Wien, Wiener Staatsoper, Premiere A Midsummer Night’s Dream, 02.10.2019

September 30, 2019 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

PREMIERE VON BENJAMIN BRITTENS
A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM
AM 2. OKTOBER 2019

Zum Werk und zur Premierenproduktion

Benjamin Brittens A Midsummer Night’s Dream kehrt am Mittwoch, 2. Oktober 2019 in der ersten Premiere der neuen Staatsopernsaison nach 55 Jahren zurück auf die Bühne des Hauses am Ring.

Mit dem 1960 uraufgeführten Werk erfüllte sich Britten anlässlich der Wiedereröffnung der Jubilee Hall in Aldeburgh den Wunsch der Vertonung eines Shakespeare-Stoffes. Er komponierte die Oper in nur sieben Monaten und kürzte dafür die literarische Vorlage gemeinsam mit seinem Partner Peter Pears auf drei Akte ein, wobei sich der Text sehr eng an das Shakespeare-Original hält. Mit seinem Sommernachtstraum gelang Britten, wie Staatsoperndramaturg Oliver Láng im Magazin des Hauses am Ring „Prolog“ erläutert, ein „Wurf“: Hinreißende Musik, feines Theater, eine schimmernde Traumwelt sowie eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Menschen in all seinen Schichtungen. Er erschafft, wie es weiters im „Prolog“ heißt, einen musikalisch vielschichtigen, immer auch betörenden und beglückenden Zauber, der sich nicht im einfachen klanglichen Bebildern verfängt, sondern auch Unausgesprochenes mitschwingen lässt.

Bereits 1962, in der Direktionszeit von Herbert von Karajan, erklang das amüsante, leichte, poetische und psychologische Meisterwerk, das zu Brittens meistgespielten Musiktheaterwerken zählt, zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper. Die Produktion unter der musikalischen Leitung von Heinrich Hollreiser und in einer Inszenierung von Werner Düggelin (Bühnenbild: Günther Schneider-Siemssen) und mit u. a. Gerhard Stolze, Teresa Stich-Randall, Heinrich Schweiger, Gundula Janowitz und Erich Kunz wurde im Haus am Ring 15 Mal gezeigt, zuletzt im Dezember 1964, und verschwand daraufhin vom Spielplan. 55 Jahre später kehrt das Werk nun zurück an die Wiener Staatsoper und eröffnet den Premierenreigen der Spielzeit 2019/2020.

Am Pult steht Simone Young – die der Wiener Staatsoper eng verbundene australische Dirigentin leitete im Haus am Ring seit ihrem Debüt 1993 mit La Bohème bisher insgesamt 31 Werke an 173 Abenden, darunter die Premieren von Osud / Le villi, La Juive, des Ballettabends Das Lied von der Erde sowie zuletzt Der Spieler (2017); mehrere Wiederaufnahmen bzw. musikalische Neueinstudierungen und zahlreiche Repertoireabende. Im „Prolog“-Interview mit Oliver Láng spricht sie u. a. über die herausfordernde kleinteilige Struktur der Oper: „Manche empfinden das Stück als sehr episodisch, gerade darum finde ich die Idee unserer Regisseurin Irina Brook, dass die Handlung in einem Einheitsbühnenbild spielt, sehr gut. Es wird so ein Zusammenhalt der einzelnen Sequenzen erreicht. Im Grunde ist es wie bei jeder anderen Oper: Man muss die Details sehen, aber den Blick für das Ganze nicht verlieren. […] es gibt doch einen roten Faden quer durch das Werk: und dieser Faden ist das Magische. Man stößt immer wieder auf die „Zauberklänge“, die durch die Glissandi in den tiefen Streichern ausgedrückt werden. Das klingt für mich wie ein großer Baum, der sich im Sturm windet. […] Diese Naturlaute sind auch die Welt Brittens, oder genauer: Die Welt Brittens um 3 Uhr morgens, zwischen Traum und Alptraum. Diese Klänge kehren in der Oper immer wieder und sind so ein Anhaltspunkt.“

Für die Regie zeichnet Irina Brook verantwortlich, die an der Wiener Staatsoper 2015 Don Pasquale erfolgreich herausbrachte (diese Produktion steht ab 30. Oktober 2019 wieder auf dem Spielplan des Hauses). Irina Brook beschäftige sich schon in jungen Jahren intensiv mit Shakespeares Theaterstück A Midsummer Night’s Dream und inszenierte es auch selbst. Auf die Frage, ob ihrer Meinung nach ein atmosphärischer Unterschied zwischen Vorlage und Vertonung besteht, antwortet sie Staatsoperndramaturg Andreas Láng im Gespräch für den „Prolog“: „Als ich mich dann aber mit der Britten-Oper intensiver auseinandersetzte, hatte ich zunächst das Gefühl, dass sich das Werk aufgrund der Musik doch deutlich vom Schauspiel unterscheidet, zum Teil in einigen Szenen ein ganz andere Grundtempo aufweist und weniger leichtfüßig daherkommt. Aber je mehr ich in die Britten’sche Vertonung hineinwuchs, desto mehr wuchs meine Liebe zu dieser Musik, die einen regelecht in den Bann zu ziehen vermag und ich erkannte, dass ich hier eine ideale Vertonung des Stoffes vor mir habe.“

Das Bühnenbild stammt von Noëlle Ginefri-Corbel, die an der Wiener Staatsoper bereits mit Irina Brook für Don Pasquale zusammenarbeitete. Die Kostüme gestaltet Magali Castellan, das Lichtdesign Jean Kalman und die Choreographie Martin Buczko.


Die Besetzung

Am Premierenabend geben alle Sängerinnen und Sänger ihr Staatsopern-Rollendebüt – vier Solistinnen und Solisten stellen sich mit A Midsummer Night’s Dream dem Publikum des Hauses am Ring vor.

Den Oberon gibt der international erfolgreiche amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo (Debüt an der Wiener Staatsoper), der bisher mit Partien wie Oberon, Giulio Cesare, Farnace, Radamisto, Arsamene, Bertarido und Unulfo (Rodelinda), Ottone (Agrippina), Ruggiero (Orlando Furioso), Trinculo (The Tempest) und Mascha (Tri Sestri) an den wesentlichen Opern- und Konzertbühnen zu erleben war, u. a. an der New Yorker Met, am Teatro Real Madrid, an der Berliner Staatsoper, in Paris, London, Zürich, Amsterdam, Brüssel, Sevilla, Bilbao, Oslo, Amsterdam, Rom, Peking, Hamburg, München, Aix-en-Provence und Toronto.

Erin Morley singt die Titania. Die amerikanische Koloratursopranistin zählt zu den gefragtesten Sängerinnen ihres Fachs und debütierte 2014 als Gilda in der Premierenproduktion von Rigoletto an der Wiener Staatsoper, wo sie bisher weiters noch als Sophie (Der Rosenkavalier) und Zerbinetta (Ariadne auf Naxos) zu erleben war.

Den Puck verkörpert der vielseitige Schauspieler, Musiker, Tänzer, Akrobat und Zirkusartist Théo Touvet (Debüt im Haus am Ring). Nach seiner musikalischen, künstlerischen und sportlichen Ausbildung (u. a. Gymnastik, Voltigieren, Tanz, Posaune) absolvierte er ein Wissenschaftsstudium, das ihn von der Ecole Normale Supérieure an das MIT sowie u. a. auch an die NASA führte. Danach spezialisierte er sich auf Cyr Wheels am Centre National des Arts du Cirque, bevor er an das Conservatoire National Supérieur d’Art Dramatique (Schauspiel) wechselte. Er ist als Co-Autor und Schauspieler tätig, tourte vom Théâtre National de Chaillot und dem Théâtre de la Ville-Paris bis nach China. Nach seinem Solo Existe en ciel (Aufführungen am La Chartreuse und Panthéon in Paris), arbeitet er nun an seinem Film Panthéon und seiner Live-Performance Poussière d’étoile / Stardust.

Peter Rose ist als Bottom in seiner ersten Staatsopernpremiere zu erleben. Dem Haus am Ring ist er seit seinem Debüt 1997 als König Marke (Tristan und Isolde) verbunden und verkörperte hier bisher weiters u. a. Ochs (Der Rosenkavalier), John Claggart (Billy Budd), Daland (Der fliegende Holländer), Sarastro (Die Zauberflöte), Gremin (Eugen Onegin) sowie Gurnemanz (Parsifal).

Der britische Tenor Benjamin Hulett gibt als Flute sein Debüt im Haus am Ring. Auftritte führten den Sänger bisher u. a. als Ensemblemitglied an die Hamburgische Staatsoper; an die Bayerische Staatsoper, an die Deutsche Staatsoper Berlin, das Theater an der Wien, zu den Salzburger Festspielen, nach Baden-Baden, Rom, Glyndebourne, Madrid, Paris und an das Londoner Royal Opera House.

Josh Lovell, neu im Ensemble, stellt sich als Lysander dem Staatsopernpublikum vor. Der mehrfach preisgekrönte junge kanadische Tenor studierte u. a. in Victoria und Michigan und war Teilnehmer des Young Singers Project der Salzburger Festspiele. Auftritte führten ihn bisher an die Lyric Opera of Chicago, zu den Salzburger Festspielen, an die Wolf Trap Opera und das New Generation Festival in Florenz. Im Haus am Ring wird er in der aktuellen Saison u. a. noch Lurcanio (Ariodante), Don Ramiro (La cenerentola) und Ernesto (Don Pasquale) singen.

Der junge britische Bass William Thomas singt den Snug (Hausdebüt). Der Gewinner mehrerer Wettbewerbe sang bereits an der Wigmore Hall, in der Barbican Concert Hall, in Lyon und Paris.

Außerdem sind Valentina Naforni?? als Helena, Peter Kellner als Theseus, Szilvia Vörös als Hippolyta, Rafael Fingerlos als Demetrius, Rachel Frenkel als Hermia, KS Wolfgang Bankl als Quince, Thomas Ebenstein als Snout und Clemens Unterreiner als Starveling zu erleben.

Es spielt das Orchester der Wiener Staatsoper und es tanzt das Wiener Staatsballett (Tänzerinnen und Tänzer der Volksoper Wien). Eine weitere zentrale Rolle nehmen die Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Johannes Mertl ein.

A Midsummer Night’s Dream  im Livestream, im Radio sowie „live am Platz“

Die Premiere am 2. Oktober 2019 wird via WIENER STAATSOPER live at home weltweit live in HD übertragen (www.staatsoperlive.com) sowie im Rahmen von „Oper live am Platz“ auf dem Herbert von Karajan-Platz gezeigt.

Die Vorstellung am Samstag, 5. Oktober 2019 wird live in Radio Ö1 (+ EBU) übertragen.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Wien, Wiener Staatsoper, Saisonauftakt 01.09. – Tag der offenen Tür, IOCO Aktuell

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 Saisonauftakt 2019/2020 – 1. September 2019

IOCO Video – Jahrespressekonferenz zum Spielplan 2019/20

Mit sieben Opernwerken, zwei Ballettprogrammen, einem Konzert, zwei Matineen sowie mehreren Sonderveranstaltungen startet die Wiener Staatsoper im September 2019 in die neue Spielzeit 2019/2020, die letzte von Staatsoperndirektor Dominique Meyer und Ballettdirektor Manuel Legris verantwortete Saison.

Wiener Staatsoper 2019/20 – IOCO Video zur Jahrespressekonferenz der Staatsoper
youtube Video von IOCO Düsseldorf
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Den Auftakt zur neuen Spielzeit bildet auch heuer wieder traditionellerweise der beliebte Tag der offenen Tür am Sonntag, 1. September 2019. An zwei Terminen (14.00 – 16.30 Uhr sowie 17.30 – 20.00 Uhr) werden spannende Einblicke hinter die Kulissen des Opern- und Ballettbetriebs mit u. a. Proben mit Publikumslieblingen wie KS Ildikó Raimondi und Zoryana Kushpler, einer Technik- und Bühnenshow mit szenischen Ausschnitten aus L’italiana in Algeri, La Bohème und Sylvia, der Ausstellung von Kostümen, Requisiten, historischem Notenmaterial und vielem anderen mehr geboten.

 Eckdaten der Wiener Staatsoper zur Saison 2018/19

In der Spielzeit 2018/2019 konnte die Wiener Staatsoper erneut einen Einnahmenrekord durch Kartenverkauf erzielen: 37.695.162,26 Euro (2017/2018: 35.298.761,91) – um 2.314.762,26 über den Plansoll. Die Sitzplatzauslastung betrug insgesamt 99,10% (2017/2018: 98,61%).

Insgesamt 622.081 Gäste (2017/2018: 608.955), besuchten 291 Opern-, Ballett-vorstellungen und Matineen auf der Hauptbühne (2017/2018: 292), 72 Vorstellungen im Studio Walfischgasse (2017/2018: 90) sowie 18 Matineen im Gustav Mahler-Saal (2017/2018: 20).

Die ersten Vorstellungen der Spielzeit 2019/20

Die erste Vorstellung der Staatsopernsaison 2019/2020 ist Verdis La traviata am Mittwoch, 4. September 2019. Irina Lungu verkörpert die Violetta, Charles Castronovo den Alfredo Germont und KS Thomas Hampson den Giorgio Germont. Giampaolo Bisanti leitet erstmalig La traviata im Haus am Ring.

Reprisen: 7. und 10. September


Am Donnerstag, 5. September 2019 wird Offenbachs Les Contes d’Hoffmann im Haus am Ring wiederaufgenommen: Anstelle des erkrankten Yosep Kang verkörpert Dmitry Korchak den Hoffmann und gibt damit sein Rollendebüt im Haus am Ring. Weiters sind erstmals an der Wiener Staatsoper Olga Peretyatko als Olympia, Antonia und Giulietta, Gaëlle Arquez als Nicklausse / Muse, Luca Pisaroni als Lindorf, Coppélius, Miracle und Dapertutto und Michael Laurenz als Andrès, Cochenille, Frantz und Pittichinaccio zu erleben. Es dirigiert: Frédéric Chaslin.

Reprisen: 8., 11. und 15. September


Ab Freitag, 6. September 2019 steht Verdis Don Carlo wieder auf dem Staatsopernspielplan. Ihre Rollendebüts im Haus am Ring geben Fabio Sartori in der Titelpartie und Dmitry Ulyanov als Großinquisitor. Anja Harteros ist erneut als Elisabetta zu erleben, KS René Pape als Philipp II., KS Simon Keenlyside als Rodrigo und Elena Zhidkova als Eboli. Jonathan Darlington dirigiert erstmals Don Carlo im Haus am Ring.

Reprisen: 9. und 12. September


Weiters stehen im September auf dem Spielplan: Verdis Il trovatore unter der der Leitung von Alberto Veronesi mit Yusif Eyvazov, Michelle Bradley, Roberto Frontali, Monika Bohinec (19., 22. und 25. September); Donizettis L’elisir d’amore mit Pavel Petrov, Maria Nazarova, Samuel Hasselhorn, Paolo Rumetz, dirigiert von Jonathan Darlington (21. und 24. September); Strauss’ Salome unter Dennis Russel Davies, mit Ausrine Stundyte, Alan Held, Jörg Schneider, Linda Watson (27. September, außerdem noch am 1. und 4. Oktober) und Puccinis La Bohème u. a. mit Aida Garifullina, Jinxu Xiahou, Adrian Eröd, es dirigiert Louis Langrée (29. September 2019, weitere Vorstellungen am 3. und 7. Oktober).


Am Dienstag, 17. September 2019 kehrt Elisabeth Kulman mit einem Solistenkonzert zurück an das Haus und präsentiert mit einem 7-köpfigen Ensemble ihr Programm „La femme c’est moi“.


Das Wiener Staatsballett eröffnet seine Saison in der Wiener Staatsoper am 13. September 2019 mit Manuel Legris’ Sylvia (Reprisen am 14., 18. und 20. September) sowie mit dem vierteiligen Abend Forsythe | van Manen | Kylián (Vorstellungen am 26., 28. und 30. September 2019).


Ebenfalls im September findet der erste Termin in dieser Spielzeit der beliebten Reihe „Kammermusik der Wiener Philharmoniker“ im Gustav Mahler-Saal statt (28. September 2019).

Parallel dazu laufen seit dem gestrigen Montag, 26. August 2019 die Proben für die erste Premiere in dieser Spielzeit: Brittens A Midsummer Night’s Dream (Premiere am 2. Oktober 2019) unter der Leitung von Simone Young (Dirigentin) und Irina Brook (Regisseurin). Schon am Sonntag, 22. September 2019 lädt die Wiener Staatsoper zur Einführungsmatinee mit Mitwirkenden der Neuproduktion.


In der AGRANA STUDIOBÜHNE | WALFISCHGASSE werden im September „Bild und Bühne – Die Entwicklung des Bühnenbilds von 1600 bis heute“ (Vortrag von Rudi Risatti, 20. September), eine Einführung in die Musik von Die Frau ohne Schatten (mit dem musikalischen Studienleiter Jendrik Springer, 25. September) sowie zwei Schulvorstellungen von Der Karneval der Tiere angeboten.


Die Vorstellungen von La traviata am 7. September, Don Carlo am 12. September, Les Contes d’Hoffmann am 15. September und Il trovatore am 25. September 2019 werden mit WIENER STAATSOPER live at home über www.staatsoperlive.com weltweit in HD übertragen.


Im Rahmen von „Oper live am Platz“ werden im September 18 Vorstellungen live auf den Herbert von Karajan-Platz übertragen, den Auftakt bildet La traviata am 4. September 2019.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Wien, Theater an der Wien, A Midsummer Night’s Dream – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 07.05.2018

Mai 7, 2018 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

 A Midsummer Night’s Dream –  Benjamin Britten

Puck – Der Außenseiter an der Schule – Er allein kann seine Gefährten sehen

Von Marcus Haimerl

 Benjamin Britten Denkmal am Strand von Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Denkmal am Strand von Aldeburgh © IOCO

Eine völlig neue Sichtweise auf Benjamin Brittens 1960 beim Aldeburgh Festival uraufgeführter Oper A Midsummer Night’s Dream zeigt Regisseur Damiano Michieletto im Theater an der Wien. Die zentrale Frage seiner Regiearbeit war der Grund für das Verhalten von Puck, warum dieser frech ist und stets auf neue Streiche sinnt.

Die Lösung führt Michieletto nicht nach Athen, sondern in ein Internat („Athen könnte der Name der Schule sein“, so der Regisseur) und statt des Waldes landen die jugendlichen Liebespaare im Turnsaal (Foto unten).

Puck ist Außenseiter an der Schule, hat aber Gefährten, die nur er sehen kann. In eben dieser Welt dient Puck dem Elfenkönig Oberon. Puck soll Zauberblumen besorgen, dessen Pollen in den Augen eines Schlafenden gestreut, diesen in die erste Person verliebt macht, die er erblickt. Damit soll Oberons Gattin Tytania ein Streich gespielt werden.

Theatr an der Wien / A Mid Summer Night´s Dream © Werner Kmetitisch

Theatr an der Wien / A Mid Summer Night´s Dream © Werner Kmetitisch

Lysander und Hermia sind ineinander verliebt und wollen die Nacht in der Schule verbringen, sie planen durchzubrennen. Aber auch Demetrius und Helena sind noch heimlich in der Schule geblieben. Und auch Demetrius ist in Hermia verliebt. Helene wiederum ist in Demetrius verliebt und verfolgt ihn, trotz Abweisung, mit ihrer Liebe. Oberon beobachtet die beiden und gibt Puck auch die Anweisung Demetrius zu suchen und diesen mit Pollenstaub zu bestreuen um ihn in Helena verliebt zu machen.

Doch auch andere Jugendliche verbringen die Nacht in der Schule: Quince, Flute, Starveling, Snout, Snug und Bottom. Diese proben für eine Theateraufführung, die antike Liebestragödie Pryamus und Thisbe.

Zwischenzeitlich findet Puck den schlafenden Lysander und hält diesen für den Gesuchten. Er bestreut ihn mit Blütenstaub und der erwachende Lysander verliebt sich in die vorbeikommende Helena. Währenddessen wurde auch Tytania von ihrem Elfenhofstaat in den Schlaf gesungen und Oberon verabreicht ihr ebenfalls den Zauberblumenstaub.

Theatr an der Wien / A Mid Summer Night´s Dream © Werner Kmetitisch

Theatr an der Wien / A Mid Summer Night´s Dream © Werner Kmetitisch

Die jungen Leute (Foto) proben mittlerweile lautstark das Stück und Puck ist verärgert darüber, dass Tytania erwachen könnte. Er verwandelt Bottom in einen riesigen Monsteresel, in den sich die erwachende Tytania verliebt. Das Chaos ist perfekt und die Problemlösung Pucks, er verpasst nun auch Demetrius den Zauberstaub, führt zu noch mehr Chaos.

Am Morgen lässt nun Oberon den Esel verschwinden und erlöst auch Tytania vom Zauber. Auch von den jungen Liebespaaren löst sich der Zauber, alle erinnern sich an die nächtlichen Liebeswechsel. Auch Bottom hat seltsame Erinnerung an amouröse Abenteuer im Eselsfell.

Auch vor den Lehrern Theseus und Hyppolyta ist das nächtliche Treiben nicht unentdeckt geblieben, dennoch fällt die Strafe milde aus und die Paare dürfen zusammenbleiben. Nun beginnt auch die Liebestragödie Pryamus und Thisbe der auch Puck zusieht. Beim Tod des Liebespaares erinnert sich Puck plötzlich an den Unfalltod seiner Eltern und erkennt, dass Oberon und Tytania nur Imaginationen seiner Eltern sind. Er begreift nun deren Tod und als er einschläft entlassen ihn Oberon und Tytania aus der Elfenwelt: er soll sich wieder dem Leben zuwenden.

 Das Trauma des jungen PuckMittelpunkt der Regie

Im Mittelpunk stellt Michieletto also dieses Trauma des jungen Pucks, der sich seine Elfenhaftigkeit selbst kreiert hat. Schrittweise führt der Regisseur das Publikum an die Lösung heran. Immer wieder werden kurze Filme eingespielt: die Familie beim Frühstück, bei der Autofahrt und schließlich die verunfallten Eltern, die Puck die Wahrheit vor Augen führen. Auch wird in diesen kurzen Filmen klar, wie Bottom zu eben jenem Esel wurde. Dieser Esel war ein Kuscheltier, welches die Eltern Puck geschenkt hatten.

Das Bühnenbild von Paolo Fantin zeigt eine Schulaula mit einer Theaterbühne, welche in den hinteren Bühnenraum geschoben den Turnsaal zeigt. Neonfarben bestimmen die Verwicklungen dieser Sommernacht, orange der Zauberstaub der Blumen, grün die Leuchtröhren die in den Turnsaal hängend, den Wald ersetzen und neonfarben auch die Masken, welche in der Elfenwelt getragen werden.

Intensiv ist die Personenführung des venezianischen Regisseurs, der die Teenager durch den Turnsaal jagen und lieben lässt und die „Schauspieler“ der Theateraufführung von Pryamus und Thisbe ordentlich herumalbern lässt.

Theatr an der Wien / A Mid Summer Night´s Dream © Werner Kmetitisch

Theatr an der Wien / A Mid Summer Night´s Dream © Werner Kmetitisch

Musikalisch lässt diese Produktion keinerlei Wünsche offen. Auf der irdischen Seite: Rupert Charlesworth (Lysander) und Tobias Greenhalgh (Demetrius) beweisen neben enormen Körpereinsatz einen ebensolchen stimmlichen Kraftakt bis zur Erschöpfung um die liebliche Mirella Hagen (Helena). Dieses Kleeblatt wird hervorragend durch Natalia Kawalek (Hermia) ergänzt. Eine stimmliche Urgewalt ist Tareq Nazmi (der in einen Esel verwandelte Nick Bottom), beeindruckend auch Lukas Jakobski (Peter Quince), Michael Laurenz (Francis Flute), Dumitru Madarašan (Snug), Andrew Owens (Tom Snout) und Kristján Jóhannesson (Robin Starveling). Auch die Feenwelt überzeugt: Countertenor Bejun Mehta als berührend lyrischer Oberon und Daniela Fally mit hellem, klarem Sopran als unglaublich intensive Tytania. Maresi Riegner ist ein eindringlicher, berührender, zwischen diesen beiden Welten gefangener Puck. Günes Gürle (Theseus) und Ann-Beth Solvang (Hyppolyta) fügen sich nahtlos in das exzellent besetzte Ensemble ein.

Dirigent Antonello Manocarda kostet mit den Wiener Symphonikern die gesamte Bandbreite von Brittens Partitur aus und verzaubert das Publikum mit zarten, dunklen Glissandi und ist dem gesamten Ensemble und den St. Florianer Sängerknaben ein hervorragender Partner. Eine Produktion die insgesamt große Freude bereitet und darauf hoffen lässt, dass Benjamin Britten wieder vermehrt den Weg in die großen Opernhäuser findet.

—| IOCO Kritik Theater an der Wien |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Das Wunder der Heliane – Erich W. Korngold, IOCO Kritik, 05.05.2018

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold

Großes Kino oder nackte Wahrheit ?   Bühne wird zum Gerichtssaal

Von Kerstin Schweiger

Die Berliner Opernhäuser besinnen sich derzeit einträchtig auf diesen in der Oper musikalisch so heterogenen Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach den Gezeichneten von Franz Schreker im Januar an der Komischen Oper und dem Strauss‘schen Türöffner zur Moderne Salome an der Staatsoper, gelingt nun der Deutschen Oper Berlin mit Korngolds Das Wunder der Heliane 90 Jahre nach der ersten Aufführung an diesem Haus ein Opern-Coup.

April 2018 – 90 Jahre nach Erstaufführung
Deutsche Oper Berlin hebt musikalischen Schatz  –  Das Wunder der Heliane 

Dramaturgisch greift diese Rückschau nach einer Blütezeit des Musiktheaters an der Schwelle großer Veränderungen. Das frühe 20. Jahrhundert war eine Zeit der Neuordnung, des Aufbruchs in Wissenschaft und Psychologie, einer politischen Zeitwende und jähen Einbruchs. Die Weltkriegsfolgen führten zu einer Neuorientierung auf allen gesellschaftlichen und künstlerischen Gebieten. Eine Verschärfung von Prekariat und politischer Bewusstwerdung folgte auf Krisen. Künstler nahmen dieses explosive Gemisch seismographisch auf, das Publikum stellte sich aus der konservativen und neu gewonnen Bürgerlichkeit heraus ebenfalls neu auf, so das die Formen des künstlerischen Verarbeitens kaum unterschiedlicherer Ausprägung sein konnten und nebeneinander existierten.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Auf den Opern-Bühnen waren Richard Strauss und Gustav Mahler musikalische Trendsetter, Inspiration für eine Folgegeneration von Komponisten, die ihren Ansatz in eine neue zeitgenössische musikdramatische Sprache weitergeführt haben. Ihr Stil ermöglichte  in der kurzen Folge bis 1933 eine Flut musiktheatralischer Formen, wie sie z.B. Arnold Schönberg oder Alban Berg ausgeführt haben. Denen auf der Spur war die eine Gruppe von jüngeren Komponisten wie Schreker, Krenek, Weill oder Korngold, jeweils mit ganz unterschiedlichem stilistischem Ansatz.

Allen drei hier genannten Stücken gemeinsam, und ganz anders als die Werke von Krenek oder Kurt Weill, ist es, dass sie in der Wahl des Stoffes weit weg aus der Tagesrealität der Entstehungszeit in ferne, vergangene Zeiten oder mystische Schauplätze entführen. Sie behandeln allgemeingültige zwischenmenschliche Fragen von Religion, Beziehung, Macht, Diktatoren und ihrer Beziehung zum Volk. Eine Art dramaturgisches Krisenmanagement in unstetiger Zeit.

Wo markiert man Erich Wolfgang Korngold und sein Werk?

Erich Wolfgang Korngold (29. Mai 1897 – 29. November 1957) galt in seiner Heimatstadt Wien bereits als Wunderkind. Seine Jugendwerke wurden häufig durch Dirigenten wie Bruno Walter, Artur Schnabel, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Felix Weingartner und Richard Strauss aufgeführt. Er hatte in der Tradition einer modernen Klassik mit seiner Oper Die tote Stadt 1920 im zeitgenössischen Musiktheater eine Marke gesetzt und die Ankündigung einer neuen Oper elektrisierte die Häuser. Mit „Heliane“ hatte es Korngold bei Publikum und Kritik schwerer. Die Uraufführung 1927 an der Hamburgischen Staatsoper fand anders als Die tote Stadt wenig positive Resonanz.

Kreneks etwa zur gleichen Zeit uraufgeführte Jazzoper Johnny spielt auf traf mit Themen der Zeit und aktuellen Trends den herrschenden Publikumsgeschmack direkter als das eher mystisch-märchenhafte und inhaltlich verschlungene Stück Korngolds. Dennoch  wurde Das Wunder der Heliane direkt nach der Uraufführung von 12 Bühnen im deutschsprachigen Raum nachgespielt. Wenige Jahre später war die Oper von den Spielplänen verschwunden und vergessen. So unterschiedlich Krenek und Korngold agierten, Korngold stellte die Stimme mit spätromantisch blühenden Bögen noch einmal ins Zentrum, Krenek nutzte Jazzelemente, so sehr sind beide Stücke Ausdruck ihrer Entstehungszeit.

Von den Nationalsozialisten ab 1933 mit Aufführungsverbot belegt und als entartet“ eingestuft, ging Korngold auf Einladung von Max Reinhardts 1934 nach Hollywood, um für dessen Film A Midsummer Night’s Dream die Filmmusik nach Mendelssohns Schauspielmusik für das gleichnamige Shakespeare-Stück zu arrangieren.  Mit der Arbeit am Sommernachtstraum veränderte Korngold die bisherige Struktur von Filmmusik: Er vergrößerte die Orchesterbesetzung zu Symphonieorchesterumfang und setzte enge Relationen zwischen gesprochenen Dialogen und Filmmusik.  In den nächsten Jahren war er sehr erfolgreich als Filmkomponist für die Warner Brothers tätig und erhielt 1936 und 1938 zwei Oscars.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane, Josef Wagner als König / Herrscher © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane, Josef Wagner als König / Herrscher © Monika Rittershaus

Mit dem von den Nazis verhängten Aufführungsverbot des Komponisten jüdischer Herkunft verschwanden Korngolds Opernwerke für lange Zeit von den Bühnen. Ein Anknüpfen an die Aufführungsserien der Entstehungszeit war nach der Zäsur durch Nationalsozialismus und Weltkrieg nicht gegeben. Die Nachkriegszeit setzte auch in der Opernlandschaft andere Prioritäten.

Erst 1989  gab es wieder eine Inszenierung (John Dew) in Bielefeld. Im Rahmen der Reihe „Entartete Musik“, die die von den Nazis verfemten Werke wieder in den Fokus rückte, wurde die Oper 1992 für die DECCA auf CD aufgenommen. Eine konzertante Aufführung folgte 2007 im Rahmen der Londoner Proms Konzerte.  2010 und 2012 folgten in einer Koproduktion Aufführungen in Kaiserslautern und Brünn. Die Volksoper Wien und das Philharmonische Orchester Freiburg präsentierten 2017 konzertante Aufführungen Das Wunder der Heliane. Ebenfalls 2017 brachte die Oper Vlanderen in Antwerpen/Gent eine Neuproduktion heraus.

Die Handlung:   Ein eiskalter Herrscher ohne Liebesfähigkeit, der seinem Volk, das auf ein erlösendes Wunder wartet, alle  Freuden und Gefühle verbietet, führt ein strenges, freudloses Regime. Auch seine unglückliche Frau Heliane ist davon betroffen, sie verweigert sich dem kalten Herrscher.

Ein Fremder, der wie ein Guru das Volk in Glück und Liebesfähigkeit coachen will, landet dafür im Gefängnis. Als ihn Heliane dort aufsucht, geraten beide in eine plötzliche gegenseitige seelische Anziehung. Heliane wendet sich diesem Fremden zu, entblößt sich vor ihm aus einem Gefühl heraus. Als der Herrscher hinzukommt und diesen angenommenen Treuebruch entdeckt, klagt er seine Frau an, der Fremde ersticht sich. Heliane bleibt nur eine Option, nämlich mit einem „Wunder“, den Fremden wieder zum Leben zu erwecken und so zu beweisen, dass sie unschuldig ist. Auf diese wundersame Erlösung und damit ein emotional freies Leben hofft schließlich das ganze Land. Und bekommt sie auch, Heliane und der Fremde sterben eine Art Liebestod, der Herrscher und das Volk bleiben in dem kalten Reich zurück, ein Neuanfang?

Elsa Bienenfeld, Rezensentin der Wiener Erstaufführung 1927, erkannte, dass das Potential der Oper in der Musik, weniger im altertümelnden, sprachlich gewundenen, düster märchenhaften Plot und Textbuch lag. „Die Musik überflutet das Textbuch, wogt durch die Akte, reißt die Szenen mit sich. (…). Sie schüttet Melodie in die Figuren, daß sie an Gesang überquellen.“

Im Zentrum dieser Musik steht die menschliche Stimme, ein „Schwelgen im Gesang“, Hochexpressive Harmonien, packend, dynamisch und süffig  – für die Sänger eine Kraftanstrengung über dreieinhalb Stunden hinweg. Musikalische Promille, eingebettet in einen üppigen Orchesterklang, der stellenweise Korngolds spätere Komposition für Filme also Filmmusik voraus ahnen lässt, in einer Zeit, in der der Film selbst noch stumm war, aber durch seine bis Ende der 1920er Jahre ausdifferenzierte Weiterentwicklung als eigenständige Begleitmusik bereits klang. Korngold selbst notierte: „Musik ist Musik, ob sie für die Bühne, das Dirigentenpult oder fürs Kino ist. Die Form mag sich ändern, die Art, sie zu notieren, mag unterschiedlich sein, aber der Komponist darf keinerlei Zugeständnisse machen in Bezug auf das, was er für seine eigene musikalische Überzeugung hält.“

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane und Jakob Wagner als König © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane und Jakob Wagner als König © Monika Rittershaus

So krude, unverständlich und aus der Zeit gefallen der Librettotext uns heute erscheint, so plausibel ist die inszenatorische Idee, die Loy konsequent den gesamten langen Abend hindurch umsetzt. Regisseur Christof Loy kehrt nach Inszenierungen von JENUFA, FALSTAFF und EDWARD II. zum vierten Mal an die Deutschen Oper Berlin zurück. Er sieht sieht Themen wie „Liebe“, „Nächstenliebe“ und „Mit-Leid“, die in dem Stück verhandelt werden, in einer 1928 wie heute eiligen Metropole wie Berlin, dem Ort der dritten „Uraufführung“ des Stückes nach Hamburg und Wien, von großer Relevanz.

In einem Einheitsbühnenbild, einer dunkel getäfelten Kastenbühne mit einer variabel lichtdurchlässigen Decke und Fensterfront (Johannes Leiacker), erhält jede Figur eine Rolle in einer jeweils offensichtlichen Richt- bzw. Gerichtsituation. Die Gerichtskulisse ist die perfekte Basis für die seltsam und zugleich spirituell anmutende Handlung. So spielt der erste Akt in der Untersuchungshaft, wo nacheinander der König, dann Heliane und wieder der König den zum Tode verurteilten Fremden aufsucht. Keine TV Soap, kein Gerichtsfilm könnten die Gerichtsszene im zweiten Akt dramaturgisch besser herstellen. Angeklagt sind Heliane und der Fremde dafür, dass sie lieben, Gefühle zeigen, was im Reich des Königs bei Strafe verboten ist. Heliane wird ausserdem des Ehebruchs bezichtigt. Der Herrscher ist sein eigener Staatsanwalt, der Chor das sensationsgierige Volk, schwankend zwischen Hoffnung auf ein besseres Leben und Stillhalten unter dem Joch des autoritären Herrschers, mal dieser, mal jener Seite parteiisch zugetan. Und schließlich hält der strenge Raum auch im letzten Akt die Anspannung vor der spirituellen Auferweckung des toten Fremden, das Wunder der Heliane, und dem dramatischen Schluss dicht zusammen. Der durchweg dunkel bis grau gehaltene Businesslook der Kostüme (Barbara Drosihn) entspricht dem szenischen Konzept.

Die amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak ist in jeder Hinsicht souverän und anrührend. Ihr leuchtend heller Sopran ist warm timbriert, angenehm in den lyrischen Passagen, voller Kraft, wenn es notwendig ist, strömt ihre Stimme mühelos auf und über dem Orchester. Wenn sie in einer innige Seelenbegegnung mit dem Fremden plötzlich nackt auf der Bühne steht, ist das logisch und im Erzählstrom selbstverständlich. Ihre Heliane ist in diesem Bühnengericht Angeklagte und Zeugin der Anklage gleichermaßen. Eine Marlene Dietrich der Opernbühne, auch äußerlich im Businesskostüm mit Pelzumhang.

Die Besetzung des Fremden und des Königs macht es Loy leicht, die unvereinbaren Positionen der Figurencharaktere markant herauszustellen. In dem ganzen schwer fassbaren Handlungsgerüst ragen besonders der asketische König von Josef Wagner, der mit großartiger Diktion und standhaften Bassbariton den König als unversöhnlichen, in selbst gewählter Einsamkeit nach Liebe und Anerkennung hungernden Gegenpol zu dem menschlichen Füllhorn von Brian Jagdes Fremden positioniert. Jagdes durchschlagender heller und kräftiger Tenor läuft insbesondere zum Schluss zu dramatischer Größe auf, sein Fremder ist eine schillernd uneindeutige Figur. Mediator für König und Königin, Verführer des Volkes, Verführer der Königin und Wundermedium mit Auferstehungsfähigkeiten.

Okka von der Damerau nutzt sowohl gesanglich als auch darstellerisch mit feinem Gefühl für Nuancen die Rolle der Botin für ein Charakterbild von purer Intriganz. Sie ist darstellerisch wie musikalisch vom Komponisten vorgegeben fast eine Seeräuberjenny Weill’scher Prägung. (Die Uraufführung der Dreigroschenoper erfolgte tatsächlich nur einige Monate nach der Berliner Erstaufführung von Korngolds Oper 1928).

Burkhard Ulrich gestaltet  den blinden Schwertrichter mit hochpräsentem hellen Tenor als differenzierende Persönlichkeit. Eine Charakterstudie gibt Gideon Poppe als Der junge Mann, ein omnipräsenter Verehrer der Königin. Besonders anrührend ist Derek Welton als Pförtner, der das Volk aufrüttelt, sein Glück selbst zu gestalten, sich der Diktatur des Königs zu entziehen.

Marc Albrecht, Chefdirigent der Dutch National Opera, des Netherlands Philharmonic und des Netherlands Chamber Orchestra ist der Deutschen Oper langjährig verbunden. Er trägt den Abend kongenial, gibt dem Orchester eine transparente Stimme, fächert die Klangebenen auf, mit den Musikern von extremer Expression mühelos zum feinsten Pianissimo gleitend, gibt den Sängern Raum auf der reichen Tonebene, präsentiert jedes Instrumentensolo und hält die überbordenden Klangmassen so weit in Zaum, dass jede gesungene Phrase hörbar und trotzdem in den Klang eingebettet ist. Eine phänomenale Leistung von Marc Albrecht und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin.

Der Chor ist hochpräsent stimmlich wie darstellerisch. Ein Powerpaket, das  – einmal im Spiel – mit großem szenischen Verstand seine Wegmarken präzise in die Klangexplosionen hinein setzt. So erscheint das Wunder der Auferstehung des Fremden packend wie eine musikalisch-spirituelle Gemeinschaftsleistung von Heliane und dem Volk. Das ist musikalisches Gewichtheben auf elegante und differenzierte Art.

Es bleibt zu hoffen, dass nach der ersten überaus erfolgreichen Aufführungsserie im März / April 2018 sich dieses Wunder der Heliane in den kommenden Spielzeiten noch oft wiederholt.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

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