Schwerin, Mecklenburgisches Staatstheater, André Chénier – Umberto Giordano, 11.01.2019

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Mecklenburgisches Staatstheater

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

 André Chénier – Umberto Giordano

– EIN DICHTER IN DER NACHT DES SCHRECKENS –

von Peter M. Peters

André Chénier ist das einzige Werk, das außerhalb Italiens seinen festen Platz im Repertoire der großen Opernhäuser bis heute behalten hat und dem Komponisten Umberto Giordano (1867-1948) zu Weltruhm verhalf. Sein Textdichter Luigi Illica (1857-1919) verfasste das Opernlibretto indem er die tragische Gestalt eines Poeten zur Zeit der Schreckensherrschaft der französischen Revolution erzählt.

André Marie de Chénier (1762-1794), in Konstantinopel geboren, war ein von der hellenischen und klassischen Literatur geprägter Dichter. Sein kurzes Werk ist von der romantischen Bewegung beeinflusst, aber auch mit politischen und freiheitsliebenden Gedanken genährt. Nach seinem frühen gewaltsamen Tode wurde sein poetischer Nachlass veröffentlicht und äußerst gelobt, insbesondere von dem jungen Victor Hugo (1802-1885). Im Mittelpunkt der Oper, in dem nach dem Vorbild der grand opéra Dichtung und Wahrheit auf höchst effektvolle Weise miteinander verwoben sind, steht die historische Gestalt des Dichters Chénier, der als einer der bedeutendsten französischen Lyriker des 18.Jahrhunderts gilt. Das er in Adelskreisen verkehrte, wo man sein Talent zu schätzen wusste, ist überliefert, nicht jedoch dass sich eine adlige Dame in ihn verliebte, die sogar bereit war, mit ihm im in den Tod zu gehen. Das historische Vorbild der Maddalena di Coigny ist bei Illica la Duchesse Anne-Françoise- Aimée de Franquetot de Coigny (1769-1820), mit der Chénier einige Zeit das Gefängnis Saint-Lazare teilte. Dagegen die Gestalt des Gérard ist bare Erfindung, eingeführt nur aus dem einfachen Grunde, um der traditionellen Dramaturgie des Ottocento zu entsprechen, die den Dreieckskonflikt zur Grundlage des melodramma machte.

Andre Chenier – Umberto Giordano
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Was André Chenier vor anderen Opern seiner Zeit auszeichnet, ist die Abkehr von der starren Typisierung, die Hinwendung zu einer Charakterentwicklung. Die  Schwarzweißmalerei weicht damit einer differenzierten Darstellung der individuellen Persönlichkeit. Insbesondere  von der Titelgestalt wird zweifellos im Hinblick auf das historische Vorbild, ein vielschichtiges Porträt entworfen. Chéniers Arie « Un di all’azzurro spazio » (1.Bild) zeigt den Dichter als Kritiker des Ancien Régime, zugleich auch als Künder einer neuen Epoche, in der die tief empfundene Liebe den ersten Platz einnimmt – eine herausragende Facette im Wesen Chéniers, die sich mit Deutlichkeit in der Szene mit Maddalena (« Ora soave,  sublime ora d’amore  »,2.Bild) offenbart. Im 3.Bild wird das heroische Moment akzentuiert, als Chénier vor dem Tribunal eine Verteidigungsrede hält (« Si, fui soldato ») und den Wohlfahrtsausschuss wegen seines Schreckensregimes anklagt. Das 4.Bild zeigt, gewissermaßen als Pendant zum 1.Bild, noch einmal den empfindsamen Dichter (Arioso « Come un bel di di maggio »), andererseits den von ekstatischer Liebe erfüllten Menschen (Duett « Vicino a te »).

Durchaus ambivalent präsentiert sich auch die Gestalt des Gérard. Zwar hat er zunächst keine Skrupel, ähnlich wie Scarpia (Puccini: Tosca), seine öffentliche Stellung für seine privaten Ziele zu missbrauchen. Doch ist er auch der Reflexion fähig, ist bereit, sich selbst der Kritik zu unterziehen (Monolog « Nemico della patria », 3.Bild), vermag zu erkennen, dass er, der frühere Domestik, zum Sklaven seiner eigenen Begierden geworden, also Knecht geblieben ist. Den endgültigen Wandel führt die Begegnung mit Maddalena herbei, deren Bereitschaft, sich für einen anderen zu opfern, ihn in tiefster Seele rührt; anders als der Baron Scarpia hat sich der Proletarier Gérard seine Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit bewahrt.

Ähnlich wie bei Giacomo Meyerbeer (1791-1864) hat in André Chénier das historische Element nicht den Charakter einer bloßen Folie, vor der sich die Tragödie der Individuen abspielt. Vielmehr greift der geschichtliche Augenblick, hier also die Französische Revolution, in das Geschehen ein, wird selbst zum Gegenstand künstlerischer Gestaltung. Musikalisch wird das Ambiente der Revolution nicht nur durch Zitate einiger bekannter Revolutionslieder wie «Ça ira», der Carmagnole und der Marseillaise eingefangen, sondern auch durch naturalistische Techniken: nicht wenige Vokalpartien sind in ihrer Diktion an der gesprochenen Sprache orientiert, beziehen Rufe und Schreie mit ein, imitieren das Stimmengewirr durch eine kalkulierte Regellosigkeit des vokalen Satzes. Kontrastierend dazu wird im 1.Bild die Zeit des Rokoko beschworen: durch Schäferidylle, Clavecinspiel und eine Gavotte, wobei es sich hier nicht um Zitate, sondern um Stilkopien handelt.

Aufgrund der dankbaren Rollen entwickelte sich André Chénier zu einer der beliebtesten Opern des Verismus und zu den herausragenden Interpreten der Titelpartie zählen Enrico Caruso, Beniamino Gigli, und nach dem zweiten Weltkrieg vor allem Mario del Monaco, Franco Corelli, José Carrera und natürlich Placido Domingo.

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier - hier : Jasmin Etezadzahdeh, Yoontaek Rhim, Paul Kroeger, Raphale Käding © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier – hier : Jasmin Etezadzahdeh, Yoontaek Rhim, Paul Kroeger, Raphale Käding © Silke Winkler

Ursprung des musikalischen Verismus

Ausgehend von der naturalistischen Bewegung in Frankreich u.a. durch Émile Zola (1840-1902), Guy de Maupassant (1850-1893) und Alphonse Daudet (1840-1897) entwickelte sich im letzten Viertel des 19.Jahrhundert in Italien eine literarische Gruppe: « verismo » . Die mit ihrem Hauptvertreter Giovanni Verga (1840-1922), eine Literatur  behaupteten, die das Leben der anonymen Massen  und die Wahrheit des Lebens schilderte: Bauern, Handwerker, Fischer, Bettler, Vagabunden, Mörder, Prostituierte, Kurtisanen, die Ärmsten der Armen wurden hier die Hauptpersonen ihrer eigenen Geschichte. Inspiriert von dieser Bewegung entwickelte sich der musikalische Verismus u.a. mit Pietro Mascagni (1863-1945), Cavalleria rusticana, (1890) der mit diesem Werk einen sensationellen Erfolg erzielte. Seine Librettisten inspirierten sich nach einer Novelle « Vita dei Campi » des Giovanni Verga.

Desgleichen Ruggero Leoncavallo (1857-1919), I Pagliacci (1892) hatte zwei Jahre später einen ähnlichen großen Erfolg mit seiner Oper, indem er das Libretto selbst schrieb nach einer wahren Begebenheit, die sich um 1865 in Kalabrien abspielte.

Immer mehr Werke im Stil des Verismus erblickten die Welt: der sogenannte bürgerliche und historische Verismus entstand u.a. mit André Chénier (1896) von Giordano oder Adriana Lecouvreur (1902) von Francesco Cilea (1866-1950) und nicht zu vergessen Giacomo Puccini (1858-1924), der mehrere weltweit bekannte Musikdramen in diesem Stil hinterließ.

Der Musikstil verbreitete sich über die Grenzen Italiens aus und mehrere europäische Länder waren empfänglich für diese neue Ästhetik, jedoch es wurde nie eine Schule oder ein Manifest des Verismus. Die Musiksprache eines jeden Komponisten behielt seine persönliche Individualität und Kreativität verstärkt durch die Mentalität seines Landes. In Frankreich z.B. Gustave Charpentier (1860-1956) der in seiner Oper Louise (1900) das Schicksal einer Frau und deren Emanzipation als Thema hat.

Auch Deutschland hat seinen Verismus mit Eugen d’Albert (1864-1932), der mit seinem Werk Tiefland (1903) die elenden Zustände der Knechte und Zugehfrauen unter dem sadistischen Joch eines Großgrundbesitzers erzählte, oder Spanien mit der blutigen Familientragödie in einem überwiegend von Zigeunern bewohntem Stadtteil von Granada mit La Vida breve (1904-1905) von Manuel de Falla (1876-1946). Nicht zu vergessen unsere osteuropäischen Nachbarn:  Jenufa (1905) von Leoš Janácek (1854-1928) und Lady Macbeth von Mzensk (1932) von Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975) sind außergewöhnliche Werke des Musiktheaters, die auch die erniedrigen menschlichen Konditionen  zum Inhalt hat. Der Verismus machte sich nicht zuletzt die Aufgabe Menschen an der untersten Stufe der sozialen Leiter zu zeigen.

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier - hier : Karen Leiber, Jasmin Etezadzadeh, Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier – hier : Karen Leiber, Jasmin Etezadzadeh, Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas © Silke Winkler

Aufführung 3.Januar 2020 – Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin

Das erste Bild übermittelt die letzten Atemzüge des Ancien Régime im Schloss der Contessa di Coigny, die ihre Freunde zu einem großen Fest einlädt. Ein Schäferspiel zeigt die ganze obszöne Dekadenz einer sterbenden Gesellschaft: Schäferinnen und Travestien spielen miteinander sonderbare Spiele, ein kleiner Knabe wird Objekt einer seltsamen Lustbegierde…! Sehr scharfe Kritik zeigt der Dichter Chénier anhand seiner Gedichte an dieser skrupellosen Gesellschaft, die natürlich starke Empörung hervorruft. Durch eine Gavotte wird diese Verstimmung beseitigt und das Fest geht weiter. Aber da bricht die Revolution in das Schloss ein, indem Gérard mit Gleichgesinnten brutal das Fest beendet. Der radikale Übergang von Schäferidylle zu grausamen Straßenschlachten, Demonstrationen und hasserfüllten Massen ist dem Regisseur Roman Hovenbitzer außerordentlich deutlich gelungen. Der Rhythmus der Inszenierung wird der Musik und der Dramatik des Werkes äußerst gerecht. Eine großartige Idee ist die des «  le musicien rouge »,  eine zusätzliche Person, die als Moritatensänger zwischen den Bildern vor dem Vorhang, teils alleine oder begleitet mit Mathieu, genannt « Populus » seine kleinen Interludes vorträgt, die an Macky Messer und Charlot erinnern: « Ça ira », la Marseillaise ou la Carmagnole.

Inzwischen hat sich die Revolution als Schreckensherrschaft etabliert und die ehemaligen Diener sind zum Werkzeug dieser grausamen Tyrannei geworden: es wimmelt von Spionen und nur ein ungewolltes Wort kann zum Tode führen. Im Grunde nichts neues in unserer langen Menschheitsgeschichte, doch schockiert diese Unmenschlichkeit immer wieder. In diesem und der nächsten Bilder sieht man nur noch undekorative hässliche Metallgerüste, die wohl das Chaos vermitteln sollen. Vollbehangen mit Politbildern, Manifesten, Graffitis aus allen Epochen und Zeiten, Mahnbilder eines nie vergehenden Wahnsinns. Der Bühnenbildner Hermann Feuchter hat hier eine interessante Lösung gefunden. Auch die Kostüme von Roy Spahn sind inspiriert vom Zeitlosen, indem er ausgehend vom Rokoko bis hin in die Neuzeit verschiedene Kleidungsstile vermischt und neu entwirft. Das gesamte Produktionsteam hat hier einzigartige inspirierte Arbeit geleistet und wir waren überrascht über diesen Qualitätsanspruch, den oft viel größere Häuser mit gewaltigen Mitteln nicht erreichen.

Die musikalische Seite liegt auf keinem Fall im Schatten des Produktionsteam. Der junge amerikanische Dirigent Michael Ellis Ingram ziselierte mit viel Sensibilität die ganze Schönheit der Partitur heraus ohne ins Sentimentale abzurutschen. Der musikalische Rhythmus bewegt sich mit dem Inszenierungstempo, sodass ein geschlossenes Ganzes vor unseren Sinnen erscheint, ideal für eine Musiktheaterproduktion. Der Chor des Mecklenburgischen Staatstheaters und die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin sind überaus präzise und folgen ihrem jungen talentierten Dirigenten mit Begeisterung.

Der georgische Tenor Zurab Zurabishvili hat die geeignete Stimme für die Titelpartie, robust in den tiefen Lagen und strahlend in den Höhen, obwohl an diesem Abend hatte er mehrmals Schwierigkeiten den richtigen Anfangston zu finden. Dennoch bleibt es eine hervorragende Leistung für eine der schwierigsten Partien seines Faches. In seinem Duett mit Maddalena im vierten Bild zeigt er sein ganzes Können und vereint mit der Sopranstimme ist es vielleicht ein Sternstundenmoment, der häufig Gänsehaut erzeugt.

Maddalena di Coigny wurde ideal von der Sopranistin Karen Leiber interpretiert indem sie stimmlich sowie auch schauspielerisch die vielen Facetten einer glaubwürdigen Verwandlung darstellte: eine junge verwöhnte kokette Aristokratin bis hin zu einer reifen liebenden aufopfernden Frau. Ihre große Arie « La mamma morta m’hanno alla porta » wird mit Intensität und Schönheit vorgetragen und ist einer der Höhepunkte des Abends. Nicht zu vergessen das berühmte schon erwähnte Duett mit Chénier im vierten Bild.

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier - hier : Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas, Jasmin Etezadzadeh © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier – hier : Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas, Jasmin Etezadzadeh © Silke Winkler

Der südkoreanische Bariton Yoontaek Rhim als Carlo Gérard bekam den größten Applaus an diesem Abend und unserer Meinung nach auch berechtigt. Seine Stimme versehen mit einem schwarz-metallischen Timbre flutet durch die Orchestermassen mit einer derartigen Kraft und Leichtigkeit und die nuancenreiche Interpretation seiner Rolle ist einerseits mit grausamer Brutalität und andererseits mit sensibler Melancholie versehen, wie es die zwielichtige Person des Gérard verlangt. In seinem Monolog « Nemico della Patria » wird besonders die mit sich selbst kämpfende Person glaubwürdig dargestellt.

Der junge amerikanische Tenor Paul Kroeger ist ungemein gut besetzt für die schmierige aalglatte Person des Incredibile, indem er sich als Spion allgegenwärtig heimlich in Häuser und Wände einschleicht den Tod mit sich bringend und immer neue Opfer sucht. Seine leichte Tenorstimme zeigt den nötigen Charakter für diese makabre Rolleninterpretation. Außer dieser Rolle hat er noch einige kleinere Rollen übernommen: L’Abbate, ein Dichter und Dumas.

Der Bariton Cornelius Lewenberg hat zwei völlig gegensätzliche Rollen zu bewältigen, zum einen den immer vorteilsuchenden Dandy-Romancier Pietro Fléville (1. Bild), der gleich einem Salonlöwen sich geschickt lächeln durch die Gesellschaft schleicht. Und zum anderen den gefährlichen Sansculotto Matthieu, genannt « Populus », ein aus dem Proletariat entstiegener gehbehinderter und übergewichtiger Anhänger des Terrorregimes. Seine tiefschwarze Seele ist ihm gewissermaßen auf die Haut geschrieben und sein Großmaul schreit Parolen die er nicht versteht. Unsere politische Vergangenheit rückt näher und erinnert an nicht sehr glorreiche Zeiten. Sein diabolischesTimbre gleicht einer Farbpalette die sich den schwärzesten Situationen anpasst.

Roucher, Chéniers Freund, singt der Bariton Sebastian Kroggel mit einer samtigen Stimme,  die von beeindruckender Schönheit und Sensibilität sehr überzeugend wirkt. In seiner einzigen großen Szene mit Chénier «La femminil marea parigina» zeigt er sein ganzes Können und man denkt unweigerlich an Carlo und Posa (Verdi: Don Carlo).

Auch die spanische Mezzosopranistin Itziar Leseka hat zwei Rollen zu interpretieren, zum einen die arrogante standesbewusste Contessa di Coigny (1. Bild) und zum anderen die um ihre gefallenen Söhne trauernde Madelone. Die überzeugende Revolutionärin opfert weinend ihre letzten Söhne für den bevorstehenden Krieg, ein äußerst beeindruckender Moment unserer eigenen Geschichte, denn die kleinen Soldaten sind mit Stahlhelmen des zweiten Weltkrieges behelmt. Eine sehr berührende Szene mit einer « Mutter Courage Vision » versehen und die nie endende Unzulänglichkeit menschlichen Wesens vorführt. Gesanglich eine sehr bemerkenswerte Interpretation.

Die Mulatta Bersi wurde von der Sopranistin Hanna Larissa Naujoks mit ihrem in allen Lagen ansprechenden lirico-spinto und mit weit fließenden Legato gemeistert. Ihre einzige Szene «Temer? Perchè? Perchè temer dovrò?» sang sie mit viel Ironie,Trotz und Mut.

Auch die kleineren Partien waren bewundernswert homogen besetzt. Ein Extralob für den Musiker und Schauspieler Raphael Käding, der die von der Regie zusätzliche erfundene Person  « Le musicien rouge» mit Bravour, Witz und Ironie darstellte.

Kleine Schweriner Kulturgeschichte

Die wechselreiche Schweriner Theatertradition reicht zurück bis ins 16.Jahrhundert und viele «Comoedianten»-Truppen hatten sich zeitweise am fürstlichen Hofe angesiedelt. Der Schauspieler Konrad Ekhof (1720-1778), von Theaterhistorikern als der «Vater der deutschen Schauspielkunst» bezeichnet, gründet in der mecklenburgischen Metropole 1753 die erste deutsche Schauspielerakademie. Die erste Blütezeit des Schweriner Theaters endet abrupt 1756 mit dem Tode des kunstliebenden Herzogs Christian Ludwig II. Dessen Nachfolger, Friedrich «der Fromme» verbietet jegliches Theaterspielen. Und erst als Friedrich stirbt, kommt das Kulturleben der Stadt wieder in Schwung. 1788 wird ein ehemaliges Reit- und Ballspielhaus am alten Garten zu einem Schauspielhaus umgebaut. Schwerin hat sein erstes « richtiges » Theatergebäude. Es erfüllt seinen Zweck bis 1831, dann brennt es ab.

Der Architekt Georg Adolph Demmler (1804-1886), dessen Bauten auch heute noch wesentlich das Stadtbild des alten Schwerin prägen, erhält den Auftrag, ein neues zu bauen. 1836 ist es vollendet, und die Stadt hat mit dem Großherzoglichen Hoftheater am Alten Garten ein repräsentatives Haus. Eine neue Epoche der Schweriner Theatergeschichte beginnt. Diese Ära ist u.a. geprägt von der siebenjährigen Intendantenzeit des Komponisten Friedrich von Flotow (1812-1883), der 1856 den Dirigenten Georg Alois Schmitt (1827-1902) zu sich holt. Er macht Schwerin nach Bayreuth zur zweiten « Wagner-Stadt » in Deutschland und baut die seit 1563 bestehende Staatskapelle zu einem der bedeutendsten des Landes aus. Mit dem Orchester konzertieren beispielsweise Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), Clara Schumann (1819-1896), Joseph Joachim (1831-1907), Camille Saint-Saëns (1835-1921) und Johannes Brahms (1833-1897). Wagners Opern prägen den Spielplan und zur Walküre –Inszenierung im Jahre 1878 kommen Enthusiasten per Sonderzug aus Hamburg und Berlin. Diese glückliche Entwicklung wird durch einen erneuten großen Brand des Gebäudes unterbrochen.

Der Neubau im neo-barocken Stil wurde am 3.Oktober 1886 eröffnet und ab 1918 nannte es sich Mecklenburgisches Staatstheater. Das heutige Theater mit seiner eigenen Truppe spielt in jeder Saison ein umfangreiches Programm: Musiktheater, Schauspiel, Ballett, Fritz-Reuter-Bühne (Plattdeutsches Theater), Junges Staatstheater Parchim und Konzerte. In dieser Saison werden u.a. folgende Neuinszenierungen angeboten: Fidelio (Schlossfestspiele), Rigoletto, Orfeo ed Euridice, Die tote Stadt, Weiße Rose, Chess – The Musical, Mephisto, Mutter Courage und ihre Kinder.

—| Pressemeldung Mecklenburgisches Staatstheater |—

Wien, Oper in der Krypta, OPERA DIVA – Soloabend Isabella KUESS, IOCO Kritik, 02.10.2019

Oktober 2, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Oper, Peterskirche

 Peterskirche  / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 OPERA DIVA –  Soloabend Isabella Kuëss

Oper in der Krypta – Peterskirche von Wien

von Marcus Haimerl

Nicht nur zahlreiche Opernaufführungen bietet Oper in der Krypta dem Publikum, auch die (Solo-)Konzerte begeistern regelmäßig das Publikum in der Krypta der Wiener Peterskirche.

In ihrem Soloprogramm OPERA DIVA singt die Wiener Sopranistin Isabella Kuëss einige der großen Arien der Opernliteratur, virtuos begleitet am Klavier von Victoria Choi. Das Motto des Abends wird hier durchaus ernstgenommen, die dramatischen Klänge der großen italienischen und deutschen Partien liegen der jugendlich-dramatischen Sängerin ideal in der Kehle und sie erweckt die unterschiedlichen Heldinnen/Diven mit viel künstlerischem Feingefühl zum Leben.

Den Abend eröffnete Antonín Dvo?áks Arie „M?sí?ku na nebi hlubokém (Mond, der Du am tiefen Himmel stehst) aus der Oper Rusalka, welche von Isabella Kuëss tieftimbriert und sehnsuchtsvoll vorgetragen wurde.

Zu ihren Paraderollen in der Krypta der Peterskirche zählt zweifelsohne jene der Floria Tosca aus Puccinis Meisterwerk Tosca. Folgerichtig durfte an diesem Abend die große tragische Arie der Tosca „Vissi d’arte“ nicht fehlen. Mit tiefer Inbrunst und schwelgend-weicher Stimme sendet Isabella Kuëss dieses Gebet zum Himmel.

Einer anderen Diva, der größten Schauspielerin ihrer Zeit, Adrienne Lecouvreur (1962 – 1730), widmete Francesco Cilea eine ganze Oper. In der Arie „Io son l’umile ancella“ beteuert Adriana Lecouvreur, nur eine Dienerin der Schauspielkunst zu sein.

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

In einem Programm mit dem Motto Opera Diva darf natürlich auch eine Arie nicht fehlen, die von allen großen Sopranistinnen interpretiert wurde, deren dazugehörige Oper jedoch leider sehr selten aufgeführt wird. „Ebben! Ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis Oper La Wally nach dem Roman Die Geierwally der aus München gebürtigen Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern. Nachdem Wally ihrem Vater, einem Gutsbesitzer, die Heirat mit dem Gutsverwalter verweigert, wird sie verstoßen und beschließt in dieser Arie, sich in die Einsamkeit der Hochalm zurückzuziehen. Diese Mischung aus Melancholie und Willensstärke weiß Isabella Kuëss in ihrer Interpretation gelungen zu vermitteln.

Mit „Pace, pace, mio Dio“, der großen Arie der Leonore aus La forza del destino widmet sich die Sopranistin schließlich dem Meister der italienischen Oper, Giuseppe Verdi. Sie beginnt das Gebet mit feinzieselierten Piani und berührender Schwermut, bis die Verfluchungen am Ende in glanzvoller Dramatik hervorbrechen und für Gänsehaut sorgen.

Der Abschluss des ersten Teils gehörte schließlich der machtgierigen Lady Macbeth. Bei „Vieni, t’affretta … Or tutti sorgete“ aus Verdis Macbeth, der wohl bekanntesten Arien zum Thema Motivation, verfärbte sich die Krypta blutrot und kurzerhand wird der Brieföffner der Lady zur gefährlichen Waffe. Hier entfaltete sich die ganze vokale Dramatik der Sopranistin zu einem fulminanten Finale vor der Pause.

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Victoria Choi erweist sich nicht nur als erstklassige Begleiterin durch den ganzen Abend, sie brilliert auch in ihren auf das Programm abgestimmten Solostücken. Mit einer feinfühligen Interpretation der Ouverture aus Verdis La Traviata beweist die Pianistin ihr Talent für Italianità ebenso, wie in der virtuos-beschwingten Ouverture zu Donizettis L’elisir d’amore.

Im zweiten Teil des Abends begeisterte Victoria Chois intensive und tiefschürfende Interpretation nochmals mit einem Klavierwerk Johannes Brahms: aus den 6 Klavierstücken Opus 118 erlebte das Publikum die Nr. 2, das Intermezzo andante teneramente in A-Dur.

Nach der Pause widmete sich Isabella Kuëss dem deutschen Fach. Zu Beginn stand Carl Maria von Weber mit Agathens Arie „Wie nahte mir der Schlummer… Leise, leise, fromme Weise“ aus Der Freischütz. Schon bei der Interpretation dieser Arie erkennt man die besondere Eignung der Sängerin für das deutsche Fach. Auch bei Richard Wagner ist Isabella Kuëss sichtlich zu Hause. Nicht umsonst war die Sopranistin 2018 Stipendiatin des Wiener Wagner-Verbands. Mit „Stehe still!“ aus den Wesendonck-Liedern und Elsas Arie „Einsam in trüben Tagen“ aus Lohengrin konnte sie das Publikum begeistern. Sanft und wunderschön lyrisch hallt hier der Ruf nach dem ihr Rettung verheißenden Ritter in der Kuppel der Krypta wider.

Auch Richard Strauss durfte in diesem Programm nicht fehlen und was könnte besser passen, als die Arie einer Rolle, die sich im ersten Teil der Oper Primadonna nennt. Mit „Es gibt ein Reich“ aus Ariadne auf Naxos gelingt es Isabella Kuëss, die Düsternis des von Ariadne besungenen Totenreichs in der Krypta spürbar zu machen.

Der offizielle Teil des Abends endete im Grunde mit einer Begrüßung und kehrt zu Richard Wagner zurück. Mit der berühmten Hallenarie aus Tannhäuser, „Dich teure Halle grüß ich wieder“, vermag Isabella Kuëss noch einmal mit voller Dramatik und scheinbar mühelosen, glänzenden Spitzentönen zu begeistern.

Mit der ersten Zugabe kehrte die Sängerin mit einer der beliebtesten Arien aus der selten gespielten Oper Gianni Schicchi zu Puccini zurück. Ihr schmelzendes „O mio babbino caro“, voll sehnsüchtiger Legati und frischer Höhen machte diese oft gehörte Arie doch erneut zu einem Genuss.

Mit der letzten Zugabe wandte sich die Künstlerin nochmals Richard Wagner und den Wesendonck-Liedern zu. Als Studie zu Isoldes Liebestod geschrieben, erklingt „Träume“ als ein versöhnender Abschluss, sozusagen als Liebeserklärung an die Bühne.

Mit diesem positiven Grundton endete ein besonderer Konzertabend, der vom Publikum mit entsprechendem Jubel bedacht wurde.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Adriana Lecouvreur konzertant – mit Anna Netrebko, IOCO Kritik, 07.09.2019

September 7, 2019 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

ADRIANA LECOUVREUR  konzertant – Francesco Cilea (1866–1950)

Anna Netrebko  –  Eine Diva ist eine Diva ist eine Diva

von Kerstin Schweiger

Adrienne Lecouvreur betritt die Bühne und das Publikum liegt ihr spätestens nach den ersten Tönen zu Füßen. Die Darstellerin von Adrienne Lecouvreur steht hoch in der Gunst des Publikums und erobert ihre Zuhörer im Handstreich.

Besprochene Vorstellung – 4. September 2019

So mag es sich um 1717 in der wenige Jahrzehnte zuvor gegründeten Comédie Francaise in Paris zugetragen haben, als die junge Adrienne Lecouvreur, Tochter einer Wäscherin und eines Hutmachers, dort in den Dramen des französischen Hofdichters Jean Racine auftrat und höchste Anerkennung und Zuneigung für ihren damals neuen unpathetischen Darstellungsstil erhielt.

So mag es 1913 gewesen sein, als die große französische Tragödin Sarah Bernhardt für ihre Darstellung der historischen Figur Adrienne Lecouvreur (nach dem Drama von Eugène Scribe) in einem Stummfilm gefeiert wurde.

Und so ist es in 2019, wenn Anna Netrebko die Bühne der Deutschen Oper Berlin betritt und mit großer Geste, tiefer Sprechstimme und einem Buch in der Hand eine Theaterrolle memorierend die erste Arie der Adriana beginnt. Auf drei Erlebnis-Ebenen vollzieht sich dabei das gleiche Bild und gibt den perfekten Rahmen für diese Aufführung.

Deutsche Oper Berlin / Adria Lecouvreur hier Alessandro Corbelli und Anna Netrebko © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Adria Lecouvreur hier Alessandro Corbelli und Anna Netrebko © Bettina Stöß

Anna Netrebko – Sie kam, sah und – sang!

Presse und Fans hatten bis kurz vor der ersten von zwei konzertanten Aufführungen von Francesco Cileas Operndrama Adriana Lecouvreur an der Deutschen Oper Berlin spekuliert, ob Sopran-Superstar Anna Netrebko tatsächlich nach Berlin kommen und die Titelpartie singen würde. Hatte die Sängerin doch im vergangenen Sommer mehrfach Aufführungen, u.a. auch eine von drei konzertanten Aufführungen bei den Salzburger Festspielen abgesagt. Doch sie kam sah und – sang!

Francesco Cilea (1866–1950) galt neben Puccini als ein möglicher Nachfolger in der  Verdi-Tradition. Adriana Lecouvreur ist sein bis heute bekanntestes Werk mit zwei populären großen Sopran-Arien („Ecco … Io son l’umile ancella“ und „Poveri fiori“). Nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem wiederkehrenden Klassiker der Opernliteratur. Selbst Giuseppe Verdi soll mit dem Gedanken gespielt haben, ein Musikwerk über die Schauspielerin zu schreiben. Denn der Diven-Kult zieht. Gilt doch Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin. Und so hat sich Netrebko in den vergangenen Jahren auf großen Bühnen der Welt in berührenden Interpretationen der Adriana zueigen gemacht. Szenisch in der Metropolitan Opera in New York und an der Wiener Staatsoper, konzertant erst vor wenigen Wochen bei den Salzburger Festspielen.

Das unübersichtliche Eifersuchtsdrama (nach einer Vorlage von Eugène Scribe, der es 1849 in einem Theaterstück über Adrienne Lecouvreur dramatisierte), in dem Veilchen mit Nebenwirkungen eine Rolle spielen, und das sich auf die historische Figur der französischen Schauspielerin Adrienne Lecouvreur bezieht, die ab 1717 an der Comédie Française in Paris ein gefeierter Star war, endet für die Titelheldin jedenfalls tödlich. Adrienne und die Fürstin von Bouillon sind beide in den Grafen Moritz von Sachsen verliebt. Am Ende stirbt Adrienne, mutmaßlich durch einen giftigen Veilchenstrauß der Nebenbuhlerin, nachdem Moritz sich zu ihr bekannt hat.

Es scheint richtig, das Stück konzertant anzusetzen, Cileas farbige, emotionale Musik eignet sich bestens für den dramatischen Gestus, bei dem Anna Netrebko darstellerisch aus dem Vollen schöpft, auch ohne Bühnenbild, Kostüme und eine Inszenierung. Die Theater-auf-dem-Theater-Thematik der Oper lässt die Partie der Adriana zu einer Paraderolle für Anna Netrebko werden. Und die macht sie sich von Beginn an zu eigen. Wie es zur Zeit der echten Lecouvreur am Theater Usus war, sorgte sie auch für pompöse Kostüme.

Deutsche Oper Berlin / Adriana Lecouvreur - hier : Padraic Rowan, Ya-Chung Huang, Anna Netrebko, Vlad Borovko, Aigul Akhmetshina und Orchester © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Adriana Lecouvreur – hier : Padraic Rowan, Ya-Chung Huang, Anna Netrebko, Vlad Borovko, Aigul Akhmetshina und Orchester © Bettina Stöß

In einem fließenden grünen Gewand (es folgen im Laufe des Abends ein orangefarbenes glitzerndes und ein schlichtes schwarzes) schreitet Netrebko zur Tat, mit der ersten Arie „Io son l’umile ancella“ als bescheidene Dienerin der Kunst, wie es im Stück heißt, setzt sie den Maßstab für alles Kommende. Voll, tief in der Mittellage und dunkelst gefärbt, führt sie die Stimme mühelos in die Höhe, vom Fortissimo ins Pianissimo und zurück. Stimmlich und darstellerisch zieht sie alle Register, deklamiert, gestikuliert, gibt pantomimisch eine große Theaterszene im Hintergrund und räumt sogar dabei einmal ein Notenpult der Kollegen beiseite, wenn es das dramatische Schreiten entlang der Rampe stört.

An ihrer Seite wirft sich Yusif Eyvazov als Moritz von Sachsen, darstellerisch empathisch, mit Spannung und Verve in die Rolle. Er tritt in große Fußstapfen, was die Erwartungen des Publikums betrifft. In der Uraufführung 1902 in Mailand sang Enrico Caruso die Partie, seine Interpretation war maßgeblich für den Erfolg der Oper. Stimmlich hat er keine Mühe, die geforderten Höhen zu erreichen, seine große Arie „L’anima ho stanca“ klingt makellos.

Doch auch Adrianas Mezzo-Gegenpart in Gestalt der Fürstin von Bouillon ist eine musikalisch dankbare Partie. Olesya Petrova ist gestalterisch viel feiner als Netrebko, mit vollem Mezzo-Sopran zeichnet sie musikalisch und gestisch ein differenziertes Bild der zwischen Rache, Liebe und Besorgnis schwankenden Fürstin von Bouillon. Ihr zur Seite eine der Entdeckungen des Abends: Patrick Guetti verströmt als Fürst von Bouillon eine so profunde wie warme und elegante Baßstimme, dass es eine Freude ist, ihn in den Ensembles herauszuhören.

Das Konzertzimmer der Deutschen Oper ist ein starker Resonanzraum, so gerät der gesamte Abend ein bisschen zu sehr auf die Fortissimo-Ebene, was schade ist, denn das Stück hat viele Parlando-Stellen, schnelle gesungene Dialoge mit Witz und Esprit. Michelangelo Mazza und das Orchester der Deutschen Oper Berlin gestalten die Tonsprache Cileas, die neben einem großen wiederkehrenden Schicksalsmotiv filmmusikhafte Anklänge fast vorwegnimmt, sehr farbenreich und emotional. Das Orchester läuft in langen Passagen zu voller Phonstärke auf. Netrebko und Eyvazov halten mühelos mit.

Aus dem spielfreudigen Ensemble ist Alessandro Corbelli  als treu ergebener Inspizient Michonnet Adriana ein anrührender Begleiter mit stimmlicher Noblesse. Ein großsprecherischer Abate di Chazeuil mit textlichem Biss ist Burkhard Ulrich. Ein exzellentes Quartett frischer, gewandter Stimmen bieten als Theaterkollegen der großen Lecouvreur, Aigul Akhmetshina (Mademoiselle Dangeville), Vlada Borovko (Mademoiselle Jouvenot) und Ya-Chung Huang (Poisson) sowie Padraic Rowan (Quinault). Der Chor der Deutschen Oper Berlin ist nur an wenigen Stellen, dort jedoch stimmgewaltig in die Aufführung eingebunden.

Nachdem Adriana in einer letzten dramatischen Szene einen melodischen Bühnentod gestorben ist, rufen die Fans in der Deutschen Oper einer der derzeitig bewundertsten Sängerinnen der Welt lautstark ihre Verehrung entgegen. Publikum und Akteure baden gleichermaßen im anhaltenden Schlussapplaus: jenseits und diesseits der Rampe schwingen Seelen im Gleichklang. Friede, Opernfreude, Einigkeit auf der Deutungsebene: so darf  Oper auch mal sein.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Adriana Lecouvreur mit Anna Netrebko, 04. – 07.2019

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com) 

ADRIANA LECOUVREUR –  Konzertant

Libretto Arturo Colautti nach Eugène Scribe und Ernest Legouvé, Uraufführung am 6. November 1902 am Teatro Lirico in Mailand

4. und 7. September 2019

Anna Netrebkos berührende Interpretation der Adriana ist auf den großen Bühnen der Welt von Wien bis New York Legende. An der Seite ihres Mannes Yusif Eyvazov als Graf Maurizio präsentiert sie sich nun an der Deutschen Oper Berlin in einer ihrer Paraderollen.

mit  Anna Netrebko und Ehemann – Yusif Eyvazov

Ein kompliziertes Netz von Intrigen, eine eifersüchtige Prinzessin, ein vergifteter Veilchenstrauß und eine begnadete Künstlerin, um deren Tod sich düstere Legenden ranken: Nichts Geringeres verwandelte Eugène Scribe in sein Theaterstück über Adrienne Lecouvreur, die bedeutendste Schauspielerin des frühen 18. Jahrhunderts. Seine dramatische Studie des verruchten, kunstsinnigen Ancien Régime von 1849 verarbeitete Francesco Cilea gut 50 Jahre später zu seiner wohl berühmtesten Oper ADRIANA LECOUVREUR. In der atemraubend unübersichtlichen Intrigenhandlung streiten sich Adriana und ihre Rivalin, die eifersüchtige Prinzessin Bouillon, um die Liebe des Grafen Maurizio, des historischen Grafen Moritz von Sachsen. Zwar rügten Kritiker schon bei der Uraufführung 1902 das nach Verismo-Maßstäben unwahrscheinliche Ende der Schauspielerin, die ein vergifteter Strauß Blumen zur Strecke bringt. Doch nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem unangefochtenen Klassiker der Opernliteratur. Vor allem die Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin.

BESETZUNG
Musikalische Leitung : Michelangelo Mazza, Chöre : Jeremy Bines, Maurizio : Yusif Eyvazov, Der Fürst von Bouillon : Patrick Guetti, Der Abbé von Chazeuil : Burkhard Ulrich
Michonnet : Alessandro Corbelli, Adriana Lecouvreur : Anna Netrebko, Die Fürstin von Bouillon : Olesya Petrova, Mademoiselle Jouvenot : Jacquelyn Stucker, Mademoiselle Dangeville : Aigul Akhmetshina, Quinault : Padraic Rowan Poisson :Ya-Chung Huang

Chöre
Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

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