  in Glaubensfragen beendete die Beziehung, so dass ein dritter Satz nicht zu Stande kam. Stefi Geyer hat die Komposition nie gespielt, aber offenbar die Partitur unter Verschluss gehalten. Bartok rächte sich musikalisch: Im letzten Zyklus seiner 14 Bagatellen nahm er sich „ihr“ Violinkonzert vor, karikierte das Leitmotiv und versah weitere Nutzungen des Materials mit Titeln wie „Zerrbild“. Nach Stefi Geyers Tod entdeckte man das Notenmaterial in ihrem Nachlass und konnte es nach der Neu-Einteilung 1958 als 1. Violinkonzert uraufführen.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Das 2. Violinkonzert Bartoks trägt diese Bezeichnung erst seit den späten 1950er Jahren. Es galt bis dahin einfach nur als Bartoks Violinkonzert.

Der Geiger und Freund Bartoks, Zoltán Székely,  bat diesen 1937, ihm ein „ganz klassisches Konzert“ zu schreiben. Bartok plante aber, ein größeres Variationswerk zu komponieren. Man fand einen Kompromiss, der letztlich zu einem komplett neuen Konzept führte und Beide zunächst befriedigte. Der zweite Satz (Andante tranquillo) wurde ein Variationssatz und der Final-Satz eine Variation des durch schroffe Gegensätze geprägten Kopfsatzes. Vom dritten Satz existieren trotzdem zwei Versionen, weil sich Szekely über die geringe Präsenz der Solovioline im Finale beklagte. Mithin hat Bartok für den dritten Satz eine Alternativfassung zur Verfügung gestellt.

Für das 3. Symphoniekonzert der Saison 2019/20 der Sächsischen Staatskapelle Dresden hatte Omer Meir Wellber für den erkrankten Alan Gilbert das Dirigat übernommen. Als Solist des B-Dur-Bartok-Konzertes war der seit 2004 regelmäßig in Dresden gastierende und uns von seinen Sibelius-Aktivitäten bestens bekannte Grieche Leonidas Kavakos mit seiner wunderbaren Willemotte-Stradivari in den Semperbau gekommen. Geschaffen worden war das außergewöhnliche Instrument 1734, als Antonio Stradivaris Söhne die legendäre Werkstatt in Cremona bereits führten und er sich ob seiner 90 Lebensjahre Zeit zum Experimentieren nahm. Er vergrößerte die Wölbung des Instruments, um mehr Raum im Korpus für Klangproduktion, Farbe und Klangtiefe zu schaffen. Der Klang des Instruments mit seiner Intensität und der darunterliegenden Dunkelheit kombiniert das Beste der Instrumente Stradivaris mit denen der Guarinis. Namensgeber der Geige ist der Amsterdamer Violinist Charles Willemotte, auch stradivari, Wilmotte (1817-1883). Leonidas Kavakos konnte 2017 nach mehreren Anläufen das außergewöhnliche Instrument käuflich erwerben. Vor ihm hatten das Instrument unter anderem der Violinist und Komponist Jean Baptiste Cartier (1765-1841) sowie die deutsche Geigerin Maria Lidka (1914-2013), letztere bis ins hohe Alter, gespielt.

Bela Bartok hat bekanntlich den Interpreten seines Violinkonzertes durch ein engmaschiges Netz von Tempoangaben Begrenzungen auferlegt und sie damit zur Offenbarung ihrer Virtuosität gezwungen. Die Sensibilität für komplexe  Klang- und Gefühlsschattierungen des Leonidas Kavakos kam damit auf das wunderbarste zur Geltung. Die schnellen und virtuosen Passagen des ersten Satzes schaffte er fast schwerelos. Auch die Parallelität des griffigen Hauptthemas mit einer Zwölftonmelodie meisterten Solist und Dirigent sensibel, klangschön und mit Spannung. Im Schlussteil des Kopfsatzes brachte Leonidas Kavakos mit einer bezaubernden Kadenz noch einmal Klang und Volumen-Potenzial der wunderbaren Willemotte auf das prachtvollste zur Geltung.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Leonidas Kavakos und seine "Willemotte" © Marco Borggreve

Sächsische Staatskapelle Dresden / Leonidas Kavakos und seine „Willemotte“ © Marco Borggreve

Dem durch Tempo und Schroffheit geprägtem Kopfsatz folgte ein langsamer Variations-Satz. Kavakos gab dem Orchester eine ruhige wunderschöne Kantilene vor, die in der Folge vom Orchester und der Sologeige mehrfach variiert, die Hörer in die verschiedensten Klangwelten führte. Wie der Held im Märchen erhielt der Solist immer neue Aufgaben vom Orchester und muss Abenteuer überstehen, marschierte aber unentwegt zum Satzende, der Wiederholung des Themas. Es war meisterhaft, wie Wellber und Kavakos diesen schwierigen Satz zur Geltung und damit zu einem Höhepunkt des Abends brachten.

Mit dem Finalsatz, gespielt wurde die überarbeite „Virtuosen-Fassung“, kehrten dann Kavakos und Wellber zur Expressivität des ersten Satzes, aber auch zu dessen Themen zurück. Aber alles, was im Kopfsatz großartig und stolz klang, erhielt hier fratzenhafte, wilde und tänzerische Züge. Das Violinspiel Kavakakos blieb eng mit der Orchesterführung Wellbers verwoben, so dass eine faszinierende Wirkung „aus einem Guss“ entstanden war.

Mit einer Zugabe, offenbar eine Bartok-Komposition glänzten Solist und Violine mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Omer Meir Wellber und die Sächsiche Staatskapelle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Omer Meir Wellber und die Sächsiche Staatskapelle © Matthias Creutziger

Sergei Prokofjew, 1891 in der Ukraine geboren, hatte nach der Petrograder Aufführung seiner „Klassischen Symphonie“ 1918 die Instabilitäten seiner Heimat hinter sich gelassen und bis 1932 ein unstetes Wanderleben als Pianist und Dirigent in Europa sowie Amerika geführt. Im Herbst 1919 traf er in den USA ehemalige Kommilitonen des Petersburger Konservatorium, die mit einem jüdischen Ensemble tingelten. Diese gaben ihm ein Heft mit hebräischen Themen und baten um die Komposition einer Ouvertüre für ein Sextett. Beim Blättern im Heft und beim Improvisieren am Klavier fügte sich für Prokofjew die Komposition wie von selbst zusammen. Inzwischen existiert diese „Ouvertüre über hebräische Themen op. 34“ in unterschiedlichen Fassungen: für kammermusikalisches Sextett und eben auch für Orchester. Wellber hatte dankenswerterweise für das Konzert eine frühe kammermusikalische Fassung für Klavier, Klarinette und Streicher-Gruppe ausgewählt. Der Israeli Omer Meir Wellber ist mit der Bandbreite an Stilrichtungen innerhalb der Klezmer-Musik bestens vertraut und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Prokofjew-Interpretation verwandte Züge bietet. Die Vorgabe des Komponisten „Un poco allegro“ schiebt er zur Seite, gibt das Tempo vom Klavier an und lässt die Musiker frisch und temporeich aufspielen. Das Sextett vervollständigten der 1. Konzertmeister Roland Straumer, der Konzertmeister der 2. Violinen Professor Reinhard Krauß, der Solo-Bratscher Florian Richter, der Solo-Cellist Friedrich Christian Dittmann und der Solo-Klarinettist Wolfgang Große.

Nach öffentlichen Ankündigungen war 1939 als Schostakowitschs 6. Symphonie ein gewaltiges Chor-Werk zu Ehren Lenins erwartet worden. Aber Schostakowitsch legte eine Weiterführung der Gedanken zum Werden der Persönlichkeit und des menschlichen Bewusstseins aus der fünften Symphonie von 1937 vor. Er schließt mit dem ersten Satz der sechsten an das Schluss-Satz-Largo seiner 5. Symphonie an. Grüblerisch führte er den Monolog von 1937 weiter, so als habe er im Vorgängerwerk Gedanken nicht zum Ende gebracht. In dieser Monolog-Weiterführung herrscht aber größere Ruhe, Besonnenheit und Schicksalsergebenheit. Deshalb auch die lange (inoffizielle) Satzbezeichnung „Largo-Poco più mosso e poco rubato-Moderato-Sostenuto-Largo“. Omer Meir Wellber führt in diesem Kopfsatz die Musiker der Staatskapelle ruhig und unaufgeregt, fast schulmäßig, den aufgereihten Tempovorgaben Schostakowitschs entlang und ließ dem Hörer die Gedanken des Komponisten nachzuvollziehen. Den Satz beendeten die Streicher mit einem Flirren und Flimmern, so dass sich die Aussage des ersten Satzes im Ungefähren verlor.

Dafür verwöhnt der Komponist im Allegro mit einer Fülle von Ideen, Klangfarben und Rhythmen zu einem zauberhaften Scherzo, das Wellber mit dem Orchester engagiert und mit sichtbarer Freude zu einem regelrechten Jahrmarktstreiben umsetzte. Im dritten Satz (Presto) mit seiner schlichten  melodischen Klangsprache verschärfte Wellber das Tempo des Orchesters wie einen Galopp, ohne dass die Fröhlichkeit sowie Lebensfreude ins Groteske kippt und beendete mit einem glanzvollen Finale.

Mit frenetischem, zum Teil stehendem, Beifall löste das Publikum seine vom Bartok und Largo aufgebaute Spannung und dankte dem inzwischen recht beliebten Omer Meir Wellber und dem Orchester.

Für mich ergibt sich nach dieser Aufführung die Frage, ob unser derzeitiges, vor allem von Julian Barnes  geprägte Schostakowitsch-Bild, nicht zu düster ist. Denn wie kann ein Mensch eine derart fröhliche Musik gestalten, wenn er sich andererseits gefährdet sah.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Hamburg, Elbphilharmonie, 2019: Alan Gilbert folgt Thomas Hengelbrock, IOCO Aktuell, 24.06.2017

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

2019: Alan Gilbert – New York kommt nach Hamburg 

  Alan Gilbert – Nachfolger von Thomas Hengelbrock

Von Patrik Klein

Mit dem Einzug in die Elbphilharmonie hat das NDR Elbphilharmonie Orchester sieben Jahrzehnte nach seiner Gründung eine zeitgemäße künstlerische Heimat gefunden und ein neues Kapitel seiner Geschichte aufgeschlagen.

Als Residenzorchester prägt das NDR Elbphilharmonie Orchester das musikalische Profil von Hamburgs neuem Konzerthaus maßgeblich mit. Und die räumlichen und akustischen Möglichkeiten der Elbphilharmonie beeinflussten entscheidend die weitere Entwicklung der Klangkultur des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

„Wir wollen uns mit den Spitzenorchestern dieser Welt messen!“

Mit dem Eröffnungskonzert im Januar 2017 und den vielen Konzerten des Klangkörpers aus dem klassischen Repertoire sowie zahlreichen auch Risiko nicht scheuenden neuen Stücken, hat sich das Orchester in die Kategorie der Weltklasseorchester selbstbewusst und mit allergrößtem Engagement eingereiht.

NDR Elbphilharmonie-Orchester © Michael Zapf

NDR Elbphilharmonie-Orchester © Michael Zapf

Der Große Saal der „Elphi“ ist nicht einfach zu bespielen. Wenn sich ein Orchester gelungen adaptiert hat, klingt es dann wunderbar transparent mit einer glasklaren, trockenen, keine Spielfehler verzeihenden Akustik, die sich in großem Masse von der warmen, stark die Instrumente vermischenden Akustik der Laeiszhalle unterscheidet. Diesen Wechsel und der Umgang mit der neuen Situation ist dem NDR – Orchester gut  gelungen. Man durfte in den ersten Monaten große Orchester u.a. die Wiener Philharmoniker, das Chicago Symphony Orchestra, die Staatskapelle Dresden und die Berliner Philharmoniker hören. In diese Qualitätskategorie hat sich das NDR Elbphilharmonie Orchester mit Fleiß, höchster Motivation und einer großen Zahl an Arbeits- und Spielstunden gespielt. IOCO Kultur im Netz war in vielen dieser Konzerte dabei und berichtete auch vom Eröffnungskonzert am 11.1.2017

Einen entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung trägt Thomas Hengelbrock,  seit 2011 Chefdirigent des Orchesters. Interpretatorische Experimentierfreude und unkonventionelle Programmdramaturgie sind Markenzeichen seiner Arbeit. Die Pressemitteilung in den vergangenen Tagen kam jedoch ein wenig unerwartet:

Thomas Hengelbrock wird seinen Vertrag als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters über die Saison 2018/19 hinaus nicht verlängern. Nach dann acht sehr erfolgreichen Jahren an der Spitze des Residenzorchesters der Elbphilharmonie möchte er wieder mehr Zeit haben, um sich intensiver anderen künstlerischen Herausforderungen widmen zu können. Er wird dem NDR jedoch auch nach 2019 weiterhin regelmäßig für spezielle Konzertprojekte zur Verfügung stehen.“

 NDR Intendant Lutz Marmor, l, und Alan Gilbert, r, © Patrik Klein

NDR Intendant Lutz Marmor, l, und Alan Gilbert, r, © Patrik Klein

In einer Pressekonferenz am 23.06.2017 verkündete der NDR,  wer als Hengelbrock Nachfolger an der Spitze des Residenzorchesters der Elbphilharmonie stehen wird.

Neben dem designierten Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters waren vom NDR dabei: Intendant Lutz Marmor, Hörfunk-Programmdirektor Joachim Knuth sowie Andrea Zietzschmann, Leiterin des Bereichs Orchester, Chor und Konzerte, und ihr Nachfolger Achim Dobschall, Manager des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Die Elbphilharmonie war durch Intendant Christoph Lieben-Seutter vertreten. Durch die Veranstaltung führte Friederike Westerhaus, Moderatorin bei NDR Kultur. In zwei Jahren beginnt für das NDR Elbphilharmonie Orchester eine neue Ära. Chefdirigent Thomas Hengelbrock wird sich mit Ablauf der Spielzeit 2018/19 nach dann acht sehr erfolgreichen Jahren von Alan Gilbert abgelöst.

Alan Gilbert (* 23. Februar 1967 in New York City) ist US-amerikanischer Dirigent und seit 2009 Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker. Er studierte Musik an der Harvard University, dem Curtis Institute of Music in Philadelphia und der Juilliard School of Music in New York bei Otto-Werner Mueller. Nach seinem Studium war Alan Gilbert 1995–1997 Assistant Conductor des Cleveland Orchestra unter Christoph von Dohnányi. Von 2000 bis 2008 war Gilbert Chefdirigent der Königlichen Philharmoniker Stockholm (Kungliga Filharmonikerna) und zusätzlich von 2003 bis 2006 Musikdirektor der Oper von Santa Fe. Seit 2004 ist er Erster Gastdirigent beim NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg, mit dem Gilbert bereits mehrfach auf Tournee war.

Mit der Spielzeit 2009/10 trat Gilbert die Nachfolge von Lorin Maazel als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker an. Gilbert ist damit der erste gebürtige New Yorker auf dem Posten. Sein erstes Konzert eröffnete er mit dem Werk EXPO des finnischen Komponisten Magnus Lindberg, der von 2009 bis 2012 Composer in Residence bei den New Yorker Philharmonikern war. Gilbert kündigte im Februar 2015 an, 2017 von seinem Amt zurückzutreten.

Auf Ebene 15 in der Elbphilharmonie drängten sich die vielen angereisten Journalisten, Musiker und Freunde des Orchesters. Nach der Begrüßung und dem Blitzlichtgewitter der zahlreich vertretenen Fotografen eröffnete Achim Dobschall, Manager des NDR Elbphilharmonieorchesters die Pressekonferenz: „Mit dem neuen Chefdirigenten Alan Gilbert wollen wir weiter an der Devise arbeiten: Wir wollen uns mit den Spitzenorchestern dieser Welt messen“.

Mit Alan Gilbert wurde ein genialen Musiker gefunden, der als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra als Nachfolger von Lorin Maazel neue Wege gegangen ist, neue Konzertformate entwickelte ohne die Tradition zu brechen. Gilbert (auch Gastdirigent bei den Berliner Philharmonikern) steht für Integrität, Pluralität und Offenheit. Er kennt das Orchester sehr gut aus seiner Zeit als 1. Gastdirigent und erhält erstmalig in der Geschichte des Orchesters einen 5-Jahresvertrag. 12 Wochen pro Saison wird er in Hamburg dirigieren. Der NDR Intendant Lutz Marmor kennzeichnet Gilbert als den Wunschkandidaten des Orchesters und des NDR, da man auch in der Vergangenheit bereits exzellent zusammengearbeitet hat. Die Planungen für 2019ff laufen bereits auf Hochtouren und werden den Anforderungen und Gegebenheiten des Konzertsaals in der Elbphilharmonie in spannender Weise genügen. Man darf sich auf die Zukunft freuen.

—| IOCO Aktuell Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, New York Philharmonic – Alan Gilbert, IOCO Kritik, 10.4.2017

April 11, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

New York Philharmonic mit repetetiven Strukturen zum Licht

„Die Kraft der Minimal Music“

Von Sebastian Koik

Mit dem New York Philharmonic kommt am 4.4.2017 nach dem Chicago Symphony Orchestra das zweite US-amerikanische Orchester zu Gast in die Elbphilharmonie nach Hamburg. Es gehört ebenfalls zu den so genannten Big Five ihres Landes, ist ein Orchester der Superlative: Das älteste amerikanische Sinfonieorchester und eines der ältesten Orchester überhaupt. In der aktuellen Saison feiert es seinen 175. Geburtstag. Seit 1917 hat das New York Philharmonic mehr als 2000 Einspielungen veröffentlicht. Außerdem ist es bereits in 432 Städten in 63 Ländern aufgetreten. In der aktuellen Spielzeit erreicht das Orchester durch seine Konzerte in New York und weltweit, Downloads, internationale Fernseh-, Radio- und Internetauftritte und seine zahlreichen Bildungsprogramme bis zu 50 Millionen Musikliebhaber.

Der aktuelle Dirigent des renommierten Orchesters ist Alan Gilbert und steht damit in der Tradition musikalischer Giganten des 20. Jahrhunderts wie Gustav Mahler, Arturo Toscanini, Leonard Bernstein, Pierre Boulez und Kurt Masur. Außerdem dirigiert er regelmäßig andere führende Orchester der Welt und hat einen Direktorenposten an der renommierten New Yorker Juillard School. Übrigens war er ehemals Erster Gastdirigent des jetzigen NDR Elbphilharmonie Orchesters und beweist in der Einführung zum Konzert, dass er immer noch hervorragend Deutsch spricht.

Ganz passabel Deutsch scheint übrigens auch der Komponist der beiden Stücke des Abends, John Adams, zu sprechen. Er tut es jedenfalls ein paar Sätze lang in der Einführung, bevor er dann allerdings doch ins Englische wechselt. John Adams gehört zu den erfolgreichsten US-amerikanischen Komponisten überhaupt. Er gewann diverse Grammy-Auszeichnungen und besitzt mehrere Ehrendoktorwürden. Adams komponiert für die unterschiedlichsten Besetzungen und Formate, am liebsten aber groß angelegte Orchesterwerke.

 Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Außergewöhnlich früh fühlte sich John Adams zum Komponieren berufen. Schon mit elf Jahren nimmt er seinen ersten Kompositionsunterricht. Nicht interessiert an der Kompositionsweise Arnold Schönbergs, die man ihm beim Kompositionsstudium in Harvard vermitteln will und deren Klangergebnisse ihm nicht zusagen begibt er sich nach seinem Abschluss auf die Suche nach etwas anderem. Er findet die Minimal Music, die kleinste Motive unendlich lange wiederholt und variiert und feiert in diesem neuen Stil große Erfolge.

Er will sich allerdings nicht durch stilistische Strenge beschränken. Er will Musik schreiben, die einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen hat, die die Menschen berührt und trotzdem etwas Neues beinhaltet. Anders als Kollegen, die ausschließlich im Feld der Neuen Musik arbeiten und sich nur im Bereich der so genannten Avantgarde, der unerschlossenen Welt des Neuen bewegen, hat Adams keine Probleme damit, sich auf vergangene Formen und Harmonien zu beziehen.

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Das erste Stück des Abends trägt den Titel Absolute Jest und basiert auf Fragmenten von diversen Stücken von Ludwig van Beethoven. Adams arbeitete und experimentierte für dieses Stück am Computer. Er wendete einen Algorithmus auf die Beethoven-Fragmente an und formte die Musik damit um. Er konnte sie spiegeln, in die Länge ziehen, neu anordnen oder sie übereinander schichten. Und mittels des Computers konnte er sofort überprüfen wie sich die Ergebnisse dieser Operationen anhörten.

Adams ergänzt das Orchester um ein Streichquartett, das in erster Linie die Fragmente aus den Beethoven-Quartetten spielt. Das Orchester wiederum ist im Wesentlichen für die am Computer neu entstandenen  Passagen verantwortlich. Das Streichquartett übernimmt in diesem Spiel immer mehr die Führung und treibt das Orchester vor sich her.  Im Ergebnis ist das schön und interessant. Die Komposition hat eine gute innere Spannung und ist lebendig pulsierend. Die Musiker setzen das Stück ganz hervorragend um. Sie spielen diese sehr energiereiche Musik spritzig, sehr präzise und musikalisch. Der erste Geiger der Solisten, Frank Huang, hat einige überzeugende, feurige Soli. Zwischendurch verliere ich ein wenig Interesse an der Komposition, bevor sie mich in dem letzten Minuten des Stückes wieder mitnimmt. Ganz zum Schluss entsteht durch die Überlagerung von verschiedenen übereinander geschichteten, sich wiederholenden Elementen ein sehr interessanter und angenehmer Eindruck von Chaos und Harmonie gleichzeitig.

Das zweite Stück des Abends Harmonielehre nennt sein Schöpfer den gelungenen „einmaligen Versuch die Chromatik des Fin de Siècle mit den rhythmischen und formalen Verfahren des Minimalismus zu verbinden.“ Es beginnt überzeugend und begeistert mit sehr luftig-leicht wirkenden Minimal Music-Wiederholungsschleifen und interessanten Schichtungen verschiedener Klang- und Rhythmus-Elemente. Es ist Spannung, Energie und ein großes Klangfarbenspektrum in der Musik. Danach wechseln sich sehr klassisch-sinfonische Passagen wiederholt mit minimalen Strukturen ab.

Nach dem sehr lauten und energiereichen Finale des ersten Satzes beginnt der 2. Satz mit warm wabernden Kontrabässen. Dann kommen die Celli dazu und lange Zeit wird das Orchester nur zu geringen Teilen verwendet, oft spielen nur ein oder zwei Sektionen gleichzeitig. Später wird das Orchester wieder etwas voluminöser eingesetzt, doch über weite Strecken vermag mich dieser zweite Satz nicht mitzunehmen.

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Sehr spannend wird dann der dritte Satz! Er begeistert zunächst mit wunderbar feinen, luftigen Klängen enormer Leichtigkeit. Es klingt paradiesisch. Das Orchester spielt sehr feingeistig ätherisch wirkende repetetive Strukturen und elegante Modulationen. Es ist schöne, interessante, quirlige, sonnendurchflutete Musik! Danach legt sich wie ein Schatten eine gewisse Schwere und Düsterkeit auf die Musik. Sich unentwegt wiederholende Elemente brechen das dann wieder auf, bahnen sich neue Wege. Die Musik wird wieder fröhlicher, heller, lebendiger und energiereicher.

Das Spiel wiederholt sich noch einmal: Erst legen sich Schatten über die minimalen Strukturen, doch dann bahnt sich die Musik mit der Kraft der minimalen Wiederholung wieder Wege zum Licht. Nach einer weiteren Verdunklung existieren beide Seiten für eine Weile gleichwertig nebeneinander. Es wird lauter und mächtiger, unruhiger, nervöser. Viele verschiedene Klangflächen und Loops werden übereinander geschichtet. Die Pauken treiben voran. Die Musik zuckt und flimmert. Als es dann endet ist es als sei die Musik wie das Raumschiff Enterprise in Richtung irgendwelcher interessanten Orte des Universums entschwebt. Das klingt schön, bezaubernd, spannend und mitreißend. Und einzigartig. Es ist ein ganz besonderes musikalisches Erlebnis und eine wundervolle Minimal Music-Erfahrung.

Das New York Philharmonic unter Alan Gilbert hat sich als Weltklasse-Orchester präsentiert und einzigartige und spannende Musik aus ihrer Heimat mitgebracht. Herzlichen Dank!

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

 

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