Essen, Aalto Theater, Hänsel und Gretel – die große Märchenoper, 13.,23., 25.12.2019

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Aalto Theater Essen

Aalto Theater Essen / Hänsel und Gretel © Saad Hamza

Aalto Theater Essen / Hänsel und Gretel © Saad Hamza

 Hänsel und Gretel – die große Märchenoper

Aalto-Musiktheater – Humperdincks Klassiker – 13., 23. 25. Dezember 2019

Ein wunderbares Märchen, packende Orchestermusik und ein spielfreudiges Sängerensemble plus Kinderchor – das sind die Zutaten für Engelbert Humperdincks Opernklassiker Hänsel und Gretel. Am Aalto-Musiktheater ist das bezaubernde Märchenspiel in der Inszenierung von Marie-Helen Joël rechtzeitig zur Weihnachtszeit wieder zu erleben: Für alle drei Vorstellungen 13. (19:30 Uhr), 23. und 25. Dezember 2019 (jeweils 18:00 Uhr) gibt es noch Karten.

Hänsel und Gretel Engelbert Humperdinck
youtube Trailer Aalto-Theater Essen
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Erzählt wird ein Märchen über Verlockung und Versuchung, über Risikobereitschaft, Übermut und vor allem über die Stärke von zwei Kindern, die sich aus einer scheinbar ausweglosen Situation selbst befreien. Keine Figur dieser Geschichte ist eindeutig gut oder böse: Die überforderte Mutter schickt die Kinder in ihrer Verzweiflung in den dunklen Wald, und die hungrigen Kinder knabbern unerlaubterweise an einem fremden Lebkuchenhaus. Sogar Hexe Rosina Leckermaul hat zwei Seiten: Erfüllt von einer Art der Liebe, die Kinder zum Fressen gern hat, backt sie riesige Plätzchen, rettet damit (vielleicht unbeabsichtigt) Hänsel und Gretel vor dem Hungertod und offenbart erst im letzten Moment ihren wahren Charakter. Zu den schönsten Momenten der Oper gehört wohl der Augenblick, in dem die beiden Kinder, „wenn die Not am größten ist“, einfach einschlafen. Getragen von unerschütterlichem Vertrauen in ihre „Schutzengel“ sind sie neugierig auf eine fantastische Welt, die geheimnisvoll und gefährlich ist, zugleich aber auch traumhaft schön.

Die sechs Partien sind mit hervorragenden Stimmen des Aalto-Ensembles besetzt: Liliana de Sousa (Hänsel), Tamara Banješevic (Gretel), Heiko Trinsinger (Peter), Marie-Helen Joël (Gertrud), Rainer Maria Röhr (Knusperhexe) und Christina Clark (Sandmännchen/Taumännchen). Die musikalische Leitung am Pult der Essener Philharmoniker hat Robert Jindra.

Einführungsvortrag 30 Minuten vor jeder Vorstellung im Foyer,  Karten (€ 11,00 – 55,00) unter T 02 01 81 22-200 oder www.theater-essen.de.

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Paris, Théatre des Champs-Élysées, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 29.10.2019

Théatre des Champs Élysées, Paris / der Besucherraum im Stil des Art-Déco © Hartl Meyer

Théatre des Champs Élysées, Paris / der Besucherraum im Stil des Art-Déco © Hartl Meyer

Théâtre des Champs-Élysées

 Der Freischütz – Carl Maria von Weber

– Romantischer Wegweiser der Moderne –

von Peter M. Peters

Trotz des überwältigen Erfolges der Uraufführung am 18. Juni 1821 am Königlichen Schauspielhaus Berlin sollte Der Freischütz von Carl Maria von Weber nicht nur als romantisch-phantastische Märchenoper gedeutet werden. Der grosse Erfolg begründet durch die sensationelle Aufnahme in die Spielpläne deutscher Opernhäuser, die bis dahin fast ausschliesslich italienische Werke aufführten. Im Zuge der nationalen Befreiungsbewegung und der Vereinigung aller deutschen Fürstentümer zu einem Reich, war ein identitätsstiftender deutscher Nationalstaat geboren, als Folge der vielen Kriege, Grenzverletzungen und Annexionen der großen starken Nachbarn, die seit Jahrhunderten die kleinen schwachen Kleinstaaten angriffen. Diese politischen Veränderungen fanden auch durch den Freischütz auch auf den Theaterbühnen ihren Widerklang.

Der Freischütz Carl Maria von Weber
youtube Trailer des Théatre des Champs-Élysées, Paris
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Der Freischütz, die romantische Oper mit dem Libretto von Friedrich Kind ist im damaligen deutschen Böhmen angesiedelt und erzählt von einer naiven Liebesgeschichte zwischen Max und Agathe, umgeben von einer Kleinbürgerwelt mit bigotter Gottesfurcht, Aberglauben und Obrigkeitsgehorsam. Wenn man ein wenig tiefer in das Werkmaterial eindringt, wird einem bewusst dass der Dreißigjährige Krieg gerade vorbei ist, das Land in totaler Verwüstung liegt und mehr als die Hälfte der Bevölkerung vernichtet wurde. Und somit sehen wir die Zerrüttung einer Gesellschaft nach dem Krieg, die Gemeinschaft und Ordnung nur in althergebrachten Ritualen behauptet: kleine und größere Alltagsekstasen mildern die Angst in einer Welt, die sich vom Alpdruck anhaltender Bedrohung nicht befreien kann.

Beispiele der Musiksprache des Freischütz                       

Die Romantik ist das zentrale Treibhaus der Moderne. Dort liegen mehr von deren Keimen und Tendenzen, als das radikalere 20. Jahrhundert vermuten lässt. Das gilt für den Aufbruch zurück in die Vergangenheit, den musikalischen Historismus, aber ebenso für das rasante Vorwärts, die Evolution von Harmonik und Klang. Mit der Romantik beginnt auch die musikalische Seelenmalerei. Im subtilen Kräftespiel von Text, Bühne und Musik wächst dem Orchester immer mehr eine semantische Dimension, eine redende und ausdeutende Rolle zu. Knapp nach der Erstaufführung der dritten und letzten Fassung von Beethovens Fidelio (1814), bricht Webers Freischütz, begonnen 1817 zunächst unter dem Titel Der Probeschuss, dann als die Jägersbraut, entgültig mit den Orchesternormen der Wiener Klassik. Dabei präsentiert sich das FreischützOrchester auf den ersten Blick nicht als ungewöhnlich. Doch jedoch das Instrumentarium der Wiener Klassik erhöht und verdoppelt sich ausreichend, sodass in großer Anzahl Blechbläser (Trompeten, Posaunen, usw.) sowie Pauken (Ouvertüre, Einleitung zum 3.Akt und Jägerchor), Flöten und Piccoloflöten ergänzt sind. Jetzt wird diese Besetzung zum Standard des romantischen Orchesters. Neue Ausdruckswelten findet Weber indem er den sehnsüchtigen Klang der Klarinette, den kecken Polonaisen-Tonfall der Oboe bei Ännchens Ariette verwendet: “ Kommt ein schlanker Bursch gegangen…“, um dann mit dumpfen Paukenschlägen das Klima abrupt zu ändern und das Unheimliche herauf zu beschwören.

Théatre des Champs `Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

In der virtuosen Solopartie der Bratsche integriert sich die Romanze des Ännchen „Einst träumte meiner sel’gen Base…“ (3. Akt) und mit romantischer Ironie ist der Kettenhund Nero in Bratschentönen als Charakterinstrument verewigt. Schließlich malen sogar die geteilten Violinen con sordini (mit Dämpfer) im 2. Akt Agathes Arie: “ Leise, leise, fromme Weise…“ neue Stimmungsbilder. Wenn die Bassposaune das leidenschaftliche Liebesthema wie ein verzerrtes Echo nachäfft, dann hört man die erste Parodie von expressiver Wirkung in der Musikgeschichte. Nicht minder expressiv sind auch die Ritornelle der kreischende Piccoloflöte in Kaspars verzweifeltem und zugleich teuflischem Trinklied: „Hier im ird’schen Jammertal…“ (1. Akt).

Mit der Entdeckung des Horns als Naturstimme, als Träger von Waldstimmung und Jagdidylle (Anfang der Ouvertüre und Jägerchor / 3. Akt) manifestiert sich im innig-beseelten Naturgefühl ein wesentliches Thema der Romantik und zugleich ein musikalischer Wandel. Höhepunkt dieser neuen Orchestersprache ist zweifellos die berühmte Szene in der Wolfsschlucht, das Finale des 2. Aktes. Sie ist gleichzeitig der Schlüssel zur Musiksprache des Freischütz. Dort malen Violinen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe zusammen mit den Klarinetten in ihren tiefsten Registern das Unheimliche. Für den fis-Moll-Akkord im Pianissimo erfindet Weber, mit Posaunen und zwei tiefen Klarinetten, zusammen mit dunklen Violinen und Bratschentremolo, eine bisher unbekannte Klangkombination. In der Szene nach der Gespenstererscheinung Agathes, wo Kaspar den Guss der Freikugeln vorbereitet, werden die Soloflöten bis hinunter an die untersten Grenzen ihres Tonvorrates geführt.

Das Resultat ist eine hohle unheimliche Klangwirkung. Ein ähnlicher Effekt wird mit den tiefsten Tönen der Hörner in D zusammen mi der Pauke erzielt, wie bei der Einleitung zu Kaspars großer Arie: „Schweig! Schweig! damit dich niemand warnt…“ Die Emanzipation der Klangfarbe als Eigenwert und die Nutzung klanglicher Nebenregionen dient zur Zeichnung neuer Ausdruckswelten. Gleichzeitig bahnt sie den Weg zu einer neuen Ästhetik, die sich nicht scheut vor Schauder des Ungewöhnlichen und Abseitigen. Die Legitimation des Hässlichen ist eine Tendenz, die in der Moderne virtuose Dimensionen erreicht. Weber erschafft in seinem Freischütz ein neues Opernorchester mit neuer instrumentaler Ausdruckssprache. Sie beschwört die Idylle und gleichzeitig deren dunkles Gegenbild, Abgründiges und Naives, Affekt und Effekt. So jongliert er zwischen romantischem Ton und der gleichnamigen Ironie über den Abgründen eines Ausdruckspotentials, das erst die Musikgeschichte ganz entfesselt. Richard Wagner wusste genau, was er Weber verdankte; nicht umsonst kümmerte er sich persönlich darum, die Überreste von London nach Dresden zu transportieren und erneut dort zu begraben.

Théatre des Champs `Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

 21. 10. 201919 – Théâtre des Champs-Élysées, TCE, Paris

Der Freischütz hatte nach triumphaler Premiere in Berlin den Siegeszug um die Welt gemacht;  in Frankreich jedoch ist es bis heute nicht wirklich etabliert. Der Freischütz hat in Frankreich starke Veränderungen und Adaptationen erhalten; noch heute sieht man das Werk teilweise vergewaltigt auf der Bühne. Wir sahen es hier in Paris schon mehrere Male in sehr unglücklichen Produktionen: 1. Die gesprochenen Dialoge auf Französisch – Arien und Duette und andere Szenen auf Deutsch. 2. Oder sogar die Dialoge von einer Off-Stimme auf  Französisch gesprochen. 3. Am 7. Juni 1841 brachte man das Werk in einer völligen französischen Version heraus, indem sogar die gesprochenen Dialoge als Rezitative komponiert wurden – und von keinem Anderen als dem von uns hoch geachteten Hector Berlioz. Wir wissen dass Berlioz Komponisten wie Weber und Mendelssohn sehr verehrte; aber hier hat er leider keine überzeugende Arbeit geleistet, denn die Pariser Premiere zeigte ein sogenanntes verfranzösischtes Werk. Diese Version wird noch teilweise an Bühnen gespielt; jedoch hätte Berlioz wissen müssen, dass die Melodiensprache Webers überhaupt keine Verbindung und Harmonie mit der französischen Sprache findet, dazu noch die „exotischen“ komponierten Rezitative.

Die erste totale deutsche Version sahen wir im TCE und es ist wohl der Verdienst der französischen Dirigenten Laurence Equilbey, die mit Ihrem Insula Orchestra und dem Chor Accentus diese trotz einiger Schwächen ehrbare Produktion hervor brachte. Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten, die für unser Hörgefühl nicht immer einfach sind; dazu die technischen Probleme der Bläser, die nicht immer den gewohnten runden Klang hervorbringen. Auch setzte sie bewusst auf eine düstere klemmende Interpretationslinie und nicht auf eine böhmische Jahrmarkts-Atmosphäre. Da ging sie Hand in Hand mit der Regieführung, dem jungen Team Cie 14.20: Clément Debailleul, Raphaël Navarro und Valentine Losseau.

Théatre des Champs `Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Das Team setzte alles auf eine Stimmung die zwischen Schwarz-und Grautönen, dazu mit raffinierten Lichteffekten, Videoeinblendungen und virtueller Kunst pendelt. Die fast völlig leere Bühne vermittelt einen düsteren dunklen Wald in Zwielicht und Dämmerung versunken, indem das Echo eine unheimliche Vibration herbei ruft und man ahnt die versteckten spirituellen Kräfte der Natur. Samiel, die Inkarnation des Bösen, ist von einem Tänzer (Clément Dazin) überzeugend interpretiert, der indem er mit akrobatischen schwerelosen Bewegungen unscheinbar über die Szene eilt. Er ist gewissermaßen gleichzeitig das Seelenschwarze eines jeden Menschen, ein verführender Geist, der um die Menschen schwirrt und gaukelt um sie in den Abgrund zu führen. Allgegenwärtig sind die Gewehrkugeln als Symbol des Todes, indem sie schwerelos und leuchtend in der Atmosphäre wie kleine verführerische Elfen und Irrlichter flattern und bisweilen jongliert Samiel mit ihnen um sie geschickt auf ein neues Opfer zu zielen. Man denkt unweigerlich an Goethe, Schlegel, Tieck, Hoffmann, Novalis und Caspar David Friedrich und das typische der deutschen Romantik wird sichtbar und klar. Wir meinen dass die Inszenierung verhältnismäßig gelungen ist und einen guten Eindruck hinterlässt, indem sie jeden billigen Folklore-und Jahrmarktseffekt vermeidet und sich auf die menschliche und psychologische Seite beschränkt. Einzige Einwendung und Kritik an das Produktionsteam: ein wenig mehr Personenführung und Bewegung hätte der Inszenierung nicht geschadet. Das Statische erinnert an ein Oratorium jedoch sollte es doch eine Oper bleiben.

Stanislas de Barbeyrac, der junge französische Tenor (Max), hat alle Qualitäten für diese schwierige Rolle: Feinheit und Eleganz mit einem kristallenen jugendlichen, frischen Klang. Aber auch eine kräftige Stimme mit tiefer baritonaler Lage, die mit Leichtigkeit über das Orchester schwebt. Seine große Arie im zweiten Akt: „Durch die Wälder, durch die Auen..“ wird mit großer Bravour interpretiert ohne in Billigkeit abzurutschen.

Die südafrikanische Sopranistin Johanni van Oostrum (Agathe) hat eine Stimme mit einem vollen runden warmen Klang und die mit zärtlicher herzergreifender Wärme ihre große Arie: „Leise, leise stille Weise…“ im fließendem Legato vorträgt. Man fühlt ihr Leiden und Sehnen, ihre inneren Ängste und Qualen vor der ungewissen Zukunft.

Die Rolle des Ännchen gesungen von der schweizer Sopranistin Chiara Skerath wird oft herablassend als Soubrette hingestellt. Aber sie ist viel mehr als dass; sie braucht einen jugendlich-lyrischen Sopran, der äußerst flexible und lebhaft ist und in allen Mittellagen Schönheit zeigt. Außerdem hat sie eine wichtige tragende Rolle im Freischütz. Komponist und Librettist haben ihr den sogenannten Gegenpol der Agathe zugeschrieben, indem sie mit viel Ironie über Aberglauben, Obrigkeitsgehorsam und bigotter Frömmigkeit spottet. Man höre nur ihre beiden großen Arien:“Kommt ein schlanker Bursch gegangen … „und „Einst träumte meiner sel’gen Base….“

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Vladimir Baykov, der russische Bass-Bariton, brachte mit bewusst unsauberer Intonation eine geniale Rollendeutung des skrupellosen und diabolischen Kaspar. Seine großen Arien: „Hier im ird’schen Jammertal…“ und „Schweig, schweig, damit dich Niemand warnt…“ zeigen die ganze Bandbreite einer verlorenen Menschlichkeit, die mit tiefem dunklen Legato sich offenbarte. Leider ist seine Diktion mehr als mittelmäßig.

Kuno, der Erbförster, wird von dem deutschen Bass Thorsten Grümbel gesungen, der mit seiner geschmeidigen und agilen Stimme das Gutherzige und Naive seiner Gestalt ideal profiliert. Gleichzeitig erahnt man den liebenden Vater, der jedoch noch in althergebrachten Konventionen lebt und handelt. Eine dankbare Rolle für einen deutschen Spielbass, indem auch der Humor nicht vergessen wird.

Fürst Ottokar, der das Modell einer regierenden Oberschicht darstellt, die keinerlei Widersprüche erlaubt, wird von dem österreichischen Kavaliersbariton Daniel Schmutzhard mit Eleganz und Schönheit glaubwürdig und mit viel Autorität vorgetragen.

Der deutsche Bariton Christian Immler übernimmt die dankbare Rolle des weisen frommen Eremit, indem er in flutender sanfter Weise die edlen Klänge seiner Stimmkunst zeigt. Man erahnt den großen Liedinterpreten.

Der heimlich in Ännchen verliebte Kilian wird mit jugendlicher Baritonstimme von dem Franzosen Anas Séguin mit Begeisterung geschmettert und seine einzige Arie im ersten Akt: „Schau der Herr mich an als König…“ wird zu einem kleinen Juwel der Verführungskunst.

Mit einigen schon erwähnten Abstrichen war es wohl eine gelungene Produktion mit dem Verdienst neue Wege in der Opernregie und besonders in der Freischütz-Kultur einzugehen.

Das –  Théatre des Champs-Élysées  –  Paris

Das Théatre des Champs-Élysées, auch TCE, ist ein Theater ohne Sängertruppe, Chor und Orchester; die jährlichen szenischen Produktionen sind grundsätzlich mit einem auswärtigen Team erarbeitet. Außerdem werden jede Saison Opern in Konzertversion mit teilweise bekannten internationalen Künstlern aufgeführt. Viele Klavier-und Liederabende, Kammermusik usw. sind hier auf höchstem internationalem Niveau zu hören. Viele Konzerte mit teilweise ausländischen Orchestern sind hier zu Gast, desgleichen berühmte Tanztruppen mit klassischem und modernem Stil.

Das Theater im Stil Art-Déco ist von Auguste Perret und Henry Van de Velde errichtet worden, die Marmorreliefs an der Außenfassade, desgleichen die Goldreliefs im Foyer und Saal hat Antoine Bourdelle gestaltet. Die berühmte Kuppelmalerei im Saal hat der Maler Maurice Denis ausgeführt, indem er eine Allegorie über die Musik schuf. Das TCE wurde am 2. April 1913 eröffnet und hat sich zu einem Musentempel für die zeitgenössische Musik und dem modernen Tanz entwickelt. In diesem Haus wurde u.a. das skandalumwitterte Le Sacre du Printemps von Igor Stravinsky uraufgeführt.

—| IOCO Kritik Théatre des Champs Élysées |—

Schwerin Schlossfestspiele, Premiere Cyrano de Bergerac, 27.06.2019

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Mecklenburgisches Staatstheater

Schwerin / Schlosssfestspiele - Schwerin © Silke Winkler

Schwerin / Schlosssfestspiele – Schwerin © Silke Winkler

Premiere der romantischen Komödie „Cyrano de Bergerac“

am 27. Juni 2019 im Schlossinnenhof ein.

Seit ihrer Uraufführung 1897 erobert Edmond Rostands Komödie mit atemberaubenden Fechtszenen und pointierten Dialogen die Herzen des Publikums. So wurde die Geschichte von dem Mann mit der langen Nase, der seinen weichen Kern hinter einem harten Auftreten versteckt und für eine gerechtere Welt eintritt, mehrfach verfilmt und diente als Vorlage für Oper und Ballett. Unter dem Himmel Schwerins, im neuen Glanz des renovierten Schlossinnenhofes, kommt das mit Wortwitz und Situationskomik gespickte Versdrama im Rahmen der SCHLOSSFESTSPIELE SCHWERIN 2019 zur Aufführung.

Die Choreografie der Fechtszenen übernimmt Klaus Figge, Meister der Fecht- und Kampfkunst, der an Theatern und Opernhäusern von Berlin und Hamburg bis Wien und Zürich arbeitet sowie für Film- und Fernsehproduktionen. Regie führt Alejandro Quintana, der u. a. Schauspieldirektor am Volkstheater Rostock und Theater Heilbronn war, und der mit „Cyrano de Bergerac“ nach langer Zeit wieder in Schwerin inszeniert.

Die Premiere findet am 27.06.2019 um 20.30 Uhr im Schlossinnenhof
statt.

„Cyrano de Bergerac“
Romantische Komödie von Edmond Rostand
Freilichttheaterfassung von Daniel Grünauer, Daniel Morgenroth und
Christoph Nix

Inszenierung: Alejandro Quintana
Ausstattung: Henrike Engel
Dramaturgie: Jenny Flügge / Nina Steinhilber
Musik: Michael Kessler
Fechtchoreographie: Klaus Figge

Mit:
Cyrano de Bergerac: Martin Brauer
Christian von Neuvillette / Angreifer / Mond: Janis Kuhnt
Madeleine Robin, genannt Roxane / Laertes: Jennifer Sabel
Duenna / Ragueneaus Frau / Gertrud / Kadett 2: Julia Keiling
Graf Guiche / Claudius / Angreifer: Sebastian Reck
Le Bret, Cyranos Freund / Angreifer: Jochen Fahr
Ragueneau, Mäzen und Dichter: Martin Neuhaus
Montfleury / Hamlet / Kadett 1 / Angreifer / Mond: Katrin Heinrich
Kadetten / Nonnen / Angreifer / Mond / Petermännchen: Statisterie des
Mecklenburgischen Staatstheaters

—| Pressemeldung Mecklenburgisches Staatstheater |—

Berlin, Festival Schloss Rheinsberg, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 08.08.2018

August 9, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper

Festval Schloss Rheinsberg / Schloss am Abend © Kammeroper / Henry Mundt

Festval Schloss Rheinsberg / Schloss am Abend © Kammeroper / Henry Mundt

Kammeroper Schloss Rheinsberg

Der Freischütz – Carl Maria von Weber

 Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg – Freischütz in historischem Heckentheater

Von Kerstin Schweiger

„Ein Walzer kam. – Die Geigen – es musste eine starkbesetzte Kapelle sein – zogen süß dahin, sie sangen das Thema, ein einfaches, liebliches, in langen Bogenstrichen. Verstummten. Aber nun nahmen es alle Instrumente auf, forte, und es war, wie wenn zarte Heimlichkeiten ans Licht gezogen würden“, Kurt Tucholsky: Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte, 1912

Der rettungslos in das märkische Städtchen Rheinsberg verliebte Schriftsteller Kurt Tucholsky stand literarisch Pate für den Begriff von einem Sehnsuchtsort Rheinsberg, wie er heute auf moderne Weise die künstlerische Vision des ersten Schlossherren und Kunstförderers Friedrich II. fortleben lässt. Das Sommerfestival Kammeroper Schloss Rheinsberg besticht durch die Idee einer Verbindung eines internationalen Gesangswettbewerbs zur Förderung junger Opernsänger aus der ganzen Welt mit einem Festival. Für die Wettbewerbssieger vergibt die Kammeroper kein Preisgeld, sondern die ausgeschriebenen Partien in den Rheinsberger Opernaufführungen. Insgesamt 33 Aufführungen und Konzerte stehen 2018 auf dem Spielplan der 28. Festivalsaison, 20 junge Sängerinnen und Sänger aus 12 Nationen – alle Partien sind doppelt besetzt – bilden das Ensemble.

Als literarisch-musikalisches Traumschiff am Grienericksee haben die Preußenprinzen Heinrich und Friedrich Schloss Rheinsberg gut anderthalb Jahrhunderte vor Tucholsky als Ort der Künste etabliert. Friedrich der Große (1712-1786) habe hier die „glücklichste Zeit“ seines Lebens verbracht, betonte der Preußenkönig in späteren Jahren. Friedrich holte Maler, Dichter und Philosophen nach Rheinsberg und legte so den Grundstein für den ideellen Musenhof, der dort bis heute fortlebt.

DER FREISCHÜTZ: Uraufführung 18.6.1821 Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Berlin, Premiere Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg 3.8.2018

Wie Friedrich es begann, ist Rheinsberg nun in 28 Sommerspielzeiten zu einem Arbeits- und Begegnungsort internationaler Künstler und Mentoren mit  einem verliebten Publikum aus ganz Deutschland geworden. Möglich wurde dies durch einen einzigartigen Kulturverbund, durch eine künstlerische Aneignung des ostdeutschen Komponisten Siegfried Matthus. Matthus gründete 1990 das Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg, das von Beginn an auf zwei künstlerischen Gleisen fuhr. Die Förderung junger Opernsänger und Musiker mit Aufführungen und Konzerten am historischen Ort der Künste. Schloss und See standen als natürliche Kulissen zur Verfügung. Auch die Landesmusikakademie im Schloss Rheinsberg ist Teil des heutigen Kulturquartiers. Es folgte 2004 das Schlosstheater als dritte Sparte der Musikkultur. Dort finden im Sommer  Inszenierungen der Kammeroper statt, übers Jahr folgen Konzerte der Kurse, die in der Musikakademie stattfinden, und Gastspiele. Das Theater ist nur von außen historisch. Der Innenraum ist modern und sehr variabel zu bestuhlen und zu nutzen.

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz @ Kammeroper / Uwe Hauth

Der Wettbewerb für das Opernfestival  findet jährlich im Februar statt. Über 10.000 junge Sänger nahmen bisher an den Wettbewerben teil. 82 Inszenierungen begeisterten rund 400.000 Zuschauer. In Rheinsberg beginnen Sängerkarrieren. In den Opernhäusern von Athen bis Zürich trifft man „Rheinsberger Sänger“. Darunter sind Annette Dasch, Olga Peretyatko, Nadine Weissmann und Aris Argiris. Das Festival wurde zur künstlerischen Familientradition, seit 2014 ist Frank Matthus, Sohn des Komponisten, künstlerischer Direktor. Das Amt gibt er ab Herbst 2018 an Georg Quander weiter, Nachwende-Intendant an der Staatsoper und der Linden in Berlin, an Friedrichs ehemaligem Berliner Musenhof. Als neuer künstlerischer Direktor soll er die Musikakademie und die Kammeroper Schloss Rheinsberg leiten.

Die Handlung:  Ort und Zeit der Handlung Böhmen, kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. Die Dorfbewohner feiern ein Schützenfest. Bei dieser Gelegenheit verspotten sie den Jägerburschen Max, der lange nicht getroffen hat. Max möchte Agathe heiraten, die Tochter des Erbförsters Kuno. Deshalb muss er am folgenden Tag während der fürstlichen Jagd den entscheidenden Probeschuss ablegen, wie es Tradition ist. Trifft er nicht, kann er auch nicht Agathe heiraten und die Försterei erben. Max ist in Sorge, wie er am nächsten Tag den Probeschuss bestehen kann.

Der Jägerbursche Kaspar will sich an Max rächen, da er eigentlich Agathe heiraten wollte, sie ihn jedoch zugunsten von Max abwies. Kaspar leiht Max sein Gewehr und ermuntert ihn, sein Ziel mittels schwarzer Magie zu erreichen und sogenannte „Freikugeln“ zu gießen, die immer träfen.

Beide verabreden sich dazu um Mitternacht in der Wolfsschlucht. Für Kaspar ist dies überlebenswichtig. Er hat seine Seele Samiel (dem Teufel) verschrieben, im Tausch für die alles treffenden Freikugeln. Wenn er Samiel bis Mitternacht ein anderes Menschenopfer bringt, so ist er selbst gerettet.

Im Haus des Erbförsters Kuno ist Agathes Kusine Ännchen damit beschäftigt, Agathe, die dunkle Vorahnungen und Angst um Max hat, aufzumuntern. Als Max endlich kommt, bringt er wieder keine adäquate Jagdbeute mit. Max erfindet vor Agathe Ausreden, um die Verabredung mit Kasper in der Wolfsschlucht einhalten zu können.

 Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz - hier : Mima Millo als Agathe @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz – hier : Mima Millo als Agathe @ Kammeroper / Uwe Hauth

Vor Mitternacht bereitet Kaspar in der verrufenen Wolfsschlucht alles für das Gießen der Freikugeln vor. Noch bevor Max erscheint, beschwört er Samiel, den schwarzen Jäger, und bietet Max, Agathe und Kuno als Opfer an. Samiel soll die siebte Kugel verwünschen, so dass sie Agathe trifft.

Samiel kann aber nur über Max Macht erlangen, wenn dieser mit Kaspar die Freikugeln gießt, die Samiels Zauber unterliegen. Max erscheint und das Kugelgießen wird vom Erscheinen wilder Tiere, Geistern der Nacht, Gewitter und Sturm begleitet. Als Kaspar die letzte Kugel gießt, erscheint Samiel und greift nach Max.

Kaspar und Max haben die sieben Freikugeln aufgeteilt. Max bereitet sich mit Übungsschüssen auf den Probeschuss vor und verbraucht fast alle Kugeln. Kaspar achtet darauf, dass die siebte, die von Samiel manipulierte, in Max’ Gewehr steckt

Agathe und Ännchen warten auf Max‘ Rückkehr. Zum Probeschuss erscheinen der Landesfürst und sein Gefolge. Fürst Ottokar fordert Max auf, den Probeschuss abzulegen und eine Taube vom Baum zu schießen. Max schießt, in diesem Augenblick betreten Agathe und die Brautjungfern das Gelände. Agathe fällt, scheinbar getroffen, zu Boden doch der Eremit kann mit seinem Erscheinen die siebte verfluchte Freikugel umlenken: Kaspar wird tödlich getroffen. Max gesteht das Gießen der Freikugeln in der Wolfsschlucht. Der Eremit tritt für Max ein, Max solle nach einem Jahr der Bewährung Agathe heiraten dürfen, wird jedoch vorübergehend (?) in die Irrenanstalt gebracht und Agathe verbleibt zunächst in der Obhut des Fürsten.

Musikalisch ist die Aufführung ein (Sommernachts)Traum

Die junge Kammerphilharmonie Berlin musiziert unter Leitung von Simon Krecic. Der slowenische Dirigent ist seit Dezember 2013 künstlerischer Leiter des Slowenischen Nationaltheaters Maribor. Krecic reisst die jungen Musiker zu Höchstleistungen hin. Mit flotten Tempi arbeitet er bereits in der Ouvertüre die von Weber angelegten zwei musikalischen Welten der Düsternis und der realen Welt feinsinnig heraus. Er hält die Spannung über den gesamten Abend mit präzisen Einsätzen, einer fordernden wie zarten Dynamik. Den Sängern bietet er eine sichere zügige Hand, lässt ihnen Raum für Nuancierungen und hält die Ensembles straff zusammen. Er lenkt das gesamte junge Ensemble auf wunderbar leichte Weise durch den Abend.

Dabei ist die notwendige Tontechnik zwiespältig, weil in dem offenen Raum unverzichtbar, insbesondere jedoch in der Verstärkung hoher Stimmen gelangt sie teilweise an Grenzen. Tenor Johannes Grau singt in der Premiere die Partie des Max. Sein Tenor hat ein angenehmes Timbre und Strahlkraft mit klaren Höhen, die ausgezeichnete Diktion wird seiner Rolleninterpretation als Intellektuellem im Jägerkorsett gerecht.

Johannes Schwarz gestaltet mit kernigem Bass und markigen Phrasen seinen gesangs- und Dialogpart in der relativ kleinen Rolle des Höllenpartners Kaspar. Jerica Steklasa ist ein patentes Ännchen mit leichtem, flexiblem, sehr höhensicheren Sopran. Strahinja Djokic gestaltet als Doppelrolle den Eremiten und Samiel mit profundem Bass. Mit angenehmen Stimmen klingen Chorsolisten, Brautjungfern, Kuno, Ottokar und Kilian mühelos über das Orchester.

Der größte gesangliche Gewinn des Abends ist jedoch Mima Millo als Agathe. Die junge israelische Sopranistin wird mit ihrem dunkel timbrierten hochlyrischen Sopran allen Klangfarben von Webers musikalischer Vorstellungskraft gerecht. Mit traumsicherer Höhe gelingt ihr der Wechsel zwischen atemberaubendem elegischen Pianissimo und frischer Dynamik mühelos.

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz - hier : nachts in der Wolfsschlucht @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz – hier : nachts in der Wolfsschlucht @ Kammeroper / Uwe Hauth

Inszenierung und Setting

Regisseur Bruno Berger-Gorski orientiert sich in seiner Interpretation an der Vorlage zum Libretto, dem ersten Band des Gespensterbuches von August Apel und Friedrich Laun, einer Sammlung von Geister- und Spukgeschichten von 1810. Darin findet sich auch die Sage von der „Jägersbraut“, die – anders als in Webers Oper – nicht zum Happy End führt. Dort strandet der Jägerbursche Max, der eigentlich ein Schreiber ist und mit der Teufelskugel seine Braut erschießt, schließlich im Irrenhaus. Die Szenen der Oper spiegeln seine Erinnerungen und Alpträume wider.

In der szenischen Umsetzung erklärt der Regisseur die Szenenfolge zu einem permanenten Albtraum und das Protagonistenpaar Max und Agathe von Beginn an für verrückt oder zumindest psychisch labil. Max ist ein introvertierter Denker, Agathe scheint  schwermütig-depressiv. Früh erscheint medizinisches Personal auf der Szene (Krankenschwestern mit Rotkreuzkoffern folgen den Akteuren auf jedem szenischen Pfand). Dazu erfindet die Regie für Jäger und Jungfern eine Vielzahl von Gelegenheiten und Requisiten, mit denen sie den immerwährenden Albtraum mit modernen Requisiten ins Heute versetzt. Da erscheint ein makabres Orchester aus Skeletten und Totenköpfen, das auf Knocheninstrumenten spielt, Sado-Maso-Gestalten in Leder scheinen dem Kit Kat Club entstiegen und bieten den Chorsolisten Gelegenheiten für eine groteske Lasziv-Choreografie, die stets das Anrüchige sucht (und platt nicht findet). Ännchen, die Spielmacherin, gönnt sich bei so viel Düsternis schon mal eine flotte Shisha-Pfeife. Das medizinische Personal trägt mit dem Gauland-Zitat „Wir werden sie jagen“ das Grauen auch auf dem Rücken der Kostüme. Nach Bildzitaten von Bismarck bis Helmut Kohl tritt in der Wolfschluchtszene Agathe sogar als Angela Merkel mit Perücke und Hand-Raute auf. Max endet hier konsequenterweise in der Zwangsjacke, die passive Agathe wird vorerst der Obhut oder Willkür eines militärischen Herrschers mit eindeutigen Absichten überlassen.

Regisseur Bruno Berger-Gorski bezieht sich so jedoch auf den nach der Uraufführung 1821 geprägten Begriff einer deutschen Nationaloper in einem schwer nachvollziehbaren szenischen Sinne. Selbst wenn die Regie mit dem Bezug zu heutiger Stimmung und Politik hier möglicherweise vergleichbare Befindlichkeiten erkennen wollte, ist das so nicht zu Ende oder zu kurz gedacht.

Auch das von Christoph Rasche konzipierte Bühnenbild fällt angesichts der natürlich gegebenen Möglichkeiten mit großen alten Bäumen im akkurat gestutzten Heckentheater doch recht karg aus. Ein mit Jagdtrophäen behängter Rahmen auf einer Schräge, ein Glaskubus am rechten Rand. Das Lichtdesign kommt erst mit fortschreitender Dunkelheit im zweiten Teil zum Tragen, auch hier herrscht außer in der quietschbunten Wolfschlucht eher Zurückhaltung.

Das Kostümbild nach Knut Hetzer setzt Sigrid Herfurth um. Im Stilmix dominieren moderne Accessoires auf historischen Kostümen. Chorsolisten und Statisten treten als Rotkreuzschwester oder Pflegepersonal, Ledergestalten auf, Militaria (ein eisernes Kreuz auf Kaspers Brust, der Fürst in Uniform) sind ebenfalls Teil des Kostümkonzepts. Agathe trägt Strickjacke und Morgenmantel zum Brautkleid.

Der Ansatz einer musikalisierten Depression liegt gespiegelt in der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte nicht ganz fern. Als Ort und Zeit ist im Libretto zum Freischütz Böhmen um 1640 angeführt. Direkt nach dem 30jährigen Krieg verfielen ganze Völker in verwüsteten, leergefegten Landstrichen in eine den verheerenden Folgen des Kriegstobens geschuldete Depression. Auch zur Entstehungszeit der Oper war die mit napoleonischen Eroberungswillen in weiten Teilen Europas einhergegangene Depression noch nicht lange überwunden. Erst der Sieg über Napoleon 1812 gab einem identistätstifenden Streben der deutschen Einzelstaaten nach Verbundenheit nach langer Depression in Fremdherrschaft Aufschwung. Weber landete mit seinem romantischen Sagenstoff und einer musikalischen Zeichnung, die den vorherrschenden Mustern der italienischen Oper einen neuen Opernbegriff entgegensetzte. Mit Volksliedhaften Chören und gesprochenen Dialogen zwischen den Arien und Ensemblenummern präsentierte eine einen neuen Ansatz. Der Skeptiker Heinrich Heine erkannte diese neue Qualität an: „Haben Sie noch nicht Maria von Weber’s ‚Freischütz‘ gehört? Nein? Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens aus dieser Oper ‚das Lied der Brautjungfern‘ oder ‚den Jungfernkranz‘ gehört? Nein? Glücklicher Mann!“

Und schnell wurde der Begriff von einer deutschen Nationaloper laut, zielführend in Richtung eines verbundenen deutschen Staates – Oper als politisches Instrument. In einer Besprechung aus der Uraufführungszeit heißt es: „… wer kein Vaterland hat, erfinde sich eins! Die Deutschen haben es versucht auf allerlei Weise, … und seit dem Freischützen tun sie es auch mit der Musik. Sie wollen einen Hut haben, unter den man alle deutschen Köpfe bringe. Man mag es den Armen hingehen lassen, dass sie sich mit solchen Vaterlandssurrogaten gütlich tun.“ (Ludwig Börne, 1822)

Nicht umsonst fand die Berliner Uraufführung am Jahrestag der Schlacht von Waterloo (1815), der Niederlage Frankreichs durch englisch-preußische Allianz, dem 18. Juni 1821 statt.

In Rheinsberg kann aber das ambitionierteste Regiekonzept die Theatermagie des Ortes nicht übertreffen. Regie führt hier allein die Natur. Die grünen Hecken des Theaters, die die natürliche Bühneneingrenzung bilden und akkurat gestutzt Auftritte und Abgänge steuern, sind ein historisches Naturwunder, gestaltet 1758 von Baron von Reisewitz. Punktgenau setzen vom See aus vorüberziehende Nachtvögel ihre Rufe während der Ouvertüre ab. Die hohen Bäume um das Heckentheater bewegen im leichten Abendwind ihre Kronen während der Wolfschluchtszene vor schwarzem Himmel. Selbst das Nachtfalterballett im Licht der Scheinwerfertürme scheint einer geheimen Choreografie zu folgen.

„Und sie gingen durch den dämmerigen Park, in dem die Baumgruppen erdunkelten, sich schwärzlich auseinanderschoben… Der Himmel war am Nachmittag schimmernd klar gewesen – noch spannte er sich wie ein ungeheurer Bogen von Osten nach Westen, aber nun hatte er eine dunkle Färbung angenommen, er war fast schwarz, und weiße Wolkenflecken zogen rasch unter ihm dahin“, Kurt Tucholsky, Rheinsberg, ein Bilderbuch für Verliebte, 1912


Premiere: 3. August 2018, 19.30 Uhr Heckentheater Rheinsberg Weitere Vorstellungen: 10., 11., 12. August 2018

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