Minden, Stadttheater Minden, Siegfried von Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.10.2017

Oktober 12, 2017 by  
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Stadttheater Minden 

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Wagner-Wunder in Ost-Westfalen.

Siegfried von Richard Wagner am Stadttheater  Minden

Von Guido Müller

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Seit 2015 wird am Stadttheater Minden, der Weserstadt, Richard Wagners Der Ring des Nibelungen durch dasselbe Team mit wesentlicher Unterstützung des Richard Wagner Verbandes Minden, der Nordwestdeutschen Philharmonie und zahlreicher regionaler Mäzene und Sponsoren erarbeitet. Treibende Kraft hinter diesem Mammut-Projekt und die Gesamtleitung liegt bei Frau Dr. Jutta Hering-Winckler vom Mindener Wagner Verband.

Diese großartige Initiative ostwestfälischen Bürgersinns und vor allem die sensationell gute Qualität der Aufführungen fand schon breite große positive Beachtung in den Feuilletons und auch überregionalen Medien. Auf Rheingold 2015 und Die Walküre 2016 folgte in sieben Vorstellungen – einschließlich der Generalprobe als Schulvorstellung-  Siegfried 2017, der dritte Abend der Tetralogie.

Vor allem musikalisch ist die besuchte vorletzte Vorstellung ein Ereignis. Dazu trägt neben der vorzüglich präzise, leidenschaftlich und die großen Bögen musizierenden Nordwestdeutschen Philharmonie unter dem langjährigen Chefdirigenten an der Oper Chemnitz und Wagner-Spezialisten Frank Beermann stark der Sänger der Titelpartie bei. Thomas Mohr singt und spielt den Siegfried in dieser Vorstellung nicht nur. Er verkörpert mit allen Fasern seiner Persönlichkeit und mit seinen enormen stimmlichen Möglichkeiten den jungen Pubertierenden auf dem Weg zum Erwachsen werden in allen Facetten bis zum Erwachen der Sexualität an der Seite Brünnhildes.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Die erwachende Frau auf dem von Feuer umgürteten Felsen, das der junge Furchtlose durchschritten hatte, hält der junge Siegfried ja zunächst in einem der vielen durch die kunstvolle, psychologisch fein ziselierte Regie vom Altmeister Gerd Heinz zugleich urkomischen undtief berührenden Momente für seine Mutter. Äußerlich entspricht Thomas Mohr zunächst kaum dem Klischee des tumben, muskelbepackten germanischen blonden Drachentöters. Um somehr kann Mohr die Rolle in den psychischen Facetten frei und fein ausspielen und auch alle komischen Aspekte darstellen, die dem Regisseur Gerd Heinz ein ganz besonderes Anliegen in diesem drittenTeil der Tetralogie sind.

Richard Wagner hielt diesen Ring-Abend für sein publikumswirksamstes und unterhaltsamstes, gar sein populärstes Einzelwerk. Das Werk enthält zudem im Rahmen der vier Teile viele Elemente eines Scherzos. Der Rezensent gesteht gerne, dass er sich hier der Meinung des Bayreuther Meisters anschließt.

Gerd Heinz legt großen Wert auf eine möglichst realistische und textnahe Darstellung. Die einzigen Verfremdungen liegen eigentlich in zwei Elementen: er verlegt die Handlung und Kostüme ins 19.Jahrhundert, nachdem er Rheingold und Walküre in frühere Jahrhunderte angesiedelt hatte (praktikables variables Bühnenbild mit dem großen umgreifenden Ring und geschmackvolle Kostüme: Frank Philipp Schlößmann). Zudem sind Gerd Heinz die komischen und märchenhaften Elemente dieser Oper besonders wichtig.

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Noch bedeutsamer für die Optik dieser Inszenierung, wie bereits in den zwei voraus gehenden Teilen des Rings, spielt das große Ring-Orchester, das im schönen Jugendstil-Theater von Minden nicht in den Orchestergraben passen würde, auf der Hinterbühne mehr oder weniger stark angeleuchtet hinter einem Gazevorhang. Auf diesen durchsichtigen Vorhang werden immer wieder Videos mit sichbewegenden Symbolen des Rings und Muster zur weiteren Erklärungprojeziert (sehr ansprechende und nicht vordergründige Videogestaltung: Matthias Lippert).

So ist fast während der ganzen Oper das Orchester zu sehen. Dies steht allerdings den ursprünglichen Absichten Wagners vom unsichtbaren Orchester entgegen, wie er es im Bayreuther Festspielhaus realisierte. Erst während des intimen großen Schlussduetts der Oper verschwindet das Orchester hinter dem Vorhang fast ganz im Dunkel

Damit sucht diese Produktion sicher vor allem die enorme Rolle herauszustellen, die das große vielstimmige und vielfarbige Orchester gerade auch im Siegfried im Zwiegespräch auch mit dem Gesang spielt. Zugleich ist es sängerfreundlicher, wenn die Sänger näher an der Rampe und dem Publikum singen als hinter oder über das Orchester hinweg, teilweise sogar auf Wendeltreppen, Aufbauten vor dem Bühnenportaloder von Seitenbalkonen. Das unterstützt auch die Textverständlichkeit und Spielnähe in vielen Szenen. Allerdings wird diese Stellung des Orchesters auf der Hinterbühne möglicherweise akustische Probleme für die Besucher oben und hinten auf den beiden Rängen bedeuten, die ich von meinem vorzüglichen Platz in der sechsten Reihe des Parketts aus nicht beurteilen kann.

Zudem steht der Dirigent mit dem Rücken zum Geschehen, so dass vor allem über Gehör und Bildschirme der Kontakt zu den Sängern besteht. Doch nichts wackelt in der Koordination. Hier macht sich die große Routine und Erfahrung von Frank Beermann mit Wagner-Opern bereits seit 2002 in Minden bemerkbar. Auch als musikalischer Chef am Opernhaus Chemnitz von 2007 bis 2016 wuchs er zu einem der „besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit“ (Eleonore Büning 2015)  heran.

 Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Der Sänger der Titelpartie des Siegfried Thomas Mohr gab in Minden sein Debüt in dieser Rolle. Während des ersten Aufzugs dieser sechsten und vorletzten Vorstellung des Mindener Siegfried-Marathons bemerkte ich, dass irgend etwas nicht ganz so stimmen kann, wie ich es von den stimmlichen Möglichkeiten diesen immer sehr intelligent und wortdeutlich interpretierenden, äußerst differenziert und strahlend frisch singenden großartigen Wagner-Tenors kenne.

Als Siegmund und Parsifal u.a. an den Opernhäusern von Halle (Saale) und Leipzig konnte ich ihn schon mit glänzenden Erfolgen bei Publikum und Kritik erleben. Und ich gestehe, er war der Hauptgrund meiner Reise zum Stadttheater Minden. Aber die Stimme klang leicht belegt und immer wieder suchte der Sänger im munteren Spiel des ersten Aufzugs mit Mime und am realistisch bedienten Blasbalg am rechten Bühnenrand, im Feilen und Schmieden des Schwertes Nothung am Amboss den Blick zum Dirigenten.Vor dem zweiten Aufzug wurde Thomas Mohr dann angesagt, dass er unter einem jahreszeitlich bedingt starken Infekt leide. Trotz starker Medikamente sei er indisponiert. Doch ab jetzt schien der Druck auf den Sänger genommen. Frei und besonders schön sang der Tenor nun gerade die mir besonders lieben lyrischen Stellen des zweiten Aufzugs,so dass sich  der berühmte Gänsehauteffekt einstellte.

Stadttheater Minden / Siegfried - 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Sichtlich gilt auch dem Charaktertenor Thomas Mohr die besondere Zuneigung diesem, im Vergleich zum ersten Aufzug mit den berüchtigten Schmiedeliedern weniger heroischen zweiten Aufzug voller Naturpoesie. Nur einmal hatte ich eine Schrecksekunde, als die Stimme leicht weg brach. Doch vielleicht war dies auch nur ein Moment der großen emotionalen Rührung, der auch Siegfrieds Monologe in diesem Aufzug ähnlich wie sein Gefühl der großen Einsamkeit und Verlassenheit nachder Ermordung Fafners und Mimes auszeichnet. Hier hat Thomas Mohr seine größten Augenblicke an diesem Abend wie später im Duett mit Brünnhilde.

Es ist faszinierend, wie Thomas Mohr diese Partie mit enormer Kraft, Konzentration, Differenzierung und Professionalität bis zum Ende dessich ins Hymnische steigernden Schlusses des Liebesduetts mit Brünnhilde gesungen und gestaltet hat. Über den Tenor der Uraufführung zitiert das Programmheft aus den Tagebüchern Cosima Wagners in einer erstaunend lächelnd machenden Parallele: „Siegfried geht gut vonstatten, man will behaupten, daß Herr Betz gar nicht heiser gewesen! Solche Wesen mögen andere ergründen,wir verstehen sie nicht.“

Thomas Mohr ebenbürtig seine Kollegen, unter denen ich zunächst den herausragenden finnischen Tenor Dan Karlström vom Opernhaus Leipzig als Mime nennen muss, der die Rolle nicht nur fein und eherkomisch als hinterlistig oder lächerlich, eher anrührend und als intellektuellen Tüftler denn heimtückisch und blöd spielt und wirklich belcantös singt. Sein Bruder und Schwarz-Alberich Oliver Zwarg hingegen besitzt die ganz große dunkle Dämonie und brutale stimmliche Eruption des sozial Ausgestoßenen und Verachteten. Im Jägerkostüm führt er seinen Nachwuchs Hagen als Jüngling gleich mit sich, um seinen Plänen zum Erwerb der Weltherrschaft durch den Ring und dem Untergang der Lichtalben Götter näher zu kommen. Stimmlich vermag es dieser Sänger mit jedem Ton durch Mark und Bein zu erschüttern. Eine bayreuthwürdige Weltklasse-Leistung!

Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Seinen Gegenspieler Wotan singt der bereits in seinem göttlichen Habitus stark erschütterte Wanderer, den der in dieser Partie auf großen Bühnen (zuletzt am Badischen Staatstheater Karlsruhe LINK ZU MEINER BESPRECHUNG) bewährte Heldenbariton Renatus Mészár strahlend und mit elegantem stimmlichen Profil auch in seinem im vom Regisseur zugewiesenen Habitus als Clochard verkörpert. Darunter leidet lediglich ab und zu die sprachliche Verständlichkeit.

Über eine erstaunlich deutliche Diktion der Wagner-Sprache verfügen die übrigen Sänger und Sängerinnen  – sogar der Waldvogel der herrlich trällernden und akrobatischen Julia Bauer. Deren Rolle fällt ja leider oft dem reinen Koloraturgesang zum Opfer, obwohl ihre Botschaften an Siegfried doch von großer Bedeutung für seinen künftigen Weg sind. Doch auch in ihrem Fall war Gerd Heinz die Wortverständlichkeit im Detail besonders wichtig. So, wenn Siegfried den zunächst optisch eindrucksvoll durch einen großen, sich ringelnden und aufbäumenden, durch mehrere phosphorisierende Glieder mit darin verborgenen Statisten des Ratsgymnasiums Minden verkörperten Drachen Fafner ersticht. Nachdessen Tode leckt Siegfried das Drachenblut und versteht nun den Gesang des Waldvögleins, das ihn zunächst zum Hort und Ring in der Drachenhöhle und später zur Braut führt. Fafner singt der erfahrene James Moellenhof, das langjährige Mitglied der Oper Leipzig, mit profundem Bass.

Es ist ein großer berührender Augenblick der Inszenierung, wenn Fafner sich im Sterben als Schattenriss aus dem Dunkel wie ein großer Unternehmer des Manchester-kapitalismus erhebt, dann das Licht strahlend auf ihn geworfen wird und wir mit Siegfried erschüttert in ihm den sterbenden Riesenmenschen erkennen (immer wieder bedeutsame,aber nicht aufdringliche Lichtgestaltung: Michael Kohlhagen).

Nachdem Siegfried den Drachen und den sich in seinen Mordabsichten verplappernden Tüftler-Zwerg Mime in einer Art Notwehrexzess aus dem Weg geräumt hat, streckt sich Siegfried unter einer Linde aus. Wirkommen zu einer der schönsten und berührendsten Szenen des Ring. Siegfried spürt das Alleinsein und ersehnt sich durch die Führung des Gesangs des Waldvogels „ein gut Gesell“ herbei. Thomas Mohr gestaltet diese Szene mit wundervoller Hingabe und lyrischer Zärtlichkeit,wie sie auch einem Lied von Franz Schubert anstehen.

Und der Waldvogel antwortet mit den herrlich gedichteten Worten: „Lustig im Leid sing‘ ich von Liebe, wonnig aus Weh‘ web‘ ich mein Lied:nur Sehnende kennen den Sinn.“  Wer denkt hier nicht an Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg, die Wagner während der mehrjährigen Unterbrechung ab 1857 an der Komposition von Siegfried schuf.

Zu Beginn des stürmischen dritten Aufzugs weckt der Wanderer-Gott Wotan zunächst die Urmutter Erda herauf (die souveräne Janina Baechle, die mit dieser Rolle u.a. bereits regelmäßig an der Wiener Staatsoper auftritt). Mit Erda hatte Wotan die Tochter Brünnhilde gezeugt. Ihr Göttervater Wotan hatte ihr selber die Göttlichkeit genommen, als er sie zum Ende der Walküre in den Schlaf auf dem von Feuer umbrandeten Felsen bannte und sie dem ersten Furchtlosen bestimmt. Erda zieht sich entsetzt über Wotans Machenschaften zu ewigem Schlafzurück. Wotan trifft anschließend auf den ihn furchtlos verhöhnenden Siegfried, der ihm im Kampf den Speer zerschlägt. Damit ist für Siegfried der Weg frei zum Walkürenfelsen. Dort erblickt erzum ersten Mal in seinem Leben eine Frau. Sie lehrt ihn das Fürchten. Aber nur kurz, denn er küsst sie wach und glaubt in ihr zunächst der Mutter zu begegnen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Brünnhildes Erwachen „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht!“ gestaltet die prächtig aussingende amerikanische Sopranistin Dara Hobbs zu einem strahlend hellen Sonnenhymnus. Dara Hobbs ist eine bereits auf verschiedenen Opernbühnen in den USA und in Deutschland (Frankurt/M., Bonn, Essen, Chemnitz, Regensburg, Bayreuth) erfahrene hochdramatische Sopranistin mit junger stimmlicher Frische u.a. der großen Wagner-Partien Senta, Sieglinde, Isolde und Brünnhilde, die sie nun in allen drei Ring-Opern in Minden und demnächst in Chemnitz verkörpern wird.

Im kammerspielartig intensiven Zusammenspiel mit Thomas Mohr entfalten nun beide stimmlich und darstellerisch die ganze Vielfalt dieses Sich-Näherns und Mißverstehens, des erotischen Neckens, körperlichen Anstachelns und emotionalen Sich-Ergebens, des Verängstigten und des Verschmelzens einer Liebesbegegnung. Auch hier spart Gerd Heinz nicht an Komik der Gesten – einschließlich des Faltens der Hände zum einträchtigen Flehen gen Himmel.

Am Ende großer Beifall und Standing Ovations des teilweise weit angereisten Publikums für alle Sänger, das Orchester, den Dirigenten und die Statisten. Auch die Bühnentechnik leistet Großartiges.

Das Fazit: Der Ring in Minden ist wirklich vor allem ein musikalisches Wunder. Im September 2018 wird eine fesselnde Götterdämmerung zu erwarten sein und 2019 schließlich zweimal die gesamte Tetralogie des Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden aufgeführt werden.

Nicht unerwähnt bleiben muss, last but not least, vor allem da kein Dramaturg der Produktion genannt wird, dass es ein vorzüglich informatives Programmbuch gibt, redaktionell gestaltet von Udo Stephan Köhne und Christian Becker. Es beinhaltet nicht nur das Textbuch, die Namen und Bilder wirklich aller Beteiligten – auch hinter der Bühne – und die üblichen ausführlichen Informationen zu den Künstlern sondern auch eine Chronologie sowie Richard Wagners Briefe zur Entstehungsgeschichte der Oper, ein Gespräch von Udo Stephan Köhne mit dem Regisseur Gerd Heinz und ausführliche Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte, zur Musik, wie zum Inhalt und Text.

Im Rahmen des Mindener Ring-Zyklus wird vom 3. bis 23.9.2018 Richard Wagners Die Götterdämmerung folgen und 2019 sind im September und Anfang Oktober zwei Ring-Zyklen der Tetralogie geplant. IOCO freut sich, ab jetzt mit verschiedenen Korrespondenten dabei sein zu können und darüber zu berichten.

Wagnerianer und alle Neugierigen, die Wagners spannendes Welt-Musiktheater an vier Abenden ohne große Verfremdungen des Regietheaters kennenlernen wollen, sollten sich die Termine in Minden (3. bis 23.9.2018)  vormerken.

Nach dem Ende der sommerlichen Festspiele in Bayreuth Ende August lässt sich aber auch das Bedürfnis nach einer vorzüglichen musikalischen Interpretation Wagners auf lustvollste Weise im Frühherbst in Minden stillen. Die sängerische Besetzung auf höchstem Niveau, der Ensemblegeist und die herausragende musikalische Leitung von Frank Beermann mit der Nordwestdeutschen Philharmonie dürften dem „ostwestfälischen Wagner-Wunder“  bereits heute Kultstatus unter Kennern verleihen.

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

Der Vorverkauf der Staatstheater Stuttgart für die Vorstellungen im September und Oktober 2017 hat bereits begonnen

Die aktuelle Spielzeit der Staatstheater Stuttgart neigt sich dem Ende zu. Der Vorverkauf für die Veranstaltungen im September und Oktober 2017 hat allerdings bereits begonnen:

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Am Freitag, 22. September 2017, eröffnet die Oper Stuttgart mit Peter Tschaikowskys Oper Pique Dame in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Am Samstag, 23. September, kehrt Benjamin Brittens Der Tod in Venedig und am Sonntag, 24. September, Gioachino Rossinis La Cenerenola zurück auf die Opernbühne. Zu einem musikalischen Streifzug durch die kommende Opern- und Konzertsaison lädt die Oper Stuttgart im Rahmen des spartenübergreifenden Spielzeit-eröffnungsfestes ebenfalls am Sonntag, 24. September, um 11 Uhr. Der Eintritt ist frei. Giacomo Puccinis Tosca in der Inszenierung von Willy Decker steht ab Montag, 25. September, wieder auf dem Spielplan.

Am Mittwoch, 27. September, kommen Freunde der Liedkunst auf ihre Kosten: Georg Nigl und Anna Lucia Richter interpretieren im 1. Liedkonzert Werke aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch. Im 1. Sinfoniekonzert der Saison am 8. und 9. Oktober 2017 dirigiert Hartmut Haenchen Werke von Mozart und Wagner und im 1. Kammerkonzert am Mittwoch, 11. Oktober, präsentieren Musiker des Staatsorchesters Werke von Schönberg, Beethoven und Brahms.

Die Eröffnungspremiere, Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel, am Sonntag, 22. Oktober 2017, inszeniert der vielfach ausgezeichnete Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikov, der zuletzt mit Salome auf der Stuttgarter Opernbühne begeisterte. Es dirigiert Georg Fritzsch. Eine ausführliche Pressemitteilung folgt.

Im Folgenden erhalten Sie eine detaillierte Übersicht über die ersten Musiktheater- und Konzerthighlights der kommenden Saison.


Spielzeiteröffnung 2017/18


Spielzeiteröffnungsfest
Sonntag, 24. September 2017, von 11 bis 18 Uhr

Am Sonntag, 24. September 2017, heißt es „Bühne frei für die neue Spielzeit“: Am Tag der Bundestagswahl eröffnen die Oper Stuttgart, das Stuttgarter Ballett und das Schauspiel Stuttgart die Spielzeit mit einem großen Spielzeiteröffnungsfest im Opern- und im Schauspielhaus sowie auf den Plätzen davor. Gemeinsam mit dem Publikum starten die drei Sparten singend, tanzend und spielend in die neue und letzte Saison der drei amtierenden künstlerischen Intendanten.

Von 11 bis 13 Uhr heißen Sänger, Musiker und das Leitungsteam der Oper Stuttgart das Publikum bei freiem Eintritt im Opernhaus willkommen und stellen einige Höhepunkte, prägende Akteure und Leitgedanken der kommenden Spielzeit vor. Die Sängerinnen und Sänger aus dem Ensemble und dem Opernstudio bringen dabei besondere musikalische Momente zu Gehör, bevor in einem zweiten Teil das größte Ensemble des Hauses seine Jubiläumssaison einläuten wird: Das Staatsorchester Stuttgart, das im Jahr 2018 sein 425-jähriges Bestehen feiert, präsentiert sich auf der Opernbühne sowie im Anschluss in den Foyers des Opernhauses und auf dem Opernvorplatz.

Um 13.30 Uhr und 14.30 Uhr lädt die Junge Oper Kinder von 5-7 Jahren zu zwei Vorstellungen des Sitzkissenkonzerts Frieda tanzt ins Opernhaus, Foyer III. Rang, ein.

Hinweis: Ab 18 Uhr werden die Ergebnisse der Bundestagswahl live ins Foyer des Schauspielhauses übertragen.


Erste Opernvorstellungen


Peter Tschaikowsky  –  Pique Dame
22. | 26. | 30. September 2017 // 13. | 16. | 25. | 31. Oktober 2017

Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Frank Beermann, Regie und Dramaturgie:, Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor und Kinderchor: Johannes Knecht

MIT: German: Erin Caves, Graf Tomski: Gevorg Hakobyan, Fürst Jeletzki: Shigeo Ishino, Tschekalinski: Torsten Hofmann, Surin: Michael Nagl, Tschaplitzki: Moritz Kallenberg, Narumov: Padraic Rowan, Gräfin: Helene Schneiderman, Lisa: Rebecca von Lipinski, Polina: Stine Marie Fischer, Gouvernante: Maria Theresa Ullrich, Mascha: Mirella Bunoaica, Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Benjamin Britten  –  Der Tod in Venedig
23. | 28. September 2017 // 05. Oktober 2017 // 13. | 22. | 29. Juni 2018 // 05. Juli 2018

Musikalische Leitung: Marco Comin, Regie und Choreographie: Demis Volpi, Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil, Dramaturgie: Sergio Morabito, Ann-Christine Mecke

MIT:  Gustav von Aschenbach: Matthias Klink, Reisender / Ältlicher Geck / Alter, Gondoliere / Hotelmanager / Coiffeur des Hauses /, Führer der Straßensänger / Stimme des Dionysos: Georg Nigl, Ashley David Prewett, Stimme des Apollon: Jake Arditti, William Towers, Apollon: David Moore, Hotelportier: Daniel Kluge, Bootsmann:, Tommaso Hahn, Hotelkellner / Restaurantkellner: Michael Wilmering
Erdbeerverkäuferin / Straßensängerin: Aoife Gibney, Glasbläser / Straßensänger: Kai Kluge, Englischer Angestellter im Reisebüro: Ronan Collett, Fremdenführer in Venedig: Padraic Rowan, Bettlerin: Fiorella Hincapié, Spitzenverkäuferin: Catriona Smith
Zeitungsverkäuferin: Cristina Otey, Die polnische Mutter: Joana Romaneiro, Tadzio: Gabriel Figueredo, Schüler der John Cranko Schule, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Gioachino Rossini  –  La Cenerentola

24. September 2017 // 01. | 08. | 15. | 20. Oktober 2017 // 01. November 2017

Musikalische Leitung: Maurizio Barbacini, Regie: Andrea Moses, Bühne: Susanne Gschwender, Kostüme: Werner Pick, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil
Dramaturgie: Thomas Wieck, Moritz Lobeck,

MIT:  Angelina: Lilly Jørstad, Diana Haller, Clorinda: Catriona Smith, Tisbe: Maria Theresa Ullrich, Don Magnifico: Enzo Capuano, Don Ramiro: Sunnyboy Dladla, Dandini: Bogdan Baciu, Alidoro: Adam Palka, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Giacomo Puccini  –  Tosca

25. | 29. September 2017 // 14. | 17. | 21. Oktober 2017 // 10. | 29. Dezember 2017 // 09. Januar 2018

Musikalische Leitung: Domingo Hindoyan, Giuliano Carella, Regie: Willy Decker, Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Chor und Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Juliane Votteler

MIT:  Floria Tosca: Svetlana Aksenova, Cellia Costea, Mario Cavaradossi: Arnold Rutkowski, Baron Scarpia: Sebastian Holecek, Albert Dohmen, Cesare Angelotti: Ashley David Prewett, Mesner: Karl-Friedrich Dürr, Spoletta: Heinz Göhrig
Schließer / Sciarrone: N.N., Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Eröffnungspremiere

Engelbert Humperdinck  –  Hänsel und Gretel
22. Oktober 2017,  weitere Vorstellungen 26. Oktober 2017; 04. November 2017 // 02. | 13. | 16. | 26. (nm+ab) Dezember 2017 // 07. (nm+ab) | 14. Januar 2018

Musikalische Leitung: Georg Fritzsch, Willem Wentzel, Regie, Bühne und Kostüme: Kirill Serebrennikov, Video: Ilya Shagalov, Licht: Reinhard Traub, Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke,

MIT: Vater: Michael Ebbecke, Simon Bailey, Mutter: Irmgard Vilsmaier, Catriona Smith, Hänsel: Diana Haller, Kora Paveli, Gretel: Esther Dierkes, Josefin Feiler, Knusperhexe: Daniel Kluge, Torsten Hofmann, Sandmännchen / Taumännchen: Aoife Gibney,, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart
Einführungsmatinee: 15. Oktober 2017, 11 Uhr, im Opernhaus, Foyer I. Rang


Erste Konzerte


1. Liedkonzert  –   Italienisches Liederbuch – Lieder von Hugo Wolf
27. September 2017, 20 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Sopran: Anna Lucia Richter, Bariton: Georg Nigl, Klavier: Gérard Wyss


1. Sinfoniekonzert  –  Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie C-Dur KV 551 („Jupiter“),
Richard Wagner:  Götterdämmerung-Suite

08. und 09. Oktober 2017, 11 Uhr bzw. 19.30 Uhr, Beethovensaal der Liederhalle

Musikalische Leitung: Hartmut Haenchen,  Staatsorchester Stuttgart


Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

1. Kammerkonzert  –  Weitergeben der Glut
11. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Mozartsaal der Liederhalle

Arnold Schönberg: Kammersymphonie Nr. 1 op. 9 in der Fassung von Anton von Webern (1906/1923) für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier,  Ludwig van Beethoven: Streichquartett f-moll op. 95 (1810), Johannes Brahms: Trio a-moll op. 95 (1891) für Klarinette, Violoncello und Klavier; Musikern des Staatsorchesters Stuttgart


1. Lunchkonzert  –  Musiker des Staatsorchesters Stuttgart
25. Oktober 2017, 12:45 – 13:15 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Eintritt frei

Junge Oper  Casting:  Für das Musiktheaterprojekt ON_THE_LINE
Alte Musikhochschule Stuttgart, Urbansplatz 2, 70182 Stuttgart

Gesucht werden abenteuerlustige Darstellerinnen und Darsteller zwischen 12 und 18 Jahren. Proben ab November 2017 jeden Mittwochabend von 18-20 Uhr, Intensivproben während der Pfingstferien 2018. Anmeldung auch unter: education@staatstheater-stuttgart.de

Wiederaufnahme  Leonard Evers  –  Gold
23.* | 24.* | 26. * | 27.* Oktober 2017 // 13.* |14.* | 16. | 17. |19.* | 21.* | 22. Dezember 2017 –  *Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Till Drömann, Regie: Jörg Behr, Bühne: Line Sexauer, Kostüme: Kerstin Hägele, Licht: Gianni Scopa, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke, Jacob: Philipp Nicklaus, Schlagzeug: Marta Klimasara


Wiederaufnahme


Gion Antoni Derungs  –  Benjamin

09.* | 11.| 13.* | 15.* | 17.* | 19. November 2017
*Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Jan Croonenbroeck, Regie: Neco Çelik, Bühne: Stephan von Wedel, Kostüm: Valentin Köhler, Dramaturgie: Johanna Danhauser, Licht: Rainer Eisenbraun,  Chor: Benjamin Hartmann

Mit: Ibrahima Biaye, Minyoung Catharina Häger, Thomas Herberich, Daniel Keating-Roberts, Konstantin Krimmel, Myriam Mayer, Monika Abel-Lazar, Philipp Nicklaus, Marc-Eric Schmidt, Lena Sutor-Wernich, Projektchor der Jungen Oper


Premieren


Die Premieren der Musiktheaterproduktionen Krieg von Marius Felix Lange und ON_THE_LINE finden am 27. April 2018 bzw. am 01. Juni 2018 statt.  PMOSt

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Die Puritaner von Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 27.05.2017

Mai 26, 2017 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

„Angst vor der Freiheit und dem Einsatz des eigenen Verstandes“

Die Puritaner von Vincenco Bellini

An der Staatsoper sind wieder Jossi Wielers und Sergio Morabitos phänomenale  Puritaner zu erleben

Von Peter Schlang

Vincenzo Bellini Grabmal © IOCO

Vincenzo Bellini Grabmal © IOCO

Nach fast einjähriger Pause kehrten am 21. Mai Vincenzo Bellinis Puritaner in der hoch gepriesenen Inszenierung des Hausherrn, Jossi Wieler, und seines Regiepartners, dem Chefdramaturgen der Stuttgarter Oper, Sergio Morabito, wieder auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zurück. Von dort waren sie zum Ende der letzten Spielzeit nach nur sechs Aufführungen verschwunden, was nichts über die Qualität dieser Produktion, aber viel über den abwechslungsreichen und voll gepackten Spielplan der Staatsoper Stuttgart aussagt, auf deren Bühne in der laufenden Saison sage und schreibe  21 verschiedene Opern zu sehen sind bzw. waren.

So musste sich das Stuttgarter Publikum bis zu diesem zweitletzten Maisonntag gedulden, bis es Bellinis letzte Oper wieder zu sehen und zu hören bekam, die am 25. Januar 1835 am Théâtre Italien in Paris ihre umjubelte Uraufführung  erlebt hatte.

Das bewährte Leitungs-Trio – zu den bereits genannten Herren gesellte sich erneut die geniale Ausstatterin Anna Viebrock – arbeitet auch in seiner dritten Stuttgarter Bellini-Oper die psychologisch und soziologischen Verwerfungen und Tiefen mit scharfen Kontrasten, beeindruckenden, vielschichtigen Bildern und einer faszinierenden Personenzeichnung und –führung heraus. Wieler-Morabito, die gerade ihre „Silberhochzeit“ als Regiegespann begingen, sind begnadete Geschichtenerzähler, wobei sie wiederum deutlich auch Aspekte des Theaters und dessen Realitätsbrechung betonen. Ihre Opernfiguren sind nicht bloß Träger ihrer Stimme und deren Ausdruckskraft, sondern schillernde Lebewesen mit tiefen Gefühlen und bedrückender, charaktervoller  Ausdruckskraft. Unterstützt und betont wird dieses Seelenvolle der Figuren durch gekonnt eingesetzte Ausstattungsstücke wie eine Marionette, marod-verklebte Stühle oder das Spiel mit Totenschädeln.

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Mit ihrem eigentlichen Bühnenbild, einem aus hohen Mauern bestehenden Raum mit Nischen, Fenstern und Balkonen, der gleichzeitig Burg, Kirche und Stadt darstellen kann, schafft  Anna Viebrock einen kongenial-düsteren äußeren Rahmen, der mit dazu beiträgt, die Seelen- und Gefühlswelt der Figuren spürbar und verstehbar zu machen. Dazu tragen auch die abgehängten, an die Wand gelehnten historischen Gemälde, die enthaupteten Heiligen- und Königsfiguren und eine rostende Eisenbrücke bei, welche die linken und die rechten Gebäudeteile, die sich im Übrigen häufig verschieben, wie eine brüchige Korsettstange  verbindet. Diese Installation setzt genauso pausenlos Assoziationen frei, wie sie auch die Beziehungen und – vor allem – die Kontraste von Musik und Handlung schonungslos offenlegt.

Gegenüber der Aufführungsserie nach der Premiere gab es einen Wechsel in der musikalischen Leitung, die nun  dem italienischen Dirigenten Manlio Benzi übertragen worden war. Er steuerte das Staatsorchester Stuttgart, das hier bei Bellini erstmals in einer italienischen Oper wie in deren französischem Pendant ganz im Vordergrund steht,  weitgehend souverän, mit feiner Agogik, gutem Gespür für Spannung und Gehalt der Partitur und durchweg brillanter musikalischer Italianità durch den Abend. Allerdings schien im stellenweise doch sein Temperament durchzugehen, so dass ihm der Orchesterklang vor der Pause an einigen Stellen zu massig geriet. Dies führte dazu, dass die, wie gleich zu beschreiben sein wird, tadellosen Sänger-Darsteller punktuell eher klanglich zugedeckt als begleitet wurden.

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Die einzige beim siebenköpfigen Solistenensemble geplante  Besetzungsänderung konnte nur schauspielerisch realisiert werden, denn die für die  Rolle der Elvira vorgesehene Mirella Bunoaica hatte am Tag vor der Aufführung ein ärztliches Singe-Verbot erhalten. So spielte sie ihre Elvira stumm bzw. nur die Lippen bewegend, dafür  mit ungebremster darstellerischer Überzeugungskraft und erschütternder Intensität. Als an der Seite am Notenpult stehende Sängerin lieh die bereits bei der Premiere begeistert gefeierte und nun spontan aus dem Ausland nach Stuttgart beorderte Ana Durlovski der Rolle der Elvira und damit auch ihrer erkrankten Kollegin ihre Stimme. Wegen der langen Pause zwischen dem Premierenzyklus und der Wiederaufnahme hatte die umsichtig und verantwortungsvoll agierende Opernleitung davon abgesehen, Ana Durlovski auch schauspielerisch in die für eine Belcanto-Oper sehr anspruchsvolle Regie einzubinden. Beide Akteurinnen bewältigten ihre für sie neuen Aufgaben bravourös und ohne jeden Makel und erhielten dafür vom begeisterten Publikum sowohl Szenen- als auch stürmischen Schluss-Applaus. Dieser wurde auch den schon in der letzten Spielzeit bewährten und gelobten Stuttgarter Ensemblemitgliedern völlig zurecht  zu Teil: Die nur im ersten Akt auftretende, wie immer ohne jeden Tadel agierende Diana Haller als Enrichetta von Frankreich, Roland Bracht,  ältestes aktives Stuttgarter Ensemblemitglied, in der Rolle Lord Valtons, Elviras Vater; der albanische Bariton Gezim Myshketa als Riccardo; der polnische Bassist Adam Palka als etwas zu juvenil wirkender,  omnipräsenter Strippenzieher Giorgio, Elviras Onkel und  Vertrauter und eigentlicher Erzieher, sowie Heinz  Görig in der Rolle des Puritaner-Offiziers Bruno. Einziger Gast inmitten des Stuttgarter Ensembles ist  wieder der uruguayische Tenor Edgardo Rocha, der erneut als Arturo brillierte, und alle stimmlichen Herausforderungen bis hin zum zweigestrichenen D im Duett mit Elvira im dritten Akt unerschrocken und ungetrübt meisterte

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Bleibt zum Schluss noch, das auch in dieser Aufführung phänomenale, jederzeit stimmlich wie darstellerisch ohne jeden Makel präsente zweite Kollektiv  des Abends zu würdigen, den Staatsopernchor Stuttgart, der von Johannes Knecht in genial-perfekter Weise auf seine Auftritte eingestellt worden war. Ihm werden von Bellini unzählige Chöre und turbae-förmige Einwürfe übertragen, so dass er zu den in dieser Oper meistbeschäftigten Akteuren gehört. Dabei wurden die knapp sechzig Sängerinnen und Sänger nicht nur gesangstechnisch, sondern erst recht darstellerisch bis aufs Äußerste gefordert, etwa wenn sie durch pantomimisch-artistische Verdrehungen und konvulsivische Zuckungen den Zustand der Erstarrung  und Seelen-Kälte der puritanischen Gesellschaft unterstreichen oder deren Uniformität durch balletthafte Bewegungen verdeutlichen. Sie meisterten diese und andere Aufgaben aber mit einer Überzeugungskraft und Realitätstreue, dass dem Berichterstatter angesichts dieser puritanischen Freudlosigkeit, Borniertheit und des dahinter zum Ausdruck gekommenen Fundamentalismus das Blut in den Adern gefror.

Im Jahr 1834 forderte Vincenzo Bellini in einem Brief an seinen Librettisten  Carlo Pepoli, dass  „Eine Oper …uns durch Gesang zum Weinen, Schaudern und zum Sterben bringen“ müsse. Bis auf das letzte Element setzen die „Stuttgarter Puritaner“ diese Ansprüche ohne Wenn und  Aber um, und  es wird im Nachhinein völlig klar,  warum diese Produktion entscheidend mit dazu beigetragen hat, dass die Staatsoper Stuttgart im vergangenen Jahr zum wiederholten Male zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde.

Die Puritaner an der Oper Stuttgart: weitere Vorstellungen  27. und 29. Mai, am 2., 6., 16., 23. und 26. Juni sowie 12., 15., 17. und 24. Juli2017

Darmstadt, Staatstheater Darmstadt, Faust – Ein Mann ohne Eigenschaften, IOCO Kritik, 06.02.2017

Februar 8, 2017 by  
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Staatstheater Darmstadt

Staatstheater Darmstadt © IOCO

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„EIN MANN OHNE EIGENSCHAFTEN“

Charles Gounods Faust am Staatstheater Darmstadt

Von   Ljerka Oreskovic Herrmann

In Darmstadt hatte Gounods Faust 1861 seine deutsche Erstaufführung erlebt und dort ist heute wieder eine Fassung von Margarethe – wie das Stück ins Deutsche rückübersetzt hieß – wieder mit dem authentischen Titel zu erleben. Es beginnt mit einer von drei Seiten mit Wänden versehenen Bühne, auf der in der Mitte ein Kasten mit einer Klappe thront. Dieser ist, wenn sie fällt, als das klaustrophobische Studierzimmer – allerdings ohne zu studierende Bücher – zu erkennen. In ihm, wie auch in seinem alten Körper, ist Faust gefangen, den nun der smarte (helle Smokingjacke, Lackschuhe und Sonnenbrille) Méphistophélès befreit und ein neues Leben verspricht.

Staatstheater Darmstadt / Faust - Adam Palka als Mephisto - Andreas Wagner als Faust © Martina Pipprich

Staatstheater Darmstadt / Faust – Adam Palka als Mephisto – Andreas Wagner als Faust © Martina Pipprich

Méphistophélès – darstellerisch und musikalisch überzeugend Adam Palka – ist jedoch weniger ein diabolischer Charakter als ein Magier und Strippenzieher, der wie ein Zocker Freude daran hat, den stark verjüngten, fast schon spätpubertierenden Faust mit den Verlockungen des Lebens zu verführen. Doch hier genau liegt das Problem. Es ist zwar verständlich, dass ein alter Faust – von Andreas Wagner als ein in jeder Hinsicht gefangener Mann dargestellt – ausbrechen möchte, weil das Leben an ihm vorbei gegangen ist. Aber der junge Faust Philippe Do hat einen in der Höhe schön geführten Tenor – ist seltsamerweise blass und konturenlos. Singt der alte Faust noch, dass er den alles entscheidenden Schatz im Leben haben möchte („.. je veux un trésor / Qui les contient tous! … je veux la jeunesse!“ ), so weiß der junge Faust mit der „jeunesse“, der Jugend, nichts anzufangen. Nur der alte Faust scheint in der Walpurgisnacht, die hier im Bordell spielt und ihn kurz auftauchen lässt, Gefallen zu finden; der junge wendet sich angewidert ab.

Staatstheater Darmstadt / Faust - Adam Palka als Mephisto - Persicke als Margarethe - Bildstein als Martha © Martina Pipprich

Staatstheater Darmstadt / Faust – Adam Palka als Mephisto – Persicke als Margarethe – Bildstein als Martha © Martina Pipprich

Er verliebt sich in Marguerite (Katharina Persicke), die rein und unschuldig in ihrem Puppenhaus (innen sind Kinderzeichnungen an den Wänden und ein Teddybär zu sehen) behütet sein sollte, verhält sich aber wie ein Nerd, der weder seine Gefühle vortragen noch verführen kann. Er hängt an Méphistophélès Leine, ohne erkennbaren Lustgewinn. Marguerite dagegen freut sich über Liebesbeweise und nicht nur weil sie von Méphistophélès mit dem Gold gekauft und geblendet wird – sowohl musikalisch als auch von der Regie wird dies beim „Rondo vom Goldenen Kalb“ hervorragend bezeugt. Sie hat bis zum bitteren doch erlösendem Ende eine Haltung, Faust nicht. Vielleicht ist es dass, was uns Karsten Wiegand auf den Nachhauseweg mitgeben wollte: Es kommt auf die Haltung an – eine zeit- und epochengültige Maxime. So gesehen hat dann dieser zurückhaltende junge Faust seine Aufgabe bestens erfüllt. An dieser haltlosen Seele scheint sich selbst Méphistophélès verzockt zu haben.

Der Abend zerfällt in zwei Teile, der erste mit der Wandlung des alten in den jungen Faust bis hin zur Verführung Marguerites; der zweite, der sich ihrem gesellschaftlichen Absturz widmet. Katharina Persicke ist die kindlich-naive lebensfrohe Marguerite und ihr schlanker Sopran rundet das Gesamtbild ab. Ingrid Katzengrubers Marthe Schwerdtlein, die andere weibliche Figur und Kontrast dazu, ist als eine Marilyn-Monroe-Version zu erleben – vielleicht doch zu jung für diese durchtriebene Person mit der selbst Méphistophélès seine liebe Not hat. Jana Baumeister als Siébel ist ein großer Junge, der seine Liebe zu Marguerite noch nicht richtig artikulieren kann, aber echte Gefühle hegt. Valentin, Oleksandr Prytolyuk, ist Valentin, der vom Krieg gezeichnete Bruder Marguerites.

Staatstheater Darmstadt / Faust - Andreas_Wagner als Faust -Katharina Persicke als Margarethe - Chor © Martina Pipprich

Staatstheater Darmstadt / Faust – Andreas_Wagner als Faust -Katharina Persicke als Margarethe – Chor © Martina Pipprich

Michael Nündel, 1. Kapellmeister in Darmstadt, begleitet die Sänger und Sängerinnen sicher durch den Abend. Er neigt eher der romantischen Interpretation als scharfen Kontrasten zu, was wiederum die Regie z.B. bei der Chorszene mit den siegreich heimgekehrten Soldaten und Marguerites Bruder Vincent konterkariert: Die Musik schwelgt in der „gloire immortelle“ während die Soldaten äußerlich unversehrt durch die verschiedenen Zuckungen die Traumata der Psyche freilegen. Auch das Schlussbild, wenn die drei Wände zur Hälfte hochgefahren sind, bietet durchaus eine beeindruckende Szenerie: der Chor als Trauerfeier-Gesellschaft, die bald zum „buisness as usual“ übergehen wird.

Für das klar strukturierte Bühnenbild zeichnet Bärbl Hohmann verantwortlich, die Kostüme stammen von Ilse Welter-Fuchs, die Heutiges und Zeitloses wie stets gekonnt miteinander verbindet. Die Leitung des bestens spielenden und singenden Chores hat Thomas Eitler-de Lint und auch die Choreographie von Otto Pichler sowie die szenische Einstudierung von Geertje Boeden sollten nicht unerwähnt bleiben.

Am Ende gab es neben dem starken Applaus für das Sängerensemble, Chor und Orchester aber auch Buhs für das Regieteam. Vielleicht richteten sich diese weniger gegen die Inszenierung selbst, als gegen die Tatsache, dass es sich um keine genuin Darmstädter Neuproduktion handelt. Es ist eine starke Überarbeitung einer bereits 2009 in der Staatsoper Unter den Linden und dann 2011 am Nationaltheater Weimar bzw. ab 2014 im Schillertheater Berlin aufgeführten Inszenierung des heutigen Darmstädter Intendanten. Nichtsdestotrotz ein interessanter Abend. Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Faust von Charles Gounod, weitere Vorstellungen am Staatstheater Darmstadt: 18.2.2017, 10.3.2017, 14.4.2017, 4.5.2017, 12.5.2017, 19.5.2017, 6.6.2017, 24.6.2017

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