> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Stolpe, Haferscheune, Festspiele MV, lautten compagney BERLIN - R. Villazon, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/stolpe-haferscheune-festspiele-mv-lautten-compagney-berlin-r-villazon-ioco/
- Published: 2026-09-03T16:21:12.000Z
- Updated: 2026-09-03T16:26:37.000Z
- Author: Ekkehard Ochs
- Tags: Konzert & Liederabend

29.08.2026

Alte Musik - höchst lebendig in Vorpommern - Rolando Villazón und die lautten compagney BERLIN bei den Festspielen MV

von Ekkehard Ochs

Es kommt nicht oft vor, aber wenn, dann erweist sich der kleine und sehr feine Ort im Vorpommerschen Stolpe an der Peene (nahe Anklam) als massenhaft angesteuerter Zielort von Konzertfreunden aus Nah und Fern. Und das geschieht immer dann, wenn die Festspiele MV in die große Haferscheune einladen, um Besonderes, gelegentlich auch Ausgefallenes zu präsentieren. So wie am vergangenen Sonnabend, an dem sich Startenor Rolando Villazón und die lautten compagney BERLIN unter Wolfgang Katschner dort die Ehre gaben. Das Haus mit mehr als 1200 Gästen natürlich voll, die Erwartungen hoch und sicher unterschiedlich. Denn Villazón ist weltweit als einer der großen Stars repräsentativen Opernrepertoires bekannt, und eher weniger als Interpret jener Musikepoche, die es in Stolpe zu bewundern galt: der späten Renaissance, des Frühbarock, des beginnenden Generalbasszeitalters (um 1600) sowie der Etablierung des begleiteten (ausdrucksvollen!) Sologesangs (Oper!). Für viele Besucher möglicherweise unbekanntes musikalisches Terrain und sicher auch ein anderer, bislang wenig oder gar unbekannter Villazón!

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2026/09/4-Stolpe----Geert-Maciejewski.jpg)

Stolpe, R. Villazon © Geert Maciejewski

Und tatsächlich, wenn auch nicht unbekannt geblieben ist, dass sich der in Mexiko geborene Meistertenor in den letzten Jahren intensiv mit Händel befasst hat und dann noch die Zeit davor in den Blick nahm, so durfte man doch sehr gespannt sein, ihn live und ausgiebig mit eben dieser Musik zu erleben.

Und das war dann auch die richtige Bezeichnung: erleben. Denn der Meister in der Gestaltung großer Gefühle beließ es nicht beim bloßen Singen. Es ging ihm sichtlich - und sängerisch höchst intensiv ausgelebt – um die Wiedergabe einer Musik, die im Entdecken und dem Gebrauch seinerzeit völlig neuer Wort-Ton-Beziehungen und damit neu erschlossener Möglichkeiten hochdramatischer Gestaltung Musikgeschichte schrieb.

Es ist eigentlich kein Wunder, dass ein Sänger, dem musikalisches Gestalten in den Genen zu liegen scheint, geradezu zwangsläufig auf diese frühe dramatische Kunst stoßen muss. Villazón jedenfalls hat sie für sich entdeckt, sich in und mit ihr auf spezifische Weise eng verbunden und kann sie längst souverän und – was wichtig ist – stilsicher präsentieren. Dies in Zusammenarbeit mit professionellen instrumentalen Ensembles für Alte Musik, von denen die lautten compagnay BERLIN zu den ältesten und bekanntesten zählt.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2026/09/5-Stolpe----Geert-Maciejewski.jpg)

Stolpe, lautten compagney BERLIN © Geert Maciejewski

Auf solcher Grundlage lässt sich gut singen und gestalten. Villazón ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass ihm die gewählte Literatur ganz persönlich liegt, dass sie seinen Intentionen einer dramatischen, seelenvollen Ausdruckskunst voll und ganz entspricht. Und so hatten sich er und das Ensemble nicht ohne Grund einem charakteristischen Thema verpflichtet: Seelenreise!

Unmöglich, hier alle Stationen dieser Reise mit wünschenswerter Ausführlichkeit zu benennen. Die Geburtsdaten aller beteiligten Komponisten liegen zwischen1532 und 1597 und verteilen sich auf italienische wie deutsche Meister; ungeachtet der Tatsache, das sie alle – sowohl vokal wie instrumental - in etwa die gleiche „Nuove Musiche“, also die neue musikalische Sprache sprechen. Monteverdi nannte seine neue Art des Komponierens „seconda pratica“ und grenzte sich damit von der alten (vokalen) madrigalischen Vielstimmigkeit („prima pratica“) ab.

Was mit dem Programm umfänglich und ungemein vielfältig zu beweisen war. Dafür sprachen die klangvollen Namen eines Monteverdi, Viadana, Caccini, Gabrieli, Rossi, Obizzi, Schütz und Scheidt; und das rein instrumental wie vokal-instrumental und in verschiedenen Gattungen und Formen. Der Möglichkeiten, sich auf diesem weiten Feld gestalterischen Neulands zu tummeln, gab es also viele. Und die hat man genutzt! Allen voran Rolando Villazón, der in mehr als zwei Stunden reiner Aktionszeit enorme stimmliche Präsenz demonstrierte. Sage keiner, Partien, etwa in Monteverdis „*Orfeo“*, in seinen M*adrigali, Scherzi musicali* oder *Arias*, in Caccinis berühmtem *Amarilli, mia bella,* dem *Lamento* Rossis oder den *Madrigali et Aria a voce sola* von Obizzi forderten nicht ständig ganze 100%. Der stimmliche Einsatz ist in seiner Andersartigkeit enorm, die Tongebung in vielerlei Schattierungen und hinsichtlich „farblicher“ Wandlungsfähigkeit nicht minder. Von spezieller Stilistik bezüglich Verzierungen, hervorgehobener Artikulation und ausgeprägter Deklamatorik ganz zu schweigen. Und: Ohne auch optisch sichtbare Empathie, eine textlich begründete, zwischen Liebe und Tod, Glück und Verzweiflung auch seelisch Abgründiges berührende Körpersprache funktioniert da nichts. Villazón ist auch hier ganz Dramatiker, Theatermensch, ganz leidenschaftlicher, überaus glaubhafter Vermittler sehr menschlicher Botschaften und aufwühlender Gefühle. Die Lyrikerin Eva Strittmatter hat in enem Gedicht formuliert, dass einer, der singt, dies mit allen Körperzellen tun, ja sich „verschleudern“ müsse. „Es muss so sein, als hätte er für dieses Lied gelebt. Für diesen Augenblick, in dem er singt.“ An diesem Abend konnten einem solche Zeilen schon als passend einfallen. Geltend für einen Gesangsstil, für den Monteverdi den Begriff des „stile concitato“, des „aufregenden Stils“ geprägt hat. Villazón gelingt es auch, den Tönen, den Phrasen, nicht zuletzt den vielen deklamatorischen Passagen geradezu Räumlichkeit zu verleihen, eine Wirkmächtigkeit von größter Direktheit bei Vermeidung jeglicher äußerlichen Pathetik. Zudem lebt seine Gestaltungsfähigkeit von spannungsvoller Stringenz und letztlich von der Stimmigkeit dessen, was er glaubwürdig über die sprichwörtliche Rampe zu bringen in der Lage ist. Und das ist viel! So viel, dass es über eine lange Zeit den Riesenraum einer Scheune in atemlose Stille und Spannung zu versetzen vermag.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2026/09/3-Stolpe----Geert-Maciejewski-1.jpg)

Stolpe, lautten compagney BERLIN - R. Villazon © Geert Maciejewski

Das aber ist nicht sein Verdienst allein. Der neue Musikstil um 1600 hat auch für den instrumentalen Teil weitreichende Veränderungen zur Folge. Und gefühlvoll Leidenschaftliches, ja Dramatisches würde ohne die neu eroberten harmonischen Möglichkeiten verpuffen. Auch Instrumentales beginnt autark zu werden, zu „reden“, sich zur „Klangsprache“ zu entwickeln und damit dem Sänger und seinen „Botschaften“ unentbehrlich zu sein. Da ist eine lautten compagney BERLIN, die für makellose stilistische Authentizität, für eine historisch informierte Aufführungspraxis steht, unabdingbar wichtig. Als Partner des Solisten, als im rein Intrumentalen von besonderer Attraktivität (Monteverdi, Schütz, Scheidt), im Bewegten, Tänzerischen und bisweilen aufregend Draufgängerischen. Ein vom dreizehnköpfigen Ensemble hinreißend realisiertes Kompendium differenziertester Klangfarben und Klangcharaktere, inspirierend, begeisternd.

Am Schluss natürlich Zugaben, ein sich auch verbal äußernder, geradezu euphorisierter Villazón, der diesen sicher auch für ihn künstlerisch gewichtigen Abend im idyllisch abgelegenen Stolpe am „Amazonas des Nordens“ (Peene!) wohl auch im Gedächtnis behalten wird