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# Stuttgart, Staatsoper, LUCIA DI LAMMERMOOR – Gaetano Donizetti, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/stuttgart-staatsoper-lucia-di-lammermoor-gaetano-donizetti-ioco/
- Published: 2026-10-09T19:51:18.000Z
- Updated: 2026-10-09T19:51:18.000Z
- Description: Mit Donizettis „Lucia di Lammermoor“ feiert Katie Mitchells gefeierte Londoner Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart ihre Deutschlandpremiere. Eine packende Neuinterpretation weiblicher Selbstbestimmung, getragen von einer herausragenden Chelsea Lehnea und musikalischer Raffinesse.
- Author: Peter Schlang
- Tags: Oper & Operette

**von Peter Schlang**

**Tödliche Männergesellschaft – An der Staatsoper Stuttgart feierte Katie Mitchells aus London übernommene Inszenierung von Donizettis Oper Lucia di Lammermoor aus dem Jahr 2016 ihre umjubelte Deutschland-Premiere**

Ein naturgetreues Bühnenbild wie aus einem Opernführer des frühen 20\. Jahrhunderts und dazu passende opulente, historiengetreue Kostüme, wie man sie auf der Bühne des **Stuttgarter Opernhauses** in den letzten Jahrzehnten nur aus einem der Ballette John Crankos kennt: Manch nicht vorab informierter Opernbesucher mag sich überrascht die Augen gerieben haben, was sich ihm da am Abend des 3\. Oktober auf der Stuttgarter Opernbühne bot. Der Blick ins Programmheft dürfte dieses Rätsel dann gelöst haben: Die **Staatsoper Stuttgart** hat **Geatano Donizettis** dreiaktiges Dramma lirico „***Lucia di Lammermoor***“ aus London importiert. Die bekannte englische Regisseurin **Katie Mitchell** hatte diese wohl berühmteste Oper des italienischen Belcanto-Komponisten im Jahr 2016 am dortigen **Royal Opera House Covent Garden** inszeniert und damit europaweite Beachtung gefunden. Nach der im Jahr 2020 von der komischen Oper in Berlin übernommenen Zauberflöte **Barrie Koskys** ist dies die zweite ikonische Opernproduktion, die von außerhalb an den Neckar geholt wurde. Im Fall der ***Lucia di Lammermoor*** sorgte die **Staatsoper Stuttgart** sogar für deren Deutschlandpremiere. Entsprechend groß war dabei die Präsenz von Medienvertretern, aber auch - deutlich hör- und sichtbar - von internationalem Publikum.

Allerdings bedeutet diese zumindest für Stuttgarter Verhältnisse etwas antiquiert erscheinende Ausstattung dieser Inszenierung nicht, dass die Regisseurin sich nicht um einen kritischen und aktuellen Blick auf Libretto und Handlung dieser Oper bemüht hätte, deren von **Salvadore Cammarano** verfasstes Libretto auf **Sir Walter Scotts** Roman „***The Bride of Lammermoor***“ zurückgeht. Nach nur siebenwöchiger Kompositionszeit war ***Lucia di Lammermoor*** am 26\. September 1835 in Neapel uraufgeführt worden.

Hinter - oder besser - in der etwas zeitentrückt erscheinenden Dekoration im Stil der 1830er Jahre und dunkler englischer Romantik (Bühne und Kostüme: **Vicki Mortimer**, Beleuchtung: **Jon Clark** und **Matthew Mulberry)** wagt **Katie Mitchell** nämlich einen neuen, aktuellen psychologischen und soziologischen Blick auf eine von männlichem Herrschaftsanspruch und machohafter Bevormundung, ja Unterdrückung von Frauen geprägte Gesellschaft. Gleichzeitig zeigt sie die Titelfigur der ***Lucia*** nicht als sich dieser Dominanz willfährig ergebendes Objekt, sondern als gebildete, selbstbewusste, mutige und zu selbstbestimmtem Denken und Handeln bereite wie fähige junge Frau.

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****Chelsea Lehnea** (Lucia), ****Johannes Kammler** (Enrico), ****Adam Palka** (Raimondo), ****Ilia Skvirskii** (Normanno), ****Staatsopernchor** Stuttgart © Martin Sigmund

Dafür, dass dieses moderne psychologische Portrait bei den Zuschauerinnen und Zuschauern auch ankommt, ja diese viel mehr über die Titelfigur und deren Seelenleben und Motivation erfahren als die eigentliche Opernhandlung offenbart, sorgt ein nicht ganz neuer, hier aber in höchster Perfektion angewandter Regie-Einfall: **Mitchell** und ihre Bühnenbildnerin teilen die Bühne konsequent in zwei Hälften. Während auf der einen Seite die eigentliche Opernhandlung abläuft, liefert die andere wichtige Hintergrundinformationen und Erklärungen zu Prägung, Verhalten, Denken und Motivation der Schlüsselfiguren dieser Oper und zeigt Momente und Details, welche das Opernlibretto ausspart, die aber eine schlüssige Deutung dieses „Opernkrimis“ ermöglichen. So ahnen die aufmerksamen ZuschauerInnen, wenn sich ***Lucia*** in die Toilette ihres eleganten Badezimmers übergibt, dass dies von einer Schwangerschaft herrühren könnte, für die ihr heimlicher Geliebter Edgardo mitverantwortlich ist, der jedoch der Intimfeind von ***Lucias*** Bruder ***Enrico*** ist und von diesem daher abgelehnt, ja aufs Schärfste bekämpft wird. Am Schluss bestätigt sich diese Vermutung, wenn ***Lucias*** weißes Kleid nach der Ermordung des ihr aufgezwungenen, ungeliebten Gatten in der Unterleibsregion deutliche Blutflecken aufweist und dadurch offensichtlich wird, dass ***Lucia*** soeben eine Fehlgeburt erlitten hat. Diese Parallel- bzw. Ergänzungshandlung, deren Hauptakteurinnen die beiden (einzigen) Frauen dieser Oper sind, also ***Lucia*** und deren Zofe ***Alisa***, führt dazu, dass Lucia praktisch ununterbrochen auf der Bühne sichtbar und aktiv ist, und das nicht etwa, wie häufig in ähnlichen Formaten üblich, in Person eines Doubles, sondern durch die Sängerin selbst. Diese ist in dieser bis zum 1\. November dauernden ersten Stuttgarter Aufführungsserie die amerikanische Sopranistin **Chelsea Lehnea,** die stimmlich wie darstellerisch eine in jeder Hinsicht überzeugende, ja fantastische Darbietung liefert. Nach kurzer Aufwärm- und Eingewöhnungszeit meistert sie nicht nur alle vokalen Facetten und Herausforderungen dieser an vielen Stellen ja wirklich teuflisch schweren Rolle, sondern liefert auch eine schauspielerisch mitreißende und jederzeit packende Rollenstudie. Diesen Umstand kann man bei einer Netto-Aufführungsdauer von gut 150 Minuten gar nicht hoch genug bewerten und bestaunen. Faszinierend zu erleben ist dabei auch, wie schnell bei Bedarf die handelnden Figuren von einer Seite und damit Handlungsebene auf die andere wechseln, wofür u.a. eine raffiniert angeordnete Treppe sorgt.

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****Chelsea Lehnea** (Lucia), ****Kai Kluge** (Edgardo) © Martin Sigmund

Diese Inszenierung und ihre Personenregie widerlegt auch auf kluge Weise die **Donizettis** Oper innewohnende und vor allem deren berühmtester Arie (hier glänzt **Sascha Reckert** an der im Opern- und Konzertbetrieb äußerst selten zu hörenden Glasharmonika!) sprichwörtlich zugeschriebene These, dass ***Lucia*** den von ihr abgelehnten und nur mit größtem Widerwillen „geheirateten“ ***Arturo*** im Wahnsinn ermordet. Vielmehr wird hier auf überzeugende Weise gezeigt, dass ***Lucia*** die Beseitigung dieses ihr von ihrem nach Geld und Ansehen gierenden Bruders mit allen Mitteln der Hinterlist und des Betrugs als Gatten aufgedrängten ***Arturo*** (mit solider Leistung und auch von der Statur her passend gibt **Charles Sy** sein Debüt in dieser Rolle) sorgfältig plant und zusammen mit ihrer Vertrauten ***Alisa*** in bester Krimi-Manier ausführt. **Laura Orueta** verkörpert diese ***Alisa*** in einer raffinierten Mischung aus fürsorglicher Dienerin und mitwissender Kumpanin so klug wie überzeugend. Nein, hier ist die Ermordung ***Arturos*** keine Tat im Wahnsinn, sprich geistiger Umnachtung, sondern ein Akt bewusster Auflehnung, des selbstbewussten Widerstands gegen männliche Willkür und der Befreiung von (un-)brüderlichem Zwang, Bevormundung und maskuliner Gewalt. In diesen Zusammenhang passt auch die Selbsttötung ***Lucias*** in der bereits erwähnten Badewanne, in der sie sich die Pulsadern öffnet. Das allerdings kann man nicht nur als weiteren, letzten Ausdruck selbstbewussten und eigen verantworteten Handels ***Lucias*** deuten, sondern auch als Eingeständnis, dass es für sie letzten Endes keinen anderen Ausweg aus der Fremdbestimmung und Gewalt ihres Bruders geben konnte.

Wie stark diese männliche Gewalt auf Frauen einwirkt und diese in ihrer Entfaltung hemmt, macht ein weiteres Detail dieser auf den ersten Blick durch ihre Ausstattung ja durchaus etwas Anderes suggerierenden oder zumindest widersprüchlich wirkenden Produktion deutlich: Regisseurin und Ausstatterin stecken auch die weiblichen Mitglieder des Chores in (durchweg schwarze) Männerkleidung und unterstreichen damit die allgegenwärtige Dominanz und verletzende Wirkung einer krankhaften Männlichkeit. Dabei beweisen ja gerade die Frauenstimmen des wiederum sängerisch wie darstellerisch sehr fein und situationsgenau agierenden Staatsopernchores (Einstudierung **Bernhard Moncado**), welch kreative Kraft, sinnliche Ausstrahlung und demokratischer Gestaltungsgeist von einer guten Balance der Geschlechter auszugehen vermag.

Diese darf man auch in gesanglicher Hinsicht, zumindest was die Qualität und Leistung des Solistenensembles betrifft, als weitestgehend gegeben und geglückt beschreiben - rein zahlenmäßig überwiegen hier ja bei Weitem die Männerstimmen.

Die bedeutendste ist in dieser Oper, wie in vielen Belcanto-Werken, naturgemäß die des männlichen Hauptdarstellers, in diesem Fall also der von ***Edgardo***, dem Geliebten ***Lucias***, dem sie zuvor bei einem ihrer heimlichen Treffen das Eheversprechen gegeben und abgenommen hat. Als dieser sprang am Tag vor der Premiere der rumänische Tenor **Paul Lungu** für den erkrankten **Kai Kluge** ein.

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****Johannes Kammler** (Enrico) © Martin Sigmund

Nach anfänglich hörbarer leichter Nervosität fand sich der Gast zunehmend gut in die Rolle und in das Inszenierungsgefüge ein, wobei man auch einräumen muss, dass diese Produktion den Gesangssolisten mit Ausnahme der beiden weiblichen Darstellerinnen nicht gerade viel darstellerisches Talent abverlangt. So agieren die Männer recht häufig in der Nähe der berühmten Rampe und singen ihre Partien ohne allzu viel dramatische und darstellerische Ausgestaltung. Gleichwohl verlangt die Rolle des ausgebooteten Liebhabers ein hohes Maß an stimmlicher Präsenz und tenoraler Gewandtheit, ja Akrobatik. Diese lieferte **Lungu** vor allem in seinen späteren Auftritten und war dann **Chelsea Lehnea** mit seinen bis in höchste Lagen sauber und sicher intonierten Einsätzen ein nahezu ebenbürtiger Gesangspartner.

Dieses Kompliment darf man ebenso dem, wie die meisten Sänger zum Stamm-Ensemble der Staatsoper gehörenden, **Johannes Kammler** machen, der dem die Handlung steuernden Bruder ***Enrico*** viel baritonalen Glanz und die erforderliche charakterliche Prägung von Überlegenheit, Chuzpe und zur Gewalt neigender Dominanz verlieh. Stimmlich große Wucht entfaltete auch **Adam Palka** als Lucias Erzieher ***Raimondo*** und ***Enricos*** willfähriger Begleiter und Strippenzieher, der den Umstehenden und dem Publikum allein schon mit seinem abgrundtiefen Bass großen Respekt abnötigt.

Als umsichtiger und aufmerksamer Klang-Koordinator und Führer durch die mitunter sehr verschlungenen Pfade von Donizettis vielfarbiger Klangwelt steht in dieser Premierenserie der Prager Generalmusikdirektor **Andriy Yurkevich** wieder einmal am Pult des **Staatsorchesters**. Mag das Orchester vor allem zu Beginn an einigen Stellen zu wenig „italienisch“ geklungen haben, führte es **Yurkevich** im weiteren Verlauf des Abends zu einer sehr ausgewogenen, viele schöne und besondere Klangfarben hörbar machenden Leistung. Hervorzuheben ist auch, dass er nie die Balance zwischen Graben und Bühne aus Augen und Ohren verlor, das Orchester also nie dominierte oder gar die Sängerinnen und Sänger übertönte.

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****Charles Sy** (Arturo), ****Chelsea Lehnea** (Lucia), ****Laura Orueta** (Alisa), ****Staatsopernchor** Stuttgart © Martin Sigmund

So darf man als Fazit dieses für Stuttgart recht besonderen Opernabends dessen beachtliche dramaturgische Spannung mit dem Sichtbarmachen vieler interessanter psychologisch-charakterlicher und sozialer Details hervorheben - und das alles in einer mitreißenden, fesselnden musikalischen Interpretation. Zumindest erstgenanntes hätte man von diesem optisch ja eher als Opern-Fossil daherkommenden „Londoner Mitbringsel“ nicht unbedingt erwartet.

So war der nicht enden wollende Jubel, durchsetzt mit für eine Opernpremiere eher ungewohnten schrillen und spitzen Schreien, weder unerwartet noch unberechtigt, sondern sehr erklärbar und der verdiente Dank eines glücklich gemachten Opernpublikums.

**Weitere Aufführungen am 09., 11., 15., 18., 20\. und 23\. Oktober sowie am 1\. November**

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/kalender/lucia-di-lammermoor/9662/?ref=ioco.de)