Hildesheim, TfN, Johanna auf dem Scheiterhaufen – Arthur Honegger, IOCO Kritik, 27.06.2018

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Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

 Johanna auf dem Scheiterhaufen – Arthur Honegger

–  Mythos Jeanne d’Arc –

Von Randi Dohrin

 Jeanne la Pucelle, Jeanne d’Arc oder, wie im deutschen Sprachraum geläufig, die Jungfrau Johanna von Orléans, war bereits zu ihren Lebzeiten ein Mythos. Mitten im 100-jährigen Krieg zwischen England und Frankreich, wurde 1412  Jeanne d’Arc in Domrémy (Lothringen) geboren. Nach ihren eigenen Angaben, hatte sie bereits im Alter von 13 Jahren ihre ersten göttlichen Visionen, in denen ihr die Heilige Katharina, der Erzengel Michael und die Heilige Margareta erschienen waren. Sie gaben ihr den Auftrag,  Frankreich von den Engländern zu befreien und dem rechtmäßigen französischen Thronfolger zu seinem Thronrecht zu verhelfen.

 Jean d´Arc Denkmal in Orléons © IOCO

Jean d´Arc Denkmal in Orléons © IOCO

Im Alter von 17 Jahren zog Jeanne d’Arc mit in die bedeutende Schlacht von Orléans. Mutig spornte sie das französische Heer zu Höchstleistungen an und siegreich gelingt es ihnen, die Engländer zu vertreiben. Somit konnte Karl der VII. von Frankreich am 17. Juli 1429 zum König gekrönt werden.

Mit diesem glorreichen Sieg über England,  war in Frankreich  jedoch immer noch kein Frieden eingekehrt. Jeanne d’Arc stellte sich erneut an die Spitze des französischen Heers und in dieser – militärisch eher unbedeutenden – Schlacht von Compiégne wird sie 1430 durch Johann II. von Luxemburg gefangen genommen. Nach sieben Monaten  Gefangenschaft im Kerker, wurde sie für eine namhafte Summe an die Engländer verkauft, die sie der katholischen Gerichtsbarkeit übergaben.

In einem Schauprozess wurde sie als Ketzerin verurteilt und 19-jährig am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. Einen Widerruf, der sie gerettet hätte, unterschrieb sie nicht. Sie übergab sich im Glauben an die überirdische Liebe dem Feuer.

24 Jahre nach ihrem Tod wird das Todesurteil aufgehoben und das Bauernmädchen Jeanne wird zur Märtyrerin erklärt. Seit dem 19. Jahrhundert gilt Jeanne d’Arc als Heldin und Nationalmythos der Franzosen. 11 Jahre nach ihrer Seligsprechung durch Papst Pius X., sprach sie Papst Benedikt XV. im  Jahre 1920 heilig.

Die Geschichte der Jungfrau von Orléans regte immer wieder die Künste an, etwa in Werken von Friedrich Schiller, Giacomo Rossini, Guiseppe Verdi, Berthold Brecht, George Bernhard Shaw oder Arthur Honegger und Paul Claudel   mit dem dramatischen Oratorium Johanna auf dem Scheiterhaufen.

Dieses, 1938 in Basel konzertant uraufgeführte Oratorium  Johanna auf dem Scheiterhaufen von Arthur Honegger,  stand am 23. und 24. Juni 2018 auf dem Programm des 5. Sinfoniekonzerts des Theaters für Niedersachsen, das von Honegger und Claudel als Aufschrei gegen eine chaotische ungerechte Welt und staatliche Willkür verstanden werden sollte. Claudel setzte  Tiere als Richter ein in diesem Scheinprozess  und Honegger überhöhte diese Farce noch musikalisch durch Jazzkompositionen innerhalb der Gerichtsszenen.

Mit  diesem Werk verwirklichte Honegger die besondere musikalische Mischform des Sprech- und Musiktheaters, wobei er den Text nicht durchgängig dramatisch vertonte. In deutscher Sprache zeichnete das TfN Hildesheim in 11 Szenen reale und imaginäre Stationen, aus dem Leben der Jungfrau von Orléans nach.

 TfN Niedersachen / Achim Falkenhausen © T.Behind-Photographics

TfN Niedersachen / Achim Falkenhausen © T.Behind-Photographics

Das Oratorium beginnt am Tag der Hinrichtung in Rouen am 30. Mai 1431 mit einem  raunendem Chor  zum Erschauern und Eintauchen in dieses grausame Geschehen und beeindruckend mystisch schwebend, meisterte der Kinderchor seinen Part. Spannungsvoll eindringlich von einer Kinderstimme vorgetragen, ertönte der Satz ...“Es war ein Mädchen namens Jeanne!“

Den insgesamt stark geforderten, dabei bestens disponierten Chören, gelang unter der Einstudierung von Chordirekter Achim Falkenhausen, die spannungsvolle textverständliche Eindringlichkeit der Chorpartien dieses dramatischen Oratoriums. Die Umsetzung dieser Synthese aus Musik und Sprache,  gelang vor allem den Ensemblemitgliedern des  Musiktheaters, der TfN-Philharmonie und allen Chören des Theaters für Niedersachsen, einschließlich dem Symphonischen Chor Hildesheim, in fesselnder Weise.

TfN Niedersachen / Simone Mende © T.Behind-Photographics

TfN Niedersachen / Simone Mende © T.Behind-Photographics

In den Sprech-Hauptrollen der Jeanne d’Arc und Frére Dominique überzeugten  die Schauspieler Simone Mende und Marek Egert leider nicht, trotz der  hervorragend tragenden Untermalung des TfN Orchesters. Die „lässige“ Darstellung der beiden Solisten,  wurde der Dramatik des Oratoriums leider nicht gerecht. Die Gesangspartien bestritten grandios in ätherischer Intensität   Meike Hartmann (La Vierge, die heilige Jungfrau), Antonia Radneva (Marguerite), Neele Kramer (Catherine), Konstantinos Klironomos (Porcus, Herold 1, Schreiber und weitere), Uwe Tobias Hieronimi (Zeremonienmeister, Herold 2 und weitere) und  Levente György (Herold 3, Esel und weitere).

Achim Falkenhausen, als stellvertretender Generalmusikdirekter, übernahm an diesen beiden Konzertabenden die souverän ausgeführte Leitung.

Nach angemessenen Minuten des  Innehaltens, dankte das Publikum  applaudierend den zahlreichen Mitwirkenden für dieses  Konzerterlebnis.

—| IOCO Kritik Theater für Niedersachsen |—

Hildesheim, TfN, Johanna auf dem Scheiterhaufen – Arthur Honegger, 23. – 24.6.2018

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Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

 Oratorium – Johanna auf dem Scheiterhaufen  

Geballte Chor-Power

Beim 5. und letzten Sinfoniekonzert der Spielzeit 2017/18 steht Arthur Honeggers dramatisches Oratorium Johanna auf dem Scheiterhaufen auf dem Programm. Neben Ensemblemitgliedern aus den Sparten Schauspiel und Musiktheater stehen am 23. und 24. Juni alle Chöre des TfN vereint auf der Großen Bühne.

Das Dramatische Oratorium Johanna auf dem Scheiterhaufen von Arthur Honegger und Paul Claudel ist eine spannende Mischung aus Oper, Oratorium und Schauspiel. Am 23. und 24. Juni 2018 ist das Stück im Rahmen des 5. Sinfoniekonzertes zwei Mal im Theater für Niedersachsen zu erleben. Honeggers 1938 uraufgeführtes Oratorium zeichnet das Leben der Johanna von Orleans in elf Szenen nach, von ihrer göttlichen Berufung bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen. Musikalisch verknüpfen Wiederholungen und Variationen einiger charakteristischer Themen und Motive die teils fiktiven, teils historischen Szenen und ziehen sich durch die gesamte Komposition. Honegger bedient sich stilistisch sowohl Elementen der Folklore, dem choralen Kirchengesang, aber auch die Jazzmusik der 1935er Jahre wird teilweise parodiert. Das Einzigartige an diesem Werk ist, dass die Hauptrollen nicht gesungen, sondern von Schauspielern gesprochen werden.

Jean d´Arc Denkmal © IOCO

Jean d´Arc Denkmal © IOCO

Aus dem Schauspielensemble des TfN sind Simone Mende als Jeanne d’Arc und Marek Egert als Frére Dominique zu hören. Die Gesangspartien werden von Meike Hartmann, Antonia Radneva, Neele Kramer, Konstantinos Klironomos, Uwe Tobias Hieronimi und Levente György zu erleben. Geleitet wird das Konzert vom stellvertretenden Generalmusikdirektor Achim Falkenhausen, der als Chordirektor auch die Einstudierung aller TfN-Chöre übernommen hat. Und es sind tatsächlich alle Chöre des Hildesheimer Theaters an dem Oratorium beteiligt – Opernchor, Kinderchor und Jugendchor sowie der Symphonische Chor Hildesheim. Insgesamt erwarten 185 Sängerinnen und Sänger das Publikum.

Im Vorfeld des Konzertes findet im F1 um 18.20 Uhr wieder „Auftakt – das Konzert-Gespräch“ statt. Im Gespräch mit Dramaturg Maximilian Hagemeyer geben Mitwirkende des Abends einen ersten Ausblick auf das erklingende Konzert.

—| Pressemeldung Theater für Niedersachsen |—

Hildesheim, Theater für Niedersachsen, Die Blume von Hawaii – Paul Abraham, IOCO Kritik, 08.05.2018

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Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Die Blume von Hawaii  von Paul Abraham

Ein Paradies am Meeresstrand

Von Randi Dohrin

Es geht um das Schicksal Hawaiis und das Finden der wahren Liebe innerhalb unsäglicher Liebeswirren unter Südseepalmen. Der ungarische Komponist Paul Abraham (1892-1960), galt als einer der gefragtesten, erfolgreichsten und modernsten Operettenkomponisten der 1920er Jahre. Mit zunehmender Popularität siedelte er nach Berlin um, was ihm – nicht zu Unrecht – die Bezeichnung „Operettenkönig von Berlin“ einbrachte.

Abraham gelang mit der  spritzig mit- und hinreißenden Revue-Operette Die Blume von Haiwaii ein  rhythmisches Ohrenfeuerwerk romantisch herzanrührender Melodien,  im bruchlosen Wechsel des typisch swingend angehauchten Jazzsounds der 1920er Jahre. Die Blume von Haiwai wurde am 24. Juli 1931 in Leipzig uraufgeführt unter der Leitung des Komponisten.

Theater für Niedersachen Hildesheim / Die Blume von Hawaii hier_Peter_Kubik_ als Kapitän Stome, Meike Hartmann als Laya © F. von Traubenberg

Theater für Niedersachen Hildesheim / Die Blume von Hawaii hier_Peter_Kubik_ als Kapitän Stome, Meike Hartmann als Laya © F. von Traubenberg

Nun erlebt diese Operette im Theater für Niedersachsen (TfN) Hildesheim eine wohlverdiente Renaissance. Unter der  exzellenten Leitung von GMD Florian Ziemen, gelingt  die musikalische Rekonstruktion der Originalfassung dieser  Operette mit Bravour; in einer durchweg schmissig lockeren Musizierweise, perfekt abgestuft in der Dynamik und  den Tempi  erklingt eine gekonnte Interpretation.  Entsprechend anders ist das Orchester besetzt.

Die gelungene Inszenierung von Tamara Heimbrock, nimmt das Publikum, voller Humor und tänzerischer Leichtigkeit,  mit auf die sehnsuchtsvolle  Reise einer sehr illustren Gesellschaft. Honolulu ist in Aufruhr, denn kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts, soll Hawaii von den nordamerikanischen Besetzern befreit werden.

Theater für Niedersachen Hildesheim / Die Blume von Hawaii - hier: Meike_Hartmann als Laya, Ziad Nehme als Lilo Taro, Ensemble und Chor © F. von Traubenberg

Theater für Niedersachen Hildesheim / Die Blume von Hawaii – hier: Meike_Hartmann als Laya, Ziad Nehme als Lilo Taro, Ensemble und Chor © F. von Traubenberg

Meike Hartmann als Prinzessin Laya, die sich als die berühmte Sängerin Susanne Provence ausgibt,  wird zu diesem Zweck inkognito aus dem Pariser Exil geholt, um sie mit Ziad Nehme, dem Prinzen Lilo Taro, zu vermählen. Gouverneur Harrison hegt jedoch den Plan, seine Nichte Neele Kramer (Bessie), aus politischen Gründen mit dem Prinzen Lilo Taro zu verheiraten. Das gefällt seinem Sekretär Aljoscha Lennert  (John Buffy) nun überhaupt nicht, denn ihm gefällt die bezaubernde Bessie außerordentlich…

Peter Kubik (Kapitän Stone) verliebt sich in die vermeintliche Sängerin Susanne Provence, das Liebes-Verwirrspiel nimmt seinen undurchschaubaren Verlauf, in dem Uwe Tobias Hieronimi  als Jim Boy und Antonia Radneva als Raka ebenfalls ordentlich mitmischen. Die muntere Gesellschaft verschlägt es ins europäische  Monte Carlo und vier Paare finden endlich – nach einer geglückten komplizierten Entwirrung –  verliebt zueinander.

Theater für Niedersachen Hildesheim / Die Blume von Hawaii - hier : Meike_Hartmann als Laya, Ensemble und Chor © F. von Traubenberg

Theater für Niedersachen Hildesheim / Die Blume von Hawaii – hier : Meike_Hartmann als Laya, Ensemble und Chor © F. von Traubenberg

Die stimmlich alles andere als einfach zu interpretierenden Gassenhauer „Ein Paradies am Meeresstrand“, „Blume von Hawaii“, „My little boy“, „Will dir die Welt zu Füßen legen“, Bin nur ein Jonny, zieh durch die Welt“, „Die traumschöne Perle der Südsee“ und mehr erreichten allesamt Ohrenschmaus-Qualität durch die bestens disponierten Solisten und Chorsänger. Das mit sprudelndem Drive spielende Orchester des TfN Hildesheim, unterstützte nicht nur  die ausführenden Solisten und  hervorragenden Chöre (Leitung Achim Falkenhausen), es   ließ die von allen Darstellern mitreißend ausgeführte Choreographie von  Jaume Costa I Guerreros, temperamentvoll erblühen.

Die geschickte Gestaltung der Bühne und Kostüme der 1920er Jahre von Julie Weideli,  verliehen  dieser schwungvollen Operetten-Premiere den richtigen Rahmen und zusätzlichen Ausdruck.

Das begeisterte Publikum erlebte einen durch und durch gelungenen Operetten-Premieren-Abend.  Es bedankte sich mit lang anhaltendem rhythmischen Applaus bei allen Beteiligten und nochmals tosendem Beifall, als die  Musiker aus ihrem Orchestergraben auf die Bühne kletterten.

Die Blume von Hawaii am TfN, Hildesheim:  Weitere Vorstellungen 12.5.; 27.5.; 18.6.2018

 

—| IOCO Kritik Theater für Niedersachsen |—

Wolfsburg, Scharoun Theater Wolfsburg, Der Freischütz von Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 06.11.2017

November 6, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Scharoun Theater, Wolfsburg

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 17. Landesbühnentage Wolfsburg – 18 Landestheater zu Gast

Der Freischütz – Carl Maria von Weber

Von Thomas Kunzmann

Wolfsburg ist nicht die erste Adresse, an die man bei Kultur in Niedersachsen denkt – doch warum eigentlich nicht? Sicher, das Scharoun Theater Wolfsburg nennt weder ein Ensemble sein Eigen, noch eines der vielen historischen Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Kulturlandschaft Deutschlands so nachhaltig geprägt haben. Die Stadtgründung 1938 diente vorrangig der Beherbergung der Werksarbeiter, nicht einmal Kirchen waren vorgesehen. Erst 1945 erhielt die mittlerweile 125.000-Einwohner zählende Stadt ihren heutigen Namen nach der nahegelegenen Burg aus dem 14. Jahrhundert, von der aus man die bekannteren Wahrzeichen Wolfsburgs – Autostadt und Fußballstadion – sehen und hören kann.

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

1965 gewann der renommierte Berliner Architekt Hans Scharoun (Berliner Philharmonie, Staatsbibliothek zu Berlin, Deutsches Schiffahrtmuseum Bremerhaven) den von der Stadt ausgeschriebenen Theaterbau-Wettbewerb. Zwar war der Entwurf an den finanziellen Vorgaben bemessenen Möglichkeiten der Stadt zu groß geraten und einige Elemente, wie ein vorgelagertes Theatercafé und eine Freilichtbühne am Berghang, mussten entfallen. Dennoch konnte mit Hilfe des VW-Werkes der Bau realisiert werden und trägt deutlich Scharouns Handschrift. Das Haus rangiert bezüglich Akustik auf den vorderen Rängen in Deutschland und besticht zudem durch offene Architektur, hervorragende gastronomische Versorgung und eine weitläufige, repräsentative Lobby. Der Innenraum mit seinen von einem Mittelgang leicht abgewinkelten Reihen mit auffällig großzügigem Sitzabstand und Klimatisierungsschlitzen in den Rückenlehnen lässt von allen knapp 800 Plätzen uneingeschränkten Blick auf die Bühne zu. Seitenwände und Decke sind nach klanglichen Erfordernissen gestaltet.

Das Haus wurde nach  eineinhalbjähriger Sanierung und Erweiterung im Januar 2016 wiedereröffnet und ist nun drei Wochen lang Austragungsort eines Theater Festivals, den 17. Landesbühnentagen. Vom 15.10. bis 05.11.2017 gastierten 18 Landestheater aus dem gesamten Bundesgebiet mit 29 herausragenden Produktionen aller Genre sowohl für Erwachsene als auch – und ganz besonders – für Kinder.

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz © B. Westhoff

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz © B. Westhoff

Im Rahmen dieses Festivals gastierte am 25.10.2017 das Theater für Niedersachsen (TfN), Hildesheim, mit Webers Freischütz. Regisseur Wilgenbus und seine Ausstatter belassen die romantische Oper in ihrer Zeit. Die Trachten verschiedenster Volksgruppen verweisen jedoch darauf, dass sich die Geschichte um den Jägersburschen Max nicht zwingend nach Böhmen verorten lassen muss, sondern überall hätte abspielen können. Bauer Kilian schießt beim Schützenfest unter dem glucksenden Gelächter des Publikums gleich einmal ein honigmelonengroßes Stück aus der Zielscheibe, welches er fortan als Zeichen des Triumphes an einem Band um den Hals trägt. Der Druck auf den glücklosen Max erwächst somit nicht nur vom Bühnengeschehen her. Denn mit dem Probeschuss am nächsten Tag muss er beweisen, dass er der Erbförsterei und Kunos Tochter Agathe würdig ist. Und so lässt sich Max von Kaspar zum Gießen der berühmt-berüchtigten Freikugeln in der Wolfsschlucht verführen.

Die fein säuberlichen Kostüme lassen Sänger und Chor schablonenhaft wie Märchenfiguren aus 70er-Jahre-Filmen, geradezu bieder, erscheinen. Die Szenerie wäre damit durchaus geeignet, ebenfalls als „Kinder- und Jugendvorstellung“ des Festivals deklariert zu werden. Seelischer Tiefgang der Protagonisten weicht einer üppigen, aber einfachen Bildersprache, was durch ein Kasperle-Theater als Ersatz des Gesprächs zweier Jäger im dritten Aufzug, natürlich dargeboten durch Samiel, regelrecht auf die Spitze getrieben wird.  Das Bühnenbild zeigt die Erbförsterei im Hintergrund und den Festplatz davor. Eine Leiter durch das Dach versinnbildlicht die Auswege: gen Himmel für die Chance, sich dem Guten zuzuwenden, das Gegenstück führt hinab in die Wolfsschlucht. Das Herzstück der Oper kommt mit übergroßem Hexenkessel, viel Feuer, Extra-Hall und düsteren Videoprojektionen daher. Klassische große Effekte statt Subtilität. Samiels Gegenwart in nahezu jeder Szene stellt recht plakativ die Verlockungen dar, denen die Handelnden jederzeit ausgesetzt sind. Trotz Pferdefuß bewegt er sich elegant, ja geradezu traumtänzerisch sicher durch die Bilder. Auch wenn im Ergebnis der Probeschuss auf Empfehlung des Eremiten durch ein Probejahr ersetzt wird und damit seine Macht über die Anwärter schwindet, so hat der schwarze Jäger doch am Ende bereits ein neues Ziel für seine Einflüsterungen. Den Vorhang schließt er von der einen, der Eremit von der anderen Seite. Überraschung! Der ewige Kampf des Guten und des Bösen geht weiter.

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz_ hier Samiel als Gerhard Hauschild © B. Westhoff

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz_ hier Samiel als Gerhard Hauschild © B. Westhoff

Achim Falkenhausen führt das Orchester schwungvoll durch die 2½-stündige Partitur. Das Orchester spielt weitgehend sicher auf, mit einigen Abstrichen im Blech, was gerade dem Jägerchor etwas zu schaffen macht. Dafür wird das Gehör  immer wieder durch klangschöne Celli belohnt, die die Dramatik einzelner Szenen stärker unterstreichen als das Bühnengeschehen. Gesanglich eine gute Leistung des Chors mit seltenen Verwerfungen. Aus der insgesamt soliden Leistung der Solisten sticht Kaspars (Uwe Tobias Hieronimi) kräftiger Bass gepaart mit seinem ausdrucksvollen Spiel besonders hervor. Gemeinsam mit Samiel (Gotthard Hauschild) bildet er die treibende Kraft der Oper, sodass man am Ende zwar den Sieg des Guten feiert, sich aber unwillkürlich fragen muss, ob auf der dunklen Seite nicht doch mehr Spaß am (zugegebenermaßen kürzeren) Leben zu haben ist.  Nun ja – das muss man den Kindern dann doch nicht auf die Nase binden.

Das Publikum honoriert die Leistung mit lang anhaltendem Applaus, offensichtlich dankbar, von überbordender Sinnsuche verschont worden zu sein.

 

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