Le maçon, Oper von Daniel-François Esprit Auber, IOCO CD-Rezension, 22.11.2019

November 21, 2019 by  
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ORFEO CD - Le Maçon / Oper von Daniel-François Esprit Auber © ORFEO

ORFEO CD – Le Maçon / Oper von Daniel-François Esprit Auber © ORFEO

Le Maçon (Maurer und Schlosser) – Oper von Daniel-François Esprit Auber

CD Besprechung:  ORFEO C 985 191, 2019   —  Walter Anton Dotzer, Franz Fuchs, Maria Salten u. a., Niederösterreichischer Tonkünstlerchor, Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Kurt Tenner. 

von Julian Führer

Auber – dem Parisreisenden bekannt als weitläufiger Umsteigebahnhof zwischen diversen Metrolinien und der Vorortbahn RER A. Der Opernkenner verbindet mit Daniel-François Esprit Auber den Komponisten von La muette de Portici, der Kenner der Geschichte des 19. Jahrhunderts eine legendäre Aufführung in Brüssel 1830, als ein Freiheitslied in dieser Oper bei einer Aufführung zu Unruhen im Publikum und anschließend auf den Straßen führte mit der Folge der Unabhängigkeit Belgiens – alles wegen einer Oper! Doch es gibt von Auber auch eine Oper Le maçon (Maurer und Schlosser) eine echte Rarität, aus der vom österreichischen Rundfunk im Jahr 1950 größere Auszüge im Studio aufgenommen wurden. Diese Auszüge liegen nun bei ORFEO in einer technisch aufbereiteten Form vor.

Aubers Kompositionen gehören zum Repertoire der französischen Romantik, von dem sich nur wenige Stücke bis heute auf dem Spielplan erhalten haben. Le maçon nach einem Libretto von Eugène Scribe wurde 1825 uraufgeführt. François Adrien Boieldieu brachte nur wenige Monate später La dame blanche heraus, gewisse Parallelen sind unüberhörbar (auch dieses Stück setzt mit einer Familienszene ein: hier eine Hochzeit, dort eine Taufe, bevor es zu Komplikationen kommt). Manche Bauernszenen aus der Ballettmusik Giselle von Adolphe Adam von 1841 scheinen von Aubers Ouvertüre inspiriert.

Die Ouvertüre zu Le maçon findet sich im 19. Jahrhundert wiederholt in Sammlungen wie zum Beispiel dem „Ouverturen-Album. Sammlung der beliebtesten Ouverturen für Pianoforte solo“ (ca. 1885); auch Heinrich Marschner nahm Teile in ein von ihm herausgegebenes Opernalbum auf. Eine gewisse Popularität war also gegeben, auch wenn das Werk inzwischen von den Spielplänen gänzlich verschwunden ist.

Im vorliegenden Zusammenschnitt werden die gekürzten Nummern der ohnehin schon eher kurzen Oper von einer Sprecherin verbunden. Mehrstrophige Lieder werden auf eine Strophe reduziert, Überleitungen gestrichen. Die dreiaktige Oper wird so auf eine Spieldauer von 52 Minuten reduziert, mithin passend für eine einstündige Radiosendung (abzüglich der Nachrichten und Programmhinweise) oder auch eine Langspielplatte.

Der erste und letzte Akt spielen im Pariser Vorort Saint-Antoine, also östlich der Bastille, heute mitten im Stadtgebiet, vor 200 Jahren eine eher ländlich geprägte Vorstadt. Nach der munteren Ouvertüre beginnt die Oper mit einer Hochzeitsszenerie. Der allgemeine Frohsinn wird mit Schellen untermalt, die beispielsweise Richard Wagner auch in der Buffo-Oper Das Liebesverbot nur wenige Jahre später verwendete. Der Bräutigam, der Maurer Roger (Walter Anton Dotzer), singt ein Lied, das im Refrain „Nur Courage, nicht verzaget, treue Freunde sind dir nah“ gipfelt, der vom Chor aufgenommen wird und gleichsam das Motto der Oper bildet. Die musikalische Faktur ist sehr nahe an Boieldieus Prenez garde, prenez garde, la dame blanche vous regarde“.

Die etwas garstige Nachbarin Madame Bertrand (Hildegard Rössel-Majdan) fragt sich, woher ein Maurer eigentlich das viele Geld für die Hochzeit nimmt – doch Roger hat einem Offizier einmal das Leben gerettet. Der Offizier Léon de Mérinville wird von Herakles Politis mit (leicht französisch klingendem) Akzent gegeben. Auf dem Rückweg von der Arbeit und sein „Nur Courage, nicht verzaget, treue Freunde sind dir nah“ singend, konnte Roger den Offizier aus der Hand von Mördern befreien. Seinen Namen wollte er nicht nennen, aber Léon konnte ihm doch aus Dankbarkeit heimlich sein gesamtes Gold zustecken. Wie es sich so trifft, kommt Léon bei den Hochzeitsfeierlichkeiten vorbei, und der eingangs vorgetragene Lobpreis der Freundschaft und Treue wird mehrmals wiederholt.

Es ist spät geworden; die Braut Henriette will sich ihrem neuen Gatten sanft entziehen, der in einem Duett etwas ungeduldig einen ersten Kuss fordert: „Will dir Weibchen seufzend klagen, wie lang ich einen Kuss schon entbehren muss“. In diesem Zusammenhang: Henriette (Maria Salten) ist gemäß Booklet „a young Parisienne“, aber sicher nicht „ein junger Pariser“ (ebendort).

Einiges ist aufgrund der starken Kürzungen im Handlungsablauf nicht ganz klar – und im musikalischen Geschehen erwartet man gemäß den Noten in den Ensembles stellenweise Einwürfe der Madame Bertrand, diese werden jedoch von einer Männerstimme gegeben. Eine männliche Solostimme scheint also in der Aufstellung des Booklets zu fehlen. Roger begegnet jedenfalls den Türken Usbeck und Rica, die einen Maurer und einen Schlosser suchen. Sie bieten Gold, verlangen aber sofortige Aufnahme der Arbeit. Roger will natürlich lieber seine Hochzeit feiern, da nötigen ihn die Türken zum Mitkommen.

Der zweite Akt spielt in einem von den Türken gemieteten Schloss. Irma (Hilde Rychling) singt mit den Haremsdamen ein Lied von der Freiheit; sie erwartet ihre Befreiung durch den Offizier Léon, der uns bereits im ersten Akt begegnet ist.

Roger und Baptiste gehen als Maurer und Schlosser „ohne Ruh‘, ohne Rast“ (hat sich Wagner in der Waltrautenszene der Götterdämmerung vom damals bekannten deutschen Libretto inspirieren lassen?) ans Werk an dem Schloss, auch wenn die Auftraggeber Usbeck und Rica ihnen schon sehr zwielichtig vorkommen. Die Namen der beiden sind ein Anklang an die Persischen Briefe (Lettres persanes) Montesquieus aus dem frühen 18. Jahrhundert. Roger und Baptiste sollen den Zugang zum Garten vermauern und mit Ketten sichern, so dass niemand aus dem Schloss entkommen kann…

Léon de Mérinville kommt wie jeden Abend vorbei, um heimlich seine geliebte Irma zu treffen. Irma hat vor der Flucht Bedenken, die Léon mit einem Eheversprechen zu zerstreuen sucht. Der Türkenstoff verweist noch ins Ancien Régime, die hier verhandelten Moralvorstellungen des deutschen Librettos atmen hingegen tief den Geist von Restauration und Biedermeier.

Rica, ein türkischer Sklave (sehr klar von Erich Kuchar gegeben) verrät den Liebenden aus Mitleid einen Ausweg. An dieser Stelle ist ein Schnitt hörbar – eine Korrektur während der Arbeit im Studio, oder wurde diese Szene in einer vollständigeren Fassung aufgenommen und erst später gekürzt? Usbeck (Peter Lagger) aber vertritt die Position eines Auftraggebers und ordnet die Festnahme Léons an. Der Schlosser Baptiste berichtet verängstigt, er habe einen weißen Geist gesehen – da naht der Maurer Roger zur Hilfe. Eigentlich sollen Léon, Irma und Baptiste jetzt von Roger eingemauert werden…

Der dritte Akt, wieder zurück in Paris, in Rogers Haus: Henriette grämt sich, da ihr Gatte Roger seine Frau schon am Hochzeitstag hat sitzen lassen (da er ja von den Türken mit Geldversprechungen und Drohungen angeworben wurde, was die Braut aber nicht weiß). Die Nachbarin Madame Bertrand stichelt und erkundigt sich boshaft, wo denn der Gemahl stecke – das Duett ist ein schönes Beispiel für eine Steigerung von Tempo und dramatischer Intensität.

Roger kehrt zurück – doch wurde er in einem verschlossenen Wagen zurückgebracht, so dass er nicht weiß, wo sich das Schloss der Türken und damit das Verlies seiner Freunde befindet. Madame Bertrand kann sich für einmal nützlich machen, da sie am Vortag den Wagen beobachtet hat und daher verraten kann, wo sich alle befinden. Kurzerhand werden alle befreit, danken den Freunden und singen alle gemeinsam nach der Melodie von „Nur Courage“ aus dem ersten Akt abermals das Lob von Freundschaft und Treue. Da in dieser Version der dritte Akt nur zwölf Minuten dauert, fehlt hier natürlich einiges.

Die technische Qualität der Aufnahme ist insgesamt akzeptabel. Die technische Aufbereitung besorgte Erich Hofmann. Am Anfang ist ein leicht geknittertes Tonband zu vermuten, da der Ton etwas ‚eiert‘ und nicht ausbalanciert ist. Im weiteren Verlauf irritieren einzelne verzögerte Echoeffekte und gegen Beginn ganz entfernt sogar die Stimme eines männlichen Sprechers – vielleicht Reste eines überspielten Bandes oder Überlagerungen bei einem Radiomitschnitt; . Die Tuttistellen in der Ouvertüre übersteuern etwas, der Chor gerät stellenweise so sehr in den Hintergrund, dass man ihn nur schemenhaft wahrnimmt. Zu den Gesangsstimmen insgesamt ist zu bemerken, dass diese fast 70 Jahre alte Aufnahme ein Dokument einer längst vergangenen Gesangstechnik ist: klare Stimmführung, viel Bruststimme, große Textverständlichkeit und damit einhergehend eine starke Betonung der Konsonanten, die außerhalb des deutschsprachigen Raumes bereits um 1900 als „Bayreuth bark“ stark kritisiert wurde. Gleichzeitig gehen alle Solostimmen sehr kantabel mit ihren Gesangslinien um und präsentieren eine Phrasierungskunst, die man auch heute gerne häufiger hören würde. Allenfalls Hilde Rychling scheint in der Arie der Irma zu Beginn des zweiten Aktes (kleine) Schwierigkeiten zu haben, die aber nicht ins Gewicht fallen.

Die Stimme der anonymen, aber hörbar österreichischen Sprecherin hat auf dem Band einigen Nachhall hinterlassen. Sie datiert die Handlung auf den Beginn des 18. Jahrhunderts, was letztlich aufgrund des Türkenstoffs auch sinnvoller scheint als eine Handlung zur Entstehungszeit (die das Booklet postuliert, während der Libettist Eugène Scribe hierzu keine Angaben geliefert hat).

Insgesamt bietet diese Neuerscheinung einen durchaus wertvollen Einblick in frühere Arten des Gesangs und der Vermittlung von Opern mittels Querschnitten und gekürzten Fassungen, die im ‚Promenadenkonzert‘ des Rundfunks oder auf den beiden Seiten einer LP Platz finden mussten. Der letzte Satz des Booklets bringt die prekäre Auber-Rezeption der letzten Jahrzehnte in folgendem Paradox auf den Punkt: „Auf der deutschen Bühne blieb diese Oper eines von Aubers beliebtesten Werken und wurde zuletzt 1950 in Wien aufgeführt.“

—| IOCO CD-Rezension |—

Augsburg, Theater Augsburg, Giselle – Ballett-Premiere – martini-Park, 26.10.2019

Oktober 16, 2019 by  
Filed under Ballett, Premieren, Pressemeldung, Theater Augsburg

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Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Giselle – Ballett von Adolphe Adam

Erste Ballettpremiere im martini-Park

Premiere: Sa 26.10.2019 19:30

Mit dem großen Klassiker Giselle startet das Ballettensemble des Staatstheater Augsburg am Samstag, den 26.10.19 in die neue Spielzeit. Die Kompanie zeigt Ballettdirektor Ricardo Fernandos neoklassische Inszenierung des romantischen Handlungsballetts erstmals in ihrer jetzigen Zusammensetzung, wobei sich auch die neuen Solist*innen dem Publikum vorstellen. Ivan Demidov bringt dabei gemeinsam mit den Augsburger Philharmonikern als neuer erster Kapellmeister die Musik von Adolphe Adam im martini-Park auf die Bühne.

Theater Augsburg / Giselle © Jan-Pieter Fuhr

Theater Augsburg / Giselle © Jan-Pieter Fuhr

Zum Libretto

Prinz Albrecht, ein verwöhnter und eigentlich verlobter junger Mann, wirbt ohne ernste Absichten um die Winzertochter Giselle und macht ihr als Bauer verkleidet Hoffnung auf die Ehe. Als der in Giselle verliebte Hilarion die Täuschung Albrechts aufdeckt, wird Giselle – wie von ihrer Mutter in bösen Vorahnungen befürchtet – zur elfenhaften Wili, die nachts junge Männer zum tödlichen Tanz verführt. Anders als in der ursprünglichen Fassung, ist Giselle in Ricardo Fernandos Deutung allerdings kein naives Bauernmädchen, das aus enttäuschter Liebe wahnsinnig wird. Vielmehr verhindert sie unter Opferung ihres eigenen Lebens, dass der trunkene Hilarion seinen Rivalen erschießt. Mit der Schuld an Giselles Tod behaftet, werden beide Männer in das Reich der Wilis gezogen, die hier keine flatterhaften Feen sind, sondern unheimliche, erdverbundene Geister.

Giselle ist eine tragische Geschichte über Liebe und Täuschung, die das Publikum seit seiner Entstehung begeistert. Das Ballett des Staatstheater Augsburg entführt die Zuschauer*innen in ein verträumtes und doch modernes Märchen, in dem die Grenzen von Realität und Vorstellung verschwimmen und in dem klassisches Handlungsballett eine kongeniale Verbindung mit Ricardo Fernandos zeitgenössischer Interpretation eingeht.

Besetzung
Musikalische Leitung Ivan Demidov, Choreografie & Inszenierung Ricardo Fernando
Bühne & Kostüme Dorin Gal, Video Rasmus Freese, Dramaturgie Sophie Walz
Choreografische Assistenz Carla Silva, Gefördert vom Freistaat Bayern und der Stadt Augsburg

Giselle –  Ana Isabel Casquilho / Ria Girard / Momoko Tanaka
Albrecht  – Gustavo Barros / Samuel Maxted / Alessio Pirrone
Hilarion  – Nikolaos Doede / Giovanni Napoli / Shori Yamamoto
Bathilde, –  Albrechts Verlobte Sewon Ahn / Gabriela Finardi / Moeka Yugawa
Berthe – Giselles Mutter Ana Isabel Casquilho / Ria Girard / Emily Wohl
Myrtha Sewon Ahn / Gabriela Finardi / Moeka Yugawa
Adlige / Volk / Wilis Sewon Ahn, Gustavo Barros, Ana Isabel Casquilho,
Franco Ciculi, Nikolaos Doede, Gabriela Finardi,
Ria Girard, Martina Di Giulio, Tamir Khuyag,
Hinako Kumagae, Samuel Maxted, Giovanni
Napoli, Alessio Pirrone, Cosmo Sancilio, Goncalo
Martins da Silva, Momoko Tanaka, Emily Wohl,
Shori Yamamoto, Moeka Yugawa.
Augsburger Philharmoniker

Premiere : Sa 26.10.2019 19:30 | martini-Park
Mit Einführung um 19:00 Uhr im Foyer
Zur anschließenden Premierenfeier sind die Zuschauer*innen herzlich eingeladen!

Weitere Termine
Sa 26.10.2019 19:30 | martini-Park
Do 07.11.2019 19:30 | martini-Park
So 10.11.2019 18:00 | martini-Park
Fr 15.11.2019 19:30 | martini-Park
Fr 29.11.2019 19:30 | martini-Park
So 01.12.2019 18:00 | martini-Park
Di 10.12.2019 19:30 | martini-Park
Sa 21.12.2019 19:30 | martini-Park
Sa 28.12.2019 19:30 | martini-Park
Mi 08.01.2020 19:30 | martini-Park
So 12.01.2020 15:00 | martini-Park
Fr 24.01.2020 19:30 | martini-Park
Fr 07.02.2020 19:30 | martini-Park
Fr 06.03.2020 19:30 | martini-Park
Einführung jeweils 30 Minuten vor Beginn.

—| Pressemeldung Theater Augsburg |—

Erfurt, Theater Erfurt, Thüringer Staatsballett – GISELLE, 10.11.2018

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Theater Erfurt

Theater und Philharmonie Thüringen

Theater und Philharmonie Thüringen / Das Thüringer Staatsballett tanzt Giselle im Theater Erfurt - Daria Suzi (Giselle) Alina Dogodina (Mutter) Herren des Thüringer Staatsballettss ©Viktor Koldamov

Theater und Philharmonie Thüringen / Das Thüringer Staatsballett tanzt Giselle im Theater Erfurt – Daria Suzi (Giselle) Alina Dogodina (Mutter) Herren des Thüringer Staatsballettss ©Viktor Koldamov

 Thüringer Staatsballett – Premiere GISELLE in Erfurt

Zum ersten Mal findet eine Premiere des Thüringer Staatsballetts nicht in Gera, sondern in Erfurt statt. Giselle ist die erste Koproduktion des Theaters Erfurt mit dem Thüringer Staatsballett von Theater&Philharmonie Thüringen. In Erfurt musiziert das Philharmonische Orchester Erfurt,  in Gera und Altenburg das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter der Leitung von Takahiro Nagasaki. Bühnenbild und Kostüme entwirft Verena Hemmerlein.

Theater und Philharmonie Thüringen / Das Thüringer Staatsballett tanzt Giselle im Theater Erfurt - Daria Suzi (Giselle) Herren des Thüringer Staatsballetts ©Viktor Koldamov

Theater und Philharmonie Thüringen / Das Thüringer Staatsballett tanzt Giselle im Theater Erfurt – Daria Suzi (Giselle) Herren des Thüringer Staatsballetts ©Viktor Koldamov

Am 10. November um 19.30 Uhr erlebt Silvana Schröders Adaption des fantastischen Balletts mit der Musik von Adolphe Adam ihre Premiere im Theater Erfurt. Die Geraer Premiere von Giselle  wird am 25. Januar 2019 die Ballettfestwoche eröffnen. Erstmalig treten die 22 Tänzerinnen und Tänzer des Thüringer Staatsballetts gemeinsam mit den 12 Eleven auf.

Theater und Philharmonie Thüringen / Das Thüringer Staatsballett tanzt Giselle im Theater Erfurt - Daria Suzi (Giselle) Kristian Matia (rechts) und Luis Piva ©Viktor Koldamov

Theater und Philharmonie Thüringen / Das Thüringer Staatsballett tanzt Giselle im Theater Erfurt – Daria Suzi (Giselle) Kristian Matia (rechts) und Luis Piva ©Viktor Koldamov

Ballettdirektorin Silvana Schröder inszeniert Giselles Geschichte als perfekte  Illusion und das Tanzen als einen Prozess der Selbstentfaltung. In Giselles entrückter Welt ist alles verdreht. Sie ist einsam, sehnsüchtig nach Liebe und tanzt sich voller Leidenschaft in ihre Träume hinein. Die Grenzen von Realität und Vorstellung, von Wahrheit und Täuschung verschwimmen. Findet Giselle in Albrecht einen Mann, dem sie vertrauen darf, einen Partner, der ihre Liebe aufrichtig erwidert?

 

Das 1841 uraufgeführte Ballett Giselle ist ein Schlüsselwerk der französischen Romantik. Sein Libretto von Théophile Gautier (1811–1872) basiert auf Heinrich Heines Schilderung einer deutschen Sage in De l’Allemagne (1835): dem Glauben an gespenstische, tanzende Luftgeister, die in der Nacht treulose Männer zu Tode tanzen. Das Tanzen, eines der Lieblingsmotive der Romantik, steht als eigentliche Handlung des Balletts im Mittelpunkt. So entscheidet der Tanz nicht nur über das Schicksal Giselles, sondern auch über das Leben ihrer Liebhaber. Mit seiner vielseitigen, lyrisch-eleganten Ballettmusik von Adolphe Adam (1803–1856) gehört Giselle bis heute zu den beliebtesten Werken des klassischen Balletts.

Einführungsmatinee – Ensemble und Regieteam stellen sich in Erfurt vor am  So, 28.10.2018 11 Uhr  Rang frei! Einführung und Probenbesuch am  Di, 06.11.2018 18.30 Uhr

Aufführungen im Theater Erfurt: 10. Nov. 14. Nov., 16. Nov., 30. Nov., 8. Dez., 29. Dez. jeweils 19.30 Uhr, 13.1. 15 Uhr, 20.1. 18 Uhr – Tel: +49 (0) 361 22 33 155, online unter www.theater-erfurt.de

Aufführungen im Großen Haus der Bühnen der Stadt Gera: 25. 1.19.30 Uhr, 23. März 19.30 Uhr, 24. März 14.30 Uhr und 19. April 19.30 Uhr – Tel: +49(0)365 8279105, online unter www.tpthueringen.de

—| Pressemeldung Theater und Philharmonie Thüringen |—

Innsbruck, Tiroler Landestheater, Martha oder Der Markt zu Richmond, IOCO Kritik, 29.03.2018

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater

Martha oder Der Markt zu Richmond  – Friedrich von Flotow

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“

Von Julian Führer

Den Loriot-Sketch „Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“ werden viele schon einmal gesehen haben; aber wer hat Martha gesehen? Diese Spieloper des 19. Jahrhunderts war von Anfang an ein Kassenschlager, ist in Aufführungsstatistiken bis in die 1960er, 1970er Jahre recht weit oben zu finden, heute ist Martha hingegen fast als Rarität anzusprechen. In Arienalben für Sopran findet man jedoch die „Letzte Rose“, und die Tenorarie „Ach so fromm, ach so traut“ (in der italienischen Fassung „M’appari“) ist immer noch ein Bravourstück. Doch was ist aus der Oper als solcher geworden?

Im Tiroler Landestheater Innsbruck, einem schönen Haus mit etwa 800 Plätzen, beweist man Mut bei der Spielplangestaltung – und dieser Mut zahlt sich aus! Tatsächlich eignet sich die Geschichte von einer gelangweilten Adligen Martha, die sich als Magd verkleidet und sich mit ihrer Vertraute auf einem Markt verdingt, eine Geschichte, in der man sich verkleidet und am Ende heiratet, vielleicht nicht zum Verhandeln großer Menschheitsprobleme – oder vielleicht doch? Die Regie von Anette Leistenschneider lässt immer wieder einen doppelten Boden erahnen, so sehr sie ansonsten am amüsanten Libretto und der brillant instrumentierten Partitur bleibt.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Zur Ouvertüre, die Seokwon Hong mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zunächst ruhig angehen lässt, sehen wir einen den ganzen Vorhang einnehmenden Union Jack: Wir sind in England. Wie so vieles dort ist auch die Fahne allerdings etwas in die Jahre gekommen, man sonnt sich in früherem Glanz, wenn sonst schon nicht immer die Sonne scheint… Vorhang auf: Lady Harriet Durham, Ehrenfräulein der Königin, langweilt sich, umgeben von Dienstmägden, mit ihrer Vertrauten Nancy. Da hilft auch kein überdimensionierter begehbarer Schrank mit natürlich viel zu vielen Kleidern! Nancy, etwas lebenspraktischer als ihre Herrin veranlagt, zeigt es mit einer kleinen geflügelten Puppe, die sie Harriet auf die Schultern setzt: Verlieben müsste sie sich, doch in wen? Da klopft bzw. hupt es: Lord Tristan Mickleford, der verliebte Vetter, im Schottenrock.

Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Aus dem englischen Regen kommt er ins Zimmer, spritzt noch aus Versehen die Damen mit dem Regenschirm nass (den er, wie eigentlich alles andere auch, nicht im Griff hat). Vorbeiziehende Mägde bringen Harriet auf eine Idee: als Mägde verkleiden und beim Markt mittun. Tristan bekommt eine Haube und protestiert, und Nancy und Harriet ziehen sich so an, wie sie sich wohl Mägde auf dem Markt vorstellen. Die dort tatsächlich auftretenden Mägde sehen zwar anders aus und die edlen Damen eher wie beim Karneval, aber hier wie auch sonst hat das Regieteam genau hingeschaut, heißt es nicht „Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Es würde (leider) zu weit führen, alle liebevollen Details aufzulisten, die Regie, Bühnenbild (Andreas Becker) und Kostüme (Michael D. Zimmermann) zu bieten haben. Die Inszenierung lehnt sich immer wieder ans England der fünfziger und sechziger Jahre an, ohne aufdringlich zu werden. Der reiche Pächter Plumkett und sein Stiefbruder Lyonel tragen Tracht, der Richter eine Perücke. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf, als Harriet und Nancy sich bei Plumkett und Lyonel verdingen und, ohne es zu ahnen, einen rechtsgültigen Vertrag über ein ganzes Jahr abgeschlossen haben.

Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss, und auch hier sind es die vielen Details, die den Erfolg so vollkommen machen. Ein paar Beispiele: Plumkett wirbt um die Mägde mit den Worten „Und seid fleißig ihr und flink, soll euch sonntags Porter lohnen und zu Neujahr Plumpudding.“ Auf der ersten Silbe des Puddings wird ein langer Triller eingeflochten – brillant! Aus dem Orchester sticht im ersten Akt die Oboe ganz besonders hervor. Die Umbaupausen zwischen erstem und zweitem sowie drittem und viertem Akt füllt das Orchester mit Musik, die eigentlich nicht zur Partitur gehört; zumindest im ersten Teil handelt es sich um Teile der Ballettmusik, die Flotow ursprünglich komponiert hatte, bevor er aus dem Stoff eine ganze Oper machte. Eine Wiederentdeckung! Und in Innsbruck stehen Solisten zur Verfügung, die auch den Bravourstücken Glanz verleihen. Susanne Langbein verkörpert auch optisch perfekt die gelangweilte Adlige, und bei der „Letzten Rose“ haben weder sie noch die Regie Angst vor Kitsch: eine Gartenbank mit Rosenranken, die Sterne funkeln am Bühnenhimmel, leichter Bühnennebel, Harfen aus dem Graben – kein Wunder, dass Lyonel gar nicht anders kann, als sich zu verlieben. Als er sein „Ach so fromm“ singt, läuft Joshua Whitener zu Höchstform auf. In dieser Perfektion und Intonationssicherheit auch in den Höhen können da nur wenige Aufnahmen mithalten. Andreas Mattersbergers sonorer Bass verleiht dem Plumkett viel Körper, doch ist er gleichzeitig agil und durchaus charmant, so dass dieser Plumkett mit seiner leichten Neigung zu Bierflaschen am Ende völlig zu Recht seine Nancy bekommt, die von der mit Lust und vollem Körpereinsatz spielenden Camilla Lehmeier dargestellt wird.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt ... - hier das Ensemble @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt … – hier das Ensemble @ Rupert Larl

Die Partitur Flotows ist ein Lehrstück, was Melodik, Instrumentierung und geschickten Aufbau angeht. Es wechseln Arien, Duette, Quartette, Ensembles, und jedes Mal ist etwas neu. Man hört die italienischen und französischen Einflüsse (Bellini, aber vor allem Boieldieu und Adolphe Adam), aus dem deutschen Bereich auch Weber und Lortzing. Als es kurz vor Schluss doch noch dramatisch wird, obwohl schon alles klar scheint, und Lyonel seine Harriet brüsk zurückweist, wird es kurz düster wie im Fliegenden Holländer.

Am Ende wird natürlich geheiratet; wie es dazu kommt, wird durch Puppen sehr rührend gezeigt. Der kurze Schlusschor hat etwas von einer Apotheose, und kurz vor dem Schlussakkord in G-Dur (Flotow hält sich meist an einfache Tonarten) platzt Tristan Mickleford herein, den wir schon fast vergessen hatten. – Auch er heiratet, nämlich eine Statistin, die zu Elgars „Pomp and Circumstance“-Marsch Nr. 1 (auch als „Land of Hope and Glory“ bekannt) huldvoll in die Menge winkt. Dieser Eingriff in die Partitur ist natürlich erheblich, szenisch bringt er einen enormen Effekt, musikalisch hingegen bleibt er problematisch. Das Orchester unter Seokwon Hong lässt mehrfach aufhorchen, so dass man nur bedauert, dass es immer wieder kleine Striche in den Ensembles gegeben hat. Auch im Libretto wurden Kleinigkeiten geändert. Warum muss man „Sie ist nicht klug“ statt „Sie ist so dumm“ singen, zumal es um Nachbars Polly geht, die nicht einmal anwesend ist?

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“:  Man kann nur hoffen, dass bald wieder Donnerstag ist. Diese Produktion, die bei der Premiere lange und einhellig gefeiert wurde, muss man gesehen haben!

Martha oder der Markt zu Richmond am Tiroler Landestheater; weitere Vorstellungen am 4.4.; 6.4.; 8.4.; 19.4.; 20.4.; 22.4.;26.4.;  29.4.; 11.5.; 30.5.; 2.6.2018

—| IOCO Kritik Tiroler Landestheater |—

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