Schwerin Schlossfestspiele, Premiere Cyrano de Bergerac, 27.06.2019

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Mecklenburgisches Staatstheater

Schwerin / Schlosssfestspiele - Schwerin © Silke Winkler

Schwerin / Schlosssfestspiele – Schwerin © Silke Winkler

Premiere der romantischen Komödie „Cyrano de Bergerac“

am 27. Juni 2019 im Schlossinnenhof ein.

Seit ihrer Uraufführung 1897 erobert Edmond Rostands Komödie mit atemberaubenden Fechtszenen und pointierten Dialogen die Herzen des Publikums. So wurde die Geschichte von dem Mann mit der langen Nase, der seinen weichen Kern hinter einem harten Auftreten versteckt und für eine gerechtere Welt eintritt, mehrfach verfilmt und diente als Vorlage für Oper und Ballett. Unter dem Himmel Schwerins, im neuen Glanz des renovierten Schlossinnenhofes, kommt das mit Wortwitz und Situationskomik gespickte Versdrama im Rahmen der SCHLOSSFESTSPIELE SCHWERIN 2019 zur Aufführung.

Die Choreografie der Fechtszenen übernimmt Klaus Figge, Meister der Fecht- und Kampfkunst, der an Theatern und Opernhäusern von Berlin und Hamburg bis Wien und Zürich arbeitet sowie für Film- und Fernsehproduktionen. Regie führt Alejandro Quintana, der u. a. Schauspieldirektor am Volkstheater Rostock und Theater Heilbronn war, und der mit „Cyrano de Bergerac“ nach langer Zeit wieder in Schwerin inszeniert.

Die Premiere findet am 27.06.2019 um 20.30 Uhr im Schlossinnenhof
statt.

„Cyrano de Bergerac“
Romantische Komödie von Edmond Rostand
Freilichttheaterfassung von Daniel Grünauer, Daniel Morgenroth und
Christoph Nix

Inszenierung: Alejandro Quintana
Ausstattung: Henrike Engel
Dramaturgie: Jenny Flügge / Nina Steinhilber
Musik: Michael Kessler
Fechtchoreographie: Klaus Figge

Mit:
Cyrano de Bergerac: Martin Brauer
Christian von Neuvillette / Angreifer / Mond: Janis Kuhnt
Madeleine Robin, genannt Roxane / Laertes: Jennifer Sabel
Duenna / Ragueneaus Frau / Gertrud / Kadett 2: Julia Keiling
Graf Guiche / Claudius / Angreifer: Sebastian Reck
Le Bret, Cyranos Freund / Angreifer: Jochen Fahr
Ragueneau, Mäzen und Dichter: Martin Neuhaus
Montfleury / Hamlet / Kadett 1 / Angreifer / Mond: Katrin Heinrich
Kadetten / Nonnen / Angreifer / Mond / Petermännchen: Statisterie des
Mecklenburgischen Staatstheaters

—| Pressemeldung Mecklenburgisches Staatstheater |—

Berlin, Festival Schloss Rheinsberg, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 08.08.2018

August 9, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper

Festval Schloss Rheinsberg / Schloss am Abend © Kammeroper / Henry Mundt

Festval Schloss Rheinsberg / Schloss am Abend © Kammeroper / Henry Mundt

Kammeroper Schloss Rheinsberg

Der Freischütz – Carl Maria von Weber

 Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg – Freischütz in historischem Heckentheater

Von Kerstin Schweiger

„Ein Walzer kam. – Die Geigen – es musste eine starkbesetzte Kapelle sein – zogen süß dahin, sie sangen das Thema, ein einfaches, liebliches, in langen Bogenstrichen. Verstummten. Aber nun nahmen es alle Instrumente auf, forte, und es war, wie wenn zarte Heimlichkeiten ans Licht gezogen würden“, Kurt Tucholsky: Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte, 1912

Der rettungslos in das märkische Städtchen Rheinsberg verliebte Schriftsteller Kurt Tucholsky stand literarisch Pate für den Begriff von einem Sehnsuchtsort Rheinsberg, wie er heute auf moderne Weise die künstlerische Vision des ersten Schlossherren und Kunstförderers Friedrich II. fortleben lässt. Das Sommerfestival Kammeroper Schloss Rheinsberg besticht durch die Idee einer Verbindung eines internationalen Gesangswettbewerbs zur Förderung junger Opernsänger aus der ganzen Welt mit einem Festival. Für die Wettbewerbssieger vergibt die Kammeroper kein Preisgeld, sondern die ausgeschriebenen Partien in den Rheinsberger Opernaufführungen. Insgesamt 33 Aufführungen und Konzerte stehen 2018 auf dem Spielplan der 28. Festivalsaison, 20 junge Sängerinnen und Sänger aus 12 Nationen – alle Partien sind doppelt besetzt – bilden das Ensemble.

Als literarisch-musikalisches Traumschiff am Grienericksee haben die Preußenprinzen Heinrich und Friedrich Schloss Rheinsberg gut anderthalb Jahrhunderte vor Tucholsky als Ort der Künste etabliert. Friedrich der Große (1712-1786) habe hier die „glücklichste Zeit“ seines Lebens verbracht, betonte der Preußenkönig in späteren Jahren. Friedrich holte Maler, Dichter und Philosophen nach Rheinsberg und legte so den Grundstein für den ideellen Musenhof, der dort bis heute fortlebt.

DER FREISCHÜTZ: Uraufführung 18.6.1821 Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Berlin, Premiere Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg 3.8.2018

Wie Friedrich es begann, ist Rheinsberg nun in 28 Sommerspielzeiten zu einem Arbeits- und Begegnungsort internationaler Künstler und Mentoren mit  einem verliebten Publikum aus ganz Deutschland geworden. Möglich wurde dies durch einen einzigartigen Kulturverbund, durch eine künstlerische Aneignung des ostdeutschen Komponisten Siegfried Matthus. Matthus gründete 1990 das Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg, das von Beginn an auf zwei künstlerischen Gleisen fuhr. Die Förderung junger Opernsänger und Musiker mit Aufführungen und Konzerten am historischen Ort der Künste. Schloss und See standen als natürliche Kulissen zur Verfügung. Auch die Landesmusikakademie im Schloss Rheinsberg ist Teil des heutigen Kulturquartiers. Es folgte 2004 das Schlosstheater als dritte Sparte der Musikkultur. Dort finden im Sommer  Inszenierungen der Kammeroper statt, übers Jahr folgen Konzerte der Kurse, die in der Musikakademie stattfinden, und Gastspiele. Das Theater ist nur von außen historisch. Der Innenraum ist modern und sehr variabel zu bestuhlen und zu nutzen.

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz @ Kammeroper / Uwe Hauth

Der Wettbewerb für das Opernfestival  findet jährlich im Februar statt. Über 10.000 junge Sänger nahmen bisher an den Wettbewerben teil. 82 Inszenierungen begeisterten rund 400.000 Zuschauer. In Rheinsberg beginnen Sängerkarrieren. In den Opernhäusern von Athen bis Zürich trifft man „Rheinsberger Sänger“. Darunter sind Annette Dasch, Olga Peretyatko, Nadine Weissmann und Aris Argiris. Das Festival wurde zur künstlerischen Familientradition, seit 2014 ist Frank Matthus, Sohn des Komponisten, künstlerischer Direktor. Das Amt gibt er ab Herbst 2018 an Georg Quander weiter, Nachwende-Intendant an der Staatsoper und der Linden in Berlin, an Friedrichs ehemaligem Berliner Musenhof. Als neuer künstlerischer Direktor soll er die Musikakademie und die Kammeroper Schloss Rheinsberg leiten.

Die Handlung:  Ort und Zeit der Handlung Böhmen, kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. Die Dorfbewohner feiern ein Schützenfest. Bei dieser Gelegenheit verspotten sie den Jägerburschen Max, der lange nicht getroffen hat. Max möchte Agathe heiraten, die Tochter des Erbförsters Kuno. Deshalb muss er am folgenden Tag während der fürstlichen Jagd den entscheidenden Probeschuss ablegen, wie es Tradition ist. Trifft er nicht, kann er auch nicht Agathe heiraten und die Försterei erben. Max ist in Sorge, wie er am nächsten Tag den Probeschuss bestehen kann.

Der Jägerbursche Kaspar will sich an Max rächen, da er eigentlich Agathe heiraten wollte, sie ihn jedoch zugunsten von Max abwies. Kaspar leiht Max sein Gewehr und ermuntert ihn, sein Ziel mittels schwarzer Magie zu erreichen und sogenannte „Freikugeln“ zu gießen, die immer träfen.

Beide verabreden sich dazu um Mitternacht in der Wolfsschlucht. Für Kaspar ist dies überlebenswichtig. Er hat seine Seele Samiel (dem Teufel) verschrieben, im Tausch für die alles treffenden Freikugeln. Wenn er Samiel bis Mitternacht ein anderes Menschenopfer bringt, so ist er selbst gerettet.

Im Haus des Erbförsters Kuno ist Agathes Kusine Ännchen damit beschäftigt, Agathe, die dunkle Vorahnungen und Angst um Max hat, aufzumuntern. Als Max endlich kommt, bringt er wieder keine adäquate Jagdbeute mit. Max erfindet vor Agathe Ausreden, um die Verabredung mit Kasper in der Wolfsschlucht einhalten zu können.

 Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz - hier : Mima Millo als Agathe @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz – hier : Mima Millo als Agathe @ Kammeroper / Uwe Hauth

Vor Mitternacht bereitet Kaspar in der verrufenen Wolfsschlucht alles für das Gießen der Freikugeln vor. Noch bevor Max erscheint, beschwört er Samiel, den schwarzen Jäger, und bietet Max, Agathe und Kuno als Opfer an. Samiel soll die siebte Kugel verwünschen, so dass sie Agathe trifft.

Samiel kann aber nur über Max Macht erlangen, wenn dieser mit Kaspar die Freikugeln gießt, die Samiels Zauber unterliegen. Max erscheint und das Kugelgießen wird vom Erscheinen wilder Tiere, Geistern der Nacht, Gewitter und Sturm begleitet. Als Kaspar die letzte Kugel gießt, erscheint Samiel und greift nach Max.

Kaspar und Max haben die sieben Freikugeln aufgeteilt. Max bereitet sich mit Übungsschüssen auf den Probeschuss vor und verbraucht fast alle Kugeln. Kaspar achtet darauf, dass die siebte, die von Samiel manipulierte, in Max’ Gewehr steckt

Agathe und Ännchen warten auf Max‘ Rückkehr. Zum Probeschuss erscheinen der Landesfürst und sein Gefolge. Fürst Ottokar fordert Max auf, den Probeschuss abzulegen und eine Taube vom Baum zu schießen. Max schießt, in diesem Augenblick betreten Agathe und die Brautjungfern das Gelände. Agathe fällt, scheinbar getroffen, zu Boden doch der Eremit kann mit seinem Erscheinen die siebte verfluchte Freikugel umlenken: Kaspar wird tödlich getroffen. Max gesteht das Gießen der Freikugeln in der Wolfsschlucht. Der Eremit tritt für Max ein, Max solle nach einem Jahr der Bewährung Agathe heiraten dürfen, wird jedoch vorübergehend (?) in die Irrenanstalt gebracht und Agathe verbleibt zunächst in der Obhut des Fürsten.

Musikalisch ist die Aufführung ein (Sommernachts)Traum

Die junge Kammerphilharmonie Berlin musiziert unter Leitung von Simon Krecic. Der slowenische Dirigent ist seit Dezember 2013 künstlerischer Leiter des Slowenischen Nationaltheaters Maribor. Krecic reisst die jungen Musiker zu Höchstleistungen hin. Mit flotten Tempi arbeitet er bereits in der Ouvertüre die von Weber angelegten zwei musikalischen Welten der Düsternis und der realen Welt feinsinnig heraus. Er hält die Spannung über den gesamten Abend mit präzisen Einsätzen, einer fordernden wie zarten Dynamik. Den Sängern bietet er eine sichere zügige Hand, lässt ihnen Raum für Nuancierungen und hält die Ensembles straff zusammen. Er lenkt das gesamte junge Ensemble auf wunderbar leichte Weise durch den Abend.

Dabei ist die notwendige Tontechnik zwiespältig, weil in dem offenen Raum unverzichtbar, insbesondere jedoch in der Verstärkung hoher Stimmen gelangt sie teilweise an Grenzen. Tenor Johannes Grau singt in der Premiere die Partie des Max. Sein Tenor hat ein angenehmes Timbre und Strahlkraft mit klaren Höhen, die ausgezeichnete Diktion wird seiner Rolleninterpretation als Intellektuellem im Jägerkorsett gerecht.

Johannes Schwarz gestaltet mit kernigem Bass und markigen Phrasen seinen gesangs- und Dialogpart in der relativ kleinen Rolle des Höllenpartners Kaspar. Jerica Steklasa ist ein patentes Ännchen mit leichtem, flexiblem, sehr höhensicheren Sopran. Strahinja Djokic gestaltet als Doppelrolle den Eremiten und Samiel mit profundem Bass. Mit angenehmen Stimmen klingen Chorsolisten, Brautjungfern, Kuno, Ottokar und Kilian mühelos über das Orchester.

Der größte gesangliche Gewinn des Abends ist jedoch Mima Millo als Agathe. Die junge israelische Sopranistin wird mit ihrem dunkel timbrierten hochlyrischen Sopran allen Klangfarben von Webers musikalischer Vorstellungskraft gerecht. Mit traumsicherer Höhe gelingt ihr der Wechsel zwischen atemberaubendem elegischen Pianissimo und frischer Dynamik mühelos.

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz - hier : nachts in der Wolfsschlucht @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz – hier : nachts in der Wolfsschlucht @ Kammeroper / Uwe Hauth

Inszenierung und Setting

Regisseur Bruno Berger-Gorski orientiert sich in seiner Interpretation an der Vorlage zum Libretto, dem ersten Band des Gespensterbuches von August Apel und Friedrich Laun, einer Sammlung von Geister- und Spukgeschichten von 1810. Darin findet sich auch die Sage von der „Jägersbraut“, die – anders als in Webers Oper – nicht zum Happy End führt. Dort strandet der Jägerbursche Max, der eigentlich ein Schreiber ist und mit der Teufelskugel seine Braut erschießt, schließlich im Irrenhaus. Die Szenen der Oper spiegeln seine Erinnerungen und Alpträume wider.

In der szenischen Umsetzung erklärt der Regisseur die Szenenfolge zu einem permanenten Albtraum und das Protagonistenpaar Max und Agathe von Beginn an für verrückt oder zumindest psychisch labil. Max ist ein introvertierter Denker, Agathe scheint  schwermütig-depressiv. Früh erscheint medizinisches Personal auf der Szene (Krankenschwestern mit Rotkreuzkoffern folgen den Akteuren auf jedem szenischen Pfand). Dazu erfindet die Regie für Jäger und Jungfern eine Vielzahl von Gelegenheiten und Requisiten, mit denen sie den immerwährenden Albtraum mit modernen Requisiten ins Heute versetzt. Da erscheint ein makabres Orchester aus Skeletten und Totenköpfen, das auf Knocheninstrumenten spielt, Sado-Maso-Gestalten in Leder scheinen dem Kit Kat Club entstiegen und bieten den Chorsolisten Gelegenheiten für eine groteske Lasziv-Choreografie, die stets das Anrüchige sucht (und platt nicht findet). Ännchen, die Spielmacherin, gönnt sich bei so viel Düsternis schon mal eine flotte Shisha-Pfeife. Das medizinische Personal trägt mit dem Gauland-Zitat „Wir werden sie jagen“ das Grauen auch auf dem Rücken der Kostüme. Nach Bildzitaten von Bismarck bis Helmut Kohl tritt in der Wolfschluchtszene Agathe sogar als Angela Merkel mit Perücke und Hand-Raute auf. Max endet hier konsequenterweise in der Zwangsjacke, die passive Agathe wird vorerst der Obhut oder Willkür eines militärischen Herrschers mit eindeutigen Absichten überlassen.

Regisseur Bruno Berger-Gorski bezieht sich so jedoch auf den nach der Uraufführung 1821 geprägten Begriff einer deutschen Nationaloper in einem schwer nachvollziehbaren szenischen Sinne. Selbst wenn die Regie mit dem Bezug zu heutiger Stimmung und Politik hier möglicherweise vergleichbare Befindlichkeiten erkennen wollte, ist das so nicht zu Ende oder zu kurz gedacht.

Auch das von Christoph Rasche konzipierte Bühnenbild fällt angesichts der natürlich gegebenen Möglichkeiten mit großen alten Bäumen im akkurat gestutzten Heckentheater doch recht karg aus. Ein mit Jagdtrophäen behängter Rahmen auf einer Schräge, ein Glaskubus am rechten Rand. Das Lichtdesign kommt erst mit fortschreitender Dunkelheit im zweiten Teil zum Tragen, auch hier herrscht außer in der quietschbunten Wolfschlucht eher Zurückhaltung.

Das Kostümbild nach Knut Hetzer setzt Sigrid Herfurth um. Im Stilmix dominieren moderne Accessoires auf historischen Kostümen. Chorsolisten und Statisten treten als Rotkreuzschwester oder Pflegepersonal, Ledergestalten auf, Militaria (ein eisernes Kreuz auf Kaspers Brust, der Fürst in Uniform) sind ebenfalls Teil des Kostümkonzepts. Agathe trägt Strickjacke und Morgenmantel zum Brautkleid.

Der Ansatz einer musikalisierten Depression liegt gespiegelt in der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte nicht ganz fern. Als Ort und Zeit ist im Libretto zum Freischütz Böhmen um 1640 angeführt. Direkt nach dem 30jährigen Krieg verfielen ganze Völker in verwüsteten, leergefegten Landstrichen in eine den verheerenden Folgen des Kriegstobens geschuldete Depression. Auch zur Entstehungszeit der Oper war die mit napoleonischen Eroberungswillen in weiten Teilen Europas einhergegangene Depression noch nicht lange überwunden. Erst der Sieg über Napoleon 1812 gab einem identistätstifenden Streben der deutschen Einzelstaaten nach Verbundenheit nach langer Depression in Fremdherrschaft Aufschwung. Weber landete mit seinem romantischen Sagenstoff und einer musikalischen Zeichnung, die den vorherrschenden Mustern der italienischen Oper einen neuen Opernbegriff entgegensetzte. Mit Volksliedhaften Chören und gesprochenen Dialogen zwischen den Arien und Ensemblenummern präsentierte eine einen neuen Ansatz. Der Skeptiker Heinrich Heine erkannte diese neue Qualität an: „Haben Sie noch nicht Maria von Weber’s ‚Freischütz‘ gehört? Nein? Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens aus dieser Oper ‚das Lied der Brautjungfern‘ oder ‚den Jungfernkranz‘ gehört? Nein? Glücklicher Mann!“

Und schnell wurde der Begriff von einer deutschen Nationaloper laut, zielführend in Richtung eines verbundenen deutschen Staates – Oper als politisches Instrument. In einer Besprechung aus der Uraufführungszeit heißt es: „… wer kein Vaterland hat, erfinde sich eins! Die Deutschen haben es versucht auf allerlei Weise, … und seit dem Freischützen tun sie es auch mit der Musik. Sie wollen einen Hut haben, unter den man alle deutschen Köpfe bringe. Man mag es den Armen hingehen lassen, dass sie sich mit solchen Vaterlandssurrogaten gütlich tun.“ (Ludwig Börne, 1822)

Nicht umsonst fand die Berliner Uraufführung am Jahrestag der Schlacht von Waterloo (1815), der Niederlage Frankreichs durch englisch-preußische Allianz, dem 18. Juni 1821 statt.

In Rheinsberg kann aber das ambitionierteste Regiekonzept die Theatermagie des Ortes nicht übertreffen. Regie führt hier allein die Natur. Die grünen Hecken des Theaters, die die natürliche Bühneneingrenzung bilden und akkurat gestutzt Auftritte und Abgänge steuern, sind ein historisches Naturwunder, gestaltet 1758 von Baron von Reisewitz. Punktgenau setzen vom See aus vorüberziehende Nachtvögel ihre Rufe während der Ouvertüre ab. Die hohen Bäume um das Heckentheater bewegen im leichten Abendwind ihre Kronen während der Wolfschluchtszene vor schwarzem Himmel. Selbst das Nachtfalterballett im Licht der Scheinwerfertürme scheint einer geheimen Choreografie zu folgen.

„Und sie gingen durch den dämmerigen Park, in dem die Baumgruppen erdunkelten, sich schwärzlich auseinanderschoben… Der Himmel war am Nachmittag schimmernd klar gewesen – noch spannte er sich wie ein ungeheurer Bogen von Osten nach Westen, aber nun hatte er eine dunkle Färbung angenommen, er war fast schwarz, und weiße Wolkenflecken zogen rasch unter ihm dahin“, Kurt Tucholsky, Rheinsberg, ein Bilderbuch für Verliebte, 1912


Premiere: 3. August 2018, 19.30 Uhr Heckentheater Rheinsberg Weitere Vorstellungen: 10., 11., 12. August 2018

—| IOCO Kritik Festval Schloss Rheinsberg |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 10.05.2018

Mai 11, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Der Freischütz von Carl Maria von Weber

 38 Jahre alte Inszenierung  – Doch zu schade fürs Museum

Von Peter Schlang

Am 12. Oktober 1980 erlebte an der Stuttgarter Staatsoper Carl Maria von Webers berühmteste und wohl auch die „deutschteste romantische Oper“ überhaupt, Der Freischütz, unter der konzeptionellen „Rundumbetreuung“ Achim Freyers ihre durchaus widersprüchlich aufgenommene Premiere. Dessen ungeachtet erlangte diese Inszenierung, für die wie angedeutet der damals 46-jährige Regisseur auch das Bühnenbild und  die Kostüme schuf, im Laufe der seitdem vergangenen fast vier Jahrzehnte in der Schwabenmetropole und darüber hinaus Kultstatus und wurde nun am 2. Mai – zum wiederholten Male – wieder ins Repertoire der Stuttgarter Oper genommen. So erlebte sie an diesem Mittwochabend ihre inzwischen 161. Vorstellung, was vermutlich rekordverdächtig sein dürfte.

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Michael Wilmering als Kilian, Daniel Kluge als Max, Karl-Friedrich Dürr als Kuno, Simon Bailey als Kaspar, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Michael Wilmering als Kilian, Daniel Kluge als Max, Karl-Friedrich Dürr als Kuno, Simon Bailey als Kaspar, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Um es vorweg zu  nehmen: Die Inszenierung hat seit ihrer ersten Vorstellung nichts an Frische, Faszination und Kraft verloren, und es bleibt nach wie vor einsichtig, dass und warum Freyers Arbeit damals die Anhänger der „reinen deutschen romantischen Operntradition“ erzürnt und auf die Barrikaden getrieben hatte, wie die in den Abend einführende Dramaturgin des Hauses an Hand von Zuschriften und Leserbriefen der damaligen Zeit anschaulich belegte: Mit gnadenloser Schärfe, grenzenloser Ironie, ja beißendem Spott entlarvt Freyer in allen Mitteln und Bereichen seiner Arbeit die angeblich heile Welt des romantischen deutschen Waldes und Wesens als Märchen und legt die Wunden einer Gesellschaft offen, die alles andere als vorbildlich, rein, heil und tugendhaft gewesen ist. So stellt der Künstler, dessen Herkunft von der Malerei man nach wie vor an allen Stellen der Inszenierung mit Händen greifen kann, zum einen die in der Oper angelegten und zweifellos vorhandenen, aber von den gesellschaftlich und politisch Verantwortlichen nicht wahrgenommenen und auch von der späteren Rezeption der Oper tapfer unterdrückten und verdrängten Konfliktfelder schonungslos bloß: Die Verquickung eines Teils der Dorfbevölkerung in frühere Gewalttaten und deren bisherige Verdrängung  wird genauso thematisiert wie der Konflikt zwischen Jägern und Bauern, der allenthalben herrschende Alkoholmissbrauch oder die vorhandene Brutalität und Gewaltanwendung der Dorfgemeinschaft – die beiden letzteren Missstände gerne getarnt als Folklore oder besondere Form des  fröhlichen Zusammenlebens.

Oper Stuttgart / Der Freischütz - hier : Lauryna Bendžiunaite als Ännchen © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Lauryna Bendžiunaite als Ännchen © Martin Sigmund

Die Entlarvung von Scheinwelten
Verzerrend geschmickte Gesichter – Verfremdete Kostüme

Zum anderen benutzt  Freyer zur Verdeutlichung seiner Kritik und zur Entlarvung der Idylle als Scheinwelt so eindeutige theatralische Mittel, dass auch dem letzten Theaterbesucher schon damals klar gewesen sein muss, was Freyer von solcher Traditionspflege hielt, nämlich rein gar nichts. Dazu tragen etwa die übertriebenen, deutlich verfremdeten Kostüme und die unwirklich, wie dem Kasperletheater entlehnten, verzerrend geschminkten Gesichter der Mitwirkenden genauso bei wie deren stark hervor gehobene Komik oder etwa die deutlich kommentierend eingesetzten Accessoires und zahlreiche andere theatralische Mittel.  Dabei muss man sich immer wieder klarmachen, wie neu und frech Ende der siebziger Jahre Vieles von dem war, was wir im zeitgenössischen en Regietheater der letzten 30 Jahre als normal, alltäglich und nicht mehr provokant hinzunehmen gelernt haben und dass dies nicht wenige Opernbesucher als zumindest befremdlich, wenn nicht sogar als  Unverschämtheit angesehen haben.

Eine solche Provokation empfindet in der Oper Stuttgart heute und vermutlich schon lange niemand mehr, obwohl der Regieansatz Freyers noch immer höchst aktuell ist, etwa wenn man die jüngsten politischen Entwicklungen bei uns und die durch rechte Politiker angeheizte Diskussion um den Begriff der Heimat  betrachtet. Ansonsten ist der Abend von großer Freude und Begeisterung geprägt und besitzt einen enormen Unterhaltungswert, etwa wenn der in seinen Szenen noch immer grandiose Männerchor der Staatsoper den Jägerchor zwar herrlich singt, aber darstellerisch und gestisch-mimisch gnadenlos parodiert oder wenn sieben Sängerinnen den Chor der Brautjungfern als längst überkommene Traditionspflege entzaubern. Solche und viele andere Stilmittel Achim Freyers zeugen noch immer von seiner großen Meisterschaft  und seiner Weigerung, Opernstoffe naturalistisch zu übernehmen und auszumalen. Vielmehr verfremdet er, wo es nur geht und hinterfragt auch so den Topos  einer deutschen Nationaloper. Dabei werden auch immer wieder die (damaligen oder heutigen?) Schwächen von Freyers Regie deutlich, etwa was seine Personenführung betrifft.  Die bewegt sich längt nicht auf dem Niveau, das für heutige Regisseure selbstverständlich ist, denn manche Bewegungen und Gesten der Protagonisten wirken recht hölzern, und die eine oder andere Szene gerät gar zur peinlichen  „Rampensteherei“. Dies mag allerdings auch daran liegen, dass sich  eine Wiedereinstudierung mit immer neuem Personal und nach so langer Zeit notgedrungen von der Originalvorlage entfernen muss.

Oper Stuttgart / Der Freischütz - hier : Simon Bailey als Kaspar, Daniel Kluge als Max, Ashley David Prewett als Ottokar, Mandy Fredrich als Agathe, Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Simon Bailey als Kaspar, Daniel Kluge als Max, Ashley David Prewett als Ottokar, Mandy Fredrich als Agathe, Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Musikalisch besitzt die Aufführung noch immer recht hohes Niveau, auch wenn sich der Rezensent zu erinnern glaubt, dass die kurz nach der seinerzeitigen Premiere von ihm besuchten Vorstellungen musikalisch fesselnder und ansprechender waren.

Die Hauptschuld daran ist dem musikalischen Leiter des Abends, dem jungen italienischen Dirigenten Daniele Rustioni zuzuschreiben, der das Staatsorchester an manchen Stellen mit allzu vibrato-sattem Streicherklang und zu undifferenziert durch die romantischen Klangfluten schaukelt. Hier wünschte man sich mehr Dynamik und Phrasierung und damit eine durchgehend einfühlsamere und differenziertere Begleitung der Sängerinnen und Sänger, deren Durchhörbarkeit an manchen Stellen  ziemlich zu wünschen lässt. Aber nicht nur deswegen, sondern auch wegen der nicht immer klaren Aussprache mancher Protagonisten vermisst man den sonst üblichen Bildschirm mit den Obertiteln schmerzhaft, der bei dieser Inszenierung wegen des großflächigen, in den Zuschauerraum hineinragenden Bühnenbildes nicht einsetzbar ist.

Gesungen wird bei dieser xten Wiederaufnahme und damit auch wiederholten Neubesetzung der Rollen sehr ansprechend, auch wenn einigen der Sängerinnen und Sänger, von denen fast die Hälfte ihr Rollendebüt geben, zu Beginn eine gewisse Nervosität anzumerken ist. Diese legt sich jedoch im Verlauf des Abends, so dass die verschiedenen Mitglieder der Solistenriege ihre jeweiligen Partien mit Sicherheit und stimmlicher Überzeugungskraft meistern.

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mandy Fredrich als Agathe, Mitglieder des Staatsopernchor, Kinderchor © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mandy Fredrich als Agathe, Mitglieder des Staatsopernchor, Kinderchor © Martin Sigmund

Mandy Friedrich singt die Agathe mit viel Sinnlichkeit und Schmelz, ohne mit ihrer Interpretation in die Nähe von Rührseligkeit oder gar Kitsch zu geraten. Ihre gemeinsamen Szenen mit ihrer Zofe sind hübsche Bilder einer Mädchenfreundschaft und bezaubern durch die Verschmelzung zweier sehr angenehmer Stimmen. Dabei hinterlässt Lauryna Bendziunaite als Ännchen  sowohl darstellerisch als auch stimmlich den nachhaltigeren Eindruck und betört durch ihren klaren, auch in höchsten Lagen sicher und weich geführten schönen Sopran.

Daniel Kluge als Max deutet an vielen Stellen an, welch enormes Potential seine schöne Tenorstimme besitzt, auch wenn ihr, vor allem in der Höhe, noch etwas Glanz und Leichtigkeit fehlt. Der stimmlich souveräne Simon Bailey verleiht seinem Kaspar die nötige tiefe Grundierung und lässt mit stets sicher geführter Stimme das Dämonische, aber auch Zerrissene dieser Rolle spürbar werden, auch wenn wegen gewisser Ausspracheprobleme –  siehe oben – manch Gesungenes etwas unklar bleibt.

Für viel Begeisterung sorgen beim Publikum auch die drei weiteren männlichen  Darsteller: David Steffens als Eremit, Ashley David Prewett als Ottokar und Karl-Friedrich Dürr als Erbförster Kuno, deren Erfahrung in ihrer jeweiligen Rolle deutlich anzumerken ist.

Am Ende gab es großen Beifall, ja Jubel für alle Mitwirkenden, die wie das Publikum im ausverkauften Opernhaus die Gewissheit erhielten, dass der Kultstatus dieser alles anderen als musealen Stuttgarter Freischütz-Inszenierung ungebrochen ist Man kann daher wohl davon ausgehen, dass auch die künftige Leitung der Oper Stuttgart auf diesen Erfolgsgaranten setzen wird.

Der Freischütz an der Oper Stuttgart, weitere Vorstellungen am 12., 18., 22. und 30. Mai sowie am 8. und 14. Juni 2018

 

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—