Oldenburg, Oldenburgisches Staatstheater, Premieren VENUS AND ADONIS/ DIDO AND AENEAS, 31.08.2019

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Oldenburgisches Staatstheater

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

VENUS AND ADONIS/
DIDO AND AENEAS

Masque in drei Akten von John Blow (1649 – 1708)
Libretto nach Ovids ‚Metamorphosen‘
Oper in drei Akten von Henry Purcell (1659 – 1695)
Libretto von Nahum Tate nach Vergils ‚Aeneis‘
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: Samstag, 31. August 2019, um 20 Uhr im Kleinen Haus
Die nächsten Vorstellungen: So 08., So 15. und So 22. September

Besetzung: Musikalische Leitung: Thomas Bönisch/ Felix Pätzold; Regie: Tobias Ribitzki; Bühne und Kostüme: Stefan Rieckhoff; Choreografie: Elvis Val; Einstudierung Chor: Thomas Bönisch/ Felix Pätzold; Einstudierung KlangHelden Kinderchor: Felix Pätzold; Licht: Steff Flächsenhaar; Dramaturgie: Annabelle Köhler

Mit: Erica Back, Martyna Cymerman, Martha Eason, Melanie Lang, Renate Nehrkorn, Ann-Beth Solvang; KS Paul Brady, Henry Kiichli, Leonardo Lee

Tänzer*innen: Renate Nehrkorn; Uri Brugger, Ruben Reniers, Charlie Riddiford

Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters
KlangHelden Kinderchor des Oldenburgischen Staatstheaters
Oldenburgisches Staatsorchester

Venus, die Göttin der Liebe, lässt lieben. Zusammen mit ihrem Sohn Cupido amüsiert sie sich über Liebesleid und Liebesfreud der Menschen und schürt diese aus sicherer Distanz – bis sie eines Tages durch einen Zufall selbst zur Zielscheibe von Cupidos Pfeil wird. Durch ihre Liebe zum schönen Adonis gewinnt sie zwar an Menschlichkeit, verliert gleichzeitig aber auch ihre göttliche Unverletzlichkeit, sodass der Verlust des Geliebten sie mit äußerster Härte zu treffen vermag.

Aus Angst, verletzt zu werden, wagt wiederum Karthagos legendäre Königin Dido es zunächst nicht, sich auf ihre Liebe zum Helden Aeneas einzulassen. Diesem gelingt es jedoch, ihren Widerstand zu brechen. Aber auch dieser Liebe ist letztendlich kein Glück gegönnt, denn dunkle Mächte entzweien die beiden und stürzen Dido in tiefste Verzweiflung.

Im Zusammenspiel der beiden Barockopern lässt Regisseur Tobias Ribitzki, der sich mit dieser Arbeit erstmals am Oldenburgischen Staatstheater präsentiert, das Schicksal der Liebesgöttin mit dem der antiken Königin zu einem berührenden Frauenschicksal verschmelzen, das sich im spannungsvollen Gegensatz einer kühl distanzierten göttlichen Liebe auf der einen und wahrhaft beseeltem menschlichen Lieben auf der anderen Seite entfaltet.

Als künstlerischer Partner steht ihm dabei Stefan Rieckhoff zur Seite, der das Oldenburger Publikum bereits mit seiner Ausstattung für die Opern ‚Falstaff‘, ‚Cristina, Regina di Svezia‘ und ‚Ein Sommernachtstraum‘ begeisterte.

Auf historischen Instrumenten sowie in tiefer Stimmung wird das Oldenburgische Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Thomas Bönisch die Opern in authentischem Barockklang erlebbar machen.

—| Pressemeldung Oldenburgisches Staatstheater |—

Lyon, Opéra de Lyon, Dido und Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 21.03.2019

März 21, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera Lyon

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Dido und Aeneas – Henry Purcell

– Barock trifft Jazz – Jazz trifft Barock –

von Patrik Klein

IOCO besuchte im Rahmen des Festivals Leben und Schicksale die Opéra de Lyon mit der Produktion Dido und Aeneas von Henry Purcell (1659 -1695), einer Oper in einem Prolog und drei Akten, fortgeschrieben durch moderne Elemente, die vom finnischen Gitarristen Kalle Kalima, der zu den spannendsten Vertretern der europäischen Jazz-Szene gehört und mit einer gehörigen Portion Verrücktheit und „finnischer Kreativität“ ausgestattet ist, zusammengestellt wurden. Die Premiere in Lyon ist der Auftakt zur Koproduktion mit der Vlaamse Opera und der Stuttgarter Oper in Partnerschaft mit der Ruhrtriennale.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Das Libretto wurde von Nahum Tate nach dem Epos Aeneis von Vergil verfasst. Die Uraufführung fand 1688 oder 1689 in London statt.

Die Handlung – Erster Akt: Der trojanische Held Aeneas (Guillaume Andrieux, Bariton) hat Trojas Zerstörung überlebt und von Zeus den Auftrag erhalten, nach Italien zu segeln und dort mit seinen Leuten ein neues Reich zu gründen. Auf der Fahrt durch das Mittelmeer kommen die Trojaner nach Karthago, wo sie sich längere Zeit aufhalten. Die Stadt wird von Königin Dido (Alix Le Saux, Mezzosopran) regiert, die nach dem Tod ihres Mannes geschworen hat, nie mehr zu heiraten und sich nur noch um das Wohl ihres Staates zu kümmern. Die Königin kann den Schwur nicht halten, als sie Aeneas kennenlernt und sich in ihn verliebt. Belinda (Claron McFaddon, Sopran) zerstreut die Bedenken ihrer Herrin, denn sie weiß, dass auch der Trojaner Dido zugeneigt ist.

Dido und Aeneas  –  Henry Purcell
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Henry Purcells „Dido und Aeneas“ fortgeschrieben durch Kalle Kallimas Version von „Remember Me“

Zweiter Akt: Furien haben sich in einer Felsschlucht versammelt. Ihre Anführerin befiehlt, Karthagos Macht zu vernichten, um dadurch Dido und Aeneas wegen ihrer Pflichtvergessenheit zu strafen. Eine Furie meldet, dass Aeneas und Dido auf der Jagd sind. Ihr wird aufgetragen, als Hermes verkleidet Aeneas den Willen des Zeus, sofort nach Italien zu segeln, kundzutun. Andere Furien treiben die Jagdgesellschaft durch einen Sturm in die Stadt zurück. Belinda und der Hofstaat erfreuen sich unterdessen an der Schönheit des Heiligen Hains, wo sie rasten. Die Seherin unterbricht ihre Freude und verkündet, dieser Ort bringe Unheil. Schon naht Dido und kurz darauf Aeneas, der einen gewaltigen Eber erlegt hat. Kaum hat sich das Liebespaar in das vorbereitete Zelt zurückgezogen, bricht ein Gewitter los; alle flüchten in die Stadt. Aeneas ist plötzlich allein. Er erhält von Hermes den Befehl, sofort nach Italien aufzubrechen. Der Held ist erschüttert, doch die Pflicht siegt über seine Liebe.

Dritter Akt: Die Trojaner rüsten zur Abfahrt und nehmen von ihren Frauen Abschied. Die Furien triumphieren, als sie die unglückliche Königin sehen, und entfachen einen Sturm, der die Schiffe auf das Meer hinausjagen soll. Dido und Belinda eilen herbei, erregt über das Verhalten der Trojaner, die auf Zeus‘ Befehl verweisen, aber schon zögern, abzusegeln. Der Königin erscheint die Treulosigkeit des Helden als Strafe des Himmels, weil sie ihren Schwur nicht gehalten hat. Belindas Tröstungen sind vergeblich. Dido stirbt an gebrochenem Herzen, da sie ohne Aeneas nicht leben kann.

Kunst fordert immer wieder zu neuen Interpretationen heraus. Die Auffassung, wie Musik des 17. Jahrhunderts aufgeführt werden sollte, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte grundlegend gewandelt. Mindestens ein Dutzend verschiedener Ausgaben von „Dido und Aeneas“ sind im Druck erschienen. Musikwissenschaftler diskutieren immer noch das Entstehungsdatum der Oper und sind sich immer noch nicht einig, für welche Gelegenheit das Werk geschrieben sein könnte. Folglich geht damit auch einher, dass sich der Bereich legitimer Auswahl- und Interpretationsmöglichkeiten vergrößert hat. Die „richtige“ Art, Dido aufzuführen, gibt es nicht mehr. Das mindert jedoch den Wert des Werkes in keiner Weise.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

So hatte zum Beispiel der französische Regisseur und ehemaliger Assistent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, bei den 70. Opernfestspielen in Aix en Provence 2018 den als verschollen geltenden Prolog mit einer rund 20 minütigen Einführung versehen, in der die schwarze Schauspielerin, Chansonière und Komponistin Rokia Traoré aus Mali die Vorgeschichte erzählte. Ohne Fingerzeig skizzierte sie in einer Art Sprechgesang die Entstehung Karthagos, erzählte vom Verloren sein auf der Flucht und von fliehenden Menschen auf Booten. Auch der Dirigent Václav Luks ließ zum Finale des berühmten Klagegesangs Didos den Chor „a cappella“ singen und gab somit dem gesamten Werk eine neue Intensität, Natürlichkeit und Magie.

Die politische Metapher „Dido und Aeneas“ ist mehr als eine tragische Liebesgeschichte. Sie ist auch eine Metapher für die Konfrontation zwischen Karthago und Rom, der zentralen Episode in den Punischen Kriegen. Die Zerstörung Karthagos in 146 v. Chr. liegt knapp ein Jahrhundert vor der Fertigstellung Vergils berühmten Gedicht Aeneis. Die Stärke der Kurz-Oper, die Purcell aus dieser Geschichte mitnahm, liegt ebenso in den zeitgenössischen geopolitischen Resonanzen seiner Handlung – zwei europäischen Migranten, die sich dem Krieg stellen – wie in der evokativen Kraft ihres außergewöhnlichen Finales.

In Lyon hat Didos Klage am Ende der Oper Remember me, den finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima inspiriert, Purcells barocke englische Klänge mit Elementen des modernen Jazz zu verbinden. Anders als in Aix en Provence wird hier „alles in einen Topf“ geworfen und die barocken Klänge Purcells mit Kalimas Jazzstücken im Wechselspiel vermischt. In diesen „Intermezzi“ werden u.a. Zitate aus dem Originalstück von Vergils Aeneis von der US-amerikanisch-schweizerischen Jazzsängerin Erika Stucky dargeboten.

 Dido und Aeneas  –  Didon et Enée – Auszüge der Inszenierung
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Der in Ungarn geborene Regisseur David Marton, der auch als Pianist und Dirigent ausgebildet ist und nach musikalischen Anfängen bei Regisseuren wie Christoph Marthaler und Frank Castorf begann, schließlich selbst zu inszenieren, hat die extrem verdichtete Oper Purcells, die wie ein Trailer über eine mehrstündige romantische Oper wirkt, mit der Musik Kalle Kalimas aufgelockert und teilweise neu zusammengesetzt, um in experimenteller Art den Wirkungen der Charaktere mehr Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Dabei wurden zwischen den originalen barocken Elementen der Oper zum Teil frei improvisierte als auch speziell komponierte musikalische Elemente Kalle Kalimas eingefügt. Kalle Kalima mit seiner E-Gitarre war auf der rechten Seite des Orchestergrabens erhoben sichtbar positioniert. Während der langen Probenphase wurden zwar die Eckpunkte, wie Licht und Technik in ein festes Muster gegeben, innerhalb dessen jedoch freie Improvisationen möglich blieben. Auch deshalb wurde die knapp einstündige Barockoper zu einem abendfüllenden Programm ausgeweitet.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Wie in Tschaikowskis Oper Die Zauberin am Vortag stellte sich auch in Purcells Oper die Frage: „Was bleibt?“ An was wird man sich erinnern, wenn man an unsere Zeit zurückdenkt?

Das Regieteam um David Marton hatte die riesige Bühne in Lyon zu einem archäologischen Ausgrabungsort gemacht. Die Fundstelle war mit einem Überbau aus Holz und Glas vor den Umwelteinflüssen geschützt (Christian Friedländer (Bühne); Tabea Braun (Kostüme); Henning Streck (Licht)). Seitlich davon befanden sich mehr oder weniger gut sichtbare Studios, in denen man die ausgegrabenen Relikte konservierte. Wie auch bei Tschaikowski war ein Kameramann ständig dabei, die Kernszenen zu filmen und die Bilder auf Flächen im Hintergrund der Bühne zu projizieren. Die Oper begann mit der Ausgrabung von Erinnerungen durch Juno (Marie Goyette) und Jupiter (Thorbjörn Björnsson). Man grub u.a. eine PC Maus, Kabelsalat und viele andere Dinge unserer heutigen Zeit akribisch aus und konservierte sie in den seitlichen Asservatenkammern. Durch die Fundstücke, wie Titelbilder des Time-Magazins von Ungarns Präsidenten Orbán oder dem amerikanischen Präsidenten Trump wurde ein Bild von machtbesessenen Herrschern gezeichnet. Disharmonische Jazzklänge und „Klagelaute“ der Jazzsängerin (Erika Stucky) unterstrichen dieses düster gezeichnete Bild unserer Zeitgeschichte.

Barock trifft Jazz, Jazz trifft Barock.

Der Bezug wurde hier über die methodisch-künstlerische Idee der Improvisation und der Kombination der Darstellungsgenres Theater, Musik und Film hergestellt. Dabei übernahm die Kamera das Auge des Zeugen. Sie war überall dabei. Sie zeigte dem Zuschauer auch Handlungen, die auf Nebenschauplätzen, den seitlichen Studios, nicht auf der Bühne stattfanden. Der Zuschauer erhielt dadurch auch Einblick in das „Seelenleben“ der Protagonisten. Vieles passierte gleichzeitig, so dass der Zuschauer beim ersten Schauen nur einen von seinen Sehgewohnheiten gelenkten Ausschnitt erfasste bzw. erfassen konnte.

Man erblickte die Teuflischkeiten unser Welt mit Bombenabwürfen im Krieg, Brutalität und Elend. Auf den Titelseiten der Time-Magazine wurden unsere aktuellen Themen Realität. Das Auge schweifte aber auch auf die Wogen des Meeres, die Idylle und die Sehnsucht.

Was blieb an diesem zweiten Festivalabend in Lyon? Die Kamera, der Zeuge, wurde ausgeschaltet, die Ausgrabungsstücke wieder verscharrt. Waren sie es nicht Wert, erhalten zu bleiben? Die Videoleinwand wurde weiß, wie bei einem Filmriss im analogen Kino. Rauschen und gelegentliche Streifen bestimmten das mittlerweile schwarz-weiße Bild, das nur noch das Schema der Ausgrabungsstätte erkennen ließ.

Wo war die Liebe, wo waren die positiven menschlichen Beziehungen geblieben? Zerbrochen durch äußere Kräfte? Nichts Blieb!  Zu improvisierten Klagelauten ging die Jazzsängerin von der Bühne.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Musikalisch konnte das Spektrum kaum größer sein an diesem Abend in Lyon. Eine der ältesten musikalischen Formen der Menschheit erweiterte sich um Klänge aus unserer aktuellen Zeit. Das wirkte extrem, konträr, manchmal verstörend aber auch Emotionen weckend. Die gesanglichen Ergebnisse des Abends waren erneut von höchster Qualität. Alix Le Saux, die bereits im Alter von 10 Jahren im Kinderchor der Opéra National de Paris zu singen begann und in Rollen wie Armelinde in Cinderella von Pauline Viardot, Emilia in Otello von Rossini und Hélène in Offenbachs La Belle Hélène an diversen französischen Opernhäusern zu hören war, zuletzt erfolgreich debütierte als Titelheldin in Massenets Cendrillon bei den Festspiele in Glyndebourne, sang die Partie des Dido mit großer Leichtigkeit, feinem abgedunkelten Mezzoklang sicher und voller Leidenschaft. Der junge, aus Lyon stammende Bariton Guillaume Andrieux, der an verschiedenen französischen Opernhäusern reüssierte und beim Musikfest Bremen als Figaro im Barbier von Sevilla auftrat, sang mit hell fokussiertem lyrischen Bariton einen leidenschaftlichen und kommunikativen Aeneas. Die in den Niederlanden lebende amerikanische Sopranistin Claron McFaddon, die an Opernhäusern wie der De Nederlandse Opera Amsterdam, bei den Salzburger und den Bregenzer Festspielen sowie am Badischen Staatstheater Karlsruhe und bei den Händelfestspielen in Halle (Saale) engagiert war, gab die Rolle der Belinda eindrucksstark mit warmem und fein dosiertem Sopran.

Nicht nur bei Tschaikowskis Die Zauberin, sondern auch bei Purcell geriet eine andere Figur in den Fokus, als es die originäre Barockoper eigentlich vorsah. Die US-amerikanisch-schweizerische Jazzsängerin Erika Stucky wurde zum musikalischen Höhepunkt. Sie gestaltete ihre Rollen als Hexe, Geist, und Sängerin mit umwerfender Bühnenpräsenz und gewaltiger Stimme, deren Bandbreite von Soul über Rock bis zu Jazz-Phrasierungen, Jodlern und Klagegesängen reichte. Sie wurde auch vom Publikum entsprechend frenetisch gefeiert.

Marie Goyette stellte Juno und eine Komödiantin dar. Die kanadische Musikerin (Piano, Akkordeon, Stimme), die sowohl im Bereich der Improvisationsmusik als auch als Schauspielerin/Musikerin und Hörspielmacherin tätig ist und bereits mehrfach mit dem Regisseur David Marton zusammenarbeitete, brachte mit ihren vielseitigen Aktionen weitere Facetten improvisierter Theaterkunst auf die Bühne. Der in Island geborene Thorbjörn Björnsson studierte Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Als Sänger und Schauspieler war er in verschiedenen Konzerten und Theaterproduktionen zu sehen, u.a. im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, auf Kampnagel Hamburg und an den Münchner Kammerspielen. In Lyon spielte er mit vollem Einsatz als Komödiant und Jupiter, körperlich an die Grenzen gehend und dabei Verse Vergils zitierend.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Denis Comtet) bot auch an diesem zweiten Premierenabend eine starke Leistung. Diesmal für das Publikum sichtbar, sangen sie mit großem Engagement und sicherer Abstimmung mit dem Orchester besonders einfühlsam und emotional.

Der in Frankreich bereits sehr bekannte junge Dirigent und Geiger Pierre Bleuse, der sein Handwerk als Dirigent bei Jorma Panula in Finnland erlernte, leitete die Premiere ohne Taktstock. Mit mitreißendem Engagement, natürlicher Autorität und einer klar verständlichen Dirigiersprache gelang es ihm, das Orchester durch die verschiedenen Musikgenres zu führen und dabei den Musikern noch Interpretationsfreiräume zu belassen.

Das Publikum in der erneut ausverkauften Opéra de Lyon nahm die spektakuläre Kombination aus musikalischer und szenischer Bandbreite mit frenetischem Beifall auf.

Dido und Aeneas in der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 21.3., 23.3., 26.3., 30.3.2019

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

Reinhard Keiser – Ein großer Barockkomponist wird geehrt, IOCO Portrait, 02.12.2017

Dezember 4, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Portraits

 

 Stadtkirche St. Georg Teuchern / Ehrung von Reinhard Keiser © Guido Müller

Stadtkirche St. Georg Teuchern / Ehrung von Reinhard Keiser © Guido Müller

Reinhard Keiser – Mitteldeutscher Komponist des Barock

Ehrung in Teuchern – Stadtkirche St. Georg

Von  Guido Müller

In Teuchern, dem nahe Halle (Saale) gelegenen Geburtsort des großen mitteldeutschen Barock-Opernkomponisten  Reinhard Keiser (1674 – 1739) und Vorgängers Händels und Telemanns an der Hamburger Oper am Gänsemarkt findet jährlich mit einem prominent besetzen Konzert eine Ehrung des mitteldeutschen Komponisten  statt.

 Teuchern / Reinhard Keiser Gedenkstätte © Reinhard-Keiser-Verein Teuchern

Teuchern / Reinhard Keiser Gedenkstätte © Reinhard-Keiser-Verein Teuchern

Am 12.11.2017  waren der Barock-Opernspezialist und bekannte Tenor Knut Schoch aus Hamburg und der Dirigent, Keiser-Spezialist und u.a. fest an der Komischen Oper Berlin verpflichtete Chitarrone-Spieler und Lautenist Thomas Ihlenfeldt aus Bremen mit einem spannenden und  ausgefallenen Programm  Wer in Liebesfrüchten wählet. … Arien aus Hamburger Opern zu Gast. Der durch zahlreiche Gesamtaufnahmen Keisers bekannte Kenner seines Werks, Thomas Ihlenfeldt moderierte  launig und führte mit interessanten Kommentaren durch das Programm.

Das humorvolle Programm war außer Keiser selbst vor allem seinen Vorläufern und älteren Zeitgenossen an der Gänsemarkt-Oper gewidmet. Den Anfang machte der 1650 in Warschau geborene Lautenist und Viola da Gamba Spieler Jakob Kremberg (+ 1718), Schüler von Heinrich  Schütz und erster Pächter der Oper, mit drei stark text-akzentuierten und  italienisch geprägten Liedern.

Johann Wolfgang Franck (1644 – 1710) komponierte außer  Opern wie  Aeneas  häufig stark volkstümliche und zeitgemäße Sujets, wie in den Jahren der Türken-Gefahr vor Wien die Oper Cara Mustafa, die später in Hamburg sogar als zu türkenfreundlich verboten wurde. In diesem Werk   findet sich die erste niederdeutsch verfasste komische Arie der   Hamburger Oper.

Hamburgische Staatsoper - Heute / Wirkungstätte von Reinhard Keiser - Bedeutendstes deutsches Theater um 1700, in der Barockzeit © IOCO

Hamburgische Staatsoper – Heute / Wirkungstätte von Reinhard Keiser – Bedeutendstes deutsches Theater um 1700, in der Barockzeit © IOCO

Besonders beliebt sicher schon beim Hamburger Publikum um 1700 war das moralisierende Recipe: Edler Tee, der gut für Gesundheit und Tugend, gegen alle Plagen helfe und Jugend erhalte. Es folgen drei von Franck und Georg Böhm vertonte religiöse Lieder des Theologen, Librettisten und Textdichters Heinrich Elmenhorst (1632 – 1704), dem es gelang, vor allem mit seiner Streitschrift Dramatoligia von 1688 die Bedenken der Pietisten gegen die Oper in Hamburg auszuräumen. Daran schlossen sich das Morgen- und Abendlied des mit Elmenhorst befreundeten Lüneburger Organisten Georg Böhm (1661 – 1733) an, die direkt nichts mit der Oper zu tun haben.

Auf ein religiöses Reiselied Francks folgen zunächst eine Arie von Keiser aus Masagniello furioso und dann aus Heraclius. Das letztere „Ich kenn ein hübsches Mädchen“  wird auf der Barockgitarre begleitet.

Dann folgt mit Johann Sigismund Kusser (1660 – 1727) der interessanteste Zeitgenosse Keisers, ein wahrer kosmopolitischer Europäer, der u.a. auch in Dublin wirkte. Bei dem Vorläufer Keisers hört man in seiner Oper Erindo bereits viel französischen Einfluss. Zwischen dem französisch geprägten Menuett  Was bewegt dich und der Branle devillage O höchst gewünschte Lust hat die Arie „Zu euch muss ich wiederkommen“ sowohl liedhafte Elemente wie kunstvolle italienische Verzierungen und Stilelemente.

Knut Schoch © Knut Schoch

Knut Schoch © Knut Schoch

Hier kann Knut Schoch in ganz besonderem Maße sein hohes und vornehmes Stilbewußtsein für diese hochbarocke deutsche  Arienkunst zeigen, die sich in einer sehr intelligenten Gestaltung äußert. Sein gepflegter und vornehmer, dabei durchaus kräftiger, leicht baritonal eingefärbter Tenor singt nicht nur sehr elegant im Legato auf der Linie des Atems sondern trifft auch den jeweiligen spezifischen Ton dieser kleinen Arienkunstwerke sehr genau. Dabei singt Schoch äußerst  textverständlich. Langsam und vornehm zurückhaltend steigert er von Arie zu Arie seine äußerst geschmackvolle Verzierungskunst der Koloraturen und Triller. Hier singt zum Beispiel die weltberühmte amerikanische Mezzosopranistin und Händel-Preisträgerin 2018 JoyceDiDonato ihre ausgewählten, äußerst virtuosen Keiser-Arien sehr viel stärker mit der Emphase der italienischen Opera seria.

Zu Höhepunkten dieses stilistisch äußerst abwechslungsreichen Hamburger Arien-programms gestalten Knut Schoch und Thomas Ihlenfeldt auf der Chitarrone dann die dramaturgisch geschickt an das Ende des Programms gesetzten Keiser-Arien der lustigen, dem Arlecchino der italienischen Stehgreifposse verwandten Figur aus Der geliebte Adonis. Damit hat Keiser wie später auf besonders geniale Weise Georg Philipp Telemanns eine mythologisch-historischen Opernstoffe für das zahlende Hamburger Bürgertum mit volksnahen Elementen aufgelockert. Dabei hat Keiser mit seinem kongenialen Textdichter sich oft auch moralisierend über die Hamburger Pfeffersäcke und die hohe Minne der italienischen Opera seria lustig gemacht.

In den Opernhäusern Italiens und den aristokratischen Hofopern außerhalb Frankreichs setzte sich nämlich damals um 1700 der ganz andere Typ der Opera seria oder des Dramma per musica durch, bei dem zur  Auflockerung nur zwischen den Akten Intermezzi gespielt wurden. Im 17. Jahrhundert überwog auch in Italien noch die in Hamburg wie auch damals in Leipzig oder Braunschweig üblich bleibende Mischform mit ernsten allegorisch-historischen Figuren und meistens als Dienstpersonal oder Exoten gezeichneten komischen oder halb ernsten Figuren.

Der geliebte Adonis ist die erste erhaltene Hamburger Oper von Reinhard  Keiser. Sie zeigt sogleich wie im Fall Telemanns ihre große Bühnentauglichkeit, die auch heute noch das Publikum unmittelbar anzusprechen, zu unterhalten und zu berühren vermag. So wie Bayreuth seine Richard-Wagner-Festspiele hat würde Hamburg ein Keiser-Telemann-Festival oder ein Gänsemarkt-Opernfestival gut zu  Gesicht stehen.

Grabstätte Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Grabstätte Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Auch Georg Friedrich Händel und der im 18. Jahrhundert in ganz Europa angesehenste, in Hamburg-Bergedorf geborene Opernkomponist Johann Adolph Hasse (Händel und Bach waren außerhalb ihres engeren Wirkungskreises vor allem als Orgel- und Cembalo-Virtuosen bekannt) starteten ihre Karriere in Hamburg am Gänsemarkt.

Hamburgs Oper am Gänsemarkt war von 1678 bis 1738 das erste und  wichtigste bürgerlich-städtische Theater im gesamten deutschen Sprachraum. Mit zweitausend Plätzen übertraf es alle zeitgenössischen Theaterräume. Die Menge der an diesem Hause wirkenden Opern-komponisten und Literaten ist innerhalb der Opernlandschaft Europas einzigartig.

In den beiden komisch-moralisierenden und frivolen Arien Ein Mädchen ist wie Wind und Ein Mädchen und ein Orgelwerk zeigt der Tenor Knut Schoch (Tenöre nahmen in der deutschen Oper den Platz der Kastraten in der damaligen italienischen Oper ein) noch mal abschließend dem dankbaren und aufmerksamen Publikum seine intelligente und tonschöne Kunst der komischen Gestaltung. Keiser appelliert daran, Mädchen wie Orgelwerke mit Bedacht zu bespielen. Das begeisterte Publikum erklatschte  sich von beiden Künstlern als Zugabe nochmal eine Wiederholung des Abendliedes von Georg Böhm Nun will ich mich zu Bette legen.

Es wäre zu wünschen, dass dieses vielfältige, stilistisch mannigfaltige Hamburger Barock-Arien-Programm von beiden Künstlern und Spezialisten der Hamburger Gänsemarkt-Oper auf CD eingespielt würde, so wie viele frühere Werke von Keiser, die auch in Teuchern  aufgeführt  wurden, als CD vorliegen.

Kontakt: Reinhard-Keiser-Förderverein, Vorsitzender  Bertram Adler (Weißenfels).

Webadresse:   http://www.reinhard-keiser-verein.de/start.htm  

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